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Full text of "Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Volkswohlstandes"

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University  of  Toronto 


http://www.archive.org/details/untersuchungbe1v2smit 


Bibliothek 


der 


Volkswirtschaftslehre 


und 


Gesellschaftswissenschaft. 

Begründet  von  F.  Stöpel. 

Fortgeführt 
von 

Robert  Prager. 
III. 


BERLIN 

VERLAG  VON  R.  L.  PRAGER 

1905. 


Adam  Smith 

Untersuchung 

über 

das  Wesen  und  die  Ursachen 

des 

Volkswohlstandes. 

Aus  dem  Englischen  übertragen 

von 

F.  Stöpel. 


Zweite  Auflage  durchgesehen  und  verbessert 

von 

Robert  Prager. 

Erster  Band.   —    X'    BK' 


BERLIN 

VERLAG  VON  R.  L.  PRAGER 

1905. 


HB, 


A.dam  Smith,  geb.  am  5.  Juni  1723  zu  Kirkaldy  in  Schott- 
land, gest.  zu  Edinburg  im  Jahre  1790,  kam  vierzehnjährig  auf 
die  Universität  Glasgow,  drei  Jalu-e  später  nach  Oxford.  Seine 
Mutter  —  der  Vater  war  schon  vor  der  Geburt  Adams  gestorben 
—  hatte  ihn  zum  Geistlichen  bestimmt,  doch  beschäftigte  er  sich 
bereits  auf  der  Universität  mit  ganz  anderen  als  theologischen 
Studien  und  kehlte  nach  siebenjährigem  Aufenthalt  in  Oxford 
1747  nach  Schottland  zurück,  um  lediglich  den  Wissenschaften 
zu  leben.  17-48  wandte  er  sich  nach  Edinburg  und  hielt  dort 
einige  Jahre  hindurch  Vorlesungen  über  Rhetorik  und  schöne 
Wissenschaften.  Hier  wurde  er  mit  Hume,  dessen  philosophische 
und  ökonomische  Werke  großen  Einfluß  auf  ihn  übten,  per- 
sönlich bekannt.  1751  wurde  er  Professor  der  Logik,  1752  Pro- 
fessor der  Moralphilosophie  in  Glasgow.  1759  erschien  seine 
„Theoi'ie  der  sittlichen  Empfindungen",  worin  er  nachzuweisen 
sucht,  daß  alle  Moral  ihre  Grundlage  in  der  Sympathie  habe. 
Einige  Jahre  später  legte  er  seine  Professur  nieder,  um  den 
jungen  Herzog  von  Buccleugh  auf  Reisen  zu  begleiten  (1764 — 66). 
Nach  längerem  Aufenthalt  im  südlichen  Frankreich  verweilte  er 
mit  seinem.  Zögling  von  Weihnachten  1765  bis  zum  Oktober  1766 
in  Paris,  wo  er  mit  Tui-got,  Quesnay,  Necker  und  anderen  aus- 
gezeichneten Männern  bekannt  wurde.  Nach  der  Rückkehr  in 
sein  Vaterland  ging  Smith  wieder  nach  Kirkaldy,  wo  er  die 
nächsten  zehn  Jahre  lediglich  mit  Ausarbeitung  seines  epoche- 
machenden Werkes  über  den  Volkswohlstand  beschäftigt  war. 
Dieses  Werk  erschien  im  Jahi-e  1776.  Einige  Jahre  darauf  erhielt 
er  auf  Verwendung  des  Herzogs  von  Buccleugh  die  Stellung 
eines  Zollkommissärs  für  Schottland,  und  lebte  als  solcher  in 
Edinburg,  ohne  für  die  Wissenschaft  noch  Erhebliches  zu  leisten. 
Einige  kleinere  Abhandlungen  wurden  nach  seinem  Tode  ver- 
öffentlicht ;  den  größten  Teil  seiner  Handschriften  aber  ver- 
brannte Smith  einige  Tage  vor  seinem  Tode  selbst.  —  Die  erste 


VI 

Ausgabe  des  „Volkswohlstandes"  wurde  Ende  des  Jahres  1775 
und  anfangs  des  folgenden  Jahres  gedruckt.  So  oft  daher  vom 
„gegenwärtigen"  Zustande  der  Dinge  die  Rede  ist,  hat  man 
diese  oder  eine  etwas  frühere  Zeit  darunter  zu  verstehen.  In 
der  dritten  Ausgabe  sind  verschiedene  Zusätze  gemacht,  nament- 
lich zu  dem  Kapitel  über  Rückzölle  und  Ausfuhrprämien ;  ferner 
ist  ein  neues  Kapitel  „über  das  Merkantilsystem"  und  zum 
Kapitel  „über  die  Staatsausgaben"  ein  neuer  Abschnitt  hinzu- 
gekommen. So  oft  in  diesen  Zusätzen  von  dem  „gegenwärtigen" 
Zustande  der  Dinge  gesprochen  wird,  ist  das  Jahr  1783  und  der 
Anfang;  des  Jahres  1781  darunter  zu  verstehen. 


Inhalt  des  ersten  Bandes. 

Seite 
Einleitung-  und  Plan  des  Werks 1 

Erstes  Buch. 

Von  den  Ursachen  der  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der 
Arbeit  und  von  den  Regeln,  nach  welchen  ihr  Ertrag 
sich  naturgemäß  unter  die  verschiedenen  Volksklassen 
verteilt. 

Erstes  Kapitel. 

Teilung  der  Arbeit 6 

Zweites  Kapitel. 

Über  den  Trieb,  der  die  'l'eilung  der  Arbeit  veranlaßt    .     .     18 

Drittes  Kapitel. 

Die  Teilung  der  Arbeit  hat  ihre  Schranken  an  der  Aus- 
dehnung des  Marktes 24 

Viertes  Kapitel. 
Vom  Ursprung  und  Gebrauch  des  Geldes 31 

Fünftes  Kapitel. 

Vom  wahren  und  nominellen  Preise  der  Waren  oder  von 

ihi'em  Preise  in  Arbeit  und  ihrem  Preise  in  Geld     .     .     41 

Sechstes  Kapitel. 

Die  Bestandteile  des  Warenpreises 65 

Siebentes  Kapitel. 

Der  natürliche  Preis  und  der  Marktpreis  der  Waren  ...     76 
Achtes  Kapitel. 

Der  Arbeitslohn 89 

Neuntes  Kapitel. 
Der  Kapitalgewinn 122 

Zehntes  Kapitel. 

Lohn  und  Gewinn  in  den  verschiedenen  Verwendungen  der 

Arbeit  und  des  Kapitals 137 

Erste  Abteilung. 

Verschiedenheiten,  die  aus   der  Natur  der  Verwendungen 

selbst  entspringen 138 


VIII 

Zweite  Abteilung.  Seite 
Ungleichheiten,  welche  durch  die   europäische  Wirtschafts- 
politik veranlaßt  sind 165 

Elftes  Kapitel. 

Die  Grundrente , 201 

Erste  Abteilung. 
Bodenerzeugnisse,  die  immer  eine  Rente  abwerfen      .     .     .  20-1 

Zweite  Abteilung. 
Bodenerzeugnisse,  die  zuweilen  Rente  geben,  zuweilen  nicht  225 

Dritte  Abteilung. 
Die  Vei"änderungen  in  dem  Verhältnis  zwischen  dem  Werte 
derjenigen  Art  von  Produkten,  welche  immer  eine  Rente 
bringen,  und  dem  Werte  derer,  die  zuweilen  eine  Rente 

gewähren  und  zuweilen  keine 245 

Abschweifung,   über    die    Schwankungen    des    Silberwertes 
während  der  letzten  vier  Jahrhunderte. 

Erste  Periode 247 

Zweite  Periode 266 

Dritte  Periode 268 

Veränderungen  in  dem  Wertverhältnis  zwischen  Gold  und 

Silber 291 

Gründe  für  die  Vermutung,  daß  der  Wert  des  Silbers  noch 

immer  sinkt 298 

Verschiedene  Wirkungen    des  Fortschritts    der  Kultur    auf 

drei  verschiedene  Arten  von  Rohprodukten       ....  299 

Erste  Art 300 

Zweite  Art ,     ...  302 

Dritte  Art 316 

Ergebnis    der  Abschweifung    über   die  Wertveränderungen 

des  Silbers 328 

Wirkungen    der   Kulturfortschritte    auf   den  Sachpreis    der 

Industrieerzeugnisse 336 

Schluß  des  Kapitels 342 

Die  Weizenpreise  in  England  nach  Fleetwood 347 


Untersuchung 

über 

das  Wesen  und  die  Ursachen 

des 

Volkswohlstandes. 


Einleitung  und  Plan  des  Werkes. 

Die  jährliche  Arbeit  eines  jeden  Volkes  ist  der 
Fonds,  welcher  es  ursprünglich  mit  allen  Bedürf- 
nissen und  Annehmlichkeiten  des  Lebens  versorgt,  die 
es  jährlich  verbraucht,  und  die  immer  entweder  in 
dem  unmittelbaren  Erzeugnis  dieser  Arbeit  oder  in 
demjenigen  bestehen,  was  für  dieses  Erzeugnis  von 
anderen  Völkern  gekauft  wird. 

Je  nachdem  daher  dieses  Erzeugnis,  oder  das,  was 
mit  ihm  gekauft  wird,  in  einem  größeren  oder  kleineren 
Verhältnis  zu  der  Zahl  derjenigen  steht,  welche  es 
verbrauchen  wollen,  wird  auch  das  Volk  mit  allen  Be- 
dürfnissen und  Annehmlichkeiten  besser  oder  schlechter 
versorgt  sein. 

Adam  Smitti,  Volkswohistaad.  I.  1 


2  Einleitung. 

Dieses  Verhältnis  muß  aber  bei  jedem  Volke  durch 
zwei  verschiedene  Umstände  bestimmt  werden;  erstens 
durch  die  Geschicklichkeit,  Fertigkeit  und  Einsicht,  mit 
der  seine  Arbeit  im  Allgemeinen  verrichtet  wird;  und 
zweitens  durch  das  Verhältnis  zwischen  der  Anzahl 
derer,  die  einer  nützlichen  Arbeit  obliegen  und  derer, 
die  dies  nicht  tun.  Wie  auch  immer  der  Boden, 
das  Klima  oder  der  Gebietsumfang  eines  bestimmten 
Volkes  beschaffen  sein  mag,  der  Überfluß  oder  die 
Unzulänglichkeit  seines  jährlichen  Vorrats  muß  in 
dieser  bestimmten  Lage  von  jenen  beiden  Umständen 
abhängen . 

Der  Überfluß  oder  die  Unzulänglichkeit  dieses 
Vorrats  scheint  übrigens  mehr  von  dem  ersten  Um- 
stände abzuhängen,  als  von  dem  zweiten.  Unter  den 
wilden  Fischer-  und  Jägervülkern  ist  jedes  arbeits- 
fähige Individuum  mehr  oder  weniger  mit  nützlicher 
Ai'beit  beschäftigt  und  sucht  nach  Kräften  die  Bedürf- 
nisse und  Annehmlichkeiten  des  Lebens  für  sich  selbst 
oder  für  solche  Glieder  seiner  Familie  oder  seines  Stam- 
mes herbeizuschaffen,  die  zu  alt,  zu  jung  oderzu  schwach 
sind,  um  auf  die  Jagd  und  den  Fischfang  auszugehen. 
Solche  Völkerschaften  sind  jedoch  so  jämmerlich  arm, 
daß  sie  aus  bloßem  Mangel  häufig  gezwungen  sind  oder 
sich  wenigstens  für  gezwungen  halten,  ihre  Kinder, 
ihre  Alten  und  die  mit  langwierigen  Krankheiten  Be- 
hafteten entweder  umzubringen  oder  auszusetzen  und 
dem  Hungertode  oder  den  wilden  Tieren  preiszugeben. 
Unter  gesitteten  und  blühenden  Völkern  hingegen  ist, 
obwohl  oft  eine  große  Menge  Menschen  gar  nicht  ai-- 
beiten  und  viele  von  ihnen  das  Produkt  von  zehn,  ja 
hundert  Mal  mehr  Arbeit  verbrauchen,  als  der  größere 
Teil  der  Arbeitenden,  dennoch  das  Produkt  der  gesam- 
ten Arbeit  der  Gesellschaft  so  groß,  daß  Alle  oft  reich- 
lich  versorgt  sind  und  ein  Arbeiter,  selbst  der  niedrig- 


Einleitung.  3 

sten  und  ärmsten  Klasse,  wenn  er  mäßig  und  fleißig 
ist,  sich  eines  größeren  Anteils  an  den  Bedürfnissen 
und  den  Annehmlichkeiten  des  Lebens  erfreuen  kann, 
als  ein   Wilder   sich  je  zu  verschaffen  imstande  wäre. 

Die  Ursache  dieser  Zunahme  in  den  produktiven 
Kräften  der  Arbeit  und  die  Ordnung,  nach  welcher  ihr 
Erzeugnis  sich  naturgemäß  unter  die  verschiedenen 
Stände  und  Klassen  der  Gesellschaft  verteilt,  macht  den 
Gegenstand  des  ersten  Buches  dieser  Untersuchung  aus. 

"Welches  auch  der  wirkliche  Zustand  der  Geschick- 
lichkeit, Fertigkeit  und  Einsicht  ist,  womit  die  Arbeit 
in  einem  Volke  verrichtet  wird,  der  Überfluß  oder  die 
Unzulänglichkeit  seines  jährlichen  Vorrats  muß  wäh- 
rend der  Dauer  dieses  Zustandes  von  dem  Verhältnisse 
abhängen,  in  welchem  die  Zahl  derer,  die  das  Jahr  hin- 
durch mit  nützlicher  Arbeit  beschäftigt  sind,  zur  Zahl 
derjenigen  steht,  welche  es  nicht  sind.  Die  Zahl  der 
nützlichen  und  produktiven  Arbeiter  steht,  wie  sich 
später  zeigen  wird,  überall  im  Verhältnis  zu  der  Menge 
des  Kapitalvorrats,  welcher  dazu  verwendet  wird,  sie  zu 
beschäftigen,  und  zu  der  besondern  Art,  in  welcher  es 
dazu  verwendet  wird.  Das  zweite  Buch  handelt  daher 
von  der  Natur  des  Kapitals,  von  der  Art,  wie  es  sich 
allmählich  anhäuft,  und  von  den  verschiedenen  Mengen 
der  Arbeit,  welche  es  je  nach  der  verschiedenen  Weise 
seiner  Anwendung  in  Bewegung  setzt. 

Völker,  die  es  in  der  Geschicklichkeit,  Fertigkeit 
und  Einsicht  bei  Verrichtung  der  Arbeit  ziemlich  weit 
gebracht  haben,  folgten  sehr  verschiedenen  Plänen  in 
ihrer  allgemeinen  Leitung  oder  Richtung;  und  diese 
Pläne  sind  nicht  alle  der  Größe  des  Arbeitserzeug- 
nisses gleich  günstig  gewesen.  Die  Politik  mancher 
Völker  begünstigte  vorzüglich  den  Ackerbau,  die  ande- 
rer den  städtischen  Gewerbfleiß.  Kaum  irgend  ein  Volk 
hat  jede  Art  des  Gewerbfleißes  gleich  und  unparteiisch 


4  Einleitung. 

behandelt.  Seit  dem  Untergang  des  römischen  Reiches 
ist  die  Politik  in  Europa  den  Künsten,  den  Gewerben 
und  dem  Handel  —  der  Industrie  der  Städte  —  günsti- 
ger gewesen,  als  der  Agrikultur  —  der  Industrie  des 
platten  Landes.  Die  Umstände,  welche  diese  Politik 
eingeführt  und  befestigt  zu  haben  scheinen,  sind  im 
dritten  Bache  auseinander  gesetzt. 

Obgleich  diese  verschiedenen  Pläne  vielleicht  zuerst 
durch  die  privaten  Interessen  und  Vorurteile  einzelner 
Stände,  ohne  Rücksicht  und  Voraussicht  der  Folgen, 
welche  sie  für  die  allgemeine  Wohlfahrt  der  Gesellschaft 
haben  mußten,  zur  Geltung  kamen,  so  haben  sie  doch 
zu  sehr  verschiedenen  Theorien  der  politischen  Ökono- 
mie, von  denen  die  einen  die  Wichtigkeit  der  städtischen, 
die  anderen  die  der  ländlichen  Industrie  preisen,  Ver- 
anlassung gegeben.  Diese  Theorien  haben  nicht  bloß 
auf  die  Meinungen  der  Gelehrten,  sondern  auch  auf  die 
Maßregeln  der  Fürsten  und  Staaten  einen  beträchtlichen 
Einfluß  geübt.  Ich  habe  mich  im  vierten  Buche  be- 
müht, diese  verschiedenen  Theorien  und  die  hauptsäch- 
lichsten Wirkungen,  die  sie  in  verschiedenen  Zeiten  und 
bei  verschiedenen  Nationen  geäuiiert  haben,  so  voll- 
ständig und  klar,  als  ich  es  vermag,  auseinanderzusetzen. 

Zu  erörtern,  worin  das  Einkommen  der  großen 
Masse  des  Volkes,  oder  jene  Fonds  bestanden,  welche  zu 
verschiedenen  Zeiten  und  unter  verschiedenen  Völkern 
ihnen  den  jährlichen  Bedarf  lieferten,  ist  der  Gegenstand 
der  vier  ersten  Bücher.  Das  fünfte  und  letzte  Buch 
handelt  von  dem  Einkommen  des  Souveräns  oder  des 
Gemeinwesens.  In  diesem  Buche  habe  ich  mich  bemüht, 
zu  zeigen,  erstens,  welches  die  notwendigen  Ausgaben 
des  Souveräns  oder  Gemeinwesens  sind;  welche  dieser 
Ausgaben  durch  allgemeine  Beisteuern  der  ganzen  Ge- 
sellschaft bestritten,  und  welche  nur  von  einem  einzel- 
nen   Teile    oder    von    einigen    ihrer   Glieder    getragen 


Einleitun.o-.  5 

werden  sollten;  zweitens,  nach  welchen  verschiedenen 
Methoden  die  ganze  Gesellschaft  zur  Bestreitung  der 
ihr  obliegenden  Ausgaben  herangezogen  werden  kann, 
und  welche  hauptsächlichen  Vorteile  und  Nachteile  jede 
dieser  Methoden  hat;  drittens  endlich,  welche  Gründe 
und  Ursachen  fast  alle  neueren  Regierungen  veranlaßt 
haben,  einen  Teil  dieses  Einkommens  zu  verpfänden 
oder  Schulden  zu  kontrahieren,  und  welche  Wirkung 
diese  Schulden  auf  den  wahren  Wohlstand:  den  jähr- 
lichen Ertrag  des  Bodens  und  der  Arbeit  der  Gesell- 
schaft, gehabt  haben. 


Erstes  Buch. 

Von  den  Ursachen  der  Zunahme  in  der  Ertrags- 
kraft  der   Arbeit   und   von    den    Regeln,    nach 
welchen  ihr  Ertrag  sich  naturgemäss  unter  die 
verschiedenen  Volksklassen  verteilt. 


Erstes   Kapitel. 
Teilung  der  Arbeit. 

Die  größte  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der 
Arbeit  und  der  größere  Teil  der  Geschicklichkeit, 
Fertigkeit  und  Einsicht,  womit  sie  irgendwo  geleitet 
oder  verrichtet  wird,  scheint  aus  den  Wirkungen  der 
Arbeitsteilung  hervorgegangen  zu  sein. 

Die  Wirkungen  der  Arbeitsteilung  in  der  allge« 
meinen  Tätigkeit  der  Gesellschaft  werden  leichter  zu 
verstehen  sein,  wenn  man  beachtet,  in  welcher  Weise 
sie  in  einigen  besonderen  Gewerben  wirkt.  Man  nimmt 
gewöhnlich  an,  daß  sie  in  gewissen  sehr  unbedeutenden 
Gewerben  am  weitesten  getrieben  sei;  und  vielleicht 
wird  sie  in  diesen  wirklich  weiter  getrieben,  als  in  anderen 
von  größerem  Belang;  aber  in  den  unbedeutenderen  Ge- 
werben, welche  die  wenig  umfangreichen  Bedürfnisse 
einer  nur  geringen  Menschenzahl  zu  versorgen  haben, 
muß  die  Zahl  der  Arbeiter  notwendig  gering  sein;  und 
die  in  den  verschiedenen  Zweigen  der  Arbeit  Be- 
schäftigten   können    oft    in    derselben    Werkstatt    bei- 


Kap.  1. :  Teilung  der  Arbeit.  7 

sammen  sein  und  sämtlich  von  einem  Beobachter  mit 
einem  BHck  übersehen  werden.  In  den  großen  Fabriken 
dagegen,  welche  die  wichtigsten  Bedürfnisse  des  ganzen 
Volks  zu  beschaffen  haben,  beschäftigt  jeder  einzelne 
Arbeitszweig  eine  so  große  Zahl  von  Arbeitern,  daß 
es  unmöglich  ist,  sie  alle  in  derselben  Werkstatt  zu 
versammeln.  Man  sieht  da  selten  zu  gleicher  Zeit 
mehr  als  diejenigen,  welche  in  einem  einzelnen  Zweige 
tätig  sind.  Obgleich  daher  in  solchen  Fabriken  die 
Arbeit  in  der  Tat  in  viel  mehr  Abteilungen  zerfallen 
kann,  als  in  Gewerben  geringfügigerer  Art,  so  ist  die 
Teilung  doch  nicht  entfernt  so  augenfällig  und  deshalb 
auch  weit  weniger  beobachtet  worden. 

Nehmen  wir  also  ein  Beispiel  von  einem  sehr  unbe- 
deutenden Betriebe,  der  jedoch  sehr  oft  wegen  der 
darin  herrschenden  Teilung  der  Arbeit  angeführt  wor- 
den, nämlich  von  dem  Geschäfte  des  Nadlers,  so  könnte 
ein  für  dieses  Geschäft,  aus  dem  die  Teilung  der  Arbeit 
ein  eigenes  Gewerbe  gemacht  hat,  nicht  angelernter 
Arbeiter,  der  mit  dem  Gebrauch  der  dazu  verwendeten 
Maschinen,  zu  deren  Erfindung  wahrscheinlich  erst  die 
Teilung  der  Arbeit  Veranlassung  gegeben  hat,  nicht 
vertraut  wäre,  vielleicht  mit  dem  äußersten  Fleiße  täg- 
lich kaum  eine,  gewiß  aber  keine  zwanzig  Nadeln 
machen.  In  der  Art  aber,  wie  dies  Geschäft  jetzt  be- 
trieben wird,  ist  nicht  allein  die  ganze  Verrichtung  ein 
eigenes  Gewerbe,  sondern  es  ist  noch  in  eine  Anzahl 
von  Zweigen  eingeteilt,  von  denen  die  meisten  ebenfalls 
eigene  Gewerbe  sind.  Ein  Mann  zieht  den  Draht,  ein 
Anderer  streckt  ihn,  ein  Dritter  schneidet  ihn  in  Stücke, 
ein  Vierter  spitzt  ihn  zu,  ein  Fünfter  schleift  ihn  am 
oberen  Ende,  wo  der  Kopf  angesetzt  wird ;  die  Ver- 
fertigung des  Kopfes  erfordert  zwei  oder  drei  ver- 
schiedene Verrichtungen ;  sein  Ansetzen  ist  ein  eigenes 
Geschäft,  die  Nadeln  weiß  zu  glühen  ein  anderes;  sogar 


8      Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

das  Einstecken  der  Nadeln  in  Papier  bildet  eine  Arbeit 
für  sich.  Und  so  ist  das  wichtige  Gewerbe,  Stecknadeln 
zu  machen,  in  ungefähr  achtzehn  verschiedene  Tätig- 
keiten geteilt,  die  in  manchen  Fabriken  alle  von  ver- 
schiedenen Händen  verrichtet  werden,  während  in 
andern  manchmal  derselbe  Mann  zwei  oder  drei  ver- 
richtet. Ich  habe  eine  kleine  Fabrik  dieser  Art  ge- 
sehen, in  der  nur  zehn  Menschen  beschäftigt  waren 
und  manche  daher  zwei  oder  drei  verschiedene  Verrich- 
tungen zu  erfüllen  hatten.  Obgleich  nun  diese  Leute 
sehr  arm  und  darum  nur  notdürftig  mit  den  erforder- 
lichen Maschinen  versehen  waren,  so  konnten  sie  doch, 
wenn  sie  tüchtig  arbeiteten,  zusammen  etwa  zwölf 
Pfund  Stecknadeln  täglich  liefern.  Ein  Pfund  enthält 
über  viertausend  Nadeln  von  mittlerer  Größe.  Jene 
zehn  Personen  konnten  mithin  zusammen  täglich  über 
acht  und  vierzig  Tausend  Nadeln  machen.  Jeder  Ein- 
zelne kann  daher,  da  er  den  zehnten  Teil  von  acht 
und  vierzig  Tausend  Nadeln  machte,  als  Verfertiger 
von  vier  Tausend  acht  Hundert  Nadeln  an  einem  Tage 
angesehen  werden.  Hätten  sie  jedoch  alle  einzeln 
und  unabhängig  von  einander  gearbeitet  und  wäre 
keiner  für  sein  besonderes  Geschäft  angelernt  worden, 
so  hätte  gewiß  keiner  zwanzig,  vielleicht  nicht  Eine 
Nadel  täglich  machen  können,  d.  h.  nicht  den  zwei- 
hundertvierzigsten, vielleicht  nicht  den  viertausend 
achthundertsten  Teil  von  dem,  was  sie  jetzt  infolge 
einer  geeigneten  Teilung  und  Verbindung  ihrer  ver- 
schiedenen Verrichtungen  zu  leisten  imstande  sind. 

In  jeder  andern  Kunst  und  jedem  anderen  Ge- 
werbe sind  die  Wirkungen  der  Arbeitsteilung  ähnliche, 
wie  in  diesem  sehr  unbedeutenden  Geschäft;  obgleich 
in  vielen  von  ihnen  die  Arbeit  weder  in  so  viele  Unter- 
abteilungen zerlegt,  noch  auf  eine  so  große  Einfachheit 
in  der  Verrichtung  zurückgeführt  werden  kann,  so  ver- 


Kap.  I.:  Teilung  der  x\rbeit.  y 

anlaßt  doch  die  Arbeitsteilung  in  jedem  Grewerbe  eine 
dem  Maße  ihrer  Durchführbarkeit  entsprechende  Steige- 
rung der  Ertragskraft  der  Arbeit.  Die  Trennung  der 
verschiedenen  Gewerbe  und  Beschäftigungen  scheint  in- 
folge dieses  Vorteils  Platz  gegriffen  zu  liaben.  Auch 
geht  diese  Trennung  gewöhnlich  in  denjenigen  Ländern 
am  weitesten,  welche  sich  der  höchsten  Entwickelung 
der  Industrie  und  Kultur  erfreuen;  was  in  einem  rohen 
Gesellschaftszustande  das  Werk  eines  einzigen  Menschen 
ist,  pflegt  in  einem  vorgeschrittenen  dasjenige  Mehrerer 
zu  sein.  In  jeder  vorgeschrittenen  Gesellschaft  ist  der 
Landmann  gewöhnlich  nichts  als  Landmann,  der  Hand- 
werker nichts  als  Handwerker.  Auch  die  Arbeit,  die 
zur  Herstellung  irgend  eines  vollständigen  Fabrikats 
nötig  ist,  wird  fast  immer  unter  eine  Menge  von  Hän- 
den verteilt.  Wie  viele  verschiedene  Gewerbe  sind  in 
•jedem  Zweige  der  Leinen-  und  Wollen-Manufaktur  be- 
schäftigt, von  den  Flachs-  und  Wollzüchtern  bis  zu  den 
Bleichern  und  Mangern  der  Leinwand  oder  zu  den 
Färbern  und  Appreteuren  des  Tuches !  Die  Natur  der 
Landwirtschaft  läßt  nicht  so  viele  Unterabteilungen 
der  Arbeit  noch  eine  so  vollständige  Trennung  eines 
Geschäftes  vom  andern  zu,  als  die  Gewerbe.  Es  ist 
unmöglich,  das  Geschäft  des  Viehzüchters  von  dem  des 
Kornbauers  so  gänzlich  zu  trennen,  wie  das  Gewerbe 
des  Zimmermanns  von  dem  des  Schmiedes  gewöhnlich 
getrennt  ist.  Der  Spinner  ist  fast  immer  eine  vom 
Weber  verschiedene  Person ;  aber  der  Pflüger,  der  Egger, 
der  Sämann  und  der  Schnitter  sind  oft  ein  und  dieselbe. 
Da  die  Anlässe  zu  diesen  verschiedenen  Arten  der  Arbeit 
mit  den  verschiedenen  Jahreszeiten  wiederkehren,  so 
ist  es  unmöglich,  daß  ein  Mann  fortwährend  mit  einer 
von  ihnen  beschäftigt  sein  kann.  Diese  Unmöglichkeit 
einer  so  gänzlichen  Trennung  aller  in  der  Landwirtschaft 
vorkommenden  Arbeitszwoige  ist  vielleicht  der  Grund, 


10    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Eitragskraft  der  Arbeit. 

warum  die  Steigerung  der  Erfcragskräfte  der  Arbeit  in 
dieser  Kunst  nicht  immer  mit  ihrer  Steigerung  in  den 
Gewerben  gleichen  Schritt  hält.  Die  reichsten  Nationen 
übertreffen  allerdings  gewöhnlich  alle  ihre  Nachbarn 
sowohl  in  der  Landwirtschaft  wie  in  den  Gewerben; 
allein  sie  sind  in  der  Regel  mehr  durch  ihre  Übeilegen- 
heit  in  den  letzteren,  als  in  der  ersteren  ausgezeichnet. 
Ihre  Ländereien  sind  im  allgemeinen  besser  kultiviert 
und  bringen,  da  mehr  Arbeit  und  Kosten  darauf  ver- 
wendet sind,  im  Verhältniß  zur  Ausdehnung  und  natür- 
lichen Fruchtbarkeit  des  Bodens  mehr  hervor.  Aber 
diese  Überlegenheit  der  Produktion  ist  selten  größer 
als  der  verhältnismäßige  Mehraufwand  an  Arbeit  und 
Kosten.  In  der  Landwirtschaft  ist  die  Arbeit  des  reichen 
Landes  nicht  immer  viel  produktiver,  als  die  des  armen, 
oder  wenigstens  ist  sie  niemals  in  dem  Grade  produk- 
tiver, als  dies  gewöhnlich  bei  den  Gewerben  der  Fall 
ist.  Das  Getreide  des  reichen  Landes  wird  daher  bei 
derselben  Güte  nicht  immer  wohlfeiler  zu  Markte 
kommen  als  das  des  armen.  Das  Getreide  Polens  ist 
bei  derselben  Güte  ebenso  wohlfeil,  als  dasjenige  Frank- 
reichs, trotz  des  höheren  Reichtums  und  der  höheren 
Kultur  letzteren  Landes.  Das  Getreide  Frankreichs 
ist  in  den  Kornprovinzen  ebenso  gut  und  hat  in  den 
meisten  Jahren  beinahe  denselben  Preis,  wie  das  Ge- 
treide Englands,  obgleich  Frankreich  an  Reichtum  und 
Kultur  vielleicht  gegen  England  zurücksteht.  Dennoch 
ist  das  englische  Getreideland  besser  kultiviert,  als 
dasjenige  Frankreichs,  und  das  französische  soll  viel 
besser  kultiviert  sein,  als  dasjenige  Polens.  Obgleich 
aber  das  arme  Land,  trotz  des  niederen  Standes  seiner 
Kultur,  mit  dem  reichen  bis  auf  einen  gewissen  Grad 
in  der  "Wohlfeilheit  und  Güte  seines  Getreides  zu  wett- 
eifern vermag,  so  kann  es  doch  in  seinen  Gewerben 
auf  keine  solche  Konkurrenz  Anspruch  machen,  wenig- 


Kap.  I.:  Teilung  der  Arbeit.  11 

stens  dann  nicht,  wenn  diese  Gewerbe  dem  Boden,  dem 
Klima  und  der  Lage  des  reichen  Landes  angemessen 
sind.  Die  französischen  Seidenwaren  sind  besser  als 
die  englischen,  weil  die  Seidenmanufaktur,  wenigstens 
unter  den  jetzigen  hohen  Zöllen  auf  die  Einfuhr  der 
Rohseide,  für  das  englische  Klima  nicht  so  gut  paßt 
als  für  das  französische.  Aber  die  englischen  Kurz- 
und  groben  "Wollenwaren  sind  ohne  allen  Vergleich 
besser  als  die  französischen,  und  überdies  bei  gleicher 
Güte  viel  ^vohlfeiler.  In  Polen  soll  es  kaum  irgend 
welche  Gewerbe  geben,  ausgenommen  wenige  gröbere 
Hausindustrien,  ohne  die  wohl  kein  Land  bestehen  kann. 

Diese  große  Zunahme  in  der  Produktionsmenge, 
welche  in  Folge  der  Arbeitsteilung  die  nämliche  An- 
zahl von  Leuten  zu  erzielen  vermag,  ist  drei  verschie- 
denen Umständen  zu  danken:  erstens  der  gesteigerten 
Geschicklichkeit  jedes  einzelnen  Arbeiters,  zweitens  der 
Ersparnis  an  Zeit,  welche  gewöhnlich  bei  dem  Über- 
gänge von  einer  Arbeit  zur  andern  verloren  geht,  und 
endlich  der  Erfindung  zahlreicher  Maschinen,  welche 
die  Arbeit  erleichtern  und  abkürzen  und  einen  Mann 
in  Stand  setzen,  die  Arbeit  Vieler   zu  verrichten. 

Erstens  vergrößert  die  gesteigerte  Geschicklichkeit 
des  Arbeiters  notwendig  die  Menge  dessen,  was  er 
hervorbringen  kann ;  und  die  Arbeitsteilung,  indem  sie 
Jedermanns  Geschäft  auf  eine  einfache  Verrichtung 
einschränkt  und  diese  Verrichtung  zur  alleinigen  Be- 
schäftigung seines  Lebens  macht,  steigert  notwendig 
die  Geschicklichkeit  des  Arbeiters  in  hohem  Maße.  Ein 
gewöhnlicher  Schmied,  der,  wenn  er  auch  den  Hammer 
zu  führen  gewohnt  ist,  doch  niemals  Nägel  zu  machen 
pflegte,  wird,  wenn  er  es  in  einem  besonderen  Falle 
versuchen  muß,  sicherlich  kaum  im  Stande  sein^  über 
zwei-  oder  dreihundert  Nägel  des  Tags  zu  verfertigen, 
und  auch  diese  werden  schlecht  genug  sein.  Ein  Schmied, 
der  zwar  Nägel  zu  machen  pflegte,  aber  die  Anfertigung 


12    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

von  Nägeln  nicht  als  alleiniges  oder  hauptsäcliliclies 
Geschäft  betrieb,  kann  bei  äußerstem  Fleiße  selten 
mehr  als  achthundert  bis  tausend  Nägel  in  einem  Tage 
machen.  Dagegen  habe  ich  Burschen  unter  zwanzig 
Jahren  gesehen,  die  nie  etwas  anderes  getan  hatten, 
als  Nägel  zu  machen,  und  die,  wenn  sie  sich  anstrengten, 
je  über  zweitausend  dreihundert  Nägel  an  einem  Tage 
machen  konnten.  Das  Verfertigen  eines  Nagels  ist  je- 
doch keines weges  eine  der  einfachsten  Verrichtungen. 
Ein  und  derselbe  Mensch  bläst  die  Bälge,  schürt  das 
Feuer  oder  legt  gelegentlich  Feuerung  zu,  glüht  das 
Eisen  und  schmiedet  jeden  Teil  des  Nagels:  beim 
Schmieden  des  Kopfes  ist  er  sogar  genötigt,  die  Werk- 
zeuge zu  wechseln.  Die  verschiedenen  Operationen,  in 
welche  die  Verfertigung  einer  Stecknadel  oder  eines 
Metallknopfes  zerfällt,  sind  sämtlich  viel  einfacher,  und 
die  Fertigkeit  desjenigen,  der  sein  ganzes  Leben  kein 
anderes  Geschäft  als  dieses  getrieben  hat,  ist  gewöhn- 
lich weit  größer.  Die  Geschwindigkeit,  mit  welcher 
einige  Tätigkeiten  dieser  Gewerbe  verrichtet  werden, 
übertrifft  Alles,  was  dei'jenige,  der  es  nie  gesehen  hat, 
der  menschlichen  Hand  zugetraut  haben  würde. 

Zweitens  ist  der  Vorteil,  welcher  durch  Ersparung 
der  im  Übergänge  von  einer  Arbeit  zur  andern  gewöhn- 
lich verlorenen  Zeit  gewonnen  wird,  bei  w^ eitern  größer, 
als  wir  es  uns  auf  den  ersten  Blick  denken  mögen.  Es 
ist  unmöglich,  sehr  schnell  von  einer  Art  Arbeit  zur 
andern  überzugehen,  wenn  sie  an  einer  andern  Stelle 
und  mit  ganz  anderen  Werkzeugen  ausgeführt  wird. 
Ein  Weber  auf  dem  Lande,  der  ein  kleines  Gut  be- 
wirtschaftet, muß  ein  gut  Teil  Zeit  damit  verlieren,  dal3 
er  von  seinem  Webstuhl  aufs  Feld  und  vom  Felde  zum 
Webstuhl  geht.  Wenn  die  beiden  Geschäfte  in  derselben 
Werkstätto  betrieben  werden  könnten,  wäre  der  Zeit- 
verlust ohne  Zweifel  weit  geringer;  doch  ist  er  auch  in 
diesem  Falle  sehr  beträchtlich.   In  der  ßegel  schlendert 


Kap.  I.:  Teiluns:  der   Arbeit.  13 

man  ein  wenig,  wenn  man  seine  Hand  von  einer  Art 
der  Beschäftigung  auf  eine  andere  wendet.  Wenn  man 
zuerst  an  die  neue  Arbeit  geht,  ist  man  selten  recht 
rührig  und  herzhaft:  der  Geist  ist,  wie  man  zu  sagen 
pflegt,  noch  nicht  bei  der  Sache,  und  eine  Zeit  lang 
trödelt  man  mehr,  als  daß  man  die  Zeit  zu  Rate  hält. 
Die  Gewohnheit  des  Schlenderns  und  des  gleichgiltigen, 
lässigen  Arbeitens,  welche  natürlicher  oder  vielmehr 
notwendiger  Weise  jeder  Dorfhandwerker  annimmt, 
der  seine  Verrichtungen  und  Werkzeuge  alle  halben 
Stunden  wechseln  und  jeden  Tag  seines  Lebens  seine 
Hände  auf  zwanzigerlei  Art  brauchen  muß,  macht  ihn 
fast  immer  träge  und  lässig  und  jedes  angestrengten 
Fleißes  selbst  in  den  dringendsten  Fällen  unfähig.  Da- 
her muß,  abgesehen  von  seiner  mangelhaften  Fertigkeit, 
schon  dieser  Grund  allein  das  Arbeitsquantum,  das  er 
herzustellen  vermag,  stets  bedeutend  reduzieren. 

Drittens  und  letztens  muß  Jeder  sehen,  wie  sehr 
die  Arbeit  durch  Anwendung  geeigneter  Maschinen  er- 
leichtert und  abgekürzt  wird.  Es  ist  unnötig,  ein  Bei- 
spiel anzuführen.  Ich  will  daher  nur  bemer-ken,  daß 
die  Erfindung  aller  jener  Maschinen,  durch  welche 
die  Arbeit  so  sehr  erleichtert  und  abgekürzt  wird,  ur- 
spi'ünglich,  wie  es  scheint,  der  Teilung  der  Arbeit  zu 
verdanken  ist.  Man  entdeckt  leichtere  und  be(|uemere 
Methoden  zur  Erreichung  eines  Zweckes  viel  eher, 
wenn  die  ganze  Aufmerksamkeit  auf  diesen  einzigen 
Gegenstand  gerichtet  ist,  als  wenn  sie  auf  eine  große 
Mannigfaltigkeit  von  Dingen  zerstreut  wird.  In  Folge 
der  Arbeitsteilung  aber  wird  Jedermanns  ganze  Auf- 
merksamkeit natürlicherweise  auf  einen  sehr  einfachen 
Gegenstand  gerichtet.  Es  ist  daher  selbstverständlich 
zu  erwarten,  daß  Einer  oder  der  Andere  unter  denen, 
welche  je  in  einem  besonderen  Arbeitszweige  beschäf- 
tigt sind,  bald  leichtere  und  bequemere  Methoden,  ihre 


14    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

besondere  Arbeit  zu  verrichten,  wenn  anders  ihre 
Natur  eine  solche  Vervollkommnung  zuläßt,  ausfindig 
machen  werden.  Ein  großer  Teil  der  in  solchen 
Fabriken,  in  denen  die  Arbeit  am  meisten  geteilt  ist, 
im  Gebrauch  befindlichen  Maschinen  waren  ursprüng- 
lich Eifindungen  gemeiner  Arbeitsleute,  die,  bei  irgend 
einer  sehr  einfachen  Tätigkeit  beschäftigt,  natürlich 
ihre  Gedanken  darauf  richteten,  leichtere  und  bequemere 
Methoden  der  Herstellung  zu  ersinnen.  Wer  solche 
Fabriken  viel  zu  besuchen  pflegte,  dem  müssen  oft 
sehr  hübsche  Maschinen  gezeigt  worden  sein,  die  von 
Arbeitern  erfunden  waren,  um  ihren  besonderen  Teil 
der  Arbeit  zu  erleichtern  und  zu  beschleunigen.  Bei 
den  ersten  Dampfmaschinen  war  ein  Knabe  fortwährend 
damit  beschäftigt,  die  Kommunikation  zwischen  dem 
Kessel  und  Zylinder  wechselsweise  zu  öffnen  und  zu 
schließen,  je  nachdem  der  Kolben  hinauf-  oder  hin- 
unterging. Einer  dieser  Knaben,  der  gern  mit  seinen 
Kameraden  spielte,  bemerkte,  daß,  wenn  man  den 
Griff  des  diese  Kommunikation  öffnenden  Ventils 
durch  eine  Schnur  mit  einem  anderen  Teil  der  Ma- 
schine verbände,  „  das  Ventil  sich  ohne  sein  Zutun 
öffnen  und  schließen  und  ihm  Freiheit  lassen  würde, 
sich  mit  seinen  Spielkameraden  zu  unterhalten.  Eine 
der  größten  Vervollkommnungen,  die  an  dieser  Ma- 
schine seit  ihrer  Erfindung  gemacht  wurden,  war  auf 
diese  Weise  die  Entdeckung  eines  Knaben,  der  sich 
die  Arbeit  ersparen  wollte. 

Doch  sind  keineswegs  alle  Vervollkommnungen 
im  Maschinenwesen  Erfindungen  derjenigen  gewesen, 
welche  sich  mit  den  Maschinen  zu  beschäftigen  hatten. 
Viele  Fortschritte  sind  durch  das  Genie  der  Mechaniker 
gemacht  worden,  als  der  Maschinenbau  ein  eigenes  Ge- 
werbe wurde;  und  manche  durch  das  Genie  der  soge- 
nannten Denkei-  oder  Männer   der  Spekulation,    deren 


"Kap.  T. :  Teiluno-  der  Arbeit.  15 

Geschäft  es  ist,  nicht  Etwas  zu  machen,  sondern  Alles 
zu  beobachten,  und  die  deswegen  oft  imstande  sind, 
die  Kräfte  der  entferntesten  und  unähnlichsten  Dinge 
mit  einander  zu  kombinieren.  Mit  dem  Fortschritt  der 
Gesellschaft  wird  das  Denken  oder  Spekulieren  so  gut 
wie  jede  andere  Beschäftigung,  das  hauptsächliche  oder 
einzige  Geschäft  und  Beruf  einer  besonderen  Klasse 
von  Bürgern,  und  zerfällt,  wie  jede  andere  Beschäfti- 
gung, in  eine  große  Anzahl  verschiedener  Zweige, 
deren  jeder  für  eine  besondere  Gruppe  oder  Klasse  von 
Denkern  zum  Beruf  wird;  und  diese  Arbeitsteilung 
steigert  im  Denkgeschäft  so  gut,  wie  in  jedem  anderen 
Berufe,  die  Fertigkeit  und  erspart  Zeit.  Jeder  Einzelne 
wird  dadurch  in  seinem  besonderen  Arbeitszweige  er- 
fahrener, es  wird  im  Ganzen  mehr  ausgerichtet  und 
die  Menge  des  Wissens  ansehnlich  vermehrt. 

Die  große  durch  die  Arbeitsteilung  herbeigeführte 
Vervielfältigung  der  Produkte  aller  verschiedenen 
Künste  ist  es,  die  in  einer  wohlregierten  Gesellschaft 
jene  allgemeine  AVohlhabenheit  hervorbringt,  die  sich 
bis  auf  die  untersten  Stände  des  Volkes  erstreckt.  Jeder 
Arbeiter  hat  eine  große  Menge  seiner  Arbeitsprodukte, 
außer  denen,  die  er  selbst  braucht,  zur  Verfügung; 
und  da  jeder  andere  Arbeiter  sich  genau  in  derselben 
Lage  befindet,  so  ist  er  imstande,  einen  großen  Teil 
seiner  eigenen  Waren  gegen  eine  große  Menge,  oder, 
was  auf  dasselbe  hinauskommt,  für  den  Preis  einer 
großen  Menge  der  ihrigen  auszutauschen.  Er  versorgt 
sie  reichlich  mit  dem,  was  sie  brauchen,  und  sie  ver- 
sehen ihn  ebenso  vollkommen  mit  dem,  dessen  er  be- 
darf, und  ein  allgemeiner  Überfluß  verbreitet  sich  durch 
alle  verschiedenen  Stände  der  Gesellschaft. 

Man  betrachte  die  Habseligkeiten  des  gemeinsten 
Handwerkers  oder  Tagelöhners  in  einem  zivilisierten 
und  blühenden  Lande,  und  man  wird  gewahr  werden, 
daß  die  Zahl  der  Menschen,  von   deren  Fleiß  ein  Teil, 


16    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

wiewohl  nur  ein  kleiner  Teil,  dazu  gebraucht  wurde, 
ihm  diese  Sachen  zu  verschaffen,  alle  Berechnung  über- 
steigt. Der  wollene  Rock  z.  B.,  der  den  Tagelöhner 
bekleidet,  ist,  so  grob  und  gemein  er  auch  aussehen 
mag,  doch  das  Produkt  der  vereinigten  Arbeit  einer 
großen  Menge  von  Arbeitern.  Der  Schäfer,  der  Woll- 
sortierer, der  Wollkämmer  oder  Krempler,  der  Färber, 
der  Schrobbler,  der  Spinner,  der  Weber,  der  Walker, 
der  Appreteur  samt  vielen  anderen,  sie  Alle  müssen 
ihre  verschiedenen  Künste  vereinigen,  um  auch  nur 
dieses  grobe  Produkt  herzustellen.  Wie  viele  Kaufleute 
und  Fuhrleute  mußten  außerdem  mit  dem  Transport 
der  Materialien  von  den  einen  Arbeitern  zu  den  andern, 
die  oft  in  einem  sehr  entfernten  Teile  des  Landes 
wohnen,  beschäftigt  sein!  Wie  viel  Handel  und  Schiff- 
fahrt, insbesondere  wie  viele  Schiffbauer,  Seeleute,  Segel- 
raacher,  Seiler  mußten  tätig  gewesen  sein,  um  die  vom 
Färber  gebrauchten  Drogen,  die  oft  von  den  entlegen- 
sten Enden  der  Welt  kommen,  herbeizuschaffen !  Welch' 
eine  Mannigfaltigkeit  der  Arbeit  ist  ferner  nötig,  um 
die  Werkzeuge  des  geringsten  unter  diesen  Arbeitern 
hervorzubringen!  Um  nichts  zu  sagen  von  so  kom- 
plizierten Maschinen,  wie  ein  Schiff,  eine  Walkmühle 
oder  selbst  ein  Webstuhl  ist,  erwäge  man  nur,  welch' 
mannigfaltige  Arbeit  erforderlich  ist,  um  jene  sehr 
einfache  Maschine  herzustellen :  die  Scheere,  mit  welcher 
der  Schäfer  die  Wolle  scheert.  Der  Bergmann,  der 
Erbauer  des  Hochofens,  der  Holzfäller,  der  Brenner 
der  im  Schmelzofen  verwendeten  Holzkohlen,  der  Ziegel- 
streicher, der  Maurer,  der  Ofenheizer,  der  Mühlenbauer, 
der  Hammerschmied,  der  Schmied  müssen  sämtlich  ihre 
verschiedenen  Künste  zu  ihrer  Hervorbriugung  ver- 
einigen. Wollten  wir  auf  dieselbe  Weise  alle  verschie- 
denen Teile  seiner  Kleidung  und  seines  Hausrats 
untersuchen,  das  grobe  Leinenhemde,  das  er  auf  dem 
Leibe  trägt,  die  Schuhe,  die  seine  Füße  bedecken,  das 


Kap.  I.:  Teiluno-  der  Arbeit.  17 

Bett,  auf  dem  er  liegt,  und  alle  die  verschiedenen  Teile, 
aus  denen  es  besteht,  den  Küchenherd,  auf  dem  er  seine 
Speisen  zubereitet,  die  dazu  gebrauchten  Kohlen,  die  aus 
den  Schachten  gegraben  und  ihm  vielleicht  durch  eine 
weite  See-  und  Landreise  zugeführt  worden  sind,  alle 
anderen  Gerätschaften  seiner  Küche,  alles  Tischgeschirr, 
die  Messer  und  Gabeln,  die  irdenen  oder  zinnernen 
Teller,  auf  denen  er  seine  Gerichte  aufträgt  und  schnei- 
det, die  verschiedenen  Hände,  welche  mit  Bereitung 
seines  Brots  und  Biers  beschäftigt  sind,  die  Glasfenster, 
welche  Wärme  und  Licht  hereinlassen  und  Wind  und 
Regen  abhalten,  samt  aller  der  Kenntnis  und  Kunst, 
welche  diese  schöne  und  glückliche  Erfindung  vorbe- 
reiten mußten:  eine  Erfindung,  ohne  welche  diese  nörd- 
lichen Teile  der  Erde  kaum  eine  recht  behagliche  Woh- 
nung hätten  erhalten  können;  samt  den  Werkzeugen 
all'  der  vielen  mit  der  Hervorbringung  so  verschiedener 
Bedarfsgegenstände  beschäftigten  Arbeiter —  wenn  wir, 
sage  ich,  alle  diese  Dinge  prüfen,  und  erwägen,  welche 
MannigfaltigkeitderArbeitaufjedesvonihnen  verwendet 
worden  ist,  so  werden  wir  einsehen,  daß  ohne  den  Bei- 
stand und  die  Mitwirkung  vieler  Tausende  nicht  der 
allergeringste  Einwohner  eines  zivilisierten  Landes  auch 
nur  in  der,  wie  wir  sie  uns  fälschlich  vorstellen,  leichten 
und  einfachen  Art.  in  der  er  gewöhnlich  ausgestattet  ist, 
versorgt  werden  könnte.  Verglichen  freilich  mit  dem 
ausschweifenderen  Luxus  der  Großen  muß  seine  Aus- 
stattung ohne  Zweifel  außerordentlich  einfach  und  gering 
erscheinen;  und  dennoch  ist  es  vielleicht  wahr,  daß  der 
Komfort  eines  europäischen  Fürsten  nicht  immer  den 
eines  fleißigen  und  mäßigen  Bauern  in  dem  Grade 
übertrifft,  wie  der  Komfort  des  letzteren  denjenigen 
manches  afrikanischen  Königs,  des  absoluten  Herrn  über 
Leben  und  Freiheit  von  zehntausend  nackten  Wilden. 


Adam  Smitli,  VolkswoLlstaiid.  1. 


Zweites  Kapitel. 

Über  den  Trieb, 
der  die  Teilung  der  Arbeit  veranlaßt. 

Diese  Teilung  der  Arbeit,  aus  der  so  viele  Vor- 
teile gezogen  werden,  ist  ursprünglich  nicht  das  Werk 
menschlicher  Weisheit,  welche  die  allgemeine  Wohl- 
habenheit, zu  der  es  führt,  vorhergesehen  und  bezweckt 
hätte.  Sie  ist  die  notwendige,  obwohl  sehr  langsame 
und  allmähliche  Folge  eines  gewissen  Hanges  der 
menschlichen  Natur,  der  keinen  so  ausgebreiteten 
Nutzen  erstrebt:  des  Hanges  zu  tauschen,  sich  gegen- 
seitig auszuhelfen  und  ein  Ding  gegen  ein  anderes  zu 
verhandeln. 

Ob  dieser  Hang  einer  jener  ursprünglichen  Triebe 
in  der  menschlichen  Natur  ist,  von  denen  sich  weiter 
keine  Rechenschaft  geben  läßt,  oder-  ob  er,  was  wahr- 
scheinlicher ist,  die  notwendige  Folge  des  Vernunft- 
und  Sprachvermögens  ist,  das  zu  untersuchen  gehört 
nicht  hierher.  Er  ist  allen  Menschen  gemeinsam  und 
bei  keiner  anderen  Gattung  von  Tieren  zu  finden,  die 
weder  diesen  noch  irgend  eine  andere  Art  von  Verträgen 
zu  kennen  scheinen.  Zwei  Windhunde,  die  den  näm- 
lichen Hasen  hetzen,  erwecken  zuweilen  den  Anschein, 
als  handelten  sie  in  einer  Art  von  Einverständnis. 
Jeder  treibt  ihn  seinem  Gefährten  zu,  oder  sucht  ihn 
abzufangen,  wenn  sein  Gefährte  ihn  ihm  zutreibt. 
Dies  ist  jedoch  nicht  die  Folge  eines  Vertrages,  sondern 


Kap.  II.:  Über  den  Trieb,  dev  d.  Teilung  d.  Arbeit  veranlaßt.  19 

der  zufälligen  Konkurrenz  ihrer  zu  gleicher  Zeit  auf 
dasselbe  Ziel  gerichteten  Leidenschaften.  Niemand  hat 
je  einen  Hund  mit  einem  andern  einen  gütlichen  und 
überlegten  Tausch  eines  Knochens  gegen  einen  andern 
machen  sehen.  Niemand  hat  je  ein  Tier  durch  seine 
Geberden  und  Natuilaute  einem  anderen  andeuten 
sehen:  „dies  ist  mein,  dies  dein;  ich  bin  willens,  dies 
für  jenes  zu  geben."  Wenn  ein  Tier  entweder  von 
einem  Menschen  oder  einem  anderen  Tiere  Etwas  er- 
langen will,  so  hat  es  keine  anderen  Mittel  der  Über- 
redung, als  die  Gunst  derer  zu  gewinnen,  deren  Dienst 
es  begehrt.  Ein  Junges  liebkost  seine  Alte,  und  ein 
Hund  sucht  durch  tausend  Bewegungen  die  Aufmerk- 
samkeit seines  bei  Tische  sitzenden  Herrn  zu  erregen, 
wenn  er  von  ihm  etwas  zu  fressen  haben  will.  Der 
Mensch  bedient  sich  bisweilen  derselben  Künste  seinen 
Mitmenschen  gegenüber,  und  wenn  er  kein  anderes 
Mittel  hat,  sie  seinen  Wünschen  geneigt  zu  machen, 
so  sucht  er  durch  jede  mögliche  knechtische  und 
schweifwedelnde  Aufmerksamkeit  ihre  Willfährigkeit 
zu  gewinnen.  Er  hat  jedoch  keine  Zeit,  dies  bei  jeder 
Gelegenheit  zu  tun.  In  einer  zivilisierten  Gesellschaft 
bedarf  er  allezeit  der  Mitwirkung  und  des  Beistandes 
vieler  Menschen,  während  sein  ganzes  Leben  kaum 
hinreicht,  die  Freundschaft  einiger  weniger  Personen 
zu  gewinnen.  In  fast  allen  anderen  Tiergattungen  ist 
jedes  einzelne  Tier,  wenn  es  zur  Reife  gelangt  ist,  ganz 
unabhängig  und  bedarf  in  seinem  Naturzustande  keines 
anderen  lebenden  Wesens  Beistand.  Der  Mensch 
braucht  die  Hilfe  seiner  Mitmenschen  fast  immer,  und 
würde  diese  vergeblich  von  ihrem  Wohlwollen  allein 
erwarten.  Er  wird  viel  leichter  Erfolg  haben,  wenn 
er  ihre  Eigenliebe  zu  seinen  Gunsten  interessieren  und 
ihnen  zeigen  kann,  daß  es  ihr  eigener  Vorteil  ist,  für 
ihn    zu   tun,    was    er  von    ihnen    fordert.      Wer   einem 

2* 


20    Ei'stes  Biicli:  Zunahme  in  dor  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Anderen  einen  Handel  irgend  einer  Art  anträgt,  ver- 
fährt auf  diese  Weise.  Gieb  mir  dies,  was  ich  brauche, 
und  Du  sollst  das  haben,  was  Du  brauchst  —  ist  der 
Sinn  jedes  solchen  Anerbietens;  und  auf  diese  Weise 
erhalten  wir  von  einander  den  bei  Weitem  größten 
Teil  der  guten  Dienste,  deren  wir  benötigt  sind.  Nicht 
von  dem  Wohlwollen  des  Fleischers,  Brauers  oder 
Bäckers  erwarten  wir  unsere  Mahlzeit,  sondern  von 
ihrer  Bedachtnahme  auf  ihr  eigenes  Interesse.  Wir 
wenden  uns  nicht  an  ihre  Humanität,  sondern  an  ihre 
Eigenliebe,  und  sprechen  ihnen  nie  von  unseren  Be- 
dürfnissen, sondern  stets  von  ihren  Vorteilen.  Nur  ein 
Bettler  will  lieber  ganz  vom  Wohlwollen  seiner  Mit- 
bürger abhängen.  Und  selbst  ein  Bettler  hängt  nicht 
völlig  davon  ab.  Die  Mildtätigkeit  gutherziger  Leute 
verschafft  ihm  allerdings  den  ganzen  Fonds  seiner 
Unterhaltsmittel.  Aber  obgleich  diese  Triebfeder  ihn 
schließlich  mit  allen  seinen  Lebensbedürfnissen  ver- 
sorgt, versieht  sie  ihn  doch  nicht  und  kann  sie  ihn 
nicht  so  damit  versehen,  wie  es  sein  Bedürfnis  erheischt. 
Der  größere  Teil  seines  gelegentlichen  Bedarfs  wird 
ebenso  wie  der  anderer  Leute  beschafft,  durch  Über- 
einkommen, Tausch  und  Kauf.  Mit  dem  Grelde,  was 
ihm  der  Eine  giebt,  kauft  er  Nahrung.  Die  alten 
Kleider,  die  ihm  ein  Anderer  schenkt,  vertauscht  er 
gegen  andere  alte  Kleider,  die  ihm  besser  passen,  oder 
gegen  Wohnung,  Lebensmittel  oder  Geld,  mit  dem  er 
je  nach  Bedarf  ebensowohl  Lebensmittel,  wie  neue 
Kleider  oder  Wohnung  kaufen  kann. 

Wie  wir  durch  Übereinkommen,  Tausch  und  Kauf 
von  einander  den  größten  Teil  der  gegenseitigen  guten 
Dienste,  deren  wir  bedürfen,  gewinnen,  so  giebt  dieselbe 
Neigung  zum  Tauschen  ursprünglich  Veianlassung  zur 
Teilung  der  Arbeit.  Jn  einem  Jäger-  oder  Hirten- 
stamm  macht  z.   B.    irixend   Einer  Bogen    und   Pfeile 


Kap.  IL:  Über  den  Trieb,  der  d.  Teüunisr  d.  Arbeit  Aeranlaßt.   21 

schneller  und  geschickter  als  ein  Anderer.  Er  ver- 
tauscht sie  oft  gegen  zahmes  Vieh  oder  AVildpret  mit 
seinen  Gefährten  und  findet  schliei^lich,  daß  er  auf 
diese  Weise  mehr  Vieh  und  Wildpret  gewinnen  kann, 
als  wenn  er  selbst  auf  die  Jagd  ginge.  Aus  ßücksicht 
auf  sein  eigenes  Interesse  macht  er  daher  das  Ver- 
fertigen von  Bogen  und  Pfeilen  zu  seinem  Hauptge- 
schäft, und  wird  eine  Art  Waffenschmied.  Ein  anderer 
zeichnet  sich  im  Bau  und  in  der  Bedachung  ihrer 
kleinen  Hütten  odor  transportabeln  Häuser  aus.  Er 
pflegt  auf  diese  Weise  seinen  Nachbarn  nützlich  zu 
sein,  die  ihn  dafür  ebenso  mit  Vieh  und  Wildpret  be- 
lohnen, bis  er  es  zuletzt  in  seinem  Interesse  findet, 
sich  gänzlich  dieser  Beschäftigung  zu  widmen  und 
eine  Art  Zimmermann  zu  werden.  Auf  dieselbe  Art 
wird  ein  Dritter  ein  Schmied  oder  Kupferschmied,  ein 
vierter  ein  Gerber  oder  Zubereiter  von  Häuten  oder 
Fellen,  dem  Hauj)tteil  der  Bekleidung  wilder  Völker. 
Und  so  spornt  die  Gewißheit,  allen  Überschuß  seiner 
Arbeit,  der  über  seinen  eigenen  Verbrauch  hinausgeht, 
für  solche  Erzeugnisse  Anderer,  wie  er  sie  gerade 
braucht,  austauschen  zu  können,  einen  Jeden  an,  sich 
einer  bestimmten  Beschäftigung  zu  widmen  und  das 
Talent  oder  Genie,  das  er  für  diesen  bestimmten  Er- 
werbszweig besitzt,  auszubilden  und  zur  Vollkommen- 
heit zu  bringen. 

Die  Verschiedenheit  der  natürlichen  Talente  bei 
den  verschiedenen  Menschen  ist  in  Wahrheit  viel  ge- 
ringer, als  wir  glauben,  und  der  sehr  verschiedene 
Geist,  welcher,  wenn  er  zur  Eeife  gelangt  ist,  Tjeute 
von  verschiedenem  Beruf  zu  unterscheiden  scheint,  ist 
in  vielen  Fällen  nicht  sowohl  der  Grund  als  die  Folge 
der  Arbeitsteilung.  Die  Verschiedenheit  zwischen  den 
unähnlichen  Charakteren,  wie  z.  B.  zwischen  einem 
Philosophen   und   einem   gemeinen  Lastträger,   scheint 


22    Ki'stes  Buch:  Zunahme  in  der  ErtTa,i^-skraft  der  Arbeit. 

nicht  sowohl  ihrem  Wesen,  als  der  Gewöhnung  und 
Erziehung  zu  entspringen.  Als  sie  auf  die  Welt  kamen, 
und  in  den  ersten  sechs  bis  acht  Jahren  ihres  Daseins 
waren  sie  einander  vielleicht  sehr  ähnlich,  und  weder 
ihre  Eltern  noch  ihre  Gespielen  konnten  eine  merkliche 
Verschiedenheit  gewahr  werden.  Etwa  in  diesem  Alter 
oder  bald  darauf  wurden  sie  zu  sehr  verschiedenen  Be- 
schäftigungen angehalten.  Dann  wird  die  Verschieden- 
heit ihrer  Talente  bemerkt  und  erweitert  sich  nach  und 
nach,  bis  zuletzt  die  Eitelkeit  des  Philosophen  kaum 
noch  irgend  eine  Ähnlichkeit  anzuerkennen  bereit  ist. 
Aber  ohne  den  Hang  zum  Tausch  und  Handel  würde 
sich  Jedermann  die  Notwendigkeiten  und  Annehmlich- 
keiten des  Lebens  selber  haben  verschaffen  müssen. 
Alle  hätten  dieselben  Obliegenheiten  zu  erfüllen  und 
dasselbe  zu  tun  gehabt,  und  es  hätte  keine  solche  Ver- 
schiedenheit der  Beschäftigung  eintreten  können,  wie 
sie  allein  eine  irgend  bedeutende  Verschiedenheit  der 
Talente  herbeiführen  konnte. 

Wie  nun  dieser  Hang  jene  unter  den  Menschen 
verschiedenen  Berufs  so  merkliche  Verschiedenheit  der 
Talente  bildet,  so  ist  es  derselbe  Hang,  der  jene  Ver- 
schiedenheit nutzbringend  macht.  Viele  Tierarten,  die 
anerkannter  Weise  zu  derselben  Gattung  gehören, 
haben  von  Natur  weit  verschiedenere  Anlagen,  als  sie 
vor  der  Gewöhnung  und  Erziehung  unter  den  Menschen 
platzzugreifen  scheinen.  Von  Natur  ist  ein  Philosoph 
an  Anlagen  und  Neigungen  nicht  halb  so  sehr  von 
einem  Lastträger  verschieden,  als  ein  Bullenbeisser 
von  einem  Windhund,  oder  ein  Windhund  von  einem 
Jagdhund,  oder  dieser  von  einem  Schäferhunde.  Gleich- 
wohl sind  diese  verschiedenen  Tierarten,  obschon  alle 
derselben  Gattung  angehören,  einander  kaum  irgend 
wie  nützlich.  Die  Stärke  des  Bulleubeissers  wird  nicht 
im  Geringsten  durch  die  Schnelligkeit  des  Windhundes 


Kap.  II.:  Über  den  Trieb,  der  d.  Teilung  d.  Arbeit  veranlaßt.    23 

oder  die  Spürkraft  des  Jagdhundes  oder  die  Gelehrig- 
keit des  Schäferhundes  unterstützt.  Da  diese  Tiere 
derjenigen  Fähigkeiten  oder  Triebe  ermangeln,  die 
zum  Tausch  und  zu  gegenseitiger  Aushülfe  erforder- 
lich sind,  können  die  Erzeugnisse  jener  verschiedenen 
Anlagen  und  Talente  nicht  zu  einem  Gesamtvorrat 
vereinigt  werden  und  tragen  nicht  das  Geringste  zur 
besseren  Versorgung  und  zum  höheren  Komfort  der 
Gattung  bei.  Jedes  Tier  ist  gezwungen,  sich  abge- 
sondert und  unabhängig  seinen  Unterhalt  zu  ver- 
schaffen und  sich  selbst  zu  verteidigen,  und  hat 
keinerlei  Vorteil  von  den  mannigfaltigen  Talenten, 
mit  denen  die  Natur  seine  Genossen  ausgestattet  hat. 
Unter  den  Menschen  sind  im  Gegenteil  die  unähn- 
lichsten Anlagen  einander  von  Nutzen,  indem  die  ver- 
schiedenen Erzeugnisse  ihrer  bezüglichen  Talente  durch 
den  allgemeinen  Hang  zum  Tausch  und  zu  gegen- 
seitiger Aushülfe  in  einen  Gesamtvorrat  vereinigt  wer- 
den, woraus  Jedermann  den  Teil  des  Erzeugnisses 
der  Talente  anderer  Menschen  kaufen  kann,  dessen 
er  bedarf. 


Drittes  Kapitel. 

Die  Teilung  der  Arbeit  hat  ihre  Schranken 
an  der  Ausdehnung  des  Marktes. 

Wie  die  Möglichkeit  des  Tauschens  Anlaß  zur  Tei- 
lung der  Arbeit  gibt,  so  muß  das  Maß  dieser  Teilung 
stets  durch  das  Maß  jener  Möglichkeit,  oder  mit  andern 
Worten,  durch  die  Ausdehnung  des  Marktes  begrenzt 
sein.  Wenn  der  Markt  sehr  klein  ist,  kann  Niemand 
sich  ermutigt  finden,  sich  gänzlich  einer  Beschäftigung 
zu  widmen,  weil  es  an  der  Möglichkeit  fehlt,  den  ganzen 
Überschuß  des  Erzeugnisses  seiner  Arbeit,  der  über 
seinen  eigenen  Verbrauch  hinausgeht,  für  solche  Teile 
der  Erzeugnisse  Anderer,  die  er  gerade  braucht,  aus- 
zutauschen. 

Es  gibt  einige  Gewerbszweige,  selbst  der  niedrig- 
sten Art,  die  nirgendwo  anders,  als  in  einer  großen 
Stadt  getrieben  werden  können.  Ein  Lastträger  z.  B. 
kann  an  keinem  anderen  Orte  Beschäftigung  und  Unter- 
halt finden.  Ein  Dorf  ist  viel  zu  eng  für  ihn;  selbst 
ein  gewöhnlicher  Marktflecken  ist  kaum  groß  genug, 
ihm  fortwährend  Beschäftigung  zu  geben.  In  den 
einzeln  stehenden  Häusern  und  sehr  kleinen  Dcirfern, 
die  in  einem  so  öden  Lande,  wie  die  schottischen  Hoch- 
lande es  sind,  zerstreut  liegen,  muß  ein  Jeder  Bauer, 
Fleischer,  Bäcker  und  Brauer  für  seine  eigene  Familie 
sein.  In  solchen  Gegenden  kann  man  kaum   erwarten, 


Kap.  III.:  Schranken  der  Arbeitsteilung.  25 

auch  nur  einen  Scliinied,  Zimmermann  oder  Maurer 
in  weniger  als  einem  Umkreise  von  zwanzig  Meilen 
zu  finden.  Die  zerstreuten  Familien,  die  acht  oder  zehn 
Meilen  von  dem  nächsten  Handwerker  entfernt  leben, 
müssen  sehr  viele  kleine  Sachen,  welche  sie  in  volk- 
reicheren Gegenden  von  solchen  Handwerkern  machen 
lassen  würden,  selbst  zu  verfertigen  lernen.  Dorfhand- 
werker  sind  fast  überall  gezwungen,  sich  mit  all'  den 
verschiedenen  Gewerbszweigen  zu  befassen,  die  ein- 
ander durch  die  Verwendung  gleichen  Materials  ver- 
wandt sind.  Ein  Dorfzimmermann  gibt  sich  mit  jeder 
Art  Holzarbeit  ab,  ein  Dorfschmied  mit  jeder  Art  Eisen- 
arbeit. Der  erstere  ist  nicht  blos  Zimmermann,  sondern 
Schreiner,  Kunsttischler  und  sogar  Bildschnitzer,  sowie 
Rad-,  Pflug-  und  Stellmacher.  Die  Beschäftigungen 
des  Schmieds  sind  noch  mannigfacher.  In  den  ent- 
legenen inneren  Teilen  der  schottischen  Hochlande 
kann  unmöglich  selbst  ein  Gewerbe  wie  das  des  Nagel- 
schmieds bestehen.  Ein  solcher  Handwerker  würde, 
nach  dem  Satze  von  Tausend  Nägeln  des  Tages  und 
bei  dreihundert  Arbeitstagen  im  Jahr,  jährlich  dreimal- 
hunderttausend  Nägel  machen;  allein  an  einem  solchen 
Orte  würde  er  jährlich  kaum  tausend,  d.  h.  die  Arbeit 
eines  einzigen  Tages,  absetzen  können. 

Da  durch  den  Wassertransport  für  jede  Art  Indu- 
strie ein  ausgedehnterer  Markt  eröffnet  wird,  als  ihn 
der  Landtransport  allein  gewähren  kann,  so  sind  es 
die  Meeresküste  und  die  Ufer  schiffbarer  Flüsse,  wo 
der  Gewerbfleiß  jeder  Art  sich  abzuteilen  und  zu  ver- 
vollkommnen anfängt,  und  diese  Vervollkommnung 
dehnt  sich  oft  erst  lange  Zeit  nachher  auf  die  inneren 
Teile  des  Landes  aus.  Ein  Frachtwagen,  der  von  zwei 
Menschen  begleitet  und  mit  acht  Pferden  bespannt  ist, 
fährt  in  etwa  sechs  Wochen  mit  Waren  im  Gewicht 
von  ungefähr-  vier  Tonnen  zwischen  London  und  Edin- 


26    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

bürg  hin  und  zurück.  In  etwa  derselben  Zeit  führt 
ein  Schiff",  das  mit  sechs  oder  acht  Menschen  bemannt 
ist,  und  zwischen  den  Häfen  von  London  und  Leith 
segelt,  oft  Waren  von  zweihundert  Tonnen  an  Gewicht 
hin  und  her.  Sechs  oder  acht  Mann  können  demnach 
mittelst  Wassertransports  in  derselben  Zeit  dieselbe 
Menge  Waren  zwischen  London  und  Edinburg  hin- 
und  herfahren,  wie  fünfzig  von  hundert  Menschen 
begleitete  und  von  vierhundert  Pferden  gezogene 
Frachtwagen.  Auf  zweihundert  Tonnen  Waren,  die 
mit  der  wohlfeilsten  Landfracht  von  London  nach 
Edinburg  gebracht  werden,  muß  also  der  dreiwöchent- 
liche Unterhalt  von  hundert  Menschen  und  sowohl 
der  Unterhalt,  wie,  was  dem  Unterhalt  ziemlich  gleich- 
kommt, die  Abnutzung  von  vierhundert  Pferden  und 
fünfzig  Frachtwagen  gerechnet  werden;  während  bei 
derselben  Waren  masse,  wenn  sie  zu  Wasser  transpor- 
tiert wird,  nur  der  Unterhalt  von  sechs  oder  acht 
Menschen  und  die  Abnutzung  eines  Schiffes  von  zwei- 
hundert Tonnen  Gehalt,  samt  dem  AVerte  des  größeren 
Risikos  oder  des  Unterschieds  zwischen  der  Land- 
und  Wasserversicherung  gerechnet  zu  werden  braucht. 
Gäbe  es  also  keine  andere  Verbindung  zwischen  beiden 
Plätzen,  als  die  durch  Landtransport,  so  wären  sie, 
da  nur  solche  Waren  von  dem  einen  Ort  zum  andern 
gebracht  werden  könnten,  deren  Preis  im  Verhältnis 
zu  ihrem  Gewichte  sehr  hoch  wäre,  nur  einen  kleinen 
Teil  des  Verkehrs  zu  unterhalten  imstande,  der  jetzt 
zwischen  ihnen  stattfindet,  und  mithin  der  beiderseitigen 
Industrie  nur  einen  kleinen  Teil  der  Aufmunterung  zu 
teil  werden  zu  lassen,  die  sie  jetzt  einander  gewähren. 
Zwischen  den  entfernten  Teilen  der  Welt  könnte 
nur  wenig  oder  gar  kein  Vorkehr  stattfinden.  Welche 
Waren  vermöchten  die  Kosten  des  Landtransports 
zwischen  London  und  Kalkutta  zu  ortragen?  Oder,  wenn 


Kap.  TIL:  Schranken  der  Arbeitsteilung.  27 

einige  so  wertvoll  wären,  daß  sie  diese  Koston  zu 
ertragen  vormöchten,  mit  welcher  Sicherheit  könnten 
sie  durch  die  Gebiete  so  vieler  barbarischer  Völker- 
schaften gebracht  werden?  Jetzt  hingegen  treiben 
diese  beiden  Städte  einen  sehr  bedeutenden  Handel 
mit  einander  und  spornen,  indem  sie  einander  einen 
Markt  bieten,  die  beiderseitige  Industrio  erheblich  an. 

Bei  diesem  großen  Vorteil  des  Wassertransports 
ist  es  natürlich,  daß  die  ersten  Fortschritte  der  Kunst 
und  Industrie  da  gemacht  wurden,  wo  diese  günstige 
Gelegenheit  die  ganze  "Welt  zu  einem  Markte  für  die 
Produkte  jeglicher  Art  Arbeit  eröffnet,  und  daß  sie 
sich  immer  erst  viel  später  auf  die  inneren  Teile  des 
Landes  ausdehnen.  Die  inneren  Teile  des  Landes 
können  lange  Zeit  hindurch  keinen  anderen  Markt  für 
den  größten  Teil  ihrer  Waren  haben,  als  die  Land- 
schaft, die  sie  umgiebt  und  die  sie  von  der  Seeküste 
und  den  großen  schiffbaren  Flüssen  trennt.  Die  Aus- 
dehnung ihres  Marktes  hängt  daher  lange  Zeit  von 
dem  Reichtum  und  der  Bevölkerungsdichtigkeit  jener 
Landschaft  ab,  und  ihr  Fortschritt  muß  folglich  hinter 
dem  dieser  Landschaft  einherhinken.  In  unseren  nord- 
amerikanischen Kolonien  sind  die  Pflanzungen  beständig 
der  Seeküste  oder  den  Ufern  der  schiffbaren  Flüsse 
gefolgt  und  haben  sich  kaum  irgendwo  beträchtlich 
von  beiden  entfernt. 

Die  Völker,  welche  nach  den  glaubwürdigsten 
Geschichtsschreibern  am  frühesten  zivilisiert  gewesen 
zu  sein  scheinen,  waren  diejenigen,  die  rund  um  die 
Küste  des  mittelländischen  Meeres  wohnten.  Da  dieses 
Meer,  die  bei  Weitem  größte  bekannte  Bucht  der  Welt, 
keine  Ebbe  und  Flut  und  mithin  keine  anderen  Wollen 
hat,  als  die  der  Wind  verursacht,  so  war  es  durch  die 
Glätte  seiner  Oberfläche  nicht  minder  wie  durch  die 
Menge    seiner   Inseln    und    die    Nähe   seiner   Ufer   der 


28    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Schiffahrt  in  ihrer  Kindheit  außerordentlich  günstig, 
als  noch  die  Menschen,  unbekannt  mit  dem  Kompaß, 
sich  fürchteten,  die  Küste  aus  dem  Gesicht  zu  ver- 
lieren, und  wegen  der  Unvollkommonheit  der  Schiff- 
baukunst nicht  wagten,  sich  den  stürmischen  Wogen 
des  Ozeans  zu  überlassen.  Über  die  Säulen  des  Her- 
kules, d.  h.  durch  die  Meerenge  von  Gibraltar  hinaus- 
zusegeln, wurde  in  der  alten  Welt  lange  als  eine 
äußerst  wunderbare  und  gefährliche  Unternehmung 
der  Schiffahrt  betrachtet.  Selbst  die  Phönizier  und 
Karthager,  die  geschicktesten  Seefahrer  und  Schiff- 
bauer jener  alten  Zeiten,  versuchten  es  erst  spät  und 
waren  lange  die  einzigen  Völker,  die  es  wagten. 

Unter  allen  I^ändern  an  der  Küste  des  mittel- 
ländischen Meeres  scheint  Ägypten  das  erste  gewesen 
zu  sein,  in  welchem  sowohl  der  Ackerbau  wie  die 
Gewerbe  gepflegt  und  zu  einer  hohen  Stufe  entwickelt 
wurden.  Oberägypten  erstreckt  sich  nirgends  über 
einige  Meilen  vom  Nil,  und  in  Unteräg3^pten  teilt  sich 
dieser  große  Strom  in  viele  Kanäle,  welche  durch 
einige  künstliche  Nachhülfe  eine  Wasserverbindung 
nicht  nur  zwischen  allen  großen  Städten,  sondern  auch 
zwischen  allen  ansehnlichen  Dörfern  und  sogar  bis  zu 
vielen  Landgütern  geführt  zu  haben  scheinen,  etwa 
in  derselben  Art,  wie  heute  der  Rhein  und  die  Maas 
in  Holland.  Der  Umfang  und  die  Leichtigkeit  dieser 
Binnenschiffahrt  war  wahrscheinlich  eine  der  Haupt- 
ursachen der  frühen  Kultur  Ägyptens. 

Ebenso  scheinen  in  den  Provinzen  Bcngalens  in 
Ostindien  und  in  einigen  östlichen  Provinzen  Chinas 
die  Fortschritte  des  Ackerbaus  und  der  Gewerbe  von 
sehr  hohem  Alter  zu  sein,  obwohl  dies  Alter  durch 
keine  verläßlichen  Geschichtsnachrichten,  die  es  für 
diesen  Teil  der  Welt  nicht  giebt,  verbürgt  ist.  In 
Bengalen  bilden  der  Ganges  und  einige  andere  große 


Kap.  TIT.:  ?>rhranken  der  Avbeitstoilun.s,-.  29 

Ströme  eine  bedeutende  Menge  schiffbarer  Kanäle, 
ganz  so  wie  der  Nil  in  Agyj^ten.  In  den  östlichen 
Provinzen  Chinas  bilden  gleichfalls  einige  große  Flüsse 
durch  ihre  verschiedenen  Arme  eine  Menge  von  Ka- 
nälen und  gestatten  durch  Verbindung  untereinander 
eine  noch  viel  ausgedehntere  Binnenschiffahrt  als  der 
Nil  oder  Ganges  oder  vielleicht  beide  zusammen.  Es 
ist  merkwürdig,  daß  weder  die  alten  Ägypter,  noch 
die  Inder,  noch  die  Chinesen  den  auswärtigen  Handel 
ermunterten,  sondern  sämtlich  ihren  großen  Iteichtum 
aus  dieser  Binnenschiffahrt  gezogen  zu  haben  scheinen. 
Alle  inneren  Teile  Afrikas  und  jener  ganze  Teil 
Asiens,  der  weit  nördlich  vom  schwarzen  und  kaspi- 
schen  Meere  liegt,  das  alte  Scythien,  die  moderne 
Tartarei,  und  Sibirien  scheinen,  so  lange  die  Welt  steht, 
in  demselben  barbarischen  und  unzivilisierten  Zustande 
gewesen  zu  sein,  in  welchem  wir  sie  noch  heute  finden. 
Das  Meer  der  Tartarei  ist  das  Eismeer,  das  keine  Schiff- 
fahrt zuläßt,  und  obgleich  einige  der  größten  Ströme 
der  Welt  durch  dies  Land  fließen,  so  sind  sie  doch 
zu  weit  von  einander  entfernt,  um  Handel  und  Verkehr 
durch  den  größeren  Teil  von  ihm  herbeizuführen.  In 
Afrika  gibt  es  keine  so  großen  Buchten,  wie  das 
baltische  und  adriatische  Meer  in  Europa,  das  mittel- 
ländische und  schwarze  Meer  in  Europa  und  Asien, 
und  den  arabischen  und  persischen,  indischen,  benga- 
lischen und  siamesischen  Meerbusen  in  Asien,  um  den 
Seehandel  nach  den  inneren  Teilen  jenes  großen  Kon- 
tinents zu  führen  und  die  großen  Flüsse  Afrikas  sind 
zu  weit  von  einander  entfernt,  um  zu  einer  bedeuten- 
deren Binnenschiffahrt  Gelegenheit  zu  bieten.  Überdies 
kann  der  Verkehr  eines  Volks  auf  einem  Flusse,  der 
sich  nicht  in  eine  große  Menge  von  Armen  oder 
Kanälen  teilt,  und  der,  ehe  er  das  Meer  erreicht,  in 
ein  anderes  Gebiet  fließt,  niemals  sehr  bedeutend  sein, 


30    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

weil  die  Völker,  die  jenes  andere  Gebiet  besitzen,  es 
stets  in  ihrer  Macht  haben,  den  Verkehr  zwischen 
dem  Oberlande  und  dem  Meere  zu  hemmen.  Die 
Donauschiffahrt  ist  für  Baiern,  Österreich  und  Ungarn 
von  sehr  geringem  Nutzen,  im  Vergleich  zu  dem- 
jenigen, den  sie  haben  könnte,  wenn  einer  dieser 
Staaten  den  ganzen  Lauf  des  Flusses  bis  zu  seiner 
Mündung  in  das  schwarze  Meer  beherrschte. 


Viertes   Kapitel. 
Vom  Ursprung  und  Gebrauch  des  Geldes. 

Wenn  die  Teilung  der  Arbeit  einmal  durchweg 
eingeführt  ist,  so  ist  es  nur  ein  sehr  kleiner  Teil  der 
Bedürfnisse  eines  Menschen,  der  durch  das  Erzeugnis 
seiner  eigenen  Arbeit  beschafft  werden  kann.  Ihren 
bei  weitem  größten  Teil  verschafft  er  sich  durch  Aus- 
tausch jenes  Überschusses  seines  eignen  Arbeitsertrags, 
der  über  seinen  Verbrauch  hinausgeht,  gegen  solche 
Erzeugnisse  von  anderer  Leute  Arbeit,  die  er  gerade 
braucht.  Jedermann  lebt  so  durch  Tausch,  oder  wird 
gewissermaßen  ein  Kaufmann,  und  die  Gesellschaft 
selbst  wächst  zu  einer  eigentlichen  Handelsgesellschaft 
heran. 

Als  jedoch  die  Teilung  der  Arbeit  zuerst  Platz 
griff,  muß  die  Möglichkeit  zu  tauschen  häufig  sehr  ins 
Stocken  geraten  und  gehemmt  worden  sein.  Nehmen 
wir  an,  der  Eine  habe  mehr  von  einer  Ware,  als  er 
selbst  braucht,  während  ein  Anderer  weniger  hat.  Der 
Erstere  würde  mithin  froh  sein,  wenn  er  einen  Teil 
dieses  Überflusses  loswerden,  der  Letztere,  wenn  er 
ihn  kaufen  könnte.  Wenn  aber  dieser  Letztere  Nichts 
hat,  was  der  Erstere  bedarf,  so  kann  zwischen  ihnen 
kein  Tausch  Zustandekommen.  Der  Fleischer  hat 
mehr  Fleisch  in  seinem  Laden,  als  er  selbst  verzehren 
kann,  und  der  Biauer  und  Bäcker  würden  jeder  gern 
einen  Teil  davon  kaufen.  Allein  sie  haben  Nichts  zum 


32    Efstes  Bucli:  Zimalime  in  dei-  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Tauscli  zu  bieten,  als  die  verschiedenen  Erzeugnisse 
ihrer  bezüglichen  Gewerbe,  und  der  Fleischer  ist  schon 
mit  allem  Brot  und  Bier,  das  er  augenblicklich  braucht, 
versehen.  In  diesem  Falle  läßt  sich  kein  Tausch 
zwischen  ihnen  machen.  Er  kann  nicht  ihr  Kaufmann, 
noch  sie  seine  Kunden  sein,  und  alle  drei  leisten  so 
einander  weniger  Dienste.  Um  den  Übelstand  einer 
solchen  Lage  zu  vermeiden,  muß  jeder  vorsichtige 
Mann  zu  allen  Zeiten  der  Gesellschaft  nach  der  ersten 
Einführung  der  Arbeitsteilung  natürlich  bemüht  ge- 
wesen sein,  seine  Einrichtungen  so  zu  treffen,  daß  er 
außer  den  besonderen  Erzeugnissen  seines  eigenen 
Fleißes  jederzeit  noch  eine  gewisse  Menge  von  einer 
oder  der  anderen  Ware  in  Bereitschaft  hatte,  von  der 
er  voraussetzen  konnte,  daß  wahrscheinlich  wenige  Leute 
sie  in  Tausch  gegen  das  Erzeugnis  ihres  Fleißes  zu- 
rückweisen würden. 

Zu  diesem  Zwecke  sind  im  Laufe  der  Zeit  wahr- 
scheinlich viele  Waren  ausgedacht  und  verwendet 
worden.  In  den  rohen  Zeitaltern  der  Gesellschaft  soll 
Vieh  das  gewöhnliche  Werkzeug  des  Handels  gewesen 
sein,  und  obwohl  es  ein  sehr  unbequemes  sein  mußte, 
so  finden  wir  doch  in  alten  Zeiten  häufig  Dinge  nach 
der  Zahl  des  Viehs  geschätzt,  welches  dagegen  in 
Tausch  gegeben  wurde.  Die  Rüstung  des  Diomedes, 
sagt  Homer,  kostet  nur  neun  Ochsen,  die  des  Glaukus 
aber  hundert.  Salz  soll  das  gewöhnliche  Handels-  und 
Tauschmittel  in  Abyssinien  sein;  eine  Art  Muscheln 
in  einigen  Küstenstrichen  Indiens;  Stockfisch  in  Neu- 
fundland; Tabak  in  Virginien;  Zucker  in  einigen  unserer 
westindischen  Kolonien ;  Häute  oder  zugerichtetes  Leder 
in  anderen  Ländern;  und  noch  heutigen  Tages  gibt  es 
ein  Dorf  in  Schottland,  wo  es,  wie  man  sagt,  nichts 
Ungewöhnliches  ist,  daß  ein  Arbeiter  statt  des  Geldes 
Nägel   in   den    Bäckerladen    oder   ins  Bierhaus  bringt. 


Kap.  IV.:  Vom  Vi'spnmo-  und  Gebrauch  des  C ekles.      3,3 

In  allen  Ländern  jedoch  scheinen  die  Menschen 
zuletzt  durch  unwiderstehliche  Gründe  bestimmt  worden 
zu  sein,  den  Metallen  zu  diesem  Zwecke  vor  allen  an- 
deren AVaren  den  Vorzug  zu  geben.  Metalle  lassen 
sich  nicht  allein  mit  so  wenig  Verlust,  wie  nur  ii-gend 
eine  andere  Ware,  aufbewahren,  da  kaum  irgend  etwas 
Anderes  weniger  als  sie  dem  Verderben  ausgesetzt  ist, 
sondern  sie  können  auch  ohne  Verlust  in  irgend  eine 
Anzahl  Teile  zerlegt  werden,  da  diese  Teile  durch 
Schmelzung  sich  leicht  wieder  vereinigen  lassen:  eine 
Eigenschaft,  welche  keine  andere  gleich  dauerhafte 
Ware  besitzt,  und  die  mehr  als  irgend  etwas  Anderes 
sie  zum  Verkehis-  und  Umlaufsmittel  geeignet  macht. 
Wer  z.  B.  Salz  kaufen  wollte,  und  nur  Vieh  dagegen 
zu  geben  hatte,  war  gezwungen,  Salz  zum  Werte 
eines  ganzen  Ochsen  oder  eines  ganzen  Schafes  auf 
einmal  zu  kaufen.  Selten  konnte  er  weniger  kaufen, 
weil  dasjenige,  was  er  dafür  zu  geben  hatte,  kaum 
je  ohne  Verlust  geteilt  werden  konnte;  und  wenn  er 
Lust  hatte,  mehr  zu  kaufen,  so  mußte  er  aus  den- 
selben Gründen  das  Doppelte  oder  Dreifache  kaufen, 
d.  h.  für  den  Wert  von  zwei  oder  drei  Ochsen,  von 
zwei  oder  drei  Schafen.  Hatte  er  hingegen  statt  der 
Schafe  oder  Ochsen  Metalle  in  Tausch  zu  geben,  so 
konnte  er  leicht  die  Menge  des  Metalls  nach  der  ge- 
nauen Menge  der  Ware,  die  er  augenblicklich  brauchte, 
abmessen. 

Verschiedene  Metalle  sind  von  den  einzelnen  Na- 
tionen zu  diesem  Zwecke  angewandt  worden.  Eisen 
war  das  gewöhnliche  Verkehrsmittel  unter  den  alten 
Spartanern;  Kupfer  unter  den  alten  Römern;  und  Gold 
und  Silber  unter  allen  reichen  und  handeltreibenden 
Nationen. 

Diese  Metalle  scheinen  ursprünglich  in  rohen  Bar- 
ren ohne  Gepräge  oder  Ausmünzung  zu  jenen  Zwecken 

Adam  Smith,  Volkstv'ohlstand.  I.  3 


,^4    Erstes  Biicli:  Ziinahmo  in  flor  Ertragskraft  der  Arbeit. 

benutzt  worden  zu  sein.  So  berichtet  Plinius''')  auf  das 
Zeugnis  des  Timäus,  eines  alten  Geschichtsschreibers, 
daß  die  Römer  bis  auf  die  Zeit  des  Servius  Tullius 
kein  gemünztes  Geld  hatten,  und  ungestempelte  Kupfer- 
barren beim  Einkauf  ihrer  Bedürfnisse  gebrauchten.  Diese 
rohen  Barren  versahen  also  damals  den  Dienst  des  Geldes. 
Der  Gebrauch  der  Metalle  in  diesem  rohen  Zustande 
war  mit  zwei  sehr  großen  Übelständen  verbunden:  er- 
stens mit  der  Umständlichkeit  des  Wagens  und  zweitens 
mit  der  des  Probierens.  Bei  den  edlen  Metallen,  wo  ein 
geringer  Unterschied  in  der  Menge  einen  großen  Unter- 
schied im  Werte  ausmacht,  erfordert  schon  das  Geschäft 
des  Wagens,  wenn  es  mit  der  gehörigen  Genauigkeit  aus- 
geführt werden  soll,  wenigstens  sehr  genaue  Gewichte 
und  Wagen.  Namentlich  das  Wägen  des  Goldes  ist 
eine  Handhabung  von  einiger  Feinheit.  Bei  den  gröberen 
Metallen,  wo  ein  kleiner  Irrtum  von  wenig  Belang  ist, 
wäre  allerdings  weniger  Genauigkeit  erforderlich.  Man 
würde  es  jedoch  außerordentlich  beschwerlich  finden, 
wenn  ein  armer  Mann,  so  oft  er  für  einen  Dreier  kaufen 
oder  verkaufen  will,  den  Dreier  zu  Aviegen  genötigt 
wäre.  Die  Tätigkeit  des  Probierens  ist  noch  schwieriger 
und  langweiliger,  und  wenn  nicht  ein  Teil  des  Metalls 
mit  geeigneten  Auflösungsmitteln  im  Schmelztiegel  or- 
dentlich geschmolzen  wird,  äußerst  unsicher  bezüglich 
des  Schlusses,  der  daraus  zu  ziehen  ist.  Gleichwohl 
mußten  vor  der  Einführung  des  gemünzten  Geldes  die 
Leute  stets  den  gröbsten  Betrügereien  und  Täuschungen 
ausgesetzt  sein,  wenn  sie  diese  langweilige  und  schwierige 
Arbeit  nicht  vornahmen,  und  konnten,  statt  eines  Pfun- 
des reinen  Silbers  oder  reinen  Kupfers,  für  ihre  Waren 
leicht  eine  gefälschte  Zusammensetzung  aus  den  gröb- 
sten und  wohlfeilsten  Rohstoffen  erhalten,  die  jedoch 
in  ihrem  äußeren  Ansehen  jenen  Metallen  ähnlich  er- 

=••)   I'linius,   Mist.  Nat.,  lib.  'X],  cap.  ."l 


Kap.  TV.:  Vom  I'rspriin.o-  und  Gebrauch  des  Geldes.      35 

schien.  Um  solchen  Mißbräuchen  zuvorzukommen,  die 
Tausche  zu  erleichtern,  und  dadurch  alle  Arten  der 
Industrie  und  des  Handels  zu  ermutigen,  sah  man  sich 
in  allen  Ländern,  die  beträchtliche  Fortschritte  in  der 
Kultur  gemacht  hatten,  genötigt,  gewisse  Mengen  sol- 
cher Metalle,  die  daselbst  gewöhnlich  als  Tauschmittel 
benutzt  wurden,  von  Staatswegen  mit  einem  Stempel  zu 
versehen.  Dies  ist  der  Ursprung  des  gemünzten  Geldes 
und  jener  öffentlichen  Anstalten,  die  Münzen  heißen; 
Einrichtungen  genau  von  derselben  Art,  wie  die  der 
.Schau-  und  Stempelmeister  für  die  Wollen-  und  Leinen- 
waren. Sie  haben  alle  die  gleiche  Bestimmung,  durch 
einen  öffentlichen  Stempel  die  Menge  und  gleich- 
förmige Güte  dieser  verschiedenen  Waren,  w'enn  sie 
zu  Markt  gebracht  werden,  zu  verbürgen. 

Die  ersten  öffentlichen  Stempel  dieser  Art,  die  auf 
die  umlaufenden  Metalle  gedrückt  wurden,  scheinen  in 
vielen  Fällen  bestimmt  gewesen  zu  sein,  das  zu  ver- 
bürgen, was  zu  vei'bürgen  sowohl  am  schwierigsten,  wie 
am  wichtigsten  ist,  nämlich  die  Güte  und  Feinheit  des 
Metalls,  und  scheinen  der  Sterling-Marke  ähnlich  ge- 
wesen zu  sein,  die  man  jetzt  auf  Silbergeschirr  und 
Silberbarren  prägt,  oder  der  spanischen  Marke,  die  zu- 
weilen auf  Goldstangen  gesetzt  wird  und,  da  sie  nur 
auf  einer  Seite  des  Stückes  steht  und  nicht  die  ganze 
Oberfläche  bedeckt,  zwar  die  Feinheit,  aber  nicht  das 
Gewicht  des  Metalles  verbürgt.  Abraham  wieot  dem 
Ephron  die  vierhundert  Seckel  Silber  zu,  welche  er  ihm 
für  das  Feld  von  Machpelah  zu  zahlen  versprochen  hatte. 
Sie  sollen  die  Kourantmünzen  des  Kaufmanns  gewesen 
sein,  und  dennoch  wurden  sie  zugewogen,  nicht  zuge- 
zählt, gerade  wie  es  mit  den  Goldstangen  und  Silber- 
barren noch  heute  geschieht.  Die  Einkünfte  der  alten 
sächsischen  Könige  Englands  sollen  nicht  in  Geld  son- 
dern in  natura,    d.  h.    in  Lebensmitteln    und  Vorräten 


36    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertrag-skraft    der  Arbeit. 

aller  Art  gezahlt  worden  sein.  Wilhelm  der  Eroberer 
führte  die  Sitte  ein,  sie  in  Geld  zu  entrichten.  Dieses 
Geld  wurde  jedoch  lange  Zeit  bei  der  Schatzkammer 
nach  dem  Gewichte  und  nicht  nach  der  Stückzahl  in 
Empfang  genommen. 

Die  Unbeijuemlichkeit  und  Schwierigkeit,  jene  Me- 
talle mit  Genauigkeit  zu  wägen,  veranlaßte  die  Ein- 
führung von  Münzen,  deren  Stempel  beide  Seiten  des 
Stückes  und  zuweilen  auch  die  Ränder  gänzlich  be- 
deckte, und  als  genügende  Sicherheit  nicht  nur  für  die 
Feinheit,  sondern  auch  für  das  Gewicht  des  Metalls  an- 
gesehen wurde.  Solche  Münzen  wurden  daher  wie 
noch  heute,  ohne  daß  man  sich  die  Mühe  des  Wagens 
machte,  nach  der  Stückzahl  angenommen. 

Die  Namen  dieser  Münzen  scheinen  ursprünglich 
das  Gewicht  oder  die  in  ihnen  enthaltene  Metallmenge 
ausgedrückt  zu  haben.  Zur  Zeit  des  Servius  Tullius, 
der  zuerst  in  Rom  Geld  münzen  ließ,  enthielt  das  rö- 
mische As  oder  Pondo  ein  römisches  Pfund  guten  Kup- 
fers. Es  war  nach  der  Art  des  Troyes-Pfundes  in  zwölf 
Unzen  geteilt,  von  denen  jede  eine  wirkliche  Unze 
guten  Kupfers  enthielt.  Das  englische  Pfund  Sterling 
enthielt  zur  Zeit  Eduards  I.  nach  Tower-Gewicht  ein 
Pfund  Silber  von  einem  bekannten  Feinheitsgrade. 
Das  Tower-Pfund  scheint  etwas  mehr,  als  das  römi- 
sche Pfund  gewesen  zu  sein,  und  etwas  weniger  als 
das  Troj'es-Pfund.  Dieses  letztere  wurde  erst  im 
achtzehnten  Regierungsjahre  Heinrichs  VIIT.  in  der 
englischen  Münze  eingeführt.  Das  französische  Pfund 
(livre)  enthielt  zur  Zeit  Karls  des  Großen  nach  Troyes- 
Gewicht  ein  Pfund  Silber  von  bekanntem  Feinheitsgrade. 
Die  Messe  von  Troyes  in  der  Champagne  wurde  zu  jener 
Zeit  von  allen  europäischen  Völkern  besucht,  und  die 
Gewichte  und  Maße  eines  so  berühmten  Marktes  waren 
allgemein  bekannt  und  geschätzt.   Das  schottische  Geld- 


Kap.  IV.:  Vom  Ursprung  und  Gebrauch  des  Geldes.      37 

pfund  enthielt  von  Alexander  dem  Ersten  an  bis  auf 
Robert  Bruce  ein  Pfund  Silber  von  demselben  Schrot 
und  Korn,  wie  das  englische  Pfund  Sterling.  Die  eng- 
lischen, französischen  und  schottischen  Pence  ent- 
hielten gleichfalls  ursprünglich  alle  ein  wirkliches  Penny- 
gewicht  Silber,  den  zwanzigsten  Teil  einer  Unze  und 
den  zweihundertundvierzigsten  Teil  eines  Pfundes. 
Auch  der  Schilling  scheint  ursprünglich  die  Bezeichnung 
für  ein  Gewicht  gewesen  zu  sein.  „Wenn  der  Weizen 
zwölf  Schilling  das  Quarter  kostet",  sagt  ein  altes  Statut 
Heinrichs  III.,  „dann  soll  ein  Farthing-Brod  elf  Schilling 
und  vier  Pence  wiegen."  Doch  scheint  das  Verhältnis 
zwischen  dem  Schilling  und  Penny  einerseits  oder  dem 
Pfund  andrerseits  nicht  so  beständig  und  gleichförmig 
gewesen  zu  sein,  als  das  zwischen  dem  Penny  und  dem 
Pfund.  Während  der  Zeit  des  ersten  französischen 
Königsgeschlechtes  scheint  der  französische  Sou  oder 
Schilling  bald  fünf,  bald  zwölf,  bald  zwanzig,  bald 
vierzig  Pence  enthalten  zu  haben.  Unter  den  alten 
Sachsen  scheint  der  Schilling  zu  einer  gewissen  Zeit 
nur  fünf  Pence  enthalten  zu  haben,  und  es  ist  nicht 
unwahrscheinlich,  daß  er  bei  ihnen  eben  so  veränder- 
lich war,  als  bei  ihren  Nachbarn,  den  alten  Franken. 
Seit  der  Zeit  Karls  des  Großen  unter  den  Franken,  und 
Wilhelms  des  Eroberers  unter  den  Engländern  scheint 
das  Verhältnis  zwischen  Pfund,  Schilling  und  Penny 
stets  dasselbe  gewesen  zu  sein,  wie  noch  heute,  obgleich 
ihi-  Wert  sehr  verschieden  war.  Denn  in  allen  Ländern 
der  Welt  haben,  glaube  ich,  der  Geiz  und  die  Unge- 
rechtigkeit der  Fürsten  und  Staaten,  das  Vertrauen  ihrer 
Untertanen  mißbrauchend,  nach  und  nach  den  wirk- 
Hchen  Metallgehalt,  der  ursprünglich  in  ihren  Münzen 
vorhanden  war,  verringert.  Das  römische  As  wurde  in 
der  letzten  Zeit  der  Republik  auf  den  vierundzwanzig- 
sten Teil  seines  ursprünglichen  Wertes  verringert,  so 


38    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der   Arbeit. 

daß  es  statt  eines  Pfundes  nur  eine  halbe  Unze  wog. 
Das  englische  Pfund  und  der  Penny  enthalten  gegen- 
wärtig etwa  nur  ein  Drittel,  das  schottische  Pfund  und 
der  Penny  etwa  ein  Sechsunddreißigstel,  und  das  fran- 
zösische Pfund  und  der  Penny  etwa  ein  Sechsundsech- 
zigstel  ihres  ursprünglichen  Wertes.  Mittelst  solcher 
Maßnahmen  waren  die  Fürsten  und  Staaten,  die  sich 
ihrer  bedienten,  imstande,  dem  Scheine  nach  ihre 
Schulden  zu  bezahlen,  und  ihre  Verpflichtungen  mit 
einer  geringeren  Masse  Silber,  als  sonst  nötig  gewesen 
wäre,  zu  erfüllen.  Allerdings  nur  dem  Scheine  nach; 
denn  die  Gläubiger  waren  in  Wirklichkeit  um  einen  Teil 
dessen,  was  ihnen  zukam,  betrogen.  Allen  anderen 
Schuldnern  im  Staate  wurde  dasselbe  Privileg  zu  Teil, 
und  sie  konnten,  was  sie  in  alter  Münze  geborgt  hatten, 
mit  derselben  nominellen  Summe  der  neuen  und  ver- 
schlechterten Münze  bezahlen.  Solche  Maßregeln  er- 
wiesen sich  daher  stets  günstig  für  den  Schuldner  und 
verderblich  für  den  Gläubiger,  und  brachten  zuweilen 
eine  größere  und  allgemeinere  Umwälzung  im  Ver- 
mögen der  Privatpersonen  hervor,  als  es  durch  die 
größte   öffentliche  Kalamität  hätte   geschehen  können. 

Auf  diese  Weise  ist  das  Geld  bei  allen  zivilisierten 
Völkern  das  allgemeine  Handelsinstrument  geworden, 
durch  dessen  Vermittelung  Waren  aller  Art  gekauft  und 
verkauft,  oder  gegen  einander  ausgetauscht  werden. 

Welche  Eegeln  die  Menschen  beim  Tausch  der 
Waren  gegen  Geld  oder  gegen  einander  der  Natur  der 
Sache  entsprechend  beobachten,  will  ich  nun  unter- 
suchen. Diese  Eegeln  bestimmen  das,  was  man  den 
relativen  oder  Tauschwert  der  Waren  nennen  kann. 

Das  Wort  Wert  hat,  was  zu  beachten  ist,  zwei 
verschiedene  Bedeutungen,  und  drückt  bald  die  Brauch- 
barkeit einer  Sache,  bald  die  dui'ch  den  Besitz  dieser 
Sache  gegebene  Möglichkeit    aus,    andere  Güter   dafür 


Kap.  ly. :  Vom  Ursprung  luid  Gebrauch  des  Geldes.      39 

ZU  kaufen.  Das  eine  kann  Gebrauchswert,  das  andere 
Tauschwert  genannt  werden.  Die  Dinge,  die  den  größten 
Gebrauchswert  haben,  haben  oft  wenig  oder  gar  keinen 
Tauschwert,  und  umgekehrt  haben  solche,  die  den 
gr()ßten  Tauschweit  haben,  oft  wenig  oder  gar  keinen 
Gebrauchswert.  Nichts  ist  nützlicher  als  Wasser,  aber 
man  kann  selten  etwas  dafür  kaufen,  selten  etwas  dafür 
in  Tausch  erhalten.  Dagegen  hat  ein  Diamant  kaum 
irgend  einen  Gebrauchswert,  aber  man  kann  oft  eine 
große  Menge  anderer  Güter  dafür  im  Tausch  erhalten. 

Um  die  Grundsätze  zu  erforschen,  welche  den 
Tauschwert  der  Ware  regeln,  werde  ich  zu  zeigen 
suchen, 

Erstens:  Welches  der  wahre  Maßstab  dieses  Tausch- 
wertes ist,  oder  worin  der  wahre  Preis  aller  Agaren 
besteht; 

Zweitens:  Aus  welchen  verschiedenen  Bestandteilen 
dieser  wahre  Preis  zusammengesetzt  oder  gebildet  ist; 

Und  endlich:  AVelche  verschiedenen  Umstände 
einige  oder  alle  diese  verschiedenen  Bestandteile  des 
Preises  bald  über,  bald  unter  ihren  natürlichen  oder 
gewöhnlichen  Satz  treiben,  oder  welche  Ursachen  den 
Marktpreis,  d.  h.  den  wirklichen  Preis  der  AVaren 
hindern,  genau  mit  dem,  was  man  ihren  natürlichen 
Preis  nennen  kann,  zusammen  zu  fallen. 

Ich  werde  mich  bemühen,  diese  drei  Gegenstände 
so  vollständig  und  deutlich,  als  ich  es  vermag,  in  den 
drei  folgenden  Kapiteln  auseinanderzusetzen,  für  welche 
ich  mir  die  Geduld  und  Aufmerksamkeit  des  Lesers 
auf  Angelegentlichste  erbitten  muß:  seine  Geduld,  um 
ein  Detail  zu  prüfen,  welches  ihm  vielleicht  an  vielen 
Stellen  ohne  Not  weitschweifig  zu  sein  scheint,  und 
seine  Aufmerksamkeit,  um  dasjenige  zu  fassen,  was 
vielleicht  nach  der  vollständigsten  Auseinandersetzung, 
die  ich  zu  geben  imstande  hin,  doch  immer  noch  ziem- 


40    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

lieh  dunkel  scheinen  mag.  Ich  will  stets  lieber  Gefahr 
laufen,  weitschweifig  zu  sein,  wenn  ich  nur  sicher  bin, 
klar  zu  bleiben,  und,  nachdem  ich  mir  alle  mögliche 
Mühe  gegeben  habe,  klar  zu  sein,  kann  es  noch  immer 
scheinen,  als  ob  über  einen  Gegenstand,  der  seiner 
Natur  nach  höchst  abstrakt  ist,  einige  Dunkelheit 
zurückgeblieben  ist. 


Fünftes  Kapitel. 

Vom  wahren  und  nominellen  Preise 

der  Waren,  oder  von  ihrem  Preise  in  Arbeit 

und  ihrem  Preise  in  Geld. 

Jeder  Mensch  ist  reich  oder  arm  in  dem  Grade, 
wie  er  imstande  ist,  sich  die  Bedürfnisse,  AnnohmHch- 
keiten  und  Vergnügungen  des  menschlichen  Lebens 
zu  beschaffen.  Nachdem  aber  einmal  die  Teilung  der 
Ä-rbeit  überall  Eingang  gefunden  hat,  kann  eines 
Menschen  eigne  Arbeit  ihn  nur  mit  einem  sehr  kleinen 
Teil  dieser  Dinge  versorgen.  Den  bei  Weitem  größeren 
Teil  von  ihnen  muß  er  von  der  Arbeit  Anderer  er- 
warten, und  er  muß  reich  oder  arm  sein,  je  nach  der 
Menge  von  Arbeit,  über  die  er  verfügen  oder  die  er 
kaufen  kann.  Der  Wert  einer  Ware  ist  demnach  für 
den,  der  sie  besitzt  und  der  sie  nicht  selbst  zu  ge- 
brauchen oder  zu  verbrauchen,  sondern  gegen  andere 
Waren  umzutauschen  gedenkt,  gleich  der  Menge  Arbeit, 
welche  zu  kaufen  oder  über  welche  zu  verfügen  sie 
ihm  gestattet.  Die  Arbeit  ist  also  der  wahre  Maßstab 
des  Tauschwertes  aller  Waren. 

Der  wahre  Preis  jedes  Dinges,  der  Preis,  den  jedes 
Ding  den  Mann,  der  es  sich  verschaffen  will,  wirklich 
kostet,  ist  die  Mühe  und  Beschwerde,  die  er  hat  an- 
wenden müssen,  um  es  sich  zu  verschaffen.  Was  jedes 
Ding  dem  Manne,  der  es  sich  verschafft  hat  und  da- 
rüber   verfügen    oder    es    gegen    etwas    Anderes    ver- 


42    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

tauschen  will,  wirklich  wert  ist,  das  ist  die  Mühe  und 
Beschwerde,  welche  er  sich  dadurch  ersparen  und  auf 
andere  Leute  abwälzen  kann.  Was  mit  Geld  oder 
Waren  erkauft  ist,  wird  ebenso  wie  das,  was  wir  durch 
die  Beschwerde  des  eignen  Körpers  erwerben,  mit 
Arbeit  erkauft.  Jenes  Geld  oder  jene  Güter  ersparen 
uns  in  der  Tat  diese  Boschwerde.  Sie  enthalten  den 
Wert  einer  gewissen  Menge  Arbeit,  welche  wir  gegen 
Etwas  vertauschen,  wovon  wir  zur  Zeit  glauben,  daß 
es  den  Wert  einer  gleichen  Menge  enthalte.  Die  Ar- 
beit war  der  erste  Preis,  das  ursprüngliche  Kaufgeld, 
welches  für  alle  Dingo  gezahlt  wurde.  Nicht  mit  Gold 
oder  Silber,  sondern  mit  Arbeit  wurden  alle  Güter  der 
Welt  ursprünglich  gekauft;  und  ihr  Wert  für  die, 
welche  sie  besitzen  und  gegen  neue  Erzeugnisse  ver- 
tauschen wollen,  ist  genau  der  Arbeitsmenge  gleich, 
welche  zu  kaufen  oder  über  welche  zu  verfügen  sie 
dadurch  instand  gesetzt  sind. 

Reichtum,  sagt  Hobbes,  ist  Macht.  Wer  jedoch 
ein  großes  Vermögen  erwirbt  oder  ererbt,  erwirbt  oder 
ererbt  damit  nicht  notwendig  politische  Macht,  sei  es 
im  Zivil-  oder  Kriegsdienst.  Sein  Vermögen  wird  ihm 
vielleicht  die  Mittel  bieten,  beide  zu  erwerben,  aber 
der  bloße  Besitz  dieses  Vermögens  verschafft  ihm  nicht 
notwendig  die  eine  oder  die  andere.  Die  Macht,  die 
jener  Besitz  ihm  unmittelbar  und  direkt  verschafft,  ist 
die  Macht  zu  kaufen,  d.  h.  eine  gewisse  Herrschaft  über 
alle  Arbeit  oder  alle  Arbeitserzeugnisse,  die  sich  auf 
dem  Markte  befinden.  Sein  Vermögen  ist  größer  oder 
geringer  genau  im  Verhältnis  zum  Umfange  dieser 
Macht,  oder  zur  Menge  der  Arbeit  oder,  was  dasselbe 
ist,  der  Arbeitserzeugnisse  Anderer,  welche  zu  kaufen 
oder  über  welche  zu  verfügen  or  dadurch  instand  ge- 
setzt ist.  Der  Tauschwert  eines  jeden  Dinges  muß  stets 


Kap.  v.:  Vom   wahren  und  nominellen  Preise  der  Waren.  48 

dem  Umfange  dieser  Macht,  die  es  seinem  Besitzer 
verschafft,  vollkommen  gleich  sein. 

Obwohl  aber  die  Arbeit  der  wahre  Maßstab  des 
Tauschwertes  aller  Waren  ist,  so  ist  sie  doch  nicht 
der  Maßstab,  nach  welchem  ihr  Wert  gewöhnlich  ge- 
schätzt wird.  Es  ist  oft  schwer,  das  Verhältnis  zwischen 
zwei  verschiedenen  Arbeitsmengen  genau  zu  bestimmen. 
Die  Zeit,  die  auf  zwei  verschiedene  Arten  von  Arbeit 
verwendet  ist,  wird  allein  dies  Verhältnis  nicht  immer 
entscheiden.  Die  verschiedenen  Grade  von  erduldeter 
Mühsal  und  von  aufgewendetem  Geist  müssen  ebenfalls 
in  Rechnung  gebracht  werden.  Es  kann  in  der  schweren 
Anstrengung  einer  Stunde  mehr  Arbeit  stecken,  als  in 
zw^ei  Stunden  leichter  Beschäftigung,  und  in  der  ein- 
stündigen Ausübung  eines  Geschäfts,  dessen  Erlernung 
zehn  Jahre  Arbeit  kostete,  mehr  als  in  dem  Fleiß  eines 
ganzen  Monats  bei  einer  gewöhnlichen  und  alltäglichen 
Beschäftigung.  Allein  es  ist  nicht  leicht,  einen  genauen 
Maßstab  für  die  Mühsal  wie  für  die  Geisteskraft  zu 
finden.  Allerdings  wird  beim  wechselseitigen  Austausch 
der  Erzeugnisse  verschiedener  Arbeitsgebiete  auf  beides 
einige  Rücksicht  genommen.  Indessen  wird  das  nicht 
nach  einem  genauen  Maßstabe,  sondern  nach  dem 
Dingen  und  Feilschen  des  Marktes  ausgeglichen,  jener 
rohen  Ausgleichung  gemäß,  welche  zwar  nicht  exakt  ist, 
aber  für  die  Geschäfte  des  geraeinen  Lebens  ausreicht. 

Überdies  werden  alle  Waren  häufiger  gegen  ein- 
ander, als  gegen  Arbeit  vertauscht  und  damit  ver- 
glichen. Es  ist  daher  naturgemäßer,  ihren  Tauschwert 
nach  der  Menge  einer  anderen  Ware  zu  schätzen,  als 
nach  der  der  Arbeit,  die  sie  kaufen  kann.  Auch  vor- 
stehen die  meisten  Leute  besser,  was  mit  der  Menge 
einer  bestimmten  Ware,  als  was  mit  einer  Menge  Arbeit 
gemeint  ist.  Jenes  ist  ein  einfacher  handgreiflicher 
Gegenstand,    dieses    ein    abstrakter    Begriff,    der    sich 


44    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

zwar  hinreichend  deutlich  machen  läßt,  aber  doch  nicht 
Allen  so  natürlich  und  geläufig  ist. 

Wenn  aber  der  Tauschhandel  aufhört,  und  das  Geld 
zum  gewöhnlichen  Yerkehrsinstrument  geworden  ist, 
dann  werden  alle  Waren  häufiger  gegen  Geld,  als  gegen 
andere  Waren  vertauscht.  Der  Fleischer  bringt  selten 
sein  Rind-  oder  Hammelfleisch  zum  Bäcker  oder  zum 
Brauer,  um  es  gegen  Brot  oder  Bier  zu  vertauschen, 
sondern  er  bringt  es  auf  den  Markt,  wo  er  es  gegen 
Geld  verhandelt;  und  später  vertauscht  er  dies  Geld 
gegen  Brot  und  Bier.  Die  Menge  des  Geldes,  welches  er 
dafür  einnimmt,  bestimmt  auch  die  Menge  des  Brotes 
und  Bieres,  die  er  nachher  kaufen  kann.  Es  ist  ihm 
daher  natürlicher  und  geläufiger,  ihren  Wert  nach  der 
Menge  des  Geldes,  der  Ware,  für  welche  er  sie  unmitel- 
bar  vertauscht,  als  nach  der  des  Brotes  und  Bieres  — 
Waren,  gegen  welche  er  sie  nur  durch  Vermittelung 
einer  anderen  Ware  vertauschen  kann  —  zu  schätzen 
und  zu  sagen,  sein  Fleisch  sei  das  Pfund  drei  oder  vier 
Pence  wert,  als  es  sei  drei  oder  vier  Pfund  Brot,  oder 
drei  oder  vier  Quart  Dünnbier  wert.  Daher  kommt  es, 
daß  der  Tauschwert  aller  Waren  häufiger  nach  der 
Menge  des  Geldes,  als  nach  der  Menge  der  Arbeit 
oder  einer  andern  Ware,  die  dafür  eingetauscht  werden 
kann,  geschätzt  wird. 

Übrigens  schwanken  Gold  und  Silber,  wie  jede 
andere  Ware,  im  Wert  und  sind  bald  wohlfeiler  und 
bald  teurer,  bald  leichter  und  bald  schworer  zu  kaufen. 
Die  Menge  Arbeit,  die  für  eine  bestimmte  Menge  Gold 
oder  Silber  zu  kaufen  ist  oder  zu  Gebote  steht,  oder 
die  Menge  anderer  Güter,  welche  dafür  eingetauscht 
werden  kann,  hängt  stets  von  der  Ergiebigkeit  oder 
Armut  der  Bergwerke  ab,  die  man  zur  Zeit  gerade 
kennt.  Die  Entdeckung  der  reichen  Minen  Amerikas 
setzte  im  sechzehnten  Jahrhundert  den  Wort  von  Gold 


Kap.  v.:  Vom  wahren  iind  nominellen  Preise  der  Waren.  45 

und  Silbers  in  Europa  ungefähr  auf  den  dritten  Teil 
seines  früheren  hei-ab.  Da  es  weniger  Arbeit  kostete, 
jene  Metalle  aus  den  Minen  auf  den  Markt  zu  bi'ingen, 
so  konnten  sie  auch,  als  sie  auf  den  Markt  kamen, 
weniger  Arbeit  kaufen  oder  über  weniger  verfügen;  und 
diese  Umwälzung  in  ihrem  Werte,  obwohl  vielleicht  die 
größte,  ist  doch  keineswegs  die  einzige,  von  der  die 
Geschichte  berichtet.  Wie  aber  ein  Maßstab  der  Menge, 
welcher  selbst  stets  veränderlich  ist,  wie  z.  B.  der  natür- 
liche Fuß,  die  Armlänge  oder  die  Handvoll,  niemals 
einen  genauen  Maßstab  für  die  Menge  anderer  Dinge 
abgeben  kann,  so  kann  auch  eine  Ware,  die  in  ihrem 
eigenen  Werte  fortwährend  veränderlich  ist,  niemals 
ein  genauer  Maßstab  des  Wertes  anderer  Waren  sein. 
Gleiche  Mengen  Arbeit  sind,  wie  man  zu  sagen  berech- 
tigt ist,  zu  allen  Zeiten  und  an  allen  Orten  für  den 
Arbeiter  von  gleichem  Werte.  Bei  einem  durchschnitt- 
lichen Stande  seiner  Gesundheit,  Kraft  und  Stimmung, 
bei  dem  gewöhnlichen  Grade  seiner  Geschicklichkeit 
und  Fertigkeit  muß  er  stets  denselben  Teil  seiner  Muße, 
seiner  Freiheit  und  seines  Glückes  dafür  einsetzen. 
Der  Preis,  den  er  zahlt,  bleibt  immer  der  nämliche, 
wie  groß  auch  die  Menge  der  Güter  sei,  welche  er  als 
Ersatz  dafür  erhält.  Allerdings  kann  seine  Arbeit  bald 
eine  größere,  bald  eine  geringere  Menge  von  Waren 
kaufen;  aber  es  ist  ihr  Wert,  der  schwankt,  nicht  dei- 
der  Arbeit,  die  sie  kauft.  Immer  und  übei'all  ist 
dasjenige  teuer,  was  schwer  zu  beschaffen  ist,  oder 
dessen  Erwerbung  viel  Arbeit  kostet,  und  dasjenige 
wohlfeil,  was  leicht  oder  mit  sehr  wenig  Arbeit  zu 
haben  ist.  Einzig  und  allein  nur  die  Arbeit,  die  in 
ihrem  Werte  niemals  schwankt,  ist  mithin  der  letzte 
und  wahre  Preismaßstab,  nach  welchem  der  Wert  aller 
Waren  immer  und  überall  geschätzt  und  verglichen 
werden  kann.  Sie  ist  ihr  wahrer  Preis;  Geld  nur  ihr 
nomineller. 


46    Erstes  Bucli:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Obwohl  aber  gleiche  Mengen  Arbeit  für  den  Arbeiter 
immer  gleichen  Wert  haben,  so  scheinen  sie  doch  für 
den,  der  den  Arbeiter  beschäftigt,  bald  mehr,  bald 
weniger  wert  zu  sein.  Er  erkauft  sie  bald  mit  einer 
größeren,  bald  mit  einer  kleineren  Menge  von  Gütern, 
und  ihm  scheint  der  Preis  der  Arbeit  ebenso  wie  der 
aller  andern  Dinge  zu  schwanken.  In  dem  einen  Falle 
erscheint  sie  ihm  teuer,  in  dem  anderen  wohlfeil.  In 
Wahrheit  jedoch  sind  es  die  Güter,  die  in  dem  einen 
Falle  wohlfeil,  und  im  andern  teuer  sind. 

In  diesem  volkstümlichen  Sinne  kann  man  daher 
sagen,  die  Arbeit  habe  gleich  den  Waren  einen  wirk- 
lichen und  einen  nominellen  Preis.  Ihr  wirklicher,  kann 
man  sagen,  besteht  in  der  Menge  von  Bedürfnissen  und 
Annehmlichkniten  des .  Lebens,  welche  dafür  gegeben 
wird;  ihr  nomineller  Preis  in  der  Menge  Geld.  Der 
Arbeiter  ist  reich  oder  arm,  gut  oder  schlecht  belohnt, 
je  nach  dem  wirklichen,  nicht  dem  nominellen  Preise 
seiner  Arbeit. 

Die  Unterscheidung  zwischen  dem  wirklichen  oder 
Sachpreise  und  dem  nominellen  Preise  der  Waren  und 
der  Arbeit  ist  nicht  etwa  nur  eine  Sache  der  bloßen 
Theorie,  sondern  kann  bisweilen  in  der  Praxis  von 
großem  Nutzen  sein.  Der  gleiche  Sachpreis  hat  immer 
den  gleichen  Wert;  der  nominelle  Preis  dagegen  ist 
wegen  der  Schwankungen  im  Werte  des  Goldes  und 
Silbers  zuweilen  von  sehr  verschiedenem  Werte.  Wenn 
daher  ein  Landgut  unter  dem  Vorbehalt  einer  immer- 
währenden Rente  verkauft  wird,  und  die  Kente  stets 
denselben  Wert  haben  soll,  so  ist  es  für  die  Familie, 
zu  deren  Gunsten  dies  ausgemacht  wird,  von  Wichtig- 
keit, daß  sie  nicht  in  einer  bestimmten  Summe  Geldes 
bestehe.  In  diesem  Falle  würde  ihr  Wert  Schwan- 
kungen doppelter  Art  ausgesetzt  sein;  erstens  der, 
welche  aus  den  verschiedenen  Mengen  Goldes  und 
Silbers,   die  zu   verschiedenen  Zeiten    in  Münzen   von 


Kap.  v.:  Vom  wahron  iinrl  nominpllen  Preise  der  Waren.  47 

demselben  Nennwert  enthalten  sind,  entspringt,  und 
zAveitens  der,  welche  durch  den  verschiedenen  Wert 
gleicher  Mengen  Goldes  und  Silbers  zu  verschiedenen 
Zeiten  veranlaßt  wird. 

Fürsten  und  Republiken  haben  es  oft  für  einen 
zeitweihgen  Voi'teil  gehalten,  die  in  ihren  Münzen  ent- 
haltene Menge  reinen  Metalls  zu  vermindern ;  aber 
selten  fanden  sie  es  vorteilhaft,  sie  zu  vermehren.  Dem- 
gemäß hat,  glaube  ich,  die  Menge  des  in  den  Münzen 
aller  Nationen  enthaltenen  Metalls  sich  fast  beständig 
vermindert  und  kaum  jemals  zugenommen.  Solche  Ver- 
änderungen haben  daher  fast  überall  den  Erfolg,  den 
Wert  einer  Geldrente  zu  verringern. 

Die  Entdeckung  der  amerikanischen  Mineralschätze 
verminderte  den  Wert  des  Goldes  und  Silbers  in  Eu- 
ropa. Diese  Verringerung  geht,  wie  man  gewöhnlich, 
obgleich  nach  meinem  Dafürhalten  ohne  sichern  Be- 
weis annimmt,  noch  immer  stufenweise  fort  und  wird 
wahrscheinlich  noch  lange  Zeit  fortdauern.  Ist  diese 
Annahme  richtig,  so  werden  solche  Veränderungen  den 
Wert  einer  Geldrente  eher  vermindern,  als  vermehren, 
selbst  wenn  ihre  Zahlung  nicht  in  einer  bestimmten 
Summe  einer  so  oder  so  benannten  Münzsorte  (z.  B. 
in  so  und  so  viel  Pfund  Sterling),  sondern  in  so  und 
so  viel  Pfund  reinen  Silbers  oder  Silbers  von  einem 
gewissen  Feingehalt  ausbedungen  wäre. 

Die  in  Getreide  ausbedungenen  Renten  haben 
ihren  Wert  weit  besser  bewahrt,  als  die  in  Geld  aus- 
bedungenen, selbst  wenn  der  Nennwert  der  Münze  keine 
Änderung  erlitten  hatte.  Durch  eine  Parlamentsakte 
aus  dem  achtzehnten  Regierungsjahre  Elisabeths  wui'de 
verordnet,  daß  der  dritte  Teil  des  Pachtzinses  aller 
Universitätsgüter  in  Getreide  ausbedungon  werden  solle, 
das  entweder  in  natura  oder  nach  dem  Marktpreise  zu 
entrichten  sei.  Das  Geld,  welches  aus  dieser  Gotreide- 
rente  einkommt,  beträgt,  obgleich  ursprünglich  nur  ein 


48    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskrat't  der  Arbeit. 

Drittel  des  Ganzen,  nach  Dr.  Blackstone  gegenwärtig 
in  der  Regel  beinahe  das  Doppelte  der  andern  zwei 
Drittel.  Die  alten  Geldi'enten  der  Universitäten  müssen 
hiernach  beinahe  auf  den  vierten  Teil  ihres  früheren 
Wertes  gesunken  sein  oder  sie  sind  kaum  mehr  wert, 
als  den  vierten  Teil  des  Getreides,  welches  sie  früher 
wert  waren.  Dennoch  hat  seit  der  Regierung  Philipps 
und  Marias  der  Nennwert  der  englischen  Münze  wenig 
oder  keine  Änderung  erfahren,  und  dieselbe  Zahl 
Pfunde,  Schillinge  und  Pence  hat  immer  fast  dieselbe 
Menge  reinen  Silbeis  enthalten.  Jene  Entwertung  dei 
Geldrenten  der  Universitäten  ist  daher  ausschließlich 
durch  die  Entwertung  des  Silbers   entstanden. 

Wenn  zur  Entwertung  des  Silbers  noch  eine  Ver- 
minderung seiner  in  den  Münzen  von  gleicher  Be- 
nennung enthaltenen  Menge  hinzutritt,  so  ist  der  Verlust 
oft  noch  grüßer.  In  Schottland,  wo  der  Nennwert  der 
Münze  viel  größere  Veränderungen  erlitten  hat,  als 
jemals  in  England,  und  in  Frankreich,  wo  er  noch 
größere  erlitt,  als  jemals  in  Schottland,  sind  manche  alte 
Renten,  die  uisprünglich  einen  ansehnlichenWert  hatten, 
auf  diese  Weise  beinahe  auf  Nichts  herabgesunken. 

Gleiche  Mengen  Arbeit  werden  in  entfernten 
Epochen  mit  annähernd  gleichen  Mengen  Getreides, 
der  Hauptnahrung  der  Arbeiter,  weit  weniger  aber  mit 
gleichen  Mengen  Goldes  und  Silbers,  oder  vielleicht 
auch  aller  anderen  Waren  erkauft.  Gleiche  Mengen 
Getreide  werden  also  in  verschiedenen  Zeiten  denselben 
Sachwert  haben,  oder  den  Besitzer  befähigen,  annähernd 
dieselbe  Menge  Arbeit  andei-er  Leute  damit  zu  erkaufen 
oder  über  sie  zu  verfügen.  Sie  werden  dies,  sage  ich 
eher  tun,  als  gleiche  Mengen  fast  aller  anderen  Waren; 
denn  genau  tun  es  selbst  die  gleichen  Getreide- 
mengen nicht.  Die  Unterhaltsmittel  des  Arbeiters 
oder  der  wirkliche  Preis  der  Arbeit  ist,  wie  ich  später 


Kap.  v.:  Vom  wahren  und  noininellen  Preise  der  Waren.  49 

zeigen  weide,  unter  verschiedenen  Umständen  sehr 
verschieden:  reichlicher  bemessen  in  einer  zur  Wohl- 
habenheit fortschreitenden,  als  in  einer  stillstehenden 
Gesellschaft,  und  reichlicher  in  einer  stillstehenden,  als 
in  einer  rückwärtsgehenden.  Alle  andern  Waren  jedoch 
werden  zu  einer  gewissen  Zeit  eine  größere  oder  kleinere 
Menge  Arbeit  erkaufen,  je  nach  der  Menge  von  Lebens- 
mitteln, welche  sie  zu  dieser  Zeit  kaufen  können.  Eine 
in  Getreide  ausbedungene  Rente  ist  daher  nur  den 
Veränderungen  in  der  Arbeitsmenge  unterworfen,  die 
eine  bestimmte  Getreidemenge  kaufen  kann.  Eine  in 
irgend  einer  anderen  Ware  ausbedungene  Rente  ist 
dagegen  nicht  nur  den  Veränderungen  der  mit  einer 
gewissen  Getreidemenge  erkaufbaren  Arbeitsmenge, 
sondern  auch  den  Veränderungen  der  mit  einer  be- 
stimmten Menge  jener  Ware  erkauf  baren  Menge  Ge- 
treide ausgesetzt. 

Man  muß  indeß  beachten,  daß  der  Wert  einer 
Getreidereute  sich  zwar  von  Jahrhundert  zu  Jahr- 
hundert viel  weniger  verändert,  als  der  einer  Geld- 
rente, dafür  aber  von  Jahr  zu  Jahr  desto  mehr  schwankt. 
Der  Geldpreis  der  Arbeit  schwankt  nicht,  wie  ich 
später  zu  zeigen  suchen  werde,  von  Jahr  zu  Jahr  mit 
dem  Geldpreise  des  Getreides,  sondern  scheint  sich 
überall  nicht  dem  zeitweiligen  oder  gelegentlichen, 
sondern  dem  Durchschnitts-  oder  gewöhnlichen  Preise 
dieses  Lebensbedürfnisses  anzupassen.  Der  Durch- 
schnitts- oder  gewöhnliche  Preis  des  Getreides  wird 
wiederum,  wie  ich  gleichfalls  später  zeigen  werde, 
durch  den  Wert  des  Silbers,  durch  die  Ergiebigkeit 
oder  Unergiebigkeit  der  den  Markt  mit  diesem  Metall 
versehenden  Bergwerke  oder  durch  die  Arbeitsmenge, 
die  aufgewendet  und  folglich  des  Getreides,  das  ver- 
zehrt werden  muß,  um  eine  bestimmte  Menge  Silbers 
aus  den  Bergwerken  auf  den  Markt  zu  bringen,  be- 
Adam Smitli,  Volkswohlstand.  I.  i 


50    Erstes  Bncli:  Ziinahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

stimmt.  Der  Wert  des  Silbers  aber  ändert  sich  zwar 
zuweilen  beträchtlich  von  Jahrhundert  zu  Jahrhundert, 
doch  selten  bedeutend  von  Jahr  zu  Jahr;  sondei-n  er 
bleibt  oft  ein  halbes  oder  ein  ganzes  Jahrhundert  hin- 
durch derselbe  oder  nahezu  derselbe.  Mithin  kann 
auch  der  gewöhnliche  oder  durchschnittliche  Geldpreis 
des  Getreides  während  einer  solchen  Periode  derselbe 
oder  nahezu  derselbe  bleiben,  und  mit  ihm  auch  der 
Geldpreis  der 'Arbeit,  vorausgesetzt  natürlich,  daß  die 
Gesellschaft  auch  in  anderer  Beziehung  in  derselben 
oder  nahezu  derselben  Lage  verharrt.  Mittlerweile 
kann  der  zeitweilige  und  gelegentliche  Preis  des  Ge- 
treides oft  in  dem  einen  Jahre  doppelt  so  hoch  sein  als 
im  vorhergehenden,  und  z.  B.  der  Quarter  zwischen 
fünfundzwanzig  und  fünfzig  Schilling  schwanken. 
Wenn  aber  das  Getreide  auf  letzterem  Preise  steht,  so 
wird  nicht  nur  der  nominelle,  sondern  auch  der  Sach- 
wert einer  Getreiderente  gegen  die  vorhergehende  der 
doppelte  sein  oder  man  wird  dafür  die  doppelte  Menge 
Arbeit  oder  die  doppelte  Menge  der  meisten  anderen 
Waren  zur  Verfügung  haben,  da  der  Geldpreis  der 
Arbeit  und  mit  ihm  der  der  meisten  anderen  Dinge 
während  all  dieser  Schwankungen  unverändert  bleibt. 
Es  leuchtet  also  ein,  daß  die  Arbeit  sowohl  das 
einzige  allgemeine,  als  das  einzige  genaue  Maß  des 
Wertes  oder  der  einzige  Maßstab  ist,  nach  welchem 
die  Werte  der  verschiedenen  Waren  immer  und  überall 
verglichen  werden  können.  Es  ist  einzuräumen,  daß 
wir  den  wirklichen  Wert  verschiedener  Waren  nicht 
von  Jahrhundert  zu  Jahrhundert  nach  den  Mengen 
Silber,  die  dafür  gegeben  werden  müssen,  auch  nicht 
von  Jahr  zu  Jahr  nach  den  Getreidemengen  schätzen 
können.  Aber  nach  den  Arbeitsmengen  kann  man  ihn 
mit  der  grc)ßten  Genauigkeit  sowohl  von  Jahrhundert 
zu  Jahrhundert,  als  von  Jahr  zu  Jahr  schätzen.  Von 
Jahrhundert  zu  Jahrhundert  ist  Getreide  ein  besserer 


Kap.  v.:   Vom  waln-on   und  nominellen  Prei.se  der  Waren.   51 

Maßstab  als  Silbei-,  weil  von  Jahilnmdert  zu  Jahrhundert 
für  gleiche  Getreidomengen  viel  eher  die  nämliche  Ar- 
beitsmenge zu  haben  sein  wiid,  als  für  gleiche  Mengen 
Silber.  Umgekehrt  ist  das  Silber  ein  besserer  Maßstab 
von  Jahr-  zu  Jahr,  als  das  Getreide,  weil  für  gleiche 
Mengen  Silber  viel  eher  die  nämliche  Menge  Arbeit 
zur  Verfügung  stehen  wird. 

Obschon  es  aber  bei  Feststellung  immerwährender 
Renten  oder  selbst  bei  Abschließung  sehr  langer  Pacht- 
verti'äge  von  Nutzen  sein  kann,  zwischen  dem  wahren 
und  dem  nominellen  Preis  zu  unterscheiden,  so  hat  es 
doch  keinen  Nutzen  beim  Kauf  und  Verkauf,  den  ge- 
wöhnlicheren und  häufigeren  Geschäften  des  mensch- 
lichen Lebens. 

Zu  derselben  Zeit  und  an  demselben  Orte  stehen 
der  wirkliche  und  der  nominelle  Preis  aller  Waren  in 
genauem  Verhältnis  zu  einander.  Je  mehr  oder  weniger 
Geld  man  für  eine  Ware  z.  B.  auf  dem  Londoner 
Markte  erhält,  desto  mehr  oder  weniger  Arbeit  wird 
man  zu  dieser  Zeit  und  an  diesem  Orte  dafür  kaufen 
und  erhalten  können.  Zu  derselben  Zeit  und  an  dem- 
selben Ort  ist  daher  Geld  der  genaue  Maßstab  des 
wirklichen  Tauschwerts  aller  Waren.  Doch  ist  dies  eben 
nur  zu  derselben  Zeit  und  an  demselben  Ort  der  Fall. 

Obgleich  an  entfernten  Plätzen  kein  geregeltes  Ver- 
hältnis zwischen  dem  wirklichen  und  dem  Geldpreise 
der  Waren  besteht,  so  hat  doch  der  Kaufmann,  der 
Güter  von  einem  Ort  zum  andern  bringt.  Nichts  als 
ihren  Geldpreis  oder  den  Unterschied  zwischen  der 
Menge  Silber,  für  die  er  sie  kauft,  und  der,  für  die 
er  sie  wahrscheinlich  verkaufen  wird,  zu  beachten.  Für 
eine  halbe  Unze  Silber  mag  zu  Canton  in  China  mehr 
Arbeit  und  mehr  an  Lebens-  und  Genußmitteln  zu  haben 
sein,  als  für  eine  Unze  in  London.  Eine  Ware,  die  in 
Canton  für  eine  halbe  Unze  Silber  verkauft  wird,  kann 

4* 


52    Erstes  Euch:  Zunahme  in  der  Ertrag-skraft  der  Arbeit. 

mithin  an  diesem  Ort  in  Wirklichkeit  teurer  und  für 
ihren  Besitzer  von  größerer  Bedeutung  sein,  als  es  eine 
Ware,  die  in  London  für  eine  Unze  verkauft  wird,  für 
ihren  Besitzer  in  London  ist.  AVenn  jedoch  ein  Londoner 
Kaufmann  zu  Canton  für  eine  halbe  Unze  Silber  eine 
Ware  kaufen  kann,  die  er  hernach  in  London  für  eine 
Unze  zu  verkaufen  imstande  ist,  so  gewinnt  er  hundert 
Prozent  bei  dem  Handel,  gerade  so  viel,  als  wenn  eine 
Unze  Silber  in  London  ganz  denselben  AVert  hätte,  als 
in  Canton.  Es  kommt  für  ihn  nicht  in  Betracht,  daß 
er  für  eine  halbe  Unze  Silber  in  Canton  mehr  Arbeit 
und  eine  gr()ßere  Menge  Lebens-  und  Genußmittel  zur 
Verfügung  haben  würde,  als  für  eine  Unze  in  London. 
Eine  Unze  verschafft  ihm  auch  in  London  doppelt  so 
viel,  als  was  ihm  eine  halbe  Unze  daselbst  verschaffen 
könnte,  und  das  ist  es  gerade,  was  er  wünscht. 

Da  es  also  der  nominelle  oder  Geldpreis  ist,  der 
schließlich  über  die  Vorsichtigkeit  und  Unvorsichtig- 
keit aller  Käufe  und  Verkäufe  entscheidet,  und  des- 
halb fast  alle  Geschäfte  des  täglichen  Lebens,  in  denen 
es  auf  den  Preis  ankommt,  regelt,  so  ist  es  kein  Wun- 
der, daß  man  auf  ihn  so  viel  mehr  als  auf  den  wirk- 
lichen Preis  geachtet  hat. 

In  einem  Werke  jedoch,  wie  das  gegenwärtige, 
kann  es  zuweilen  nützlich  sein,  die  wirklichen  Werte 
einer  Ware  zu  verschiedenen  Zeiten  und  an  verschie- 
denen Orten,  oder  die  verschiedenen  Grade  der  Macht 
über  die  Arbeit  Anderer,  die  sie  in  verschiedenen 
Fällen  ihren  Besitzern  verliehen  haben  kann,  zu  ver- 
gleichen. Wir  müssen  in  diesem  Falle  nicht  sowohl  die 
verschiedenen  Mengen  Silber,  für  die  die  Ware  ge- 
wöhnlich verkauft  wurde,  als  die  verschiedenen  Mengen 
Arbeit,  die  für  jene  verschiedenen  Mengen  Silber  zu 
kaufen  waren,  vergleichen.  Allein  die  üblichen  Preise 
der  Arbeit  in  entlegenen  Zeiten  und  Orten  sind  kaum 


Kap.  v.:  Vom  walircii   uml  nominellen  Preise  der  Waren.  53 

jemals  mit  einiger  Genauigkeit  zu  ermitteln.  Die  Ge- 
treidepreise sind,  obwohl  auch  sie  nur  an  wenigen 
Orten  regelmäßig  aufgezeichnet  wurden,  im  Allge- 
meinen bekannt,  und  von  Geschichtsschreibern  und 
anderen  Schriftstellern  öfters  erwähnt  worden.  Daher 
müssen  wir  uns  im  Allgemeinen  an  ihnen  genügen 
lassen;  nicht  weil  sie  zu  dem  üblichen  Preise  der  Ar- 
beit immer  genau  in  demselben  Verhältnis  ständen, 
sondern  weil  sie  sich  gewöhnlich  diesem  Verhältnis 
am  meisten  nähern.  Ich  werde  künftig  Gelegenheit 
haben,   einige  Vergleichungen   dieser  Art  zu   machen. 

Bei  zunehmender  Betriebsamkeit  fanden  es  die 
handeltreibenden  Nationen  zweckmäßig,  verschiedene 
Metalle  zu  Geld  auszuprägen ;  Gold  für  größere  Zahl- 
ungen, Silber  für  Käufe  von  mäßigem  Werte,  und 
Kupfer  oder  ein  anderes  unedles  Metall  für  Käufe  von 
noch  geringerem  Belang.  Doch  betrachteten  sie  stets 
eines  dieser  Metalle  vorzugsweise  als  Maßstab  des 
Wertes,  und  diesei'  Vorzug  scheint  im  iVllgemeinen 
demjenigen  Metall  gegeben  worden  zu  sein,  welches 
sie  gerade  zuerst  als  Tauschwerkzeug  gebraucht  hatten. 
Nachdem  sie  einmal  angefangen  hatten,  es  als  ihren 
Maßstab  zu  benutzen  (was  sie  tun  mußten,  so  lange 
sie  noch  kein  anderes  Geld  hatten),  blieben  sie  ge- 
wöhnlich dabei,  auch  wenn  die  Nötigung  nicht  mehr 
die  gleiche  war. 

Die  Römer  sollen  bis  zum  fünften  Jahre  vor  dem 
ersten  punischen  Kriege'''),  wo  sie  zuerst  Silber  aus- 
münzten, nur  Kupfei-geld  gehabt  haben.  Daher  scheint 
Kupfer  auch  stets  der  Wertmaßstab  in  dieser  Republik 
geblieben  zu  sein.  In  Rom  scheinen  alle  Rechnungen 
und  der  Wert  aller  Grundstücke  entweder  nach  Assen 
oder  Sestertien  aufgestellt  worden  zu  sein.  As  war 
immer  der  Name  einer  Kupfermünze.  Das  Wort  Sester- 

''')  Plinins  lib.  XXXIII,  c.  3. 


54    Erstes  Bucli:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

tius  bedeutet  zwei  und  einen  halben  As.  Obgleich 
also  der  Sestertius  ursprünglich  eine  Silbermünze  war, 
so  wurde  sein  Wert  doch  in  Kupfer  angegeben.  Von 
einem,  der  viel  Geld  schuldig  war,  sagte  man  in  ßom, 
er  habe  viel  von  anderer  Leute  Kupfer. 

Die  nordischen  Völker,  welche  sich  auf  den  Ruinen 
des  römischen  Reiches  festsetzten,  scheinen  gleich  im 
Anfang  ihrer  Niederlassungen  Silbergeld  gehabt  und 
noch  lange  Zeit  danach  weder  Gold-  noch  Kupfer- 
münzen gekannt  zu  haben.  In  England  gab  es  zur  Zeit 
der  Sachsen  Silbermünzen,  Gold  aber  wurde  bis  zur 
Zeit  Eduards  III.  nur  wenig,  und  Kupfer  bis  auf 
Jakob  I.  von  Großbritannien  gar  nicht  gemünzt.  Des- 
halb wurden  in  England,  und  aus  dem  gleichen  Grunde 
wohl  unter  allen  andern  neueren  Völkern  Europas,  alle 
Rechnungen  und  der  Wert  aller  Waren  und  Grund- 
stücke allgemein  in  Silber  berechnet;  und  wenn  wir  die 
Summe  eines  Vermögens  angeben  wollen,  so  sprechen 
wir  selten  von  der  Anzahl  Guineen,  sondern  gewöhnlich 
von  der  Zahl  Pfunde  Sterling,  auf  die  wir  es  schätzen. 

Ursprünglich  war,  glaube  ich,  in  allen  Ländern  nur 
die  Münze  aus  demjenigen  Metall,  welches  vorzugsweise 
als  Wertmaßstab  oder  Wertmesser  betrachtet  wurde, 
gesetzliches  Zahlungsmittel.  In  England  sah  man  das 
Gold  noch  lange,  nachdem  es  schon  zu  Geld  gemünzt 
wurde,  nicht  als  gesetzliches  Zahlungsmittel  an.  Das 
Wertverhältnis  zwischen  dem  Gold-  und  Silbergold 
war  nicht  durch  Gesetz  oder  Verordnung  festgestellt, 
sondern  seine  Bestimmung  war  dem  Markte  überlassen. 
Wenn  ein  Schuldner  Zahlung  in  Gold  anbot,  so  konnte 
der  Gläubiger  eine  solche  Zahlung  entweder  ganz  zurück- 
weisen, oder  sie  nach  einer  mit  dem  Schuldner  zu  ver- 
einbarenden Schätzung  des  Goldes  annehmen.  Ku|)fer 
ist  gegenwärtig  nur  für  die  Verwechslung  kleiner  Silber- 
münzen gesetzliches  Zahlungsmittel.  In  diesem  Stadium 


Kap.  v.:   Vom  vvuhron    und  nominellen  Prei.se  der  Waren.   55 

war  die  Unterscheidung  zwischen  dem  Währungsmetall 
und  demjenigen,  das  dies  nicht  war,  etwas  mehr  als 
eine  blos  nominelle  Unterscheidung. 

Im  Verlauf  der  Zeit,  und  als  die  Leute  mit  dem 
Gebrauch  der  verschiedenen  gemünzten  Metalle  all- 
mählich vertrauter  wurden  und  sich  folglich  an  das 
Verhältnis  zwischen  ihren  bezüglichen  Werten  besser 
gewöhnten,  fand  man  es  in  den  meisten  Ländern,  wie 
ich  glaube,  zweckmäßig,  dies  Verhältnis  festzustellen, 
und  durch  Gesetz  zu  bestimmen,  daß  z.  B.  eine  Guinee 
von  dem  und  dem  Schrot  und  Korn  einundzwanzig 
Schilling  gelten  oder  ein  gesetzliches  Zahlungsmittel 
für  eine  Schuld  von  diesem  Betrage  sein  solle.  In 
diesem  Stadium  und  während  der  Dauer  eines  derartig- 
geregelten  Verhältnisses  wird  die  Unterscheidung 
zwischen  dem  Währungsmetall  und  demjenigen,  das 
dies  nicht  ist,  wenig  mehr  als  eine  nominelle. 

Infolge  einer  Veränderung  dieses  geregelten  Ver- 
hältnisses wird  jedoch  diese  Unterscheidung  wieder 
etwas  mehr,  als  eine  bloß  nominelle,  oder  scheint  es 
wenigstens  zu  werden.  Wenn  z.  B.  der  geregelte  Wort 
einer  Guinee  entweder  auf  zwanzig  Schilling  vermindert 
oder  auf  zweiundzwanzig  erhöht  würde,  so  könnte,  da 
alle  Rechnungen  in  Silbergeld  geführt  und  fast  alle 
Schuldverschreibungen  in  diesem  ausgedrückt  sind,  der 
größte  Teil  der  Zahlungen  zwar  in  beiden  Fällen  mit 
derselben  Summe  Silbergeldes,  wie  früher,  geleistet 
werden,  würde  aber  in  Goldmünze  eine  sehr  abweichende 
Summe  erfordern:  eine  größere  in  dem  einen,  eine 
kleinere  in  dem  anderen  Falle.  Das  Silber  würde  in 
seinem  Werte  unveränderlicher  erscheinen,  als  das  Gold; 
es  würde  scheinen,  daß  das  Silber  den  Wert  des  Goldes, 
nicht  aber  das  Gold  den  dos  Silbers  messe.  Der  Weit 
des  Goldes  würde  von  der  Monge  Silbers,  gegen  die  es 
umtauschbar  wäre,  abhängig  scheinen,    und  der  Wert 


56    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

des  Silbers  würde  von  der  Menge  Gold,  die  dafür 
zu  haben  wäre,  unabhängig  scheinen.  Dieser  Unter- 
schied hätte  jedoch  seinen  Grund  lediglich  in  der  Ge- 
wohnheit, die  Rechnungen  lieber  in  Silber  als  in  Gold 
zu  führen  und  den  Betrag  aller  großen  und  kleinen 
Summen  in  Silbergeld  auszudrücken.  Eine  von  Herrn 
Drummonds  Noten  über  fünfundzwanzig  oder  fünfzig 
Guineen  würde  nach  einer  solchen  Veränderung  immer 
noch,  wie  früher,  mit  fünfundzwanzig  oder  fünfzig 
Guineen  zu  bezahlen  sein.  Sie  wäre  nach  einer  solchen 
Veränderung  mit  der  nämlichen  Menge  Gold  zu  be- 
zahlen, wie  früher,  aber  mit  sehr  verschiedenen  Mengen 
Silbers.  Hat  man  eine  solche  Note  zu  zahlen,  so  würde 
das  Gold  in  seinem  Werte  unveränderlicher  zu  sein 
scheinen,  als  das  Silber.  Gold  würde  den  Wert  des 
Silbers,  nicht  aber  Silber  den  des  Goldes  zu  messen 
scheinen.  Wenn  die  Gewohnheit,  Rechnungen  und 
Zahlungsversprechen,  so  wie  andere  Schuldverschrei- 
bungen, in  dieser  Weise  auszustellen,  einmal  allgemein 
werden  sollte,  so  würde  das  Gold,  und  nicht  das  Silber 
als  das  Metall  betrachtet  werden,  das  vorzugsweise  der 
Wertmaßstab  oder  Wertmesser  wäre. 

In  Wirklichkeit  regelt  während  der  Dauer  eines 
zwischen  den  bezüglichen  Werten  der  verschiedenen 
Münzmetalle  festgesetzten  Verhältnisses  der  Wert  des 
kostbarsten  Metalls  den  Wert  des  gesamten  Geldes. 
Zwölf  Kupferpen ce  enthalten  ein  halbes  Pfund  (Soll- 
gewicht) Kupfer  nicht  von  der  besten  Qualität,  welches, 
bevor  es  gemünzt  ist,  kaum  sieben  Pence  an  Silber  wert 
ist.  Da  aber  gesetzlich  zwölf  solche  Pence  einen 
Schilling  gelten,  so  werden  sie  auf  dem  Markte  als 
einen  Schilling  wert  betrachtet  und  kann  man  zu  jeder 
Zeit  einen  Schilling  dafür  erhalten.  Vor  der  letzten 
Umj)iägung  der  britischen  Goldmünzen  war  das  Gold, 
wenigstens  so  viel  davon  in  London    und  seiner  Um- 


Kap.  v.:  Vom  wahren  und  nominellen  Preise  der  Waren.  57 

gegend  im  Umlauf  war,  im  Allgemeinen  weit  weniger 
als  das  meiste  Silber,  unter  sein  gesetzliches  Gewicht 
gesunken.  Dennoch  wurden  einundzwanzig  abgenutzte 
und  verwischte  Schillinge  als  gleichwertig  mit  einer 
Guinee  betrachtet,  welche  allerdings  Tielleicht  auch  ab- 
genutzt und  verwischt  war,  aber  doch  selten  in  solchem 
Grade.  Die  neueren  Regelungen  haben  die  Goldmünze 
ihrem  Normalge  wicht  vielleicht  so  nahe  gebracht,  als 
dies  überhaupt  mit  dem  Kurantgeld  eines  Landes 
möglich  ist,  und  die  Verordnung,  kein  Gold  bei  den 
Staatskassen  anders  als  nach  dem  Gewicht  anzunehmen, 
wird  dieses  wahrscheinlich  so  lange  vollwichtig  erhalten, 
als  jene  Verordnung  aufrecht  erhalten  bleibt.  Die 
Silbermünze  ist  noch  immer  in  demselben  abgenutzten 
und  verschlechterten  Zustande,  wie  vor  dei"  Umprä- 
gung der  Goldmünze.  Auf  dem  Markt  jedoch  werden 
einundzwanzig  Schillinge  dieser  verschlechtorten  Silber- 
münze noch  immer  als  dem  Wert  einer  Guinee  von  dieser 
ausgezeichneten    Goldmünze    entsprechend    betrachtet. 

Die  Umprägung  der  Goldmünze  hat  offenbar  den 
Wert  der  Silbermünze,  die  dagegen  umgewechselt 
werden  kann,  gesteigert. 

In  der  englischen  Münze  wird  ein  Pfund  Gold  zu 
vierundvierzig  einer  halben  Guinee  ausgemünzt,  was,  die 
Guinee  zu  einundzwanzig  Schilling  gerechnet,  sechs- 
undvierzig Pfund  Sterling,  vierzehn  Schilling  und  sechs 
Pence  ausmacht.  Die  Unze  gemünzten  Goldes  ist  mithin 
£3  17  sh.  10^2  d.  in  Silber  wert.  In  England  wird 
kein  Aufschlag  oder  Schlagschatz  für  das  Prägen  ge- 
zahlt, und  wer  ein  Pfund  oder  eine  Unze  vollwichtiges 
Goldbullion  zur  Münze  bringt,  bekommt  ein  Pfund 
oder  eine  Unze  in  gemünztem  Golde  ohne  allen  Ab- 
zug zurück.  Drei  Pfund,  siebzehn  Schilling  und  zehn 
und  ein  halber  Penny  die  Unze,  nennt  man  daher  in 
England   den  Münzpreis   des  Goldes   oder   die   Menge 


58    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft   der  Arbeit. 

gemünzten  Goldes,  die  die  Münze  für  vollwichtiges 
Goldbullion  zurückgibt. 

Vor  der  Umprägung  der  Goldmünze  war  der 
Marktpreis  der  Unze  vollwichtigen  Goldbullions  viele 
Jahre  hindurch  über  £  3.  18  sh.,  manchmal  £  3.  19  sh.  und 
sehr  oft  £  4;  diese  Summe  wahrscheinlich  in  der  ab- 
genutzten und  verschlechterten  Goldmünze,  die  selten 
mehr  als  eine  Unze  vollwichtigen  Goldes  enthielt.  Seit 
der  Umprägung  der  Goldmünze  übersteigt  der  Markt- 
preis der  Unze  vollwichtigen  Barrengoldes  selten 
£  3.  17  sh.  7  d.  Vor  der  Umprägung  stand  der  Marktpreis 
stets  mehr  oder  weniger  über  dem  Münzproise;  nach 
ihr  hingegen  beständig  darunter.  Doch  ist  dieser 
Marktpreis  derselbe,  gleichviel  ob  er  in  Gold-  oder 
Silbermünze  gezahlt  wird.  Die  letzte  Umprägung  hat 
mithin  nicht  nur  den  Wert  der  Goldmünze,  sondern 
gleicherweise  den  der  Silbermünze  im  Verhältnis  zum 
Goldbullion  und  wahrscheinlich  auch  im  Verhältnis 
zu  allen  andern  Waren  erhöht,  obgleich  wegen  des 
Einflusses,  den  so  manche  andere  Umstände  auf  den 
Preis  der  meisten  andern  Waren  haben,  die  Erhöhung 
des  Wertes  sowohl  der  Gold-  wie  der  Silbermünzen, 
im  Vergleich  mit  dem  Warenpreise,  nicht  so  deutlich 
und  fühlbar  sein  kann. 

In  der  englischen  Münze  wird  ein  Pfund  vollwich- 
tigen Barrensilbers  zu  zweiundsochzig  Schilling  ausge- 
münzt, die  ebenfalls  ein  richtiges  Pfund  vollwichtigen 
Silbers  enthalten.  Fünf  Schillng  und  zwei  Pence  die 
Unze,  heißt  daher  in  England  der  Münzpreis  des  Sil- 
bers oder  die  Menge  Siibermünze,  die  die  Münze  für 
vollwichtiges  Barrensilber  gibt.  Vor  der  Umprägung 
der  Goldmünze  war  der  Marktpreis  des  vollwichtigen 
Barrensilbers  nach  Umständen  fünf  Schilling  und  vier 
Pence,  fünf  Schilling  und  fünf  Pence,  fünf  Schilling 
und  sechs  Pence,  fünf  Schilling  und  sieben  Pence, 
und   sehr  oft  fünf  Schilling  und  acht  Pence  die  Unze. 


Kap.  v.:  Vom  wahren  und  nominellen  Preise  der  Waren.  59 

Doch  scheint  fünf  Schilling  und  sieben  Pence  der  ge- 
wöhnlichste Preis  gewesen  zu  sein.  Seit  der  Uniprä- 
gung  der  Goldmünze  ist  der  Marktpreis  des  vollwichti- 
gen Barrensilbers  gelegentlich  auf  fünf  Schilling  und 
drei  Pence,  fünf  Schilling  und  vier  Pence,  und  fünf 
Schilling  und  fünf  Pence  die  Unze  gefallen,  welchen 
letzten  Preis  es  kaum  je  überstiegen  hat.  Obgleich  der 
Marktpreis  des  Barrensilbers  seit  der  Umprägung  der 
Goldmünze  beträchtlich  gefallen  ist,  so  ist  er  doch 
nicht  so  tief  gefallen  wie  der  Münzpreis. 

Wie  in  dem  Vorhältnisse  zwischen  den  verschie- 
denen Metallen  der  englischen  Münzen  das  Ku[)Fer 
weit  über  seinen  wirklichen  "Wert  angesetzt  ist,  so  das 
Silber  etwas  unter  ihm.  Auf  dem  europäischen  Markte, 
in  den  französischen  und  holländischen  Münzen  gilt 
eine  Unze  feinen  Goldes  etwa  vierzehn  Unzen  feinen 
Silbers.  Nach  englischem  Münzfuß  gilt  sie  etwa  fünf- 
zehn Unzen,  d.  h.  mehr  Silber  als  sie  nach  der  allge- 
meinen Schätzung  Europas  wert  ist.  So  wenig  aber 
der  Preis  des  rohen  Kupfers  in  England  durch  den 
hohen  Preis  des  Kupfers  in  den  englischen  Münzen 
gestiegen  ist,  so  wonig  ist  der  Preis  des  Barrensilbers 
durch  den  niedrigen  Satz  des  Silbers  in  den  englischen 
Münzen  gefallen.  Barrensilbor  steht  noch  in  seinem 
richtigen  Verhältnis  zum  Golde,  aus  demselben  Grunde, 
aus  dem  rohes  Kupfer  noch  in  seinem  richtigen  Ver- 
hältnis zum  Silber  steht. 

Nach  der  Umprägung  der  Silbermünze  unter  der 
Regierung  Wilhelms  IIJ.  blieb  der  Preis  des  Barren- 
silbers noch  immer  etwas  über  dem  Münzpreise.  Locke 
schrieb  diesen  hohen  Preis  dem  Umstände  zu,  daf.5  es 
wohl  gestattet  war,  Barrensilber,  aber  nicht  Silber- 
münze auszufüliren.  Jene  Ausfulirorhiubnis,  sagt  er, 
mache  die  Nachfrage  nach  iiai'rcnsilber  größer  als  die 
nach    Silbermünzo.     Allein    die   Zahl    derer,    die    zum 


60    Erstes  Buch:  Zmialime  in  der  Ertragski-aft  der  Arbeit. 

täglichen  Gebrauch  beim  Kaufen  und  Verkaufen  im  Lande 
Silbermünzc  nötig  haben,  ist  sicherHch  weit  gr()ßer,  als 
die  Zahl  derer,  welche  zur  Ausfuhr  oder  zu  irgend  einem 
anderen  Zweck  Barrensilber  brauchen.  Es  ist  gegen- 
wärtig  auch  gestattet  Goldbarren  —  und  verboten,  Gold- 
münzen auszuführen;  und  dennoch  ist  der  Preis  der 
Goldbarren  unter  den  Münzpreis  gefallen.  Aber  damals 
wurde  ganz  so  wie  jetzt,  in  den  englischen  Münzen 
das  Silber  im  Verhältnis  zum  Golde  zu  niedrig  ausge- 
bracht, und  die  Goldmünze,  von  der  man  zu  jener  Zeit 
auch  nicht  glaubte,  daß  sie  einer  Umprägung  bedürfe, 
regelte  ebenso  wie  jetzt,  den  wahren  Wert  aller  Mün- 
zen. Da  die  Umprägung  der  Silbermünze  den  Preis 
des  Barrensilbers  damals  nicht  auf  den  Münzpreis 
herabsetzte,  so  ist  es  nicht  sehr  wahrscheinlich,  daß 
eine  ähnliche  Umprägung  dies  jetzt  bewirken    würde. 

Wäre  die  Silbermünze  ihrem  Normalgewicht  so 
nahe  gebracht,  wie  das  Gold,  so  würde  man  nach  dem 
jetzigen  Verhältnis  für  eine  Guinee  wahrscheinlich  mehr 
Silber  in  Münze  erhalten,  als  in  Barren.  Enthielte  das 
Silbergeld  sein  volles  gesetzliches  Gewicht,  so  würde 
es  vorteilhaft  sein,  es  einzuschmelzen,  um  es  erst  in 
Barren  für  Goldmünze  zu  verkaufen,  und  diese  Gold- 
münze dann  wieder  gegen  Silbergeld  umzuwechseln, 
um  dies  gleichfalls  einzuschmelzen.  Eine  Änderung  im 
gegenwärtigen  Verhältnis  scheint  das  einzige  Mittel 
zu  sein,  diesem  Übelstande  zu  steuern. 

Der  Ubelstand  wäre  vielleicht  geringer,  wenn  das 
Silber  in  den  Münzen  um  eben  so  viel  über  seinem 
richtigen  Verhältnis  zum  Golde  ausgebracht  würde, 
als  jetzt  unter  ihm,  vorausgesetzt,  es  werde  zu  gleicher 
Zeit  verordnet,  daß  Silber  nicht  für  mehr  als  eine  Guinee 
gesetzliches  Zahlungsmittel  sein  solle,  gerade  so,  wie 
Kupfer  nicht  für  mehr  als  einen  Schilling  gesetzliches 
Zahlungsmittel  ist.    In  diesem  Falle  könnte  kein  Gläu- 


Kap.  v.:  Vom   waliron  ximl  nominellen  Preise  der  Waren,   ßl 

biger  durch  die  hohe  Wertung  des  Silbers  in  den  Münzen 
beeinträchtigt  werden,  so  wenig  jetzt  ein  Gläubiger  durch 
die  hohe  Wertung  des  Kupfers  verkürzt  wird.  Nur  die 
Bankiers  würden  unter  dieser  Anordnung  leiden.  AVenn 
ein  Andrang  zu  ihren  Zahlstellen  entsteht,  so  suchen  sie 
zuweilen  dadurch  Zeit  zu  gewinnen,  daß  sie  in  Six- 
pence-Stücken  zahlen;  durch  jene  Anordnung  aber 
würde  ihnen  dies  schimpfliche  Mittel,  einer  unmittelbaren 
Zahlung  auszuweichen,  abgeschnitten  sein.  Sie  würden 
sich  deshalb  gezwungen  sehen,  stets  eine  größere  Summe 
baren  Geldes  in  ihren  Kassen  liegen  zu  haben,  als  ge- 
genwärtig und  wenn  dies  auch  ohne  Zweifel  eine  große 
Unbequemlichkeit  für  sie  sein  könnte,  so  wäre  es  doch 
gleichzeitig  für  ihre  Gläubiger  eine  große  Sicherheit. 
Drei  Pfund,  siebzehn  Schilling  und  zehn  und  ein 
halber  Penn}^  (der  Münzpreis  des  Goldes)  enthalten  selbst 
in  unserer  dermaligen  ausgezeichneten  Goldmünze  gewiß 
nicht  mehr  als  eine  Unze  vollwichtigen  Goldes,  und  soll- 
ten also,  wie  man  denken  könnte,  auch  nicht  mehr  in 
vollwichtigen  Barren  zu  kaufen  vermögen.  Allein  ge- 
münztes Gold  ist  bequemer  als  Gold  in  Stangen,  und 
obwohl  in  England  das  Prägen  kostenfrei  geschieht,  so 
kann  doch  das  in  Stangen  zur  Münze  gebrachte  Gold 
dem  Eigentümer  selten  früher,  als  nach  Verlauf  einiger 
Wochen,  gemünzt  zurückgegeben  werden.  In  dem  jet- 
zigen Geschäftsdrange  der  Münze  könnte  es  erst  nach 
Verlauf  mehrerer  Monate  zurückgegeben  werden.  Dieser 
Verzug  kommt  einer  kleinen  Abgabe  gleich  und  macht 
gemünztes  Gold  etwas  wertvoller,  als  eine  gleiche  Menge 
Stangengold.  AVenn  in  den  englischen  Münzen  das 
Silber  nach  seinem  richtigen  Verhältnis  zum  Golde  aus- 
gebracht würde,  so  würde  der  Preis  des  Barrensilbers 
wahrscheinlich  schon  ohne  alle  Umprägung  der  Silber- 
münzen unter  den  Münzpreis  herabsinken,  da  sogar  der 
Wert  der  jetzigen  abgenutzten  und  verwischten  Silber- 


62    Erstes  Biich:  Zunahme  in  der  Ertragskral't  der  Arbeit. 

münzen  sich  nach  dem  Werte  der  vortrefflichen  Gold- 
münzen richtet,  für  die  es  umgetauscht  werden  kann. 

Ein  kleiner  Schlagschatz  o.ler  Aufschlag  sowohl  auf 
die  Gold-  wie  auf  die  Silbermünzen  würde  wahrschein- 
lich die  höhere  Geltung  dieser  Metalle  im  gemünzten, 
als  im  ungeprägten  Zustande  noch  steigern.  Das  Prägen 
würde  in  diesem  Falle  den  Wert  des  gemünzten  Metalls 
um  diese  kleine  Gebühr  erhöhen,  aus  demselben  Grunde, 
aus  dem  die  Facon  den  Wert  eines  Tafelgeschirrs  um 
den  Preis  der  Facon  erhöht.  Die  höhere  Geltung  der 
Münzen  als  der  Barren  würde  dem  Einschmelzen  der 
Münze  vorbeugen  und  von  ihrer  Ausfuhr  abhalten. 
Wenn  irgend  ein  öffentliches  Bedürfnis  es  nötig  machen 
sollte,  die  Münzen  auszuführen,  so  würde  der  größte 
Teil  von  ihnen  bald  von  selbst  wieder  zurückkehren. 
Im  Auslande  könnte  sie  nur  nach  ihrem  Barrengewicht 
verkauft  werden;  im  Lande  dagegen  gilt  sie  mehr  als 
dies  Gewicht,  und  es  wäre  daher  vorteilhaft,  sie  wieder 
nach  Hause  zu  bringen.  In  Frankreich  wird  ein  Schlag- 
schatz von  etwa  acht  Procent  vom  Prägen  erhoben, 
und  die  französische  Münze  soll,  wenn  sie  ausgeführt 
war,  von  selbst  ins  Land  zurückkehren. 

Die  gelegentlichen  Schwankungen  im  Marktpreise 
der  Gold-  und  Silberbarren  entstehen  aus  denselben 
Ursachen  wie  die  gleichen  Schwankungen  im  Preise 
aller  andern  Waren.  Das  häufige  Verlorengehen  dieser 
Metalle  bei  Unfällen  zur  See  und  zu  Lande,  ihr  fort- 
währender Abgang  durch  Vergolden  und  Plattieren,  in 
Borten  und  Stickereien,  durch  Abnutzung  des  Geldes 
und  Geschiirs  erfordert  in  allen  Ländern,  die  keine 
eigenen  Minen  besitzen,  zum  Ersatz  dieses  Verlustes  und 
Abganges  eine  beständige  Einfuhr.  Die  Importeure 
werden,  wie  alle  anderen  Kaufleute,  ihre  gelegentlichen 
Einfuhren  wahrscheinlich  der  mutmaßlichen  Nachfrage 
anzupassen    suchen.       Doch    tun    sie    darin    trotz    all 


Kap.  v.:  Vom  wahren   und  nominellen  Preise  der  "Waren.   (5.3 

ihrer  Aufmerksamkeit  manchmal  zu  viel  und  manchmal 
zu  wenig.  Wenn  sie  mehr  Barren  einführen,  als  bo- 
gehit  worden,  so  verkaufen  sie  bisweilen,  um  nur  nicht 
die  Gefahr  und  Mühe  der  AViederausfuhr  zu  haben, 
einen  Teil  von  ihnen  etwas  unter  dem  gewöhnlichen 
oder  Durchschnittspreise.  Haben  sie  dagegen  weniger 
eingeführt,  als  gebiaucht  wird,  so  nehmen  sie  etwas 
mehr  als  diesen  Preis.  Hält  aber  unter  all  diesen  zu- 
fälligen Schwankungen  der  Marktpreis  der  Gold-  oder 
Silbei'barren  mehreie  Jahre  hindurch  stetig  und  un- 
unterbrochen sich  entweder  über  oder  unter  dem  Münz- 
preise, so  künnen  wir  sicher  sein,  daß  diese  feste  Be- 
ständigkeit des  höheren  oder  niedrigeren  Preises  durch 
Etwas  in  dem  Zustande  der  Münze  bewirkt  sei,  was 
dermalen  einer  bestimmten  Münzmenge  entweder  mehr 
odei-  weniger  Weit  gibt,  als  der  genauen  Menge  Metall, 
die  sie  enthalten  sollte.  Die  Beständigkeit  und  »Stetig- 
keit der  Wirkung  setzt  eine  gleiche  Beständigkeit  und 
Stetigkeit  in  der  Ursache  voraus. 

Das  Geld  eines  Landes  ist  zu  bestimmter  Zeit  und 
an  bestimmtem  Orte  ein  mehr  oder  weniger  genauer 
Wertmesser,  je  nachdem  die  umlaufenden  Münzen 
mehr  oder  weniger  vollwichtig  sind,  oder  mehr  oder 
weniger  genau  die  Quantität  reineri  Goldes  oder  Silbers 
enthalten,  die  sie  enthalten  sollen.  Enthielten  z.  B.  in 
England  vierund vierzig  und  eine  halbe  Guinee  genau 
ein  Pfund  vollwichtigen  Goldes,  oder  elf  Unzen  feines 
Gold  und  eine  Unze  Zusatz,  so  würde  die  englische 
Goldmünze  ein  so  genauer  Maßstab  für  den  jeweiligen 
Wert  der  Waren  sein,  als  die  Natur  der  Dinge  dies 
überhaupt  zuläßt.  Wenn  aber  vierundvierzig  und  eine 
halbe  Guinee  infolge  der  Abnutzung  im  Allgemeinen 
weniger  als  ein  Pfund  vollwichtiges  Gold  enthalten, 
wobei  jedoch  die  Verminderung  in  einigen  Stücken 
größer  ist,  als  in  andeien,  so  unterliegt  der  Wertmesser 


(54    Ki'i^tes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

demselben  Lose  der  Unzuverlässigkeit,  dem  alle  anderen 
Gewichte  und  Maße  gewühnlicli  ausgesetzt  sind.  Da 
diese  selten  genau  mit  ihrem  Original  übereinstimmen, 
so  bestimmt  der  Kaufmann  nicht  nach  dem,  was  diese 
Gewichte  und  Maße  sein  sollten,  sondern  nach  dem, 
was  sie  nach  seiner  Erfahrung  im  Durchschnitt  wirk- 
lich sind,  so  gut  er  kann,  den  Preis  seiner  Waren. 
Auf  dieselbe  Weise  wird  infolge  einer  gleichen  Ver- 
wirrung in  der  Münze  der  Preis  der  Güter  nicht  nach 
der  Menge  reinen  Goldes  oder  Silbers  bestimmt,  welche 
das  Geld  enthalten  sollte,  sondern  nach  der,  die  es 
erfahrungsmäßig  im  Durchschnitt  wirklich  enthält. 

Unter  dem  Geldpreise  der  Güter  verstehe  ich,  was 
zu  beachten  ist,  stets  die  Menge  reinen  Goldes  oder 
Silbers,  für  welche  sie  verkauft  werden,  ohne  alle 
Rücksicht  auf  die  Benennung  der  Münze.  Sechs 
Schillinge  und  acht  Pence  zur  Zeit  Eduards  I.  sehe 
ich  z.  B.  als  gleichwertig  mit  einem  Pfund  Sterling 
in  unserer  Zeit  an,  weil  sie,  soweit  wir  darüber  urteilen 
können,  dieselbe  Menge  reinen  Silbers  enthielten. 


Sechstes   Kapitel. 
Die  Bestandteile  des  Warenpreises. 

In  dem  ersten  rohen  Zustande  der  Gesellschaft, 
der  der  Kapitalanhäufung  und  Landaneignung  vorher- 
geht, scheint  das  Verhältnis  zwischen  den  Arbeits- 
raengen,  die  zur  Erlangung  der  verschiedenen  Gegen- 
stände notwendig  sind,  der  einzige  Umstand  zu  sein, 
der  einen  Maßstab  für  den  Tausch  des  einen  gegen 
den  anderen  bilden  kann.  Wenn  es  z.  B.  unter  einem 
Jägervolke  in  der  Regel  zweimal  so  viel  Arbeit  kostet, 
einen  Biber  zu  erlegen,  als  ein  Reh,  so  müßte  natur- 
gemäß ein  Biber  zwei  Rehe  wert  sein.  Es  ist  be- 
greiflich, daß  das,  was  gewöhnlich  das  Produkt  zweier 
Tage  oder  zweier  Stunden  Arbeit  ist,  doppelt  so  viel 
wert  sein  muß,  als  das,  was  das  Produkt  von  einer 
eintägigen  oder  einstündigen  Arbeit  zu  sein  pflegt. 

Ist  die  eine  Art  der  Arbeit  anstrengender,  als  die 
andere,  so  wird  natürlich  eine  Vergütung  für  die 
größere  Mühe  zugestanden  werden,  und  das  Produkt 
einer  einstündigen  schwereren  Arbeit  kann  oft  dem 
Produkt  einer  zweistündigen  leichteren  Arbeit  im 
Tausch  gleich  gelten. 

Oder  wenn  die  eine  Art  Arbeit  einen  ungewöhn- 
lichen Grad  von  Geschicklichkeit  und  Talent  erfordert, 
so  wird  die  Achtung,  die  man  für  solche  Talente  hat, 
ihrem  Produkte  einen  höheren  Wert  geben,  als  den,  der 
nur  der  aufgewendeten  Zeit  gebührt.     Solche  Talente 

Adam  Smith,  Volkswohlstand.  1.  0 


6ß    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

können  selten  ohne  langjährige  Übung  erworben  werden, 
und  der  höhere  Wert  ihres  Produkts  kann  oft  Nichts 
weiter  sein,  als  ein  billiger  Ersatz  für  die  Zeit  und  Arbeit, 
welche  ihrer  Erwerbung  gewidmet  wurden.  In  dem 
vorgerückten  Stande  der  Gesellschaft  werden  derartige 
Zugeständnisse  für  grcjßere  Mühe  und  Geschicklichkeit 
gewöhnlich  im  Arbeitslohn  gemacht;  und  etwas  Ahn- 
liches muß  wahrscheinlich  auch  im  ersten  rohen  Ge- 
sellschaftszustande platzgegriffen  haben. 

In  diesem  Stadium  der  Dinge  gehört  das  ganze 
Arbeitsprodukt  dem  Arbeiter;  und  die  zur  Beschaffung 
oder  Hervorbringung  einer  Ware  gewöhnlich  aufge- 
wendete Arbeitsmenge  ist  der  einzige  Umstand,  nach 
dem  sich  diejenige  Arbeitsmenge  richtet,  für  die  man 
jene  Ware  gewöhnlich  kaufen   oder  eintauschen  muß. 

Sobald  sich  in  den  Händen  einiger  Personen  Kapital 
gesammelt  hat,  wird  bald  einer  oder  der  andere  unter 
ihnen  sein  Kapital  dazu  verwenden,  fleißige  Leute  zu 
beschäftigen  und  mit  Rohstoffen  und  Lebensmitteln  zu 
versorgen,  um  seinerseits  aus  dem  Verkauf  ihres  Ar- 
beitserzeugnisses, oder  aus  dem,  was  das  Material 
durch  ihre  Arbeit  an  Wert  gewinnt,  Vorteil  zu  ziehen. 
Bei  dem  Austausch  der  fertigen  Waren  gegen  Geld, 
Arbeit  oder  andere  Güter  muß  über  die  Kosten  des 
Rohstoffs  und  der  Arbeit  noch  Etwas  für  den  Gewinn 
des  Unternehmers  herauskommen,  der  sein  Kapital 
dabei  aufs  Spiel  gesetzt  hat.  Der  Wert,  den  die  Arbeiter 
den  Rohstoffen  hinzufügen,  löst  sich  daher  in  diesem 
Falle  in  zwei  Teile  auf,  von  denen  der  eine  ihren 
Lohn,  der  andere  den  Gewinn  des  Arbeitgebers  auf 
das  ganze  für  Materialien  und  Lohn  vorgeschossene 
Kapital  bezahlt.  Letzterer  würde  kein  Interesse  haben, 
Arbeiter  zu  beschäftigen,  wenn  er  nicht  aus  dem 
Verkaufe  ihrer  Arbeit  etwas  mehr,  als  den  Ersatz 
seines  Kapitals   zu  ziehen  hoffte,   und   er    würde  kein 


Kap.  VI.:  Die  Bestandteile  des  Warenpreises.  67 

Interesse  haben,  lieber  ein  großes  als  ein  kleines 
Kapital  anzulegen,  wenn  sein  Gewinn  sich  nicht  nach 
dem  Umfange  seines  Kapitals  richtete. 

Man  könnte  glauben,  der  Kapitalgewinn  sei  nur  ein 
anderer  Name  für  den  Lohn  einer  besonderen  Art  Arbeit, 
derjenigen  nämlich,  die  in  der  Aufsicht  und  Leitung 
besteht.  Der  Kapitalgewinn  ist  jedoch  etwas  ganz 
anderes,  wird  durch  ganz  andere  Prinzipien  bestimmt 
und  steht  zu  der  Menge,  der  Beschwerlichkeit  und  dem 
Talenterforderniß  jener  vorausgesetzten  Arbeit  der  Auf- 
sicht und  Leitung  in  keinem  Verhältniß.  Er  richtet 
sich  lediglich  nach  dem  Wert  des  aufgewendeten  Ka- 
pitals, und  ist  je  nach  dem  Umfange  dieses  Kapitals 
größer  oder  geringer.  Nehmen  wir  z.  B.  an,  daß  an 
einem  Orte,  wo  der  gewöhnliche  Jahresgewinn  gewerb- 
licher Anlagen  zehn  Prozent  beträgt,  zwei  Fabriken  sich 
befinden,  in  deren  jeder  zwanzig  Arbeiter  zu  einem  Lohn 
von  je  fünfzehn  Pfund  jährlich  beschäftigt  sind,  die  also 
im  Ganzen  je  dreihundert  Pfund  Arbeitslohn  zahlen. 
Nehmen  wir  ferner  an,  daß  die  groben  Materialien, 
welche  jährlich  in  der  einen  verarbeitet  werden,  nur 
siebenhundert  Pfund  kosten,  während  die  feineren  in 
der  andern  siebentausend  kosten.  Das  in  der  einen 
jährlich  aufgewendete  Kapital  wird  in  diesem  Falle  nur 
tausend  Pfund  betragen,  wogegen  das  der  andern  sieben- 
tausend dreihundert  Pfund  beträgt.  Nach  dem  Satze  von 
zehn  Prozent  wird  mithin  der  Unternehmer  der  einen 
nur  auf  einen  jährlichen  Gewinn  von  etwa  hundert  Pfund 
rechnen,  während  der  Unternehmer  der  anderen  auf  etwa 
siebenhundert  und  dreißig  Pfund  rechnen  wird.  Obgleich 
aber  ihr  Gewinn  so  verschieden  ist,  kann  doch  ihre 
Arbeit  der  Aufsicht  und  Leitung  ganz  oder  nahezu 
dieselbe  sein.  In  manchen  großen  Fabriken  wird  fast 
die  ganze  Arbeit  dieser  Art  einem  Geschäftsführer  über- 
tragen.^ Sein  Lohn  drückt  den  Wert  dieser  Arbeit  der 


68    Erstes  Euch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Aufsicht  und  Leitung  richtig  aus.  Obwohl  bei  Fest- 
setzung seines  Lohns  gewöhnHch  nicht  nur  auf  seine 
Arbeit  und  Geschicklichkeit,  sondern  auch  auf  das  in 
ihn  gesetzte  Vertrauen  Rücksicht  genommen  wird,  so 
steht  dieser  Lohn  doch  niemals  in  einem  geregelten 
Verhältnis  zu  dem  Kapital,  dessen  Verwaltung  er  be- 
aufsichtigt: und  obwohl  der  Eigentümer  dieses  Kapitals 
fast  aller  Arbeit  enthoben  ist,  rechnet  er  doch  darauf, 
daß  sein  Gewinn  zu  seinem  Kapital  in  einem  geregelten 
Verhältnis  stehe.  Mithin  bildet  im  Preise  der  Waren 
der  Kapitalgewinn  einen  vom  Arbeitslohn  durchaus 
verschiedenen  und  nach  ganz  anderen  Grundsätzen 
geregelten  Bestandteil. 

Unter  diesen  Umständen  gehört  nicht  immer  das 
ganze  Produkt  der  Arbeit  dem  Arbeiter.  Er  muß  es 
in  den  meisten  Fällen  mit  dem  Kapitalisten,  welcher 
ihm  Beschäftigung  giebt,  teilen.  Auch  ist  die  zur  Er- 
werbung oder  Hervorbringung  einer  Wai'e  gewöhnlich 
erforderliche  Arbeitsmenge  nicht  mehr  das  Einzige, 
wonach  sich  die  Menge,  für  welche  man  jene  gewöhn- 
lich kaufen  oder  eintauschen  muß,  richtet.  Vielmehr 
muß  offenbar  eine  weitere  Menge  als  Gewinn  für 
das  den  Lohn  und  die  gelieferten  Rohstoffe  vor- 
streckende Kapital  hinzukommen. 

Sobald  aller  Grund  und  Boden  eines  Landes 
Privateigentum  geworden  ist,  möchten  auch  die  Grund- 
besitzer, gleich  allen  anderen  Menschen,  da  ernten, 
wo  sie  nicht  gesät  haben,  und  verlangen  sogar  für 
die  freiwilligen  Erzeugnisse  des  Bodens  eine  Rente. 
Das  Holz  des  Waldes,  das  Gras  der  Wiese  und  alle 
von  selbst  wachsenden  Früchte  der  Erde,  die,  so  lange 
der  Boden  Gemeingut  war,  den  Arbeiter  nur  die  Mühe 
des  Sammeins  kosteten,  werden  nun  auch  für  ihn  mit 
einem  Zuschlagspreise  belegt.  Er  muß  nun  für  die  Er- 
laubnis, sie  zu  sammeln,  bezahlen,  und  an  dejt  Grund- 


Kap.  VI.:  Die  Bestandteile  des  Warenpreises.  69 

besitzer  einen  Teil  dessen  abgeben,  \A'as  seine  Arbeit 
einsammelt  oder  hervorbringt.  Dieser  Teil,  oder  (was 
auf  dasselbe  hinauskommt)  der  Preis  dieses  Teiles 
bildet  die  Grundrente,  und  macht  in  dem  Preise  der 
meisten  Waren  einen  dritten  Bestandteil  aus. 

Der  wirkliche  Wert  aller  Bestandteile  des  Preises 
wird,  wie  zu  beachten  ist,  nach  der  Arbeitsmengo  ge- 
messen, die  für  einen  jeden  von  ihnen  zu  haben  ist. 
Die  Arbeit  mißt  den  Wert  nicht  nur  desjenigen  Teiles 
des  Preises,  der  sich  in  Arbeit  auflöst,  sondern  auch 
dessen,  der  sich  in  Rente,  und  dessen,  der  sich  in 
Gewinn  auflöst. 

In  jeder  Gesellschaft  löst  sich  am  Ende  der  Preis 
aller  Waren  in  den  einen  oder  andern,  oder  in  alle 
dieser  drei  Teile  auf;  und  in  jeder  zivilisierten  Gesell- 
schaft treten  alle  drei  mehr  oder  weniger  als  Bestand- 
teile in  den  Preis  der  bei  Weitem  meisten  Waren  ein. 

Im  Getreidepreis  z.  B.  zahlt  der  eine  Teil  die 
Rente  des  Grundbesitzers,  der  andere  den  Arbeitslohn 
oder  Unterhalt  der  zur  Getreideerzeugung  verwendeten 
Arbeiter  und  Arbeitstiere,  und  der  dritte  zahlt  den 
Gewinn  des  Pächters.  Diese  drei  Teile  scheinen  ent- 
weder sogleich  oder  zuletzt  den  ganzen  Getreidepreis 
auszumachen.  Man  könnte  vielleicht  meinen,  es  sei 
ein  vierter  Teil  nötig,  um  das  Kapital  des  Pächters 
wieder  zu  ersetzen,  oder  den  Abgang  an  Zugvieh  und 
Wirtschaftsgerät  auszugleichen.  Allein  man  muß  be- 
denken, daß  der  Preis  jedes  Wirtschaftsstückes,  wie 
etwa  eines  Arbeitspferdes,  selbst  aus  den  nämlichen 
drei  Teilen  besteht:  der  Rente  von  dem  Lande,  auf 
dem  es  großgezogen  wird,  der  Arbeit  es  zu  warton 
und  aufzuziehen,  und  dem  Gewinn  des  Pächters,  der 
sowohl  die  Rente  jenes  Landes  wie  den  Arbeitslohn 
vorschießt.  Obschon  daher  im  Getreidepreis  sowohl 
der  Preis  wie  der  Unterhalt  des  Pferdes  bezahlt  werden 


70    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

kann,  so  löst  sich  doch  der  ganze  Preis  entweder  so- 
fort oder  zuletzt  in  die  nämlichen  drei  Teile  der  Rente, 
der  Arbeit  und  des  Gewinnes  auf. 

Im  Preise  des  Mehls  muß  man  zum  Getreide- 
preise den  Gewinn  des  Müllers  und  den  Arbeitslohn 
seiner  Leute  hinzurechnen;  im  Preise  des  Brotes  den 
Gewinn  des  Bäckers  und  den  Lohn  seiner  Leute;  und 
im  Preise  beider  die  Arbeit,  das  Getreide  von  dem 
Pächter  zum  Müller,  und  von  diesem  zum  Bäcker  zu 
schaffen,  so  wie  den  Gewinn  derer,  die  den  Lohn  für 
diese  Arbeit  vorschießen. 

Der  Flachspreis  löst  sich  in  die  nämlichen  drei 
Teile,  wie  der  Getreidepreis,  auf.  Im  Preise  der  Lein- 
wand muß  man  noch  den  Arbeitslohn  des  Zurichters, 
Spinners,  Webers,  Bleichers  u.  s.  w.  samt  den  Gewinnen 
ihrer  bezüglichen  Arbeitgeber  hinzurechnen. 

Je  mehr  ein  Stoff  veredelt  wird,  desto  größer  wird 
der  Teil  des  Preises,  der  sich  in  Arbeitslohn  und  Ge- 
winn auflöst,  im  Verhältnis  zu  dem  anderen  Teil,  der 
sich  in  Rente  auflöst.  Mit  jedem  neuen  Arbeitsprozeß 
wächst  nicht  nur  die  Zahl  der  Gewinne,  sondern  jeder 
folgende  Gewinn  ist  auch  größer,  als  der  vorhergehende, 
weil  das  Kapital,  woraus  er  fließt,  stets  größer  sein 
muß.  So  muß  z.  B.  das  Kapital,  welches  die  Weber 
beschäftigt,  größer  sein,  als  dasjenige,  das  die  Spinner 
beschäftigt,  weil  es  nicht  nur  das  let,ztere  samt  seinen 
Gewinnen  wieder  erstattet,  sondern  außerdem  auch 
den  Arbeitslohn  der  Weber  bezahlt;  und  der  Gewinn 
muß  stets  dem  Kapital  entsprechen. 

Auch  in  den  zivilisiertesten  Gesellschaften  gibt 
es  jedoch  einige  Waren,  deren  Preis  sich  nur  in  zwei 
Teile,  nämlich  in  den  Arbeitslohn  und  Kapitalgewinn, 
auflöst,  und  eine  noch  kleinere  Anzahl  von  Waren, 
deren  Preis  nur  im  Arbeitslohn  besteht.  Im  Preise 
der    Seefische    z.  B.    deckt    ein  Teil    die    Arbeit    der 


Kap.  VI.:  Die  Bestandteile  des  ^Warenpreises.  71 

Fischer,  und  der  andere  den  Gewinn  des  in  der 
Fischerei  angelegten  Kapitals.  Die  Rente  macht  sehr 
selten  einen  Teil  von  ihm  aus,  obwohl  es  zuweilen 
vorkommt,  wie  ich  später  zeigen  w^erde.  Anders  ver- 
hält es  sich,  wenigstens  im  größten  Teile  von  Europa, 
mit  der  Flußfischerei.  Für  den  Lachsfang  wird  eine 
Rente  bezahlt,  und  die  Rente,  obwohl  man  sie  nicht 
gut  Grundrente  nennen  kann,  macht  eben  so  wie 
Arbeitslohn  und  Gewinn  einen  Teil  des  Lachspreises 
aus.  In  einigen  Teilen  Schottlands  machen  einige 
arme  Leute  ein  Gewerbe  daraus,  längs  der  Meeres- 
küste jene  bunten  Steinchen  zu  sammeln,  welche 
unter  dem  Namen  der  schottischen  Kiesel  allgemein 
bekannt  sind.  Der  Preis,  welcher  ihnen  vom  Stein- 
schneider dafür  bezahlt  wird,  ist  lediglich  der  Lohn 
für  ihre  Arbeit;  weder  Rente  noch  Gewinn  machen 
einen  Teil  von  ihm  aus. 

Der  Gesamtpreis  jeder  AVare  muß  sich  jedoch 
schließlich  in  den  einen  oder  andern,  oder  in  alle  drei 
dieser  Teile  auflösen,  da  jeder  Teil  davon,  der  nach 
Bezahlung  der  Grundrente  und  des  Preises  der  ge- 
samten auf  Erzeugung,  Verarbeitung  und  Markttrans- 
port verwendeten  Arbeit  übrig  bleibt,  notwendig  der 
Gevv'inn  irgend  Jemandes  sein  muß. 

Wie  der  Preis  oder  Tauschwert  jeder  Ware,  für 
sich  genommen,  sich  in  den  einen  oder  andern,  oder 
in  alle  drei  jener  Bestandteile  auflöst,  so  muß  der  Go- 
samtpreis  aller  Waren,  die  das  ganze  Jahreserzeugnis 
der  Arbeit  eines  Landes  bilden,  sich  gleichfalls  in  jene 
drei  Teile  auflösen,  und  sich  unter  die  Bewohner  des 
Landes  als  Arbeitslohn,  Kapitalgewinn  oder  Grundrente 
verteilen.  Die  Gesamtheit  dessen,  was  jährlich  durch 
die  Arbeit  einer  Gesellschaft  gesammelt  oder  hervor- 
gebracht wird,   oder   (was   auf  dasselbe    hinauskommt) 


72    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

der  Gesamtpreis  dieses  Ganzen  wird  auf  diese  Art 
ursprünglich  unter  die  verschiedenen  Gesellschafts- 
giieder  verteilt.  Arbeitslohn,  Gewinn  und  Rente  sind 
die  drei  ursprünglichen  Quellen  alles  Einkommens  wie 
aller  Tauschwerte.  Jedes  andere  Einkommen  fließt 
zuletzt  aus  einer  oder  der  anderen  dieser  Quellen. 

Wer  sein  Einkommen  aus  einem  ihm  als  Eigentum 
zugehörigen  Fonds  bezieht,  muß  es  entweder  von  seiner 
Arbeit,  seinem  Kapital,  oder  seinem  Grund  und  Boden 
beziehen.  Das  aus  Arbeit  gezogene  Einkommen  wird 
Lohn  genannt.  Das  aus  der  Verwaltung  oder  Be- 
schäftigung von  Kapital  gezogene  Einkommen  heißt 
Gewinn.  Dasjenige  Einkommen  aus  Kapital  aber, 
welches  Jemand  bezieht,  der  das  Kapital  nicht  selbst 
verwendet,  sondern  einem  x\nderen  leiht,  heißt  Zins. 
Zins  ist  die  Vergütung,  die  der  Borger  dem  Darleiher 
für  den  Gewinn  zahlt,  den  er  durch  den  Gebrauch 
des  Geldes  machen  kann.  Ein  Teil  dieses  Gewinnes 
kommt  natürlich  dem  Borgenden  zu,  der  die  Gefahr 
und  die  Geschäftslast  übernimmt;  ein  Teil  aber  dem 
Darleiher,  der  jenem  die  Gelegenheit  gibt,  den  Gewinn 
zu  machen.  Der  Geldzins  ist  immer  ein  abgeleitetes 
Einkommen,  das,  wenn  es  nicht  aus  dem  durch  die 
Geldbenutzung  erzielten  Gewinn  gezahlt  wird,  aus 
irgend  einer  andern  Einkommensquelle  gezahlt  Averden 
muß,  wenn  anders  der  Boi'ger  nicht  ein  Verschwender 
ist,  der  eine  zweite  Schuld  macht,  um  die  Zinsen  der 
ersten  zu  bezahlen.  Das  Einkommen,  welches  ledio-- 
lieh  aus  Grund  und  Boden  gezogen  wird,  heißt  Rente, 
und  gehört  dem  Grundbesitzer.  Das  Einkommen  des 
Pächters  ist  teilweise  aus  seiner  Arbeit,  teilweise  aus 
seinem  Kapital  entnommen.  Für  ihn  ist  der  Boden 
nur  das  Mittel,  das  ihn  instand  setzt,  den  Lohn  dieser 
Arbeit  zu  ernten  und  Gewinn    aus  diesem  Kapital  zu 


Kap.  VI.:  Die  Bestandteile  des  Warenpreises.  73 

ziehen.  Alle  Steuern  und  alle  auf  diese  gegründeten 
Einkünfte,  alle  Besoldungen,  Ruhegehälter  und  Jahr- 
gelder jeder  Art  entstammen  schließlich  einer  oder 
der  anderen  jener  drei  ursprünglichen  Einkommens- 
quellen und  werden  unmittelbar  oder  mittelbar  vom 
Arbeitslohn,  vom  Kapitalgewinn  oder  von  der  Grund- 
rente gezahlt. 

Wenn  diese  drei  Arten  des  Einkommens  verschie- 
denen Personen  gehören,  so  lassen  sie  sich  leicht  unter- 
scheiden; gehören  sie  aber  einer  einzigen,  so  werden 
sie,  wenigstens  im  Sprachgebrauch,  zuweilen  mit  ein- 
ander zusammengeworfen. 

Ein  Mann,  der  einen  Teil  seines  Gutes  selbst  be- 
wii'tschaftet,  muß,  nach  Bezahlung  der  Wirtschafts- 
kosten, sowohl  die  Rente  des  Gutsbesitzers,  als  den 
Gewinn  des  Pächters  erhalten.  Allein  er  pflegt  seinen 
ganzen  Ertrag  Gewinn  zu  nennen,  und  wirft  so,  wenig- 
stens im  gewöhnlichen  Sprachgebrauch,  die  Rente  mit 
dem  Gewinn  zusammen.  Die  meisten  unserer  nordarae- 
rikanischen  und  westindischen  Pflanzer  sind  in  dieser 
Lage.  Sic  bewirtschaften  meistens  ihre  Güter  selbst, 
und  man  hört  daher  selten  etwas  von  der  Rente  einer 
Pflanzung,   wohl  aber  häufig  von  dem  Gewinn  aus  ihr. 

Gewöhnliche  Pächter  haben  selten  einen  Aufseher 
zur  Leitung  der  Wirtschaftsarbeiten.  Auch  arbeiten 
sie  in  der  Regel  vieles  selbst,  wie  pflügen,  eggen  u.s.w. 
Was  daher  nach  Zahlung  der  Rente  von  der  Ernte 
übrig  bleibt,  muß  ihnen  nicht  nur  ihr  auf  den  Anbau 
verwendetes  Kapital  samt  den  üblichen  Zinsen  wieder- 
erstatten, sondern  auch  den  Lohn  bezahlen,  welcher 
ihnen,  ebenso  als  Arbeitern,  wie  als  Aufsehern  zu- 
kommt. Indessen  heißt  Alles,  was  nach  Zahlung  der 
Rente  und  Erstattung  des  Kapitals  übrig  bleibt,  Gewinn. 
Offenbar  aber  bildet  der  Lohn  einen  Teil  davon.  Wenn 


74    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

der  Pächter  diesen  Lohn  spart,  muß  er  ihn  notwendig 
gewinnen.  Folglich  wird  in  diesem  Falle  der  Arbeits- 
lohn mit  dem  Gewinn  zusammengeworfen. 

Ein  unabhängiger  Gewerbtreibender,  der  Kapital 
genug  besitzt,  um  Eohstoffe  zu  kaufen  und  sich  so 
lange  zu  unterhalten,  bis  er  seine  Arbeit  zu  Markte 
bringen  kann,  muß  sowohl  den  Lohn  eines  Gesellen, 
der  unter  einem  Meister  arbeitet,  wie  den  vom  Meister 
durch  den  Verkauf  der  Arbeit  des  Gesellen  zu  er- 
zielenden Gewinn  herausschlagen.  Dennoch  wird  sein 
ganzer  Erwerb  gewöhnlich  Gewinn  genannt,  und  der 
Lohn  ist  auch  in  diesem  Falle  mit  dem  Gewinn  zu- 
sammengeworfen. 

Ein  Gärtner,  der  seinen  Garten  mit  eigner  Hand 
bestellt,  vereinigt  in  seiner  Person  den  dreifachen  Cha- 
rakter eines  Grundbesitzers,  Pächters  und  Arbeiters. 
Daher  müßte  ihm  sein  Produkt  die  Rente  des  ersten, 
den  Gewinn  des  zweiten  und  den  Lohn  des  dritten 
eintragen.  Indessen  wird  das  Ganze  gewöhnlich  als  sein 
Arbeitserwerb  angesehen.  Sowohl  Rente  als  Gewinn 
sind  in  diesem  Falle  mit  dem  Lohn  zusammengeworfen. 

Da  es  in  einem  zivilisierten  Lande  nur  wenige 
Waren  gibt,  deren  Tauschwert  allein  der  Arbeit  ent- 
stammt, da  Rente  und  Gewinn  zum  Tauschwei'te  der 
allermeisten  Waren  reichlich  beitragen,  so  wird  das 
jährliche  Erzeugnis  der  Arbeit  des  Landes  stets  hin- 
reichen, eine  viel  größere  Menge  Arbeit  zu  bezahlen, 
als  zur  Erzeugung  und  Zubereitung  jenes  Produkts 
sowie  zu  seinem  Transport  auf  den  Markt  aufgewendet 
wurde.  Wenn  die  Gesellschaft  jährlich  die  ganze 
Arbeit,  die  sie  zu  kaufen  imstande  ist,  verwendete,  so 
würde  ebensowohl  die  Arbeitsmenge  mit  jedem  Jahre 
mächtig  wachsen,  wie  das  Erzeugnis  jedes  folgenden 
Jahres    von    weit  größerem   Werte   sein,    als   das    des 


Kap.  VI.:  Die  Bestandteile  des  Warenpreises.  75 

vorhergehenden.  Aber  es  gibt  kein  Land,  in  dem 
das  ganze  Jahresprodukt  zum  Unterhalt  der  Ge- 
werbtätigen  verwendet  wird.  Überall  verzehren  die 
Müssigen  einen  großen  Teil  von  ihm;  und  je  nach 
den  verschiedenen  Verhältnissen,  in  denen  es  jährhch 
unter  diese  beiden  Volksklassen  verteilt  wird,  muß  sein 
gewöhnlicher  oder  durchschnittlicher  Wert  entweder  zu- 
oder  abnehmen,  oder  von  Jahr  zu  Jahr  gleich  bleiben. 


Siebentes    Kapitel. 

Der  natürliche  Preis  und  der  Marktpreis 
der  Waren. 

In  jeder  Gesellschaft  oder  Gegend  giebt  es  einen 
gewöhnlichen  oder  Dnrchschnittssatz  sowohl  des  Ar- 
beitslohns wie  des  Gewinns  in  allen  verschiedenen 
Verwendungen  der  Arbeit  und  dos  Kapitals.  Dieser 
Satz  wird,  wie  ich  später  zeigen  will,  auf  natürliche 
Weise  teils  durch  die  allgemeine  Lage  der  Gesellschaft, 
ihren  Reichtum  oder  ihre  Armut,  ihr  Fortschreiton, 
Stehenbleiben  oder  Zurückgehen,  und  teils  durch  die 
besondere  Natur  jedes  Geschäfts  bestimmt. 

Ebenso  giebt  es  in  jeder  Gesellschaft  oder  Gegend 
einen  gewöhnlichen  oder  Durchschnittssatz  der  Rente, 
welcher  gleichfalls,  wie  ich  später  zeigen  werde,  teils 
durch  die  allgemeine  Lage  der  Gesellschaft  oder 
Gegend,  in  der  der  Boden  gelegen  ist,  und  teils  durch 
die  natürliche  oder  durch  Kultur  hervorgebrachte 
Fruchtbarkeit  des  Bodens  bestimmt  wird. 

Diese  gewöhnlichen  oder  Durchschnittssätze  kann 
man  die  natürlichen  Sätze  des  Arbeitslohns,  des  Ge- 
winns und  der  Rente  nennen  zu  der  Zeit  und  an  dem 
Orte,  wo  sie  herrschen. 

Wenn  der  Preis  einer  Ware  weder  höher  noch 
niedriger  ist,  als  er  sein  muß,  um  die  Grundrente,  den 
Lohn  der  Arbeit  und  den  Gewinn  des  Kapitals,  die  auf 


Kap.VII.:  Der  natürliche  Preis  und  der  Marlctpreis  der  Waren.  77 

Erzeugung  und  Zubereitung  sowie  auf  den  Markttrans- 
port der  Ware  verwendet  wurden,  nach  ihrem  natür- 
lichen Satze  zu  bezahlen,  so  wird  die  Ware  für  den 
Preis  verkauft,  den  man  ihren  natürlichen  nennen  kann. 

Die  Ware  wird  dann  genau  für  das  verkauft,  was 
sie  wert  ist,  oder  was  sie  den,  der  sie  zu  Markte  bringt, 
wirklich  kostet;  denn  obgleich  im  gewöhnlichen  Sprach- 
gebrauch der  sogenannte  Einkaufspreis  einer  Ware 
nicht  den  Gewinn  des  Wiederverkäufers  mit  einschließt, 
so  ist  doch  dieser,  wenn  er  sie  zu  einem  Preise  ver- 
kauft, der  ihm  nicht  den  in  seiner  Gegend  gewöhn- 
lichen Gewinnsatz  gewährt,  offenbar  bei  dem  Handel 
im  Verlust,  da  er  durch  eine  andere  Verwendung 
seines  Kapitals  diesen  Gewinn  hätte  ziehen  können. 
Überdies  ist  sein  Gewinn  sein  Einkommen,  die  eigent- 
liche Quelle  seines  Unterhalts.  Während  er  die  Waren 
zubereitet  und  zu  Markte  bringt,  streckt  er  seinen 
Arbeitern  ihren  Lohn  oder  Unterhalt  vor,  und  ebenso 
legt  er  für  sich  selbst  den  Unterhalt  aus,  der  sich  ge- 
wöhnlich nach  dem  Gewinn  richtet,  den  er  vernünf- 
tiger Weise  vom  Verkaufe  seiner  Waren  erwarten 
kann.  Wenn  sie  ihm  nun  also  diesen  Gewinn  nicht 
einbringen,  so  erstatten  sie  ihm  nicht,  was  sie  ihn  im 
eigentlichen  Sinne  wirklich  gekostet  haben. 

Obgleich  nun  der  Preis,  der  ihm  diesen  Gewinn 
läßt,  nicht  immer  der  niedrigste  ist,  zu  dem  ein  Kauf- 
mann zuweilen  seine  Waren  verkaufen  kann,  so  ist 
er  doch  der  niedi-igste,  zu  dem  er  sie  wahrscheinlich 
lange  Zeit  hindurch  verkaufen  kann;  wenigstens  da, 
wo  vollkommene  Freiheit  herrscht,  oder  wo  er  sein 
Geschäft,  so  oft  es  ihm  beliebt,  wechseln  kann. 

Der  wirkliche  Preis,  zu  welchem  eine  Ware  ge- 
wöhnlich verkauft  wird,  heißt  ihr  Marktpreis.  Er 
kann  über  dem  natürlichen  Preise,  oder  unter  ihm 
stehen,  oder  ihm  völlig  gleich  sein. 


78    Ei"Stes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Der  Marktpreis  einer  jeden  Ware  wird  durch  das 
Verhältnis  zwischen  der  Menge,  welche  wirklich  zu 
Markte  gebracht  wird,  und  der  Nachfrage  derer  be- 
stimmt, die  den  natürliclien  Preis  der  Ware,  d.  h.  den 
ganzen  Wert  der  Rente,  der  Arbeit  und  des  Gewinnes, 
die  bis  zu  ihrer  Feilbietung  erforderlich  waren,  zu 
zahlen  gewillt  sind.  Solche  Leute  kann  man  die  wirk- 
samen Nachfrager  und  ihre  Nachfrage  die  wirksame 
Nachfrage  nennen,  insofern  sie  hinreichend  sein  kann, 
um  zu  bewirken,  daß  eben  die  Ware  zu  Markte  kommt. 
Sie  ist  zu  unterscheiden  von  der  Nachfrage  an  sich. 
Auch  von  einem  ganz  armen  Manne  läßt  sich  in  ge- 
wissem Sinne  sagen,  er  habe  ein  Verlangen  nach 
Kutsche  und  Pferden;  er  möchte  sie  gern  haben; 
aber  sein  Verlangen  ist  keine  wirkliche  Nachfrage,  da 
ihr  Gegenstand  niemals  zu  Markte  gebracht  werden 
kann,  um  es  zu  befriedigen. 

Wenn  die  Menge  einer  Ware,  die  zu  Markte 
kommt,  hinter  der  wirksamen  Nachfrage  zurückbleibt, 
so  können  Alle  die,  die  den  ganzen  Wert  der  Rente, 
der  Löhne  und  Gewinne,  der  bis  zur  Feilbietung 
ausgelegt  werden  mußte,  zu  bezahlen  gewillt  sind, 
nicht  mit  der  Menge  versorgt  werden,  deren  sie  be- 
dürfen. Um  sie  nicht  gänzlich  zu  entbehren,  werden 
einige  unter  ihnen  bereit  sein,  mehr  zu  geben.  Sogleich 
beginnt  ein  Wettbewerb  unter  ihnen,  und  der  Markt- 
preis wird  mehr  oder  weniger  über  den  natürlichen 
Preis  steigen,  je  nach  dem  Grade  des  Bedürfnisses, 
oder  je  nachdem  die  Wohlhabenheit  und  der  begehr- 
liche Luxus  der  Konkurrenten  die  Hitze  des  Wettbewerbs 
mehr  oder  weniger  entflammt.  Unter  Konkurrenten  von 
gleicher  Wohlhabenheit  und  gleichem  Luxusbedarf 
wird  dasselbe  Verlangen  gewöhnlich  einen  mehr  oder 
weniger  eifrigen  Wettbewerb  hervorrufen,  je  nachdem 
die   Erwerbung   der  Ware  für   sie    eine   größere   oder 


Kap.  VIT.:  Der  natürliche  Preis  und  der  Marktpreis  der  Waren.  79 

geringere  Wichtigkeit  hat.  Hieraus  erklärt  sich  der 
übermäßige  Preis  der  Lebensmittel  während  einer  Be- 
lagerung oder  bei  einer  Hungersnot. 

Wenn  die  feilgebotene  Menge  die  wirksame  Nach- 
frage übersteigt,  so  kann  nicht  Alles  an  die  verkauft 
werden,  welche  den  ganzen  Wert  der  Rente,  des 
Lohnes  und  des  Gewinnes,  der  bis  zur  Feilbietung 
ausgelegt  werden  mußte,  zu  bezahlen  gewillt  sind.  Ein 
Teil  der  Ware  muß  an  solche  abgelassen  werden, 
welche  weniger  zahlen  wollen,  und  der  niedrige  Preis, 
den  sie  dafür  geben,  muß  den  Preis  des  Ganzen  er- 
mässigen.  Der  Marktpreis  wird  mehr  oder  weniger 
unter  den  natürlichen  Preis  sinken,  je  nachdem  der 
Umfang  des  Überflusses  die  Konkurrenz  dei'  Verkäufer 
mehr  oder  weniger  steigert  oder  je  nachdem  es  für  sie 
mehr  oder  minder  wichtig  ist,  die  Ware  auf  der  Stelle 
loszuwerden.  Der  gleiche  Uberschuf3  in  der  Zufuhr 
leicht  verderbender  Waren  (wie  z.  B.  Orangen)  wird 
eine  viel  größere  Konkurrenz  veranlassen,  als  der- 
jenige dauerhafter  Waren  (wie  z.  B.  alten  Eisens). 

Wenn  die  feilgebotene  Menge  gerade  hinreicht, 
um  die  wirksame  Nachfrage  zu  befriedigen,  und  nicht 
mehr,  so  wird  der  Marktpreis  natürlich  entweder  genau 
oder-  doch  annähernd  dem  natürlichen  Preise  gleich- 
kommen. Die  ganze  vorhandene  Menge  kann  zu  diesem 
Preise  abgesetzt  werden,  aber  auch  nicht  zu  einem 
höheren.  Der  Wettbewerb  der  Verkäufer  zwingt  sie 
alle,  diesen  Preis  anzunehmen,  zwingt  sie  aber  nicht, 
auf  einen  geringeren  einzugehen. 

Die  Menge  jeder  zu  Markt  gebrachten  Ware 
richtet  sich  naturgemäß  nach  der  wirksamen  Nachfrage. 
Im  Interesse  aller  derer,  welche  ihren  Grund  und 
Boden,  ihie  Arbeit  oder  ihr  Kapital  anwenden,  um 
eine  Ware  auf  den  Markt  zu  biingon,  liegt  es,  daß 
die  Menge  niemals  die  wirksame  Nachfrage  übersteigt; 


80    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

und  im  Interesse  aller  andern  Leute  liegt  es,  daß  sie 
niemals  hinter  dieser  Nachfrage  zurückbleibt. 

Wenn  sie  irgend  einmal  die  wirksame  Nachfrage 
übersteigt,  so  müssen  gewisse  Bestandteile  ihres  Preises 
unter  ihrem  natürlichen  Satze  bezahlt  werden.  Betrifft 
dies  die  Rente,  so  wird  das  Interesse  der  Grundbe- 
sitzer diese  sogleich  veranlassen,  einen  Teil  ihres  Bodens 
anders  zu  verwenden;  betrifft  es  den  Arbeitslohn  oder 
den  Gewinn,  so  wird  das  Interesse  der  Arbeiter  in 
dem  einen  und  das  ihrer  Arbeitgeber  im  andern  Falle 
sie  bewegen,  einen  Teil  ihrer  Arbeit  oder  ihres 
Kapitals  dieser  Yerwendungsart  zu  entziehen.  Dann 
wird  die  feilgebotene  Menge  bald  nur  noch  hinreichend 
sein,  um  die  wirksame  Nachfrage  zu  befriedigen.  Alle 
Teile  des  Warenpreises  werden  auf  ihren  natürlichen 
Satz,  und  der  ganze  Preis  auf  den  natürlichen  Preis 
der  Ware  steigen. 

Wenn  dagegen  die  feilgebotene  Menge  irgend  ein- 
mal hinter  der  wirksamen  Nachfrage  zurückbleibt,  so 
müssen  einige  Bestandteile  ihres  Preises  über  ihren 
natürlichen  Satz  steigen.  Betrifft  dies  die  Rente,  so 
wird  das  Interesse  aller  übrigen  Grundbesitzer  sie 
naturgemäß  bestimmen,  mehr  Land  auf  die  Erzeugung 
dieser  Ware  zu  verwenden;  betrifft  es  den  Arbeitslohn 
oder  den  Gewinn,  so  wird  das  Interesse  aller  übrigen 
Arbeiter  und  Geschäftsleute  sie  veranlassen,  mehr 
Arbeit  und  Kapital  auf  die  Herstellung  der  Ware  und 
auf  ihren  Transport  nach  dem  Markte  zu  verwenden. 
Dann  wird  die  herbeigeschaffte  Menge  bald  hin- 
reichend sein,  die  wirksame  Nachfrage  zu  befriedigen. 
Alle  Teile  ihres  Preises  werden  bald  auf  ihren  natür- 
lichen Satz,  und  der  ganze  Preis  auf  den  natürlichen 
Preis  der  Ware  sinken. 

Der  natürliche  Preis  ist  daher,  so  zu  sagen,  der 
Zentralpreis,  gegen  den  die  Preise  aller  Waren  beständig 


Kap.  YII.:  Der  natürliche  Preis  und  der  Marktpreis  der  Waren.  Si 

gravitieren.  Mancherlei  Zufälle  können  sie  zuweilen 
ein  gut  Teil  über  ihm  erhalten,  und  sie  zuweilen  sogar 
etwas  unter  ihn  herabdrücken.  Welche  Hindernisse 
sie  aber  auch  abhalten  mögen,  sich  in  diesem  Mittel- 
punkte der  Ruhe  und  Beständigkeit  festzusetzen,  so 
streben  sie  doch  beständig  ihm  zu. 

Die  ganze  Menge  der  jährlich  darauf  verwendeten 
Bemühungen,  eine  Ware  auf  den  Markt  zu  bringen, 
richtet  sich  auf  diese  Weise  naturgemäß  nach  der 
wirksamen  Nachfrage.  Der  G-ewerbfleiß  strebt  natur- 
gemäß immer  genau  die  Menge  herbeizuschaffen,  die 
die  wirksame  Nachfrage  zu  befriedigen,  aber  nur  eben 
zu  befriedigen,  hinreicht. 

In  manchen  Gewerben  bringt  jedoch  die  gleiche 
Menge  Arbeit  in  verschiedenen  Jahren  sehr  verschie- 
dene Warenmengen  hervor,  während  sie  in  anderen 
stets  die  gleiche  oder  beinahe  die  gleiche  Menge  her- 
vorbringt. Die  gleiche  Zahl  landwirtschaftlicher  Arbeiter 
wird  in  verschiedenen  Jahren  sehr  verschiedene  Mengen 
Getreide,  Wein,  Ol,  Hopfen  u.  s.  w.  hervorbringen,  die 
gleiche  Zahl  Spinner  und  Weber  hingegen  jedes  Jahr 
die  nämliche  oder  beinahe  die  nämliche  Menge  Leinen- 
und  Wollenstoffe.  Bei  der  einen  Art  Gewerbe  kann  nur 
die  durchschnittliche  Erzeugung  sich  der  wirksamen 
Nachfrage  einigermaßen  anpassen,  und  da  ihre  wirk- 
liche Erzeugung  oft  viel  größer,  oft  viel  geringer  ist, 
als  die  durchschnittliche,  so  wird  entweder  die  Menge 
der  zu  Markt  gebrachten  Waren  die  wirksame  Nach- 
frage um  ein  gut  Teil  übersteigen,  oder  in  andern 
Fällen  erheblich  hinter  ihr  zurückbleiben.  Sollte  daher 
auch  jene  Naclifrage  immer  die  nämliche  bleiben,  so 
wird  dennoch  ihr  Marktpreis  großen  Schwankungen 
unterworfen  sein,  und  bald  erheblich  unter  ihren  natür- 
lichen Preis  fallen,  bald  erheblich  über  ihn  steigen. 
Bei  der  andern  Art  Gewerbe  kann  die  Erzeugung,  da 

Adam  Smith,  Volkswohlstand.  I.  O 


82  Ei"stes  Blich:  Zunahme  in   der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

das  Produkt  gleicher  Arbeitsmengen  immer  das  näm- 
liche oder  beinahe  das  nämliche  ist,  der  wirksamen 
Nachfrage  genauer  angepaßt  werden.  So  lange  daher 
diese  Nachfrage  die  gleiche  bleibt,  wird  auch  wahr- 
scheinlich der  Marktpreis  der  Waren  sich  gleich  bleiben, 
und  entweder  völlig  oder  nahezu  der  gleiche  sein,  wie 
der  natürliche  Preis.  Daß  der  Preis  der  Leinen-  und 
Wollenzeuge  weder  so  häufigen  noch  so  großen  Ver- 
änderungen unterworfen  ist,  wie  der  Getreidepreis,  be- 
stätigt die  tägliche  Erfahrung.  Der  Preis  der  einen  Art 
Waren  ändert  sich  nur  mit  den  Veränderungen  in  der 
Nachfrage,  der  der  andern  Art  schwankt  nicht  allein 
mit  den  Veränderungen  in  der  Nachfrage,  sondern  auch 
mit  den  weit  größeren  und  häufigeren  Veränderungen 
in  der  Menge  dessen,  was  zur  Befriedigung  der  Nach- 
frage auf  den  Markt  gebracht  wird. 

Die  gelegentlichen  und  zeitweiligen  Schwankungen 
im  Marktpreise  einer  Ware  fallen  hauptsächlich  auf  die- 
jenigen Teile  ihres  Preises,  die  sich  in  Arbeitslohn 
und  Gewinn  auflösen.  Der  in  die  Rente  sich  auflösende 
Teil  wird  weniger  davon  betroffen.  Eine  in  Geld  fest- 
gesetzte Rente  wird  davon  weder  in  ihi-em  Satz,  noch 
in  ihrem  Werte  auch  nur  im  Mindesten  berührt.  Eine 
Rente,  welche  in  einem  bestimmten  Teile  oder  einer 
bestimmten  Menge  des  Rohprodukts  besteht,  wird  durch 
alle  gelegentlichen  und  zeitweiligen  Schwankungen  im 
Marktpreise  dieses  Rohproduktes  ohne  Zweifel  in  ihrem 
jährlichen  Werte,  selten  aber  in  ihrem  jährlichen  Satze 
berührt.  Bei  Festsetzung  der  Pachtbedingungen  be- 
mühen sich  der  Grundbesitzer  und  Pächter  nach  bestem 
Ermessen  diesen  Satz  nicht  nach  dem  zeitweiligen  und 
gelegentlichen,  sondern  nach  dem  durchschnittlichen 
und  gewöhnlichen  Preise  des  Erzeugnisses  festzusetzen. 

Solche  Schwankungen  treffen  den  Wert  wie  den 
Satz  sowohl  des  Arbeitslohns  als  auch  des  Gewinns,  je 


Kap.  VII.:  Der  natürliclie  Preis  und  der  Marktpreis  der  Waren.  83 

nachdem  der  Markt  gerade  mit  Waren  oder  mit  Arbeit, 
mit  geleisteter  oder  noch  zu  leistender  Arbeit  überführt, 
oder  unzulänglich  versorgt  ist.  Eine  allgemeine  Landes- 
trauer treibt  den  Preis  schwarzer  Zeuge,  mit  denen  der 
Markt  bei  solchen  Gelegenheiten  niemals  zureichend 
versorgt  ist,  in  die  Höhe,  und  steigert  die  Gewinne  der 
Kaufleute,  die  eine  beträchtliche  Menge  davon  besitzen. 
Sie  hat  aber  keinen  Einfluß  auf  den  Arbeitslohn  der 
Weber.  Der  Markt  leidet  Mangel  an  Waren,  nicht  an 
Arbeit :  an  schon  geleisteter,  nicht  an  erst  zu  leistender 
Arbeit.  Sie  steigert  dagegen  den  Arbeitslohn  der 
Schneidergesellen.  Hier  ist  der  Markt  mit  Arbeit  un- 
zulänglich versorgt,  und  es  ist  eine  wirksame  Nachfrage 
nach  mehr  Arbeit,  nach  erst  noch  zu  leistender  Arbeit 
vorhanden.  Den  Preis  farbiger  Seiden-  und  Wollen- 
zeuge erniedrigt  die  Trauer  und  schmälert  hierdurch 
die  Gewinne  der  Kaufleute,  die  davon  eine  ansehnliche 
Menge  vorrätig  haben.  Gleicherweise  erniedrigt  sie 
auch  die  Löhne  der  Arbeiter,  die  mit  Anfertigung 
solcher  Waren,  für  die  auf  sechs,  vielleicht  auf  zwölf 
Monate  alle  Nachfrage  aufhört,  beschäftigt  sind.  Hier  ist 
der  Markt  ebenso  mit  Waren  wie  mit  Arbeit  überführt. 

Obgleich  aber  der  Marktpreis  jeder  Ware  auf  diese 
Art  beständig  gegen  den  natürlichen  Preis  gravitiert, 
so  können  doch  bald  besondere  Umstände,  bald  natür- 
liche Ursachen,  bald  polizeiliche  Anordnungen  den 
Marktpreis  vieler  Waren  lange  Zeit  hindurch  erheblich 
über  dem  natürlichen  Preise  erhalten. 

Wenn  durch  ein  Anwachsen  der  wirksamen  Nach- 
frage der  Marktpreis  einer  Ware  beträchtlich  über  den 
natürlichen  Preis  steigt,  so  sind  die,  welche  ihre  Kapi- 
talien in  dem  bezüglichen  Geschäft  angelegt  haben,  ge- 
wöhnlich bemüht,  diese  Veränderung  zu  verheimlichen. 
Würde  sie  aligemein  bekannt,  so  würde  ihr  großer 
Nutzen  so  viele  neue  Mitwerber  reizen,  ihre  Kapitalien 

6* 


84    Erstes  Bucli:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

in  gleicher  Weise  anzulegen,  daß  die  wirksame  Nach- 
frage vollkommen  befriedigt  und  der  Marktpreis  bald 
auf  den  natürlichen  Preis,  ja  vielleicht  eine  Zeit  lang 
selbst  unter  ihn  zurückgeführt  werden  würde.  Wenn 
der  Markt  weit  von  dem  Wohnorte  derer,  die  ihn 
versorgen,  entfernt  ist,  so  können  sie  manchmal  das 
Geheimnis  Jahre  lang  bewahren,  und  so  lange  Zeit 
ihre  außerordentlichen  Gewinne  ohne  alle  neue  Mit- 
werber genießen.  Allein  selten  können  solche  Geheim- 
nisse lange  bewahrt  werden,  und  der  außergewöhnliche 
Gewinn  kann  nicht  viel  länger  dauern,  als  das  Ge- 
heimnis bewahrt  wird. 

Fabrikgeheimnisse  lassen  sich  länger  bewahren  als 
Handelsgeheimnisse.  Ein  Färber,  der  ein  Verfahren 
entdeckt  hat,  eine  gewisse  Farbe  mit  halb  so  teuren 
Materialien  als  den  gewöhnlich  gebrauchten  herzu- 
stellen, kann  bei  gehöriger  Vorsicht  den  Vorteil  seiner 
Entdeckung  sein  ganzes  Leben  lang  genießen,  ja  ihn 
als  ein  Vermächtnis  seinen  Nachkommen  hinterlassen. 
Seine  außergewöhnlichen  Gewinne  entspringen  aus 
dem  hohen  Preise,  der  für  seine  geheim  betriebene 
Arbeit  gezahlt  wird.  Sie  bestehen  eigentlich  ganz  in 
dem  hohen  Lohn  dieser  Arbeit.  Da  sie  sich  jedoch 
auf  jeden  Teil  seines  Kapitals  wiederholen,  und  da 
ihr  Gesamtbetrag  sonach  in  einem  regelrechten  Ver- 
hältnis dazu  steht,  so  werden  sie  in  der  Regel  als 
außergewöhnlicher  Kapitalgewinn  betrachtet. 

Solche  Erhöhungen  des  Marktpreises  sind  offenbar 
Wirkungen  besonderer  Umstände,  deren  Einfluß  jedoch 
bisweilen  viele  Jahre  dauern  kann. 

Manche  Naturprodukte  erfordern  eine  so  eigen- 
tümliche Beschaffenheit  des  Bodens  und  der  Lage,  daß 
aller  Grund  und  Boden  in  einem  großen  Lande,  der  zu 
ihrer  Hervorbringung  geeignet  ist,  nicht  hinreicht,  um 
die  wirksame  Nachfrage  zu  befriedigen.  Daher  kann 
die   ganze   zu  Markt  gebrachte  Menge   an  Käufer   ab- 


Kap.  VII.:  Der  natürliche  Preis  uiTd  der  Marktpreis  der  Waren.  Ho 

gesetzt  werden,  die  mehr  zu  geben  geneigt  sind,  als  zur 
Bezahlung  der  Rente  des  Landes,  auf  dem  sie  gezogen 
sind,  sowie  des  Arbeitslohns  und  des  Kapitalgewinns 
ihren  natürlichen  Sätzen  entsprechend  hinreichend  wäre. 
Solche  "Waren  können  ganze  Jahrhunderte  hinduroh  zu 
diesem  hohen  Preise  verkauft  werden,  und  der  Teil 
davon,  welcher  sich  in  die  Grundrente  auflöst,  ist  in 
diesem  Falle  der  Teil,  welcher  im  Allgemeinen  über 
seinen  natürlichen  Satz  bezahlt  wird.  Die  Rente  des 
Bodens,  der  so  seltene  und  geschätzte  Produkte  her- 
vorbringt, wie  z.  B.  die  Rente  einiger  französischer 
Weinberge  von  besonders  glücklicher  Bodenbeschaffen- 
heit und  Lage,  steht  zu  der  Rente  anderen  gleich  frucht- 
baren und  gut  angebauten  Bodens  der  Umgegend  in 
keinem  geregelten  Verhältnis.  Dagegen  übersteigen 
die  Löhne  der  Arbeit  und  die  Gewinne  des  Kapitals, 
die  auf  die  Erzeugung  und  Herbeischaffung  verwendet 
wurden,  selten  das  natürliche  Verhältnis  zum  Lohn 
und  Gewinn  der  anderen  Aufwendungen  von  Arbeit 
und  Kapital  in  ihrer  Umgegend. 

Solche  Erhöhungen  des  Marktpreises  sind  offenbar 
Wirkungen  natürlicher  Ursachen,  welche  es  verhindern 
können,  daß  der  wirksamen  Nachfrage  stets  völlig 
genügt  werde,  und  welche  deshalb  auch  dauernd  fort- 
wirken können. 

Ein  einem  Einzelnen,  oder  einer  Handelsgesell- 
schaft verliehenes  Monopol  hat  die  nämliche  Wirkung, 
wie  ein  Handels-  oder  Fabrikgeheimnis.  Indem  die  Mo- 
nopolisten den  Markt  nie  vollständig  versorgen  und  die 
wirksame  Nachfrage  nie  völlig  befriedigen,  verkaufen 
sie  ihre  Waren  weit  über  dem  natürlichen  Preise,  und 
steigern  ihre  Vorteile,  ob  sie  nun  in  Arbeitslohn  oder 
Gewinn  bestehen,    weit    über   ihren   natürlichen   Satz. 

Der  Monopolpreis  ist  jederzeit  der  höchste,  der  zu 
erreichen  ist.  Der  natürliche  Preis,  oder  der  Preis  des 
freien  Wettbewerbs  hingegen  ist  der  niedrigste,  der  sich 


86    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

zwar  nicht  jedesmal,  aber  doch  im  Durchschnitt  einer 
längeren  Zeit  erzielen  läßt.  Der  erstere  ist  jedesmal 
der  höchste,  der  von  den  Käufern  erpreßt  werden 
kann,  oder  den  sie  mutmaßlich  bewilligen  werden;  der 
andere  ist  der  niedrigste,  mit  dem  die  Verkäufer  im 
Allgemeinen  auskommen  können,  ohne  ihr  Geschäft 
einstellen  zu  müssen. 

Die  ausschließlichen  Piivilegien  von  Korporationen, 
die  Bestimmungen  über  das  Lehrverhältnis  und  alle  die 
Gesetze,  welche  in  gewissen  Gewerben  den  Wettbewerb 
auf  eine  geringere  Anzahl  Mitwerber  beschränken,  als 
sonst  auftreten  würden,  haben,  wenn  auch  in  minderem 
Grade,  die  nämliche  Neigung.  Sie  sind  eine  Art  aus- 
gedehnter Monopole  und  können  oft  Menschenalter 
hindurch  in  ganzen  Klassen  von  Gewerben  den  Markt- 
preis einer  Ware  über  dem  natürlichen  Preise  erhalten, 
und  sowohl  den  Arbeitslohn  als  den  Kapitalgewinn 
etwas  über  ihren  natürlichen  Satz  steigern. 

Solche  Erhöhungen  des  Marktpreises  können  so 
lange  dauern,  als  die  Verwaltungsmaßregeln,  durch 
die  sie  veranlaßt  werden,  aufrecht  erhalten  bleiben. 

Der  Marktpreis  einer  Ware  kann  sich  zwar  lange 
überdem  natürlichen  Preise  halten,  aber  selten  lange  unter 
ihm  stehen.  Welcher  Teil  auch  unter  dem  natürlichen 
Satze  bezahlt  würde,  die  dabei  interessierten  Personen 
würden  doch  immer  den  Verlust  sogleich  fühlen,  und  so 
viel  Land,  Arbeit  oder  Kapital  aus  dem  Betriebe  zurück- 
ziehen, daß  die  zu  Markt  gebrachte  Ware  bald  nur 
noch  hinreichen  würde,  die  wirksame  Nachfrage  zu 
befriedigen.  Mithin  würde  ihr  Marktpreis  bald  auf 
den  natürlichen  Preis  steigen.  Wenigstens  träte  dieser 
Fall  da  ein,  wo  vollkommene  Freiheit  herrscht. 

DieselbenBestiramungen  über  das  Lehrlingsverhält- 
nis und  die  anderen  Zunftgesetze,  welche  den  Arbeiter, 
so  lange  ein  Gewerbszweig  blüht,  instand  setzen,  seinen 


Kap.  VII.:  Der  natürliche  Treis  und  der  Marktpreis  der  Waren.  87 

Arbeitslohn  weit  übor  den  natürlichen  Satz  zu  steigern, 
nötigen  ihn  übrigens  zuweilen  auch,  wenn  das  Gewerbe 
in  Verfall  gerät,  den  Lohn  weit  unter  jenen  Satz  fallen 
zu  lassen.  Wie  sie  im  ersteren  Falle  viele  Leute  von 
seinem  Gewerbe  ausschließen,  so  schließen  sie  im 
letzteren  ihn  von  vielen  anderen  Gewerben  aus.  Doch 
ist  die  Wirkung  solcher  Verordnungen  nicht  enfernt  so 
andauernd  auf  die  Herabsetzung  als  auf  die  Steigerung 
des  Arbeitslohns  über  seinen  natürlichen  Satz.  In  der 
ersteren  Richtung  kann  ihr  Einfluß  Jahrhunderte 
dauern,  in  der  anderen  aber  nicht  länger,  als  das  Leben 
der  Arbeiter  währt,  welche  zu  dem  Geschäfte  in  der 
Zeit  seiner  Blüte  erzogen  wurden.  Sind  sie  gestorben, 
so  wird  sich  die  Zahl  derer,  die  später  für  dies  Gewerbe 
erzogen  werden,  naturgemäß  nach  der  wirksamen  Nach- 
frage richten.  Die  Verwaltung  müßte  so  t3a-annisch  sein, 
wie  in  Hindostan  oder  im  alten  Ägypten,  wo  Jedermann 
durch  religiöse  Vorschriften  gezwungen  war,  das  Ge- 
schäft seines  Vaters  zu  betreiben  und  wo  es  für  den 
schrecklichsten  Frevel  galt,  es  mit  einem  andern  zu  ver- 
tauschen, wenn  sie  in  einem  Gewerbe  mehrere  Genera- 
tionen hindurch  den  Arbeitslohn  oder  denKapitalgewinn 
unter  ihrem  natürlichen  Satze  sollte  erhalten  können. 

Dies  ist  Alles,  was  ich  vorläufig  über  die  gelegent- 
lichen oder  dauernden  Abweichungen  des  Marktpreises 
der  Waren  vom  natürlichen  Preise  bemerken  zu 
müssen  glaubte. 

Der  natürliche  Preis  selbst  schwankt  mit  dem 
natürlichen  Satze  jedes  seiner  Bestandteile,  des  Arbeits- 
lohnes, des  Gewinnes  und  der  Rente;  und  in  jeder 
Gesellschaft  schwankt  dieser  Satz  je  nach  ihrer  Lage, 
ihrem  Reichtum  oder  ihrer  Armut,  ihrem  Fortschritt, 
Stillstande  oder  Rückgange.  Die  Ursachen  dieser  ver- 
schiedenen Schwankungen  werde  ich  so  vollständig 
und  deutlich,  als  ich  es  vermag,  in  den  vier  folgenden 
Kapiteln  behandeln. 


88    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Erstens  werde  ich  auseinanderzusetzen  suchen, 
welche  Umstände  naturgemäß  den  Satz  des  Arbeits- 
lohns bestimmen,  und  in  welcher  Art  diese  Umstände 
durch  den  Eeichtum  oder  die  Armut,  durch  das  Fort- 
schreiten, den  Stillstand  oder  den  Rückgang  der  Ge- 
sellschaft berührt  werden. 

Zweitens  werde  ich  mich  zu  zeigen  bemühen, 
welche  Umstände  naturgemäß  den  Satz  des  Kapital- 
gewinnes bestimmen,  und  in  welcher  Art  auch  diese 
Umstände  durch  die  gleichen  Veränderungen  im  Zu- 
stande der  Gesellschaft  berührt  werden. 

Obgleich  der  Geldlohn  und  Geldgewinn  in  den 
verschiedenen  Verwendungen  von  Arbeit  und  Kapital 
sehr  verschieden  sind,  so  scheint  doch  gewöhnlich  so- 
wohl zwischen  den  Löhnen  in  allen  verschiedenen  Ver- 
wendungen von  Arbeit,  wie  zwischen  den  Gewinnen 
in  allen  verschiedenen  Verwendungen  von  Kapital  ein 
gewisses  Verhältnis  stattzufinden.  Dies  Verhältnis 
hängt,  wie  sich  später  zeigen  wird,  teils  von  der  Natur 
der  verschiedenen  Anlagen,  teils  von  den  verschiedenen 
Gesetzen  und  der  Politik  der  Gesellschaft  ab,  in  der 
sie  gemacht  werden.  Wenn  dies  Verhältnis  aber  auch 
in  vieler  Beziehung  von  den  Gesetzen  und  der  Politik 
abhängig  ist,  so  scheint  es  doch  wenig  vom  Reichtum 
oder  der  Armut  jener  Gesellschaft,  von  ihrem  Fort- 
schreiten, Stillstande  oder  Rückgange  berührt  zu 
werden,  sondern  in  allen  diesen  Zuständen  das  näm- 
liche oder  beinahe  das  nämliche  zu  bleiben.  Ich  werde 
drittens  alle  die  verschiedenen  Umstände,  die  dies 
Verhältnis  regeln,  darzulegen  suchen. 

Viertens  und  letztens  werde  ich  zu  zeigen  suchen, 
welche  Umstände  die  Grundrente  regeln  und  den  Sach- 
preis aller  der  Stoffe,  welche  das  Land  erzeugt,  er- 
höhen oder  erniedrigen. 


Achtes   Kapitel. 
Der   Arbeitslohn. 

Das  Produkt  der  Arbeit  bildet  die  natürliche 
Vergütung  oder  den  Lohn  der  Arbeit. 

In  jenem  ursprünglichen  Zustande,  der  sowohl  der 
Bodenaneignung  wie  der  Kapitalienansammlung  vor- 
hergeht, gehört  das  ganze  Arbeitsprodukt  dem  Arbeiter. 
Er  hat  weder  mit  einem  Grundbesitzer,  noch  mit  einem 
Meister  zu  teilen. 

Hätte  dieser  Zustand  fortgedauert,  so  würde  der 
Lohn  der  Arbeit  mit  all  den  Steigerungen  ihrer  pro- 
duktiven Kräfte,  welche  durch  die  Arbeitsteilung  her- 
beigeführt werden,  zugleich  gewachsen  sein.  Alle  Dinge 
würden  nach  und  nach  wohlfeiler  geworden  sein.  Sie 
würden  durch  eine  geringere  Menge  Arbeit  hervoi'ge- 
bracht,  und,  da  bei  diesem  Zustande  die  durch  gleiche 
Arbeitsmengen  hervorgebrachten  Waren  natürlich  gegen 
einander  ausgetauscht  würden,  auch  mit  dem  Erzeugnis 
einer  kleineren  Arbeitsmenge  gekauft  worden  sein. 

Obschon  aber  in  Wirklichkeit  alle  Dinge  wohlfeiler 
geworden  wären,  so  könnten  doch  dem  Anscheine  nach 
viele  teurer  als  zuvor,  oder  gegen  eine  größere  Menge 
anderer  Waren  vertauschbar  geworden  sein.  Man  nehme 
z.  B.  au,  daß  in  den  meisten  Gewerben  die  Produktiv- 
kraft der  Arbeit  um  das  Zehnfache  gewachsen  wäre,  oder 
daß  eines  Tages  Arbeit  zehnmal  mehr  als  im  Anfange 


90    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

hervorbringen  könnte,  daß  aber  in  einem  einzelnen 
Gewerbe  sich  jene  Produktivkraft  nur  verdoppelt  hätte, 
oder  eines  Tages  Arbeit  nur  zweimal  so  viel  als  früher 
hervorbringen  könnte.  Beim  Tausch  des  Produkts 
eines  Tagewerks  in  den  meisten  Grewerben  gegen  das 
Produkt  eines  Tagewerks  in  diesem  einzelnen  Gewerbe 
würde  also  das  Zehnfache  der  ursprünglichen  Arbeits- 
menge in  jenen,  aber  nur  das  Doppelte  der  ursprüng- 
lichen Menge  in  diesem  kaufen  können.  Eine  bestimmte 
Menge  davon,  z.  B.  ein  Pfund,  würde  mithin  fünfmal 
teurer  als  früher  zu  sein  scheinen.  In  Wirklichkeit  wäre 
sie  zweimal  so  wohlfeil.  Denn  obwohl  ihr  Ankauf  eine 
fünfmal  so  große  Menge  andrer  Waren  erheischt,  er- 
fordert doch  ihre  Hervorbringung  oder  ihr  Kauf  nur 
eine  halb  so  große  Menge  Arbeit.  Ihre  Erwerbung 
wäre  mithin  doppelt  so  leicht  als  früher. 

Allein  dieser  ursprüngliche  Zustand,  in  welchem 
der  Arbeiter  das  ganze  Produkt  seiner  Arbeit  genoß, 
konnte  nicht  länger  dauern,  als  bis  die  Bodenaneignung 
und  Kapitalienansammlung  eingetreten  waren.  Er  war 
daher  auch  längst  zu  Ende,  ehe  die  bedeutendsten 
Steigerungen  in  den  Produktivkräften  der  Arbeit  ein- 
traten, und  es  wäre  nutzlos,  weiter  nachzuforschen, 
welchen  Einfluß  er  auf  die  Vergütung  oder  den  Lohn 
der  Arbeit  gehabt  haben  würde. 

Sobald  der  Boden  Privateigentum  wird,  fordert 
der  Grundbesitzer  einen  Teil  von  fast  allen  Erzeug- 
nissen, die  der  Arbeiter  auf  ihm  hervorbringen  oder 
sammeln  kann.  Seine  Rente  bildet  den  ersten  Abzug 
von  dem  Erzeugnis  der  auf  den  Boden  verwendeten 
Arbeit. 

Es  kommt  selten  vor,  daß  derjenige,  der  das  Land 
bestellt,  die  Mittel  hat,  sich  bis  zur  Zeit  der  Ernte  zu 
erhalten.  Sein  Unterhalt  wird  ihm  gewöhnlich  aus  dem 
Kapital  eines  Herrn,  des  Pächters,  der  ihn  beschäftigt, 


Kap.  VIII.:  Der  Arbeitslohn.  91 

vorgeschossen,  der  kein  Interesse  haben  würde,  ihn  zu 
beschäftigen,  wenn  er  nicht  von  dem  Erzeugnis  seiner 
Arbeit  einen  Anteil  erhielte,  oder  wenn  sein  Kapital 
ihm  nicht  mit  Gewinn  zurückerstattet  würde.  Dieser 
(Tcwinn  bildet  einen  zweiten  Abzug  von  dem  Er- 
zeugnis der  auf  den  Boden  verwendeten  Arbeit. 

Das  Erzeugnis  fast  aller  anderen  Arbeit  ist  dem 
gleichen  Gewinnabzuge  unterworfen.  In  allen  Hand- 
werken und  Fabriken  bedarf  der  größere  Teil  der 
Arbeiter  Jemandes,  der  ihnen  das  Arbeitsmaterial, 
ihren  Lohn  und  ihren  Unterhalt  bis  zur  Vollendung 
ihrer  Arbeit  vorschießt.  Er  fordert  von  dem  Erzeugnis 
ihrer  Arbeit  oder  von  dem  Werte,  den  diese  dem 
Material  hinzufügt,  einen  Anteil,  und  in  diesem  Anteil 
besteht  sein  Gewinn. 

Manchmal  kommt  es  freilich  vor,  daß  ein  einzelner 
unabhängiger  Arbeiter  genügend  Kapital  besitzt,  um 
selbst  die  Rohstoffe  zu  kaufen  und  sich  bis  zur  Voll- 
endung der  Arbeit  zu  unterhalten.  Dann  ist  er  Meister 
und  Arbeiter  zugleich,  und  genießt  das  ganze  Produkt 
seiner  Arbeit,  oder  den  ganzen  Wert,  welchen  diese 
dem 'Rohstoffe  hinzufügt.  Dies  umfaßt  zweierlei  ge- 
wöhnlich getrennt  erscheinende,  zwei  verschiedenen 
Personen  gehörende  Einkommensarten,  nämlich  den 
Kapitalgewinn  und  den  Arbeitslohn. 

Indeß  sind  solche  Fälle  nicht  sehr  häufig,  und  in 
allen  Teilen  Europas  dienen  zwanzig  Arbeiter  unter  einem 
Meistei'  gegen  einen,  der  unabhängig  ist,  und  der  Arbeits- 
lohn wird  überall  als  das  verstanden,  was  er  gewöhn- 
lich ist,  wenn  der  Arbeiter  die  eine  und  der  Kapital- 
besitzer,   der  ihn  beschäftigt,    eine   andere   Person    ist. 

Der  gebräuchliche  Arbeitslohn  hängt  überall  von 
dem  zwischen  jenen  beiden  Parteien,  deren  Interessen 
keineswegs  die  nämlichen  sind,  gewöhnlich  geschlossenen 
Vertrage  ab.  Die  Arbeiter  wollen  so  viel  als  möglich  er- 


92    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

halten,  die  Meister  so  wenig  als  möglich  geben.  Die 
ersteren  sind  zu  Koalitionen  geneigt,  um  den  Arbeitslohn 
hinaufzutreiben,  die  letzteren,  um  ihn  herunterzudrücken. 

Es  ist  indeß  nicht  schwer  vorauszusehen,  welche 
der  beiden  Parteien  unter  den  gewöhnlichen  Umständen 
in  diesem  Streite  die  Oberhand  behalten,  und  die  andere 
zur  Einwilligung  in  ihre  Bedingungen  zwingen  wird. 
Die  Meister  können  sich,  da  ihre  Zahl  geringer  ist, 
leichter  verbinden;  und  überdies  gestattet  das  Gesetz 
ihre  Koalitionen  oder  verbietet  sie  wenigstens  nicht, 
während  es  die  der  Arbeiter  verbietet.  Wir  haben  keine 
Parlamentsakten  gegen  Verabredungen  zur  Herabsetzung 
des  Arbeitspreises,  wohl  aber  viele  gegen  Verabredungen 
zu  seiner  Erhöhung.  In  allen  solchen  Streitigkeiten 
können  die  Herren  es  viel  länger  aushalten.  Ein  Guts- 
besitzer, ein  Pächter,  ein  Handwerksmeister  oder  ein 
Kaufmann  können,  wenn  sie  auch  keinen  einzigen 
Arbeiter  beschäftigen,  doch  im  Allgemeinen  ein  oder 
zwei  Jahre  von  den  Kapitalien  leben,  die  sie  bereits 
erworben  haben.  Viele  Arbeiter  dagegen  können  nicht 
eine  Woche,  nur  wenige  einen  Monat,  und  kaum  einer 
ein  Jahr  ohne  Beschäftigung  bestehen.  Auf  die  Dauer 
freilich  kann  der  Arbeiter  dem  Meister  ebenso  not- 
wendig werden,  wie  der  Meister  ihm;  aber  die  Not- 
wendigkeit ist  keine  so  unmittelbare. 

Man  hört,  wird  hierauf  erwidert,  von  Koalitionen 
der  Meister  selten,  häufig  aber  von  solchen  der  Arbeiter. 
Wer  sich  aber  darum  einbildet,  daß  sich  die  Meister 
selten  koalierten,  kennt  eben  so  wenig  die  Welt,  wie 
diesen  Gegenstand.  Die  Meister  stehen  stets  und  über- 
all in  einer  Art  stillschweigender,  aber  fortwährender 
und  gleichförmiger  Übereinkunft,  den  Arbeitslohn  nicht 
über  seinen  dermaligen  Satz  steigen  zu  lassen.  Diese 
Übereinkunft  zu  verletzen,  ist  überall  sehr  mißliebig 
und    gilt    für    einen    Meister    unter    seinen   Nachbarn 


Kap.  VIII.:  Der  Arbeitslohn.  93 

und  Gevverbsgenossen  als  eine  Art  Schande.  Man  hört 
allerdings  selten  von  dieser  Übereinkunft,  weil  sie  der 
gewöhnliche  und,  man  darf  sagen,  natürliche  Zustand 
der  Dinge  ist,  von  dem  Niemand  Etwas  hört.  Mitunter 
gehen  die  Meister  auch  besondere  Verbindungen  ein, 
um  den  Arbeitslohn  sogar  unter  seinen  Satz  herunter- 
zudrücken. Diese  werden  immer  in  äußerster  Stille 
und  ganz  geheim  betrieben,  bis  der  Augenblick  der 
Ausführung  da  ist,  und  wenn  dann  die  Arbeiter,  wie 
es  zuweilen  geschieht,  ohne  Widerstand  nachgeben,  so 
hören  andere  Leute  nichts  davon,  so  schmerzlich  es  jene 
auch  empfinden.  Oft  jedoch  stellt  sich  solchen  Ver- 
bindungen eine  abwehrende  Verbindung  der  Arbeiter 
entgegen,  die  manchmal  auch  ohne  eine  solche  Heraus- 
forderung sich  zur  Erhöhung  des  Preises  ihrer  Arbeit 
zusammen  tun.  Ihre  gewöhnlichen  Vorwände  sind 
bald  der  hohe  Preis  der  Lebensmittel,  bald  der  große 
Gewinn,  den  die  Meister  aus  ihrer  Arbeit  ziehen. 
Mögen  diese  Verbindungen  aber  angreifender  oder  ver- 
teidigender Natur  sein,  ruchbar  werden  sie  immer.  Um 
die  Sache  zu  einer  schnellen  Entscheidung  zu  bringen, 
nehmen  sie  immer  zu  lautestem  Geschrei  ihre  Zuflucht 
und  zuweilen  zu  den  schlimmsten  Gewalttätigkeiten 
und  Mißhandlungen.  Sie  sind  verzweifelt  und  handeln 
mit  der  Torheit  und  Maßlosigkeit  verwegener  Men- 
schen, die  entweder  verhungern  oder  ihre  Meister 
durch  Schrecken  zu  sofortiger  Einwilligung  in  ihr  Be- 
gehren bringen  müssen.  Die  Meister  ihrerseits  erheben 
bei  solchen  Gelegenheiten  nicht  weniger  Lärm,  rufen 
unaufhörlich  nach  dem  Beistande  der  Behörden  und 
verlangen  die  strikte  Ausführung  der  Gesetze,  die  mit 
so  großer  Härte  gegen  die  Verbindungen  der  Dienst- 
boten, Arbeiter  und  Gesellen  gegeben  sind.  Demgemäß 
haben  die  Arbeiter  sehr  selten  einen  Nutzen  von  dem 
Ungestüm  dieser  lärmenden  Verbindungen,  die  teils 
wegen  des  Einschreitens  der  Behörden,  teils  wegen  der 


94    Ei">>tes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

überlegenen  Beharrlichkeit  der  Meister,  teils  weil  der 
größere  Teil  der  Arbeiter  gezwungen  ist,  sich  um  des 
täglichen  Unterhalts  willen  zu  unterwerfen,  gewöhn- 
lich mit  nichts  anderem,  als  der  Bestrafung  oder  dem 
Untergange  der  Rädelsführer  enden. 

Wenn  aber  auch  die  Meister  bei  Streitigkeiten  mit 
ihren  Arbeitern  gewöhnlich  im  Vorteil  sind,  so  gibt  es 
doch  einen  bestimmten  Satz,  unter  den  der  gewöhnliche 
Lohn  selbst  der  geringsten  Art  von  Arbeit  nicht  auf 
längere  Zeit  herabgedrückt  werden  zu  können  scheint. 

Ein  Mensch  muß  stets  von  seiner  Arbeit  leben  und 
sein  Lohn  muß  wenigstens  hinreichend  sein,  um  ihm 
den  Unterhalt  zu  verschaffen.  In  den  meisten  Fällen 
muß  er  sogar  noch  etwas  höher  sein;  sonst  wäre  der 
Arbeiter  nicht  im  Stande,  eine  Familie  zu  gründen,  und 
das  Geschlecht  solcher  Arbeiter  würde  mit  der  ersten 
Generation  aussterben.  Aus  diesem  Grunde  nimmt  Can- 
tillon  an,  daß  die  geringste  Art  gewöhnlicher  Arbeiter 
immer  wenigstens  den  doppelten  Unterhalt  verdienen 
muß,  damit  durchschnittlich  Jeder  zwei  Kinder  ernähren 
kann,  wobei  die  Arbeit  der  Frau  wegen  der  notwendigen 
Pflege  der  Kinder  nur  als  hinreichend  angenommen 
wird,  um  sie  selbst  zu  erhalten.  Allein  die  Hälfte  der 
Kinder  stirbt,  wie  man  berechnet  hat,  vor  dem  mann- 
baren Alter.  Demgemäß  müssen  die  ärmsten  Arbeiter 
durchschnittlich  wenigstens  vier  Kinder  aufzuziehen 
suchen,  wenn  zwei  davon  Aussicht  haben  sollen,  jenes 
Alter  zu  erleben.  Der  notwendige  Unterhalt  für  vier 
Kinder  wird  aber  ungefähr  dem  eines  Mannes  gleich- 
geschätzt. Die  Arbeit  eines  kräftigen  Sklaven  ist,  wie 
derselbe  Schriftsteller  hinzufügt,  als  doppelt  soviel  wert 
zu  betrachten,  wie  sein  L^nterhalt,  und  diejenige  des 
geringsten  Arbeiters,  meint  er,  könne  doch  nicht  weniger 
wert  sein,  als  die  eines  kräftigen  Sklaven.  So  viel  scheint 
allerdings  gewiß  zu  sein,  daß,  um  eine  Familie  zu  er- 
nähren, die  Arbeit  des  Mannes  und  der  Frau  zusammen, 


Kap.  Vni.:  Der  Arbeitslohn.  95 

selbst  in  den  untersten  Klassen  gewöhnlicher  Arbeiter, 
etwas  mehr  einbringen  muß,  als  gerade  für  ihren 
eigenen  Unterhalt  nötig  ist;  in  welchem  Verhältnis 
dies  aber  geschehen  müsse,  ob  in  dem  oben  erwähnten 
oder  in  einem  änderten,  das  getraue  ich  mir  nicht  zu 
bestimmen. 

Es  gibt  jedoch  gewisse  Umstände,  die  den  Arbeitern 
zuweilen  einen  Vorteil  gewähren  und  sie  instand  setzen, 
ihren  Lohn  weit  über  jenen  Satz  zu  erhöhen,  welcher 
offenbar  der  niedrigste  ist,  der  sich  mit  der  gewöhn- 
lichsten Menschlichkeit  verträgt. 

Wenn  in  einem  Lande  die  Nachfrage  nach  denen, 
die  vom  Lohn  leben  —  Arbeiter,  Gesellen,  Dienstboten 
aller  Art  —  andauernd  wächst;  wenn  jedes  Jahr  für 
eine  größere  Anzahl  von  ihnen  Beschäftigung  liefert, 
als  das  vorhergehende:  so  haben  die  Arbeiter  keinen 
Anlaß,  sich  zur  Erhöhung  des  Lohnes  zu  verbinden. 
Der  Mangel  an  Händen  ruft  einen  Wettbewerb  unter 
den  Meistern  hervor,  die,  um  Arbeiter  zu  erhalten,  ein- 
ander überbieten  und  so  freiwillig  die  natürliche  Über- 
einkunft der  Meiste)',  den  Lohn  nicht  zu  steigern, 
durchbrechen. 

Die  Nachfrage  nach  Lohnarbeitern  kann  offenbar 
nur  im  Verhältnis  zur  Zunahme  der  Fonds  wachsen, 
welche  zur  Lohnzahlung  bestimmt  sind.  Diese  Fonds 
sind  von  zweierlei  Art;  sie  bestehen  erstens  aus  dem 
Einkommen,  welches  die  Kosten  des  notwendigen  Unter- 
halts, und  zweitens  aus  dem  Kapital,  welches  die  Aus- 
lagen für  die  Beschäftigung  ihrer  Meister   übersteigt. 

Wenn  der  Gutsbesitzer,  Rentner  oder  Geldmann 
ein  größeres  Einkommen  hat,  als  ihm  zum  Unterhalt 
seiner  Familie  hinreichend  erscheint,  so  verwendet  er 
den  ganzen  Überschuß  oder  einen  Teil  davon  dazu, 
einen  oder  mehrere  Dienstboten  zu  halten.  Nimmt 
dieser  Überschuß  zu,  so  wird  er  natürlich  die  Zahl 
der  Dienerschaft  vermehren. 


96    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Wenn  ein  unabhängiger  Handwerker,  etwa  ein 
Weber  oder  ein  Schuhmacher,  mehr  Kapital  erworben 
hat,  als  er  zum  Kauf  der  für  seine  eigene  i^rbeit  er- 
forderlichen Rohstoffe  und  zu  seinem  Unterhalte  bis 
zum  Verkauf  der  Arbeit  braucht,  so  beschäftigt  er 
natürlich  mit  dem  Überschuß  einen  oder  mehrere  Ge- 
sellen, um  aus  ihrer  Arbeit  Gewinn  zu  ziehen.  Nimmt 
dieser  Überschuß  zu,  so  wird  er  natürlich  auch  die 
Zahl  seiner  Gesellen  vermehren. 

Die  Nachfrage  nach  Lohnarbeitern  wächst  also 
notwendig  mit  der  Zunahme  des  Einkommens  und 
Kapitals  eines  Landes;  und  kann  unmöglich  auch 
ohne  diese  wachsen.  Die  Zunahme  des  Einkommens 
und  Kapitals  ist  die  Zunahme  des  National  Wohlstandes. 
Folglich  wächst  die  Nachfrage  nach  Lohnarbeitern 
naturgemäß  mit  der  Zunahme  des  National  Wohlstandes 
und  kann  unmöglich  ohne  sie  w-achsen. 

Nicht  die  dermalige  Größe  des  Nationalwohlstandes, 
sondern  seine  beständige  Zunahme  bringt  ein  Steigen  des 
Arbeitslohns  hervor.  Demnach  steht  der  Arbeitslohn 
nicht  in  den  reichsten  Ländern  am  höchsten,  sondern  in 
den  aufblühenden  oder  am  schnellsten  reich  werdenden. 
England  ist  gegenwärtig  sicher  ein  viel  reicheres  Land, 
als  ii-gend  ein  Teil  von  Nordamerika.  Der  Arbeitslohn 
steht  aber  in  Nordameiika  weit  höher,  als  in  irgend 
einem  Teile  Englands.  In  der  Provinz  New-York  ver- 
dienen gewöhnliche  Arbeiter*)  täglich  drei  Schilling 
sechs  Pence  Papier,  d.  h.  zwei  Schilling  Sterl. ;  Schiffs- 
zimmerleute zehn  Schilling  sechs  Pence  Papier  nebst 
einer  Pinte  Rum,  die  einen  halben  Schilling  Sterl.  wert 
ist,  also  im  Ganzen  sechs  und  einen  halben  Schilling 
Sterl.;  andere  Zimmerleute  und  Maurer  acht  Schilling- 
Papier,  d.  h.  vier   und   einen   halben   Schilling   Sterl.; 

*)  Dies  wurde  im  Jahre  1778  vor  dem  Beginn  der  letzten 
Unruhen  geschrieben. 


Kap.  Vni.:  Der  Arbeitslohn.  97 

Schneidergesellen  fünf  Schilling  Papier,  d.  h.  etwa  zwei 
Schilling  zehn  Pence  Sterl.  Diese  Löhne  sind  insge- 
samt höher  als  die  Londoner,  und  wie  es  heißt,  steht 
der  Arbeitslohn  in  den  übrigen  Kolonien  ebenso  hoch 
als  in  New-York.  Der  Preis  der  Nahrungsmittel  ist  in 
Nordamerika  durchweg  weit  niedriger,  als  in  England. 
Eine  Teuerung  hat  man  dort  nie  gekannt.  In  den 
schlechtesten  Jahren  hatten  sie  immer  noch  genug  für 
sich,  wenn  auch  zu  wenig  zur  Ausfuhr.  Wenn  also  der 
Geldpreis  der  Arbeit  dort  höher  ist,  als  irgend  wo  im 
Mutterlande,  so  muß  ihr  Sachpreis,  nämlich  dasjenige, 
was  dem  Arbeiter  dafür  an  Lebens-  und  Genußmitteln 
wirklich  zu  Gebote  steht,  noch  weit  höher  sein. 

Obgleich  nun  Nordamerika  noch  nicht  so  reich  als 
England  ist,  so  ist  es  doch  viel  mehr  im  Aufblühen  be- 
griffen und  schreitet  weit  rascher  zu  weiterer  Erwerbung 
von  Reichtümern  fort.  Das  entscheidendste  Kennzeichen 
des  Gedeihens  eines  Landes  ist  die  Zunahme  seiner  Ein- 
wohnerzahl. In  Großbritannien  und  den  meisten  übiigen 
Ländern  Europas  verdoppelt  sich  diese  Zahl,  wie  man 
annimmt,  erst  in  fünfhundert  Jahren.  In  den  britischen 
Kolonien  Nordamerikas  hat  man  gefunden,  daß  sie  sich 
in  zwanzig  oder  fünfundzwanzig  Jahren  verdoppelt.  Und 
gegenwärtig  ist  diese  Zunahme  nicht  hauptsächlich  der 
fortdauernden  Einwanderung  neuer  Bewohner,  sondern 
der  großen  Vermehrung  der  Rasse  zuzuschreiben.  Leute, 
die  ein  hohes  Alter  erreichen,  sollen  dort  oft  fünfzig  bis 
hundert  Menschen,  ja  manchmal  noch  mehr  als  Nachkom- 
men um  sich  sehen.  Die  Arbeit  wird  dort  so  gut  ge- 
lohnt, daß  eine  zahlreiche  Familie,  statt  eine  Last  für 
die  Eltern  zu  sein,  vielmehr  zu  einer  Quelle  der  Wohl- 
habenheit und  des  Gedeihens  für  sie  wird.  Man  rechnet 
die  Arbeit  jedes  Kindes,  bevor  es  das  elterliche  Haus 
verläßt,  auf  hundert  Pfund  reinen  Gewinn  für  die  Eltern. 
Um    eine    junge    Witwe    mit    vier   oder   fünf  jungen 

Adam  Smith,  Volkswohlstand.  I.  ' 


98    Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Kindern,  die  in  den  mittleren  oder  unteren  Ständen 
der  Bewohner  Europas  nur  wenig  Aussicht  auf  einen 
zweiten  Mann  haben  würde,  wird  dort  oft  als  um  eine 
glückliche  Partie  gefreit.  Der  Wert  der  Kinder  ist  die 
bei  Weitem  grüßte  aller  Ermunterungen  zur  Heirat. 
Daher  darf  man  sich  auch  nicht  wundern,  daß  die 
Leute  in  Nordamerika  gewöhnlich  so  jung  heiraten. 
Dennoch  wird  dort  trotz  dieses  durch  solche  frühzeitigen 
Heiraten  bewirkten  großen  Zuwachses  forwährend  über 
Mangel  an  Händen  geklagt.  Die  Nachfrage  nach 
Arbeitern  und  die  zu  ihrem  Unterhalt  bestimmten 
Fonds  nehmen,  wie  es  scheint,  noch  schneller  zu,  als 
die  Arbeiter,  die  Beschäftigung  suchen. 

Mag  der  Reichtum  eines  Landes  noch  so  groß  sein, 
so  darf  man  doch,  wenn  er  lange  Zeit  stillstehend  ge- 
blieben ist,  keinen  sehr  hohen  Arbeitslohn  zu  finden 
erwarten.  Die  zur  Lohnzahlung  bestimmten  Fonds,  das 
Einkommen  und  das  Kapital  seiner  Einwohner  mag  noch 
so  bedeutend  sein;  aber,  wenn  sie  mehrere  Jahrhunderte 
gleich  oder  nahezu  gleich  geblieben  sind,  könnte  die  Zahl 
der  jedes  Jahr  beschäftigten  Arbeiter  leicht  zureichen 
oder  selbst  mehr  als  zureichen,  um  die  Nachfrage  des 
folgenden  Jahres  zu  bestreiten.  Da  kann  selten  ein  Mangel 
an  Händen  eintreten,  noch  werden  die  Meister  gezwungen 
sein,  einander  zu  überbieten,  um  Arbeiter  zu  erhalten. 
Im  Gegenteil  würden  in  diesem  Falle  natürlich  viele 
Hände  unbeschäftigt  sein.  Es  würde  ein  beständiger 
Mangel  an  Beschäftigung  statthaben  und  die  Arbeiter 
würden  gezwungen  sein,  sich  diese  einander  streitig  zu 
machen.  Wenn  in  einem  solchen  Lande  der  Arbeitslohn 
auch  einmal  mehr  als  hinreichend  war,  um  den  Arbeiter 
zu  unterhalten  und  ihn  zu  befähigen,  seine  Familie 
zu  ernähren,  so  wird  doch  der  Wettbewerb  der  Ar- 
beiter und  das  Interesse  der  Meister  ihn  bald  auf  den 
niedrigsten  Satz  reduzieren,  der  mit  der  gewöhnlichsten 
Menschlichkeit   sich  vereinigen  läßt.      China  ist  lange 


Kap.  VIIT.:  Der  Arbeitslohn.  99 

eines  der  reichsten,  d.  h.  eines  der  fruchtbarsten,  best- 
bebauten, gewerbfleißigsten  und  bevölkertsten  Länder 
der  Welt  gewesen.  Es  scheint  jedoch  lange  im  Still- 
stande verharrt  zu  sein.  Marco  Polo,  der  es  vor  mehr 
als  fünfhundert  Jahren  besuchte,  beschreibt  seine  Boden- 
kultur, seinen  Gevverbfleiß  und  seinen  Volksreichtum 
fast  mit  denselben  Ausdrücken,  mit  denen  es  von 
heutigen  Reisenden  geschieht.  Es  hatte  vielleicht  sogar 
schon  lauge  vor  seiner  Zeit  jene  Fülle  des  Reichtums 
erlangt,  welche  die  Natur  seiner  Gresetze  und  Institu- 
tionen ihm  zu  erreichen  gestattete.  Die  Berichte  aller 
Reisenden  stimmen,  so  unzuverlässig  sie  auch  in  man- 
cher anderen  Beziehung  sind,  in  Betreff  des  niedrigen 
Arbeitslohnes  und  der  Schwierigkeit,  welche  ein  Arbeiter 
findet,  eine  Familie  in  China  zu  ernähren,  völlig  über- 
ein. Wenn  er  sich  durch  Ackern  den  ganzen  Tag  über 
so  viel  erwerben  kann,  um  abends  eine  kleine  Portion 
Reis  zu  kaufen,  so  ist  er  zufrieden.  Die  Lage  der  Hand- 
werker ist  wo  möglich  noch  schlimmer.  Statt,  wie  in 
Europa,  ruhig  in  ihren  Werkstätten  die  Bestellungen 
ihrer  Kunden  abzuwarten,  ziehen  sie  mit  ihren  Werk- 
zeugen unaufhörlich  durch  die  Straßen,  bieten  ihre 
Dienste  an  und  betteln  so  zu  sagen  um  Beschäftigung. 
Die  Armut  der  niederen  Stände  in  China  übertrifft  bei 
Weitem  die  der  bettelhaftesten  Völker  Europas.  In 
der  Umgegend  von  Kanton  haben  viele  hundert,  ja 
wie  es  allgemein  heißt,  viele  tausend  Familien  keine 
Wohnung  auf  dem  Lande,  sondern  leben  beständig  in 
kleinen  Fischerkähnen  auf  den  Flüssen  und  Kanälen. 
Der  Unterhalt,  den  sie  da  finden,  ist  so  kärglich,  daß 
sie  die  ekelhaftesten  Abfälle,  welche  von  einem  euro- 
päischen Schiffe  über  Bord  geworfen  werden,  gierig 
auffischen.  Jedes  Aas,  z.  B.  das  eines  verreckten 
Hundes  oder  einer  Katze,  wenn  es  auch  halb  faul  und 
stinkend  ist,  ist  ihnen  so  willkommen,  wie  den  Leuten 

7* 


loo  Ei'stes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragski'ai't  der  Arbeit. 

in  andern  Länder  die  gesündeste  Nahrung.  Die  Ehe 
wird  in  China  nicht  durch  die  Eintiäglichkeit  der 
Kinder,  sondern  durch  die  Freiheit,  sie  umzubringen, 
befördert.  In  allen  großen  Städten  werden  nächtlich 
mehrere  in  den  Straßen  ausgesetzt  oder  gleich  jungen 
Hunden  ertränkt.  Die  Besorgung  dieses  schrecklichen 
Geschäftes  soll  sogar  ein  zugestandener  Erwerbszweig 
sein,  durch  den  Manche  ihren  Unterhalt  verdienen. 

Obgleich  indeß  China  vielleicht  stillsteht,  so  scheint 
es  doch  nicht  rückwärts  zu  gehen.  Seine  Städte  sind 
nirgends  von  ihren  Einwohnern  verlassen.  Das  einmal 
angebaute  Land  wird  nirgends  vernachlässigt.  Daher 
muß  immer  noch  die  nämliche  oder  fast  die  nämliche 
jährliche  Arbeit  verrichtet  werden,  und  die  für  ihren 
Unterhalt  bestimmten  Fonds  müssen  folglich  noch  nicht 
merkbar  abgenommen  haben.  Die  unterste  Schicht  der 
Arbeiter  muß  also  ungeachtet  ihrer  kärglichen  Existenz 
sich  soweit  forthelfen,  um  die  Rasse  fortzupflanzen  und 
die  gewöhnliche  Volkszahl  aufrecht  zu  halten. 

Anders  würde  es  in  einem  Lande  stehen,  wo  die 
für  den  Unterhalt  der  Arbeit  bestimmten  Fonds  eine 
merkliche  Abnahme  erlitten.  Da  würde  die  Nachfrage 
nach  Dienern  und  Arbeitern  in  allen  Arten  der  Beschäf- 
tigung mit  jedem  Jahre  geringer  werden.  Viele,  die  in 
den  höhern  Klassen  aufgezogen  waren,  würden  in  ihrem 
eigentlichen  Gewerbe  keine  Beschäftigung  mehr  finden 
und  sie  gern  in  dem  niedrigsten  suchen.  Da  nun  aber 
die  niedrigste  Klasse  nicht  nur  mit  ihren  eigenen  Ar- 
beitern, sondern  auch  mit  den  aus  allen  anderen  Klassen 
einströmenden  überfüllt  wäre,  so  würde  die  Konkurrenz 
um  Arbeit  in  ihr  so  groß  werden,  daß  der  Arbeitslohn 
auf  den  elendesten  und  kärglichsten  Unterhalt  des  Arbei- 
ters herabgedrückt  würde.  Selbst  unter  diesen  harten 
Bedingungen  würden  viele  keine  Beschäftigung  finden 
können,  sondern  entweder  verhungern  müssen  oder  sich 


Kap.  VTTT.:  Der  Arbeitslohn,  101 

genötigt  sehen,  durch  Betteln  oder  durch  Frevel  der 
schlimmsten  Art  ihr  Leben  zu  fristen.  Mangel,  Hunger 
und  Sterblichkeit  würde  in  dieser  Klasse  sofort  um  sich 
greifen  und  sich  von  da  über  alle  höheren  Klassen  ver- 
breiten, bis  die  Zahl  der  Einwohner  so  weit  verringert 
wäre,  um  von  dem  Einkommen  und  Kapital,  welches 
im  Lande  geblieben,  und  der  Tyrannei  oder  dem 
Unglück,  wodurch  das  Übrige  zerstört  wurde,  ent- 
gangen ist,  leicht  erhalten  werden  könnte.  Dies  ist 
vielleicht  so  ziemlich  der  gegenwärtige  Zustand  Ben- 
galens  und  einiger  anderer  Niederlassungen  der  Eng- 
länder in  Ostindien.  In  einem  fruchtbaren  Lande,  das 
zuvor  sehr  entvölkert  gewesen  war,  wo  mithin  der 
Unterhalt  nicht  schwierig  sein  sollte,  und  wo  dessen- 
ungeachtet in  einem  Jahre  drei  bis  viermal  hundert- 
tausend Menschen  Hungers  sterben,  befinden  sich,  wie 
wir  mit  Sicherheit  annehmen  können,  die  für  den  Unter- 
halt der  arbeitenden  Armen  bestimmten  Fonds  sehr 
in  Abnahme.  Der  Unterschied  zwischen  dem  Geiste 
der  britischen  Staatsverfassung,  welche  Nordamerika 
schützt  und  regiert,  und  demjenigen  der  Handelsgesell- 
schaft, die  Ostindien  unterdrückt  und  beherrscht,  kann 
vielleicht  durch  Nichts  besser  ins  Licht  gestellt  werden, 
als   durch   den  verschiedenen  Zustand    dieser  Länder. 

Der  reichliche  Lohn  der  Arbeit  ist  demnach  eben- 
sowohl die  notwendige  Wirkung,  wie  das  natürliche 
Merkmal  wachsenden  Nationalreichtums.  Der  kärgliche 
Unterhalt  der  arbeitenden  Armen  andererseits  ist  das 
natürliche  Merkmal,  daß  die  Dinge  im  Stillstand,  und 
ihre  Not,  daß  sie  gewaltig  im  Rückschritt  begriffen  sind. 

In  Großbritannien  scheint  gegenwärtig  der  Arbeits- 
lohn offenbar  höher  zu  sein,  als  gerade  nötig  ist,  um 
eine  Familie  zu  erhalten.  Um  uns  über  diesen  Punkt 
zu  vergewissern,  wird  es  nicht  nötig  sein,  eine  weit- 
läufige  und   zweifelhafte  Berechnung   der  niedrigsten 


102  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Summe,  womit  dies  möglicher  Weise  geschehen  kann, 
anzustellen.  Es  sind  viele  klare  Merkmale  dafür  vor- 
handen, daß  der  Arbeitslohn  in  diesem  Lande  nirgends 
nach  seinem  niedrigsten  Satze,  der  sich  mit  gewöhn- 
licher Menschlichkeit  verträgt,  geregelt  wird. 

Erstens  besteht  in  fast  allen  Teilen  Großbritanniens, 
selbst  in  den  niedrigsten  Arten  der  Arbeit,  ein  Unter- 
schied zwischen  dem  Sommer-  und  Winterlohn.  Im 
Sommer  ist  der  Lohn  immer  am  höchsten.  Allein  wegen 
der  außerordentlichen  Ausgabe  für  Brennmaterial  ist 
der  Unterhalt  einer  Familie  im  Winter  am  kostspielig- 
sten. Da  nun  der  Arbeitslohn  am  höchsten  ist,  wenn 
diese  Ausgabe  am  niedrigsten,  so  scheint  es  klar,  daß 
er  sich  nicht  nach  dem,  was  zu  dieser  Ausgabe  er- 
forderlich ist,  sondern  nach  der  Menge  und  dem  mut- 
maßlichen Werte  der  Arbeit  richtet.  Ein  Arbeiter 
sollte  allerdings  einen  Teil  seines  Sommerlohnes  sparen, 
um  seine  Winterausgaben  damit  zu  bestreiten  und  man 
kann  sagen,  daß  sein  Lohn  des  ganzen  Jahres  nicht 
mehr  als  gerade  hinlänglich  sei,  um  seine  Familie 
während  des  ganzen  Jahres  zu  unterhalten.  Ein  Sklave 
hingegen  oder  ein  in  seinem  Unterhalt  von  uns  durch- 
aus abhängiger  Mensch  würde  nicht  so  behandelt  werden. 
Seine  täglichen  Lebensmittel  würden  ihm  nach  seinem 
täglichen  Bedarf  zugemessen  werden. 

Zweitens  schwankt  in  Großbritannien  der  Arbeits- 
lohn nicht  zugleich  mit  dem  Preise  der  Nahrungsmittel. 
Dieser  ändert  sich  überall  von  Jahr  zu  Jahr,  oft  von 
Monat  zu  Monat.  An  vielen  Orten  hingegen  bleibt  der 
Geldpreis  der  Arbeit  bisweilen  ein  halbes  Jahrhundort 
hindurch  sich  gleich.  Wenn  daher  der  arbeitende  Arme 
an  diesen  Orten  seine  Familie  in  teuren  Jahren  ernähren 
kann,  so  muß  er  in  Zeiten  mäßiger  Fülle  bequem  und 
in  Zeiten  außerordentlicher  Wohlfeilheit  reichhch  zu 
leben  haben.  Der  hohe  Preis  der  Lebensmittel  während 


Kap.  VIII.:  Der  Arbeitslohn.  103 

der  letzten  zehn  Jahre  war  nur  in  wenigen  Teilen  des 
Königreichs  von  einer  merklichen  Steigerung  des  Geld- 
preises der  Arbeit  begleitet.  In  einigen  Teilen  war 
es  allerdings  der  Fall,  wahrscheinlich  mehr  in  Folge 
der  wachsenden  Nachfrage  nach  Arbeit,  als  des  teureren 
Preises  der  Lebensmittel. 

Drittens  wechselt  der  Preis  der  Lebensmittel  mehr 
als  der  Arbeitslohn  von  Jahr  zu  Jahr  und  andererseits 
wechselt  der  Arbeitslohn  mehr  als  der  Preis  der  Lebens- 
mittel von  Ort  zu  Ort.  Die  Brot-  und  Fleischpreise  sind 
im  größten  Teile  des  vereinigten  Königreichs  so  ziem- 
lich die  nämlichen.  Diese  und  die  meisten  anderen 
Dinge,  welche  im  Kleinen  verkauft  werden  (die  Art  wie 
der  arbeitende  Arme  Alles  kauft),  sind  gewöhnlich  in 
großen  Städten  eben  so  wohlfeil  oder  noch  wohlfeiler, 
als  in  abgelegenen  Gegenden,  aus  Gründen,  die  ich 
später  zu  entwickeln  Gelegenheit  haben  werde.  Da- 
gegen ist  der  Arbeitslohn  in  einer  großen  Stadt  und 
ihrer  Umgegend  oft  um  ein  Viertel  oder  ein  Fünftel, 
zwanzig  oder  fünfundzwanzig  Prozent  höher,  als  wenige 
Meilen  davon.  Achtzehn  Pence  täglich  kann  als  ge- 
wöhnlicher Preis  der  Arbeit  in  London  und  seiner  Um- 
gegend angesehen  werden,  wenige  Meilen  davon  fällt 
er  auf  vierzehn  und  fünfzehn  Pence.  Zehn  Pence 
kann  als  ihr  Preis  in  Edinburg  und  Umgegend  gerech- 
net werden.  Wenige  Meilen  davon  fällt  er  auf  acht 
Pence,  den  gewöhnlichen  Preis  gemeiner  Arbeit  im 
größten  Teile  des  schottischen  Tieflands,  wo  er  viel 
weniger  wechselt,  als  in  England.  Solch  ein  Unter- 
schied der  Preise,  der  anscheinend  nicht  immer  hin- 
reicht, um  einen  Menschen  aus  einem  Kirchspiel  in  das 
andere  zu  überführen,  würde  notwendig  eine  so  starke 
Versendung  der  massigsten  Waren  nicht  nur  von  einem 
Kirchspiel  ins  andere,  sondern  von  einem  Ende  des 
Königreichs  zum  anderen,  ja  beinahe  von  einem  Ende 
der  Welt  zum  anderen  bewirken,  daß  die  Preise  bald 


X04  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

ins  Gleichgewicht  kommen  würden.  Trotz  allem,  was 
von  dem  Leichtsinn  und  der  Unbeständigkeit  der 
menschlichen  Natur  gesagt  worden  ist,  geht  doch 
deutlich  aus  der  Erfahrung  hervor,  daß  keine  Last  so 
schwer  von  der  »Stelle  zu  bringen  ist,  als  der  Mensch. 
Wenn  also  der  arbeitende  Arme  seine  Familie  in  den 
Teilen  des  Königreichs,  in  denen  der  Arbeitspreis  am 
niedrigsten  steht,  ernähien  kann,  so  muß  er  da,  wo 
er  am  höchsten  ist,  reichlich  leben  können. 

Viertens  entsprechen  die  Veränderungen  im  Preise 
der  Arbeit  nicht  nur  denen  im  Preise  der  Lebensmittel 
nicht,  sei  es  im  Ort  oder  in  der  Zeit,  sondern  sie 
sind  oft  durchaus  entgegengesetzt. 

Das  Korn,  die  Nahrung  des  gemeinen  Volkes,  ist 
in  Schottland  teurer  als  in  England,  woher  Schottland 
fast  alle  Jahre  sehr  bedeutende  Zufuhren  erhält.  Aber 
englisches  Korn  muß  in  Schottland,  wohin  es  gebracht 
wird,  teurer  bezahlt  werden,  als  in  England,  woher 
es  kommt;  und  im  Verhältnis  zu  seiner  Güte  kann  es 
in  Schottland  nicht  teurer  verkauft  werden,  als  das 
schottische  Korn,  welches  mit  ihm  auf  demselben 
Markte  in  Wettbewerb  tritt.  Die  Güte  des  Korns 
hängt  besonders  von  der  Mehlmenge  ab,  die  es  auf  der 
Mühle  liefert,  und  in  dieser  Beziehung  ist  englisclies 
Korn  dem  schottischen  so  überlegen,  daß  es,  obwohl 
anscheinend  oder  im  Verhältnis  seines  Maßes  oft  teurei-, 
doch  in  Wirklichkeit  oder  im  Verhältnis  zu  seiner  Be- 
schaffenheit, ja  sogar  zu  seinem  Gewicht  gewöhnlich 
wohlfeiler  ist.  Der  Preis  der  Arbeit  ist  hingegen  in 
England  teurer  als  in  Schottland.  Wenn  demnach  der 
arbeitende  Arme  in  dem  einen  Teile  des  vereinigten 
Königreichs  seine  Familie  ernähren  kann,  so  muß  er 
in  dem  anderen  reichlich  loben.  Allerdings  macht  für 
die  gemeinen  Leute  in  Schottland  Hafermehl  den 
größten  und  besten  Teil  ihrer  Nahrung  aus,  die  über- 
haupt   weit    schlechter    ist,    als    die    ihrer    Nachbarn 


Kap.  VIII.:  Per  Arbeitslohn.  105 

gleichen  Standes  in  England.  Doch  ist  dieser  Unter- 
schied in  der  Art  ihres  Lcbensuntei'halts  nicht  die  Ui'- 
sache,  sondern  die  Wirkung  des  Unterschiedes  in  iliron 
Löhnen,  obwohl  ich  ihn,  durch  ein  befremdliches  Miü- 
vorständi^is,  oft  als  die  Ursache  habe  angeben  h('»ren. 
Nicht  deshalb,  weil  sich  der  eine  eine  Kutsche  hält, 
während  sein  Nachbar  zu  Fuße  geht,  ist  jener  reich 
und  dieser  arm,  sondern  weil  jener  reich  ist,  darum 
hält  er  sich  eine  Kutsche,  und  weil  der  andere  arm 
ist,  darum  geht  er  zu  Fuße. 

Im  Laufe  des  vorigen  Jahrhunderts  war,  ein  Jahr 
ins  andere  gerechnet,  das  Korn  in  beiden  Teilen  des 
vereinigten  Königreichs  teurer,  als  in  dem  gegenwärti- 
gen. Dies  ist  eine  Tatsache,  die  sich  vernünftiger 
Weise  nicht  bezweifeln  läßt,  und  für  die  der  Beweis 
hinsichtlich  Schottlands  wo  möglich  noch  entscheiden- 
der ist,  als  hinsichtlich  Englands.  In  Schottland  wird 
er  durch  das  Zeugnis  der  öffentlichen  Fiars  geführt, 
d.  h.  jährlicher  Preislisten  vereideter  Sachverständiger 
über  alle  Getreidearten,  welche  auf  die  Märkte  der  ver- 
schiedenen schottischen  Grafschaften  kommen.  Wenn 
solch  ein  direkter  Beweis  noch  einer  Ergänzung  und 
Bestärkung  bedürfte,  so  würdeich  hinzufügen,  daß  jenes 
gleicherweise  in  Fi'ankreich  und  wahrscheinlich  auch  in 
den  meisten  übrigen  Teilen  Europas  der  Fall  gewesen 
ist.  Bezüglich  Frankreichs  ist  der  klarste  Nachweis 
vorhanden.  So  gewiß  es  aber  ist,  daß  in  beiden  Teilen 
des  vereinigten  Königsreichs  das  Getreide  im  letzten 
Jahrhundert  etwas  teurer  war,  als  im  gegenwärtigen, 
eben  so  gewiß  ist  es,  daß  die  Arbeit  viel  wohlfeiler 
war.  Wenn  daher  die  arbeitenden  Armen  ihre  Familien 
damals  ernähren  konnton,  so  muß  es  ihnen  jetzt  um  so 
leichter  werden.  Im  vorigen  Jahrhundert  betrug  der 
übl#;hste  Tagelohn  gemeiner  Arbeit  im  größten  Teile 
Schottlands  sechs  Pence  im  Sommer  und  fünf  Pence  im 


106  Ei'stes  Bucli:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

"Winter.  Drei  Schilling  die  Woche,  also  so  ziemlich 
dasselbe,  wird  noch  heute  in  einigen  Teilen  der  Hoch- 
lande und  auf  den  westlichen  Inseln  bezahlt.  Im  größten 
Teile  des  Tieflandes  ist  der  üblichste  Lohn  für  gemeine 
Arbeit  acht  Pence  täglich;  zehn  Pence,  bisweilen  einen 
Schilling,  beträgt  er  um  Kdinburg,  in  den  an  England 
grenzenden  Grafschaften,  wahrscheinlich  wegen  dieser 
Nachbarschaft,  und  an  einigen  wenigen  Orten,  wo  sich 
jüngst  eine  beträchtliche  Zunahme  der  Nachfrage  nach 
Arbeit  eingestellt  hat,  um  Glasgow,  Carron,  Ayrshire 
u.  s.  w.  In  England  begannen  die  Fortschritte  im 
Landbau,  in  den  Gewerben  und  im  Handel  viel  früher, 
als  in  Schottland.  Mit  diesen  Fortschritten  mußte  not- 
wendig die  Nachfrage  nach  Arbeit  und  folglich  ihr  Preis 
steigen.  Daher  war  sowohl  im  vorigen  wie  im  jetzigen 
Jahrhundert  der  Arbeitslohn  in  England  höher,  als  in 
Schottland.  Er  ist  seit  jener  Zeit  noch  beträchtlich  ge- 
stiegen, obgleich  wegen  der  größeren  Schwankungen 
der  Löhne  je  nach  den  verschiedenen  Orten  schwer  zu 
bestimmen  ist,  wie  sehr  er  stieg.  Im  Jahre  1614  war 
der  Sold  eines  Fußsoldaten  der  nämliche,  wie  jetzt, 
nämlich  acht  Pence  den  Tag.  Als  er  zuerst  festgesetzt 
wurde,  wurde  er  natürlich  nach  dem  üblichen  Lohn 
gemeiner  Arbeiter  bestimmt,  d.  h.  desjenigen  Standes, 
aus  dem  Fußsoldaten  gewöhnlich  genommen  werden. 
Der  Lord-Oberrichter  Haies,  der  zur  Zeit  Karls  II. 
schrieb,  berechnet  die  notwendigen  Ausgaben  einer 
Arbeiterfamilie,  die  aus  sechs  Personen,  dem  Vater, 
der  Mutter,  zwei  zu  etwas  Arbeit  fähigen  und  zwei 
arbeitsunfähigen  Kindern  besteht,  auf  zehn  Schilling- 
die  "Woche  oder  sechsundzwanzig  Pfund  im  Jahr.  "Wenn 
sie  dies  mit  ihrer  Arbeit  nicht  verdienen  können,  so 
müssen  sie  es  nach  seiner  Meinung  durch  Betteln  oder 
Stehlen  aufbringen;  und  er  scheint  sehr  sorgfältige 
Untersuchungen  über  diesen  Gegenstand  angestellt  zu 


Kap.  YLII.:  Der  Arbeitslohn.  107 

haben*)  Im  Jahre  1688  berechnete  Gregory  King, 
dessen  statistisches  Geschick  von  Doktor  Davenant  so 
sehr  gerühmt  wird,  das  gewöhnliche  Einkommen  der 
Arbeiter  und  Lohndiener  auf  jährhch  fünfzehn  Pfund 
für  eine  Familie,  deren  Bestand  er  im  Durchschnitt 
zu  drei  und  einer  halben  Person  annahm.  Seine  Be- 
rechnung ist,  obwohl  scheinbar  von  der  des  Richters 
Haies  verschieden,  im  Grunde  doch  mit  dieser  ziemlich 
übereinstimmend.  Beide  nehmen  die  wöchentliche  Aus- 
gabe solcher  Familien  auf  etwa  zwanzig  Pence  für  den 
Kopf  an.  Seit  dieser  Zeit  sind  sowohl  die  Einkünfte 
als  die  Ausgaben  solcher  Familien  im  größten  Teile 
des  Königreichs  ansehnlich  gewachsen;  an  dem  einen 
Orte  mehr,  an  einem  anderen  weniger,  obgleich  vielleicht 
nirgends  so  sehr,  wie  gewisse  übertriebene  Berech- 
nungen des  gegenwärtigen  Arbeitslohns  sie  neuerdings 
dem  Publikum  darstellten.  Der  Preis  der  Arbeit  kann, 
wie  bemerkt  werden  muß,  nirgends  sehr  genau  fest- 
gestellt werden,  da  oft  an  demselben  Orte  und  für 
dieselbe  Sorte  von  Arbeit  nicht  blos  je  nach  der  ver- 
schiedenen Geschicklichkeit  der  Arbeiter,  sondern 
auch  nach  der  Willigkeit  oder  Kargheit  der  Meistor 
verschiedene  Preise  gezahlt  werden.  Wo  der  Arbeits- 
lohn nicht  gesetzlich  geregelt  ist,  können  wir  nicht 
beanspruchen,  etwas  anderes  festzustellen  als,  welches 
der  üblichste  ist,  und  die  Erfahrung  scheint  zu  be- 
weisen, daß  Gesetze  ihn  niemals  angemessen  regeln, 
so  oft  sie  auch  mit  diesem  Anspruch  auftraten. 

Die  Sachvergütung  der  Arbeit,  die  wirkliche 
Menge  von  Lebens-  und  Genußmitteln,  welche  sie  dem 
Arbeiter  einbringt,  nahm  im  Laufe  des  gegenwärtigen 
Jahrhundert  vielleicht  in  noch  größerem  Maße  zu,  als 


*)  Man   sehe   sein  Scheme  for  the   maintenance  of  the  pour, 
in  Burn's  Histori/  of  the  Poor-laws- 


108  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

ihr  Geldpreis.  Nicht  nur  das  Getreide  ist  etwas  wohl- 
feiler geworden,  sondern  auch  viele  andere  Dingo,  welche 
den  fleißigen  Armen  eine  angenehme  und  gesunde  Ab- 
wechslung in  den  Nahrungsmitteln  darbieten,  sind  um 
ein  gut  Teil  billiger  geworden.  Die  Kartoffeln  z.  B. 
kosten  jetzt  im  größten  Teil  des  Königreichs  nur  halb 
soviel,  als  vor  dreißig  oder  vierzig  Jahren.  Dasselbe 
läßt  sich  von  den  Hüben,  dem  Kohl,  den  Mohrrüben 
sagen,  lauter  Gewächse,  die  früher  mit  dem  Spaten, 
jetzt  aber  gewöhnlich  mittels  des  Pfluges  bestellt  werden. 
Auch  alle  Arten  von  Gartengewächsen  sind  wohlfeiler 
geworden.  Die  Apfel  und  selbst  die  Zwiebeln  kamen 
im  vorigen  Jahrhundert  meist  aus  Flandern.  Die  großen 
Fortschritte  in  der  Verfertigung  der  gröberen  Leinen- 
und  Wollenzeuge  haben  den  Arbeitern  billigere  und 
bessere  Kleidung  und  die  Fortschritte  in  der  Verfer- 
tigung der  groben  Metallwaren  billigeres  und  besseres 
Handwerkzeug,  sowie  viele  angenehme  und  bequeme 
Hausgeräte  verschafft.  Seife,  Salz,  Lichter,  Leder 
und  gegohrene  Getränke  sind  allerdings,  hauptsächlich 
durch  die  darauf  gelegton  Steuern,  viel  teurer  geworden. 
Allein  die  Menge,  die  der  arbeitende  Arme  von  diesen 
Dingen  notwendig  braucht,  ist  so  gering,  daß  die  Er- 
höhung ihres  Preises  der  Verminderung  des  Preises  so 
vieler  anderen  Dinge  nicht  gleichkommt.  Die  gewöhn- 
liche Klage,  daß  der  Luxus  sich  selbst  bis  auf  die 
untersten  Volksklassen  erstreckt  und  die  arbeitenden 
Armen  jetzt  nicht  mehr  mit  der  Nahrung,  Kleidung 
und  Wohnung  zufrieden  sein  wollen,  an  der  sie  sich 
früher  haben  genügen  lassen,  kann  uns  überzeugen, 
daß  nicht  nur  der  Geldpreis  der  Arbeit,  sondern  auch 
ihre  Sachvergütung  gestiegen  ist. 

1st  nun  diese  Verbesserung  in  den  Umständen  der 
niederen  Volksklassen  als  ein  Vorteil  oder  als  ein 
Nachteil  für  die  Gesellschaft  anzusehen?   Die  Antwort 


Kap.  VIIL:  Der  Arbeitslohn.  109 

scheint  auf  den  ersten  Blick  außerordentlich  einfach. 
Dienstboten,  Tagelöhner  und  Arbeiter  verschiedener  Art 
machen  den  bei  Weitem  größten  Teil  jeder  großen 
politischen  Gemeinschaft  aus.  Was  immer  aber  die  Um- 
stände des  größten  Teils  verbessert,  kann  niemals  als 
ein  Nachteil  für  das  Ganze  angesehen  werden.  Sicher- 
lich kann  keine  Gesellschaft  blühend  und  glücklich  sein, 
deren  meiste  Glieder  arm  und  elend  sind.  Überdies  ist 
es  nicht  mehr  als  billig,  daß  die,  die  die  gesamte 
Masse  des  Volkes  mit  Nahrung,  Kleidung  und  Wohnung 
versorgen,  einen  solchen  Anteil  von  dem  Produkt  ihrer 
eigenen  Arbeit  erhalten,  um  sich  selbst  erträglich 
nähren,  kleiden  und  wohnen  zu  können. 

Die  Armut  ermutigt  zwar  nicht  zur  Ehe,  verhindert 
aber  auch  sie  nicht  immer.  Sie  scheint  sogar  der  Kin- 
dererzeugung günstig  zu  sein.  Eine  halbverhungerte 
Bergschottin  bringt  oft  mehr  als  zwanzig  Kinder  zur 
Welt,  während  eine  wohlgenährte  schöne  Dame  oft 
unfähig  ist,  ein  einziges  zu  gebären  und  im  Allge- 
meinen höchstens  zwei  oder  drei  Niederkünften  abhält. 
Die  unter  vornehmen  Frauen  so  häufige  Unfruchtbar- 
keit ist  unter  den  Frauen  niederen  Standes  sehr  selten. 
Während  die  Üppigkeit  im  schönen  Geschlecht  zwar 
vielleicht  die  Begierde  nach  Genuß  entflammt,  scheint 
sie  stets  die  Zeugungskraft  zu  schwächen  und  oft 
ganz  zu  zerstören. 

Allein  die  Armut  ist,  obwohl  sie  die  Kindererzeu- 
gung nicht  hemmt,  höchst  ungünstig  für  die  Kinder- 
erziehung. Die  zarte  Pflanze  ist  hervorgebracht,  muß 
aber  in  so  kaltem  Boden  und  so  rauhem  Klima  bald 
welken  und  sterben.  Es  ist,  wie  man  mir  oft  gesagt 
hat,  in  den  schottischen  Hochlanden  nichts  Ungewöhn- 
liches, daß  eine  Mutter,  die  zwanzig  Kinder  geboren 
hat,  nicht  zwei  am  Leben  behält.  Einige  sehr  erfahrene 
Offiziere  haben  mich  versichert,  daß  sie,  weit  entfernt, 
ihr  Regiment  damit  rekrutieren  zu  können,  niemals  im- 


110  Erstes  Bucli:  Zunahme  in  der  Erti'agskraft  der  Arbeit. 

Stande  waren,  mit  allen  in  ilim  geborenen  Soldaten- 
kindern auch  nur  die  Zahl  der  Trommler  und  Pfeifer 
voll  zu  machen.  Dennoch  sieht  man  selten  irgend  wo 
so  viele  hübsche  Kinder,  als  um  eine  Kaserne  herum ; 
aber  sehr  wenige  von  ihnen  erreichen,  wie  es  scheint, 
das  vierzehnte  oder  fünfzehnte  Jahr.  An  einigen  Orten 
stirbt  die  Hälfte  der  Kinder  vor  dem  vierten  Jahre, 
an  vielen  vor  dem  siebenten,  und  fast  überall  vor  dem 
neunten  oder  zehnten.  Aber  diese  große  Sterblichkeit 
findet  sich  überall  hauptsächlich  unter  den  Kindern  des 
niederen  Volkes,  das  sie  nicht  mit  der  Sorgfalt  warten 
kann,  wie  die  besseren  Stände.  Obgleich  ihre  Ehen 
im  Allgemeinen  fruchtbarer  sind,  als  die  der  vor- 
nehmen Leute,  so  gelangen  doch  weniger  Kinder  aus 
jenen  zur  Reife.  In  Findelhäusern  und  unter  den  auf 
Kosten  der  Gemeinde  verpflegten  Kindern  ist  die 
Sterblichkeit  noch  größer,  als  unter  den  Kindern  der 
gewöhnlichen  Leute. 

Jede  Tiergattung  vermehrt  sich  naturgemäß  im 
Verhältnis  zu  den  Mitteln  ihres  Unterhalts,  und  keine 
Gattung  kann  sich  jemals  darüber  hinaus  vermehren. 
Aber  in  einer  zivilisierten  Gesellschaft  kann  der  Mangel 
an  Nahrungsmitteln  nur  unter  den  unteren  Volksklassen 
einer  weiteren  Vermehrung  der  Menschen  Schranken 
setzen  ;  und  er  kann  dies  nur  dadurch,  daß  er  einen 
großen  Teil  der  Kinder,  die  ihre  fruchtbaren  Ehen 
hervorbringen,  vernichtet. 

Die  reichliche  Belohnung  der  Arbeit,  welche  die 
niederen  Volksklassen  in  Stand  setzt,  für  ihre  Kinder 
besser  zu  sorgen  und  also  eine  größere  Anzahl  von 
ihnen  durchzubringen,  bewirkt  naturgemäß  eine  Erwei- 
terung und  Ausdehnung  jener  Schranken.  Es  verdient 
bemerkt  zu  werden,  daß  sie  dies  möglichst  genau  in  dem 
Verhältnisse  tut,  welches  die  Nachfrage  nach  Arbeit 
erfordert.      Wenn    diese   Nachfrage    beständig    wächst. 


Kap.  Vrn.:  Dei-  Arbeitslohn.  Hl 

SO  muß  die  Belohnung  der  Arbeit  notwendig  zur  Ehe 
und  zur  Vermehrung  der  Arbeiter  derart  ermuntern, 
um  sie  instand  zu  setzen,  jene  stets  wachsende  Nach- 
IVage  durch  eine  stets  zunehmende  Volkszahl  zu  be- 
friedigen. Wäre  der  Lohn  einmal  geringer,  als  es  zu 
diesem  Zweck  nötig  ist,  so  würde  der  Mangel  an  Händen 
ihn  bald  in  die  Höhe  treiben,  und  wäre  er  einmal  größer, 
so  würde  die  unmäßige  Vermehrung  der  Hände  ihn 
bald  wieder  auf  seinen  notwendigen  Satz  herunter- 
bringen. Der  Markt  würde  in  dem  einen  Falle  so 
schlecht  mit  Arbeit  versorgt  und  in  dem  anderen  so 
sehr  damit  überfüllt  sein,  daß  ihr  Preis  bald  auf  den 
richtigen  Satz  zurückkäme,  den  die  Verhähnisse  der 
Gesellschaft  erheischen.  So  regelt  die  Nachfrage  nach 
Menschen,  gleich  der  nach  jeder  anderen  Ware,  not- 
wendig auch  die  Erzeugung  der  Menschen,  beschleunigt 
sie,  wenn  sie  zu  langsam  vor  sich  geht,  und  verzögert 
sie,  wenn  sie  zu  rasch  fortschreitet.  Es  ist  diese  Nach- 
frage, die  die  Fortpflanzung  in  allen  Ländern  der  Welt, 
in  Nordamerika,  in  Europa  und  in  China  regelt  und  be- 
stimmt, die  sie  zu  einer  reißend  schnellen  in  dem  ersten, 
zu  einer  langsamen  und  schrittweisen  in  dem  zweiten, 
und  zu  einer  völlig  stillstehenden  in  dem  letzten  macht. 
Die  Abnutzung  eines  Sklaven,  hat  man  gesagt,  geht 
auf  Kosten  seines  Herrn,  die  eines  freien  Dieners  auf 
seine  eigenen  Kosten.  Allein  die  Abnutzung  des  letzteren 
geht  in  Wahrheit  ebenso  auf  Kosten  seines  Herrn,  als 
die  des  ersteren.  Der  an  Taglöhner  und  Dienstboten 
aller  Art  bezahlte  Lohn  muß  diese  im  Ganzen  ge- 
nommen instand  setzen,  das  Geschlecht  der  Taglöhner 
und  Dienstboten  in  dem  Maße  fortzupflanzen,  als  es 
die  wachsende,  abnehmende  oder  sich  gleichbleibende 
Nachfrage  der  Gesellschaft  gerade  verlangt.  Wenn  in- 
deß  auch  die  Abnutzung  eines  freien  Dieners  gleich- 
falls auf  Kosten  seines  Herrn  geschieht,  so  kostet  sie 


112  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

letzteren  doch  in  der  Regel  weit  weniger,  als  die  eines 
Sklaven.  Der  zum  Ersatz  oder  so  zu  sagen  zur  Wieder- 
herstellung eines  abgenutzten  Sklaven  bestiuimte  Fonds 
wird  gewöhnlich  von  einem  nachlässigen  Heri'n  oder 
einem  sorglosen  Aufseher  verwaltet.  Der  zu  demselben 
Zwecke  für  einen  freien  Mann  bestimmte  Fonds  wird 
von  dem  freien  Manne  selbst  verwaltet.  Die  Unordnung, 
welche  gewöhnlich  im  Haushalt  des  Reichen  herrscht, 
macht  sich  naturgemäß  in  der  Beaufsichtigung  des  Er- 
steren  geltend:  die  strikte  Mäßigkeit  und  aufmerksame 
Sparsamkeit  des  Armen  herrscht  eben  so  natürlich  in 
der  Beaufsichtigung  des  Letzteren.  Unter  so  ungleicher 
Aufsicht  muß  derselbe  Zweck  sehr  ungleiche  Kosten 
verursachen.  Und  so  lehrt,  wie  ich  glaube,  die  Erfahrung 
aller  Zeiten  und  Völker,  daß  die  Arbeit  freier  Leute 
am  Ende  wohlfeiler  ist,  als  die  der  Sklaven.  Dies  findet 
sich  sogar  in  Boston,  New- York  und  Philadelphia  be- 
stätigt, wo  doch  der  Lohn  gemeiner  Arbeit  sehr  hoch  ist. 

Die  reichliche  Belohnung  der  Arbeit  ist  mithin  eben- 
sowohl die  Wirkung  des  zunehmenden  Reichtums  wie 
die  Ursache  der  zunehmenden  Volksmenge.  Darüber 
klagen  heißt  über  die  notwendige  Wirkung  und  Ur- 
sache der  größten  öffentlichen  Wohlfahrt  jammern. 

Es  verdient  vielleicht  bemerkt  zu  werden,  daß  die 
Lage  der  arbeitenden  Armen,  der  großen  Masse  des 
Volks,  mehr  in  dem  fortschreitenden  Stadium,  wo  die 
Gesellschaft  weiterem  Erwerb  zueilt,  als  in  dem,  wo  sie 
eine  Fülle  des  Reichtums  bereits  erworben  hat,  am 
glücklichsten  und  behaglichsten  zu  sein  scheint.  Sie 
ist  hart  in  dem  Stadium  des  Stillstands  und  elend  in 
dem  des  Verfalls.  Der  Zustand  des  Fortschritts  ist  in 
der  Tat  für  alle  Gesellschaftsklassen  ein  Zustand  des 
Frohsinns  und  der  Kraft.  Der  Stillstand  macht  träge, 
der  Verfall  traurig. 

Die  reichliche  Belohnung  der  Arbeit  ermuntert  eben- 


Kap.  Vin.:  Der  Arbeitslohn.  113 

sowohl  den  gemeinen  Mann  zur  Fortpflanzung,  wie  sie 
ihn  zum  Fleiße  anspornt.  Der  Arbeitslohn  ist  die  Auf- 
munterung zum  Fleiße,  der,  wie  jede  andre  menschliche 
Eigenschaft,  in  dem  Grade  zunimmt,  wie  er  Aufmunte- 
rung erfährt.  Reichliche  Nahrung  stärkt  die  Körper- 
kräfte  des  Arbeiters,  und  die  wohltuende  Hoffnung 
seine  Lage  zu  verbessern,  und  seine  Tage  vielleicht  in 
Ruhe  und  Fülle  zu  beschließen,  feuert  ihn  an,  seine 
Kräfte  aufs  Ausserste  anzustrengen.  Wo  der  Arbeits- 
lohn hoch  ist,  finden  wir  demnach  stets  die  Arbeiter 
tätiger,  fleißiger  und  flinker,  als  da,  wo  er  niedrig  ist; 
in  England  z.  B.  mehr  als  in  Schottland,  in  der  Um- 
gebung großer  Städte  mehr,  als  an  entlegenen  Orten 
des  platten  Landes.  Freilich  werden  manche  Arbeiter, 
wenn  sie  in  vier  Tagen  soviel  verdienen  können,  um 
eine  Woche  davon  zu  leben,  in  den  übrigen  drei  Tagen 
müßig  gehen ;  aber  dies  ist  durchaus  nicht  bei  der  Mehr- 
zahl der  Fall.  Im  Gegenteil  sind  die  Arbeiter,  wenn  sie 
reichlich  nach  dem  Stück  bezahlt  werden,  sehr  geneigt, 
sich  zu  überarbeiten,  und  in  wenigen  Jahren  ihre  Gesund- 
heit undKürperbeschaffenheit  zu  ruinieren.  Ein  Zimmer- 
mann in  London  und  einigen  anderen  Orten  bleibt,  wie 
man  annimmt,  nicht  über  acht  Jahre  bei  vollen  Kräften. 
Ahnlich  verhält  es  sich  in  vielen  anderen  Gewerben, 
in  denen  der  Arbeiter  nach  dem  Stück  bezahlt  wird, 
wie  dies  allgemein  in  den  Fabriken  der  Fall  ist  und 
selbst  bei  den  Feldarbeiten  überall,  wo  der  Lohn  hoher 
als  gewöhnlich  ist.  BeinahejedeKlasse  von  Handwerkern 
ist  einer  eigentümlichen  Krankheit  ausgesetzt,  die  durch 
übermäßige  Anstrengung  bei  der  besonderen  Art  ihrer 
Arbeit  veranlaßt  wird.  Ramuzzini,  ein  ausgezeichneter 
italienischer  Arzt,  hat  über  solche  Krankheiten  ein  be- 
sonderes Buch  geschrieben.  Wir  rechnen  unsre  Soldaten 
nicht  gerade  zu  den  fleißigsten  Leuten  unter  uns.  Wenn 
aber  Soldaten  zu  gewissen  Arbeiten  gebraucht  und  reich- 

Adam  Smith,  Volkswohlstand.  I.  8 


i  14  Erstes  Buoli:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

lieh  nach  dem  Stück  bezahlt  wurden,  mußten  ihre 
Offiziere  mit  dem  Unternehmer  das  Abkommen  treffen, 
daß  ihnen  nicht  gestattet  sein  solle,  bei  dem  Satze, 
nach  welchem  sie  bezahlt  wurden,  mehr  als  eine  gewisse 
Summe  täglich  zu  verdienen.  Ehe  dies  ausgemacht 
worden  war,  reizte  sie  oft  ihr-  gegenseitiger  Wetteifer 
und  das  Verlangen  nach  größerem  Gewinn,  sich  zu 
überarbeiten  und  ihrer  Gesundheit  durch  übermäßige 
Anstrengung  zu  schaden.  Der  übertriebene  Fleiß  wäh- 
rend vier  Tagen  der  Woche  ist  oft  die  wirkliche  Ursache 
jenes  Müssiggangs  an  den  drei  übrigen,  über  den  so  viele 
und  so  laute  Klage  geführt  wird.  Großer  Anstrengung 
des  Geistes  oder  des  Körpers,  mehrere  Tage  hinterein- 
ander fortgesetzt,  folgt  bei  den  meisten  Menschen  na- 
turgemäß ein  starkes  Verlangen  nach  Ei-holung,  das, 
wenn  es  nicht  mit  Gewalt  oder  durch  herbe  Not  bc' 
zwungen  wird,  fast  unwiderstehlich  ist.  Es  ist  der  Ruf 
der  Natur,  die  eine  gewisse  Schonung  fordert,  zuweilen 
durch  bloße  Ruhe,  zuweilen  auch  durch  Zerstreuung 
und  Vergnügung.  Wird  ihm  nicht  nachgegeben,  so 
sind  die  Folgen  oft  gefährlich  und  manchmal  tödlich 
und  fast  immer  so,  daß  sie  früher  oder  später  zu  der 
dem  Gewerbe  eigentümlichen  Krankheit  führen.  Wenn 
die  Meister  immer  auf  die  Eingebungen  der  Vernunft 
und  Menschlichkeit  hörten,  so  würden  sie  oft  Veran- 
lassung haben,  den  Fleiß  vieler  ihrer  Arbeiter  eher  zu 
mäßigen  als  anzufeuern.  Es  wird  sich,  wie  ich  glaube, 
bei  jedem  Gewerbe  herausstellen,  daß  der  Mann,  der 
mit  Maßen  arbeitet,  um  auf  die  Dauer  zur  Arbeit 
tauglich  zu  sein,  nicht  nur  seine  Gesundheit  am 
längsten  erhält,  sondern  auch  im  Laufe  eines  Jahres 
die  größte  Menge  Arbeit  verrichtet. 

Man  hat  behauptet,  daß  die  Arbeiter  in  wohlfeilen 
Jahren  träger,  und  in  teuren  arbeitsamer  als  gewöhnlich 
zu   sein   pflegen,    und   man   schloß  daraus,    daß  reich- 


Kap.  VIIL:  Der  Arbeitslohn.  liö 

liehe  Nahrung  ihren  Fleiß  erschlaffe  und  kärgliche  ihn 
ansporne.  Daß  eine  etwas  mehr  als  gewöhnliche 
Nahrungsfülle  manche  Arbeiter  träge  macht,  läßt  sich 
allerdings  nicht  leugnen;  daß  sie  diese  Wirkung  aber 
bei  der  Mehrzahl  haben  sollte,  oder  daß  die  Leute  im 
Allgemeinen  besser  arbeiten  sollten,  wenn  sie  schlecht, 
als  wenn  sie  gut  genährt  werden;  besser,  wenn  sie 
entmutigt,  als  wenn  sie  gut  aufgelegt  sind;  besser, 
wenn  sie  oft  krank,  als  wenn  sie  fast  immer  gesund 
sind:  ist  nicht  sehr  wahrscheinlich.  Jahre  der  Teurung 
sind,  was  zu  beachten  ist,  unter  den  gewöhnlichen 
Leuten  in  der  Regel  Jahre  der  Krankheit  und  Sterb- 
lichkeit, wodurch  sich  das  Produkt  ihres  Fleißes  not- 
wendig vormindern  muß. 

In  Jahren  der  Fülle  verlassen  die  Dienenden  oft 
ihre  Herren,  und  hoffen  durch  Fleiß  ihren  Unterhalt 
selbständio-  zu  gewinnen.  Aber  dieselbe  Wohlfeilheit 
der  Lebensmittel  spornt  durch  Vergrößerung  des  für 
den  Unterhalt  der  Dienenden  bestimmten  Fonds  auch 
die  Herren,  besonders  die  Pächter  an,  eine  größere 
Arbeitermengo  zu  beschäftigen.  Die  Pächter  erwarten 
in  solchen  Fällen  von  ihrem  Getreide  einen  größeren 
Gewinn,  wenn  sie  etwas  mehr  Dienstleute  unterhalten, 
als  wenn  sie  es  zu  einem  niedrigen  Preise  auf  dem 
Markte  verkaufen.  Die  Nachfrage  nach  Dienstleuten 
wächst,  während  die  Anzahl  derer,  die  sich  anbieten, 
abnimmt.  Daher  geht  der  Preis  der  Arbeit  in  wohl- 
feilen Jahren  oft  in  die  Höhe. 

In  Notjahren  macht  die  Schwierigkeit  und  Un- 
sicherheit des  Unterhalts  alle  solche  Leute  begierig,  in 
den  Dienst  zurückzukehren.  Der  hohe  Preis  der  Lebens- 
mittel aber,  wodurch  die  für  den  Unterhalt  der  Dienen- 
den bestimmten  Fonds  verringert  werden,  bewegt  die 
Arbeitgeber  eher,  die  Anzahl  derei',  die  sie  haben,  zu 
vermindern,  als  zu  vergrößern.    Auch  verzehren  oft  in 


116  Erstes  Buch:  Ziunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

teuren  Jahren  arme  unabhängige  Handwerker  das  ge- 
ringe Kapital,  mit  dem  sie  sich  sonst  ihr  Arbeitsmaterial 
verschafften,  und  sehen  sich  gezwungen,  Gesellen  zu 
werden,  um  leben  zu  können.  Dann  verlangen  mehr 
Leute  Arbeit,  als  zu  bekommen  ist;  und  viele  sind  be- 
reit, sie  unter  schlechteren  Bedingungen,  als  gewöhn- 
lich, anzunehmen,  und  so  geht  der  Arbeitslohn  der 
Knechte  und  Gesellen  in  teuren  Jahren  oft  herunter. 
Die  Arbeitgeber  aller  Art  machen  deshalb  oft  in 
teuren  Jahren  an  ihren  Dienstleuten  ein  besseres  Ge- 
schäft, als  in  wohlfeilen,  und  finden  sie  in  den  ersteren 
demütiger  und  abhängiger,  als  in  den  letzteren.  Sie 
erklären  also  natürlicherweise  die  teuren  Jahre  als  dem 
Gewerbfleiß  günstiger.  Gutsbesitzer  und  Pächter,  die 
beiden  größten  Klassen  von  Arbeitgebern,  haben  über- 
dies noch  einen  andern  Grund  über  teure  Jahre  froh  zu 
sein.  Die  Renten  des  einen  und  die  Gewinne  des  andern 
hängen  gar  sehr  von  dem  Preise  der  Lebensmittel  ab. 
Nichts  kann  jedoch  alberner  sein,  als  sich  einzubilden, 
daß  die  Menschen  im  Allgemeinen  weniger  arbeiten 
sollten,  wenn  sie  für  sich  arbeiten,  als  wenn  sie  für 
andere  Leute  arbeiten.  Ein  armer  unabhängiger  Hand- 
werker wird  gewöhnlich  arbeitsamer  sein,  als  selbst  ein 
Geselle  der  nach  dem  Stück  arbeitet.  Der  eine  hat  von 
dem  Produkt  seines  Fleißes  den  vollen  Genuß,  der 
andere  teilt  ihn  mit  seinem  Meister.  Der  eine  ist  in 
seiner  abgesonderten,  unabhängigen  Stellung  den  Ver- 
suchungen schlechter  Gesellschaft,  die  in  großen  Fabri- 
ken die  Sitten  des  anderen  so  häufig  verderben,  weniger 
ausgesetzt.  Die  Überlegenheit  unabhängiger  Hand- 
werker über  die  Arbeiter,  welche  monats-  oder  jahr- 
weise gedungen  werden,  und  deren  Lohn  und  Unter- 
halt derselbe  bleibt,  ob  sie  viel  oder  wenig  tun,  ist 
wahrscheinlich  noch  weit  größer.  Wohlfeile  Jahre  er- 
höhen der  Natur  der  Sache  nach  das  Verhältnis  unab- 


Kap.  VIII.:  Der  Arbeitslohn.  1]^7 

hängiger  Handwerker  zu  den  Gesellen  und  Dienenden 
aller  Art  und  teure  Jahre  erniedrigen  es. 

Ein  französischer  Schriftsteller  von  vielem  Wissen 
und  Scharfsinn,  Messance,  Steuereinnehmer  in  dem 
Bezirk  von  St.  Etienne,  sucht  zu  zeigen,  daß  die  Armen 
in  wohlfeilen  Jahren  mehr  arbeiten,  als  in  teuren,  und 
vergleicht  zu  diesem  Zwecke  die  Menge  und  den  Wert 
der  in  diesen  verschiedenen  Fällen  in  drei  Fabrik- 
zwoigen  gefertigten  Waren,  nämlich  in  den  Fabriken 
grober  Wollenwaren  zu  Elbeuf,  und  in  den  Leinen- 
und  Seidenfabriken,  die  sich  über  das  ganze  Gebiet 
von  Rouen  erstrecken.  Aus  seiner  auf  die  amtlichen 
Berichte  gestützten  Rechnung  ergibt  sich,  daß  die 
Menge  und  der  Wert  der  in  allen  drei  Fabrikzweigen 
hergestellten  Waren  in  wohlfeilen  Jahren  größer  als 
in  teuren,  und  daß  sie  in  den  wohlfeilsten  stets  am 
größten,  in  den  teuersten  am  kleinsten  war.  Alle  drei 
scheinen  stillstehende,  d.  h.  solche  Industriezweige  zu 
sein,  die,  wenn  auch  die  Menge  ihrer  Erzeugnisse  von 
einem  Jahre  zum  anderen  etwas  schwanken  mag,  doch 
im  Ganzen  weder  zurück  noch  vorwärts  gehen. 

Die  Leinenindustrie  in  Schottland  und  diejenige 
grober  Wollenzeuge  im  westlichen  Bezirk  von  York- 
shire sind  zunehmende  Industrien,  deren  Produkt  im 
Allgemeinen,  wenn  auch  mit  gewissen  Schwankungen, 
an  Menge  und  Wort  zunimmt.  Bei  Prüfung  der  über 
ihre  jährliche  Produktion  veröffentlichten  Berichte  habe 
ich  jedoch  nicht  bemerken  können,  daß  ihre  Schwank- 
ungen mit  der  Teuerung  oder  Wohlfeilheit  der  Jahre 
in  merkbarem  Zusammenhang  ständen.  Im  Jahre  1740, 
in  dem  großer  Mangel  herrschte,  scheinen  allerdings 
beide  Industriezweige  sehr  gedrückt  gewesen  zu  sein. 
Im  Jahre  1756  aber,  in  dem  ebenfalls  großer  Mangel 
herrschte,  machte  die  schottische  Industrie  außerge- 
wöhnliche Fortschritte.  Die  Yorkshirer  Industrie  nahm 


lis  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit, 

allerdings  ab,  und  ihr  Produkt  stieg  seit  1755  nicht 
mehr  auf  die  Höhe  dieses  Jahres,  bis  1766  die  ameri- 
kanische Stempelakte  abgeschafft  wurde.  In  diesem 
und  dem  folgenden  Jahre  stieg  ihr  Produkt  höher,  als 
zuvor,  und  sie  hat  seitdem  immer  größere  Fortschritte 
gemacht. 

Die  Produktion  aller  großen  exportierenden  Indu- 
striezweige muß  notwendigerweise  nicht  sowohl  von 
der  Teuerung  oder  Wohlfeilheit  der  Jahre  in  den 
Ländern,  wo  sie  betrieben  werden,  als  von  den  Um- 
ständen abhängen,  welche  die  Nachfrage  in  den  Ländern 
bestimmen,  in  denen  sie  verbraucht  werden;  vonFrieden 
oder  Krieg,  vom  Gedeihen  oder  Verfall  anderer  riva- 
lisierender Industrien,  und  von  der  guten  oder  üblen 
Laune  ihrer  Hauptkunden.  Überdies  kommt  ein  großer 
Teil  der  in  wohlfeilen  Jahren  wahrscheinlich  verrich- 
teten außergewöhnlichen  Arbeit  niemals  in  die  öffent- 
lichen Industrieregister.  Die  männlichen  Arbeiter, 
welche  ihre  Arbeitgeber  verlassen,  werden  Arbeiter  auf 
eigene  Bechnung,  und  die  Arbeiterinnen  kehren  zu 
ihren  Eltern  zurück,  und  spinnen  gewöhnlich  für  ihren 
eigenen  vmd  ihrer  Familien  Kleidungsbedarf,  Selbst 
die  unabhängigen  Handwerker  arbeiten  nicht  immer 
für  den  öffentlichen  Verkauf,  sondern  werden  von  ihren 
Nachbarn  für  deren  Hausbedarf  beschäftigt.  Daher  fehlt 
ihr  Arbeitsprodukt  häufig  in  jenen  öffentlichen  Re^ 
gistern,  deren  Ergebnisse  zuweilen  mit  so  vielem  Stolz 
veröffentlicht  werden,  und  nach  denen  unsere  Kauf- 
leute und  Fabrikanten  das  Gedeihen  oder  den  Verfall 
der  größten  Reiche  anzukündigen  oft  vergeblich  be^ 
ansprachen  würden. 

Obgleich  die  Veränderungen  im  Preise  der  Arbeit 
nicht  immer  mit  denen  im  Preise  der  Lebensmittel  über- 
einstimmen, ihnen  vielmehr  oft  gerade  entgegengesetzt 
sind,    darf  man   darum   doch   nicht    denken,    daß    der 


Kap.  VIII.:  Der  Arbeitslohn.  HQ 

Preis  der  Lebensmittel  auf  den  der  Arbeit  keinen  Ein- 
fluß habe.  Der  Geldpreis  der  Arbeit  wird  notwendig 
durch  zweierlei  Umstände  bestimmt,  durch  die  Nach- 
frage nach  Arbeit,  und  durch  den  Preis  der  Lebens- 
und Genußmittel.  Je  nachdem  die  Nachfrage  nach  Ar- 
beit zunimmt,  sich  gleichbleibt  oder  abnimmt;  je  nach- 
dem sie  also  eine  zunehmende,  sich  gleichbleibende  oder 
abnehmende  Volkszahl  erfordert,  bestimmt  sie  die  Men- 
ge von  Lebens-  und  Genußmitteln,  die  dem  Arbeiter 
zugebilligt  werden  muß ;  und  der  Geldpreis  der  Arbeit 
wird  durch  die  Summe  bestimmt,  die  zum  Ankauf  dieser 
Menge  notwendig  ist.  Wenn  daher  auch  der  Geldpreis 
der  Arbeit  zuweilen  hoch  ist,  während  der  Preis  der 
Nahrungsmittel  niedrig  steht,  so  würde  er  doch,  wenn 
die  Nachfrage  dieselbe  bliebe,  noch  höher  sein,  falls 
der  Preis  der  Nahrungsmittel  hoch  stände. 

Weil  die  Nachfrage  nach  Arbeit  in  Jahren  plötz- 
licher und  ungewöhnlicher  Fülle  zu-,  in  solchen  plötz- 
lichen und  ungewöhnlichen  Mangels  dagegen  abnimmt, 
steigt  der  Geldpreis  der  Arbeit  in  den  einen  und  sinkt 
in  den  anderen. 

In  einem  Jahre  plötzlicher  und  ungewöhnlicher 
Fülle  befinden  sich  in  den  Händen  vieler  Arbeitgeber 
hinreichende  Fonds,  um  eine  größere  Anzahl  fleißiger 
Leute  zu  unterhalten  und  zu  beschäftigen,  als  im  vor- 
hergehenden Jahre  beschäftigt  worden  sind;  und  diese 
ungewöhnliche  Anzahl  ist  nicht  immer  gleich  zu  haben. 
Daher  überbieten  sich  die  Arbeitgeber,  die  Arbeiter 
brauchen,  und  infolgedessen  steigt  sowohl  der  Sach- 
wie  der  Geldpreis  ihrer  Arbeit. 

Das  Gegenteil  davon  tritt  in  einem  Jahre  plötz- 
lichen und  ungewöhnlichen  Mangels  ein.  Die  zur  Be- 
schäftigung von  Arbeitern  bestimmten  Fonds  sind  ge- 
ringer, als  im  vorhergehenden  Jahre.  Eine  große  Menge 
Leute  werden  beschäftigungslos,  und  diese  bieten,  um 


120   Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Arbeit  zu  erhalten,  einander  herunter,  wodurch  bis- 
weilen sowohl  der  Sach-  wie  der  Geldpreis  der  Arbeit 
sich  erniedrigt.  Im  Jahre  1740,  wo  ungewöhnlicher 
Mangel  herrschte,  waren  Viele  bereit,  für  die  nackte 
Existenz  zu  arbeiten.  In  den  darauf  folgenden  Jahren 
der  Fülle  war  es  schwerer,  Arbeiter  und  Dienstboten 
zu  bekommen. 

Der  Mangel  in  einem  teuren  Jahre  wirkt  durch 
Verminderung  der  Nachfrage  nach  Arbeit  naturgemäß 
auf  Erniedrigung  ihres  Preises,  während  der  hohe  Preis 
der  Nahrungsmittel  auf  seine  Erhöhung  wii-kt.  Die 
Fülle  eines  wohlfeilen  Jahres  wirkt  hingegen  durch 
Vermehrung  der  Nachfrage  auf  Erhöhung  des  Arbeits- 
preises, während  die  Wohlfeilheit  der  Nahrungsmittel 
auf  seine  Ermäßigung  wirkt.  Bei  den  gewöhnlichen 
Schwankungen  der  Nahrungsmittelpreise  scheinen  diese 
beiden  entgegengesetzten  Ursachen  einander  die  Wage 
zu  halten,  was  wahrscheinlich  teilweise  der  Grund  ist, 
warum  der  Arbeitslohn  überall  so  viel  stetiger  und 
dauernder  ist,  als  der  Preis  der  Nahrungsmittel. 

Das  Steigen  des  Arbeitslohnes  erhöht  notwendig 
den  Preis  vieler  Waren,  weil  es  den  Teil  des  Preises 
erhöht,  der  sich  in  Lohn  auflöst,  und  insofern  bewirkt 
es  eine  Verminderung  im  Verbrauch  dieser  Waren 
daheim  und  im  Auslande.  Dieselbe  Ursache  jedoch, 
die  den  Arbeitslohn  steigert,  die  Zunahme  des  Kapitals 
nämlich,  bewirkt  eine  Zunahme  der  erzeugenden  Kräfte 
der  Arbeit  und  die  Herstellung  eines  größeren  Arbeits- 
produktes durch  eine  geringere  Arbeitermenge.  Der 
Kapitalist,  der  eine  große  Anzahl  Arbeiter  beschäftigt, 
ist  notwendig  um  seines  eigenen  Vorteils  willen  be- 
müht, die  Beschäftigung  so  angemessen  zu  verteilen, 
daß  die  Arbeiter  eine  größtmögliche  Menge  Waren 
hervorzubringen  vormögen.  Aus  demselben  Grunde 
bemüht   er  sich,   ihnen   die  besten  Maschinen   zu  ver- 


Kap.  V III.:  Der  Arbeitslohn.  121 

schaffen,  die  er  oder  sie  kennen.  Was  aber  unter  den 
Arbeitern  einer  Werkstatt  platzgreift,  greift  aus  dem- 
selben Grunde  auch  unter  denen  einer  großen  Gesell- 
schaft Platz.  Je  größer  ihre  Anzahl,  desto  mehr  teilen 
sie  sich  naturgemäß  in  verschiedene  Gattungen  und 
Unterarten  der  Beschäftigung.  Es  sind  mehr  Köpfe 
beschäftigt,  die  geeignetsten  Maschinen  für  jeden  Pro- 
duktionszweig zu  erfinden,  und  desto  mehr  werden 
sie  folglich  erfinden.  Es  gibt  mithin  viele  Waren, 
die  infolge  dieser  Verbesserungen  mit  so  viel  weniger 
Arbeit,  als  früher,  hervorgebracht  werden,  daß  der 
erhöhte  Preis  der  Arbeit  durch  die  Verringerung  der 
zu  ihrer  Herstellung  nötigen  Arbeit  mehr  als  aufge- 
wogen wird. 


Neuntes  Kapitel. 
Der  Kapitalgewinn. 

Das  Steigen  und  Fallen  im  Kapitalgewinn  hängt  von 
denselben  Ursachen  ab,  wie  das  Steigen  und  Fallen  im 
Arbeitslohn,  nämlich  von  dem  wachsenden  oder  abneh- 
menden Reichtum  der  Gesellschaft;  aber  diese  Ursachen 
berühren  den  einen  ganz  anders,  als  den  anderen. 

Das  Wachsen  des  Kapitals,  das  den  Lohn  erhöht, 
wirkt  auf  Verminderung  des  Gewinns.  Wenn  die  Ka- 
pitalien vieler  reicher  Kaufleute  demselben  Geschäfts- 
zweige zugewendet  werden,  so  wirkt  ihre  gegenseitige 
Konkurrenz  natürlich  auf  Verringerung  des  Gewinns; 
und  wenn  in  all  den  verschiedenen  Geschäftszweigen, 
die  in  derselben  Gesellschaft  betrieben  werden,  eine 
gleiche  Kapitalienvermehrung  stattfindet,  so  muß  die 
Konkurrenz  dieselbe  Wirkung  in  ihnen  allen  äußern. 

Es  ist,  wie  schon  bemerkt  worden,  nicht  leicht,  den 
durchschnittlichen  Arbeitslohn  selbst  eines  bestimmten 
Orts  und  eines  bestimmten  Zeitpunktes  festzustellen.  Wir 
können  auch  in  dieser  Beschränkung  selten  etwas  anderes 
feststellen,  als  den  üblichsten  Arbeitslohn.  Aber  in  Be- 
zug auf  den  Kapitalgewinn  kann  auch  dies  nur  selten 
geschehen.  Der  Gewinn  ist  so  schwankend,  daß  der 
Geschäftstreibende  selbst  nicht  immer  sagen  kann,  wie 
viel  sein  mittlerer  Jahresgewinn  beträgt.  Dieser  wird 
nicht  nur  durch  jede  Preisveränderung  der  Waren,  mit 
denen  er  handelt,  beeinflußt,  sondern  auch  durch  das 


Kap.  IX.:  Der  Kapitalgewinn.  123 

Glück  oder  Unglück  seiner  Mitbewerber  und  seiner 
Kunden,  so  wie  durch  tausend  andere  Zufälle,  denen 
die  Güter,  ob  sie  nun  zu  Wasser  oder  zu  Lande  ver- 
schickt oder  ob  sie  in  einem  Lagerhause  aufbewahrt 
werden,  unterworfen  sind.  Er  schwankt  daher  nicht 
nur  von  Jahr  zu  Jahr,  sondern  von  Tag  zu  Tag,  und 
beinahe  von  Stunde  zu  Stunde.  Den  mittleren  Gewinn 
aller  verschiedenen  Gewerbe  eines  großen  Königreichs 
festzustellen,  müßte  noch  viel  schwieriger  sein;  und 
mit  einiger  Genauigkeit  zu  beurteilen,  wie  hoch  er 
früher  oder  in  längst  verflossenen  Zeiten  gewesen  ist, 
muß  ganz  unmöglich  sein. 

Wenn  es  aber  auch  unmöglich  ist,  mit  einiger  Ge- 
nauigkeit anzugeben,  wie  viel  der  mittlere  Kapitalge- 
winn heute  beträgt  oder  früher  betragen  hat,  so  kann 
man  sich  doch  einen  gewissen  Begriff  davon  machen 
nach  dem  Geldzins.  Es  kann  als  Grundsatz  gelten, 
daß,  wo  mit  der  Nutzung  von  Geld  ein  großes  Geschäft 
gemacht  werden  kann,  gewöhnlich  auch  für  seine 
Nutzung  viel  bezahlt  wird;  und  daß,  wo  nur  ein  ge- 
ringes Geschäft  damit  gemacht  werden  kann,  in  der 
Regel  auch  weniger  dafür  bezahlt  wird.  Je  nachdem 
also  der  übliche  Zinsfuß  in  einem  Lande  sich  ändert, 
kann  man  auch  mit  Gewißheit  annehmen,  daß  der  ge- 
wöhnliche Kapitalgewinn  sich  mit  ihm  ändert;  sinkt, 
wenn  jener  sinkt,  und  steigt,  wenn  jener  steigt.  Die 
Entwicklung  des  Zinsfußes  kann  uns  mithin  zu  einem 
Schlüsse  auf  die  Entwicklung  des  Gewinnes  leiten. 

Durch  die  Akte  aus  dem  37.  Jahre  Heinrichs  VllL 
wurde  aller  Zins  über  zehn  Prozent  für  ungesetzlich 
erklärt.  Früher,  scheint  es,  hatte  man  bisweilen  mehr 
genommen.  Unter  der  Regierung  Eduards  VL  verbot 
der  religiöse  Eifer  allen  Zins.  Dieses  Verbot  soll  jedoch, 
gleich  allen  anderen  dieser  Art,  keinen  Erfolg  gehabt 
haben    und    hat    wahrscheinlich    eher    das    Übel    des 


124  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Wuchers  verschlimmert,  als  ihm  gesteuert.  Das  Statut 
Heinrichs  VIII.  wurde  durch  das  Statut  aus  dem 
13.  Jahre  Elisabeths,  Kapitel  8,  erneuert,  und  zehn 
Prozent  blieb  der  gesetzliche  Zinsfuß  bis  ins  21.  Jahr 
Jakobs  I.,  wo  er  auf  acht  ermäßigt  wurde.  Bald  nach 
der  Restauration  wurde  er  auf  sechs  Prozent  und  im 
12.  Jahre  der  Königin  Anna  auf  fünf  herabgesetzt.  Alle 
diese  Verordnungen  scheinen  den  Zeitverhältnissen  sehr 
angemessen  gewesen  zu  sein.  Sie  scheinen  lediglich  dem 
Zinsfuße  des  Marktes,  oder  dem,  zu  welchem  Leute  mit 
gutem  Kredit  Geld  zu  borgen  pflegten,  gefolgt  zu  sein. 
Seit  der  Zeit  der  Königin  Anna  scheinen  fünf  vom 
Hundert  eher  über  als  unter  dem  marktgängigen  Zins- 
fuße gewesen  zu  sein.  Vor  dem  letzten  Kriege  machte 
die  Begierung  ein  Anlehen  zu  drei  Prozent,  und  Leute 
mit  gutem  Kredit  borgten  in  der  Hauptstadt  und  an 
vielen  anderen  Orten  des  Königreichs  zu  drei  und  ein 
halb,  vier,  und  vier  und  ein  halb  Prozent. 

Seit  der  Zeit  Heinrichs  VIII.  hob  sich  der  Reich- 
tum und  das  Einkommen  des  Landes  ohne  Unter- 
brechung, und  ihr  Fortschritt  scheint  im  weiteren  Ver- 
laufe eher  beschleunigt,  als  aufgehalten  worden  zu  sein. 
Sie  haben,  wie  es  scheint,  nicht  nur  zugenommen,  viel- 
mehr ist  diese  Zunahme  schneller  und  schneller  erfolgt. 
Der  Arbeitslohn  war  während  dieser  Periode  stets  im 
Steigen,  und  der  Kapitalgewinn  war  in  den  meisten 
Zweigen  des  Handels  und  Gewerbes  im  Fallen. 

Es  erfordert  in  der  Regel  ein  größeres  Kapital, 
ein  Geschäft  in  einer  großen  Stadt,  als  in  einem  Land- 
städtchen zu  betreiben.  Die  in  Geschäften  aller  Art 
angelegten  grollen  Kapitalien  und  die  Menge  der  reichen 
Wettbewerber  verringerten  in  der  Regel  den  Gewinn- 
satz in  der  großen  Stadt  mehr,  als  in  der  Landstadt. 
Der  Arbeitslohn  aber  ist  in  einer  großen  Stadt  gewöhn- 
lich höher,  als  in  einem  Landstädtchen.   In  einer  leb- 


Kap.  IX.:  Der  Kaiiitalgewinn.  125 

haften  Stadt  können  diejenigen,  die  große  Kapitalien 
anzulegen  haben,  oft  nicht  soviel  Arbeiter  erhalten,  als 
sie  brauchen,  und  überbieten  einander,  um  so  viele  als 
möglich  zu  erhalten:  hierdurch  steigt  der  Arbeitslohn 
und  der  Kapitalgevvinn  sinkt.  In  den  entlegenen  Teilen 
des  Landes  fehlt  es  häufig  an  Kapital,  alle  Leute  zu 
beschäftigen,  und  diese  unterbieten  einander,  um 
Arbeit  zu  erhalten,  wodurch  der  Arbeitslohn  sinkt  und 
der  Kapitalgewinn  steigt. 

Obgleich  in  Schottland  der  gesetzliche  Zinsfuß  der- 
selbe ist,  wie  in  England,  so  ist  doch  der  marktgängige 
etwas  höher.  Leute  mit  bestem  Kredit  erhalten  dort 
selten  Geld  unter  fünf  Prozent.  Selbst  Privatbankiers 
in  Edinburg  geben  auf  ihre  trockenen  Wechsel,  deren 
Zahlung  im  ganzen  oder  teilweise  zu  jeder  beliebigen 
Zeit  gefordert  werden  kann,  vier  Prozent.  In  London 
geben  Privatbankiers  keine  Zinsen  für  das  Geld,  das 
bei  ihnen  niedergelegt  wird.  P^s  gibt  nur  wenige  Ge- 
werbe, die  nicht  in  Schottland  mit  einem  geringeren 
Kapital  betrieben  werden  können,  als  in  England.  Des- 
halb muß  dort  der  gewöhnliche  Gewinnsatz  etwas 
größer  sein.  Der  Arbeitslohn  ist,  wie  schon  bemerkt, 
in  Schottland  niedriger,  als  in  England.  Auch  ist  das 
Land  nicht  nur  viel  ärmer,  sondern  der  Fortschritt  zu 
einem  besseren  Zustande  —  denn  Fortschritte  macht 
es  offenbar  —  scheint  auch  weit  langsamer  und  träger 
zu  sein. 

Der  gesetzliche  Zinsfuß  in  Frankreich  ist  im  Laufe 
des  gegenwärtigen  Jahrhunderts  nicht  immer  nach  dem 
marktgängigen  geregelt  worden''').  Im  Jahre  1720  wurde 
der  Zins  vom  zwanzigsten  auf  den  fünfzigsten  Pfennig, 
oder  von  fünf  auf  zwei  Prozent  heruntergesetzt.  1724 
wurde  er  auf  den  dreißigsten  Pfennig  oder  3V  a "  o, 
1725  wieder   auf   den   zwanzigsten   Pfennig:   oder  5  "/o 

'■■■)  Siehe  Denisart,  Article:  Taux  des  Interets,  toni.  III.  p.  18. 


126  Ei'Ntes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

gesteigert.  1766  unter  Laverdys  Administration  wurde 
er  auf  den  fünfundzvvanzigsten  Pfennig  oder  4  °  o 
herabgesetzt.  Der  Abbe  Terray  erhöhte  ihn  nachher 
auf  den  alten  Satz  von  fünf  vom  Hundert.  Der  beab- 
sichtigte Zweck  vieler  dieser  gewaltsamen  Zinsherab- 
Setzungen  war  der,  den  Weg  zu  einer  Zinsverminderung 
der  Staatsschulden  zu  bahnen,  ein  Zweck,  der  zuweilen 
auch  erreicht  worden  ist.  Frankreich  ist  jetzt  vielleicht 
kein  so  reiches  Land,  als  England,  und  obgleich  der 
gesetzliche  Zinsfuß  dort  oft  niedriger  war,  als  in  Eng- 
land, so  war  der  Marktsatz  doch  in  der  Regel  höher; 
denn,  wie  in  andern  Ländern,  hat  man  dort  sichere 
und  leichte  Mittel,  das  Gesetz  zu  umgehen.  Der  Ge- 
werbsgewinn ist,  wie  mir  britische  Kaufleute,  die  in 
beiden  Ländern  Geschäfte  trieben,  versicherten,  in 
Frankreich  höher,  als  in  England,  und  hierin  liegt  ohne 
Zweifel  der  Grund,  warum  viele  britische  Untertanen 
es  vorziehen,  ihre  Kapitalien  in  einem  Lande  anzulegen, 
wo  der  Handel  verachtet  wird,  anstatt  in  einem  Lande, 
wo  er  in  hoher  Achtung  steht.  Der  Arbeitslohn  ist  in 
Frankreich  niedriger  als  in  England.  Wenn  man  von 
Schottland  nach  England  kommt,  so  deutet  der  Unter- 
schied, den  man  zwischen  der  Kleidung  und  dem  Aus- 
sehen der  gewöhnlichen  Leute  in  dem  einen  und  in  dem 
anderen  Lande  bemerkt,  hinlänglich  auf  die  Ungleichheit 
ihrer  Lage  hin.  Aber  der  Gegensatz  ist  noch  größer, 
wenn  man  aus  Frankreich  zurückkehrt.  Frankreich,  ob- 
wohl ohne  Zweifel  ein  reicheres  Land  als  Schottland, 
scheint  nicht  so  schnell  vorwärts  zu  schreiten.  Es  ist 
eine  verbreitete  und  sogar  populäre  Meinung  im  Lande, 
daß  es  rückwärts  gehe;  eine  Meinung,  die,  wie  ich 
glaube,  selbst  in  Bezug  auf  Frankreich  unbegründet 
ist,  in  Bezug  auf  Schottland  aber  unmöglich  von  Je- 
mand gehegt  werden  kann,  der  dieses  Land  jetzt  sieht, 
und  es  vor  zwanzig  oder  dreißig  Jahren  gesehen  hat. 
Holland  andrerseits  ist  nach  Verhältnis  seiner  Ge- 


Kap.  TX.:   Der  Kapitalgewinn.  127 

bietsausdehnung  und  Volkszahl  ein  reicheres  Land  als 
England.  Die  Regierung  borgt  dort  zu  zwei,  und  Pri- 
vatleute mit  gutem  Kredit  zu  drei  Prozent.  Der  Ar- 
beitslohn soll  in  Holland  höher  als  in  England  sein,  und 
der  Holländer  handelt,  wie  bekannt,  mit  geringerem 
Gewinn,  als  irgend  Jemand  in  Europa.  Manche  haben 
behauptet,  daß  Hollands  Handel  im  Verfall  sei,  und 
von  einigen  Geschäftszweigen  mag  dies  vielleicht  richtig 
sein.  Allein  jene  Symptome  scheinen  hinreichend  dafür 
zu  sprechen,  daß  der  Verfall  kein  allgemeiner  ist.  Wenn 
der  Gewinn  sich  verringert,  so  sind  die  Kaufleute  sehr 
geneigt  über  Verfall  der  Geschäfte  zu  klagen,  obwohl 
die  Verminderung  des  Gewinns  die  natürliche  Folge  ihres 
Gedeihens,  oder  einer  umfangreicheren  Kapitalienver- 
wendung in  den  Geschäften  ist.  Im  letzten  Kriege  ge- 
wannen die  Holländer  den  ganzen  Speditionshandel 
Frankreichs,  und  sie  haben  noch  jetzt  einen  großen 
Teil  davon  in  Händen.  Ihr  großer  Besitz  in  franzö- 
sischen und  englischen  Staatspapieren  —  von  den 
letzteren  haben  sie  etwa  vierzig  Millionen,  wie  es  heißt 
—  wobei  ich  jedoch  eine  starke  Übertreibung  vermute, 
die  großen  Summen,  welche  sie  in  Ländern,  wo  der 
Zinsfuß  höher  als  in  dem  ihrigen  steht,  an  Privatper- 
sonen ausleihen,  sind  Umstände,  welche  ohne  Zweifel 
Überfluß  an  Kapital  beweisen,  indem  dieses  größer  ge- 
worden ist,  als  daß  sie  es  mit  erträglichem  Gewinn  in 
den  Geschäften  ihres  eigenen  Landes  anlegen  könnten ; 
aber  sie  beweisen  nicht,  daß  diese  Geschäfte  abgenommen 
haben.  Wie  das  Kapital  eines  Privatmannes,  das  bei 
einem  Geschäfte  gewonnen  worden  ist,  für  das  Geschäft 
zu  groß  werden  und  das  Geschäft  sich  doch  vergrößern 
kann,  so  auch  das  Kapital  einer  großen  Nation. 

In  unseren  nordamerikanischen  und  westindischen 
Kolonien  ist  nicht  nur  der  Arbeitslohn,  sondern  auch 
der  Geldzins,    und   folglich    der  Kapitalgewinn    höher 


128  Erstes  Buch:   Zunalime  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

als  in  England.  Sowohl  der  gesetzliche,  als  der  markt- 
gängige Zinsfaß  schwankt  in  den  verschiedenen  Kolo- 
nien zwischen  sechs  und  acht  Prozent.  Hoher  Arbeits- 
lohn und  hoher  Kapitalgewinn  sind  indessen  vielleicht 
Dinge,  die  sich  selten  zusammenfinden,  außer  unter 
den  ganz  besonderen  Umständen  in  neuen  Kolonien. 
Eine  neue  Kolonie  muß  immer  eine  Zeit  lang  im  Ver- 
hältnis zu  ihrer  Gebietsausdehnung  kapitalärmer  und 
im  Verhältnis  zum  Umfang  ihrer  Kapitalien  dünner 
bevölkert  sein,  als  andere  Länder.  Man  hat  mehr  Land, 
als  Kapital  vorhanden  ist,  es  anzubauen.  Was  man  hat, 
wird  deshalb  nur  auf  die  Kultur  des  fruchtbarsten  und 
günstigst  gelegenen  Landes,  des  Landes  an  der  Seeküste 
und  an  den  Ufern  schiffbarer  Flüsse,  verwendet.  Auch 
solches  Land  wird  oft  zu  einem  Preise  verkauft,  der 
selbst  unter  dem  Werte  seiner  wildwachsenden  Produkte 
steht.  Das  zum  Kaufe  und  zur  Verbesserung  solchen 
Landes  angewandte  Kapital  muß  einen  sehr  reichen  Ge- 
winn abwerfen  und  dadurch  ermöglichen,  sehr  hohe 
Zinsen  zu  zahlen.  Seine  rasche  Anhäufung  bei  so  ge- 
winnreichen Anlagen  macht  es  dem  Pflanzer  möglich, 
die  Zahl  der  arbeitenden  Hände  rascher  zu  vermehren, 
als  sie  in  einer  neuen  Niederlassung  aufzutreiben  sind. 
Deshalb  werden  die  vorhandenen  Arbeitskräfte  sehr 
reichlich  bezahlt.  Wächst  die  Kolonie,  so  werden 
die  Kapitalgewinne  stufenweise  geringer.  Wenn  die 
fruchtbarsten  und  bestgelegenen  Ländereien  alle  in 
Besitz  genommen  sind,  so  läßt  sich  aus  der  Kultur 
der  an  Boden  und  Lage  minder  begünstigten  nur  ein 
geringerer  Gewinn  ziehen,  und  für  das  in  ihnen  an- 
gelegte Kapital  kann  nur  geringerer  Zins  gezahlt  werden. 
In  den  meisten  unserer  Kolonien  ist  deshalb  der  gesetz- 
liche wie  der  marktgängige  Zinsfuß  während  des  gegen- 
wärtigen Jahrhunderts  viel  niedriger  geworden.  Je 
mehr  der  lleichtum,  die  Kultur  und  die  Bevölkerung 


ivap.  IX.:  Der  Kapitalgewinn.  129 

zunahmen,  desto  mehr  fiel  der  Zins.  Der  Arbeitslohn 
aber  sinkt  nicht  mit  dem  Kapitalgewinn.  Die  Nachfrage 
nach  Arbeit  wächst  mit  der  Vermehrung  des  Kapitals, 
welchen  Gewinn  dasselbe  auch  erzielen  mag;  und  ob- 
gleich der  letztere  sinkt,  kann  das  Kapital  dennoch  nicht 
nur  ohne  Unterbrechung,  sondern  sogar  noch  schneller 
zunehmen,  als  vorher.  Es  ist  mit  fleißigen  Völkern,  die 
in  der  Erwerbung  von  Reichtümern  fortschreiten,  wie 
mit  fleißigen  Einzelwesen;  ein  großes  Kapital  mit  ge- 
ringen Gewinnen  wächst  in  der  E-egel  schneller,  als  ein 
kleines  Kapital  mit  großen  Gewinnen.  Geld,  sagt  das 
Sprichwort,  macht  Geld.  Hat  man  erst  Etwas  ge- 
wonnen, so  ist  es  oft  leicht,  mehr  zu  gewinnen.  Die 
große  Schwierigkeit  besteht  darin.  Etwas  zu  gewinnen. 
Der  Zusammenhang  zwischen  der  Zunahme  des  Kapi- 
tals und  der  der  Gewei'bstätigkeit  oder  der  Nachfrage 
nach  nützlicher  Arbeit  ist  zum  Teil  bereits  erklärt 
worden,  soll  aber  später  bei  der  Besprechung  der 
Kapitalanhäufung  noch  ausführlicher  behandelt  werden. 
Die  Erwerbung  eines  neuen  Gebietes,  oder  das 
Aufkommen  neuer  Geschäftszweige  kann  zuweilen  den 
Kapitalgewinn,  und  mit  ihm  den  Geldzins  selbst  in 
einem  Lande,  welches  im  Erwerb  von  Reichtümern 
rasch  fortschreitet,  in  die  Höhe  treiben.  Da  das  Kapital 
des  Landes  dann  für  die  hinzutretende  Beschäftigung, 
die  sich  durch  solchen  Erwerb  den  verschiedensten 
Personen  darbietet,  nicht  mehr  hinreicht,  so  wird  es 
nur  in  denjenigen  Geschäftszweigen  angelegt,  die  den 
größten  Gewinn  bringen.  Ein  Teil  des  Kapitals,  das 
früher  in  anderen  Gewerben  angelegt  war,  wird 
diesen  notwendig  entzogen,  um  den  neuen  und  gewinn- 
reicheren zugewendet  zu  werden.  In  all  jenen  alten 
Gewerben  wird  mithin  der  Wettbewerb  geringer  und 
der  Markt  wird  mit  vielen  Sorten  von  Gütern  weniger 
vollständig  versorgt.  Ihr  Preis  steigt  notwendig  mehr 

Adam  Smith,  Volkswohlstand.  I,  9 


130  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

oder  weniger,  und  liefert  denen,  die  damit  handeln, 
einen  größeren  Gewinn,  so  daß  sie  auch  zu  höheren 
Zinsen  borgen  können.  Nach  Beendigung  des  letzten 
Krieges  borgten  nicht  nur  Privatleute  mit  bestem  Kredit, 
sondern  auch  einige  der  größten  Handelsgesellschaften 
in  London  gewöhnlich  zu  fünf  Prozent,  während  sie 
früher  nicht  mehr  als  vier  oder  vier  und  ein  halb  vom 
Hundert  zu  geben  pflegten.  Es  erklärt  sich  dies  hin- 
länglich aus  dem  durch  unsere  Erwerbungen  in  Nord- 
amerika und  Westindien  entstandenen  großen  Zuwachs 
von  Gebiet  und  Handel,  ohne  daß  man  eine  Verringe- 
rung des  Gesellschaftskapitals  anzunehmen  braucht. 
Ein  so  starker  Zuwachs  neuer  Geschäfte,  die  mit  dem 
alten  Kapital  betrieben  wurden,  mußte  notwendig  die 
in  vielen  Geschäftszweigen,  in  denen  die  Konkurrenz 
geringer  und  der  Gewinn  größer  geworden  war,  an- 
gelegte Kapitalmenge  vermindern.  Ich  werde  später 
Gelegenheit  haben,  die  Gründe  anzugeben,  die  mich 
zu  dem  Glauben  bestimmen,  daß  der  Kapitalvorrat 
Großbritanniens  sogar  durch  die  enormen  Ausgaben 
des  letzten  Krieges  nicht  verringert  worden  ist. 

Wie  jedoch  die  Verringerung  des  Kapitalvorrats 
der  Gesellschaft,  oder  der  zur  Erhaltung  der  Gewerb- 
tätigkeit bestimmten  Fonds  den  Arbeitslohn  ermäßigt, 
so  steigert  sie  den  Kapitalgewinn  und  dadurch  den 
Geldzins.  Infolge  der  Ermäßigung  des  Arbeitslohns 
können  die  Eigentümer  der  in  der  Gesellschaft  verblie- 
benen Kapitalien  ihre  Waren  mit  geringeren  Kosten 
als  früher  auf  den  Markt  bringen,  und  da  zugleich  we- 
niger Kapital  auf  die  Versorgung  des  Marktes  verwendet 
wird,  als  zuvor,  so  können  sie  sie  teurer  verkaufen. 
Ihre  Waren  kosten  sie  weniger,  und  sie  erhalten 
mehr  dafür.  Da  ihr  Gewinn  sich  auf  beiden  Seiten 
vermehrt,  kann  er  auch  hohe  Zinsen  zahlen.  Die  in 
Bengalen  und  den  übrigen  britischen  Niederlassungen 


Kap.  IX.:  Der  Kapitalgewinn.  Igl 

in  Ostindien  so  schnell  und  leicht  erworbenen  großen 
Reichtümer  können  uns  davon  überzeugen,  daß  in 
diesen  zu  Grunde  gerichteten  Ländern  der  Arbeitslohn 
ebenso  niedrig  ist,  wie  der  Kapitalgewinn  hoch.  Der 
Geldzins  ist  es  verhältnismäßig  ebenso.  In  Bengalen 
leihen  die  Pächter  oft  zu  vierzig,  fünfzig  und  sechzig 
Prozent  Geld,  und  für  die  Rückzahlung  wird  die  Ernte 
des  nächsten  Jahres  verpfändet.  Wie  die  Gewinne,  die 
einen  solchen  Zins  abwerfen  können,  fast  die  ganze 
Rente  des  Grundbesitzers  aufzehren  müssen,  so  muß 
auch  ein  so  unmäßiger  Wucher  den  größten  Teil  jener 
Gewinne  verschlingen.  Vor  dem  Untergange  der  rö- 
mischen Republik  scheint  ein  wucherischer  Zins  der- 
selben Art  in  den  Provinzen  unter  der  verderblichen 
Verwaltung  ihrer  Prokonsuln  etwas  Gewöhnliches  ge- 
wesen zu  sein.  Der  tugendhafte  Brutus  verlieh,  wie 
wir  aus  Ciceros  Briefen  erfahren,  in  Cypern  Geld  zu 
achtundvierzig  Prozent. 

In  einem  Lande,  das  den  vollen  Reichtum  erworben 
hat,  den  es  vermöge  der  Natur  seines  Bodens  und  Klimas 
und  vermöge  seiner  Lage  gegen  andere  Länder  erwerben 
kann,  das  also  nicht  weiter  fortschreitet,  aber  auch  keine 
Rückschritte  macht,  würde  wahrscheinlich  sowohl  der 
Arbeitslohn  wie  der  Kapitalgev^inn  sehr  niedrig  sein. 
In  einem,  im  Verhältnis  zu  seinem  Gebiet  und  seinen 
Kapitalien  sehr  dicht  bevölkerten  Lande  wird  die  Kon- 
kurrenz um  Arbeit  notwendiger  Weise  so  groß  sein, 
um  den  Arbeitslohn  auf  das  Niveau  zu  drücken,  wo 
er  gerade  noch  hinreicht,  die  bisherige  Anzahl  von  Ar- 
beitern zu  erhalten;  und  diese  Anzahl  kann,  da  das 
Land  schon  vollkommen  bevölkert  ist,  sich  nicht  weiter 
vermehren.  In  einem,  im  Verhältnis  zu  all  seinen  Ge- 
schäften vollkommen  mit  Kapital  versehenen  Lande 
wird  gerade  so  viel  Kapital  in  jedem  Gewerbszwoige 
angelegt  werden,  als  seine  Natur  und  Ausdehnung  zu- 


132  Ei'stes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

läßt,  und  es  wird  der  Wettbewerb  so  groß  und  folg- 
lich der  Gewinn  so  niedrig  wie  möglich  sein. 

Doch  ist  vielleicht  bis  jetzt  noch  kein  Land  zu 
diesem  Grade  der  Wohlhabenheit  gelangt.  China  scheint 
lange  auf  ein  und  demselben  Punkte  stehen  geblieben 
zu  sein,  und  hatte  wahrscheinlich  schon  längst  das  volle 
Maß  des  Reichtums  erreicht,  das  sich  mit  der  Natur 
seiner  Gesetze  und  Einrichtungen  verträgt.  Allein 
dieses  Maß  dürfte  weit  geringer  sein,  als  es  die  Natur 
seines  Bodens,  seines  Klimas  und  seiner  Lage  unter 
anderen  Gesetzen  und  Einrichtungen  wohl  zuließe. 
Wenn  ein  Land  den  auswärtigen  Handel  vernachlässigt 
oder  verschmäht,  und  die  Schiffe  fremder  Nationen  nur 
in  einen  oder  zwei  seiner  Häfen  einlaufen  läßt,  so  kann 
es  nicht  eben  so  viele  Geschäfte  machen,  als  es  unter 
anderen  Gesetzen  und  Einrichtungen  machen  könnte. 
In  einem  Lande  ferner,  in  dem  zwar  die  Reichen  oder 
Eigentümer  großerKapitalien  große  Sicherheit  genießen, 
die  Armen  aber  oder  die  Eigentümer  kleiner  Kapitalien 
fast  gar  keine,  vielmehr  jederzeit  unter  Vorwänden  der 
Rechtspflege  den  Plünderungen  und  Räubereien  der 
niederen  Mandarinen  ausgesetzt  sind,  kann  die  in  den 
verschiedenen  Geschäftszweigen  angelegte  Kapitalmenge 
niemals  so  groß  sein,  als  die  Natur  und  Ausdehnung  der 
Geschäfte  es  erlaubt.  In  jedem  Geschäft  muß  die  Unter- 
drückung des  Armen  das  Monopol  des  Reichen  begrün- 
den, der  das  ganze  Geschäft  an  sich  reißt  und  dadurch 
sehr  große  Gewinne  machen  kann.  Zwölf  Prozent  soll 
demgemäß  der  übliche  Geldzins  in  China  sein,  und 
der  gewöhnliche  Kapitalgewinn  muß  groß  genug  sein, 
um  diesen  hohen  Zinsfuß  möglich  zu  machen. 

Ein  Fehler  im  Gesetze  kann  bisweilen  den  Zinsfuß 
weit  über  das  Maß  erhöhen,  das  der  Zustand  des  Landes, 
sein  Reichtum  oder  seine  Armut  erfordert.  Wenn  das 
Gesetz  die  Erfüllung  von  Verträgen  nicht  erzwingt,  so 


Kap.  IX.:  Der  Kapitalgewinn.  133 

setzt  es  alle  Borger  so  ziemlich  auf  denselben  Fuß  mit 
Bankerottierern  oder  Leuten  von  zweifelhaftem  Kredit 
in  besser  verwalteten  Ländern.  Die  Ungewißheit,  sein 
Geld  wieder  zu  bekommen,  veranlaßt  den  Darleiher, 
denselben  Wucherzins  zu  fordern,  der  von  Banke- 
rottierern genommen  zu  werden  pflegt.  Unter  den 
Barbaren,  die  die  westlichen  Provinzen  des  römischen 
Reichs  überschwemmten,  war  die  Erfüllung  der  Ver- 
träge lange  Zeit  hindurch  der  Ehrlichkeit  der  kontra- 
hierenden Teile  überlassen.  Die  Gerichte  ihrer  Könige 
mischten  sich  nur  selten  ein.  Diesem  Umstände  mag 
wohl  zum  Teil  der  hohe  Zinsfuß  beizumessen  sein, 
der  in  jenen  alten  Zeiten  gewöhnlich  war. 

Verbietet  das  Gesetz  den  Zins  völlig,  so  beseitigt 
es  ihn  damit  nicht.  Viele  Menschen  müssen  borgen,  und 
Niemand  wird  etwas  verleihen,  ohne  eine  Vergütung 
für  die  Nutzung  seines  Geldes,  wie  sie  nicht  nur 
dem  Dienste,  den  es  leisten  kann,  sondern  auch  der 
Schwierigkeit  und  Gefahr,  welche  die  Gesetzesumgehung 
verursacht,  entspricht.  Den  hohen  Zinsfuß  bei  allen 
muhamedanischen  Völkern  schreibt  Montesquieu  nicht 
ihrer  Armut,  sondern  teils  jener  Gefahr,  und  teils  der 
Schwierigkeit  zu,  Geld  wieder  zu  bekommen. 

Der  niedrigste  übliche  Gewinnsatz  muß  immer 
etwas  größer  sein,  als  zur  Ausgleichung  der  zufälligen 
Verluste,  denen  jede  Kapitalanlage  ausgesetzt  ist,  or- 
fordert wird.  Nur  dieser  Überschuß  ist  reiner  oder  Netto- 
gewinn. Was  Bruttogewinn  genannt  wird,  schließt  oft 
nicht  nur  diesen  Überschuß,  sondern  auch  die  zur  Aus- 
gleichung solcher  außergewöhnlichen  Verluste  zurück- 
gelegte Summe  in  sich  ein.  Der  Zins,  den  der  Borger 
zahlen  kann,  richtet  sich  nur  nach  dem  reinen  Gewinn. 

Der  niedrigste  übliche  Zinsfuß  muß  in  gleicher 
Weise  etwas  höher  sein,  als  zur  Ausgleichung  der  zu- 
fälligen Verluste,    denen  das  Darleihen   selbst   bei  ge- 


134  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertr agskraft  der  Arbeit. 

höriger  Vorsicht  ausgesetzt  ist,  orfordert  wird.  Wäre 
er  nicht  höher,  so  könnte  nur  Mildtätigkeit  oder  Freund- 
schaft zum  Darleihen  bewegen. 

In  einem  Lande,  das  sein  volles  Maß  des  Reich- 
tums erworben  hätte,  und  in  dem  in  jedem  Geschäfts- 
zweige die  größte  Kapitalmenge  steckte,  die  darin  an- 
gelegt werden  könnte,  würde  sowohl  der  gewöhnliche 
Satz  des  reinen  Gewinnes,  als  auch  der  marktgängige 
Zinsfuß,  der  von  jenem  Gewinn  bestritten  werden  muß, 
so  niedrig  stehen,  daß  es  nur  den  reichsten  Leuten 
möglich  wäre,  von  den  Zinsen  ihres  Geldes  zu  leben. 
AVer  nur  ein  kleines  oder  mittelmäßiges  Vermögen  be- 
säße, sähe  sich  genötigt,  die  Beschäftigung  seiner  Ka- 
pitalien selbst  zu  übernehmen;  fast  Jeder  müßte  ein 
Geschäftsmann  sein,  oder  irgend  ein  Gewerbe  treiben. 
Holland  scheint  sich  diesem  Zustand  zu  nähern.  Es 
ist  dort  gegen  den  guten  Ton,  nicht  ein  Geschäftsmann 
zu  sein.  Die  Notwendigkeit  macht  es  fast  Jedem  zur 
Gewohnheit,  und  die  Gewohnheit  bestimmt  überall  den 
guten  Ton.  Wie  es  lächerlich  ist,  sich  nicht  wie  die 
anderen  Leute  zu  kleiden,  so  ist  es  gewissermaßen 
lächerlich,  nicht  wie  sie  beschäftigt  zu  sein  Wie  ein 
Mann,  der  ein  bürgerliches  Gewerbe  treibt,  in  einem 
Lager  oder  einer  Garnison  eine  schlechte  Figur  macht, 
und  sogar  Gefahr  läuft,  verlacht  zu  wei'den,  so  geschieht 
es  einem  Müßiggänger   unter  geschäftstätigen  Leuten. 

Der  höchste  übliche  Gewinnsatz  kann  ein  solcher 
sein,  daß  er  in  dem  Preise  der  meisten  Waren  Alles 
verschlingt,  was  der  Grundrente  zufallen  sollte,  und  nur 
soviel  übrig  läßt,  als  zur  Bezahlung  der  Arbeit,  durch 
welche  die  Waren  hergerichtet  und  auf  den  Markt  ge- 
bi'acht  werden,  erforderlich  ist,  und  zwar  zu  so  geringer 
Bezahlung,  wie  irgend  möglich,  nämlich  wobei  nur  die 
nackte  Existenz  des  Arbeiters  bestritten  wird.  Der  Ar- 
beiter muß  stets  auf  die  eine  oder  andere  Art  so  lange 


Kap.  IX.:  Der  Kapitalgewinn.  ^35 

ernährt  werden,  wie  er  bei  der  Arbeit  ist;  aber  der 
Grundbesitzer  braucht  nicht  immer  seine  Rente  zu  er- 
halten. Die  Gewinne  der  Geschäfte,  welche  die  Bedien- 
steten der  ostindischen  Kompagnie  in  Bengalen  treiben, 
dürften  nicht  weit  von  diesem  Satze  entfernt  sein. 

Das  Verhältnis,  in  welchem  der  marktgängige  Zins- 
fuß zu  dem  gewöhnlichen  Satz  des  Reingewinns  stehen 
muß,  ändert  sich  notwendig  je  nach  dem  Steigen  oder 
Fallen  des  Gewinns.  Doppelte  Zinsen  werden  von  den 
Kauflouten  in  Grossbritannien  als  ein  guter,  massiger, 
billiger  Gewinn  angesehen,  —  Ausdrücke,  mit  denen 
man  nur  einen  gewöhnlichen  und  üblichen  Gewinn  meint. 
In  einem  Lande,  wo  der  gewöhnliche  Satz  des  Reinge- 
winns acht  bis  zehn  Prozent  beträgt,  mag  es  billig  sein, 
daß  bei  Geschäften,  die  mit  erborgtem  Gelde  getrieben 
werden,  die  Hälfte  des  Reingewinns  als  Zins  abgeht. 
Das  Risiko  der  Kapitalseinlage  trägt  der  Borger,  der  es 
dem  Darleiher  so  zu  sagen  versichert;  und  vier  oder 
fünf  Prozent  können  in  den  meisten  Geschäften  ein  hin- 
länglicher Gewinn  für  die  Gefahr  dieser  Versicherung, 
sowie  eine  ausreichende  Entschädigung  für  die  Mühe  der 
Beschäftigung  des  Kapitals  sein.  Indessen  kann  das  Ver- 
hältnis zwischen  den  Zinsen  und  dem  Reingewinn  in 
Ländern,  wo  der  gewöhnliche  Gewinnsatz  entweder  viel 
niedriger  oder  viel  höher  ist,  nicht  das  nämliche  sein. 
Ist  er  viel  niedriger,  so  kann  für  den  Zins  vielleicht 
nicht  die  Hälfte  des  Reingewinns  bewilligt  weiden ;  ist 
er  viel  höher,  so  kann  weit  mehr  gegeben  werden. 

In  Ländern,  die  schnell  zu  Reichtum  gelangen, 
kann  der  niedrige  Gewinnsatz  dem  hohen  Arbeitslohn 
in  dem  Preise  vieler  Waren  das  Gegengewicht  halten, 
und  diese  Länder  instand  setzen,  ebenso  wohlfeil  zu 
verkaufen,  als  ihre  weniger  aufblühenden  Nachbarn, 
bei  denen  der  Arbeitslohn  niedriger  ist. 

In  der  Tat  tragen  hohe  Gewinne  viel  mehr  zur 
Erhöhung  des  Warenpreises  bei,  als  hoher  Arbeitslohn. 


136  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Wenn  z.  B.  in  der  Leinenmanufaktur  der  Lohn  der  ver- 
schiedenen Arbeiter,  der  Flachszurichter,  der  Spinner, 
der  Wober  usw.  um  2  Pence  täglich  erhöht  wird,  so 
braucht  der  Preis  eines  Stückes  Leinwand  nur  so  vielmal 
um  zwei  Pence  erhöht  zu  werden,  als  die  Zahl  der  da- 
mit beschäftigten  Leute,  multipliziert  mit  der  Zahl  der 
dabei  zugebrachten  Tage  beträgt.  Derjenige  Teil  des 
Warenpreises,  welcher  sich  in  Arbeitslohn  auflöst,  würde 
durch  alle  Stufen  der  Bearbeitung  nur  nach  arithmeti- 
schem Verhältnis  zu  jener  Lohnerhöhung  steigen.  Wenn 
dagegen  die  Gewinne  aller  Arbeitgeber  um  fünf  Prozent 
steigen  sollten,  würde  derjenige  Teil  des  Warenpreises, 
der  sich  in  Gtewinn  auflöst,  durch  alle  Stufen  der  Bear- 
beitung im  geometrischen  Verhältnis  zu  jener  Gewinn- 
erhöhung steigen.  Der  Arbeitgeber  der  Flachszurichter 
würde  beim  Verkauf  seines  Flachses  einen  weiteren  Ge- 
winn von  fünf  Prozent  auf  den  ganzen  Wert  des  Ma- 
terials und  des  den  Arbeitern  vorgeschossenen  Lohns 
fordern.  Der  Arbeitgeber  der  Spinner  würde  sowohl  auf 
den  vorgeschossenen  Preis  des  Flachses,  wie  auf  den 
Lohn  der  Spinner  weitere  fünf  Prozent,  und  der  Arbeit- 
geber der  Weber  auf  den  vorgeschossenen  Preis  des 
Leinengarns  und  den  Lohn  der  Weber  ebenfalls  fünf 
Prozent  haben  wollen.  Das  Steigen  des  Arbeitslohns 
wirkt  auf  die  Erhöhung  des  Warenpreises  ebenso,  wie 
einfache  Zinsen  auf  die  Anhäufung  einer  Schuld;  das 
Steigen  des  Gewinnes  aber  wirkt  wie  Zinseszins.  Unsere 
Kaufleute  und  Fabrikherren  klagen  viel  über  die 
schlimmen  Wirkungen  der  hohen  Löhne  auf  die  P]rhö- 
hung  der  Preise  und  die  daraus  folgende  Verminderung 
des  Absatzes  im  In-  und  Auslande.  Sie  sagen  aber 
Nichts  von  den  schlimmen  Wirkungen  hohen  Kapital- 
gewinns. Von  den  verderblichen  Folgen  der  Vorteile, 
die  ihnen  zufließen,  schweigen  sie  und  klagen  nur  über 
die,  die  anderen  zufallen. 


Zehntes  Kapitel. 

Lohn  und  Gewinn  in  den  verschiedenen 
Verwendungen    der  Arbeit   und   des   Kapitals. 

Im  Ganzen  müssen  die  Vorteile  oder  Nachteile 
bei  den  verschiedenen  Verwendungen  der  Arbeit  und 
des  Kapitals  in  der  nämlichen  Gegend  entweder  ganz 
gleich  sein,  oder  doch  beständig  nach  Ausgleichung 
streben.  Wäre  in  der  nämlichen  Gegend  irgend  eine 
Vervv^endung  offenbar  mit  mehr  oder  weniger  Vorteil 
verknüpft,  als  die  übrigen  Verwendungen,  so  würden 
in  dem  einen  Falle  sich  so  viele  Leute  dazu  drängen, 
und  in  dem  andern  so  viele  sie  aufgeben,  daß  ihre 
Vorteile  bald  auf  das  Niveau  der  übrigen  kämen. 
Dies  würde  wenigstens  in  einer  Gesellschaft  der  Fall 
sein,  wo  man  den  Dingen  ihren  natürlichen  Lauf 
ließe,  wo  vollkommene  Freiheit  waltete,  und  wo  es 
Jedermann  frei  stände,  sowohl  seine  Beschäftigung 
nach  Belieben  zu  wählen,  wie  sie  so  oft  zu  wechseln, 
als  es  ihm  gut  dünkt.  Jeden  würde  sein  Interesse 
bestimmen,  vorteilhafte  Geschäfte  zu  suchen  und  un- 
vorteilhafte zu  meiden. 

Geldlohn  und  Geldgewinn  sind  freilich  in  Europa 
überall  je  nach  den  verschiedenen  Verwendungen  von 
Arbeit  und  Kapital  äußerst  verschieden.  Allein  diese 
Verschiedenheit  rührt  teils  von  gewissen  Umständen  in 
den  Verwendungen  selbst  her,  die  entweder  wirklich 
oder  wenigstens  in  der  Einbildung  der  Einzelnen  bei 


138  Erstes  Buch:  Ziinahine  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

den  P]inen  den  geringen  Geldgewinn  ersetzen,  und 
bei  den  Anderen  einen  großen  Geldgewinn  aufwiegen; 
teils  von  der  Politik  Europas,  die  nirgends  den  Dingen 
vollständige  Freiheit  läßt. 

Die  gesonderte  Betrachtung  dieser  Umstände  und 
jener  Politik  scheidet  dieses  Kapitel  in  zwei  Abteilungen. 


Erste   Abteilung. 

Verschiedenheiten,  die  aus  der  Natur  der  Verwendungen 
selbst  entspringen. 

Die  folgenden  fünf  Umstände  sind  es,  soweit  ich 
beobachten  konnte,  hauptsächlich,  die  einen  geringen 
Geldgewinn  in  einigen  Geschäften  ersetzen,  und  einen 
großen  in  anderen  aufwiegen:  erstens  die  Annehmlich- 
keit oder  Unannehmlichkeit  der  Geschäfte  selbst;  zwei- 
tens die  Leichtigkeit  und  Wohlfeilheit,  oder  die  Schwie- 
rigkeit und  Kostspieligkeit,  sie  zu  erlernen ;  drittens 
die  Beständigkeit  oder  Unbeständigkeit  der  Arbeit  in 
ihnen;  viertens  das  geringe  oder  große  Vertrauen, 
welches  man  auf  die  Leute  setzen  muß,  die  das  Ge- 
schäft ausüben,  und  fünftens  die  Wahrscheinlichkeit 
oder  Unwahrscheinlichkeit  eines  Erfolgs  in  ihnen. 

Erstens,  der  Arbeitslohn  schwankt,  je  nachdem  das 
Geschäft  leicht  oder  schwer,  reinlich  oder  unreinlich, 
ehrenvoll  oder  verachtet  ist.  So  verdient  an  den  meisten 
Orten  ein  Schneidergeselle  im  ganzen  Jahre  weniger, 
als  ein  Webergeselle:  weil  seine  Arbeit  leichter  ist.  Ein 
Webergeselle  verdient  weniger,  als  ein  Schmiedegeselle: 
weil  seine  Arbeit  zwar  nicht  immer  leichter,  aber  viel 
reinlicher  ist.  Ein  Schmiedogeselle,  obgleich  ein  ge- 
lernter Handwerker,  verdient  in  zwölf  Stunden  kaum 
so  viel,  wie  ein  Bergmann,  der  nur  ein  Tagelöhner  ist, 


Kap.  X,I.:  Verschiedenheiten  durcli  die  Natur  d.  Verwendg.  139 

in  acht:  weil  seine  Arbeit  nicht  ganz  so  schmutzig 
und  weniger  gefährlich  ist,  auch  bei  Tageslicht  und 
über  der  Erde  verrichtet  wird.  Die  Ehre  macht  bei 
allen  ehrenvollen  Gewerben  ein  gut  Teil  der  Belohnung 
aus.  Vom  Gresichtspunkte  des  Geldgewinns  werden 
sie,  wie  ich  gleich  zeigen  werde,  im  Allgemeinen  zu 
schlecht  bezahlt.  Die  Anrüchigkeit  hat  eine  entgegen- 
gesetzte Wirkung.  Das  Gewerbe  eines  Fleischers  hat 
etwas  Rohes  und  Abstoßendes;  aber  es  ist  an  den 
meisten  Orten  gewinnbringender,  als  die  meisten  anderen 
Geschäfte.  Das  abscheulichste  von  allen  Geschäften, 
das  des  Scharfrichters,  wird  im  Verhältnis  zu  der 
Arbeitsmenge,  die  es  erfordert,  besser  bezahlt,  als 
ii'gend  ein  anderes  gewöhnliches  Geschäft. 

Jagd  und  Fischfang,  die  wichtigsten  Beschäftigun- 
gen der  Menschen  im  rohen  Zustande  der  Gesellschaft, 
werden  im  zivilisierten  Zustande  ihre  angenehmsten 
Vergnügungen,  und  sie  treiben  dann  zum  Zeitvertreib, 
was  sie  früher  aus  Not  taten.  Im  gesitteten  Zustande 
der  Gesellschaft  sind  es  deshalb  nur  Arme,  die  aus 
dem,  was  Anderen  zum  Zeitvertreib  dient,  ein  Ge- 
weibe machen.  Die  Fischer  waren  arm  seit  der  Zeit 
Theokrits.*)  Ein  Wildschütz  in  Großbritannien  ist 
stets  ein  ganz  armer  Mann.  In  allen  Ländern,  wo  die 
Strenge  der  Gesetze  keine  "Wildschützen  duldet,  befindet 
sich  der  berechtigte  Jäger  in  keiner  viel  besseren  Lage. 
Aus  natürlicher  Lust  an  diesen  Beschäftigungen  wid- 
men sich  ihnen  mehr  Menschen,  als  bequem  davon 
leben  können,  und  das  Produkt  ihrer  Arbeit  kommt 
im  Verhältnis  zu  ihrer  Menge  immer  zu  wohlfeil  zu 
Markte,  um  den  Arbeitern  mehr  als  das  kärglichste 
Auskommen  zu  verschaffen. 

Widerwärtigkeit  und  Anrüchigkeit  des  Geschäfts 
berührt  den  Kapitalgewinn  ebenso,  wie  den  Arbeitslohn. 

*)  S.  Idylle  21. 


140  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragski-aft  der  Arbeit. 

Der  Inhaber  einer  Schenke  oder  Kneipe,  der  nie  Herr 
in  seinem  eigenen  Hanse  und  der  Brutalität  jedes 
Trunkenbolds  ausgesetzt  ist,  treibt  weder  ein  sehr 
angenehmes,  noch  ein  sehr  geachtetes  Geschäft.  Aber 
es  gibt  kaum  ein  gewöhnliches  Gewerbe,  bei  dem  ein 
kleines  Kapital  so  großen  Gewinn   abwirft. 

Zweitens,  der  Arbeitslohn  schwankt  je  nach  der 
Leichtigkeit  und  Wohlfeilheit,  oder  der  Schwierigkeit 
und  Kostspieligkeit,  das  Geschäft  zu  erlernen. 

Wenn  eine  kostspielige  Maschine  errichtet  ist,  wird 
die  durch  sie  gelieferte  ungemein  umfangreiche  Arbeit 
das  für  ihre  Herstellung  bis  zu  ihrer  Abnutzung  aus- 
gelegte Kapital  wenigstens  mit  den  gewöhnlichen  Ge- 
winnen wieder  ersetzen  müssen.  Ein  Mensch,  der  mit 
viel  Arbeit  und  Zeit  zu  einem  der  Geschäfte  erzogen 
wurde,  die  ungewöhnliche  Fertigkeit  und  Geschicklich- 
keit erfordern,  kann  mit  einer  solchen  kostspieligen 
Maschine  verglichen  Averden.  Die  erlernte  Arbeit  wird, 
wie  zu  erwarten  ist,  ihm  über  den  üblichen  Lohn  für 
gemeine  Arbeit  alle  Kosten  seiner  Erziehung  wenigstens 
mit  dem  gewöhnlichen  Gewinn  eines  gleich  wertvollen 
Kapitals  wieder  ersetzen.  Auch  muß  dies  in  Anbe- 
tracht der  höchst  Ungewissen  Dauer  des  menschlichen 
Lebens,  wie  der  gewisseren  Dauer  einer  Maschine,  in 
angemessener  Zeit  geschehen. 

Der  Unterschied  zwischen  den  Löhnen  erlernter 
und  gewöhnlicher  Arbeit  beruht  auf  diesem  Grundsatze. 

Die  europäische  Gewerbepolitik  betrachtet  die  Ar- 
beit aller  Künstler,  Handw-erker  und  Fabrikarbeiter  als 
gelernte  Arbeit,  und  die  der  ländlichen  Arbeiter  als  ge- 
meine Arbeit.  Hierbei  scheint  vorausgesetzt  zu  werden, 
daß  die  Arbeit  der  Ersteren  eigener  und  feiner  sei,  als 
die  der  Letzteren.  In  manchen  Fällen  mag  es  so  sein, 
in  den  meisten  aber  ist  es,  w'ie  ich  sogleich  zeigen  werde, 
ganz  anders.    Die  europäischen  Gesetze  und  Gewohn- 


Kap.  X,T.:  Verschiedenheiten  durch  die  Natur  d.  Verwendg.  141 

heiten  legen  daher,  um  Jemanden  zur  Ausübung  der 
einen  Art  von  Arbeit  zu  befähigen,  ihm  den  Zwang 
einer  Lehrzeit  auf,  obwohl  nicht  überall  mit  gleicher 
Strenge.  Die  andere  Ait  Arbeit  lassen  sie  für  Jeder- 
mann frei  und  offen.  Während  der  Dauer  der  Lehrzeit 
gehört  die  ganze  Arbeit  des  Lehrlings  dem  Meister. 
Häufig  muß  er  auch  von  seinen  Eltern  oder  Verwandten 
beköstigt,  und  fast  immer  von  ihnen  gekleidet  werden. 
Auch  wird  dem  Meister  gewöhnlich  eine  Geldsumme 
dafür  bezahlt,  daß  er  ihn  sein  Gewerbe  lehrt.  Wer  kein 
Geld  geben  kann,  gibt  Zeit,  d.  h.  er  bindet  sich  auf 
mehr  als  die  gewöhnliche  Zahl  von  Jahren  —  ein  Ab- 
kommen, das  zwar  wegen  der  gewöhnlichen  Trägheit 
der  Lehrlinge  für  den  Meister  nicht  immer  von  Vorteil, 
für  den  Lehrling  aber  stets  von  Nachteil  ist.  In  der 
ländlichen  Arbeit  erlernt  dagegen  der  Arbeiter,  während 
er  mit  den  leichteren  Teilen  des  Geschäfts  zu  tun  hat, 
seine  schwereren  Teile  und  verdient  auf  allen  Stufen 
seiner  Beschäftigung  durch  eigene  Arbeit  seinen  Unter- 
halt. Darum  ist  es  auch  billig,  daß  in  Europa  der 
Lohn  der  Künstler,  Handwerker  und  Fabrikarbeiter 
etwas  höher  sei,  als  der  der  gemeinen  Arbeiter.  Er  ist 
es  auch  in  der  Tat,  und  wegen  ihres  größeren  Ge- 
winnes sieht  man  die  städtischen  Arbeiter  vielfach  als 
eine  höhere  Volksklasse  an.  Doch  ist  der  Vorrang  ge- 
wöhnlich sehr  gering;  der  tägliche  oder  wöchentliche 
Verdienst  eines  Gesellen  in  den  gewöhnlichen  Gewerbs- 
zweigen, wde  z.  B.  in  den  Fabriken  der  groben  Leinen- 
und  Wollenzeuge,  beträgt  an  den  meisten  Orten  durch- 
schnittlich wenig  mehr,  als  der  Tagelohn  gemeiner 
Arbeiter.  Freilich  ist  ihre  Beschäftigung  stetiger  und 
gleichmäßiger,  und  die  Summe  ihres  Verdienstes  mag, 
das  ganze  Jahr  zusammengenommen,  etwas  größer 
sein.  Aber  höher  scheint  sie  sich  offenbar  nicht  zu  be- 
laufen, als  daß  sie  gerade  die  höhereu  Kosten  der 
Ausbildung  deckt. 


|4^  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

In  den  freien  Künsten  und  gelehrten  Berufsarten 
ist  die  Erziehung  noch  langwieriger  und  kostspieliger. 
Die  Belohnung  der  Maler  und  Bildhauer,  der  Juristen 
und  Arzte  in  Geld  muß  deshalb  eine  viel  reichlichere 
sein,  und  ist  es  in  der  Tat. 

Der  Grewinn  des  Kapitals  scheint  durch  die  Leich- 
tigkeit oder  Schwierigkeit  der  Erlernung  des  Geschäfts, 
in  das  Kapital  gesteckt  wird,  nur  sehr  wenig  berührt 
zu  werden.  Die  verschiedenen  Arten,  wie  Kapital  in 
großen  Städten  gewöhnlich  angelegt  wird,  scheinen 
in  der  Tat  fast  gleich  leicht  oder  gleich  schwer  zu  er- 
lernen. Der  eine  Zweig  des  auswärtigen  oder  inneren 
Handels  kann  nicht  wohl  ein  verwickelteres  Geschäft 
sein,  als  der  andere. 

Drittens,  der  Arbeitslohn  in  den  verschiedenen 
Beschäftigungen  schwankt  je  nach  der  Beständigkeit 
oder  Unbeständigkeit  der  Beschäftigung. 

Die  Beschäftigung  ist  in  einem  Gewerbe  viel  be- 
ständiger, als  in  anderen.  In  den  meisten  Gewerben 
kann  ein  Geselle  fast  sicher  sein,  alle  Tage  des 
Jahres  Beschäftigung  zu  finden,  wenn  er  arbeitsfähig 
ist.  Ein  Maurer  dagegen  kann  weder  bei  hartem 
Frost,  noch  bei  schlechtem  Wetter  arbeiten,  und  seine 
Beschäftigung  hängt  zu  allen  andern  Zeiten  von  den 
zufälligen  Bestellungen  seiner  Kunden  ab;  er  ist  folg- 
lich oft  der  Gefahr  ausgesetzt,  ohne  Arbeit  zu  sein. 
Sein  Verdienst,  so  lange  er  beschäftigt  ist,  muß  ihm 
daher  nicht  nur  für  die  Zeit,  in  der  er  nichts  zu 
tun  hat,  den  Unterhalt  verschaffen,  sondern  ihn  auch 
einigermaßen  für  jene  Augenblicke  der  Angst  und 
des  Kleinmuts  schadlos  halten,  die  der  Gedanke  an 
eine  so  prekäre  Lage  bisweilen  in  ihm  erwecken 
muß.  Während  demgemäß  der  Gesamtverdienst  der 
meisten  industriellen  Arbeiter  auf  den  Tag  berechnet 
nicht    viel    mehr    als    den   Tagelohn    gemeiner   Arbeit 


Kap.  X,I.:  Verschiedenheiten  durch  die  Natur  d.  Yerwendg.  143 

beträgt,  ist  der  Lohn  der  Maurer  gewöhnlich  anderthalb 
oder  noch  einmal  so  hoch.  Wo  gemeine  Arbeiter  vier 
oder  fünf  Schilling  die  Woche  verdienen,  verdienen 
Maurer  oft  sieben  bis  acht;  wo  die  ersteren  sechs, 
da  verdienen  die  letzteren  oft  neun  bis  zehn,  und  wo 
die  ersteren  neun  bis  zehn  verdienen,  wie  in  London, 
verdienen  die  letzteren  in  der  Regel  fünfzehn  bis 
achtzehn.  Dennoch  scheint  keine  Art  gelernter  Arbeit 
leichter  zu  erlernen,  als  die  der  Maurer.  In  London 
sollen  zuweilen  die  Sänftenträger  während  des  Sommers 
als  Maurer  beschäftigt  sein.  Mithin  ist  der  hohe  Lohn 
dieser  Arbeiter  nicht  sowohl  eine  Belohnung  für  ihre 
(xeschicklichkeit,  als  eine  Entschädigung  für  die  Un- 
beständigkeit ihres  Erwerbs. 

Ein  Zimmermann  scheint  noch  eher  ein  eigneres 
und  künstlicheres  Gewerbe  zu  treiben,  als  ein  Maurer. 
Dennoch  ist  sein  Tagelohn  an  den  meisten  Orten  etwas 
niedriger.  Seine  Beschäftigung  hängt  zwar  auch  stark 
von  den  zufälligen  Bestellungen  seiner  Kunden  ab,  aber 
doch  nicht  so  völlig,  und  ist  der  Gefahr  nicht  ausge- 
setzt, durch  das  Wetter  unterbrochen  zu  werden. 

Wenn  Gewerbe,  die  in  der  Regel  unausgesetzte 
Beschäftigung  bieten,  dies  an  bestimmten  Orten  nicht 
tun,  so  steigt  der  Lohn  der  Arbeiter  immer  ein  gut 
Teil  über  ihr  gewöhnliches  Yerhältnis  zum  Lohn  ge- 
meiner Arbeit.  In  London  können  fast  alle  Handwerks- 
gesellen gerade  so  wie  Tagelöhner  an  anderen  Orten, 
von  ihren  Meistern  von  Tag  zu  Tag  oder  von  Woche 
zu  Woche  angenommen  oder  entlassen  werden.  Die 
niedrigste  Klasse  der  Handwerker,  die  Schneiderge- 
sellen, verdienen  demgemäß  dort  eine  halbe  Krone 
(2^/2  Schilling)  täglich,  während  als  Tagelohn  für  ge- 
meine Arbeit  nur  achtzehn  Pence  gerechnet  werden. 
In  kleinen  Städten  und  auf  dem  Lande  kommt  der 
Lohn  der  Schneidergesellen  oft  kaum  dem  für  gemeine 


144  Erstes  Bucli:  Zunahme  in  der  Ertrag'skraft  der  Arbeit. 

Arbeit  gleich;  in  London  aber  sind  sie  oft  viele 
Wochen  ohne  Beschäftigung,  besonders  im  Sommer. 
Wenn  zu  der  Unbeständigkeit  der  Beschäftigung 
noch  die  Schwierigkeit,  Unannehmlichkeit  und  Unrein- 
lichkeit  der  Arbeit  kommt,  so  erhöht  dies  bisweilen  den 
Lohn  der  gemeinsten  Arbeit  über  den  der  geschicktesten 
Handwerker.  Ein  Bei'gmann,  der  im  Gedinge  arbeitet, 
soll  in  Newcastle  gewöhnlich  doppelt,  und  in  manchen 
Teilen  Schottlands  dreimal  so  viel  verdienen,  als  der 
Tagelohn  für  gemeine  Arbeit  beträgt.  Sein  hoher  Lohn 
entspringt  aus  der  Schwierigkeit,  Unannehmlichkeit  und 
Unreinlichkeit  seiner  Arbeit  zugleich.  Die  Dauer  seiner 
Beschäftigung  hängt  dagegen  fast  ganz  von  ihm  selbst 
ab.  Die  Kohlenträger  in  London  treiben  ein  Geschäft, 
das  an  Schwierigkeit,  Schmutz  und  Unannehmlichkeit 
dem  der  Bergleute  fast  gleichkommt,  und  ihre  Beschäf- 
tigung ist  wegen  der  unvermeidlichen  Unregelmäßig- 
keit im  Anlangen  der  Kohlenschiffe  meist  sehr  unbe- 
ständig. Wenn  daher  die  Bergleute  doppelt  und  drei- 
mal so  viel  verdienen,  als  für  gemeine  Arbeit  bezahlt 
wird,  so  dürfte  es  nicht  unbillig  erscheinen,  daß  Kohlen- 
träger zu  Zeiten  vier  bis  fünfmal  so  viel  verdienen. 
In  der  Untersuchung,  welche  man  vor  einigen  Jahren 
über  ihre  Lage  anstellte,  ergab  sich,  daß  sie  nach  dem 
Satze,  nach  welchem  sie  damals  bezahlt  wurden,  sechs 
bis  zehn  Schiling  des  Tages  verdienen  konnten.  Sechs 
Schilling  sind  etwa  viermal  soviel,  wie  der  Lohn  für 
gemeine  Arbeit  in  London,  und  in  jedem  Geschäft 
kann  der  niedrigste  gewöhnliche  Verdienst  stets  als 
der  der  Mehrzahl  angesehen  werden.  So  übermäßig 
jener  Verdienst  auch  erscheinen  mag,  so  würde  doch, 
wenn  er  mehr  als  hinreichend  wäre,  um  alle  die  un- 
angenehmen Umstände  des  Geschäfts  auszugleichen,  in 
einem  Gewerbe,  das  kein  ausschließliches  Privilegium 
hat,  bald  ein  so  großer  Zufluß  von  Mitbewerbern  ein- 


Kap.  X,I.:  Verschiedenheiten  durch  die  Natur  d.  Verwendg.  145 

treten,  daß  der  Verdienst  bald  auf  einen  niedrigeren 
Satz  zurückschnellen  würde. 

Die  Beständigkeit  oder  Unbeständigkeit  der  Be- 
schäftigung kann  auf  den  gewöhnlichen  Kapitalgewinn 
in  einem  Geschäftszweige  keinen  Einfluß  üben.  Ob  das 
Kapital  beständig  verwendet  wird  oder  nicht,  hängt 
nicht  vom  Geschäft,  sondern  vom  Geschäftstreibenden  ab. 

Viertens,  der  Arbeitslohn  schwankt  je  nach  dem 
größeren  oder  geringeren  Vertrauen,  das  in  den  Ar- 
beiter gesetzt  werden  muß. 

Der  Lohn  der  Goldschmiede  und  Juweliere  ist 
überall  höher,  als  der  vieler  anderer  Arbeiter,  nicht 
allein  von  gleicher,  sondern  von  weit  höherer  Be- 
gabung: nämlich  wegen  der  kostbaren  Materialien,  die 
ihnen  anvertraut  werden. 

Dem  Arzte  vertrauen  wir  unsere  Gesundheit,  dem 
Sachwalter  und  Advokaten  unser  Vermögen  und  mit- 
unter unser  Leben  und  unsern  guten  Ruf  an.  Ein 
solches  Vertrauen  könnte  man  nicht  mit  Sicherheit 
auf  Leute  setzen,  die  sich  in  einer  sehr  mittelmäßigen 
oder  schlechten  Lage  befinden.  Darum  muß  ihre 
Belohnung  der  Art  sein,  daß  sie  ihnen  den  gesell- 
schaftlichen Rang  verschafft,  den  ein  so  großes  Ver- 
trauen erfordert.  Wird  zu  diesem  Umstände  noch  die 
lange  Zeit  und  die  Kostspieligkeit  ihrer  Erziehung 
gerechnet,  so  muß  dies  notwendig  den  Preis  ihrer 
Arbeit  noch  mehr  erhöhen. 

Legt  Jemand  nur  sein  eigenes  Kapital  in  einem 
Geschäfte  an,  so  kann  von  einem  in  ihn  gesetzten  Ver- 
trauen keine  Rede  sein,  und  der  Kredit,  den  er  bei 
anderen  Leuten  findet,  hängt  nicht  von  der  Natur 
seines  Geschäfts,  sondern  von  der  Meinung  ab,  welche 
sie  von  seinem  Glück,  seiner  Rechtschaffenheit  und 
Klugheit  hegen.  Die  verschiedenen  Gewinnsätze  in  den 
verschiedenen  Geschäftszweigen  können  also  nicht  aus 

Adam  S  in  i  Mi .  Volkswuhlstaml.  I.  10 


146  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

den  verschiedenen  Graden  des  Vertrauens  entspringen, 
das  man  auf  die  Greschäftstreibenden  setzt. 

Fünftens,  der  Arbeitslohn  in  den  mancherlei  Be- 
schäftigungen schwankt  je  nach  der  Wahrscheinlichkeit 
oder  UnWahrscheinlichkeit  des  Erfolgs  in  ihnen. 

Die  Wahrscheinlichkeit,  daß  Jeder  zu  dem  Ge- 
schäft, das  er  erlernt  hat,  sich  auch  befähigt  zeigen 
werde,  ist  in  den  verschiedenen  Erwerbszweigen  sehr 
verschieden.  Bei  den  meisten  Handwerkern  ist  der  Er- 
folg fast  sicher;  äußerst  unsicher  hingegen  ist  er  in 
den  freien  Berufsarten.  Gieb  deinen  Sohn  zu  einem 
Schuhmacher  in  die  Lehre,  und  es  unterliegt  kaum 
einem  Zweifel,  daß  er  ein  Paar  Schuhe  machen  lernen 
wird;  laß  ihn  aber  die  Rechte  studieren,  und  es  steht 
zwanzig  gegen  eins,  ob  er  so  weit  kommen  wird,  von 
seinem  Beruf  leben  zu  können.  In  einer  ganz  ehrlichen 
Lotterie  müßten  die,  welche  die  Treffer  ziehen,  den 
ganzen  Verlust  derer,  auf  die  die  Nieten  fallen,  ge- 
winnen. In  einer  Berufsart,  wo  zwanzig  ihr  Ziel  ver- 
fehlen, während  nur  Einer  es  erreicht,  müßte  dieser 
Eine  alles  gewinnen,  was  die  verunglückten  Zwanzig 
gewonnen  haben  sollten.  Der  Anwalt,  der  vielleicht 
erst  im  vierzigsten  Jahre  anfängt,  aus  seinem  Beruf 
einigen  Erwerb  zu  ziehen,  würde  die  Vergütung  nicht 
allein  für  seine  eigene  so  langwierige  und  kostspielige 
Erziehung,  sondern  auch  für  die  der  zwanzig  Andern 
erhalten  müssen,  die  wahrscheinlich  niemals  durch  ihren 
Beruf  etwas  erwerben  werden.  So  übermäßig  auch  die 
Gebühren  des  Anwalts  zuweilen  erscheinen  mögen,  so 
erreicht  ihre  wirkliche  Bezahlung  doch  niemals  diese 
Höhe.  Man  berechne  für  einen  bestimmten  Ort,  wie 
viel  die  Arbeiter  in  einem  gewöhnlichen  Geschäft,  z.  B. 
in  dem  Schuhmacher-  oder  Weberhandwerk  jährlich 
ungefähr  gewinnen,  und  wie  viel  sie  jährlich  ausgeben, 
so  wird  man  finden,  daß  die  erstere  Summe  gewöhn- 
lich prößor  ist,  als  die  letztere.    Man  mache  aber  die- 


Kap.  X,T.:  Verschiedenheiten  durch  die  Natur  d.  Verwende,-.  147 

selbe  Berechnung  bei  allen  Anwälten  und  denen,  die 
es  werden  wollen,  und  man  wird  finden,  daß  ihre 
jährlichen  Gewinne  zu  ihren  jährlichen  Ausgaben  in 
umgekehrtem  Verhältnis  stehen,  auch  wenn  man  die 
ersteren  so  hoch  und  die  letzteren  so  niedrig  als  möglich 
anschlägt.  Folglich  ist  die  Lotterie  der  Juristerei  sehr 
weit  davon  entfernt,  eine  ganz  ehrliche  Lotterie  zu 
sein;  und  dieser  wie  viele  andere  freie  und  ehrenvolle 
Berufe  werden  vom  Gesichtspunkte  des  Goldgewinns 
aus  offenbar  zu  schlecht  bezahlt. 

Diese  Berufsarten  halten  gleichwohl  den  übrigen 
die  Wage,  und  die  besten  und  strebsamsten  Köpfe 
drängen  sich  trotz  dieser  entmutigenden  Umstände  mit 
Eifer  zu  ihnen.  Zu  ihrer  Empfehlung  dient  zweierlei: 
erstens  das  Yerlangen  nach  dem  Ansehen,  welches 
denen  zu  Teil  wird,  die  es  in  ihrem  Beruf  zu  etwas 
Hervorragendem  bringen,  und  zweitens  das  natürliche 
Vertrauen,  das  Jeder  mehr  oder  weniger  auf  seine 
Fähigkeiten  und  sein  gutes  Glück  setzt. 

In  einem  Berufe  hervorzuragen,  in  welchem  es 
nur  Wenige  zur  Mittelmäßigkeit  bringen,  ist  der  ent- 
scheidendste Beweis  von  dem,  was  man  Genie  oder 
höhere  Talente  nennt.  Die  allgemeine  Bewunderung, 
die  so  hervorragenden  Fähigkeiten  zu  Teil  wird,  macht 
immer,  je  nach  dem  Grade  des  Ansehens,  einen  größe- 
ren oder  kleineren  Teil  ihrer  Belohnung  aus.  Einen 
erheblichen  Teil  der  Belohnung  bildet  sie  in  dem  Be- 
rufe eines  Arztes;  einen  noch  größeren  vielleicht  in 
dem  eines  Anwalts;  beinahe  die  ganze  Belohnung  aber 
macht  sie  bei  Dichtern  und  Philosophen  aus. 

Es  gibt  einige  höchst  angenehme  und  schöne  Ta- 
lente, die  ihrem  Besitzer  eine  gewisse  Bewunderung 
eintragen,  deren  Ausübung  für  Geld  aber,  sei  es  mit 
B-echt  oder  aus  Vorurteil,  für  eine  Art  von  öffentlicher 
Selbstentwürdigung  angesehen   wird.    Darum  muß  der 


148  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ei-tra/^'skraft  der  Arbeit. 

Geldlohn  derjenigen,  die  von  ihnen  in  dieser  Weise 
Gebrauch  machen,  groß  genug  sein,  um  sie  nicht  blos 
für  die  auf  die  Ausbildung  ihrer  Talente  verwendete 
Zeit,  Arbeit  und  Kosten,  sondern  auch  für  die  Gering- 
schätzung, welche  mit  ihrer  Verwertung  als  Unterhalts- 
mittel verknüpft  ist,  schadlos  zu  halten.  Die  über- 
mäßigen Gehalte  der  Schauspieler,  Opernsänger,  Opern- 
tänzer u.  s.  w.  beruhen  auf  diesen  beiden  Gründen:  auf 
der  Seltenheit  und  Schönheit  ihrer  Talente,  und  auf 
der  Geringschätzung,  mit  der  man  ihre  Verwertung  be- 
trachtet. Es  scheint  beim  ersten  Anblick  abgeschmackt, 
daß  wir  ihre  Personen  verachten  und  ihre  Talente  doch 
mit  der  verschwenderischsten  Freigebigkeit  belohnen. 
Aber  gerade,  weil  wir  das  Eine  tun,  müssen  wir  not- 
wendig auch  das  Andere  tun.  Sollte  sich  einmal  die 
öffentliche  Meinung  oder  das  Vorurteil  über  diese  Er- 
werbsarten ändern,  so  würde  sich  ihre  Geldbelohnung 
bald  verringern.  Es  würden  sich  dann  mehr  Leute 
darauf  legen,  und  der  Wettbewerb  würde  den  Preis  der 
Arbeit  schnell  herunterdrücken.  Denn  wenn  solche 
Talente  auch  durchaus  nicht  gewöhnlich  sind,  so  sind 
sie  doch  keineswegs  so  selten,  als  man  es  denkt.  Viele, 
die  es  verschmähen,  davon  Gebrauch  zu  machen,  be- 
sitzen sie  in  großer  Vollkommenheit,  und  viele  Andere 
würden  fähig  sein,  sie  zu  erwerben,  wenn  sich  daraus 
mit  Ehren  etwas  erzielen  ließe. 

Der  übertriebene  Begriff  der  meisten  Menschen 
von  ihren  Fähigkeiten  ist  ein  altes  Übel,  auf  das  von 
den  Denkern  und  Sittenlehrern  aller  Zeiten  hingewiesen 
wird.  Ihre  alberne  Einbildung  auf  ihr  gutes  Glück  hat 
man  weniger  beachtet,  und  doch  ist  diese  wo  möglich 
noch  allgemeiner.  Es  gibt  keinen  Menschen,  der,  so 
lange  er  leidlich  gesund  und  wohlauf  ist,  nicht  seinen 
Teil  davon  hätte.  Die  Aussicht  auf  Gewinn  wird  von 
Jedermann  mehr  oder  weniger  überschätzt,  die  Chance 


Kap.  X,l.:  Verschiedenheiten  durch  die  Natur  d.  Verwendg.  149 

des  Verlustes  aber  von  den  Meisten  zu  gering  und  kaum 
von  irgend  Jemandem,  so  lange  er  leidlich  gesund  und 
wohlgemut  ist,  nach  ihrem  wahren  Wert  angeschlagen. 
Daß  die  Aussicht  auf  Gewinn  überschätzt  wird, 
kann  man  ans  dem  allgemeinen  Erfolg  der  Lotterien 
ersehen.  Eine  vollkommen  ehrliche  Lotterie,  wobei  der 
ganze  Gewinn  dem  ganzen  Verlust  gleichkommt,  ist 
nie  dagewesen  und  wird  nie  vorkommen,  sonst  hätte 
der  Unternehmer  keinen  Vorteil  davon.  In  den  Staats- 
lotterien sind  die  Lose  tatsächlich  den  Preis  nicht  wert, 
den  die  Abnehmer  dafür  zahlen,  und  dennoch  werden 
sie  im  Handel  gewöhnhch  noch  mit  einem  Aufschlag 
von  zwanzig,  dreißig  und  mitunter  vierzig  Prozent 
verkauft.  Die  eitle  Hoffnung,  einen  der  großen  Ge- 
winne zu  treffen,  ist  die  alleinige  Ursache  dieser  Nach- 
frage. Selbst  die  nüchternsten  Leute  sehen  darin  selten 
eine  Torheit,  eine  kleine  Summe  für  die  Aussicht  zu 
bezahlen,  daß  man  zehn  oder  zwanzig  tausend  Pfund 
gewinnen  kann,  und  doch  weiß  man,  daß  auch  die 
kleine  Summe  vielleicht  zwanzig  bis  dreißig  Prozent 
mehr  beträgt,  als  die  Gewinnwahrscheinlichkeit  wert 
ist.  In  einer  Lotterie,  in  welcher  kein  Gewinn  mehr 
als  zwanzig  Pfund  betrüge,  würde,  auch  wenn  sie  in 
anderer  Hinsicht  einer  vollkommen  ehrlichen  weit  näher 
käme,  als  die  gewöhnlichen  Staatslotterien,  doch  nicht 
eine  gleiche  Nachfrage  nach  Losen  stattfinden.  Um 
mehr  Aussicht  auf  einen  der  großen  Gewinne  zu 
haben,  kaufen  Manche  mehrere  Lose  und  Andere  kleine 
Anteile  an  vielen  Losen.  Und  doch  gibt  es  keinen  ge- 
wisseren mathematischen  Satz,  als  den,  daß  die  Wahr- 
scheinlichkeit zu  verlieren,  um  so  größer  ist,  auf  je 
mehr  Lose  man  setzt.  Besetze  alle  Lose  in  der  Lotterie, 
und  du  wirst  gewiß  verlieren;  und  je  größer  die  Zahl 
deiner  Lose  ist,  desto  näher  kommst  du  der  Sicherheit 
des  Verlustes. 

Daß    die  Verlustwahrscheinlichkeit   oft  zu  gering 


150  Krstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

und  fast  nie  so  hoch  angeschlagen  wird,  als  sie  es 
verdient,  ersieht  man  aus  dem  sehr  massigen  Gewinne 
der  Versicherer.  Soll  das  Versichern  gegen  Feuers- 
oder Seegefahr  überhaupt  ein  Geschäft  sein,  so  muß 
die  gewöhnliche  Prämie  hinreichen,  die  gewöhnlichen 
Verluste  zu  decken,  die  Kosten  der  Verwaltung  zu 
tragen  und  einen  solchen  Gewinn  zu  liefern,  wie  ihn 
ein  in  jedem  andern  Geschäft  angelegtes  gleiches  Ka- 
pital abwerfen  müßte.  Wer  nicht  mehr  als  dies  bezahlt, 
bezahlt  offenbar  nur  den  wirklichen  Wert  der  Gefahr, 
oder  den  niedrigsten  Preis,  zu  welchem  diese  zu  ver- 
sichern er  billiger  Weise  erwarten  kann.  Wenn  nun 
aber  auch  Viele  durch  Versicherung  einiges  Geld  ge- 
wonnen haben,  so  haben  doch  nur  sehr  Wenige  ein 
großes  Vermögen  damit  gemacht;  und  schon  aus  diesem 
Umstände  ergibt  sich  klar  genug,  daß  die  gewöhnliche 
Bilanz  von  Gewinn  und  Verlust  in  diesem  Geschäft 
nicht  vorteilhafter  ist,  als  in  anderen  gewöhnlichen  Ge- 
werben, durch  die  so  viele  Leute  Vermögen  erwerben. 
So  mäßig  auch  die  Versicherungsprämie  gewöhnlich 
ist,  so  schätzen  doch  Viele  die  Gefahr  zu  gering,  als 
daß  sie  Lust  hätten,  sie  zu  bezahlen.  Im  ganzen  König- 
reich sind  durchschnittlich  unter  zwanzig  Häusern  neun- 
zehn, oder  vielleicht  unter  hundert  neunundneunzig 
gegen  Feuersgefahr  nicht  versichert.  Die  Seegefahr  ist 
für  die  meisten  Leute  beunruhigender,  und  das  Ver- 
hältnis der  versicherten  zu  den  unversicherten  Schiffen 
ist  weit  größer.  Dennoch  gehen  zu  allen  Jahreszeiten 
und  selbst  in  Kriegszeiten  Viele  ohne  Versicherung  in 
See.  Mitunter  geschieht  dies  vielleicht  nicht  aus  Un- 
vorsichtigkeit. Wenn  eine  große  Gesellschaft  oder  auch 
ein  reicher  Kaufmann  zwanzig  oder  dreißig  Schiffe 
auf  dem  Meere  hat,  so  versichert  so  zu  sagen  eines 
das  andere.  Die  auf  alle  gesparte  Prämie  kann  Ver- 
luste, wie  sie  im  gewöhnlichen  Laufe  der  Dinge  wahr- 
scheinlich eintreten,  reichlich  ausgleichen.   Aber  in  den 


Kap.  X,I.:  Verschiedenheiten  durch  die  Natur  d.  Yerwendg.  151 

meisten  Fällen  ist  die  Vernachlässigung  der  Versicherung 
der  Schiffe,  gleich  der  der  Häuser,  nicht  der  Effekt 
einer  so  feinen  Berechnung,  sondern  lediglich  gedanken- 
lose oder  vermessene  Verachtung  der  Gefahr. 

Die  Verachtung  der  Gefahr  und  die  vermessene 
Hoffnung  auf  Erfolg  sind  in  keiner  Periode  des  Lebens 
reger,  als  in  dem  Alter,  in  welchem  junge  Leute  ihren 
Beruf  wählen.  Wie  wenig  dann  die  Furcht  vor  Miß- 
geschick imstande  ist,  der  Hoffnung  auf  gutes  Glück 
die  Wage  zu  halten,  zeigt  sich  noch  klarer  in  der  Be- 
reitwilligkeit gewöhnlicher  Leute,  sich  als  Soldaten  oder 
zum  Seedienst  einschreiben  zu  lassen,  als  in  dem  Eifer 
junger  Leute  besseren  Standes,  in  die  sogenannten 
freien  Berufsarten  einzutreten. 

Was  ein  gemeiner  Soldat  verlieren  kann,  ist  deut- 
lich genug.  Dennoch  lassen  sich  junge  Freiwillige, 
ohne  der  Gefahr  zu  achten,  zu  keiner  Zeit  so  gern 
anwerben,  als  beim  Beginn  eines  neuen  Krieges ;  und 
obgleich  sie  kaum  irgend  welche  Aussicht  auf  Beför- 
derung haben,  spiegeln  sie  sich  in  ihrer  jugendlichen 
Phantasie  doch  tausend  Gelegenheiten,  Ehre  und  Aus- 
zeichnung zu  gewinnen,  vor,  die  niemals  eintreffen. 
Diese  romantischen  Hoffnungen  sind  der  ganze  Preis, 
für  den  sie  ihr  Blut  verkaufen.  Ihr  Sold  ist  geringer, 
als  der  Lohn  gewöhnlicher  Arbeiter,  und  im  aktiven 
Dienst  sind  ihre  Beschwerden  weit  größer. 

Die  Lotterie  der  Marine  ist  nicht  ganz  so  unvor- 
teilhaft, als  die  des  Landdienstes.  Der  Sohn  eines  ge- 
achteten Arbeiters  oder  Handwerkers  geht  oft  mit  väter- 
licher Einwilligung  zur  See;  läßt  er  sich  aber  als  Soldat 
anwerben,  so  geschieht  es  immer  ohne  sie.  Auch  aiider-e 
Leute  sehen  einige  Möglichkeit,  im  ersten  Beruf  Glück 
zu  machen;  im  andern  sieht  Keiner,  als  allein  der  Be- 
treffende, eine  solche  Chance.  Der  große  Admiral  ist 
weniger  ein  Gegenstand  öffentlicher  Bewunderung,  als 


152  Erstes  Buch:  Zunalmie  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

der  große  General,  und  der  glücklichste  Erfolg  im  See- 
dienst verspricht  ein  weniger  glänzendes  Vermögen 
und  Ansehen,  als  ein  gleicher  Erfolg  auf  dem  Lande. 
Derselbe  Unterschied  zieht  sich  durch  alle  unteren 
Rangstufen  beider  Dienste.  Nach  den  Ranglisten  steht 
ein  Kapitän  in  der  Flotte  einem  Obersten  in  der  Armee 
gleich;  aber  in  der  gemeinen  Schätzung  steht  er  ihm 
nicht  gleich.  Da  die  großen  Gewinne  in  der  Lotterie 
geringer  sind,  müssen  die  kleineren  desto  zahlreicher 
sein.  Daher  gewinnen  auch  gemeine  Matrosen  öfter 
einiges  Vermögen  und  Beförderung,  als  gemeine  Sol- 
daten; und  die  Hoffnung  auf  diese  Gewinne  ist  es,  was 
dieses  Gewerbe  hauptsächlich  empfiehlt.  Obgleich  die 
Geschicklichkeit  und  Fertigkeit  der  gemeinen  Matrosen 
weit  größer  ist,  als  die  fast  jedes  Handwerkers,  und 
obgleich  ihr  ganzes  Leben  eine  fortlaufende  Reihe  von 
Mühseligkeiten  und  Gefahren  ist,  erhalten  sie  doch,  so 
lange  sie  gemeine  Matrosen  bleiben,  für  alle  diese  Ge- 
schicklichkeit und  Fertigkeit,  für  alle  diese  Mühselig- 
keiten und  Gefahren  kaum  eine  andere  Belohnung,  als 
das  Vergnügen,  jene  üben  und  diese  überwinden  zu 
können.  Ihr  Lohn  ist  nicht  größer,  als  der  gemeiner 
Arbeiter  an  dem  Hafen,  in  dem  der  Lohn  des  Matrosen 
bedungen  wird.  Da  sie  beständig  von  Hafen  zu  Hafen 
gehen,  so  gleichen  die  monatlichen  Löhne  derer,  welche 
aus  allen  Häfen  Großbritanniens  absegeln,  einander  viel 
mehr  als  der  Lohn  anderer  Arbeiter  an  diesen  ver- 
schiedenen Orten;  und  der  Lohnsatz  des  Hafenplatzes, 
von  und  nach  welchem  die  meisten  segeln,  d.  h.  des 
Hafens  von  London,  bestimmt  den  Satz  für  alle  übrigen. 
In  London  beträgt  der  Lohn  der  meisten  Arbeiter- 
klassen etwa  das  Doppelte  des  Lohns,  den  sie  in  Edin- 
burg  erhalten.  Aber  die  Matrosen,  die  aus  dem  Hafen 
von  London  segeln,  verdienen  selten  über  drei  oder 
vier  Schilling  monatlich  mehr,  als  die,  Avelcho  aus  dem 
Hafen  von  Leith  abfahren,  und  oft  ist  der  Unterschied 


Kap.  X,I.:  Verschiedenheiten  durch  die  Natur  d.  Verwcndg.  153 

nicht  einmal  so  groß.  In  Friedenszeiten  und  in  der 
Handelsmarine  schwankt  der  Londoner  Preis  zwischen 
einer  Guinee  und  etwa  siebenandzwanzig  Schilling  für 
den  Kalendermonat.  Ein  gemeiner  Arbeiter  kann  in 
London,  nach  dem  Satze  von  neun  oder  zehn  Schilling 
die  "Woche,  zwischen  vierzig  und  fünf  und  vierzig  Schil- 
ling im  Kalendermonat  verdienen.  Freilich  erhält  der 
Matrose  außer  seinem  Lohn  noch  Kost;  aber  ihr  "Weit 
wird  wohl  nicht  immer  den  Unterschied  zwischen 
seiner  Bezahlung  und  der  gemeiner  Arbeiter  über- 
steigen, und  wenn  es  mitunter  der  Fall,  ist  dieses 
Mehr  doch  für  den  Matrosen  kein  reiner  Gewinn,  weil 
er  es  nicht  mit  Weib  und  Kind  teilen  kann,  die  er 
daheim  von  seinem  Lohne  erhalten  muß. 

Die  dem  Abenteurerleben  so  eigenen  Gefahren 
und  Errettungen  bei  eines  Haares  Breite  scheinen,  an- 
statt die  jungen  Leute  zu  entmutigen,  ihnen  vielmehr 
oft  ein  Gewerbe  reizvoll  zu  machen.  Eine  zärtliche 
Mutter  aus  den  unteren  Volksklassen  fürchtet  oft  schon, 
ihren  Sohn  in  einer  Hafenstadt  zur  Schule  zu  schicken, 
aus  Besorgnis,  daß  der  Anblick  der  Schiffe  und  die 
Gespräche  und  Abenteuer  der  Matrosen  ihn  zum  See- 
dienst veiiocken  mochten.  Die  entfernte  Aussicht  auf 
Gefahren,  aus  denen  wir  durch  Mut  und  Gewandtheit 
uns  zu  befreien  hoffen  können,  ist  uns  nicht  unange- 
nehm, und  steigert  den  Arbeitslohn  in  keinem  Geschäfte. 
Anders  verhält  es  sich  mit  Gefahren,  gegen  die  Mut 
und  Gewandtheit  nichts  nützen.  In  Gewerben,  die  als 
sehr  ungesund  bekannt  sind,  ist  der  Arbeitslohn  immer 
ziemlich  hoch.  Ungesundheit  ist  eine  Widerwärtigkeit, 
und  ihr  Einfluß  auf  den  Arbeitslohn  ist  unter  diese 
allgemeine  Rubrik  einzureihen. 

Bei  allen  Kapitalanlagen  schwankt  der  gewöhnliche 
Gewinnsatz  mehr  oder  weniger,  je  nach  der  Gewißheit 
oder  Ungewißheit  des  Wiedereingangs.    Dieser  ist  im 


154  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft   der  Arbeit. 

Allgemeinen  im  inneren  Handel  weniger  ungewiß  als 
im  auswärtigen,  und  in  einigen  Zweigen  des  auswärtigen 
weniger,  als  in  anderen:  so  z.  B.  in  dem  Handel  nach 
Nordamerika  weniger,  als  in  dem  nach  Jamaika.  Der 
gewöhnliche  Gewinnsatz  steigt  stets  mehr  oder  weniger 
mit  der  Gefahr;  doch  scheint  er  nicht  in  genauem  Ver- 
hältnis mit  ihr  oder  so,  daß  er  sie  völlig  ausgleicht, 
zu  steigen.  Bankerotte  sind  in  den  gefährlichsten  Han- 
delszweigen am  häufigsten.  Das  gefährlichste  aller  Ge- 
werbe, das  eines  Schmugglers,  führt,  obgleich  es  im 
Falle  des  Gelingens  wahrscheinlich  das  gewinnreichste 
ist,  ganz  sicher  zum  Bankerott.  Die  vermessene  Hoff- 
nung auf  Erfolg  scheint  hier  ebenso  zu  wirken,  wie 
in  allen  anderen  Fällen,  und  in  diese  gefährlichen 
Gewerbe  so  viele  Abenteurer  zu  verlocken,  daß  der 
Wettbewerb  ihren  Gewinn  tiefer  diückt,  als  zur  Aus- 
gleichung der  Gefahr  geschehen  dürfte.  Um  sie  voll- 
ständig auszugleichen,  müßte  der  gewöhnliche  Ertrag 
außer  dem  üblichen  Kapitalgewinn  nicht  nur  alle  zu- 
fälligen Einbußen  decken,  sondern  den  Abenteurern 
auch  eine  Art  Versicherungsprämie  als  Überschuß  ab- 
werfen. Wäre  der  gewöhnliche  Ertrag  für  dies  Alles 
zureichend,  so  würden  Bankerotte  in  diesem  Gewerbe 
nicht  häufiger  sein,  als  in  anderen. 

Von  den  fünf  Umständen,  welche  den  Arbeitslohn 
verschieden  gestalten,  berühren  also  nur  zwei  den 
Kapitalgewinn :  nämlich  die  Annehmlichkeit  oder  Un- 
annehmlichkeit des  Geschäfts  und  die  Gefahr  oder 
Sicherheit,  welche  mit  ihm  verbunden  ist.  Was  die  An- 
nehmlichkeit oder  Unannehmlichkeit  betrifft,  so  ist  der 
Unterschied  in  dem  bei  Weitem  größeren  Teile  der 
Kapitalanlagen  gering  oder  fällt  ganz  fort,  ist  aber 
beträchtlich  in  den  verschiedenen  Arbeitszweigen;  und 
wenn  der  übliche  Kapitalgewinn  auch  mit  der  Gefahr 
steigt,  so  scheint  er  doch  nicht  immer  genau  im  Ver- 


Kap.  X,I.:  Verschiedenheiten  durch  die  Natur  d.  Verwendg.  155 

hältnis  zu  ihr  zu  steigen.  Aus  allem  diesem  dürfte 
folgen,  daß  in  ein  und  derselben  Gesellschaft  oder 
Gegend  der  Durchschnittssatz  des  Gewinnes  in  den 
verschiedenen  Kapitalanlagen  eher  auf  die  gleiche  Höhe 
kommen  müßte,  als  der  Geldlohn  der  verschiedenen 
Sorten  von  Arbeit.  Und  so  ist  es  auch.  Der  Unter- 
schied zwischen  dem  Verdienst  eines  gewöhnlichen 
Arbeiters  und  dem  eines  viel  beschäftigten  Anwalts 
oder  Arztes  ist  offenbar  weit  größer,  als  die  Differenz 
zwischen  dem  übhchen  Kapitalgewinn  in  zwei  ver- 
schiedenen Gewerbszweigen.  Überdies  ist  der  schein- 
bare Unterschied  in  dem  Gewinn  verschiedener  Ge- 
schäfte gewöhnlich  eine  Täuschung,  die  daraus  ent- 
springt, daß  man  nicht  immer  das,  was  als  Lohn  be- 
trachtet werden  sollte,  von  dem  unterscheidet,  was  als 
Gewinn  zu  betrachten  ist. 

Apothekergewinn  ist  zum  Sprichwort  geworden, 
um  etwas  besonders  Übermässiges  zu  bezeichnen.  Der 
scheinbar  hohe  Gewinn  ist  gleichwohl  oft  nur  ein 
billiger  Arbeitslohn.  Die  Geschicklichkeit  eines  Apo- 
thekers ist  viel  eigenerer  und  zarterer  Natur  als  die 
eines  Handwerkers,  welcher  es  auch  sei,  und  das  Ver- 
trauen, welches  man  auf  ihn  setzt,  ist  von  weit  größerer 
Wichtigkeit.  Er  ist  der  Arzt  der  Armen  in  allen  Fällen, 
und  der  Reichen,  wenn  das  Leiden  oder  die  Gefahr 
nicht  sehr  groß  ist.  Darum  muß  sein  Lohn  dieser 
Geschicklichkeit  und  diesem  Vertrauen  angemessen 
sein,  und  er  ergiebt  sich  gewöhnlich  aus  dem  Preise, 
zu  dem  er  seine  Waren  verkauft.  Aber  die  sämtlichen 
Waren,  die  der  beschäftigtste  Apotheker  in  einer  großen 
Stadt  in  einem  Jahr  verkauft,  kosten  ihn  vielleicht 
nicht  mehr  als  dreißig  oder  vierzig  Pfund.  Verkauft 
er  sie  nun  auch  mit  drei-  oder  vierhundert  oder  tausend 
Prozent  Gewinn,  so  mag  das  oft  doch  nicht  mehr  sein, 
als  der  billige  Lohn  für  seine  Arbeit,  den  er  auf  nichts 
anderes  schlagen  kann,  als  auf  den  Preis  seiner  Waren. 


156  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Der  größere  Teil  des  scheinbaren  Gewinnes  ist  in  der 
Tat  Arbeitslohn,  in  der  Maske  eines  Gewinns. 

In  einer  unbedeutenden  Hafenstadt  kann  ein 
kleiner  Krämer  vierzig  oder  fünfzig  Prozent  auf  ein 
Kapital  von  einem  einzigen  Hundert  Pfund  gewinnen, 
während  ein  bedeutender  Großhändler  an  demselben 
Platze  auf  ein  Kapital  von  zehntausend  Pfund  kaum 
acht  bis  zehn  Prozent  macht.  Das  Geschäft  des  Krä- 
mers kann  für  die  Bequemlichkeit  der  Einwohner 
nötig  sein,  und  die  Beschränktheit  des  Marktes  eine 
größere  Kapitalanlage  in  dem  Geschäfte  nicht  zulassen. 
Allein  der  Mann  muß  nicht  nur  von  seinem  Handel 
leben,  sondern  auch  den  Fähigkeiten,  die  man  bei 
ihm  voraussetzt,  angemessen  leben.  Abgesehen  davon, 
daß  er  ein  kleines  Kapital  nötig  hat,  muß  er  auch 
lesen,  schreiben  und  rechnen  können,  und  vielleicht 
fünfzig  bis  sechzig  verschiedene  Arten  von  Waren, 
ihre  Preise,  ihre  Qualität  und  die  Märkte,  wo  sie  am 
wohlfeilsten  zu  haben  sind,  leidlich  kennen.  Kurz, 
er  muß  alle  die  Kenntnisse  besitzen,  die  einem  Groß- 
händler nötig  sind,  und  es  hindert  ihn  nichts  als  der 
Maugel  eines  hinreichenden  Kapitals,  selbst  ein  Groß- 
händler zu  werden.  Dreißig  oder  vierzig  Pfund  jähr- 
lich können  nicht  als  eine  zu  große  Belohnung  für 
die  Arbeit  eines  solchen  Mannes  betrachtet  werden. 
Man  ziehe  dies  von  dem  anscheinend  großen  Gewinn 
seines  Kapitals  ab,  und  es  wird  vielleicht  kaum  mehr 
übrig  bleiben,  als  der  übliche  Kapitalgewinn.  Auch 
in  diesem  Falle  ist  der  größte  Teil  des  scheinbaren 
Gewinnes  wirklicher  Arbeitslohn. 

Der  Unterschied  zwischen  dem  scheinbaren  Gewinn 
des  Klein-  und  des  Großhandels  ist  in  der  Hauptstadt 
weit  geringer,  als  in  kleinen  Städten.  Wo  zehntausend 
Pfund  im  Kramhandel  angelegt  werden  können,  macht 
der  Lohn  für  des  Krämers  Arbeit  nur  einen  sehr  ge- 
j-ingen  Zusatz  zu  dem  wirklichen  Gewinn  eines  so  großen 


Kap.  X,I.:  Versehiodeiiheiten  durch  die  Natur  d.  Vorwenrlo-.  [^'J 

Kapitals  aus.  Der  scheinbare  Gewinn  des  großen  Klein- 
händlers kommt  daher  hier  dem  Gewinn  des  Großhänd- 
lers weit  näher.  Aus  diesem  Grunde  sind  auch  Waren, 
die  im  Einzelnen  verkauft  werden,  in  der  Hauptstadt 
im  Allgemeinen  ebenso  wohlfeil  und  oft  noch  wohlfeiler, 
als  in  kleinen  Städten  und  Flecken.  Materialwaren 
z.  B.  sind  im  Allgemeinen  viel  wohlfeiler;  Brot  und 
Fleisch  oft  ebenso  wohlfeil.  Es  kostet  nicht  mehr,  die 
Materialwaren  in  eine  große  Stadt,  als  in  einen  Markt- 
flecken zu  bringen,  aber  es  kostet  viel  mehr,  Korn  und 
Vieh  dahin  zu  bringen,  da  dies  meistenteils  aus  einer 
viel  größeren  Entfernung  herbeigeschafft  werden  muß. 
Da  der  Einkaufspreis  der  Materialwaren  an  beiden 
Orten  derselbe  ist,  so  sind  sie  da  am  wohlfeilsten,  wo 
der  geringste  Gewinn  darauf  geschlagen  wird.  Der  Ein- 
kaufspreis von  Brot  und  Fleisch  ist  in  der  großen  Stadt 
höher,  als  in  dem  Landorte,  und  obgleich  der  Gewinn 
geringer  ist,  so  sind  sie  dort  zwar  nicht  immer  wohl- 
feiler, aber  oft  ebenso  wohlfeil.  Bei  solchen  Artikeln, 
wie  Brot  und  Fleisch,  erhöht  derselbe  Grund,  der  den 
scheinbaren  Gewinn  verringert,  den  Einkaufspreis.  Der 
Umfang  des  Marktes  verringert  durch  Gestattung  größe- 
rer Kapitalanlagen  den  scheinbaren  Gewinn;  die  Not- 
wendigkeit jedoch,  ihn  aus  gi'ößerer  Entfernung  zu  ver- 
sorgen, erhöht  den  Einkaufspreis.  Diese  Verringerung 
des  einen  und  Erhöhung  des  andern  scheint  in  den 
meisten  Fällen  einander  ziemlich  aufzuwiegen,  und  dies 
ist  wahrscheinlich  der  Grund,  warum  die  Brot-  und 
Fleischpreise  im  größten  Teile  des  Königreiches  so 
ziemlich  die  nämlichen  sind,  obgleich  die  Korn-  und 
Viehpreise  in  den  verschiedenen  Teilen  des  Landes 
gewöhnlich  sehr  verschieden  sind. 

Obgleich  der  Kapitalgewinn  sowohl  beim  Groß-  wie 
beim  Kleinhandel  in  der  Hau[)tstadt  gewöhnlich  geringer 
ist,  als  in  kleinen  Städten  und  Flecken,  so  wird  doch 


158  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

in  der  ersteren  aus  kleinen  Anfängen  oft  ein  großes 
Vermögen  erworben,  was  in  den  letzteren  fast  nie  der 
Fall  ist.  In  kleinen  Städten  und  Flecken  kann  wegen 
der  Beschränktheit  des  Marktes  der  Handel  nicht  immer 
so  ausgedehnt  werden,  wie  das  Kapital  sich  vergrößert. 
Daher  kann  an  solchen  Orten,  selbst  wenn  der  Gewinn- 
satz eines  Einzelnen  sehr  hoch  ist,  doch  die  Summe  des 
Gewinns  und  folglich  auch  des  jährlich  zurückgelegten 
Kapitals  nie  sehr  groß  sein.  In  großen  Städten  kann 
das  Geschäft  sich  mit  dem  Kapital  vergrößern,  und  der 
Kredit  eines  sparsamen  und  emporkommenden  Mannes 
wächst  noch  schneller,  als  sein  Kapital.  Sein  Geschäft 
dehnt  sich  nach  Verhältnis  beider  aus,  die  Summe  sei- 
nes Gewinns  richtet  sich  nach  der  Ausdehnung  seines 
Geschäfts,  und  die  Summe  des  jährlich  zurückgelegten 
Kapitals  nach  dem  Betrage  seines  Gewinns.  Doch  wer- 
den auch  in  großen  Städten  selten  in  einem  regel- 
mäßigen, altbegründeten  und  wohlbekannten  Geschäfts- 
zweige große  Vermögen  erworben,  außer  durch  ein 
langes  Leben  voll  Fleiß,  Sparsamkeit  und  Rührigkeit. 
Schnell  werden  zuweilen  an  solchen  Orten  Reichtümer 
im  sogenannten  Spekulationshandel  erworben.  Der 
Spekulant  betreibt  keinen  regelmässigen,  altbegründeten 
oder  wohlbekannten  Geschäftszweig.  Er  ist  in  dem 
einen  Jahre  Kornhändler,  im  anderen  Weinhändler,  und 
im  folgenden  Zucker-,  Tabak-  oder  Teehändler.  Er 
ergreift  jedes  Geschäft,  wenn  er  erwartet,  es  werde  un- 
gewöhnlich gewinnreich  sein,  und  er  gibt  es  wieder 
auf,  wenn  er  voraussieht,  daß  sein  Gewinn  wahrschein- 
lich auf  das  Niveau  der  anderen  Geschäftszweige  zurück- 
geht. Seine  Gewinne  und  Verluste  können  daher  in  kei- 
nem regelmäßigen  Verhältnis  zu  denen  eines  soliden  und 
wohlbekannten  Geschäftszweiges  stehen.  Ein  kühner 
Wagehals  kann  zuweilen  durch  zwei  oder  drei  glück- 
liche Spekulationen  ein  bedeutendes  Vermögen  erwer- 


Kap.  X,r.:  Verschiedenlieiton  durch  die  Natur  d.  Verwendg.  159 

ben;  aber  ebenso  wahrscheinlich  kann  er  durch  zwei 
oder  drei  unglückliche  es  verlieren.  Ein  solches  Ge- 
schäft kann  nur  in  großen  Städten  getrieben  worden. 
Nur  an  Orten  des  ausgedehntesten  Verkehrs  und  der 
vielseitigsten  Verbindungen  sind  die  dazu  erforder- 
lichen Nachrichten  einzuziehen. 

Die  fünf  oben  erwähnten  Umstände  verursachen 
zwar  erhebliche  Ungleichheiten  im  Arbeitslohn  und 
Kapitalgewinn,  aber  keine  in  der  Gesamtheit  der  wirk- 
lichen oder  eingebildeten  Vorteile  und  Nachteile  der 
einen  Kapitals-  oder  Arbeitsverwendung  vor  der  andern. 
Jene  Umstände  sind  der  Art,  daß  sie  in  einigen  für 
den  kleinen  Gewinn  schadlos  halten  und  in  anderen 
einen  großen  aufwiegen. 

Damit  indeß  diese  Gleichheit  in  der  Gesamtheit 
ihrer  Vorteile  und  Nachteile  platzgreifen  könne,  sind 
selbst  da,  wo  die  vollkommenste  Freiheit  herrscht, 
drei  Dinge  nötig.  Erstens  müssen  die  Gewerbe  in  der 
Umgebung  wohlbekannt  und  altbegründet  sein;  zwei- 
tens müssen  sie  in  ihrem  gewöhnlichen  oder  so  zu 
sagen  natürlichen  Zustande  sein;  und  drittens  müssen 
sie  das  einzige  oder  hauptsächlichste  Geschäft  derer 
sein,  die  sich  damit  befassen. 

Erstens,  diese  Gleichheit  kann  nur  in  solchen  Ge- 
werben stattfinden,  die  in  ihrer  Umgebung  wohlbe- 
kannt und  seit  langer  Zeit  begründet  sind. 

Unter  sonst  gleichen  Umständen  ist  der  Arbeits- 
lohn in  neuen  Gewerben  in  der  Regel  höher,  als  in 
alten.  Wenn  ein  Unternehmer  einen  neuen  Fabrik- 
zweig einzuführen  sucht,  muß  er  zuerst  die  nötigen 
Arbeiter  durch  einen  höheien  Lohn,  als  den,  den  sie 
in  ihrem  eigenen  Gewerbe  verdienen  können,  oder 
den  sein  neues  Gewerbe  eigentlich  bieten  kann,  aus 
anderen  Geschäften  weglocken,  und  er  muß  eine  ge- 
raume Zeit  verstreichen  lassen,  che  er  es  wagen  darf, 
sie   auf   das   gewöhnliche   Maß   herabzusetzen.     Manu- 


160  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

fakturen,  für  welche  die  Nachfrage  durchaus  von  der 
Mode  und  Phantasie  abhängt,  wechseln  beständig  und 
dauern  selten  lange  genug,  um  als  altbegründete  Manu- 
fakturen angesehen  werden  zu  können.  Solche  hin- 
gegen, deren  Nachfrage  aus  dem  täglichen  Gebrauch 
und  Bedarf  entspringt,  sind  der  Veränderung  weniger 
unterworfen,  und  dieselbe  Form  und  dasselbe  Fabrikat 
kann  Jahrhunderte  lang  gesucht  werden.  Der  Arbeits- 
lohn in  Manufakturen  der  ersteren  Art  ist  daher  wahr- 
scheinlich höher,  als  in  denen  der  letzteren  Art.  Bir- 
mingham hat  besonders  Manufakturen  der  ersteren, 
Sheffield  der  letzteren  Art;  und  der  Arbeitslohn  an 
diesen  beiden  Orten  soll  jenem  Unterschiede  im  Wesen 
ihrer  Manufakturen  angemessen  sein. 

Die  Einführung  einer  neuen  Manufaktur,  eines 
neuen  Handelszweiges  oder  einer  neuen  Land  wirtschafts- 
methode  ist  immer  eine  Spekulation,  von  der  sich  der 
Unternehmer  außergewöhnliche  Gewinne  verspricht. 
Diese  Gewinne  sind  zuweilen  sehr  groß ;  manchmal  aber, 
vielleicht  sogar  am  häufigsten,  gerade  das  Gegenteil 
davon:  aber  im  Allgemeinen  stehen  sie  zu  den  Ge- 
winnen anderer  alten  Geschäfte  der  Umgegend  in 
keinem  regelmäßigen  Verhältnis.  Gelingt  das  Unter- 
nehmen, so  ist  der  Gewinn  im  Anfang  gewöhnlich 
sehr  hoch.  Wird  das  Gewerbe  oder  die  Praxis  aber 
erst  einmal  überall  eingeführt  und  wohlbekannt,  so 
führt  der  Wettbewerb  den  Gewinn  auf  das  Niveau 
der  übrigen  Gewerbe  zurück. 

Zweitens,  jene  Gleichheit  in  der  Gesamtheit  der 
Vorteile  und  Nachteile  der  verschiedenen  Arbeits-  und 
Kapitalanlagen  kann  nur  in  ihrem  gewöhnlichen,  oder 
so  zu  sagen  natürlichen  Zustande  platzgreifen. 

Die  Nachfrage  nach  fast  allen  Arten  von  Arbeit  ist 
einmal  größer  und  ein  andermal  geringer,  als  gewöhn- 
lich. In  dem  einen  Falle  steigen  die  Vorteile  des 
Geschäftes  über,   in  dem  anderen  fallen  sie  unter  das 


Kap.  X,T.:  Yersrhiodenheiten  durch  die  Natur  d.  Ver\vend,2,-.  IQI 

gewöhnliche  Maß.  Die  Nachfrage  nach  ländlicher  Arbeit 
ist  zur  Zeit   des   Mähens   und   der   Ernte   grüßer,    als 
während  des  übrigen  Jahres,  und  der  Lohn  steigt  mit 
der  Nachfrage.     Im   Kriege,   wo   vierzig   oder   fünfzig 
tausend  Matrosen   aus   dem  Kauffahrteidienst  für  den 
Dienst  des  Königs  ausgehoben  werden,  steigt  notwendig 
die  Nachfrage  nach  Matrosen  für  die  Handelsmarine  mit 
ihrer  Seltenheit,  und  ihr  Lohn  steigt  in  solchen  Fällen 
gewöhnlich   von   einer  Guinee   und   siebenundzwanzig 
Schilling   monatlich   bis  zu   vierzig  Schilling  und  drei 
Pfund  hinauf.  In  einem  verfallenden  Gewerbszweige  da- 
gegen begnügen  sich  viele  Arbeiter  lieber  mit  einem  ge- 
ringeren Lohn,  als  er  sonst  der  Natur  ihres  Geschäfts 
angemessen  wäre,  als  daß  sie  ihr  altes  Gewerbe  aufgäben. 
Der  Kapitalgewinn  schwankt  mit  dem  Preise  der 
Waren,  in  denen  das  Kapital  angelegt  ist.    Steigt  der 
Preis  einer  Ware  über  seinen  gewöhnlichen  oder  Durch- 
schnittssatz, so  steigt  auch  der  Gewinn  wenigstens  eines 
Teils  vom  Kapital,  der  im  Markttransport  Verwendung 
findet,  über  sein  gehöriges  Maß,   und  fällt   der  Preis, 
so  sinkt  auch  der  Gewinn  darunter.    Alle  Waren  sind 
Preisveränderungen   ausgesetzt,    aber   die   einen  mehr, 
die  anderen  weniger.    Bei  allen  Waren,  welche  durch 
menschlichen  Fleiß   hervorgebracht   werden,   wird   die 
Menge  des  jährlich  aufgewendeten  Fleißes  notwendig 
durch  die  jährliche  Nachfrage  bestimmt,  und  zwar  so, 
daß  das  durchschnittliche  Jahreserzeugnis  dem  durch- 
schnittlichen   Jahresverbrauch    so    nahe    als    möglich 
kommt.  In  einigen  Gewerben  wird,  wie  bereits  bemerkt, 
mit  der  nämlichen  A)beitsmenge  stets  die  nämliche  oder 
doch   beinahe   die    nämliche    Warenmenge    hervorge- 
bracht.   So  wird  in  der  Leinen-  und  Wollenmanufaktur 
eine  gleiche  Zahl  von  Händen  jährlich  so  ziemlich  die 
gleiche  Menge  Leinen-  und  Wollenzeuge  herstollen.  Die 
Veränderungen  im  Marktpreise  solcher  Waren  können 

Adam  S  in  i  Ui ,  Volkswolilstaml.  I.  11 


162  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertrag'skraft  der  Arbeit. 

daher  nur  aus  einer  zufälligen  Veränderung  in  der 
Nachfrage  entspringen.  Eine  Landestrauer  steigert  den 
Preis  der  schwarzen  Zeuge.  Aber  wie  die  Nachfrage 
nach  den  meisten  Sorten  glatter  Leinen-  und  Wollen- 
zeuge sich  ziemlich  gleich  bleibt,  so  auch  ihr  Preis. 
Doch  gibt  es  andere  Gewerbe,  in  denen  die  gleiche 
Arbeitsmenge  nicht  immer  die  gleiche  Warenmenge 
herstellen  wird.  So  wird  dieselbe  Arbeitsmenge  in  ver- 
schiedenen Jahren  sehr  verschiedene  Mengen  Korn, 
Wein,  Hopfen,  Zucker,  Tabak  u.  dgl.  hervorbringen. 
Der  Preis  solcher  Waren  ändert  sich  mithin  nicht  blos 
nach  den  Schwankungen  der  Nachfrage,  sondern  auch 
nach  den  weit  größeren  und  häufigeren  Schwankungen 
der  Menge  und  ist  folglich  äußerst  veränderlich.  Der 
Gewinn  der  Händler  aber  muß  notwendig  mit  dem 
Preise  der  Waren  schwanken.  Die  Tätigkeit  des  Spe- 
kulanten wendet  sich  hauptsächlich  solchen  Waren  zu. 
Er  sucht  sie  aufzukaufen,  wenn  er  voraussieht,  daß  ihr 
Preis  wahrscheinlich  steigen  wird,  und  zu  verkaufen, 
wenn  er  zu  fallen  droht. 

Drittens,  diese  Gleichheit  in  der  Gesamtheit  der 
Vorteile  und  Nachteile  der  verschiedenen  Arbeits-  und 
Kapitalanlagen  kann  nur  in  solchen  Gewerben  statt- 
finden, die  das  einzige  oder  doch  hauptsächlichste  Ge- 
schäft derer  sind,  welche  sich  damit  befassen. 

Wenn  jemand  seinen  Unterhalt  aus  einem  Geschäft 
zieht,  das  nicht  seine  volle  Zeit  in  Anspruch  nimmt, 
so  ist  er  oft  in  Stunden  der  Muße  bereit,  in  einem 
anderen  für  einen  geringeren  Lohn  zu  arbeiten,  als  es 
sonst  die  Natur  des  Geschäfts  erlauben  würde. 

In  vielen  Teilen  Schottlands  kommen  noch  eine  Art 
Leute  vor.  Cotters  oder  Cottagers  (Häusler)  ge- 
nannt, die  allerdings  vor  einigen  Jahren  noch  häufiger 
waren,  als  jetzt.  Sie  sind  eine  Art  außer  dem  Hause 
beschäftigter  Dienstleute  der  Grundherren  und  Pächter. 


Kap.  X,I.:  Verschiedenheiten  durch  die  Natur  d.  Verwendg.  163 

Der  übliche  Lohn,  den  sie  von  ihren  Herren  empfangen, 
besteht  in  einem  Hause,  einem  kleinen  Gremüsegarten, 
Gras,  um  eine  Kuh  zu  halten,  und  etwa  einem  oder 
zwei  Morgen  schlechten  Ackerlandes.  Hat  der  Herr  ihre 
Arbeit  nötig,  so  gibt  er  ihnen  außerdem  noch  zwei  Peck 
(etwas  mehr  als  einen  Scheffel)  Hafermehl  die  Woche, 
im  Werte  von  etwa  sechzehn  Pence.  Während  eines 
großen  Teils  des  Jahres  hat  er  wenig  oder  gar  keine 
Arbeit  für  sie,  und  die  Bestellung  ihrer  eigenen  kleinen 
Besitzung  ist  nicht  hinreichend,  ihre  verfügbare  Zeit  aus- 
zufüllen. Als  diese  Häusler  noch  zahlreicher  waren,  als 
jetzt,  sollen  sie  ihre  erübrigte  Zeit  gern  Jedem  für  einen 
geringen  Entgelt  hingegeben  und  für  weniger  Lohn  ge- 
dient haben,  als  andere  Arbeiter.  In  alten  Zeiten  schei- 
nen sie  über  ganz  Europa  verbreitet  gewesen  zu  sein. 
In  schlecht  kultivierten  und  spärlich  bewohnten  Län- 
dern konnten  die  meisten  Gutsbesitzer  und  Pächter  sich 
die  ungewöhnliche  Zahl  Hände,  welche  der  Landbau 
zu  gewissen  Zeiten  erheischt,  auf  keine  andere  Weise 
verschaffen.  Der  Tag-  oder  Wochenlohn,  den  solche 
Arbeiter  gelegentlich  von  ihren  Herren  erhielten,  war 
offenbar  nicht  der  ganze  Preis  ihrer  Arbeit.  Ihre  kleine 
Stelle  machte  einen  beträchtlichen  Teil  davon  aus. 
Doch  scheint  dieser  Tag-  oder  Wochenlohn  von  vielen 
Schriftstellern,  welche  die  Preise  der  Arbeit  und  der 
Lebensmittel  in  alten  Zeiten  gesammelt  und  beide  als 
wunderbar  niedrig  darzustellen  beliebt  haben,  als  der 
ganze  Lohn  angesehen  worden  zu  sein. 

Das  Produkt  solcher  Arbeit  kommt  oft  wohlfeiler 
zu  Markt,  als  es  sonst  angemessen  wäre.  Strümpfe 
werden  in  vielen  Teilen  Schottlands  weit  billiger  ge- 
strickt, als  sie  anderwärts  auf  dem  Stuhl  gewirkt 
werden  können.  Sie  sind  die  Arbeit  von  Dienstboten 
und  Arbeitern,  die  ihren  Hauptverdienst  aus  einer 
anderen  Beschäftigung  ziehen.    Mehr  als  tausend  Paar 

1 1-^-^ 


164  Erstes  Buch:  Zunahme  in  rler  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Strümpfe  werden  jährlich  von  den  Shetlandsinseln  nach 
Leith  gebracht,  deren  Preis  fünf  bis  sieben  Pence  das 
Paar  beträgt.  In  Learwick,  der  kleinen  Hauptstadt  der 
Shetlandsinseln,  sind,  wie  man  mir  versichert,  zehn 
Pence  täglich  der  gewöhnliche  Preis  für  gemeine  Arbeit. 
Auf  denselben  Inseln  strickt  man  wollene  Strümpfe 
zum  Werte  von   einer  Guinee   das  Paar  und  darüber. 

Das  Spinnen  des  Leinengarns  wird  in  Schottland 
fast  ebenso  wie  das  Stricken  der  Strümpfe  von  Dienst- 
boten betrieben,  die  hauptsächlich  zu  anderen  Zwecken 
gemietet  werden.  Wer  mit  dem  einen  oder  anderen 
dieser  Geschäfte  seinen  ganzen  Lebensunterhalt  ge- 
winnen wollte,  dürfte  kaum  das  liebe  Brot  verdienen. 
In  den  meisten  Teilen  Schottlands  ist  die  eine  gute  Spin- 
nerin, die  in  der  Woche  zwanzig  Pence  verdienen  kann. 

In  reichen  Ländern  ist  der  Markt  in  der  Regel  so 
ausgedehnt,  daß  jedes  Gewerbe  hinreichend  ist,  die  Ar- 
beit und  das  Kapital  derer,  welche  sich  ihm  widmen, 
ganz  in  Anspruch  zu  nehmen.  Beispiele  davon,  daß 
Leute  von  einem  Geschäfte  leben  und  daneben  aus 
einem  anderen  einen  kleinen  Gewinn  ziehen,  kommen 
hauptsächlich  in  armen  Ländern  vor.  Folgenden  ganz 
ähnlichen  Fall  jedoch  findet  man  in  der  Hauptstadt 
eines  der  reichsten  Länder.  Ich  glaube,  es  gibt  keine 
Stadt  in  Europa,  in  welcher  der  Hauszins  teurer  wäre 
als  in  London,  und  doch  kenne  ich  keine  Hauptstadt, 
in  der  ein  möblieites  Zimmer  so  wohlfeil  zu  mieten 
ist.  Ein  Zimmer  in  London  ist  nicht  nur  viel  wohl- 
feiler als  in  Paris,  sondern  auch  viel  wohlfeiler  als 
in  Edinburg,  und  zwar  bei  derselben  Ausstattung, 
und  befremdlicher  Weise  ist  gerade  die  Höhe  des 
Hauszinses  der  Grund  jener  Wohlfeilheit  der  möbher- 
ten  Zimmer.  Die  Höhe  des  Hauszinses  in  London 
rührt  nicht  nur  von  den  Ursachen  her,  die  ihn  in 
allen  großen  Hauptstädten  teuer  machen,  —  von  der 
teuren    Arbeit,    den    teuren    Baumaterialien,    die    ge- 


Kap.  X, IL:  Ungleichheiten  infolge cl.europ. Wirtschaftspolitik.  165 

wohnlich  aus  weiter  Ferne  herbeigebracht  werden 
müssen,  und  vor  Allem  von  der  hohen  Grundrente,  da 
jeder  Grundeigentümer  als  Monopolist  verfährt,  und  oft 
für  einen  einzigen  Morgen  schlechten  Bodens  in  der 
Stadt  eine  höhere  Rente  fordert,  als  man  für  hundert 
Morgen  des  besten  Bodens  auf  dem  Lande  erhalten 
kann,  —  sondern  sie  entspringt  zum  Teil  aus  den  be- 
sonderen Gebräuchen  und  Gewohnheiten  der  Bewohner, 
wonach  jeder  Hausvater  ein  ganzes  Haus  von  oben  bis 
unten  mieten  muß.  Eine  „Wohnung"  in  England  heißt 
so  viel,  wie  Alles,  was  unter  demselben  Dache  enthalten 
ist.  In  Frankreich,  Schottland  und  vielen  anderen 
Teilen  Europas  bedeutet  es  oft  nicht  mehr,  als  ein  ein- 
zelnes Stockwerk.  Ein  Gewerbsmann  in  London  ist  ge- 
nötigt, in  dem  Stadtteile,  in  dem  seine  Kunden  wohnen, 
ein  ganzes  Haus  zu  mieten.  Sein  Laden  ist  zur  ebenen 
Erde;  er  selbst  aber  schläft  mit  seiner  Familie  unter 
dem  Dache,  und  sucht  einen  Teil  seines  Hauszinses 
dadurch  zu  bezahlen,  daß  er  die  beiden  mittleren  Stock- 
werke an  Aftermieter  abläßt.  Den  Unterhalt  seiner 
Familie  hofft  er  durch  sein  Gewerbe,  nicht  durch  seine 
Mieter  zu  bestreiten,  wohingegen  Leute,  welche  in  Paris 
und  Edinburg  Zimmer  vermieten,  gewöhnlich  keine 
anderen  Unterhaltsmittel  haben,  und  der  Preis  der 
Zimmer  nicht  nur  den  Hauszins,  sondern  die  ganzen 
Ausgaben  der  Familie  bestreiten  muß. 


Zweite  Abteilung. 

Ungleichheiten,  welche  durch  die  europäische  Wirtschafts- 
politik veranlaßt  sind. 

Dies  sind  die  in  der  Gesamtheit  der  Vorteile  und 
Nachteile  bei  den  verschiedenen  Arbeits-  und  Kapital- 
anlagen vorkommenden  Ungleichheiten,  welche  die  Ab- 


166  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Wesenheit  eines  der  drei  oben  erwähnten  Erfordernisse 
auch  da  veranlaßt,  wo  die  vollkommenste  Freiheit 
herrscht.  Aber  andere  viel  bedeutendere  Ungleich- 
heiten veranlaßt  die  europäische  AVirtschaftspolitik  da- 
durch, daß  sie  den  Dingen  nicht  ihre  volle  Freiheit  läßt. 

Dies  geschieht  vornehmlich  auf  dreierlei  Weise. 
Erstens  dadurch,  daß  in  gewissen  Gewerben  die  Kon- 
kurrenz auf  eine  geringere  Anzahl  von  Mitwerbern 
beschränkt  wird,  als  sich  sonst  damit  befassen  würden; 
zweitens  dadurch,  daß  in  anderen  die  Mitwerber  über 
das  natürliche  Maß  vermehrt  werden  und  drittens  da- 
durch, daß  die  freie  Bewegung  von  Arbeit  und  Ka- 
pital, sowohl  von  Grewerbe  zu  Gewerbe,  als  von  Ort 
zu  Ort  gehemmt  wird. 

Erstens,  die  europäische  "Wirtschaftspolitik  veran- 
laßt eine  sehr  bedeutende  Ungleichheit  in  der  Gesamt- 
heit der  Vorteile  und  Nachteile  bei  den  verschiedenen 
Arbeits-  und  Kapitalanlagen  dadurch,  daß  sie  in  ge- 
wissen Gewerben  die  Konkurrenz  auf  eine  geringere 
Anzahl  von  Mitwerbern  beschränkt,  als  sich  sonst  da- 
mit befassen  würden. 

Die  ausschließlichen  Zunftprivilegien  sind  das 
hauptsächlichste  Mittel,  dessen  sie  sich  zu  diesem 
Zwecke  bedient. 

Das  ausschließliche  Privilegium  eines  zünftigen  Ge- 
werbes schränkt  notwendig  in  der  Stadt,  in  der  es  be- 
trieben wird,  den  Wettbewerb  auf  diejenigen  ein,  die 
zur  Zunft  gehören.  Das  notwendige  Erfordernis  zur 
Erlangung  des  Zunftrechts  besteht  gewöhnlich  darin, 
daß  man  in  der  Stadt  unter  einem  gehörig  qualifi- 
zierten Meister  gelernt  hat.  Die  Zunftordnungen  be- 
stimmen öfters  die  Zahl  der  Tjehrlinge,  welche  einem 
Meister  zu  halten  gestattet  ist,  und  fast  immer  die  Zahl 
der  Jahre,  die  ein  Lehrling  dienen  muß.  Die  Absicht 
dieser  beiden  Bestimmungen  geht  dahin,  die  Konkur- 


Kap.X,II.:  Ungleichheiten  infolge d.europ.Wirtschaftspolitik.   167 

renz  auf  eine  geringere  Anzahl  einzuschränken,  als  sich 
sonst  auf  das  Geschäft  einlassen  würden.  Die  Beschrän- 
kung der  Zahl  der  Lehrlinge  beschränkt  den  Wettbe- 
werb direkt;  eine  lange  Lehrzeit  tut  es  mehr  indirekt, 
aber  ebenso  wirksam  durch  die  vermehrten  Kosten 
der  Ausbildung. 

In  Sheffield  kann  zufolge  eines  Ortsstatuts  der  Zunft 
kein  Messerschmidt  zu  gleicher  Zeit  mehr  als  einen  Lehr- 
ling halten.  In  Norfolk  und  Norwich  kann  kein  Weber- 
meister, bei  Strafe  von  fünf  Pfund  monatlich,  mehr  als 
zwei  Lehrlinge  haben.  In  ganz  England  und  den  eng- 
lischen Kolonien  darf  ein  Hutmacher  nicht  mehr  als 
zwei  Lehrlinge  haben,  bei  Strafe  von  fünf  Pfund  monat- 
lich, die  halb  dem  Fiskus  und  halb  dem  Angeber  zu- 
fallen. Diese  beiden  Bestimmungen  sind,  obgleich  sie 
durch  ein  allgemeines  Staatsgesetz  bestätigt  sind,  offen- 
bar von  demselben  Zunftgeiste  diktiert,  der  die  Shef- 
fielder Verordnung  eingegeben  hat.  Kaum  waren  die 
Seiden wirker  in  London  ein  Jahr  lang  eine  Zunft,  als 
sie  auch  schon  eine  Verordnung  erließen,  die  jedem 
Meister  untersagte,  mehr  als  zwei  Lehrlinge  zu  gleicher 
Zeit  zu  haben.  Es  bedurfte  einer  eigenen  Parlaments- 
akte, um  dieses  Ortsstatut  umzustoßen. 

In  früherer  Zeit  scheinen  sieben  Jahre  in  ganz 
Europa  der  übliche  Zeitraum  gewesen  zu  sein,  der  für 
die  Dauer  der  Lehrjahre  in  den  meisten  zünftigen  Ge- 
werben festgesetzt  war.  Alle  diese  Zünfte  wurden 
früher  Universitäten  genannt,  was  in  der  Tat  der 
eigentliche  lateinische  Name  für  jede  Körperschaft  ist. 
Die  Universität  der  Schmiede,  die  Universität  der 
Schneider  u.s.w.,  sind  Ausdrücke,  denen  man  in  den 
vergilbten  Dokumenten  alter  Städte  oft  begegnet.  Als 
jene  besonderen  Korporationen,  die  man  noch  jetzt 
Universitäten  nennt,  gegründet  wurden,  hat  man  augen- 
scheinlich die  Anzahl  der  Jahre,  die  man  studieren 
mußte,  um  den  Grad  eines  Magisters  der  freien  Künste 


1(38  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

ZU  erlangen,  von  den  Feststellungen  der  Lehrzeit  in 
den  gewöhnlichen  Gewerben,  deren  Vereinigungen  viel 
älter  waren,  kopiert.  Wie  man  sieben  Jahre  unter  einem 
gehörig  qualifizierten  Meister  gearbeitet  haben  mußte, 
wenn  man  in  einem  gewöhnlichen  Gewerbe  die  Be- 
rechtigung, Meister  zu  werden  und  selber  Lehrlinge  zu 
halten  erwerben  wollte,  so  mußte  man  auch  sieben  Jahre 
unter  einem  gehörig  (|ualifizierton  Meister  studiert  haben, 
um  das  Recht  zu  erwerben,  in  den  freien  Künsten  Ma- 
gister, Lehrer  oder  Doktor  (früherhin  gleichbedeutende 
Wörter)  zu  werden,  und  Schüler  oder  Lehrlinge  (ur- 
sprünglich ebenfalls  gleichbedeutende  Ausdrücke)  zu 
haben,  die  unter  dem  Meister  studierten. 

Durch  ein  Statut  aus  dem  fünften  Jahre  Elisabeths, 
gewöhnlich  das  Lehrzeitstatut  genannt,  wurde  bestimmt, 
daß  in  Zukunft  Niemand  ein  zu  jener  Zeit  in  England 
betriebenes  Handwerk,  Gewerbe  oder  Geschäft  treiben 
sollte,  wenn  er  nicht  zuvor  darin  wenigstens  sieben 
Lehrjahre  bestanden  hätte;  und  was  früher  bloßes  Orts- 
statut einzelner  Zünfte  gewesen  war,  wurde  nun  in  Eng- 
land allgemeines  Staatsgesetz  für  alle  in  Marktstädten 
betriebenen  Geschäfte.  Die  Worte  des  Statuts  lauten 
zwar  ganz  allgemein,  und  scheinen  das  ganze  König- 
reich zu  umfassen,  doch  ist  seine  Wirkung  durch  Aus- 
legung auf  die  Marktstädte  beschränkt  worden,  weil  man 
dafür  hielt,  daß  auf  dem  Lande  dieselbe  Person  ver- 
schiedene Gewerbe  müsse  treiben  können,  auch  ohne  in 
jedem  sieben  Jahre  gelernt  zu  haben,  da  Handwerker 
für  den  Bedarf  der  Einwohner  nötig,  und  diese  doch 
nicht  immer  zahlreich  genug  sind,  um  einen  Mann, 
der  nur  sein  Handwerk  betreibt,  zu  ernähren. 

Ferner  ist  durch  eine  strenge  Auslegung  der  Worte 
die  Wirkung  dieses  Statuts  auf  die  Gewerbe  beschränkt 
worden,  welche  in  England  vor  dem  fünften  Regierungs- 
jahre Elisabeths  bestanden  haben,  und  niemals  auf  solche 


Kap.  X,II.:  Ungleichheiten  infolge  d.  eiirop. Wirtschaftspolitik.  J  ßQ 

ausgedehnt  worden,  die  seit  jener  Zeit  erst  eingeführt 
worden  sind.  Diese  Beschränkung  hat  zu  einigen  Unter- 
scheidungen Anlaß  gegeben,  die  als  Maßregeln  der 
Wirtschaftspolitik  betrachtet,  so  töricht  als  möglich  er- 
scheinen. So  ist  z.  B.  entschieden  worden,  daß  ein 
Wagner  seine  Wagenräder  weder  selbst  machen,  noch 
durch  Gesellen  machen  lassen  darf,  sondern  sie  von 
einem  ßadmachermeister  kaufen  muß,  weil  letzteres 
Handwerk  schon  vor  dem  fünften  liegierungsjahre 
Elisabeths  existiert  hat.  Dagegen  kann  ein  Radmacher, 
wenn  er  auch  niemals  bei  einem  Wagner  in  der  Lehre 
gewesen  ist,  selbst  Wagen  machen  oder  von  Gesellen 
machen  lassen,  weil  das  Gewerbe  eines  Wagners  in  dem 
Statut  nicht  inbegriffen  ist,  da  es  in  England  zur 
Zeit,  als  jenes  erlassen  worden  ist,  noch  nicht  bestanden 
hat.  Viele  Gewerbe  zu  Manchester,  Birmingham  und 
Wolverhampton  sind  dem  Statut  ebenfalls  nicht  unter- 
worfen, weil  sie  vor  dem  fünften  Regierungsjahre 
Elisabeths  in  England  nicht  betrieben  worden  sind. 

In  Frankreich  ist  die  Dauer  der  Lehrjahre  in  ver- 
schiedenen Städten  und  Gewerben  verschieden.  Li 
Paris  sind  bei  vielen  fünf  Jahre  der  vorgeschriebene 
Zeitraum;  ehe  Jemand  jedoch  das  Recht  erhält,  das 
Gewerbe  als  Meister  zu  treiben,  muß  er  in  vielen  Ge- 
werben noch  fünf  Jahre  als  Gehilfe  gearbeitet  haben. 
In  dieser  Zeit  heißt  er  der  Geselle  seines  Meisters,  und 
die  Zeit  selbst  heißt  seine  Gesellenschaft. 

In  Schottland  gibt  es  kein  allgemeines  Gesetz,  das 
die  Dauer  der  Lehrjahre  überhaupt  bestimmte;  die  Zeit 
ist  in  den  einzelnen  Zünften  verschieden.  Wo  sie  lang 
ist,  kann  in  der  Regel  ein  Teil  von  ihr  durch  eine 
kleine  Geldsumme  abgelöst  werden.  Auch  ist  in  den 
meisten  Städten  eine  sehr  mäßige  Summe  hinreichend, 
um  die  Zunftgerechtigkeit  zu  erkaufen.  Die  Weber  von 
leinenen   und  hänfenen  Zeugen  —  das  Hauptgewerbe 


170  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Eitragskraft  der  Arbeit. 

des  Landes  —  sowie  alle  die  für  sie  beschäftigten  Hand- 
werker, wie  die  Verfertiger  der  Spinnräder,  Haspeln 
usw.,  können  ihr  Gewerbe  in  jeder  korporierten  Stadt 
treiben,  ohne  etwas  dafür  zu  zahlen.  In  allen  korpo- 
rierten Städten  steht  es  Jedermann  frei,  an  einem  vom 
Gesetz  bestimmten  Wochentage  Fleisch  zu  verkaufen. 
Drei  Jahre  sind  in  Schottland  die  gewöhnliche  Zeit  der 
Lehrjahre  selbst  in  manchen  recht  schwierigen  Gewer- 
ben ;  und  im  Allgemeinen  kenne  ich  kein  Land  in  Europa, 
in  dem  die  Zunftgesetze  so  wenig  drückend  wären. 

Wie  das  Eigentum,  das  Jeder  an  seiner  Arbeit  hat, 
die  ursprüngliche  Grundlage  alles  anderen  Eigentums 
ist,  so  ist  es  auch  die  heiligste  und  unverletzlichste. 
Das  Erbteil  eines  armen  Mannes  liegt  in  der  Kraft  und 
Geschicklichkeit  seiner  Hände:  ihn  zu  hindern,  diese 
Kraft  und  Geschicklichkeit  so  anzuwenden,  wie  er  es 
passend  findet,  ohne  dadurch  seinen  Nächsten  zu  schä- 
digen, ist  eine  klare  Verletzung  dieses  heiligsten  Eigen- 
tums. Es  ist  ein  offenbarer  Eingriff  in  die  rechtmäßige 
Freiheit  sowohl  des  Arbeiters,  wie  derer,  die  ihn  be- 
schäftigen wollen.  Wie  es  den  Einen  hindert,  das  zu 
arbeiten,  wozu  er  sich  am  geschicktesten  weiß,  so  hin- 
dert es  die  Anderen,  Solche  zu  beschäftigen,  die  ihnen 
geeignet  erscheinen.  Das  Urteil  darüber,  ob  Jemand 
sich  für  die  Arbeit  eignet,  kann  sicherlich  den  Arbeit- 
gebern überlassen  werden,  deren  Interesse  es  so  nahe 
angeht.  Die  erheuchelte  Ängstlichkeit  des  Gesetzgebers, 
sie  könnten  einen  ungeeigneten  Menschen  beschäftigen, 
ist  offenbar  ebenso  ungehörig  wie  lästig. 

Die  Anordnung  einer  langen  Lehrzeit  kann  keine 
Sicherheit  gewähren,  daß  nicht  oft  mangelhafte  Arbeit 
zum  Verkauf  komme.  Wenn  dies  geschieht,  so  ist  ge- 
wöhnlich Betrug  und  nicht  Ungeschicklichkeit  daran 
Schuld ;  gegen  Betrug  aber  kann  auch  die  längste  Lehr- 
zeit keinen  Schutz  bieten.    Zur  Abstellung  dieses  Miß- 


Kap.  X,II.:  Ungleichheiten  infolge  d.  europ. Wirtschaftspolitik.  [  7  [ 

brauchs  sind  ganz  andere  Vorkehrungen  erl'orderlich. 
Die  Marke  auf  Geschirr  von  Gold  und  Silber  und  die 
Stempel  auf  Leinen-  und  Wollenzeug  geben  dem  Käufer 
eine  weit  größere  Sichei'heit,  als  irgend  ein  Lehrlings- 
statut. Auf  jene  sieht  er  in  der  Regel,  aber  niemals 
hält  er  es  der  Mühe  wert,  zu  untersuchen,  ob  der  Ar- 
beiter eine  siebenjährige  Lehrzeit  bestanden  habe. 

Die  Anordnung  einer  langen  Lehrzeit  hat  nicht  den 
Erfolg,  die  jungen  Leute  an  Fleiß  zu  gewöhnen.  Ein 
Geselle,  der  nach  dem  Stück  arbeitet,  wird  wahrschein- 
lich fleißig  sein,  weil  er  von  seinem  Fleiße  Vorteil  hat; 
ein  Lehrling  wird  voraussichtlich  faul  sein,  und  ist  es 
fast  immer,  weil  er  kein  unmittelbares  Interesse  hat 
fleißig  zu  sein.  In  den  niedrigeren  Geschäften  besteht 
der  Reiz  der  Arbeit  durchaus  nur  in  ihrem  Lohn. 
Wer  am  frühesten  in  der  Lage  ist,  die  Früchte  der 
Arbeit  zu  genießen,  wird  auch  am  schnellsten  Geschmack 
daran  finden  und  sich  frühzeitig  an  Fleiß  gewöhnen. 
Ein  junger  Mensch  faßt  natürlich  eine  Art  Abneigung 
gegen  die  Arbeit,  wenn  er  lange  Zeit  keinen  Gewinn 
aus  ihr  zieht.  Die  Knaben,  welche  auf  Kosten  der 
öffentlichen  Armenpflege  in  die  Lehre  gegeben  werden, 
müssen  in  der  Regel  eine  längere  Reihe  von  Jahren, 
als  sonst  üblich,  darin  bleiben,  und  werden  gewöhn- 
lich Faullenzer  und  Taugenichtse. 

Bei  den  Alten  war  das  Lehrlingsvvesen  ganz  unbe- 
kannt. Dagegen  machen  die  gegenseitigen  Pflichten  des 
Meisters  und  Lehrlings  in  jedem  modernen  Gesetzbuch 
einen  starken  Artikel  aus.  Das  römische  Recht  schweigt 
darüber  gänzlich,  und  ich  kenne  kein  griechisches  oder 
lateinisches  Wort,  und  ich  darf  wohl  behaupten,  es 
gibt  keines,  welches  den  Begriff  ausdiückt,  den  wir 
heute  mit  dem  Worte  Lehrling  verbinden,  nämlich 
einen  Dienenden,  der  in  einem  bestimmten  Gewerbe 
eine   Reihe    von   Jahren    hindurch    zum   Vorteil   eines 


172  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Meisters  zu  arbeiten  verpflichtet  ist  unter  der  Bedin- 
gung, daß  der  Meister  ihn  dies  Gewerbe  lehrt. 

Eine  lange  Lehrzeit  ist  durchaus  unnötig.  Künste, 
die  weit  höher  stehen,  als  gewöhnliche  Handwerke,  wie 
z.  B.  die  Uhrmacherkunst,  enthalten  keine  Geheimnisse, 
die  einen  langen  Unterrichtskursus  erforderten.  Die 
erste  Erfindung  so  schöner  Maschinen,  und  auch  die 
Erfindung  einiger  zu  ihrer  Verfertigung  nötigen  Werk- 
zeuge mußte  allerdings  das  Ergebnis  eines  tiefen  Nach- 
denkens und  langer  Zeit  sein,  und  kann  mit  Recht  zu 
den  glücklichsten  Früchten  des  menschlichen  Geistes 
gezählt  werden.  Aber  nachdem  sie  einmal  erfunden 
und  vollkommen  bekannt  sind,  kann  es  kaum  den  Unter- 
richt einiger  Wochen  erfordern,  einen  jungen  Menschen 
mit  der  Handhabung  der  Werkzeuge  und  dem  Bau 
der  Maschinen  vertraut  zu  machen.  Vielleicht  reichen 
schon  ein  paar  Tage  dazu  hin,  und  in  den  gew^öhnlichen 
Handwerken  ist  dies  sicher  der  Fall.  Die  Fertigkeit  der 
Hand  kann  allerdings  selbst  in  gewöhnlichen  Hand- 
werken nicht  ohne  viele  Übung  und  Erfahrung  er- 
worben werden.  Aber  ein  junger  Mensch  würde  viel 
fleißiger  und  aufmerksamer  sein,  wenn  er  von  Anfang 
an  als  Geselle  arbeitete  und  nach  Verhältnis  seiner 
geringen  Leistungen  bezahlt  würde,  seinerseits  aber  die 
Rohstoffe  bezahlte,  die  er  etwa  aus  Ungeschicklickeit  und 
Unerfahrenheit  zuweilen  verdirbt.  Seine  Ausbildung 
würde  auf  diese  Weise  gewöhnlich  erfolgreicher  und  stets 
weniger  langwierig  und  kostspielig  sein.  Der  Meister 
würde  dabei  allerdings  verlieren.  Er  würde  den  Lohn 
des  Lehrlings,  den  er  jetzt  spart,  volle  sieben  Jahre 
hindurch  verlieren.  Am  Ende  wäre  vielleicht  auch  der 
Lehrbursche  selbst  im  Verluste:  denn  er  würde  in  einem 
so  leicht  erlernten  Gewerbe  mehr  Konkurrenten  haben, 
und  sein  Lohn  würde,  sobald  er  ein  ausgelernter  Hand- 
werker geworden,  viel  geringer  sein,  als  jetzt.   Dieselbe 


Kap. X,II.:  ITngleichheiten  infol,s,'e  d.  europ.Wirtscliaftspolitik.  173 

Zunahme  des  Wettbewerbs  würde  ebenso  den  Gewinn 
der  Meister  wie  den  Lohn  der  Arbeiter  vermindern. 
Die  Geschäfte,  die  Gewerbe,  die  Geheimnisse  würden 
alle  dabei  verlieren.  Aber  das  Publikum  würde  dabei 
gewinnen,  da  alle  Handwerkserzeugnisse  viel  wohl- 
feiler zu  Markte  kämen. 

Gerade  um  dieses  Sinken  des  Preises  und  folge  weise 
des  Lohnes  und  Gewinnes  durch  Hemmung  der  freien 
Konkurrenz,  die  zu  einem  solchen  führen  würde,  zu  ver- 
hindern, sind  alle  Zünfte  und  die  meisten  Zunftgesetze 
eingeführt  worden.  Zur  Errichtung  einer  Zunft  bedurfte 
es  in  früheren  Zeiten  an  vielen  Orten  Europas  keiner 
anderen  Genehmigung,  als  der  der  korporierten  Stadt, 
in  welcher  sie  eingeführt  wurde.  In  England  war  zwar 
auch  ein  Privilegium  des  Königs  nötig;  aber  dieses  Vor- 
recht der  Krone  scheint  mehr  den  Zweck  gehabt  zu 
haben,  Geld  von  dem  Untertanen  zu  erpressen,  als  die 
allgemeine  Freiheit  gegen  drückende  Monopole  zu  schüt- 
zen. Wenn  dem  Könige  eine  Geldsumme  gezahlt 
wurde,  scheint  das  Privilegium  in  der  Regel  gern  be- 
willigt worden  zu  sein,  und  wenn  eine  Klasse  von  Ge- 
werbsleuten es  für  angemessen  hielt,  ohne  ein  Privi- 
legium als  Zunft  aufzutreten,  so  wurden  solche  unächte 
Gilden,  wie  man  sie  nannte,  nicht  immer  ihrer  Vor- 
rechte beraubt,  sondern  nur  genötigt,  für  die  Erlaubnis, 
ihre  ursurpierten  Rechte  auszuüben,  jährlich  eine  Geld- 
summe an  den  König  zu  entrichten.  Die  unmittelbare 
Aufsicht  über  alle  Zünfte  und  über  die  Ortsstatuten, 
welche  sie  behufs  ihrer  Verwaltung  zu  erlassen  für  gut 
fanden,  hatte  die  korporierte  Stadt,  in  der  sie  sich  be- 
fanden, zu  führen;  und  die  Disziplin,  in  der  sie  ge- 
halten wurden,  ging  in  der  Regel  nicht  von  der  Re- 
gierung, sondern  von  der  größeren  Körperschaft  aus, 
deren  untergeordnete  Teile  oder  Glieder  sie  waren. 
Die  Regierung  de)-  korporierten  Städte  war  durch- 


174  Ei"stes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

aus  in  den  Händen  der  Geschäftsleute  und  Handwerker, 
und  es  lag  offenbar  im  Interesse  jeder  Klasse,  zu  ver- 
hindern, daß  der  Markt,  wie  sie  sich  auszudrücken 
pflegten,  mit  den  Produkten  ihres  besonderen  Gewerbs- 
zvveiges  überführt  wurde,  was  in  Wirklichkeit  nichts 
Anderes  heißt,  als  daß  er  niemals  vollständig  versorgt 
wurde.  Jede  Klasse  war  beeifert,  zu  diesem  Zweck 
geeignete  Verordnungen  zu  erlassen,  und  war,  was  ihr 
eilaubt  wurde,  gern  bereit,  auch  den  andern  Klassen 
zu  gestatten.  Durch  solche  Verordnungen  wurde  freilich 
jede  Klasse  gezwungen,  die  Waren,  die  sie  brauchte, 
von  einei-  anderen  Klasse  in  der  Stadt  etwas  teurer  zu 
kaufen,  als  es  sonst  nötig  gewesen  wäre.  Zum  Ersatz 
konnte  sie  aber  auch  die  ihrigen  um  so  viel  teurer  ver- 
kaufen, so  daß  es,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  so  lang 
wie  breit  war,  und  in  dem  Handel  der  verschiedenen 
Klassen  innerhalb  der  Stadt  keine  durch  jene  Verord- 
nungen Etwas  verlor.  Aus  dem  Verkehr  mit  dem 
Lande  dagegen  zogen  sie  großen  Gewinn,  und  in 
diesem  Verkehr  besteht  das  ganze  Geschäft,  das  jede 
Stadt  aufrecht  erhält  und  bereichert. 

Jede  Stadt  bezieht  ihren  ganzen  Unterhalt  und  alle 
Rohstoffe  für  ihren  Gewerbfleiß  von  dem  Lande.  Sie 
bezahlt  dafür  besonders  auf  zweierlei  Art:  erstens  da- 
durch, daß  sie  einen  Teil  dieser-  Kohstoffe  verarbeitet 
und  nach  dem  Lande  zurückschickt,  in  welchem  Falle 
ihr  Pieis  durch  den  Lohn  der  Arbeiter  und  den  Gewinn 
ihrer  Meister  oder  unmittelbaren  Arbeitgeber  vermehrt 
wird,  und  zweitens  dadurch,  daß  sie  einen  Teil  sowohl 
der  rohen  wie  der  verarbeiteten  Produkte  anderer 
Länder  oder  entfernter  Gegenden  desselben  Landes  in 
die  Stadt  einführt  und  wieder  nach  dem  platten  Lande 
ausführt,  in  welchem  Falle  gleichfalls  der  ursprüngliche 
Preis  dieser  Güter  um  den  Lohn  der  Fuhrleute  oder 
Schiffer,  und  um  den  Gewinn  der  Kaufleute,  die  letztere 


Kap. X, II.:  Ungleichheiten  infolge  fl.  euvop.Wirtsrhaftspolitik.  ]  75 

beschäftigen,  erhöht  wird.  In  den  Gewinnen  aus  dem 
ersteren  dieser  Handelszweige  besteht  der  Vorteil,  den 
die  Stadt  von  ihren  Gewerben  hat,  und  in  den  Ge- 
winnen aus  dem  letzteren  besteht  der  Vorteil  des  in- 
und  ausländischen  Handels.  Der  Lohn  der  Arbeiter  und 
der  Gewinn  der  verschiedenen  Arbeitgeber  ist  Alles, 
was  in  beiden  Fällen  gewonnen  wird.  Daher  dienen 
alle  Verordnungen,  welche  diesen  Lohn  und  diesen 
Gewinn  über  ihren  sonstigen  Stand  zu  erhöhen  be- 
zwecken, nur  dazu,  daß  die  Stadt  mit  weniger  Arbeit 
das  Produkt  einer  größeren  Arbeit  des  platten  Landes 
kaufen  kann.  Sie  geben  den  Geschäftsleuten  und  Hand- 
werkern der  Stadt  ein  Übergewicht  über  die  Gutsbe- 
sitzer, Pächter  und  Arbeiter  des  platten  Landes,  und 
heben  die  natürliche  Gleichheit  auf,  welche  sonst  in 
dem  zwischen  ihnen  stattfindenden  Verkehr  Platz 
greifen  würde.  Das  ganze  Jahresprodukt  der  Arbeit 
der  Gesellschaft  verteilt  sich  jährlich  unter  diese  beiden 
Klassen  der  Bevölkerung,  und  durch  jene  Verordnungen 
erhalten  die  Städter  einen  größeren  und  die  Land- 
bewohner einen  kleineren  Anteil,  als  er  ihnen  sonst 
zufallen  würde. 

Der  Preis,  den  die  Stadt  für  die  Jahr  für  Jahr 
eingeführten  Lebensmittel  und  Rohstoffe  wirklich  be- 
zahlt, besteht  in  der  Menge  der  Industriccrzeugnisse 
und  anderen  Waren,  die  jährlich  von  ihr  ausgeführt 
wird.  Je  teurer  die  letzteren  verkauft  werden,  desto 
wohlfeiler  werden  die  ersteren  gekauft,  und  der  städti- 
sche Gewerbfleiß  wird  desto  gewinnbringender,  je 
weniger  es  der  ländliche  ist. 

Daß  der  städtische  Gewerbfleiß  in  ganz  Europa 
einträglicher  ist,  als  der  ländliche,  davon  kann  man 
sich,  ohne  auf  sehr  genaue  Berechnungen  einzugehen, 
leicht  durch  eine  einfache,  in  die  Augen  fallende  Be- 
obachtung überzeugen.  In  jedem  Lande  P^uropas  findet 
man  wenigstens  hundert  Leute,  die  in  Handel  und  Ge- 


176   Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

werbe,  den  eigentlich  städtischen  Beschäftigungen,  klein 
angefangen  haben  und  dabei  reich  geworden  sind,  gegen 
einen,  der  durch  Landwirtschaft,  d.  h.  Vermehrung  der 
Rohprodukte  durch  Verbesserung  und  Kultur  des 
Bodens  dazu  gelangte.  Es  muß  also  in  dem  einen  Falle 
offenbar  der  Fleiß  besser  belohnt  und  der  Arbeitslohn 
und  Kapitalgewinn  größer  sein,  als  in  dem  anderen. 
Da  aber  Kapital  und  Arbeit  naturgemäß  die  einträg- 
lichste Beschäftigung  suchen,  so  ziehen  sie  sich  so  viel 
als  möglich  nach  der  Stadt,   und  verlassen  das  Land. 

Die  Städter  können  vermöge  ihres  nahen  Bei- 
sammen wohnens  sich  leicht  mit  einander  vereinbaren. 
Selbst  die  unbedeutendsten  Gewerbe  sind  daher  hier 
oder  dort  zu  Zünften  zusammengetreten,  und  wo  sie 
keine  Zunft  bildeten,  war  doch  der  Zunftgeist,  die  Eifer- 
sucht gegen  Fremde,  die  Abneigung,  Lehrlinge  anzu- 
nehmen, oder  ihr  Gewerbsgeheimnis  mitzuteilen,  im 
Allgemeinen  unter  ihnen  stark,  und  lehrte  sie  oft, 
durch  freiwillige  Verbindungen  und  Übereinkünfte  den 
freien  Wettbewerb,  den  sie  nicht  durch  Verordnungen 
verbieten  konnten,  zu  hemmen.  Gewerbe,  die  nur 
wenige  Hände  beschäftigeu,  treffen  solche  Verab- 
redungen am  leichtesten.  Ein  halbes  Dutzend  Woll- 
kämmer reicht  wohl  hin,  um  tausend  Spinnern  und 
Webern  das  Material  zu  liefern.  Wenn  sie  überein- 
kommen, keine  Lehrlinge  zu  nehmen,  so  können  sie 
nicht  nur  das  ganze  Geschäft  an  sich  reißen,  sondern 
auch  die  gesamte  Manufaktur  in  eine  Art  von  sklavi- 
scher Abhängigkeit  bringen,  und  den  Preis  ihrer  Ar- 
beit weit  höher  treiben,  als  er  ihrer  Natur  nach  wäre. 

Die  Bewohner  des  platten  Landes  können  in  ihrer 
Zerstreuung  über  verschiedene  Orte  nicht  leicht  dei-artige 
Vereinigungen  zu  Stande  bringen.  Sie  haben  nicht  nur 
niemals  eine  Zunft  gebildet,  sondern  der  Zunftgeist  ist 
auch  niemals  unter  ihnen  henschend  geworden.  Nie  hat 
man  Lehrjalno  zur  Erlernung  der  Landwirtscliaft,  des 


Kap.  X, IL:  Ungleichheiten  in  folge  d.europ. Wirtschaftspolitik.  177 

großen  ländlichen  Gewerbes,  für  nötig  gehalten.  Und 
doch  gibt  es  nächst  den  schönen  Künsten  und  freien 
Berufsarten  vielleicht  kein  Gewerbe,  das  eine  solche 
Mannigfaltigkeit  von  Kenntnissen  und  Erfahrungen 
voraussetzt.  Die  zahllosen  Bücher,  die  darüber  in  allen 
Sprachen  geschrieben  worden  sind,  können  uns  den  Be- 
weis liefern,  daß  die  Landwirtschaft  unter  den  weisesten 
und  unterrichtetsten  Nationen  niemals  für  eine  ganz 
leicht  zu  begreifende  Sache  gehalten  worden  ist.  Und  in 
allen  diesen  Büchern  würde  man  vergebens  jene  Kenntnis 
der  mancherlei  zusammengesetzten  Handgriffe  suchen, 
die  jeder  gewöhnliche  Landmann  zu  besitzen  pflegt,  so 
affektiert  hochmütig  auch  die  verächtlichen  Verfasser 
einiger  dieser  Bücher  von  ihnen  sprechen.  Dagegen  gibt 
es  kaum  irgend  ein  gewöhnliches  Handwerk,  dessen  Fer- 
tigkeiten sich  nicht  in  einem  Büchlein  von  wenigen  Seiten 
so  vollständig  und  deutlich  darstellen  ließen,  als  es  durch 
Wort  und  Zeichnung  überhaupt  möglich  ist.  In  der 
Geschichte  der  Gewerbe  (Histoire  des  Arts  et  Metiers), 
welche  jetzt  von  der  französischen  Akademie  der  Wissen- 
schaften herausgegeben  ward,  sind  einige  von  ihnen  auf 
diese  Art  beschrieben  worden.  Überdies  erfordert  die 
Leitung  derjenigen  Tätigkeiten,  die  sich  nach  jedem 
Wetterwechsel  und  an  deren  Zufällen  richten  müssen,  viel 
mehr  Urteil  und  Vorsichtigkeit,  als  bei  immer  ganz  oder 
beinahe  gleichbleibenden  Handlungen  erforderlich  ist. 
Aber  nicht  nur  die  Kunst  des  Landwirts:  die  all- 
gemeine Leitung  der  landwirtschaftlichen  Operationen, 
sondern  auch  viele  untergeordnete  Zweige  der  länd- 
lichen Arbeit  erfordern  viel  mehr  Geschicklichkeit  und 
Erfahrung,  als  die  meisten  Handwerke.  Der  Mann,  der 
Messing  und  Eisen  bearbeitet,  arbeitet  mit  Werkzeugen 
und  Rohstoffen,  deren  Beschaffenheit  sich  immer  völlig 
oder  beinahe  gleichbleibt.  Der  Mann  dagegen,  der  den 
Boden  mit  einem  Gespann  Pferden  oder  Ochsen  pflügt, 

Adam  Smith,  Volkswohlstand.  1.  l«^ 


178  Erstes  Buch:  Zunahme  in  dei-  Ertra,s,skraft  der  Arbeit. 

arbeitet  mit  Werkzeugen,  deren  Gesundheit,  Kraft  und 
Temperament  in  verschiedenen  Fällen  sehr  verschieden 
sind.  Die  Beschaffenheit  der  Stoffe,  die  er  bearbeitet, 
ist  eben  so  verschieden,  wie  es  seine  Werkzeuge  sind, 
und  beide  müssen  mit  vielem  Urteil  und  großer  Vor- 
sicht behandelt  werden.  Der  gewöhnliche  Bauer,  der  in 
der  Regel  als  ein  Muster  von  Einfalt  und  Dummheit 
angesehen  wird,  ermangelt  dieses  Urteils  und  dieser 
Vorsicht  nur  selten.  Allerdings  ist  er  weniger  an  ge- 
selligen Umgang  gewöhnt,  als  der  in  der  Stadt  lebende 
Handwerker:  seine  Stimme  und  Sprache  ist  rauher 
und  für  den,  der  nicht  daran  gewöhnt  ist,  schwerer  zu 
verstehen;  aber  sein  Verstand,  der  sich  täglich  mit 
einer  größeren  Mannigfaltigkeit  von  Gregenständen  be- 
schäftigen mul3,  ist  in  der  Regel  dem  der  Anderen, 
deren  ganze  Aufmerksamkeit  vom  Morgen  bis  zum 
Abend  an  eine  oder  zwei  höchst  einfache  Verrich- 
tungen gefesselt  ist,  weit  überlegen.  Wie  sehr  in  der 
Tat  die  niederen  Volksklassen  auf  dem  Lande  denen 
in  der  Stadt  überlegen  sind,  weiß  Jeder,  der  durch 
Geschäfte  oder  Neugierde  veranlaßt  war,  viel  mit 
beiden  zu  verkehren.  Darum  sollen  auch  in  China  und 
Hindostan  der  Rang  und  die  Löhne  der  Landleute 
höher  sein,  als  die  der  meisten  Handwerker.  Ver- 
hinderten dies  nicht  die  Zunftgesetze  und  der  Zunft- 
geist, so  wäre  es  wahrscheinlich  aller  Orten  so. 

Die  Überlegenheit,  welche  der  städtische  Gewerb- 
fleiß in  ganz  Europa  über  den  ländlichen  behauptet, 
hat  freilich  ihren  Grund  nicht  ausschließlich  in  den 
Zünften  und  Zunftgesetzen;  sie  wird  auch  durch  an- 
dere Maßregeln  aufrecht  erhalten.  Die  hohen  Steuern 
auf  fremde  Industrieerzeugnisse  und  alle  von  aus- 
wärtigen Kaufleuten  eingeführten  Waren  haben  den- 
selben Zweck.  Die  Zunftgesetze  ermöglichen  es  den 
Städtern,  ihre  Preise  zu  erhöhen,  ohne  befürchten  zu 
müssen,    durch    die    freie    Konkurrenz    ihrer    eignen 


Kap. X, II.:  Ungleichheiten  infolge  d.  europ. Wirtschaftspolitik.  179 

Landsleutebedrängt  ZU  weiden;  jene  andern  Maßregeln 
sichern  sie  gleicher  Weise  gegen  die  Konkurrenz  der 
Fremden.  Diese  doppelte  Preiserhöhung  muß  am  Ende 
von  den  Gutsbesitzern,  Pächtern  und  Bauern  bezahlt 
werden,  die  sich  selten  der  Errichtung  solcher  Mono- 
pole widersetzt  haben.  Sie  haben  gewöhnlich  weder 
Neigung  noch  Geschick,  Vereinigungen  zu  bilden 
und  lassen  sich  leicht  durch  das  Geschrei  und  die 
Sophisterei  der  Kaufleute  und  Gewerbetreibenden  über- 
reden, daß  das  Privatinteresse  eines  Teils,  und  noch 
dazu  eines  untergeordneten  Teils  der  Gesellschaft,  das 
allgemeine  Interesse  des  Ganzen  sei. 

In  Großbritannien  scheint  die  Überlegenheit  des 
städtischen  Gewerbfleißes  über  den  ländlichen  früher  viel 
größer  gewesen  zu  sein,  als  jetzt.  Der  Lohn  der  länd- 
lichen Arbeit  kommt  jetzt  dem  der  gewerblichen,  und 
der  Gewinn  der  auf  den  Landbau  verwendeten  Kapitalien 
dem  in  Gew^erben  angelegten  näher,  als  es  im  vorigen 
Jahrhundert,  oder  im  Anfang  des  gegenwärtigen  der  Fall 
gewesen  sein  soll.  Dieser  Umschwung  kann  als  die  not- 
wendige, wenn  auch  sehr  späte  Folge  des  außerordent- 
lichen Sporns  angesehen  werden,  den  man  der  städti- 
schen Industrie  zu  Teil  werden  ließ.  Das  in  den 
Städten  aufgehäufte  Kapital  wird  mit  der  Zeit  so  groß, 
daß  es  sich  nicht  länger  mit  dem  alten  Gewinn  in  den 
eigentlich  städtischen  Industriezweigen  anlegen  läßt. 
Der  städtische  Gewerbfleiß  hat  wie  alles  andere  seine 
Grenzen,  und  das  Anwachsen  der  Kapitalien  steigert 
den  Mitbewerb  und  ermäßigt  dadurch  notwendig  den 
Gewinn.  Das  Sinken  des  Gewinnes  in  der  Stadt  treibt 
das  Kapital  aufs  Land  hinaus,  wo  es  eine  neue  Nach- 
frage nach  ländlicher  Arbeit  hervorruft  und  dadurch 
notwendig  ihren  Lohn  erhöht.  Dann  verstreut  es  sich 
so  zu  sagen  über  das  flache  Land  und  wird  durch  seine 
Anlegung  im  Ackerbau  dem  Lande,  auf  dessen  Kosten 

12* 


180  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

es  sich  ursprünglich  in  der  Stadt  bedeutend  angesammelt 
hatte,  zum  Teil  wieder  erstattet.  Daß  überall  in  Europa 
die  größten  Verbesserungen  des  Landes  solchen  Er- 
gießungen des  ursprünglich  in  den  Städten  aufgehäuf- 
ten Kapitals  beizumessen  sind,  werde  ich  später  zeigen, 
und  ich  werde  dann  auch  dartun,  daß,  obschon  einige 
Länder  auf  diesem  Wege  einen  hohen  Grad  von  Reich- 
tum erlangt  haben,  dieser  Weg  selbst  doch  notwendig 
langsam,  ungewiß,  unzähligen  störenden  und  unter- 
brechenden Zufällen  ausgesetzt  und  der  natürlichen  und 
vernünftigen  Ordnung  in  jeder  Beziehung  entgegenge- 
setzt ist.  Die  Interessen,  Vorurteile,  Gesetze  und  Ge- 
wohnheiten, die  dazu  Veranlassung  geben,  werde  ich  im 
dritten  und  vierten  Buche  dieser  Untersuchung,  so  voll- 
ständig und  klar  ich  es  vermag,  auseinandersetzen. 

Leute  desselben  Gewerbes  kommen,  selbst  auch 
nur  zur  Erholung  und  zum  Vergnügen  selten  zu- 
sammen, ohne  daß  ihre  Unterhaltung  mit  einer  Ver- 
schwörung gegen  das  Publikum  oder  einem  Plane  zur 
Erhöhung  der  Preise  endigt.  Es  ist  allerdings  nicht 
möglich,  solchen  Zusammenkünften  durch  ein  Gesetz 
vorzubeugen,  das  ausführbar  oder  mit  Freiheit  und  Ge- 
rechtigkeit verträglich  wäre.  Wenn  aber  das  Gesetz 
Leute  desselben  Gewerbes  nicht  hindern  kann,  zu- 
weilen zusammenzukommen,  so  sollte  es  wenigstens 
Nichts  tun,  diese  Zusammenkünfte  zu  erleichtern,  ge- 
schweige denn,  sie  zu  fordern. 

Eine  Verordnung,  welche  alle  Angehörigen  des- 
selben Gewerbes  in  einer  Stadt  verpflichtet,  ihre 
Namen  und  Wohnungen  in  ein  öffentliches  Register- 
eintragen  zu  lassen,  erleichtert  jene  Zusammenkünfte. 
Sie  bringt  Individuen  in  Berührung  mit  einander,  die 
ohne  dies  vielleicht  niemals  mit  einander  bekannt  ge- 
worden wären,  und  gibt  jedem  die  Richtung  an,  wo 
er  seinesgleichen  finden  kann. 


Kap.  X,II.:  Ungleichheiten  infolge  d.  eiirop. Wirtschaftspolitik.  J g  J^ 

Eine  Verordnung,  die  die  Angehörigen  eines  Ge- 
werbes ermächtigt,  sich  selbst  Steuern  aufzulegen,  um 
für  ihre  Armen,  Kranken,  "Witwen  und  Waisen  zu 
sorgen,  zeitigt  ein  gemeinsames  Interesse  an  der  Ver- 
waltung und  macht  dadurch  jene  Zusammenkünfte 
erforderlich. 

Eine  Zunft  aber  macht  sie  nicht  allein  notwendig, 
sondern  gibt  auch  den  Beschlüssen  der  Mehrheit  eine 
bindende  Kraft  für  das  Ganze.  In  einem  freien  Gewerbe 
kann  eine  wirksame  Verbindung  nur  durch  die  einmütige 
Zustimmung  aller  einzelnen  Gewerbtreibenden  zustande 
kommen,  und  kann  nicht  länger  dauern,  als  Alle  eines 
Sinnes  bleiben.  Die  Mehrheit  einer  Zunft  aber  kann 
Statuten  mit  Strafandrohungen  begleiten,  wodurch  die 
Konkurrenz  wirksamer  und  dauernder  eingeschränkt 
wird,  als  durch  irgend  eine  freiwillige  Verbindung. 

Das  Vorgeben,  daß  Zünfte  zur  besseren  Leitung 
des  Gewerbes  notwendig  seien,  entbehrt  aller  Begrün- 
dung. "Die  wahre  und  wirksame  Aufsicht,  die  über  einen 
Arbeiter  geführt  wird,  geht  nicht  von  seiner  Zunft,  son- 
dern von  seinen  Kunden  aus.  Die  Furcht,  seine  Arbeit 
zu  verlieren,  hält  ihn  vom  Betrüge  ab,  und  zügelt 
seine  Nachlässigkeit.  Ein  Zunftmonopol  schwächt  not- 
wendig die  Kraft  dieser  Aufsicht.  Eine  bestimmte  Klasse 
von  Arbeitern  muß  dann  beschäftigt  werden,  mögen 
sie  ihre  Sache  gut  oder  schlecht  machen.  Dies  ist  der 
Grund,  warum  in  mancher  großen  korporierten  Stadt 
selbst  in  den  notwendigsten  Gewerbszweigen  keine  er- 
träglichen Arbeiter  aufzutreiben  sind.  AVill  man  eine 
Arbeit  ordentlich  ausgeführt  sehen,  so  muß  man  sie 
in  den  Vorstädten  machen  lassen,  wo  die  Arbeiter  kein 
ausschliessliches  Privilegium  haben,  sondern  nur  auf 
ihren  Ruf  angewiesen  sind,  und  man  muß  sie  dann, 
so  gut  es  geht,  in  die  Stadt  einschmuggeln. 

Auf  diese  Weise  führt  die  europäische  Wirtschafts- 
politik durch  die  Einschränkung  der  Konkurrenz  auf 


182  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

eine  geringere  Zahl  von  Mitwerbern,  als  sich  sonst  ein- 
zustellen geneigt  finden  würde,  zu  einer  sehr  bedeu- 
tenden Ungleichheit  in  der  Gesamtheit  der  Vorteile 
und  Nachteile  bei  den  verschiedenen  Arbeits-  und 
Kapitalsanlagen. 

Zweitens,  die  europäische  Wirtschaftspolitik  bringt 
durch  Steigerung  der  Konkurrenz  in  einigen  Ge- 
schäften über  ihr  natürliches  Maß,  eine  andere  gerade 
entgegengesetzte  Ungleichheit  in  der  Gesamtheit  der 
Vorteile  und  Nachteile  bei  den  verschiedenen  Arbeits- 
und Kapitalsanlagen  hervor. 

Man  hat  es  für  so  wichtig  gehalten,  eine  gehörige 
Zahl  junger  Leute  für  bestimmte  Berufsarten  auszu- 
bilden, daß  bald  die  Behörden,  bald  der  fromme  Sinn 
mildtätiger  Privatleute  eine  Menge  von  Stipendien,  Kost- 
geldern, Stiftungen  usw.  zu  diesem  Zwecke  gegründet 
hat,  die  viel  mehr  junge  Leute  zu  diesen  Berufsarten 
heranbilden,  als  sich  sonst  dazu  drängen  würden.  In 
allen  christlichen  Ländern,  glaube  ich,  wird  die  Aus- 
bildung der  meisten  Geistlichen  auf  diese  Weise  be- 
stritten. Nur  sehr  wenige  werden  ganz  auf  ihre  eigenen 
Kosten  gebildet.  Letzteren  verschafft  daher  ihre  lange, 
mühselige  und  kostspielige  Erziehung  nicht  immer  eine 
angemessene  Belohnung,  da  der  geistliche  Stand  mit 
Leuten  überfüllt  ist,  die,  um  nur  eine  Anstellung  zu 
bekommen,  gern  ein  viel  geringeres  Gehalt  annehmen, 
als  eine  derartige  Ausbildung  sonst  fordern  könnte;  und 
die  Konkurrenz  der  Armen  nimmt  auf  diese  Weise  den 
Reichen  ihren  Lohn  weg.  Es  wäre  ungehörig,  einen 
Pfarr'verweser  oder  Kaplan  mit  dem  Gesellen  in  einem 
geraeinen  Handwerk  zu  vergleichen.  Ein  wesentlicher 
Unterschied  in  der  Bezahlung  eines  Pfanverwesers  oder 
Kaplans  und  dem  Lohne  eines  Gesellen  besteht  jedoch 
nicht.  Sie  werden  alle  drei  für  ihre  Arbeit  nach  Maßgabe 
des  Vertrages  bezahlt,  den  sie  mit  ihren  Vorgesetzten 
gemacht  haben.  Bis  nach  der  Mitte  des  vierzehnten  Jahr- 


Kap.  X,n.:  Ungleichheiten  infolge  d.  eiirop. Wirtschaftspolitik.  183 

hunderts  waren  in  England  fünf  Mark,  die  ungefähr  so 
viel  Silber  enthielten,  als  zehn  Pfund  unseres  jetzigen 
Geldes,  das  übliche  Gehalt  eines  Pfarrverwesers  oder 
eines  besoldeten  Gemeindepfarrers,  wie  es  in  den  De- 
kreten verschiedener  Landeskonzilien  festgesetzt  ist.  Zu 
dieser  Zeit  wurden  fünf  Pence,  die  so  viel  Silber  ent- 
hielten, als  unser  jetziger  Schilling,  als  Tagelohn  eines 
Maurermeisters,  und  drei  Pence,  d.  h.  neun  Pence  unseres 
jetzigen  Geldes,  als  der  eines  Maurergesellen  erklärt*). 
Der  Lohn  dieser  beiden  Handwerker  wird  also,  unter 
der  Voraussetzung,  daß  Letztere  den  dritten  Teil  des 
Jahres  keine  Beschäftigung  haben,  einem  Pfarrverweser- 
gehalt vollständig  gleich  gekommen  sein.  Durch  ein 
Statut  aus  dem  zwölften  Regierungsjahre  der  Königin 
Anna,  Kapitel  12,  wird  verordnet:  „daß  da  aus  Mangel 
an  genügendem  Unterhalt  und  hinlänglicher  Aufmunte- 
rung für  die  Pfarrverweser  an  manchen  Orten  die 
Pfarren  nicht  besetzt  sind,  der  Bischof  ermächtigt  ist, 
durch  ein  mit  seiner  Unterschrift  und  seinem  Siegel 
versehenes  Dokument  ein  hinreichendes  festes  Gehalt 
anzuweisen,  das  nicht  mehr  als  fünfzig  und  nicht 
weniger  als  zwanzig  Pfund  des  Jahres  betragen  darf." 
Vierzig  Pfund  werden  gegenwärtig  für  ein  sehr  gutes 
Pfarrverwesergehalt  angesehen,  und  es  gibt  trotz  jener 
Parlamentsakte  noch  manche  Pfarrverweserstellen  unter 
zwanzig  Pfund  Jahrgehalt.  Schuhmachergesellen  in 
London  verdienen  jährlich  bis  zu  vierzig  Pfund,  und 
es  wird  sich  schwerlich  ein  Handwerker  irgend  einer 
Art  in  dieser  Hauptstadt  finden,  der  nicht  mehr  als 
zwanzig  verdiente.  Die  letztere  Summe  übersteigt  in 
der  Tat  nicht  den  Verdienst  gewöhnlicher  Arbeiter 
in  manchen  Landgemeinden.  So  oft  das  Gesetz  ver- 
sucht, den  Lohn  der  Arbeiter  zu  regeln,  hat  es  ihn 
stets  eher  erniedrigt,  als  erhöht.   Dagegen  hat  das  Ge- 

*)  S.  das  Arbeitergesetz  aus  dem  i'üni'undzwanzigston  Ke- 
gierungsjahi'e  Eduards  III. 


X84  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

setz  bei  vielen  Gelegenheiten  das  Grehalt  der  Pfarrver- 
weser zu  erhöhen  und  um  der  Würde  der  Kirche  willen 
die  Rektoren  der  Kirchspiele  zu  verpflichten  gesucht, 
ihnen  mehr  als  den  elenden  Unterhalt  zu  geben,  den 
sie  anzunehmen  bereit  waren.  In  beiden  Fällen  aber 
scheint  das  Gesetz  gleich  unwirksam  geblieben  zu  sein, 
und  hat  nie  weder  das  Gehalt  der  Pfarrverweser  auf 
das  beabsichtigte  Maß  zu  erhöhen,  noch  den  Lohn 
der  Arbeiter  so  weit  herunter  zu  drücken  vermocht, 
weil  es  jene  nicht  hindern  konnte,  sich  bei  der  Dürf- 
tigkeit ihrer  Lage  und  der  Menge  ihrer  Mitbewerber  mit 
einem  geringeren,  als  dem  gesetzlichen  Jahrgehalt  zu 
begnügen,  und  weil  es  andrerseits  diese  nicht  hindern 
konnte,  mehr  als  den  gesetzlichen  Lohn  zu  nehmen, 
da  ihnen  der  Wettbewerb  derer,  die  sich  von  ihrer 
Arbeit  Gewinn  versprachen,  gern  mehr  bewilligte. 

Die  großen  Pfründen  und  sonstigen  geistlichen 
Ehrenstellen  halten  die  Ehre  der  Kirche  trotz  der 
ärmlichen  Umstände  einiger  ihrer  niederen  Glieder 
aufrecht.  Auch  bietet  die  dem  Stande  gezollte  Achtung 
letzteren  für  die  Ärmlichkeit  ihrer  Geldbelohnung 
einigen  Ersatz.  In  England  und  in  allen  römisch- 
katholischen Ländern  ist  das  Los  der  Kirche  in  der 
Tat  weit  günstiger,  als  es  nötig  wäre.  Das  Beispiel 
der  schottischen,  genfer  und  einiger  anderen  pro- 
testantischen Kirchen  kann  uns  überzeugen,  daß  in 
einem  geachteten  Berufe,  in  welchem  die  Ausbildung 
so  wohlfeil  erworben  wird,  schon  die  Hoffnung  auf 
weit  geringere  Pfründen  dem  geistlichen  Stande  eine 
hinlängliche  Zahl  von  gelehrten,  anständigen  und 
achtbaren  Leuten  zuführen   wird. 

Wenn  für  Berufsarten,  in  denen  es  keine  Pfründen 
gibt,  z.  B.  die  Jurisprudenz  und  Medizin,  eine  gleiche 
Zahl  Leute  auf  öffentliche  Kosten  ausgebildet  würde, 
so  würde  die  Konkurrenz  bald  so  groß  werden,  daß 
der  Geldlohn  sich  bedeutend  niedriger  stellen  müßte. 


Kap. X, IL:  Ungleichheiten  infolge  d.  eiirop. Wirtschaftspolitik.  185 

Es  würde  dann  nicht  der  Mühe  lohnen,  seinen  Sohn 
auf  eigene  Kosten  zu  einem  solchen  Stande  erziehen 
zn  lassen,  der  vielmehr  gänzlich  denen  überlassen 
würde,  die  ihre  Erziehung  öffentlichen  Stiftungen  ver- 
dankten und  wegen  ihrer  Menge  und  Dürftigkeit  sich 
im  Allgemeinen  mit  recht  elendem  Lohn  begnügen 
müßten,  zum  Schaden  der  jetzt  so  achtbaren  Stände 
des  Rechtsgelehrten  und  Arztes. 

Die  wenig  glückliche  Klasse  von  Leuten,  die  man 
gewöhnlich  Literaten  nennt,  befindet  sich  ziemlich  ge- 
nau in  der  Lage,  in  welcher  Rechtsgelehrte  und  Arzte 
sich  wahrscheinlich  unter  der  obigen  Voraussetzung 
befinden  würden.  In  allen  europäischen  Ländern  sind 
die  meisten  von  ihnen  für  den  Kirchendienst  erzogen 
worden,  aber  durch  verschiedene  Gründe  verhindert, 
in  den  geistlichen  Stand  zu  treten.  Sie  haben  also 
ihre  Bildung  in  der  Regel  auf  öffentliche  Kosten  er- 
halten, und  ihre  Menge  ist  überall  so  groß,  daß  dadurch 
der  Preis  ihrer  Arbeit  auf  eine  höchst  klägliche  Be- 
lohnung zusammenzuschrumpfen  pflegt. 

Vor  der  Erfindung  der  Buchdruckerkunst  bestand 
die  einzige  Arbeit,  durch  die  ein  Literat  mit  seinem 
Talente  etwas  erwerben  konnte,  darin,  daß  er  öffent- 
licher oder  Privatlehrer  wurde,  d.  h.  anderen  Leuten  die 
wissenswerten  und  nützlichen  Kenntnisse  mitteilte,  die 
er  sich  erworben  hatte.  Und  dies  ist  sicherlich  noch 
ein  ehrenwerteres,  nützlicheres  und  in  der  Regel  auch 
einträglicheres  Geschäft,  als  die  Schriftstellerei  für  einen 
Buchhändler,  wozu  die  Buchdruckerkunst  Veranlassung 
gegeben  hat.  Es  sind  wenigstens  eben  so  viel  Zeit, 
Studium,  Geist,  Kenntnisse  und  Fleiß  dazu  erforderlich, 
ein  ausgezeichneter  Lehrer  der  Wissenschaften,  als  ein 
hervorragender  Arzt  oder  Rechtsgelehrter  zu  werden. 
Doch  steht  der  übliche  Lohn  eines  tüchtigen  Lehrers 
in  keinem  Verhältnis  zu  dem  eines  RechtsiJ:elehrten  oder 


186  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Arztes,  weil  das  Geschäft  des  einen  mit  dürftigen  Leuten, 
die  auf  öffentliche  Kosten  ausgebildet  wurden,  überfüllt 
ist,  während  in  die  beiden  anderen  Geschäfte  sich  nur 
Wenige  eindrängen,  die  nicht  auf  eigene  Kosten  stu- 
diert haben.  So  gering  aber  auch  der  übliche  Lohn 
öffentlicher  und  Privatlehrer  erscheint,  so  würde  er 
doch  ohne  Zweifel  noch  geringer  sein,  wenn  nicht  die 
Konkurrenz  der  noch  dürftigeren  Gelehrten  abginge, 
die  fürs  Brot  schreiben.  Vor  der  Erfindung  der  Buch- 
druckerkunst scheinen  Schüler  und  Bettler  so  ziemlich 
gleichbedeutende  Ausdrücke  gewesen  zu  sein.  Die 
Kektoren  der  Universitäten  stellten  vor  dieser  Zeit 
ihren  Studenten  oft  Erlaubnisscheine  zum  Betteln  aus. 
Im  Altertum,  wo  keine  Stiftungen  der  erwähnten 
Art  dürftige  Leute  zu  gelehrten  Berufsarten  ausbilden 
ließen,  war  anscheinend  die  Bezahlung  tüchtiger  Lehrer 
viel  beträchtlicher.  Isokrates  wirft  in  seiner  sogenann- 
ten Rede  gegen  die  Sophisten  den  Lehrern  seiner  Zeit 
einen  Widerspruch  vor.  „Sie  machen,  sagt  er,  ihren 
Schülern  die  glänzendsten  Versprechungen  und  wollen 
sie  lehren,  weise,  glücklich  und  gerecht  zu  sein,  ver- 
langen aber  für  einen  so  wichtigen  Dienst  nur  einen 
lumpigen  Lohn  von  vier  oder  fünf  Minen.  Wer  Weis- 
heit lehrt  —  fährt  er  fort  —  sollte  doch  selbst  weise 
sein;  wenn  aber  einer  einen  solchen  Handel  für  solch 
einen  Preis  abschließt,  so  beweist  er  augenscheinlichste 
Torheit".  An  dieser  Stelle  wird  er  gewiß  den  Lohn 
nicht  größer  gemacht  haben,  als  er  wirklich  war.  Vier 
Minen  sind  aber  so  viel,  wie  dreizehn  Pfund,  sechs 
Schilling  und  acht  Pence;  fünf  Minen  sind  sechzehn 
Pfund,  dreizehn  Schilling  und  vier  Pence.  Es  wurde 
also  damals  den  hervorragendsten  Lehrern  in  Athen  eine 
Summe  gezahlt,  die  wenig  hinter  dem  größeren  Betrage 
zurückgeblieben  sein  wird.  Isokrates  selbst  verlangte 
zehn  Minen,  oder  dreiunddreißig  Pfund,  sechs  Schilling 


Kap.  X,II.:  Ungleichheiten  infolge  d.europ.Wirtschaftspolitik.  187 

und  acht  Pence  von  jedem  seiner  Schüler.  Bei  seinen 
Vorträgen  in  Athen  soll  er  hundert  Zuhörer  gehabt 
haben.  Ich  verstehe  dies  von  der  Anzahl,  denen  er 
gleichzeitig  Vorträge  hielt,  oder  die,  wie  wir  das  nennen, 
einen  Kursus  bei  ihm  hörten,  und  diese  Anzahl  wird  in 
einer  so  großen  Stadt  bei  einem  so  berühmten  Lehrer, 
der  noch  dazu  eine  Wissenschaft,  die  Rhetorik,  vortrug, 
die  damals  eine  Modewissenschaft  war,  durchaus  nicht 
ungewöhnlich  groß  erscheinen.  Er  muß  mithin  in 
jedem  Kursus  tausend  Minen  oder  £  3333,  6  sh.  8  d. 
eingenommen  haben.  Auch  von  Plutarch  wird  an  einer 
Stelle  angegeben,  daß  tausend  Minen  sein  Didaktron 
oder  gewöhnliches  Honorar  gewesen  sei.  Viele  andere 
berühmte  Lehrer  jener  Zeit  scheinen  ein  großes  Ver- 
mögen erworben  zu  haben.  Gorgias  schenkte  dem  Tem- 
pel von  Delphi  seine  eigene  Statue  aus  gediegenem  Golde. 
Wir  brauchen  allerdings  nicht  anzunehmen,  daß  sie  le- 
bensgroß gewesen  sei.  Der  Fuß,  auf  dem  er,  sowie 
Hippias  und  Protagoras,  zwei  andere  ausgezeichnete 
Lehrer  jener  Zeit,  lebten,  war  nach  Plato  glänzend  bis 
zur  Prahlerei.  Plato  selbst  soll  großen  Aufwand  ge- 
macht haben.  Nachdem  Aristoteles  Erzieher  des  Alex- 
ander gewesen  und  sowohl  von  diesem,  als  von  seinem 
Vater  Philipp,  wie  alle  Zeugnisse  bekunden,  aufs  Glän- 
zendste belohnt  worden  war,  hielt  er  es  doch  noch  der 
Mühe  für  weit,  nach  Athen  zurückzukehren,  um  seine 
Vorträge  wieder  aufzunehmen.  Lehrer  der  Wissen- 
schaftenwaren zu  jener  Zeit  anscheinend  weniger  häufig, 
als  ein  oder  zwei  Menschenalter  später,  wo  der  Wett- 
bewerb wahrscheinlich  sowohl  den  Preis  ihrer  Arbeit 
als  auch  die  Bewunderung  für  ihre  Por'son  etwas  oi'- 
mäßigt  hatte.  Doch  scheinen  die  heivorj-agendsten  unter 
ihnen  noch  immer  einen  Grad  von  Achtung  genossen 
zu  haben,  wie  ihn  heutigen  Tages  kein  Mann  gleichen 
Standes  irgendwo  erreicht.     Die  Athener  betrauten  den 


188  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Akademiker  Karneades  und  den  Stoiker  Diogenes  mit 
einer  feierlichen  Gesandtschaft  nach  Rom,  und  wenn  ihre 
Stadt  damals  auch  schon  von  ihrer  früheren  Größe  herab- 
gesunken war,  so  war  sie  doch  immer  noch  eine  unab- 
hängige und  ansehnliche  Republik.  Überdies  war  Kar- 
neades ein  Babylonier  von  Geburt,  und  da  niemals  ein 
Volk  eifersüchtiger  als  die  Athener  darüber  wachte,  keine 
Fremden  zu  öffentlichen  Würden  zuzulassen,  so  muß 
ihre  Achtung  für  ihn  sehr  groß  gewesen  sein. 

Im  Ganzen  ist  übrigens  dieser  Umschwung  für  das 
Publikum  vielleicht  eher  vorteilhaft  als  schädlich.  Der 
Stand  eines  öffentlichen  Lehrers  ist  dadurch  etwas  her- 
abgesetzt worden;  aber  die  Wohlfeilheit  der  gelehrten 
Erziehung  ist  sicherlich  ein  Vorteil,  der  diesen  kleinen 
Übelstand  weit  überwiegt.  Auch  würde  davon  das 
Publikum  noch  viel  größeren  Gewinn  haben,  wenn 
die  Einrichtungen  der  gelehrten  Schulen  und  Univer- 
sitäten vernünftiger  wären,  als  sie  es  jetzt  durchweg 
in  Europa  sind. 

Drittens,  die  europäische  Wirtschaftspolitik  bringt 
durch  Hemmung  der  freien  Bewegung  der  Arbeit  und 
des  Kapitals  sowohl  von  Geschäft  zu  Geschäft,  als  von 
Ort  zu  Ort,  in  manchen  Fällen  eine  sehr  schädliche 
Ungleichheit  in  der  Gesamtheit  der  Vorteile  und  Nach- 
teile ihrer  Anlagen  hervor. 

Das  Lehrlingsgesetz  hemmt  die  freie  Arbeitsbewe- 
gung von  einem  Geschäft  zum  anderen  sogar  an  ein 
und  demselben  Orte.  Die  ausschließenden  Zunftprivi- 
legien hemmen  sie  von  einem  Orte  zum  anderen  sogar 
in  ein  und  demselben  Geschäfte. 

Es  kommt  häufig  vor,  daß,  während  den  Arbeitern 
in  dem  einen  Gewerbe  hoher  Lohn  gegeben  wird,  sie 
in  einem  anderen  mit  der  nackten  Existenz  vorlieb 
nehmen  müssen.  Das  eine  gedeiht  und  hat  einen  steten 
Begehr  nach  frischen  Arbeitskräften;   das  andere  hin- 


Kap.  X,IT.:  Uno-leioliheitpn  infnl.o-o  d.  curop.Wirtscliaftspolitik.  189 

gegen    verfällt    und    der    Überfluß    an    Arbeitskräften 
nimmt  stets  zu.     Zwei  solche  Gewerbe  können  bald  in 
einer  und  derselben  Stadt,  bald  in  einer  und  derselben 
Gegend  sein,  ohne  daß  sie  im  Stande  wären,  einander 
nur  die  geringste  Hilfe  zu  leisten.    In  dem  einen  Falle, 
ist  das  Lehrlingsgesetz  hinderlich  und  in  dem  anderen 
sowohl  dieses  als  die  ausschließende  Zunft.  Gleichwohl 
sind  in  vielen  Gewerben  die  Operationen  einander  so 
ähnlich,  daß  die  Arbeiter  leicht  aus  dem  einen  in  das 
andere  übertreten  könnten,  wenn  jene  abgeschmackten 
Gesetze    es    nicht   verhinderten.      Das   Weben   glatter 
Leinenzeuge  und  glatter  Seidenzeuge  ist  z.  B.  fast  ganz 
dasselbe.     Das  Weben    glatter  Wollenwaren  ist  etwas 
Anderes,  aber  der  Unterschied  ist  so  unbedeutend,  daß 
ein  Seiden-  oder  Leinweber  in  wenigen  Tagen  ein  ganz 
guter  Tuchweber  werden  könnte.      Geriete  nun   eines 
dieser   drei  Hauptgewerbe   in  Verfall,   so   könnten  die 
Arbeiter  leicht  in  einem  der  beiden  anderen,  deren  Lage 
glücklicher  ist,  Zuflucht  finden,   und  ihr  Lohn  würde 
weder  in  dem  blühenden  Gewerbe  zu  hoch,  noch  in  dem 
verfallenden  zu  niedrig  werden.  Die  Leinweberei  steht 
zwar  in  England  laut  einem  besonderen  Statut  Jedermann 
offen ;  da  sie  aber  in  den  meisten  Gegenden  des  Landes 
wenig  betrieben  wird,   so  kann  sie  den  Arbeitern  an- 
derer verfallender  Gewerbe  keine  allgemeine  Zuflucht 
bieten,  und  diese  haben  überall,   wo  das  Lehrlingsge- 
setz in  Geltung  ist,  keine  andere  Wahl,  als  entweder 
dem  Kirchspiel  zur  Last  zu  fallen,  oder  sich  als  Tage- 
löhner zu  verdingen,  wozu  sie  sich  vermöge  ihrer  bis- 
herigen Gewohnheiten  weit  weniger  schicken,  als  zu  ir- 
gend einem  anderen  Gewerbszweige,  der  mit  dem  ihrigen 
einige  Ähnlichkeit  hat.   Darum  ziehen  sie  es  denn  auch^ 
in  der  Regel  vor,   dem  Kirchspiel  zur  Last  zu  fallen. 
Alles,  was  die  freie  Bewegung  der  Arbeit  von  einem 
Geschäfte  zum  andern  hemmt,   hemmt   auch   die    des 
Kapitals,  da  die  Größe  des  Kapitals,  das  in  einem  Ge- 


190  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Schäftszweige  angelegt  werden  kann,  sehr  von  derMenge 
der  Arbeit  abhängt,  die  in  ihm  aufgewendet  wird.  Doch 
legen  Zunftgesetze  dem  freien  Umlauf  des  Kapitals 
von  einem  Orte  zum  anderen  weniger  Hindernisse  in 
den  Weg,  als  der  Arbeit.  Für  einen  reichen  Kaufmann 
ist  es  übei'all  leichter,  in  einer  korporierten  Stadt  ein 
Handelsprivilegium  zu  erlangen,  als  für  einen  armen 
Handwerker  die  Erlaubnis,  in  ihr  arbeiten  zu  dürfen. 

Die  Hemmung,  die  Zunftgesetze  der  freien  Be- 
wegung der  Arbeit  auflegen,  ist,  glaube  ich,  allen  Teilen 
Europas  gemein;  diejenige  aber,  welche  durch  die 
Armengesetze  bewirkt  wird,  ist,  so  viel  ich  weiß,  nur 
England  eigentümlich.  Sie  besteht  in  der  Schwierigkeit 
für  einen  armen  Mann,  sich  in  einem  andern  Kirch- 
spiel als  dem,  zu  welchem  er  gehört,  niederlassen  oder 
auch  nur  sein  Geschäft  treiben  zu  dürfen.  Durch  Zunft- 
gesetze wird  nur  die  freie  Bewegung  der  Arbeit  der 
Handwerker  und  industriellen  Arbeiter  gehemmt;  die 
Erschwerung  der  Niederlassung  aber  hemmt  auch  die 
der  gemeinen  Arbeit.  Es  ist  der  Mühe  wert,  den  Ur- 
sprung, Fortschritt  und  gegenwärtigen  Zustand  dieses 
Übels,  vielleicht  des  größten  der  englischen  Wirt- 
schaftspolizei, kurz  zu  berichten. 

Als  durch  die  Aufhebung  der  Klöster  die  Armen 
der  Unterstützung  dieser  frommen  Häuser  beraubt 
worden  waren,  wurde  nach  einigen  anderen  frucht- 
losen Versuchen  zu  ihren  Gunsten  durch  ein  Gesetz 
aus  dem  43.  Jahre  Elisabeths,  Kapitel  2,  verordnet, 
daß  jedes  Kirchspiel  für  seine  Armen  zu  sorgen  ver- 
pflichtet sein,  und  jährlich  Armenaufseher  bestellt 
werden  sollten,  die  in  Gemeinschaft  mit  den  Kirchen- 
vorstehern eine  diesem  Zwecke  angemessene  Summe 
durch  eine  Kirchspielsteuer  zu  erheben  hätten. 

Dieses  Gesetz  legte  jedem  Kirchspiel  die  unerläß- 
liche Pflicht  auf,  für  seine  Armen  zu  sorgen.   Es  ent- 


Kap. Xjr.:  Ungleichheiten  infol.o-e  d.  ourop.Wirtschaftspolitik.  191 

stand  dadurch  die  wichtige  Frage,  wer  denn  als  Armer 
eines  Kirchspiels  zu  betrachten  sei.  Diese  Frage  wurde 
nach  einigem  Schwanken  endlich  durch  Statut  aus  dem 
13.  und  14.  Regierungsjahre  Karls  II.  entschieden,  in 
dem  verordnet  war,  daß  vierzig  Tage  eines  ungestörten 
Aufenthalts  Jedem  die  Ansässigkeit  in  einem  Kirch- 
spiel erwerben  sollten;  doch  sollte  innerhalb  dieser 
Zeit  zwei  Friedensrichtern  das  Recht  zustehen,  auf 
Klage  seitens  der  Kirchenvorsteher  oder  Armenauf- 
seher, jeden  neuen  Einwohner  in  das  Kirchspiel,  in 
dem  er  zuletzt  rechtmäßig  ansässig  gewesen,  zu  ver- 
weisen, wenn  er  nicht  entweder  eine  Pachtung  von 
zehn  Pfund  jährlicher  Pacht  übernehmen  oder  dem 
Kirchspiel  eine  ausreichende  Bürgschaft  stellen  könne, 
daß  er  ihm  nicht  zur  Last  fallen  werde. 

Dieses  Gesetz  soll  manche  Betrügereien  veranlaßt 
haben.  Kirchspielbeamte  bestachen  mitunter  ihre  eigenen 
Armen,  heimlich  in  ein  anderes  Kirchspiel  auszuwan- 
dern, und  hielten  sie  vierzig  Tage  lang  daselbst  ver- 
borgen, damit  sie  die  Ansässigkeit  gewönnen,  um  das 
Kirchspiel,  dem  sie  eigentlich  angehörten,  von  ihnen  zu 
befreien.  Darum  verordnete  ein  Statut  aus  dem  ersten 
Regierungsjahre  Jakobs  II.,  daß  die  vierzig  Tage  un- 
gestörten Aufenthalts,  die  zur  Erwerbung  der  An- 
sässigkeit erforderlich  waren,  erst  von  dem  Augenblick 
an  gerechnet  werden  sollten,  an  dem  Jemand  einem 
der  Vorsteher  oder  Armenaufseher  des  Kirchspiels,  in 
dem  er  künftig  wohnen  wollte,  schriftlich  seinen  Wohn- 
ort und  die  Stärke  seiner  Familie  angemeldet  hätte. 

Indeß  waren  die  Kirchspielsbeamten  gegen  ihr 
eigenes  Kirchspiel  nicht  immer  ehrlicher,  als  sie  es 
gegen  fremde  gewesen  waren,  und  drückten  hie  und 
da  bei  solchen  Einnistungen  die  Augen  zu,  indem  sie 
zwar  die  Anmeldung  in  Emi)fang  nahmen,  aber  nicht 
die  erforderlichen  Schritte  taten.  Da  man  annahm,  daß 
jeder  Einwohner  eines  Kirchspiels  ein  Interesse  daran 


192  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

haben  müsse,  der  Belastung  durch  solche  Eindringlinge 
so  viel  als  möglich  vorzubeugen,  so  wurde  im  dritten 
ßegierungsjahre  Wilhelms  III.  ferner  verordnet,  daß 
die  vierzig  Aufenthaltstage  erst  von  dem  Tage  an  ge- 
rechnet werden  sollten,  an  dem  die  schriftliche  Anmel- 
dung Sonntags  in  der  Kirche  unmittelbar  nach  dem 
Gottesdienste  öffentlich  verlesen  worden  sei. 

„Am  Ende",  sagt  Dr.  Burn,  „wurde  diese  Art  der 
Ansässigkeit,  die  man  erst  durch  einen  vierzigtägigen 
Aufenthalt  nach  der  öffentlichen  Verlesung  der  schrift- 
lichen Anmeldung  erwerben  konnte,  nur  sehr  selten  er- 
langt, und  der  Zweck  dieser  Anordnungen  ist  nicht  so- 
wohl der,  Jemand  die  Ansässigkeit  zu  erleichtern,  als 
vielmehr  die  Ansässigkeit  von  Leuten,  die  heimlich  in 
das  Kirchspiel  kommen,  zu  hintertreiben ;  denn  sich  an- 
melden heißt  nur,  das  Kirchspiel  nötigen,  sie  wieder 
wegzuschaffen.  Ist  aber  die  Lage  Jemandes  der  Art, 
daß  es  zweifelhaft  bleibt,  ob  er  wirklich  zurückgeschickt 
werden  dürfe  oder  nicht,  so  wird  er  durch  seine  An- 
meldung das  Kirchspiel  nötigen,  ihm  entweder  dadurch, 
daß  es  ihn  vierzig  Tage  bleiben  läßt,  eine  unbestrittene 
Ansässigkeit  zu  bewilligen,  oder  dadurch,  daß  es  ihn 
wegschafft,  die  Sache  vor  den  Kichter  zu  bringen." 

Dieses  Statut  machte  es  also  für  einen  armen  Mann 
fast  unmöglich,  auf  die  frühere  Weise  durch  vierzig- 
tägigen Aufenthalt  einen  festen  Wohnsitz  zu  gewinnen. 
Damit  es  aber  nicht  den  Anschein  habe,  als  sollten  die 
gewöhnlichen  Leute  gänzlich  von  der  Ansiedelung  in 
einem  anderen  Kirchspiel  ausgeschlossen  wei'den, 
wurden  vier  andere  Arten  festgesetzt,  wie  ohne  eine 
abgegebene  oder  öffentlich  verlesene  Anmeldung  die 
Ansässigkeit  gewonnen  werden  könne.  Erstens  konnte 
man  sie  erwerben,  wenn  man  zu  den  Kirchspielsabgaben 
zugezogen  wurde  und  sie  bezahlte;  zweitens,  wenn  man 
auf  ein  Jahr  zu  einem  Kirchspielsamte  gewählt  wurde 
und  es  diese  Zeit  über  versah ;  drittens,  wenn  man  im 


Kap.  X,II.:  Ungleiclilieiton  infolge d.  europ.Wirtschaftspolitik.   1 93 

Kirchspiel  seine  Lehrzeit  bestand ;  viertens  endlich,  wenn 
man  dort  auf  ein  Jahr  in  Dienst  genommen  wurde  und 
ein  ganzes  Jahr  lang  in  diesem  Dienste  verblieb. 

Auf  eine  der  beiden  ersteren  Arten  ist  indessen  die 
Ansässigkeit  nur  durch  einen  öffentlichen  Akt  des  ganzen 
Kirchspiels  zu  erlangen,  das  dabei  wohl  auf  die  Folgen 
Acht  gibt,  die  daraus  hervorgehen,  wenn  es  einen 
neuen  Ankömmling,  der  keine  anderen  Unterhaltsmittel 
als  seine  Arbeit  hat,  durch  Zuziehung  zu  den  Abgaben 
oder  durch  Wahl   zu  einem  Amte  bei   sich  aufnimmt. 

Auf  eine  der  beiden  letzteren  Arten  kann  hin- 
gegen kein  Verheirateter  Ansässigkeit  erwerben.  Ein 
Lehrling  ist  schwerlich  jemals  verheiratet,  und  es  ist 
ausdrücklich  bestimmt,  daß  kein  verheirateter  Dienst- 
bote durch  Anstellung  auf  ein  Jahr  Ansässigkeit  er- 
werben solle.  Die  Haupt wirkung,  welche  die  Einführung 
einer  durch  Dienst  zu  erlangenden  Ansässigkeit  gehabt 
hat,  hat  namentlich  darin  bestanden,  daß  die  alte  Ge- 
wohnheit, auf  ein  Jahr  zu  mieten,  die  früher  in  England 
so  herkömmlich  war,  daß  noch  bis  auf  den  heutigen 
Tag  das  Gesetz  in  jedem  Falle,  wo  kein  bestimmter 
Zeitraum  ausgemacht  worden,  annimmt,  daß  der  Dionst- 
bote  auf  ein  Jahr  gemietet  sei,  großenteils  außer  Übung 
gekommen  ist.  Die  Arbeitgeber  sind  nicht  immer  willens, 
ihren  Dienstboten  durch  Mieten  auf  ein  Jahr  die  An- 
sässigkeit zu  verschaffen,  und  die  Dienstboten  mögen 
sich  nicht  immer  so  vermieten,  weil  sie,  da  stets  der 
letzte  Wohnsitz  die  früheren  aufhebt,  die  ursprüngliche 
Ansässigkeit  in  ihrer  Heimat,  wo  ihre  Eltern  und  Ver- 
wandten wohnen,  dadurch  einbüßen  könnten. 

Ein  selbständiger  Arbeiter,  sei  er  Tagelöhner  oder 
Handwerker,  wird  offenbar  nicht  leicht  eine  neue 
Ansässigkeit  durch  Lehr-  oder  Dienstjahro  erwerben. 
Wendet  sich  eine  solche  Person  mit  ihrem  Gewerbe 
in  ein  neues  Kirchspiel,  so  setzt  sie  sich,  wie  gesund 

Adam  Smith,  Volkswohlstand.  I.  1<^ 


194  Erstes  Buch:  Zunahme  in  fler  Ertragskraft  der  Arbeit. 

und  fleißig  sie  auch  sein  mag,  der  Gefahr  aus,  nach 
der  Laune  eines  Kirchenvorstehers  oder  Armenauf- 
sehers wieder  entfernt  zu  werden,  wenn  sie  nicht  ent- 
weder für  zehn  Pfund  im  Jahre  eine  Pachtung  über- 
nimmt —  was  für  jemanden,  der  nur  von  seiner  Arbeit 
lebt,  unmöglich  ist  —  oder  eine  zwei  Friedensrichtern 
genügend  erscheinende  Bürgschaft  bietet,  daß  sie  dem 
Kirchspiel  nicht  zur  Last  fallen  werde.  Welche  Sicherheit 
sie  fordern  wollen,  ist  freilich  ganz  ihrem  Gutdünken 
überlassen ;  aber  sie  können  nicht  wohl  weniger  als 
dreißig  Pfund  verlangen,  da  eine  Verordnung  vor- 
handen ist,  nach  der  sogar  der  Kauf  eines  Freigutes 
von  weniger  als  dreißig  Pfund  Wert  kein  Ansässig- 
keitsrecht geben  soll,  weil  es  nicht  hinreichend  sei, 
das  Kirchspiel  vor  der  Armenbelastung  zu  sichern. 
Diese  Bürgschaft  wird  aber  jemand,  der  von  seiner 
Arbeit  lebt,  kaum  je  geben  können,  und  doch  wird 
oft  noch  eine  viel  größere  gefordert. 

Um  jedoch  einigermaßen  die  freie  Bewegung  der 
Arbeit,  die  durch  jene  verschiedenen  Gesetze  fast 
gänzlich  aufgehoben  war,  wiederherzustellen,  ist  man 
auf  die  sogenannten  Zertifikate  verfallen.  Im  achten 
und  neunten  ßegierungsjahre  Wilhelms  III.  wurde 
festgesetzt,  daß,  wenn  jemand  aus  dem  Kirchspiel,  in 
dem  er  zuletzt  rechtmäßig  ansässig  war,  ein  von  den 
Kirchenvorstehern  und  Armenaufsehern  unterschriebe- 
nes und  von  zwei  Friedensrichtern  bestätigtes  Zertifikat 
mitbringt,  jedes  andere  Kirchspiel  ihn  aufzunehmen 
verbunden  ist;  daß  er  nicht  schon  darum,  weil  er  wahr- 
scheinlich später  zur  Last  fallen  würde,  sondern  nur, 
wenn  er  wirklich  zur  Last  fällt,  entfernt  werden  darf; 
und  daß  dann  das  Kirchspiel,  welches  das  Zertifikat 
ausstellte,  verpflichtet  sein  soll,  die  Kosten  des  Unter- 
halts und  der  Fortschaffung  zu  tragen.  Um  aber  dem 
Kirchspiel,  wohin  ein  mit  einem  Zertifikat  ausgestatteter 


Kap.X,II.:  Ungleichheiten  infolge  d.  europ.Wirtschaftsx^olitik.  195 

Mann  sich  wendet,  die  ausreichendste  Bürgschaft  zu 
geben,  wurde  durch  dasselbe  Gesetz  ferner  verordnet, 
daß  der  Mann  das  Niederlassungsrecht  nur  dann  er- 
halten solle,  wenn  er  eine  Pachtung  für  zehn  Pfund 
jährlich  übernehme,  oder  unentgeltlich  ein  Jahr  lang 
ein  Kirchspielamt  verwalte.  Er  konnte  mithin  weder 
durch  Anmeldung,  noch  durch  Dienst,  Lehrlingschaft 
oder  Zahlung  der  Kirchspielabgaben  dazu  gelangen. 
Auch  wurde  im  zwölften  Regierungsjahre  der  Königin 
Anna  (Stat.  I.  c.  18.)  noch  verordnet,  daß  weder  die 
Dienstboten  noch  die  Lehrlinge  solcher  auf  Grund 
von  Zertifikaten  zugelassener  Leute  in  dem  Kirchspiel 
Ansässigkeit  erwerben  können. 

Inwiefern  diese  Erfindung  die  freie  Bewegung  der 
Arbeit,  die  durch  die  früheren  Statute  fast  gänzlich  auf- 
gehoben war,  wiederhergestellt  habe,  ersieht  man  aus 
der  folgenden  sehr  verständigen  Bemerkung  des  Dr. 
Burn.  „Offenbar",  sagt  er,  „liegen  verschiedene  gute 
Gründe  vor,  von  Personen,  die  sich  an  einem  Orte  nieder- 
lassen wollen,  Zertifikate  zu  verlangen,  namentlich  da- 
mit die  Inhaber  nicht  durch  Lehrlingsschaft,  Dienst, 
Anmeldung,  oder  Zahlung  der  Kirchspielsteuern  an- 
sässig werden;  damit  sie  weder  Lehrlinge,  noch  Dienst- 
boten ansässig  machen  können,  damit  man  ferner,  so- 
bald sie  dem  Kirchspiel  zur  Last  fallen,  genau  weiß, 
wohin  man  sie  zu  bringen  und  an  wen  man  sich  wegen 
der  Fortschaffungs-  und  Unterhaltskosten  in  dieser 
Zeit  zu  halten  hat;  und  damit  endlich,  wenn  sie  krank 
werden,  und  nicht  fortgeschafft  werden  können,  das 
Kirchspiel,  von  dem  das  Zertifikat  ausgestellt  ist,  den 
Unterhalt  erstattet  —  was  alles  ohne  ein  Zertifikat  nicht 
geschehen  kann.  Aber  diese  Gründe  sind  ebenso  viele 
Gründe  für  die  Kirchspiele,  in  gewöhnlichen  Fällen 
keine  Zertifikate  auszustellen;  denn  es  ist  nur  zu  wahr- 
scheinlich, daß  sie  ihre  Inhaber  zurückerhalten  werden, 


196   Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

und  dies  noch  dazu  in  einer  schlechteren  Lage".  Die 
Moral  dieser  Bemerkung  scheint  zu  sein,  daß  das  Kirch- 
spiel, in  dem  ein  Armer  sich  niederlassen  will,  stets  Zer- 
tifikate fordert,  daß  aber  von  dem,  welches  er  zu  ver- 
lassen gedenkt,  nur  sehr  selten  solche  bewilligt  werden. 
„Es  liegt  hierin",  sagt  derselbe  einsichtsvolle  Schrift- 
steller in  seiner  Geschichte  der  Armengesetze,  „eine 
große  Härte",  indem  es  in  die  Macht  eines  Kirchspiel- 
beamten gestellt  ist,  einen  Menschen  gewißermaßen  für 
sein  ganzes  Leben  gefangen  zu  halten,  mag  es  für  ihn 
auch  noch  so  nachteilig  sein,  an  dem  Orte  bleiben  zu 
müssen,  an  dem  er  das  Unglück  hatte,  sogenannte  An- 
sässigkeit zu  erwerben,  oder  mag  er  sich  die  größten 
Vorteile  von  einem  Aufenthalte  am  fremden  Orte  ver- 
sprechen". 

Obgleich  ein  Zertifikat  kein  Zeugnis  des  guten  Be- 
tragens enthält  und  nur  bescheinigt,  daß  sein  Inhaber 
dem  oder  dem  Kirchspiel  angehöre,  so  steht  es  doch 
ganz  im  Belieben  der  Kirchspielsbeamten,  es  zu  ver- 
weigern oder  zu  gewähren.  Es  sind,  erzählt  Dr.  Burn, 
einmal  gerichtliche  Schritte  getan  worden,  um  die 
Kirchenvorsteher  und  Armenaufseher  zur  Ausstellung 
eines  Zertifikats  zu  nötigen,  aber  der  Gerichtshof  der 
King's  Bench  hat  den  Antrag  verworfen. 

Der  sehr  ungleiche  Arbeitspreis,  den  wir  häufig  in 
England  an  gar  nicht  weit  von  einander  liegenden  Orten 
finden,  hat  seinen  Grund  wahrscheinlich  in  den  Hinder- 
nissen, welche  das  Ansässigkeitsgesetz  einem  Armen, 
der  ohne  Zertifikat  mit  seinem  Gewerbe  von  einem  Kirch- 
spiel in  das  andere  wandern  möchte,  entgegenstellt. 
Ein  einzelner,  gesunder  und  fleißiger  Mann  wird  zwar 
hie  und  da  ohne  ein  Zertifikat  geduldet;  aber  wenn  ein 
Mann  mit  Weib  und  Kind  es  versuchen  wollte,  würde 
er  sicher  in  den  meisten  Kirchspielen  entfernt  werden, 
und   selbst   der   einzelne  Mann  würde,    wenn    er    sich 


Kap.XJI.:  Ungleichheiten  infolge d.europ.WirtschaftspoHtik.  197 

später  verheiratete,  in  der  Hegel  ausgewiesen  werden. 
Daher  kann  dem  Mangel  an  Arbeitern  in  dem  einen 
Kirchspiel  nicht  immer  durch  den  Überfluß  in  einem 
anderen  abgeholfen  werden,  wie  das  in  Schottland  und 
wohl  in  allen  anderen  Ländern,  in  denen  die  Ansässig» 
keit  keine  Schwierigkeiten  bietet,  so  unablässig  ge- 
schieht. Wenn  auch  in  solchen  Ländern  zuweilen 
der  Lohn  in  dei-  Nähe  einer  großen  Stadt,  oder  wo 
sonst  eine  außergewöhnliche  Nachfrage  nach  Arbeit 
besteht,  ein  wenig  steigt,  und  umgekehrt  je  nach  der 
größeren  Entfernung  von  solchen  Plätzen  sinkt,  bis 
er  wieder  den  gewöhnlichen  Satz  des  Landes  erreicht, 
so  begegnet  man  doch  niemals  so  plötzlichen,  uner- 
klärlichen Verschiedenheiten  im  Arbeitslohn  benach- 
barter Orte,  wie  bisweilen  in  England,  wo  es  oft  für 
einen  Armen  schwieriger  ist,  die  künsthchen  Schran- 
ken eines  Kirchspiels  zu  überschreiten,  als  einen 
Meeresarm  oder  hohen  Gebirgsrücken,  d.  h.  natürliche 
Grrenzen,  die  in  anderen  Ländern  zuweilen  die  Lohn- 
sätze sehr  deutlich  von  einander  scheiden. 

Einen  Mann,  der  sich  Nichts  hat  zu  Schulden 
kommen  lassen,  aus  dem  Kirchspiel,  in  dem  er  wohnen 
will,  zu  entfernen,  ist  eine  offenbare  Verletzung  natür- 
licher Freiheit  und  Gerechtigkeit.  Dennoch  hat  das 
gemeine  Volk  Englands,  das  auf  seine  Freiheit  so  eifer- 
süchtig ist,  aber  gleich  dem  gemeinen  Volke  der  meisten 
anderen  Länder  nie  recht  weiß,  worin  sie  besteht,  diesen 
Druck,  dem  es  hilflos  erliegt,  jetzt  schon  länger  als  ein 
Jahrhundert  ruhig  ertragen.  Haben  auch  zuweilen  den- 
kende Männer  das  Ansässigkeitsgesetz  als  ein  öffent- 
liches Unglück  beklagt,  so  hat  es  doch  niemals  einen 
so  allgemeinen  Schrei  des  Unwillens  heivorgerufen, 
wie  die  generellen  Verhaftsbefehle,  die  ohne  Zweifel 
auch  ein  Mißbrauch  sind,  aber  doch  nicht  leicht  einen 
so  allgemeinen  Druck  zur  Folge  hatten.  Ich  wage  zu 


198  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

behaupten,  daß  es  in  England  kaum  einen  einzigen 
armen  Mann  von  vierzig  Jahren  gibt,  der  nicht  zu 
irgend  einer  Zeit  seines  Lebens  durch  dies  unselige  An- 
sässigkeitsgesetz sich  grausam  bedrückt  gefühlt  hätte. 

Ich  schließe  dieses  lange  Kapitel  mit  der  Bemer- 
kung, daß  es  zwar  vor  alters  üblich  war,  den  Lohn 
festzusetzen  und  zwar  anfänglich  durch  allgemeine  für 
das  ganze  Königreich  gültige  Gesetze  und  später  durch 
besondere  Anordnungen  der  Friedensrichter  in  jeder 
Grafschaft,  —  daß  diese  beiden  Geu-ohnheiten  aber 
jetzt  gänzlich  abgekommen  sind.  „Nach  der  Erfah- 
rung von  mehr  als  vierhundert  Jahren,"  sagt  Dr. 
Burn,  „scheint  es  endlich  Zeit  zu  sein,  alle  Versuche, 
unter  feste  Hegeln  zu  bringen,  was  seiner  Natur  nach 
jeder  genauen  Begrenzung  unfähig  scheint,  aufzugeben; 
denn  wenn  alle  Arbeiter  in  einem  Gewerbe  gleichen 
Lohn  erhalten,  hört  der  Wetteifer  auf,  und  für  Fleiß 
und  Talent  wäre  kein  Raum  mehr." 

Dennoch  wird  zuweilen  noch  versucht,  durch  be- 
sondere Parlamentsakte  den  Lohn  für  bestimmte  Ge- 
werbe und  Orte  festzustellen.  So  verbietet  eine  Akte 
aus  dem  8.  Regierungsjahre  Georgs  III.  unter  schwerer 
Geldstrafe  allen  Schneidermeistern  in  London  und  fünf 
Meilen  im  Umkreise,  mehr  als  zwei  Schilling,  sieben 
und  einen  halben  Pence  täglich  an  Arbeitslohn  zu 
zahlen,  es  sei  denn  zur  Zeit  einer  allgemeinen  Landes- 
trauer, —  und  eben  so  den  Gesellen,  mehr  als  diesen 
Lohn  anzunehmen.  So  oft  die  Gesetzgebung  sich  dazu 
herbei  läßt,  die  Unstimmigkeiten  zwischen  den  Meistern 
und  ihren  Arbeitern  auszugleichen,  ist  sie  stets  von  den 
Meistern  beraten.  Wenn  daher  die  Bestimmung  zu 
Gunsten  der  Arbeiter  ausfällt,  so  ist  sie  stets  gerecht 
und  billig;  öfters  aber,  wenn  sie  zugunsten  der  Meister 
ausfällt,  ist  sie  es  nicht.  So  ist  das  Gesetz,  welches  in 
einigen   Gewerben    die   Meister   verpflichtet,    ihre  Ar- 


Kap.X,II.:  Ungleichheiten  infoige  d.  europ.Wirtschaftspolitili.  1 99 

beiter  in  Geld  und  nicht  in  Waren  zu  bezahlen,  ganz 
gerecht  und  billig;  denn  es  legt  den  Meistern  keine 
wirkliche  Last  auf,  sondern  nötigt  sie  nur,  den  Geld- 
wert zu  bezahlen,  den  sie  in  Waren  bezahlen  zu  wollen 
vorgaben,  aber  nicht  immer  wirklich  bezahlten.  Dieses 
Gesetz  ist  zugunsten  der  Arbeiter;  dagegen  die  Akte 
aus  dem  achten  Regierungsjahre  Georgs  III.  zugunsten 
der  Meister.  Wenn  die  Meister  sich  zusammentun,  um 
den  Lohn  ihrer  Arbeiter  herabzusetzen,  so  schließen 
sie  gewöhnlich  privatim  einen  Bund  oder  eine  Über- 
einkunft, bei  Strafe  nicht  mehr  als  einen  bestimmten 
Lohn  zu  geben.  Wollten  die  Arbeiter  eine  entgegen- 
gesetzte Übereinkunft  derselben  Art  schließen,  bei 
Strafe  jenen  Lohn  nicht  anzunehmen,  so  würde  sie  das 
Gesetz  sehr  strenge  bestrafen.  Verführe  es  wirklich 
unparteiisch,  so  müßte  es  gegen  die  Meister  ebenso 
handeln.  Aber  die  Akte  aus  dem  achten  Regierungs- 
jahre Georgs  III.  erteilt  gerade  der  Regel,  welche  die 
Meister  durch  derartige  Verbindungen  zuweilen  ein- 
zuführen suchen,  gesetzliche  Kraft,  Die  Klage  der 
Arbeiter,  daß  dadurch  der  geschickteste  und  fleißigste 
Arbeiter  mit  dem  mittelmäßigen  auf  eine  gleiche  Stufe 
gesetzt  werde,  scheint  durchaus  wohlbegründet. 

In  früheren  Zeiten  war  es  auch  üblich,  den  Ge- 
winn der  Kaufleute  und  anderer  Händler  durch  Fest- 
setzung des  Preises  für  Lebensmittel  und  andere 
Waren  zu  regeln.  Die  Brottaxe  ist,  so  viel  ich 
weiß,  der  letzte  Rest  dieses  alten  Brauchs.  Wo  es 
eine  geschlossene  Zunft  gibt,  da  mag  es  gut  sein,  den 
Preis  der  ersten  Lebensbedürfnisse  festzusetzen;  wo 
dies  aber  nicht  der  Fall  ist,  wird  die  Konkurrenz  ihn 
weit  besser  regeln,  als  irgend  eine  Taxe.  Die  durch 
ein  Gesetz  aus  dem  31.  Regierungsjahre  Georgs  II. 
eingeführte  Methode,  eine  Brottaxe  festzusetzen,  konnte 
in  Schottland  wegen   eines  Mangels  im  Gesetze   nicht 


200  Ei'ötes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

zur  Ausführung  gebracht  werden,  insofern  die  Voll- 
ziehung auf  dem  Amte  eines  Marktschreibers  ruhte, 
das  in  Schottland  nicht  vorhanden  ist.  Dieser  Mangel 
wurde  erst  im  dritten  Regierungsjahre  Georgs  III. 
gehoben.  Inzwischen  stiftete  der  Mangel  einer  Taxe 
keinen  merklichen  Schaden,  und  ihre  Einführung  hat 
an  den  wenigen  Orten,  an  denen  sie  bestand,  keinen 
merklichen  Vorteil  gewährt.  In  den  meisten  schotti- 
schen Städten  gibt  es  jedoch  eine  Bäckerzunft,  die 
ausschließliche  Berechtigungen  in  Anspruch  nimmt, 
ohne  daß  diese  jedoch  strenge  gewahrt  würden. 

Das  Verhältnis  zwischen  den  verschiedenen  Lohn- 
und  Gewinnsätzen  in  den  einzelnen  Arbeits-  und  Ka- 
pitalanlagen erleidet,  wie  schon  bemerkt  wurde,  durch 
den  ßeichtum  oder  die  Armut,  durch  einen  fortschrei- 
tenden, stillstehenden  oder  zurückgehenden  Zustand 
der  Gesellschaft  keine  großen  Veränderungen.  Obwohl 
solche  Revolutionen  in  der  öffentlichen  Wohlfahrt  den 
Lohn-  und  Gewinnsatz  im  Ganzen  treffen,  so  müssen 
sie  ihn  am  Ende  doch  in  allen  verschiedenen  Anlage- 
arten gleichmäßig  treffen.  Das  Verhältnis  zwischen 
ihnen  muß  daher  das  nämliche  bleiben,  und  kann 
durch  solche  Umwälzungen  wenigstens  nicht  für  lange 
Zeit  gestört  werden. 


Elftes  Kapitel. 
Die    Grundrente. 

Die  Rente,  als  der  für  die  Nutzung  des  Bodens 
gezahlte  Preis  betrachtet,  ist  naturgemäß  der  höchste, 
den  der  Pächter  nach  der  jeweiligen  Bodenbeschaffen- 
heit zu  zahlen  vermag.  Bei  der  Feststellung  der  Pacht- 
bedingungen sucht  der  Grundherr  dem  Pächter  keinen 
größeren  Anteil  am  Krtrage  zu  lassen,  als  zur  Erhal- 
tung des  Kapitals,  von  dem  er  die  Aussaat  bestreitet, 
die  Arbeit  bezahlt  und  das  Vieh  nebst  anderem  Wirt- 
schaftsinventar kauft  und  unterhält,  so  wie  zur  Gewäh- 
rung des  gewöhnlichen  Gewinnes  landwirtschaftlicher 
Kapitalanlagen  in  der  Gegend,  ausreicht.  Dies  ist 
offenbar  der  kleinste  Anteil,  an  dem  sich  der  Pächter 
genügen  lassen  kann,  wenn  er  nicht  geradezu  verlieren 
will;  der  Grundherr  aber  ist  selten  bereit,  ihm  mehr 
als  diesen  Anteil  zu  lassen.  Was  von  dem  Ertrage, 
oder  mit  andern  Worten  von  dem  Preise  des  Ertrags 
nach  Abzug  jenes  Anteils  übrig  bleibt,  sucht  der  Be- 
sitzer natürlich  für  sich  als  Grundrente  zu  reservieren 
—  und  dies  ist  offenbar  das  höchste,  was  der  Pächter 
nach  der  jeweiligen  Bodenbeschaffenheit  zu  zahlen  ver- 
mag. Manchmal  nimmt  der  Grundherr  aus  Fieigebigkeit, 
öfters  aus  Unkenntnis  etwas  weniger;  manchmal  zahlt 
auch  der  Pächter,  obgleich  dieser  Fall  seltener  ist,  aus 
Unkenntnis  etwas  mehr,  d.  h.  er  begnügt  sich  mit  einem 


202  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

geringeren,  als  dem  in  der  Gegend  üblichen  Gewinn 
landwirtschaftlichen  Kapitals.  Dieser  Teil  jedoch  kann 
noch  als  die  natürliche  oder  als  die  Grundrente  ange- 
sehen werden,  für  welche  Ländereien  dieser  Art  ge- 
wöhnlich verpachtet  werden. 

Man  könnte  glauben,  die  Grundrente  sei  oft  nichts 
weiter  als  ein  billiger  Gewinn  oder  Zins  für  das  vom 
Grundherrn  auf  die  Bodenverbesserung  verausgabte  Ka- 
pital. Das  kann  unter  Umständen  allerdings  teilweise 
der  Fall  sein;  aber  eben  auch  nur  teilweise.  Der  Grund- 
eigentümer verlangt  sogar  für  unangebautes  Land  eine 
ßente,  und  der  vermeinte  Zins  oder  Gewinn  auf  die  Ver- 
besserungskosten sind  gewöhnlich  nur  ein  Zusatz  zur 
ursprünglichen  Rente.  Überdies  werden  die  Verbesse- 
rungen nicht  immer  vom  Kapital  des  Grundeigentümers, 
sondern  manchmal  von  dem  des  Pächters  gemacht. 
Kommt  aber  die  Zeit,  wo  der  Pachtkontrakt  erneuert 
werden  soll,  so  fordert  der  Grundeigentümer  gewöhn- 
lich dieselbe  Erhöhung  der  Rente,  als  wenn  er  die 
Verbesserungen  aus  eigenen  Mitteln  bewirkt  hätte. 

Zuweilen  verlangt  er  eine  Rente  für  Dinge,  die 
der  Verbesserung  durch  Menschenhand  durchaus  un- 
fähig sind.  Kelp  ist  eine  Art  Seegras,  das  verbrannt 
ein  alkalisches  Salz  liefert,  das  zur  Bereitung  von 
Glas,  Seife  und  zu  anderen  Zwecken  dient.  Es  wächst 
an  einigen  Orten  Großbritanniens,  namentlich  in  Schott- 
land, nur  auf  solchen  Felsen,  die  innerhalb  der  Flut- 
grenze liegen  und  täglich  zweimal  vom  Wasser  bedeckt 
werden,  so  daß  es  unmöglich  durch  menschlichen 
Fleiß  vermehrt  werden  kann.  Dennoch  wird  ein 
Grundeigentümer,  dessen  Gut  von  einem  Kelpufer 
eingeschlossen  ist,  eben  so  gut  von  diesem,  wie  von 
seinen  Kornfeldern,  eine  Rente  verlangen. 

Das  Meer  in  der  Umgebung  der  Shetlandsinseln  ist 
vorzugsweise  reich  an  Fischen,  die  ein  Hauptnahrungs- 


Kap.  XI.:  Die  Grundrente.  203 

mittel  ihrer  Bewohner  ausmachen.  Um  aber  von  diesem 
Produkt  des  "Wassers  Nutzen  zu  ziehen,  müssen  sie 
ihre  Wohnung  am  anstoßenden  Laude  haben.  Die 
Rente  des  Grundeigentümers  richtet  sich  hier  nicht 
bloß  danach,  was  der  Pächter  aus  dem  Lande  ziehen 
kann,  sondern  danach,  was  ihm  beide,  Land  und  Wasser, 
einbringen.  Sie  wird  zum  Teil  in  Seefischen  bezahlt, 
und  es  tritt  hier  einer  von  den  sehr  seltenen  Fällen 
ein,  in  dem  die  Rente  einen  Teil  des  Preises  dieser 
Ware  ausmacht. 

Die  Grundrente  ist  daher,  als  der  für  die  Benutzung 
des  Bodens  bezahlte  Preis,  natürlich  ein  Monopolpreis. 
Er  richtet  sich  durchaus  nicht  nach  dem,  was  der  Grund- 
eigentümer für  die  Verbesserung  des  Landes  verausgabt 
hat,  oder  woran  er  sich  genügen  lassen  könnte,  sondern 
nach  dem,  was  der  Pächter  zu  geben  imstande  ist. 

In  der  Regel  können  nur  solche  Bodenprodukte  zu 
Markte  gebracht  werden,  deren  gewöhnlicher  Preis  hoch 
genug  ist,  um  das  darauf  verwendete  Kapital  samt  dem 
gewöhnlichen  Kapitalgewinn  wieder  einzubringen.  Be- 
trägt der  gewöhnliche  Preis  mehr,  so  wird  der  Über- 
schuß natürlich  auf  die  Grundrente  fallen;  beträgt  er 
weniger,  so  kann  die  Ware  zwar  zu  Markte  gebracht 
werden,  dem  Grundeigentümer  aber  keine  Rente  ab- 
werfen. Ob  der  Preis  höher  oder  niedriger  ist,  hängt 
von  der  Nachfrage  ab. 

Es  gibt  gewisse  Bodenprodukte,  nach  denen  stets 
eine  derartige  Nachfrage  sein  muß,  daß  die  Gewährung 
eines  höheren  Preises,  als  hinreichend  ist,  sie  auf  den 
Markt  zu  bringen,  gesichert  ist;  und  es  gibt  andere, 
bei  denen  es  einmal  der  Fall  ist,  ein  anderes  Mal  aber 
nicht.  Die  ersteren  müssen  dem  Grundeigentümer 
immer  eine  Rente  gewähren;  die  letzteren  hingegen 
tun  dies  nach  Umständen. 

Die  Rente  tritt  daher,  wie  zu  beachten  ist,  auf  eine 
andere  Weisein  die  Zusammensetzung  des  Warenpreises 


204  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der   Ertragskraft  der  Arbeit. 

ein,  als  der  Lohn  und  der  G-evvinn.  Hoher  oder  niedri- 
ger Lohn  und  Gewinn  sind  die  Ursachen  eines  hohen 
oder  niedrigen  Preises;  hohe  oder  niedrige  Rente  ist 
seine  Wirkung.  Weil  hoher  oder  niedriger  Lohn  und 
Gewinn  gezahlt  werden  muß,  damit  eine  bestimmte 
Ware  zu  Markte  komme,  ist  ihr  Preis  hoch  oder  niedrig. 
Aber  ob  eine  hohe,  niedrige  oder  gar  keine  Rente  ge- 
zahlt wird,  hängt  davon  ab,  ob  der  Preis  der  Ware 
hoch  oder  niedrig  ist,  d.  h.  ob  er  viel  mehr  oder  etwas 
mehr  oder  gar  nicht  mehr  beträgt,  als  zur  Bezahlung 
des  Lohns  und  Gewinns  erforderlich  ist.- 

Die  gesonderte  Betrachtung  erstens  derjenigen 
Teile  des  Bodenertrags,  die  stets  eine  Rente  gewähren; 
zweitens  derjenigen,  die  bald  eine  gewähren  und  bald 
nicht;  und  drittens  der  Schwankungen,  welche  in  den 
verschiedenen  Perioden  der  Kultur  in  dem  relativen 
Werte  dieser  beiden  Arten  roher  Produkte  naturgemäß 
eintreten,  ob  man  sie  unter  einander  oder  mit  den  In- 
dustrieerzeugnissen vergleicht,  —  läßt  dieses  Kapitel 
in  drei  Abteilungen  zerfallen. 


Erste  Abteilung. 
Bodenerzeugnisse,  die  immer  eine  Rente  abwerfen. 

Da  die  Menschen  gleich  allen  anderen  lebenden 
Wesen  sich  natürlich  nach  dem  Maße  der  vorhandenen 
Unterhaltsmittel  vermehren,  so  ist  nach  Nahrungs- 
mitteln allezeit  mehr  oder  weniger  Nachfrage.  Gegen 
Nahrungsmittel  steht  stets  eine  größere  oder  kleinere 
Menge  Arbeit  zu  Gebote,  und  es  finden  sich  immer 
Menschen,  die  etwas  zu  tun  bereit  sind,  um  sie  zu 
erhalten.  Die  Menge  Arbeit,  welche  gegen  Nahrungs- 
mittel gekauft  werden  kann,  ist  wegen  der  hohen 
Löhne,  die  zuweilen  für  Arbeit  gezahlt  werden,  zwar 


Kap.  XT,I.:   Bodenerzeu^-nisse  mit  stetiger  Rente.       205 

nicht  immer  nur  genau  so  groß,  als  zum  Unterhalt  der 
Arbeiter  erforderlich  wäre,  wenn  die  Nahrungsmittel  aufs 
sparsamste  zugemessen  würden.  Aber  stets  ist  so  viel 
Arbeit  dafür  zu  haben,  als  die  Nahrungsmittel  je  nach 
dem  Satze  unterhalten  können,  zu  welchem  diese  Art  von 
Arbeit  in  der  Umgegend  gewöhnlich  unterhalten  wird. 

Der  Boden  bringt  jedoch  fast  in  jeder  Lage  mehr 
Nahrung  hervor,  als  zum  reichlichsten  Unterhalt  aller 
der  Arbeiter,  deren  es  bedarf,  um  sie  auf  den  Markt  zu 
bringen,  erforderlich  ist.  Auch  ist  der  Überschuß  stets 
mehr  als  hinreichend,  um  das  in  die  Arbeit  gesteckte 
Kapital  mit  Zinsen  wieder  zu  erstatten.  Etwas  bleibt 
mithin  stets  als  Rente  für  den  Grrundeigentümer  übrig. 

Die  ödesten  Moore  Norwegens  und  Schottlands 
bringen  etwas  Weide  für  das  Vieh  hervor,  dessen  Milch 
und  Nachwuchs  stets  mehr  als  hinreichend  ist,  nicht  nur 
die  zur  Wartung  des  Viehes  erforderlichen  Arbeiter  zu 
ernähren,  und  dem  Pächter  oder  Eigentümer  der  Her- 
den den  gewöhnlichen  Kapitalgewinn  zu  verschaffen, 
sondern  auch  für  den  Grundherrn  eine  kleine  Rente  ab- 
zuwerfen. Diese  Rente  steigt  mit  der  Güte  des  Weide- 
landes. Ein  ebenso  großes  Stück  Land  ernährt  zuweilen 
nicht  allein  eine  größere  Menge  Vieh,  sondern  erfordert 
auch,  da  es  auf  kleinerem  Räume  beisammen  ist,  woni- 
ger Arbeit  zu  seiner  Wartung  und  zur  Einsammlung 
des  Milchertrags.  Der  Grundeigentümer  gewinnt  dop- 
pelt: durch  die  Zunahme  des  Ertrags  und  durch  die 
Verminderung  der  Arbeit,  die  aus  ihm  unterhalten  wird. 

Die  Grundrente  ist  nicht  nur  je  nach  der  Frucht- 
barkeit, welcher  Art  die  Produkte  auch  sein  mögen, 
sondern  auch  bei  gleicher  Fruchtbarkeit,  je  nach  der 
Lage  verschieden.  Land  in  der  Nähe  einer  Stadt  wirft 
eine  größere  Rente  ab,  als  gleich  fruchtbares  Land  in 
einer  entlegenen  Gegend.  Kostet  der  Anbau  dos  einen 
auch  nicht  mehr  als  der  des  anderen,  so  muß  es  doch 


206  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

immer  mehr  Kosten  verursachen,  die  Produkte  eines 
entlegenen  Grundstücks  auf  den  Markt  zu  bringen. 
Da  mithin  eine  größere  Menge  Arbeit  davon  bezahlt 
werden  muß,  so  wird  notwendig  der  Überschuß,  aus 
dem  der  Gewinn  des  Pächters  und  die  Rente  des 
Grundeigentümers  gezogen  wird,  geringer  werden. 
Aber  in  entlegenen  Gegenden  ist,  wie  schon  gezeigt 
wurde,  der  Gewinnsatz  gewöhnlich  höher  als  in  der 
Nähe  einer  großen  Stadt  und  es  muß  daher  dem 
Grundeigentümer  ein  kleinerer  Anteil  an  diesem  ver- 
ringerten Überschuß  zufallen. 

Gute  Wege,  Kanäle  und  schiffbare  Flüsse  er- 
mäßigen die  Frachtkosten  und  stellen  dadurch  die 
entlegenen  Teile  eines  Landes  mit  der  Umgegend 
einer  Stadt  ziemlich  auf  denselben  Fuß.  Sie  sind 
deswegen  der  größte  aller  Fortschritte.  Sie  ermuntern 
den  Anbau  der  entlegenen  Gegenden  eines  Landes,  die 
stets  am  umfangreichsten  sind.  Sie  sind  vorteilhaft  für 
die  Stadt,  indem  sie  das  Monopol  des  platten  Landes 
der  Umgegend  aufheben ;  sie  nützen  aber  auch  dieser 
Umgegend  selbst.  Obwohl  sie  konkurrierende  Waren 
auf  ihren  frühern  Markt  bringen,  öffnen  sie  doch  auch 
ihren  Erzeugnissen  manche  neuen  Märkte.  Überdies 
ist  das  Monopol  ein  großer  Feind  guter  Wirtschaft, 
die  nur  infolge  jenes  freien  und  allgemeinen  Wett- 
bewerbs, der  jedermann  um  seiner  eigenen  Selbstver- 
teidigung willen  zwingt,  sein  Geschäft  ordentlich  zu 
treiben,  sich  allgemein  verbreiten  kann.  Es  ist  kaum 
fünfzig  Jahre  her,  daß  einige  Grafschaften  in  der 
Nähe  von  London  bei  dem  Parlament  gegen  die  Aus- 
dehnung der  Chausseen  bis  in  die  entfernteren  Ge- 
genden des  Landes  vorstellig  wurden.  Diese  ent- 
legeneren Gegenden,  behaupteten  sie,  würden  sich 
durch  die  Wohlfeilheit  ihrer  Arbeit  instand  gesetzt 
sehen,   Heu  und  Getreide  auf  dem  Londoner  Markte 


Kap.  XI,I.:  BodenerzetigTiis.se  mit  stetiger  r?ente.       207 

wohlfeiler  als  sie  zu  verkaufen,  und  dadurch  ihre 
Renten  vermindern  und  ihren  Landbau  zu  Grunde 
richten.  Ihre  Renten  sind  jedoch  seitdem  gestiegen 
und  ihr  Bodenanbau  hat  sich  verbessert. 

Ein  Getreidefeld  von  massiger  Fruchtbarkeit  bringt 
viel  mehr  Nahrungsmittel  für  die  Menschen  hervor,  als 
der  beste  Weideplatz  von  gleichem  Umfang.  Erfordert 
seine  Bestellung  auch  weit  mehr  Arbeit,  so  ist  doch 
der  nach  Abzug  der  Saat  und  des  Unterhalts  der  Ar- 
beiter übrig  bleibende  Ertrag  gleichfalls  weit  größer. 
Wäre  mithin  ein  Pfund  Fleisch  zu  keiner  Zeit  mehr 
wert  gewesen,  als  ein  Pfund  Brot,  so  würde  jener 
größere  Überschuß  auch  immer  von  größerem  Werte 
sein,  und  sowohl  den  Gewinn  des  Pächters  wie  die 
Rente  des  Grundherrn  erhöhen.  Und  so  scheint  es 
wirklich  in  den  rohen  Anfängen  der  Bodenkultur  all- 
gemein der  Fall  gewesen  zu  sein. 

Aber  der  relative  Wert  dieser  verschiedenen  Nah- 
rungsmittel, des  Brotes  und  des  Fleisches,  ist  in  den 
verschiedenen  Zeiten  der  Landwirtschaft  sehr  ungleich. 
In  ihren  rohen  Anfängen  werden  die  nicht  urbar  ge- 
machten Wildnisse,  die  zu  dieser  Zeit  den  bei  weitem 
größten  Teil  des  Landes  einnehmen,  samt  und  sonders 
dem  Vieh  überlassen.  Es  gibt  dann  mehr  Fleisch,  als 
Brot,  und  folglich  ist  das  Brot  dasjenige  Nahrungs- 
mittel, für  das  die  größte  Konkurrenz  vorhanden  ist, 
und  das  darum  auch  höher  im  Preis  steht.  In  Buenos- 
Aires  waren,  wie  Ulloa  erzählt,  noch  vor  vierzig  oder 
fünfzig  Jahren  vier  Realen  (21^/2  Pence)  der  gewöhn- 
liche Preis  eines  aus  einer  Herde  von  zwei  oder  drei 
hundert  Stück  ausgesuchten  Rindes.  Vom  Preise  des 
Brotes  redet  Ulloa  nicht,  wahrscheinlich  weil  er  nichts 
Auffallendes  daran  fand.  Ein  Rind,  sagt  er,  kostet  dort 
wenig  mehr,  als  die  Arbeit,  es  zu  fangen.  Dagegen 
kann  Getreide  nicht  ohne  viele  Arbeit  gezogen  werden, 


208  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

und  in  einem  Lande,  das  am  La  Plata  liegt,  damals  der 
direkten  Straße  von  Europa  nach  den  Silberminen  von 
Potosi,  konnte  der  Geldpreis  der  Arbeit  nicht  sehr  wohl- 
feil sein.  Anders  verhält  sich  die  Sache,  wenn  der  An- 
bau sich  schon  über  den  größten  Teil  des  Landes  aus- 
gedehnt hat.  Dann  giebt  es  mehr  Brot  als  Fleisch,  der 
Wettbewerb  ändert  seine  Richtung,  und  der  Preis  des 
Fleisches  wird  höher,  als  der  des  Brotes. 

Durch  die  Ausdehnung  der  Bodenkultur  wird  ohne- 
hin das  unbebaute  Weideland  unzureichend,  der  Nach- 
frage nach  Fleisch  zu  genügen.  Dann  muß  ein  großer 
Teil  des  bestellten  Landes  zur  Zucht  und  Mast  des 
Yiehs  hergegeben  werden,  und  der  Preis  des  letzteren 
muß  also  hoch  genug  sein,  um  nicht  nur  die  zur  Vieh- 
zucht nötige  Arbeit,  sondern  auch  die  Rente,  welche 
der  Grundeigentümer,  und  den  Gewinn,  den  der  Pächter 
aus  solchem  Lande  zog,  so  lange  es  als  Ackerland  be- 
nutzt wurde,  zu  bezahlen.  Das  Vieh,  das  auf  völlig 
unbebautem  Haideland  aufwächst,  erzielt  auf  dem  Markte 
je  nach  dem  Gewicht  oder  der  Güte  denselben  Preis 
wie  das  auf  den  besten  Ländereien  aufgezogene.  Die 
Eigentümer  solcher  Haiden  gewinnen  dabei,  und  steigern 
die  Rente  ihres  Landes  nach  dem  Verhältnis  des  Vieh- 
preises. Noch  vor  einem  Jahrhundert  war  in  vielen 
Gegenden  der  schottischen  Hochlande  Fleisch  ebenso 
wohlfeil,  oder  noch  wohlfeiler,  als  Haferbrot.  Nachdem 
aber  die  Vereinigung  der  beiden  Königreiche  dem  Vieh 
des  Hochlandes  den  englischen  Markt  geöffnet  hat,  ist 
der  gewöhnliche  Preis  dreimal  so  hoch,  als  am  Anfang 
des  Jahrhunderts,  und  die  Renten  vieler  hochländischen 
Güter  haben  sich  in  derselben  Zeit  verdrei-  und  vervier- 
facht. Fast  durchweg  ist  heute  in  Großbritannien  ein 
Pfund  des  besten  Fleisches  mehr  wert,  als  zwei  Pfund 
des  besten  Weizenbrots;  und  in  Jahren  reicher  Ernten 
ist  es  mitunter  drei  oder  vier  Pfund  Weizenbrot  wert. 


Kap.  XI,I.:  Eodenerzeugnisse  mit  stetiger  Ixente.       209 

So  wird  bei  fortschreitender  Kultur  die  Rente  und 
der  Gewinn  unangebauten  "Weidelandes  in  einem  ge- 
wissen Grade  durch  die  ßente  und  den  Gewinn  des 
angebauten  Landes  und  diese  ihrerseits  werden  durch 
die  Rente  und  den  Gewinn  des  Getreides  bedingt.  Ge- 
treide erntet  man  Jahr  aus,  Jahr  ein,  Fleisch  hingegen 
braucht  vier  oder  fünf  Jahre,  um  zum  Verbrauch  des 
Menschen  reif  zu  werden.  Bringt  nun  ein  Morgen  viel 
weniger  von  dem  einen,  als  von  dem  andern  Nahrungs- 
mittel hervor,  so  muß  die  geringere  Menge  durch 
den  höheren  Preis  ausgeglichen  werden.  Würde  sie 
mehr  als  ausgeglichen,  so  würde  man  mehr  Getreide- 
land in  Weideplätze  verwandeln;  wäre  dies  nicht  der 
Fall,  so  würde  man  einen  Teil  der  Weideplätze  wieder 
zum  Getreidebau  verwenden. 

Man  muß  jedoch  festhalten,  daß  diese  Gleichheit 
zwischen  Rente  und  Gewinn  von  Gras,  d.  h.  von  einem 
Boden,  dessen  unmittelbares  Erzeugnis  Nahrung  für 
Vieh,  und  einem  andern,  dessen  unmittelbares  Er- 
zeugnis Nahrung  für  Menschen  ist,  nur  durchschnitt- 
lich vom  größten  Teil  des  kultivierten  Bodens  eines 
großen  Landes  gilt.  Gewisse  örtliche  Lagen  aber 
können  dies  ändern,  und  Rente  und  Gewinn  vom 
Grasland  sind  dort  weit  höher,  als  vom  Getreideland. 

So  bewirkt  oft  in  der  Nähe  einer  großen  Stadt 
die  Nachfrage  nach  Milch  und  Pferdefutter,  so  wie  der 
hohe  Preis  des  Fleisches  eine  Steigerung  des  Werts  von 
Grasland  über  sein  so  zu  sagen  natürliches  Verhältnis 
zum  Getreideland.  Dieser  örtliche  Vorteil  kann  jedoch 
offenbar  entfernteren  Ländereien  nicht  zu  Gute  kommen. 

Manche  Länder  sind  durch  besondere  Umstände  so 
volkreich  geworden,  daß  ihr  ganzes  Gebiet  in  ähnlicher 
Weise,  wie  die  Ländereien  in  der  Nähe  einer  großen 
Stadt,  unzureichend  geworden  ist,  um  das  für  den  Bedarf 
der  Einwohner  nötige  Getreide  und  das  Viehfutter  zu 

Adam  Smith,  VolkswoLüstand.  I.  ü 


210  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

liefern.  Ihr  Boden  wird  deshalb  hauptsächlich  zum 
Ziehen  von  Futterpflanzen  benutzt,  die  wegen  ihrer 
Massigkeit  nicht  so  leicht  aus  weiter  Ferne  herbeige- 
schafft werden  können,  wohingegen  das  Getreide,  das 
Nahrungsmittel  der  großen  Masse  des  Volks,  meist  aus 
fremden  Ländern  eingeführt  wird.  GegenAvärtig  befindet 
sich  Holland  in  dieser  Lage,  und  in  der  Blütezeit  der 
Römer  scheint  es  mit  einem  großen  Teil  des  alten  Italiens 
eben  so  gewesen  zu  sein.  Eine  gute  Viehzucht,  sagte 
nach  Ciceros  Bericht  der  ältere  Cato,  ist  das  erste  und 
gewinnreichste  in  der  Landwirtschaft,  leidliche  Vieh- 
zucht das  zweite,  und  schlechte  das  dritte.  Der  Feld- 
wirtschaft wies  er  erst  den  vierten  Platz  im  Gewinn  und 
Vorteil  an.  In  der  Tat  muß  die  Feldwirtschaft  in  der 
Umgegend  Roms  durch  die  häufigen  Verteilungen  von 
Getreide  an  das  Volk,  entweder  umsonst  oder  zu  sehr 
niedrigem  Preise,  damals  außerordentlich  entmutigt 
worden  sein.  Dies  Getreide  wurde  aus  den  eroberten 
Provinzen  gebracht,  von  denen  manche  dem  Staate  an 
Stelle  von  Steuern  den  zehnten  Teil  ihrer  Bodenerzeug 
nisse  zu  einem  festgesetzten  Preis,  etwa  sechs  Pence  für 
das  Peck,  liefern  mußten.  Der  niedrige  Preis,  zu  dem 
dies  Getreide  an  das  Volk  verteilt  wurde,  mußte  not- 
wendig den  Preis  des  aus  Latium,  dem  alten  Gebiete 
Roms,  zu  Markt  kommenden,  drücken  und  vom  Ge- 
treidebau abschrecken. 

In  einer  waldlosen  Gegend,  deren  Haupterzeugnis 
Getreide  ist,  wird  ebenfalls  ein  wohl  gehegtes  Weideland 
oft  besser  rentieren,  als  ein  benachbartes  Getreidefeld. 
Es  dient  zum  Unterhalt  des  für  den  Ackerbau  nötigen 
Viehs,  und  seine  Rente  wird  in  diesem  Falle  nicht  so- 
wohl von  dem  AVerte  seines  eignen  Erzeugnisses,  als 
von  dem  des  Getreidelandes  gezahlt,  das  als  "Weide 
dient.  Die  Rente  würde  wahrscheinlich  sinken,  wenn 
die  benachbarten  Ländereien  alle  zu  Weide  gemacht 
würden.     Die    gegenwärtige    hohe   Rente    eingehegter 


Kap.  XlJ.:  Bodenerzeiignisse  mit  stetiger  Rente.       211 

Weiden  in  Schottland  scheint  von  ihrer  Seltenheit 
herzurühren,  und  wird  wahrscheinlich  nur  so  lange 
dauern,  wie  diese  Seltenheit.  Der  Vorteil  des  Einhegens 
ist  für  die  Weide  größer,  als  für  das  Getreide,  da 
hierdurch  die  Arbeit  des  Hüters  erspart  wird,  und 
das  Yieh  auch  viel  besser  gedeiht,  wenn  es  nicht  von 
dem  Hirten  und  seinem  Hunde  beunruhigt  wird. 

Wo  sich  aber  kein  ähnlicher  örtlicher  Vorteil  findet, 
muß  natürlich  die  ßente  und  der  Gewinn,  die  das  Ge- 
treide, oder  was  sonst  die  gewöhnliche  Pflanzennahrung 
des  Volkes  bildet,  auf  den  dazu  geeigneten  Ackern  er- 
giebt,  die  Rente  und  den  Gewinn  der  Weiden  bestimmen. 

Es  wäre  zu  erwarten,  daß  die  Einführung  der  künst- 
lichen Futterkräuter,  der  Rüben,  der  Möhren,  des  Kohls 
und  anderer  Auskunftsmittel,  auf  die  man  gekommen 
ist,  um  auf  einem  gleich  großen  Stück  Land  eine 
größere  Anzahl  Vieh  zu  ziehen,  als  es  mit  dem  wild- 
wachsenden Gras  tunlich  ist,  den  höheren  Preis  des 
Fleisches  gegen  das  Brot  etwas  ermäßigte.  In  der 
Tat  scheint  es  auch  so  zu  sein,  und  man  hat  einigen 
Grund  zu  glauben,  daß  wenigstens  auf  dem  Londoner 
Markte  der  Preis  des  Fleisches  im  Verhältnis  zu  dem 
des  Brotes  in  neuerer  Zeit  viel  niedriger  ist,  als  er 
es  im  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  war. 

In  dem  Anhange  zum  Leben  des  Prinzen  Heinrich 
hat  uns  Doktor  Birch  ein  Verzeichnis  der  im  Haushalt 
dieses  Prinzen  gewöhnlich  gezahlten  Fleischpreise  ge- 
geben. Es  heißt  dort,  daß  die  vier  Viertel  eines  Ochsen 
von  600  Pfd.  ihn  gewöhnlich  ungefähr  £  9.  10  sh. 
gekostet  haben;  das  macht  31  sh.  8  d.  für  100  Pfund. 
Prinz  Heinrich  starb  am  6.  November  1612,  in  seinem 
neunzehnten  Jahre. 

Im  März  1764  wurde  vom  Parlament  eine  Unter- 
suchung über  die  Ursachen  der  dermaligen  hohen  Le- 
bensmittelpreise   angeordnet.      Unter    anderem    wurde 


212  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

von  einem  Rheder  festgestellt,  daß  er  im  März  1763 
für  die  Verproviantierung  seiner  Schiffe  Rindfleisch  mit 
24  oder  25  Schilling  für  100  Pfund  bezahlt  habe,  was 
seiner  Ansicht  nach  der  gewöhnliche  Preis  war,  wäh- 
rend er  in  diesem  teuren  Jahre  27  sh.  habe  zahlen 
müssen.  Gleichwohl  ist  dieser  hohe  Preis  des  Jahres 
1764  um  4  sh.  8  d.  wohlfeiler,  als  der  vom  Prinzen 
Heinrich  gezahlte  gewöhnliche  Preis,  und  nur  das 
beste  Rindfleisch  eignet  sich  zum  Einsalzen  für  weite 
Reisen. 

Der  vom  Prinzen  Heinrich  bezahlte  Preis  beträgt 
3^/5  Pence  auf  das  Pfund  vom  ganzen  Ochsen,  gute 
und  schlechte  Stücke  zusammen;  folglich  konnten  nach 
diesem  Satze  ausgesuchte  Stücke  im  Detailverkauf 
nicht  unter  4V2 — 5  d.    das  Pfund   abgelassen  werden. 

Bei  der  erwähnten  Enquete  von  1764  gaben  die 
•Zeugen  an,  daß  ausgesuchte  Stücke  vom  besten  Rind- 
fleisch den  Verbraucher  auf  4  und  4^-2  d.  das  Pfund 
und  ordinäre  Stücke  im  Allgemeinen  auf  7  Farthing 
(1-^/4  d.)  bis  zu  2V2  und  2^/4  d.  zu  stehen  kommen; 
ein  Preis,  der  nach  ihrer  Aussage  im  Ganzen  um 
einen  halben  Penny  höher  ist,  als  der,  für  den  die- 
selben Stücke  im  März  verkauft  zu  werden  pflegten. 
Dennoch  ist  auch  dieser  hohe  Preis  noch  viel  wohl- 
feiler, als  der  gewöhnliche  Detailpreis  zur  Zeit  des 
Prinzen  Heinrich  sein  mußte. 

Während  der  ersten  zwölf  Jahre  des  vorigen  Jahr- 
hunderts war  der  Durchschnittspreis  des  besten  Wei- 
zens auf  dem  Markte  zu  Windsor  £  1.  18  sh.  3^G  d. 
der  Quarter  ä  neun  Winchester  Busheis. 

Dagegen  war  in  den  zwölf  Jahren  vor  1764, 
letzteres  Jahr  mit  inbegriffen,  der  Durchschnittspreis 
derselben  Quantität  Weizens  auf  dem  nämlichen  Markte 
£  2.   1  sh.  9V2  d. 

Hieraus  geht  hervor,  daß  in  den  zwölf  ersten  Jahren 


Kap.  XI,I.:  Bodenerzeugnisse  mit  stetiger  Rente.       213 

des  vorigen  Jahrhunderts  der  Weizen  viel  wohlfeiler 
und  das  Fleisch  viel  teurer  war,  als  in  den  zwölf 
Jahren  vor  1764,   mit  Einschluß  des  letzteren  Jahres. 

In  allen  großen  Ländern  wird  der  größte  Teil  des 
angebauten  Bodens  zur  Erzeugung  von  Nahrung  für 
Menschen  oder  Vieh  verwendet.  Rente  und  Gewinn 
dieses  Teiles  regeln  die  Rente  und  den  Gewinn  alles 
anderen  angebauten  Landes.  Bringt  irgend  ein  Produkt 
weniger  ein,  so  wird  man  den  Boden  bald  in  Korn- 
feld oder  Weide  verwandeln;  bringt  es  mehr  ein,  so 
wird  man  einen  Teil  des  Getreide-  und  Weidelandes 
auf  das  entsprechende  Produkt  verwenden. 

Produkte,  die  entweder  größere  Ausgaben  beim 
ersten  Anbau,  oder  einen  größeren  jährlichen  Zuschuß 
für  ihre  weitere  Kultur  erfordern,  scheinen  zwar  ge- 
wöhnlich eine  größere  Rente  oder  aber  einen  größeren 
Gewinn  abzuwerfen,  als  Getreide  oder  Futterkräuter; 
selten  aber  wird  dieser  Mehrertrag  einen  billigen  Zins 
oder  Ersatz  für  die  Mehrkosten  übersteigen. 

Bei  einem  Hopfen-,  Obst-  oder  Gemüsegarten  pflegt 
die  Rente  des  Grundeigentümers  und  der  Gewinn  des 
Pächters  höher  zu  sein,  als  bei  einem  Getreidefeld  oder 
Weideland.  Aber  es  erfordert  auch  mehr  Kosten,  den 
Boden  dazu  herzurichten,  und  muß  deshalb  dem  Grund- 
eigentümer eine  höhere  Rente  bringen.  Andererseits 
erfordert  solches  Land  eine  aufmerksamere  und  ge- 
schicktere Behandlung:  deshalb  gebührt  dem  Pächter 
ein  größerer  Gewinn.  Auch  ist  die  Ernte,  wenigstens 
der  Hopfen-  und  Obstgärten,  ungewisser,  und  der  Preis 
muß  deshalb  außer  dem  Ersatz  gelegentlicher  Verluste 
auch  noch  eine  Art  Versicherungsprämie  liefern.  Die 
in  der  Regel  ärmlichen,  immer  aber  nur  mäßigen  Ver- 
mögensumstände der  Gärtner,  beweisen  hinlänglich, 
daß  ihre  große  Geschicklichkeit  in  der  Regel  nicht  zu 
gut  belohnt  wird.  Ihre  angenehme  Kunst  wird  von  so 


214;  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

vielen  reichen  Leuten  zum  Zeitvertreib  ausgeübt,  daß 
die,  welche  davon  leben  wollen,  nur  wenig  Vorteil 
daraus  ziehen  können,  weil  die  Leute,  die  eigentlich 
ihre  besten  Kunden  sein  sollten,  sich  mit  ihren  kost- 
barsten Produkten  selber  versorgen. 

Der  Vorteil,  den  der  Grundeigentümer  aus  solchen 
Anlagen  zieht,  scheint  zu  keiner  Zeit  größer  gewesen 
zu  sein,  als  zum  Ersatz  der  ursprünglichen  Bestellungs- 
kosten hinreichend  war.  In  der  Landwirtschaft  des 
Altertums  scheint  nächst  dem  Weinberge  ein  gutbe- 
wässerter Gemüsegarten  derjenige  Teil  des  Gutes  ge- 
wesen zu  sein,  den  man  für  den  einträglichsten  hielt. 
Doch  meinte  Demokrit,  der  ungefähr  vor  zweitausend 
Jahren  über  Landwirtschaft  geschrieben  hat,  und  bei 
den  Alten  als  einer  der  Väter  dieser  Kunst  galt,  es 
sei  nicht  vorteilhaft,  einen  Gemüsegarten  einzuhegen. 
Sein  Gewinn,  sagte  er,  ersetze  die  Kosten  einer  Stein- 
mauer nicht  und  Ziegel  —  er  verstand  darunter,  wie 
ich  glaube,  an  der  Sonne  gebackene  Ziegel  —  ver- 
witterten durch  Regen  und  rauhe  Winde  und  bedürften 
beständiger  Ausbesserung.  Columella,  der  dies  Urteil 
Demokrits  mitteilt,  widerspricht  ihm  nicht,  sondern  rät 
nur  zu  einer  sehr  wohlfeilen  Einhegungsart,  nämlich 
einem  Zaune  aus  Brombeersträuchern  und  Dornen,  der, 
wie  er  aus  eigener  Erfahrung  wisse,  sehr  haltbar  und 
undurchdringlich  sei,  zur  Zeit  Demokrits  aber  wenig- 
bekannt  gewesen  zu  sein  scheint.  Palladius  tritt  der 
Meinung  Columellas,  die  auch  Varro  bestätigt  hatte, 
bei.  Nach  dem  Urteil  dieser  alten  Schriftsteller  war, 
wie  es  scheint,  der  Ertrag  eines  Gemüsegarten  kaum 
mehr  als  hinreichend,  um  die  ungemeine  Pflege  und 
die  Kosten  der  Bewässerung  bezahlt  zu  machen;  denn 
damals,  wie  noch  heute,  erachtete  man  es  in  so  heißen 
Ländern  für  notwendig,  ein  fließendes  Wasser  zu 
haben,  das  auf  jedes  Gartenbeet  geleitet  werden  konnte. 


Kap.  XI,I.:  Bodenerzeugnis.se  mit  stetiger  Rente.      215 

Auch  jetzt  noch  hält  man  im  größten  Teil  Europas 
einen  Gremüsegarten  nicht  für  einträglich  genug,  um 
einen  besseren  Zaun,  als  den  von  Columella  empfoh- 
lenen, zu  verdienen.  In  Großbritannien  und  mehreren 
anderen  nördlichen  Ländern  können  die  feineren  Früchte 
nur  unter  dem  Schutze  einer  Mauer  zur  Reife  gebracht 
werden.  In  solchen  Ländern  muß  daher  der  Preis  des 
Obstes  hoch  genug  sein,  um  die  Kosten  des  Baues  und 
Unterhalts  der  unentbehrlichen  Einfriedigung  zu  be- 
streiten. Die  Mauer  des  Obstgartens  schließt  oft  auch 
den  Gemüsegarten  ein,  dem  dadurch  der  Vorteil  einer 
Einhegung  zu  teil  wird,  die  aus  seinem  Ertrage  nicht 
hätte  bezahlt  werden  können. 

Daß  ein  gut  gehaltener  und  zur  Vollkommenheit 
gebrachter  Weinberg  der  wertvollste  Teil  eines  Gutes 
sei,  scheint  in  der  Landwirtschaft  der  Alten  ein  unbe- 
zweifelter  Grundsatz  gewesen  zu  sein,  wie  er  es  heute 
noch  in  allen  AVeinländern  ist.  Ob  es  aber  vorteilhaft 
sei,  einen  neuen  "Weinberg  anzulegen,  war,  wie  man 
aus  Columella  ersieht,  unter  den  alten  italienischen 
Landwirten  eine  Streitfrage.  Er  selbst  entscheidet  sich 
als  ein  wahrer  Liebhaber  aller  sorgfältigen  Kultur  zu 
gunsten  des  Weinbergs  und  sucht  durch  einen  Vor- 
gleich des  Gewinnes  mit  den  Kosten  zu  beweisen, 
daß  der  Weinbau  eine  sehr  vorteilhafte  Kultur  sei. 
Vergleiche  zwischen  Gewinn  und  Kosten  sind  jedoch 
bei  neuen  Produkten  in  der  Regel  höchst  trügerisch, 
am  allermeisten  aber  in  der  Landwirtschaft.  Wäre 
der  aus  solchen  Pflanzungen  sich  ergebende  Gewinn 
in  der  Regel  so  groß  gewesen,  wie  Columella  an- 
nahm, so  hätte  kein  Streit  darüber  bestehen  können. 
Der  nämliche  Punkt  ist  auch  heute  noch  in  Wein- 
ländern oft  streitig.  Die  dortigen  Schriftsteller  über 
Landwirtschaft  scheinen  wie  Columella,  als  Freunde 
und  Beförderer  einer  hohen  Kultur,  allerdings  im  All- 
gemeinen geneigt  sich  zu  Gunsten  des  Weinbaues  zu 


216  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

erklären.  Auch  scheint  in  Frankreich  der  Eifer,  mit 
dem  die  Eigentümer  alter  Weinberge  die  Anlagen 
neuer  zu  hintertreiben  suchen,  für  ihre  Meinung  zu 
sprechen  und  darauf  hinzudeuten,  daß  diejenigen,  bei 
denen  die  nötige  Erfahrung  vorausgesetzt  werden  kann, 
diesen  Kulturzvveig  vorläufig  für  vorteilhafter  halten 
als  jeden  andern  im  Lande.  Es  scheint  jedoch  gleich- 
zeitig auch  darauf  hinzudeuten,  daß  der  höhere  Ge- 
winn nicht  länger  dauern  kann,  als  die  Gesetze,  welche 
gegenwärtig  den  freien  Anbau  dos  Weins  einschränken. 
Im  Jahre  1731  wurde  ein  Ministerialbefehl  erwirkt, 
der  sowohl  die  Anlegung  neuer  Weinberge,  als  auch 
die  Wiederherstellung  derer,  deren  Bebauung  zwei 
Jahre  lang  unterblieben  war,  verbot,  es  sei  denn,  daß, 
auf  Bericht  des  Intendanten  der  Provinz,  daß  das 
Land  untersucht  und  zu  jeder  anderen  Kultur  un- 
tauglich befunden  sei,  der  König  eine  ausdrückliche 
Erlaubnis  hierzu  gebe.  Den  Vorwand  zu  diesem  Erlaß 
gab  der  Mangel  an  Getreide  und  Viehfutter  und  der 
Überfluß  an  Wein.  Wäre  dieser  Überfluß  aber  wirk- 
lich festgestellt  worden,  so  würde  er  auch  ohne  einen 
Ministerialerlaß  die  Anlegung  neuer  Weinberge  da- 
durch verhindert  haben,  daß  er  den  Gewinn  dieses 
Kulturzweiges  unter  sein  natürliches  Verhältnis  zu  dem 
Gewinn  vom  Getreide  und  Viehfutter  heruntergebracht 
hätte.  Was  den  Kornmangel  betrifft,  der  durch  die 
Vermehrung  der  Weinberge  angeblich  verursacht  sein 
soll,  so  wird  in  ganz  Frankreich  nirgends  so  sorgfältig 
Getreide  gebaut,  wie  gerade,  so  weit  der  Boden  sich 
dazu  eignet,  in  den  Weinprovinzen,  wie  in  Burgund, 
Guienne  und  Ober-Languedoc.  Die  vielen  Arbeiter, 
die  in  dem  einen  Kulturzweige  gebraucht  werden,  mun- 
tern notwendig  zu  dem  andern  auf,  indem  sie  für  die 
Produkte  des  letzteren  einen  nahen  Markt  schaffen.  Die 
Zahl  der  zahlungsfähigen  Verbraucher  zu  verringern, 
ist  gewiß  ein  höchst  ungeeignetes  Mittel,  den  Getreide-, 


Kap.  XI, I.:   Bodenerzeugnis.se  mit  .stetiger  Rente.       217 

bau  zu  fördern.  Es  ist  das  eine  ähnliche  Wirtschafts- 
politik, wie  die,  welche  den  Landbau  dadurch  fördern 
will,  daß  sie  die  Industrie  schwächt. 

Rente  und  Gewinn  von  den  Erzeugnissen,  die  ent- 
weder größere  anfängliche  Kosten  zur  Herrichtung  des 
Landes,  oder  größere  jährliche  Kosten  erfordern,  sind 
also  zwar  oft  weit  höher,  als  die  von  Getreide  und 
Weideland,  werden  aber,  wenn  sie  nur  diese  au  Bei  - 
gewöhnlichen Kosten  wieder  erstatten,  in  Wahrheit 
durch  die  Rente  und  den  Gewinn  dieser  gewöhnlichen 
Ernten  bestimmt. 

Allerdings  kommt  es  zuweilen  vor,  daß  das  Stück 
Landes,  welches  für  ein  bestimmtes  Produkt  eingerichtet 
werden  kann,  zu  klein  ist,  um  die  wirksame  Nachfrage 
zu  befriedigen.  Der  gesamte  Ertrag  kann  an  solche 
Abnehmer  verkauft  werden,  die  etwas  mehr  zu  geben 
bereit  sind,  als  die  Bezahlung  der  Rente,  des  Gewinns 
und  Lohns  nach  ihren  natürlichen  oder  in  den  meisten 
Teilen  des  übrigen  kultivierten  Landes  bewilligten  Sätzen 
zusammen  erfordert.  Der  Rest  des  Preises,  der  nach 
Bezahlung  der  gesamten  Anlage-  und  Kulturkosten 
übrig  bleibt,  mag  in  diesem  Falle,  aber  auch  nur  in 
diesem,  gewöhnlich  in  keinem  regelmäßigen  Verhältnis 
zu  dem  gleichen  Überschuß  von  Getr-eide  und  Vieh- 
futter stehen,  sondern  es  in  beliebigem  Maße  über- 
schreiten, und  das  Meiste  von  diesem  Überschuß 
kommt  dem  Grundeigentümer  als  Rente  zu  gute. 

Das  gewöhnliche  und  natürliche  Verhältnis,  z.  B. 
zwischen  der  Rente  und  dem  Gewinn  des  Weins  und 
denen  des  Getreides  und  Futters,  kann  man  nur  bei 
denjenigen  Weinbergen  anzutreffen  erwarten,  die  bloß 
die  gewöhnlichen  guten  Weine  hervorbringen,  d.  h. 
solche,  die  fast  überall  auf  jedem  leichten  Kies-  oder 
Sandboden  wachsen  und  sich  nur  durch  ihre  Stärke 
und  Zuträglichkeit  empfehlen.  Nur  mit  solchen  AVein- 
bergen   kann   der  gewöhnliche   Boden    des   Landes  in 


218  Eryte«  Buch:  Zunahme  in  der  Ertrag.skraft  der  Arbeit. 

Wettbewerb  treten;  daß  er  es  mit  denen  von  ausge- 
zeichneter Qualität  nicht  kann,  ist  von  selbst  klar. 

Der  Wein  wird  durch  die  Verschiedenheit  des  Bodens 
mehr  beeinflußt,  als  jede  andere  Frucht.  Mancher  Boden 
erteilt  ihm  eine  Blume,  die,  wie  man  annimmt,  weder 
Kultur  noch  Behandlung  ihm  auf  einem  anderen  Boden 
geben  kann.  Diese  wirkliche  oder  eingebildete  Blume 
ist  zuweilen  dem  Produkte  einiger  weniger  Weinberge 
eigen,  bald  erstreckt  sie  sich  über  die  meisten  Wein- 
berge eines  kleinen  Gebiets,  bald  endlich  über  einen 
beträchtlichen  Teil  einer  großen  Provinz.  Die  ganze 
auf  den  Markt  gebrachte  Quantität  solcher  Weine  bleibt 
hinter  der  wirksamen  Nachfrage  d.  h.  der  Nachfrage 
derer,  die  Rente,  Gewinn  und  Lohn  nach  den  üblichen 
oder  für  gewöhnliche  Weinberge  geltenden  Sätzen  voll- 
auf zu  bezahlen  bereit  sind,  zurück.  Die  ganze  Quan- 
tität kann  mithin  an  Leute  verkauft  werden,  die  mehr 
zu  zahlen  bereit  sind,  und  hierdurch  steigt  der  Preis 
notwendig  über  den  des  gewöhnlichen  Weins.  Die 
Differenz  ist  größer  oder  kleiner,  je  nachdem  die  Mode 
und  der  geringe  Vorrat  den  Wettbewerb  der  Käufer 
mehr  oder  weniger  anfeuert.  Stets  aber  fällt  das  meiste 
davon  der  Rente  des  Grundeigentümers  zu.  Denn  ob- 
schon  solche  Weinberge  gewöhnlich  sorgfältiger  bestellt 
werden,  als  die  meisten  übrigen,  so  scheint  doch  der 
hohe  Preis  des  Weines  nicht  sowohl  eine  Wirkung,  als 
die  Ursache  dieser  sorgfältigen  Kultur  zu  sein.  Bei 
einem  so  wertvollen  Produkte  ist  ein  durch  Nachlässig- 
keit herbeigeführter  Verlust  groß  genug,  um  auch  den 
Fahrlässigsten  zur  Aufmerksamkeit  zu  nötigen.  Dem- 
nach ist  ein  kleiner  Teil  des  hohen  Preises  hinreichend, 
den  Lohn  für  die  ungewöhnlich  große  Arbeit  und  den 
Gewinn  für  das  mehr  als  gewöhnlicheKapital  zu  erstatten. 

Die  Zuckerpflanzungen,  die  die  europäischen  Na- 
tionen in  Westindien  besitzen,  lassen  sich  mit  diesen 
edeln  Weinbergen  vergleichen.  Ihr  gesamtes  Erträgnis 


Kap.  XI,I.:  Bodenerzeugnis.se  mit  stetiger  Rente.       219 

bleibt  hinter  der  wirksamen  Nachfrage  von  Seiten  Eu- 
ropas zurück  und  läßt  sich  an  Abnehmer  verkaufen, 
die  mehr  zu  geben  bereit  sind,  als  zur  Deckung  der 
Rente,  des  Gewinnes  und  Lohnes  nach  den  Sätzen  hin- 
reicht, zu  welchen  sie  durch  andere  Produkte  bezahlt 
zu  werden  pflegen.  In  Cochinchina  pflegt  nach  der  An- 
gabe Poivres'''),  eines  sehr  sorgfältigen  Beobachters  der 
Landwirtschaft  dieses  Landes,  der  Zentner  vom  feinsten 
weißen  Zucker  für  drei  Piaster,  also  etwa  18  sh.  6  d. 
unseres  Geldes,  verkauft  zu  werden.  Der  dortige 
Zentner  wiegt  zwischen  150 — 200,  oder  in  einer  Durch- 
schnittszahl 175  pariser  Pfund,  was  den  Preis  eines 
englischen  Zentners  von  hundert  Pfund  auf  etwa  8  sh. 
stellt,  also  nicht  den  vierten  Teil  dessen,  was  gewöhn- 
lich für  den  aus  unseren  Kolonien  eingeführten  braunen 
Zucker  (Muskovade)  gezahlt  wird,  und  nicht  den 
sechsten  Teil  dessen,  was  der  feinste  weiße  Zucker 
kostet.  Auf  dem  größten  Teil  des  kultivierten  Landes 
in  Cochinchina  werden  Getreide  und  Reis,  die  Nah- 
rungsmittel der  Volksmassen,  gebaut.  Die  Preise  des 
Getreides,  Reises  und  Zuckers  stehen  dort  wahrschein- 
lich in  ihrem  natürlichen  Verhältnis  zu  einander,  d.  h. 
in  demjenigen,  welches  naturgemäß  zwischen  den  ver- 
schiedenen Erzeugnissen  des  meisten  kultivierten  Landes 
platzgreift  und  sowohl  den  Grundeigentümer  wie  den 
Pächter  für  die  anfänglichen  Kosten  der  Anlage  und 
die  jährlichen  Kosten  der  Bebauung  ungefähr  ent- 
schädigt. Dagegen  steht  der  Preis  des  Zuckers  in 
unseren  Zuckerpflanzungen  zu  dem  des  Reises  und 
Getreides  in  Europa  und  Amerika  in  keinem  solchen 
Verhältnis.  Man  sagt,  daß  nach  den  Erwartungen  der 
Zuckerpflanzer  Rum  und  Syrup  alle  Kosten  der  Pflan- 
zung decken  müssen,  der  Zucker  selbst  aber  als  reiner 
Gewinn  übrig  bleibt.  Wenn  dies  wahr  ist,  was  ich  dahin 

*)  Voyage  dim  philosophe. 


220  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

gestellt  sein  lasse,  so  wäre  es  ungefähr  dasselbe,  als 
wenn  ein  Getreidepächter  für  alle  seine  Kosten  durch 
Streu  und  Stroh  entschädigt  zu  werden  erwartete,  um 
das  Korn  als  reinen  Gewinn  übrig  zu  behalten.  In 
London  und  anderen  Handelsstädten  sieht  man  oft 
Handelsgesellschaften  wüste  Ländereien  in  unseren 
Zuckerkolonien  kaufen,  um  sie  durch  Faktoren  und 
Verwalter  mit  Gewinn  anbauen  und  kultivieren  zu 
lassen,  trotz  der  weiten  Entfernung  und  trotzdem,  daß 
bei  der  mangelhaften  Rechtspflege  in  jenen  Ländern 
die  Wiedererstattung  des  Kapitals  höchst  unsicher  ist. 
Niemandem  fällt  es  dagegen  ein,  selbst  die  fruchtbarsten 
Ländereien  Schottlands  und  Irlands,  oder  die  Korn- 
provinzen Nordamerikas  durch  Agenten  und  Verwalter 
bewirtschaften  zu  lassen,  obwohl  sich  wegen  der  ge- 
ordneteren Rechtspflege  dieser  Länder  von  dorther  eine 
regelmäßigere  Wiedererstattung  erwarten  läßt. 

In  Virginien  und  Mar3'land  wird  der  Tabaksbau 
dem  Getreidebau  als  einträglicher  vorgezogen.  Der 
Tabak  könnte  in  den  meisten  europäischen  Ländern 
mit  Vorteil  gebaut  werden,  ist  aber  fast  überall  eines 
der  hauptsächlichsten  Steuerobjekte  geworden,  und  man 
denkt,  es  werde  schwieriger  sein,  die  Steuer  von  jedem 
einzelnen  Gute,  auf  dem  diese  Pflanze  gezogen  würde, 
einzutreiben,  als  sie  am  Zollhause  bei  der  Einfuhr  zu 
erheben.  Aus  diesem  Grunde  verbot  man  törichter 
Weise  den  Tabaksbau  in  den  meisten  europäischen 
Ländern,  und  verschaffte  dadurch  notwendig  den  Län- 
dern, in  denen  er  erlaubt  ist,  eine  Art  Monopol;  und 
da  Virginien  und  Maryland  die  größte  Menge  Tabak 
hervorbringen,  so  haben  sie,  obgleich  nicht  ganz  ohne 
Konkurrenten,  reiche  Vorteile  von  diesem  Monopol. 
Indeß  scheint  der  Tabaksbau  doch  nicht  so  vorteilhaft 
zu  sein,  als  der  Bau  des  Zuckers.  Ich  habe  nie  von 
einer  Tabakspflanzung  gehört,  die  durch  das  Kapital 
in  Großbritannien  wohnender  Kaufleute  angelegt  und 


Kap.  XI,I.:  ßodenerzeug-nisse  mit  stetiger  Rente.       221 

kultiviert  wäre,  und  unsere  Tabakskolonien  schicken  uns 
keine  so  reich  gewordenen  Pflanzer  nach  Hause,  wie  wir 
sie  oft  aus  unseren  Zuckerinseln  anlangen  sehen.  Obwohl 
nach  dem  Vorzug,  den  man  in  jenen  Kolonien  dem 
Tabaksbau  vor  dem  Getreidebau  gibt,  geschlossen  wer- 
den zu  müssen  scheint,  daß  die  wirksame  europäische 
Nachfrage  nach  Tabak  nicht  vollständig  befriedigt  wird, 
so  ist  es  doch  wahrscheinlich  mehr  der  Fall,  als  beim 
Zucker;  und  obwohl  der  jetzige  Preis  des  Tabaks  wahr- 
scheinlich mehr  als  hinreichend  ist,  Rente,  Lohn  und 
Gewinn  nach  den  Sätzen,  die  in  Getreideländern  bezahlt 
zu  werden  pflegen,  zu  decken,  so  kann  er  doch  nicht 
um  so  Vieles  hoher  sein,  als  es  der  gegenwärtige  Preis 
des  Zuckers  ist.  Darum  haben  auch  unsere  Tabaks- 
pflanzer dieselbe  Furcht  vor  einem  Überfluß  an  Tabak 
an  den  Tag  gelegt,  wie  die  Eigentümer  alter  Weinberge 
in  Frankreich  vor  einem  Überfluß  an  Wem.  Durch  ge- 
setzliche Akte  schränken  sie  den  Tabaksbau  auf  sechs- 
tausend Pflanzen  (die  etwa  tausend  Pfund  Tabak  lie- 
fern) für  jeden  Neger  zwischen  sechzehn  und  sechzig 
Jahren  ein.  Ein  Neger  kann,  wie  man  rechnet,  außer 
dieser  Menge  Tabak  noch  vier  Acres  Mais  besorgen. 
Um  den  Markt  vor  Überführung  zu  bewahren,  soll 
man,  wie  Dr.  Douglas*)  —  wohl  nach  unzuverlässigen 
Quellen  —  berichtet,  zuweilen  in  ertragreichen  Jahren 
eine  bestimmte  Menge  Tabak,  im  Verhältnis  zur  Zahl 
der  Neger,  verbrannt  haben,  wie  es  auch  die  Holländer 
angeblich  mit  ihren  Gewürzen  machen.  Wenn  ein  so 
gewaltsames  Verfahren  nötig  ist,  um  den  gegenwär- 
tigen Preis  des  Tabaks  aufrecht  zu  erhalten,  so  wird 
der  etwaige  größere  Vorteil,  den  der  Tabaksbau  vor 
dem  Getreidebau  voraus  hat,  wahrlich  nicht  mehr  von 
langer  Dauer  sein. 

Auf  diese  Weise  also  bestimmt  die  Rente  des  mit 
menschlichen  Nahrungsmitteln  angebauten  Landes,  die 

*)  Douglas,  Summary.  Vol.  II,  i).  372,  373. 


222  Erstes  Buch:  Zuiialime  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Rente  des  meisten  übrigen  angebauten  Landes.  Sein 
Produkt  kann  lange  Zeit  hindurch  weniger  abwerfen, 
weil  sonst  der  Boden  sogleich  zu  einem  anderen  Ge- 
brauche eingerichtet  würde;  wenn  aber  ein  Produkt 
für  gewöhnlich  mehr  abwirft,  so  hat  das  seinen  Grund 
darin,  daß  die  Menge  Landes,  welches  dazu  gebraucht 
werden  kann,  zu  klein  ist,  um  die  wirksame  Nachfrage 
zu  befriedigen. 

In  Europa  ist  das  Getreide  das  hauptsächlichste 
unmittelbar  zur  Nahrung  der  Menschen  dienende  Er- 
zeugnis des  Bodens.  Daher  bestimmt  hier  auch  mit 
Ausnahme  weniger  Fälle  die  Rente  des  Getreidelandes 
die  alles  anderen  angebauten  Landes.  Britannien  braucht 
weder  Frankreich  um  seine  Weinberge,  noch  Italien  um 
seine  Olivenhaine  zu  beneiden.  Mit  wenigen  Ausnahmen 
wird  ihr  Wert  durch  den  des  Getreides  bestimmt,  und 
in  diesem  steht  Britannien  keinem  der  beiden  Länder 
an  Fruchtbarkeit  viel  nach. 

Wenn  in  irgend  einem  Lande  das  allgemeinste  und 
beliebteste  pflanzliche  Nahrungsmittel  des  Volkes  in 
einer  Pflanze  bestände,  von  der  der  gewöhnlichste  Bo- 
den bei  gleicher  oder  fast  gleicher  Kultur  eine  weit 
größere  Menge  hervorbrächte,  als  der  fruchtbarste  Ge- 
treideboden, so  würde  die  Rente  des  Grundeigentümers 
oder  der  Überschuß,  der  ihm  nach  Bezahlung  der  Ar- 
beit und  Wiedererstattung  des  Kapitals  samt  üblichem 
Gewinn  übrig  bliebe,  notwendig  viel  größer  sein.  Wie 
hoch  auch  der  gewöhnliche  Unterhalt  der  Arbeiter  in 
diesem  Lande  zu  stehen  käme,  so  könnte  doch  jener 
Überschuß  stets  eine  größere  Zahl  von  ihnen  unter- 
halten und  folglich  den  Grundeigentümer  instand  setzen, 
über  die  größere  Anzahl  zu  verfügen.  Der  wahre  Wert 
seiner  Rente,  seine  wahre  Macht  und  Autorität,  seine 
Verfügungskraft  über  die  Bedürfnisse  und  Genußmittel 
des  Lebens,  die  er  durch  anderer  Arbeit  erlangen 
könnte,  würde  notwendig  viel  größer  sein. 


Kap.  Xr,T.:   Bodenerzeugnisse  mit  stetiger  Kente.       223 

Ein  Reisfeld  bringt  eine  weit  größere  Menge  Nah- 
rung hervor,  als  das  fruchtbarste  Kornfeld.  Zwei  Ernten 
des  Jahres,  von  dreißig  bis  sechzig  Bushel  jede,  sollen 
der  gewöhnliche  Ertrag  eines  Acre  sein.  Obgleich  nun 
der  Reisbau  mehr  Arbeit  erfordert,  so  bleibt  doch 
nach  Abzug  des  Unterhalts  aller  Arbeiter  ein  weit 
größerer  Überschuß  zurück.  Daher  muß  in  den  Reis- 
ländern, wo  der  Reis  die  allgemein  beliebte  pflanzliche 
Nahrung  des  Volkes  ist,  und  wo  die  Landarbeiter  selbst 
fast  ihren  ganzen  Unterhalt  damit  bestreiten,  von  diesem 
größeren  Überschuß  auch  dem  Grundeigentümer  ein 
größerer  Anteil  zu  gute  kommen,  als  in  den  Getreide- 
ländern. In  Carolina,  wo  die  Pflanzer,  wie  in  anderen 
britischen  Kolonien,  zugleich  Pächter  und  Grundeigen- 
tümer sind,  und  wo  deshalb  die  Rente  mit  dem  Ge- 
winn zusammenfällt,  findet  man  den  Reisbau  einträg- 
licher, als  den  Getreidebau,  obgleich  die  Felder  nur 
eine  Ernte  im  Jahre  geben,  und  der  Reis  wegen  der 
vorherrschenden  europäischen  Lebensart  nicht  das  all- 
gemein beliebte  Nahrungsmittel  des  Volkes  ist. 

Ein  gutes  Reisfeld  bildet  das  ganze  Jahr  hindurch 
einen  Sumpf,  und  in  einer  Jahreszeit  einen  mit  Wasser 
bedeckten  Sumpf.  Es  eignet  sich  weder  für  Getreide- 
noch  für  Futterbau  noch  für  Weinbau,  oder  überhaupt 
für  irgend  eine  Nutzpflanze;  und  Ländereien,  die  sich 
zu  diesen  Zwecken  eignen,  sind  nicht  tauglich  zum 
Reisbau.  Daher  kann  auch  selbst  in  Reisländern  die 
Rente  der  Reisfelder  nicht  die  Rente  des  übrigen  an- 
gebauten Bodens  bestimmen,  da  dieser  niemals  zum 
Reisbau  gebraucht  werden  kann. 

Die  auf  einem  Kartoffelfelde  erzeugte  Nahrung  steht 
dem  Produkte  eines  Reisfeldes  an  Menge  nicht  nach, 
und  übertrifft  den  Ertrag  eines  Weizenfeldes  bei  weitem. 
Zwölftausend  Pfund  Kartoffeln  von  einem  Acre  Land 
ist  im  Verhältnis   nicht  mehr,   als   zweitausend  Pfund 


224  Erstes  Bvich:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Weizen.  Zwar  steht  der  soKde  Nahrungsstoff,  der  aus 
jeder  dieser  beiden  Pflanzen  gewonnen  werden  kann, 
in  keinem  Verhältnis  zu  ihrem  Gewichte,  da  die  Kar- 
toffeln viel  Wasser  enthalten;  aber  auch  zugegeben,  das 
halbe  Gewicht  dieser  Wurzel  werde  zu  Wasser  —  in 
Wahrheit  ist  es  nicht  so  viel  — ,  so  bringt  doch  ein 
Kartoffelfeld  sechstausend  Pfund  soliden  Nahrungs- 
stoffes, also  dreimal  so  viel  als  ein  gleich  großer  Weizen- 
acker hervor.  Ein  Kartoffelfeld  läßt  sich  mit  weniger 
Kosten  bestellen,  als  ein  Weizenfeld,  da  die  Brache, 
die  gewöhnlich  der  Aussaat  des  Weizens  vorhergeht, 
das  Hacken  und  die  übrige  Arbeit,  deren  die  Kartoffel 
bedarf,  mehr  als  aufwiegt.  Sollte  diese  Wurzel  jemals 
in  einem  europäischen  Lande  eben  so  wie  der  Reis  in 
manchen  Reisländern  zum  allgemein  beliebten  pflanz- 
lichen Nahrungsmittel  des  Volkes  werden,  so  daß  ihr 
eben  so  viel  Boden  gewidmet  würde,  als  man  jetzt 
für  Weizen  und  andere  Getreidearten  bestimmt,  so 
würde  eine  gleiche  Menge  Landes  eine  weit  größere 
Menschenmenge  ernähren,  und  da  die  Arbeiter  allge- 
mein von  Kartoffeln  lebten,  würde  nach  Wiederer- 
stattung des  Kapitals  und  des  Unterhalts  aller  zur 
Bodenkultur  nötigen  Arbeit  ein  größerer  Überschuß 
bleiben.  Auch  der  Anteil  des  Grundbesitzers  an  diesem 
Überschuß  würde  größer  werden.  Die  Bevölkerung 
würde  wachsen,  und  die  Renten  würden  weit  höher 
steigen,  als  sie  gegenwärtig  stehen. 

Ein  Boden,  der  sich  zum  Kartoffelbau  eignet,  ist 
zu  fast  allen  anderen  Nutzpflanzen  tauglich.  Nähmen 
die  Kartoffeln  eben  so  viel  bebautes  Land  ein,  als  jetzt 
das  Getreide,  so  würden  sie  gerade  so  wie  dieses  die 
Rente  des  meisten  übrigen  bebauten  Landes  bestimmen. 

In  einigen  Gegenden  von  Lancashire  behauptet  man, 
wie  man  mir  gesagt  hat,  daß  Haferbrot  eine  kräftigere 
Nahrung  für  Arbeiter  sei,  als  Weizenbrot;  und  dieselbe 
Ansicht   habe   ich   in  Schottland   oft   aufstellen   hören. 


Kap.  XIJI.:  Boclenerzciignisse  mit  und  ohne  Rente.     225 

Ich  hege  indeß  einigen  Zweifel  an  ihrer  Richtigkeit. 
Die  unteren  Volksklassen  in  Schottland,  die  von  Hafer- 
mehl leben,  sind  im  Allgemeinen  weder  so  stark  noch 
so  hübsch,  als  dieselben  Volksklassen  in  England,  wo 
sie  "Weizenbrot  essen.  Die  Schotten  arbeiten  weder  so 
gut,  noch  sehen  sie  so  gut  aus,  und  da  unter  den 
besseren  Klassen  der  beiden  Länder  kein  solcher  Unter- 
schied besteht,  so  scheint  die  Erfahrung  zu  lehren, 
daß  die  Nahrung  der  unteren  Volksklassen  in  Schott- 
land dem  menschlichen  Körper  nicht  so  zuträglich 
ist,  als  die  der  nämlichen  Volksklassen  in  England. 
Anders  verhält  sich  die  Sache  bei  den  Kartoffeln.  Die 
Londoner  Sänften-,  Last-  und  Kohlenträger  sind  viel- 
leicht die  kräftigsten  Männer,  und  jene  unglücklichen 
Weiber,  die  von  der  Prostitution  leben,  die  schönsten 
Frauen  im  ganzen  britischen  Gebiete,  und  doch  sollen 
sie  größtenteils  der  untersten  Volksklasse  Irlands  an- 
gehören, die  fast  nur  von  jener  Wurzel  lebt.  Einen 
sprechenderen  Beweis  seiner  Nahrhaftigkeit  und  Zu- 
träglichkeit für  den  menschlichen  Körper  hat  kein 
anderes  Nahrungsmittel  aufzuweisen. 

Es  hält  schwer,  die  Kartoffeln  ein  Jahr  lang, 
und  ist  unmöglich,  sie  wie  das  Getreide  zwei  oder  drei 
Jahre  aufzubewahren.  Die  Furcht,  sie  nicht  verkaufen 
zu  können,  ehe  sie  faulen,  hält  von  ihrem  Anbau  ab, 
und  ist  vielleicht  das  hauptsächlichste  Hindernis,  warum 
sie  nicht,  gleich  dem  Brot,  in  großen  Ländern  das 
vegetabilische  Hauptnahrungsmittol  für  alle  Klassen 
des  Volkes  werden. 


Zweite  Abteilun,^*. 

Bodenerzeugnisse,  die  zuweilen  Rente  geben, 

zuweilen  nicht. 

Menschliche  Nahrungsmittel  scheinen  das  einzige 
Bodenerzeugnis  zu  sein,  das  stets  und  notwendig  dem 

Adam  Smith,  VolkswoLdstand.  I.  '"^ 


226   Erstes  Buch:  Zunahme  in  fler  Ertrao-skraft  fler  Arbeit. 

Grundeigentümer  eine  Rente  abwirft.  Andere  Arten 
von  Produkten  geben  unter  Umständen  Eente,  unter 
anderen  aber  auch  keine. 

Nächst  der  Nahrung  sind  Kleidung  und  AVohnung 
die  beiden  großen  Bedürfnisse  der  Menschen. 

Der  Boden  in  seinem  natürlichen  rohen  Zustande 
kann  für  viel  mehr  Menschen  Stoffe  zu  Kleidung  und 
Wohnung,  als  zur  Nahrung  gewähren ;  im  Kulturzu- 
stande dagegen  kann  er  zuweilen  weit  mehr  Menschen 
mit  Nahrung,  als  mit  jenen  Stoffen  versorgen,  wenig- 
stens mit  solchen,  wie  sie  sie  wünschen  und  zu  be- 
zahlen bereit  sind.  In  dem  ersteren  Zustande  ist  daher 
immer  ein  Überfluß  an  diesen  Stoffen  vorhanden,  die 
deswegen  oft  nur  von  geringem  oder  gar  keinem  Werte 
sind.  Im  anderen  dagegen  tritt  oft  ein  Mangel  ein,  der 
ihren  Wert  notwendig  steigert.  In  dem  einen  Zustande 
wird  ein  großer  Teil  von  ihnen  als  nutzlos  wegge- 
worfen, und  der  Preis  der  benutzten  Stoffe  nicht  höher 
angeschlagen,  als  zum  Werte  der  Arbeit  und  der  Kosten 
der  Nutzbarmachung,  so  daß  also  für  den  Grundeigen- 
tümer keine  Rente  verbleibt;  in  dem  anderen  dagegen 
wird  Alles  gebraucht  und  oft  mehr  verlangt  als  zu 
haben  ist.  Irgend  Jemand  ist  stets  bereit,  für  einen 
oder  den  andei'en  dieser  Stoffe  mehr  zu  geben,  als 
zur  Deckung  der  Kosten,  welche  sie  bis  zum  Verkauf 
verursachen,  nötig  ist.  Der  Preis  kann  mithin  stets 
eine  Rente  für  den  Grundeigentümer  abwerfen. 

Die  ursprünglichen  Kleidungsstoffe  waren  die 
Häute  der  größeren  Tiere.  Unter  Jäger-  und  Hirten- 
völkern, deren  Nahrung  hauptsächlich  in  dem  Fleisch 
dieser  Tiere  besteht,  versorgt  sich  mithin  Jeder  zugleich 
mit  Nahrung  und  den  Stoffen  zur  Kleidung  in  größerer 
Menge,  als  er  selbst  verwenden  kann.  Gäbe  es  keinen 
auswärtigen  Handel,  so  würde  das  Meiste  als  wertlos 
weggeworfen  werden.  So  geschah  es  wahrscheinlich 
bei  den  Hirtenvölkern  Nordamerikas   zu  der  Zeit,   als 


Kap.  XI,II.:  Bodenerzeugnisse  mit  und  ohne  Rente.     227 

ihr  Land  noch  nicht  von  den  Europäern  entdeckt  war, 
mit  denen  sie  jetzt  ihr  überflüssiges  Pelzwerk  gegen 
wollene  Decken,  Feuergewehre  und  Branntwein  ver- 
tauschen, wodurch  das  Pelzwerk  einen  Wert  erhält. 
Unter  den  gegenwärtigen  Handelsverhältnissen  der 
bekannten  Welt  haben  wohl  die  rohesten  Völker,  bei 
denen  das  Eigentum  an  Grund  und  Boden  eingeführt 
ist,  einen  auswärtigen  Handel  dieser  Art,  und  finden 
unter  ihren  wohlhabenderen  Nachbarn  eine  solche  Nach- 
frage nach  allen  Stoffen  zur  Bekleidung,  die  ihr  Land 
hervorbringt,  und  die  sie  weder  verarbeiten  noch  ver- 
brauchen können,  daß  ihr  Preis  die  Kosten  übersteigt, 
die  die  Versendung  an  diese  wohlhabenderen  Nachbarn 
verursacht.  Mithin  werfen  sie  für  den  Grundeigen- 
tümer eine  Rente  ab.  Als  das  Vieh  der  Hochlande 
noch  größtenteils  auf  den  eigenen  Bergen  verzehrt 
wurde,  machte  die  Ausfuhr  der  Häute  den  bedeutend- 
sten Handelsartikel  des  Landes  aus,  und  der  Preis, 
den  man  dafür  in  Tausch  erhielt,  gewährte  einen  Zu- 
schuß zur  Rente  der  Güter  in  den  Hochlanden.  Die 
englische  Wolle,  die  in  früheren  Zeiten  im  Lande 
weder  verbraucht  noch  verarbeitet  werden  konnte,  fand 
in  dem  damals  reicheren  und  gewerbfleissigeren  Flan- 
dern einen  Markt,  und  ihr  Preis  lieferte  zu  der  Rente 
des  Bodens,  auf  dem  sie  hei-vorgebracht  wurde,  einen 
Beitrag.  In  Ländern,  die  nicht  besser  kultiviert  sind, 
als  England  es  damals  war,  oder  die  schottischen 
Hochlande  jetzt,  und  die  keinen  auswärtigen  Handel 
haben,  werden  die  Bekleidungsstoffe  offenbar  in  einem 
solchen  Überfluß  vorhanden  sein,  daß  sie  großenteils 
als  nutzlos  weggeworfen  und  dem  Grundeigentümer 
keine  Rente  liefern  werden. 

Die  Baumaterialien  können  nicht  immer  so  weit 
verschickt  werden,  wie  die  Bekleidungsstoffe,  und 
w^erden  nicht  so  leicht  ein  Gegenstand  des  auswärtigen 

15'- 


228  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Handels.  Sind  sie  in  dem  Erzeugungslande  im  Über- 
fluß vorhanden,  so  ist  selbst  bei  dem  gegenwärtigen 
Stande  des  Welthandels  der  Fall  nicht  selten,  daß  sie 
für  den  Grundeigentümer  wertlos  sind.  Ein  guter 
Steinbruch  in  der  Nähe  von  London  würde  eine  an- 
sehnliche Rente  abwerfen ;  in  vielen  Gegenden  von  Schott- 
land und  Wales  bringt  er  gar  keine.  Bauholz  hat  in 
einem  bevölkerten  und  wohlbebauten  Lande  großen  Wert, 
und  der  Boden,  auf  dem  es  wächst,  gewährt  eine  ziemlich 
hohe  Rente.  Dagegen  würde  in  vielen  Gegenden  Nord- 
amerikas der  Grundeigentümer  jedem  zu  Dank  ver- 
pflichtet sein,  der  ihm  seine  großen  Baumstämme  fort- 
fahren wollte.  In  einigen  Teilen  der  schottischen  Hoch- 
lande ist  wegen  mangelnder  Land-  und  Wasserfracht 
die  Rinde  der  einzige  Teil  des  Holzes,  der  zu  Markte 
gebracht  werden  kann;  das  Bauholz  läßt  man  auf  dem 
Boden  verfaulen.  Sind  Baumaterialien  in  solchem  Über- 
fluß vorhanden,  so  ist  der  Teil  von  ihnen,  den  man  nutzt, 
nur  die  Arbeit  und  die  Kosten  der  Nutzbarmachung 
wert.  Er  bringt  dem  Grundeigentümer,  der  in  der  Regel 
jedem,  der  um  die  Erlaubnis  nachsucht,  die  Benutzung 
gestattet,  keine  Rente.  Doch  setzt  ihn  zuweilen  die 
Nachfrage  reicherer  Nationen  instand,  eine  Rente  dar- 
aus zu  ziehen.  Di©  Straßenpflasterung  in  London  ge- 
währte den  Eigentümern  einiger  kahler  Felsen  an  der 
schottischen  Küste  die  Möglichkeit,  eine  Rente  aus 
einem  Gegenstande  zu  ziehen,  der  früher  niemals  eine 
geliefert  hatte.  Die  Wälder  in  Norwegen  und  an  den 
Küsten  des  baltischen  Meeres  finden  in  vielen  Gegen- 
den Großbritanniens  einen  Markt,  den  sie  zu  Hause 
nicht  finden  konnten,  und  verschaffen  dadurch  ihren 
Eigentümern  eine  Rente. 

Der  Volksreichtam  eines  Landes  hängt  nicht  von 
der  Zahl  von  Leuten  ab,  denen  es  ihre  Kleidung  und 
Wohnung  verschaffen  kann,  sondern  davon,  wie  viele 
Menschen  es  zu  ernähren  vermag.     Ist  Nahrung  vor- 


Kap.  XI, IL:  Bodenerzeugnisse  mit  und  ohne  Rente.     229 

banden,  so  fällt  es  nicht  schwer,  die  nötige  Kleidung 
und  Wohnung  zu  finden;  aber  nicht  immer,  wenn  diese 
vorhanden  sind,  ist  es  leicht  Nahrung  zu  finden.  Selbst 
in  einigen  Gegenden  des  britischen  Reichs  giebt  es 
menschliche  Wohnungen,  die  von  einem  einzigen  Manne 
an  einem  Tage  hergestellt  werden  können.  Etwas,  aber 
nicht  viel  mehr  Arbeit  erfordert  die  Herstellung  der  ein- 
fachsten Art  der  Bekleidung  aus  Tierhäuten.  Bei  wilden 
und  rohen  Völkern  reicht  der  hundertste  oder  etwas 
mehr  als  der  hundertste  Teil  der  Jahresarbeit  hin,  das 
geringe  Kleidungs-  und  Wohnungsbedürfnis  zu  befrie- 
digen, die  übrigen  neunundneunzig  Teile  dagegen  aber 
oft  kaum,  sich  die  Nahrungsmittel  zu  verschaffen. 

Aber  wenn  vermöge  der  fortschreitenden  Kultur  des 
Landes  die  Arbeit  einer  Familie  für  zwei  Familien  Nah- 
rung hervorbringt,  dann  bedarf  es  nur  der  Arbeit  der 
halben  Bevölkerung,  um  die  ganze  mit  Nahrungsmitteln 
zu  versehen.  Die  andere  Hälfte  oder  wenigstens  ihr 
größter  Teil  kann  sich  nun  mit  der  Herstellung  anderer 
Dinge  beschäftigen,  oder  mit  der  Befriedigung  anderer 
wirklicher  und  eingebildeter  Bedürfnisse  der  Menschen. 
Kleidung  und  Wohnung,  Hausgerät  und  sonstige  Aus- 
stattungen bilden  die  Hauptgegenstände  unter  diesen 
wirklichen  und  eingebildeten  Bedürfnissen.  Der  Reiche 
verzehrt  nicht  mehr  Nahrung  als  sein  armer  Nächster. 
An  Quahtät  mag  sie  eine  andere  sein,  und  es  mag  mehr 
Arbeit  und  Kunst  erfordern,  sie  zu  bereiten ;  aber  die 
Quantität  bleibt  so  ziemlich  die  nämliche.  Man  ver- 
gleiche jedoch  den  geräumigen  Palast  und  die  große 
Garderobe  des  einen  mit  der  Hütte  und  den  wenigen 
Lumpen  des  Anderen,  und  man  wird  merken,  daß  der 
Unterschied  zwischen  ihrer  Kleidung,  Wohnung  und 
ihrem  Hausgerät  der  Menge  nach  fast  ebenso  groß  ist, 
wie  der  Beschaffenheit  nach.  Das  Verlangen  nach  Nah- 
rung ist  bei  jedem  Menschen  durch  die  Verdauungs- 
fähigkeit des  Magens  beschränkt;  aber  das  Verlangen 


230  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

nach  Bequemlichkeiten  und  Schmuck  in  Gebäuden,  im 
Anzug,  in  der  ganzen  Ausstattung  scheint  ohne  Gren- 
zen und  bestimmte  Schranken  zu  sein.  Darum  sind 
diejenigen,  denen  mehr  Nahrung  zu  Gebote  steht,  als 
sie  selbst  verzehren  können,  immer  gern  bereit,  ihren 
Überschuß  oder,  was  auf  dasselbe  hinauskommt,  den 
Preis  dafür  gegen  Genüsse  jener  Art  zu  vertauschen. 
"Was  nach  Befriedigung  des  begrenzten  Verlangens  übrig 
bleibt,  wird  zur  Erfüllung  derjenigen  Wünsche  ver- 
wendet, denen  nie  genug  getan  werden  kann,  sondern 
die  endlos  zu  sein  scheinen.  Der  Arme  müht  sich,  um 
Nahrung  zu  erhalten,  ab,  die  eingebildeten  Bedürfnisse 
des  Reichen  zu  befriedigen,  und  um  jene  sicherer  zu 
erhalten,  überbieten  sie  einander  in  der  Wohlfeilheit  und 
Vollendung  ihrer  Arbeit.  Die  Zahl  der  Arbeiter  wächst 
mit  der  zunehmenden  Menge  von  Nahrungsmitteln  oder 
mit  der  steigenden  Kultur  des  Bodens ;  und  da  die  Natur 
ihres  Geschäfts  die  äußerste  Arbeitsteilung  zuläßt,  so 
nimmt  die  Menge  der  Stoffe,  die  sie  verarbeiten  können, 
in  einem  weit  größeren  Maßstabe  zu,  als  ihre  Anzahl. 
Daraus  entspringt  eine  Nachfrage  nach  allen  Arten  von 
Stoffen,  die  der  erfinderische  Geist  der  Menschen  ent- 
weder zum  Nutzen  oder  als  Zierrat  an  Gebäuden,  an 
der  Kleidung,  an  Möbeln  und  anderem  Gerät  zu  ver- 
wenden weiß;  also  eine  Nachfrage  nach  den  im  Inneren 
der  Erde  verborgenen  Fossilien  und  Mineralien,  nach 
edeln  Metallen  und  Edelsteinen. 

So  sind  also  die  Nahrungsmittel  nicht  nur  die 
ursprüngliche  Quelle  der  Rente,  sondern  auch  jedes 
andere  Bodenprodukt,  das  später  Rente  abwirft,  leitet 
diesen  Teil  seines  Werts  von  den  durch  die  steigende 
Bodenkultur  vervollkommneten  Kräften  der  auf  Nali- 
rungserzeugung  verwendeten  Arbeit  ab. 

Doch  werfen  jene  anderen  Bodenprodukte,  die 
später  eine  Rente  liefern,    sie  nicht  immer  ab.    Selbst 


Kap.  XI, IL:  Bodenerzeugnisse  mit  und  ohne  Rente.     231 

in  w ollibebauten  Ländern  ist  die  Nachfrage  nach  ihnen 
nicht  immer  so  groß,  daß  sie  einen  Preis  zu  Wege 
brächten,  der  mehr  als  hinreichend  wäre,  die  Arbeit 
bezahlt  zu  machen  und  das  Kapital,  welches  zu  ihrer 
Herstellung  gebraucht  wurde,  samt  seinem  gewöhn- 
lichen Gewinn  wiederzuerstatten.  Ob  dies  geschieht 
oder  nicht,    hängt   von  verschiedenen  Umständen    ab. 

Ob  z.  ß.  eine  Kohlengrube  eine  Rente  geben 
kann,  hängt  zum  Teil  von  ihrer  Ergiebigkeit,  zum 
Teil  von  ihrer  Lage  ab. 

Ein  Bergwerk  wird  als  ergiebig  oder  geringhaltig 
betrachtet,  je  nachdem  die  Menge  an  Erzen,  die  sich 
durch  eine  bestimmte  Menge  Arbeit  daraus  gewinnen 
läßt,  grüßer  oder  kleiner  ist,  als  die,  welche  durch 
eine  gleiche  Arbeit  aus  den  meisten  ähnlichen  Berg- 
werken gezogen  werden  kann. 

Manche  vorteilhaft  gelegenen  Kohlenlager  können 
wegen  ihrer  Geringhaltigkeit  nicht  erschlossen  werden: 
ihr  Produkt  deckt  die  Kosten  nicht,  und  sie  können 
weder  Gewinn  noch  Rente  bringen. 

Manche  gibt  es,  deren  Ertrag  eben  hinreicht,  die 
Arbeit  bezahlt  zu  machen  und  das  in  ihren  Betrieb 
gesteckte  Kapital  samt  dem  gewöhnlichen  Gewinn 
wiederzuerstatten.  Dem  Unternehmer  des  Betriebs 
bringen  sie  einigen  Gewinn,  für  den  Grundeigentümer 
aber  werfen  sie  keine  Rente  ab.  Sie  können  daher  nur 
vom  Grundeigentümer  mit  Vorteil  abgebaut  werden, 
der,  wenn  er  selbst  Unternehmer  ist,  den  gewöhnlichen 
Gewinn  des  hineingesteckten  Kapitals  bezieht.  Viele 
schottische  Kohlengruben  werden  auf  diese  Weise  ab- 
gebaut, und  könnten  sonst  nicht  benutzt  werden.  Der 
Grundeigentümer  wird  niemandem  gestatten,  sie  ohne 
Zahlung  einer  Rente  zu  bearbeiten,  und  doch  kann 
niemand  eine  Rente  zahlen. 

Andere   Kohlengruben  desselben  Landes,    die   er- 


232  Erstes  Bxich:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

giebig  genug  sind,  können  wegen  ihrer  Lage  nicht 
ausgeboutet  werden.  Zwar  könnten  durch  die  gewöhn- 
liche Arbeitsmenge  genug  Kohlen  gefördert  werden, 
um  die  Betriebskosten  zu  decken,  aber  die  geförderte 
Menge  ließe  sich  in  dem  spärlich  bewohnten  und  weder 
mit  Land-  noch  Wasserstraßen  versehenen  Binnenlande 
nicht  verkaufen. 

Kohlen  sind  ein  weniger  angenehmes  Brennmaterial, 
als  Holz  und  sollen  auch  weniger  zuträglich  sein.  Darum 
müssen  die  Kosten  der  Kohlen  an  dem  Verbrauchsorte 
im  allgemeinen  etwas  geringer  sein,  als  die  des  Holzes. 

Der  Preis  des  Holzes  seinerseits  ändert  sich  je  nach 
dem  Stande  der  Landwirtschaft,  und  zwar  so  ziemlich 
in  derselben  Art  und  genau  aus  denselben  Gründen,  wie 
der  des  Viehs.  In  ihren  ersten  rohen  Anfängen  ist  der 
größte  Teil  jedes  Landes  mit  Holz  bedeckt,  das  für 
den  Grundeigentümer  eine  reine  Last  ohne  allen  Wert 
ist  und  gern  dem  ersten  besten  gegeben  würde,  der 
es  schlagen  wollte.  Bei  steigender  Kultur  werden  die 
AVälder  teils  durch  die  Fortschritte  des  Feldbaus  ge- 
lichtet, teils  durch  die  wachsende  Menge  des  Viehs 
verringert.  Das  Vieh  vermehrt  sich  zwar  nicht  in  dem- 
selben Maße,  wie  das  Getreide,  das  gänzlich  eine  Frucht 
des  menschlichen  Fleißes  ist,  aber  seine  Vermehrung 
wird  doch  durch  die  Pflege  und  den  Schutz  der  Men- 
schen begünstigt,  die  in  der  Zeit  der  Fülle  so  viel  auf- 
speichern, um  in  der  des  Mangels  den  Unterhalt  des 
Viehs  zu  bestreiten  und  ihm  das  ganze  Jahr  hindurch 
mehr  Futter  zu  geben,  als  es  in  einer  Wildnis  finden 
könnte,  und  die  ihm  den  freien  Genuß  der  Lebensbe- 
dürfnisse dadurch  sichern,  daß  sie  seine  Feinde  töten 
und  ausrotten.  Zahlreiche  Heerden,  denen  man  durch 
die  Wälder  zu  streifen  gestattet,  vernichten  zwar  nicht 
die  alten  Bäume,  lassen  aber  den  jungen  Nachwuchs 
nicht  aufkommen,  so  daß  im  Laufe  von  einem  oder 
zwei  Jahrhunderten  der  ganze  Forst  zu  Grunde  geht. 


Kap.  XI,II.:  Bodenerzeugnisse  nnit  nnd  ohne  Rente.     233 

Dann  steigert  der  Mangel  an  Holz  seinen  Preis;  es 
liefert  eine  gute  Rente  und  der  Grundeigentümer  kann 
zuweilen  seine  besten  Ländereien  nicht  vorteilhafter 
benutzen,  als  wenn  er  Zimmerholz  darauf  zieht,  bei 
dem  die  Größe  des  Gewinns  oft  die  Verspätung  der 
Erträge  aufwiegt.  Dies  scheint  ungefähr  der  jetzige 
Stand  der  Dinge  in  einigen  Teilen  Großbritanniens  zu 
sein,  wo  man  bei  der  Holzzucht  einen  ebenso  großen 
Gewinn  findet,  als  beim  Getreide-  oder  Futterbau.  Der 
Vorteil,  den  der  Grundeigentümer  von  der  Holzzucht 
hat,  kann  nirgends,  wenigstens  nicht  auf  lange  Zeit, 
die  Rente  übersteigen,  welche  ihm  der  Getreide-  und 
Futterbau  gewähren  würde,  und  wird  in  einem  hoch- 
kultivierten Binnenlande  auch  nicht  weit  hinter  dieser 
Rente  zurückbleiben.  An  der  Meeresküste  eines  gut- 
bebauten Landes,  mag  es  freilich,  wenn  man  Kohlen 
zur  Feuerung  leicht  haben  kann,  zuweilen  billiger 
sein,  Zimmerholz  aus  weniger  kultivierten  fremden 
Ländern  kommen  zu  lassen,  als  es  im  Lande  zu  ziehen. 
In  der  jetzt  innerhalb  weniger  Jahre  erbauten  Neu- 
stadt von  Edinburg  ist  vielleicht  nicht  ein  einziges 
Stück  schottischen  Bauholzes  zu  finden. 

Welches  auch  der  Preis  des  Holzes  sein  mag: 
wenn  der  der  Kohlen  so  hoch  ist,  daß  die  Kosten  der 
Kohlenfeuerung  denen  der  Holzfeuerung  ziemlich  gleich- 
kommen, kann  man  sich  versichert  halten,  daß  der 
Kohlenpreis  an  diesem  Orte  und  unter  diesen  Umständen 
der  höchstmögliche  ist.  Dies  scheint  in  einigen  Gegen- 
den im  Innern  Englands,  besonders  in  Oxfordshire,  der 
Fall  zu  sein,  wo  es  selbst  bei  den  unteren  Klassen 
üblich  ist,  zur  Feuerung  Kohlen  und  Holz  zu  mischen, 
und  wo  also  der  Unterschied  in  den  Kosten  dieser 
beiden  Brennstoffe  nicht  sehr  groß  sein  kann. 

In  den  Kohlengegenden  stehen  die  Kohlen  überall 
weit  unter  diesem  höchsten  Preise.  Wäre  das  nicht  so, 


234  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskral't  der  Arbeit. 

SO  könnten  sie  die  Kosten  einer  weiten  Land-  oder 
Wasserfracht  nicht  tragen.  Es  könnte  nur  eine  geringe 
Menee  verkauft  werden;  die  Unternehmer  und  Besitzer 
von  Kohlenbergwerken  finden  es  aber  mehr  in  ihrem 
Interesse,  eine  große  Menge  etwas  über  dem  niedrigsten 
Preise,  als  eine  kleine  zum  höchsten  Preise  zu  ver- 
kaufen. Überdies  bestimmt  die  ergiebigste  Kohlengrube 
den  Preis  der  Kohlen  für  alle  anderen  benachbarten 
Gruben.  Der  Eigentümer  sowohl  als  der  Unternehmer 
des  Werkes  finden,  daß,  wenn  sie  etwas  wohlfeiler 
verkaufen,  als  ihre  Nachbarn,  jener  eine  größere  Rente, 
und  dieser  einen  größeren  Gewinn  ziehen  kann.  Bald 
sehen  sich  ihre  Nachbarn  gezwungen,  zu  demselben 
Preise  zu  verkaufen,  obgleich  sie  es  nicht  so  gut  er- 
tragen können  und  stets  ihre  Rente  und  ihren  Gewinn 
dadurch  verringern,  ja  oft  verlieren.  Manche  Gruben 
werden  dann  gänzlich  verlassen;  andere  können  keine 
Eente  mehr  liefern,  und  nur  noch  vom  Eigentümer 
ausgebeutet  werden. 

Der  niedrigste  Preis,  zu  welchem  für  längere  Zeit 
Kohlen  verkauft  werden  können,  ist,  wie  bei  allen  an- 
deren Waren,  der  Preis,  der  gerade  hinreicht,  das  bis 
zum  Markttransport  verwendete  Kapital  samt  seinem 
gewöhnlichen  Gewinn  wiedereinzubringen.  Bei  einer 
Kohlengrube,  von  der  der  Eigentümer  keine  Rente 
ziehen  kann,  und  die  er  entweder  selbst  in  Gang  er- 
halten oder  ganz  aufgeben  muß,  wird  der  Kohlenpreis 
im  Allgemeinen  etwa  diese  Höhe  haben. 

Werfen  aber  auch  Kohlen  wirklich  eine  Rente  ab, 
so  bildet  diese  doch  gewöhnlich  in  ihrem  Preise  einen 
kleineren  Teil,  als  in  dem  der  meisten  anderen  Roh- 
produkte des  Bodens.  Die  Rente  eines  Grundstücks  über 
der  Erde  beläuft  sich  gewöhnlich  auf  etwa  den  dritten 
Teil  des  Rohertrags,  und  ist  im  Ganzen  sicher  und  von 
den  zufälligen  Schwankungen  der  Ernte   unabhängig. 


Kaj).  XI, II.:  Bodenerzeugnis.se  mit  und  ohne  Rente.      235 

Bei  Kohlengruben  ist  ein  Fünftel  des  Rohertrags  eine 
sehr  große  Rente,  und  ein  Zehntel  die  gewöhnliche; 
überdies  aber  ist  diese  Rente  selten  sicher,  sondern 
hängt  von  den  zufälligen  Schwankungen  des  Ertrags 
ab.  Diese  Schwankungen  sind  so  groß,  daß  in  einem 
Lande,  wo  der  Ertrag  dreißigfach  kapitalisiert,  als  ein 
mäßiger  l'reis  für  ländliche  Grundstücke  betrachtet 
wird,  ein  zehnfach  kapitalisierter  Ertrag  als  ein  guter 
Preis  für  Kohlengruben  gilt. 

Der  Wert,  den  eine  Kohlengrube  für  ihren  Eigen- 
tümer hat,  hängt  oft  ebenso  sehr  von  ihrer  Lage,  als 
von  ihrer  Ergiebigkeit  ab.  Der  Wert  eines  Metallberg- 
werks hängt  mehr  von  seiner  Ergiebigkeit  und  weniger 
von  seiner  Lage  ab.  Die  Metalle,  besonders  die  edlen, 
sind,  nachdem  sie  aus  den  Erzen  geschieden  worden, 
so  wertvoll,  daß  sie  gewöhnlich  die  Kosten  einer  sehr 
langen  Land-  und  der  entferntesten  Seereise  tragen 
können.  Ihr  Markt  ist  nicht  auf  die  umliegenden 
Gegenden  beschränkt,  sondern  erstreckt  sich  über  die 
ganze  Welt.  Das  japanische  Kupfer  macht  in  Europa, 
das  spanische  Eisen  in  Chili  und  Peru  einen  Handels- 
artikel aus,  und  das  peruanische  Silber  findet  nicht 
nur  nach  Europa,  sondern  von  Europa  wieder  nach 
China  seinen  Weg. 

Die  Kohlenpreise  in  Westmoreland  oder  Shropshire 
können  nur  wenig,  und  der  Preis  im  Lyonnais  kann  gar 
keinen  P]influß  auf  den  Preis  zu  Newcastle  haben.  Die 
Erzeugnisse  so  weit  entfernter  Kohlengruben  können 
niemals  mit  einander  in  Wettbewerb  geraten,  dagegen 
können  es  die  Erzeugnisse  der  entferntesten  Metallberg- 
werke oft,  und  tun  es  tatsächlich  fast  immer.  Daher 
muß  notwendig  der  Preis,  den  Metalle,  und  besonders 
die  edlen,  an  den  ergiebigsten  Minen  der  Welt  haben, 
mehr  oder  weniger  auf  den  Preis  an  allen  anderen  Minen 
wirken.    Der  Preis  des  Kupfers  in  Japan  muß  auf  den 


236  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Preis  bei  den  europäischen  Kupferminen  Einfluß  haben. 
Der  Preis  des  Silbers  in  Peru,  odor  die  Menge  von 
Arbeit  oder  Waren,  welche  dort  dafür  zu  kaufen  ist, 
muß  auf  den  Silberpreis  nicht  nur  bei  den  europä- 
ischen, sondern  auch  bei  den  chinesischen  Bergwerken 
Einfluß  haben.  Nach  der  Entdeckung  der  peruanischen 
Minen  wurden  die  europäischen  Silberbergwerke  größten- 
teils aufgegeben.  Der  Wert  des  Silbers  sank  so  sehr, 
daß  ihr  Ertrag  nicht  mehr  die  Kosten  der  Ausbeutung 
decken,  oder  die  bei  ihr  verbrauchte  Nahrung,  Kleidung, 
Wohnung  und  sonstigen  Bedürfnisse  mit  Gewinn  wieder- 
erstatten konnte.  Der  gleiche  Fall  trat  auch  bei  den 
Bergwerken  von  Kuba  und  St.  Domingo,  und  selbst 
bei  den  alten  Minen  Perus  nach  Entdeckung  der  Minen 
von  Potosi  ein. 

Da  mithin  der  Preis  jedes  Metalls  bei  jedem  Berg- 
werk in  gewissem  Maße  durch  seinen  Preis  bei  der 
ergiebigsten  Mine  der  Welt  bestimmt  wird,  so  kann 
er  bei  den  meisten  Minen  wenig  mehr  als  die  Kosten 
des  Betriebs  decken,  und  für  den  Eigentümer  nur 
selten  eine  hohe  Rente  abwerfen.  Die  Rente  scheint 
demgemäß  bei  den  meisten  Minen  nur  einen  geringen 
Teil  vom  Preise  der  unedlen,  und  einen  noch  geringe- 
ren von  dem  der  edlen  Metalle  auszumachen.  Arbeit 
und  Gewinn  bilden  den  größeren  Teil  bei  beiden. 

Bei  den  Zinnbergwerken  von  Cornwall,  den  er- 
giebigsten, die  man  kennt,  rechnet  man  nach  der  An- 
gabe ihres  Yizedirektors  Borlace,  ein  Sechstel  des  Roh- 
ertrags als  durchschnittliche  Rente.  Einige,  sagt  er, 
werfen  mehr,  andere  nicht  so  viel  ab.  Den  sechsten 
Teil  des  Bruttoertrages  beträgt  die  Rente  auch  bei 
einigen  sehr  ergiebigen  Bleiminen  in  Schottland. 

In  den  Silberminen  Perus  verlangt  der  Eigentümer, 
wie  Frezier  und  Ulloa  berichten,  von  dem  Unternehmer 
des  Baues   oft  weiter  Nichts,   als  daß   er   das  Erz  auf 


Kap.  XTjr.:  Boflenerzeugnisso  mit  und  ohne  Rente.     237 

seiner  Mühle  mahlt,  und  ihm  dafür  das  gewöhnliche 
Mahl-  oder  Pochgeld  zahlt.  Bis  1736  belief  sich  frei- 
lich die  Abgabe  an  den  König  von  Spanien  auf  ein 
Fünftel  des  feinen  Silbers,  und  dies  konnte  bis  dahin 
als  die  wahre  Rente  der  meisten  peruanischen  Silber- 
minen, der  reichsten,  die  man  kennt,  angesehen  werden. 
Ohne  diese  Abgabe  würde  jenes  Fünftel  natürlich  dem 
Grundeigentümer  gehöi't  haben,  und  viele  Minen  konnten 
in  Angriff  genommen  werden,  die  man,  so  lange  die 
Abgabe  bestand,  unbenutzt  lassen  mußte.  Die  Steuer 
des  Herzogs  von  Cornwall  auf  Zinn  soll  sich  auf  mehr 
als  fünf  Prozent  oder  den  zwanzigsten  Teil  vom  Wert 
belaufen;  wie  dem  aber  auch  sei,  sie  würde  natürlich 
dem  Eigentümer  des  Bergwerks  zufallen,  wenn  das  Zinn 
steuerfrei  wäre.  Fügt  man  ein  Zwanzigstel  zu  einem 
Sechstel,  so  findet  man,  daß  die  ganze  bezahlte  Durch- 
schnittsrente der  Cornwaller  Zinngruben  sich  zu  der 
der  peruanischen  Silberminen  wie  dreizehn  zu  zwölf 
verhält.  Doch  sind  jetzt  die  peruanischen  Silberberg- 
werke nicht  imstande,  auch  nur  diese  niedrige  Rente 
zu  zahlen,  und  die  Abgabe  auf  Silber  wurde  1736  von 
einem  Fünftel  auf  ein  Zehntel  herabgesetzt.  Aber  auch 
diese  Abgabe  auf  Silber  verführt  immer  weit  mehr 
zum  Schmuggel,  als  die  Abgabe  von  einem  Zwanzig- 
stel auf  Zinn,  denn  der  Schmuggel  ist  bei  einer  kost- 
baren Ware  viel  leichter,  als  bei  einer  massigen.  Da- 
her soll  auch  die  Taxe  des  Königs  von  Spanien  sehr 
schlecht,  die  des  Herzogs  von  Cornwall  sehr  gut  ein- 
gehen. Sonach  macht  wahrscheinlich  die  Rente  einen 
größeren  Teil  des  Zinnpreises  an  den  ergiebigsten 
Zinnminen,  als  des  Silberpreises  an  den  ergiebigsten 
Silberminen  der  Welt  aus.  Nach  Wiedererstattung  des 
im  Betriebe  dieser  verschiedenen  Minen  angelegten 
Kapitals  samt  üblichem  Gewinn  scheint  der  für  den 
Eigentümer  übrig  bleibende  Rest  bei  dem  unedlen 
Metall  größer  zu  sein,  als  bei  dem  edlen. 


238  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Auch  die  Gewinne  der  Unternehmer  des  Bergbaus 
auf  Silber  sind  in  Peru  gewöhnlich  nicht  sehr  groß. 
Dieselben  achtungswerten  und  wohlunterrichteten 
Scliriftsteller  berichten  uns,  daß,  wer  in  Peru  eine 
neue  Mine  in  Betrieb  setzte,  allgemein  als  ein  Mann, 
dem  ein  sicherer  Bankerott  und  Untergang  bevorstehe, 
angesehen  und  deshalb  von  Jedermann  gemieden  wurde. 
Der  Bergbau  wird  dort  ebenso,  wie  bei  uns,  als  eine 
Lotterie  betrachtet,  in  welcher  die  Gewinne  den  Nieten 
nicht  gleichkommen,  obgleich  die  Größe  einiger  Ge- 
winne manchen  Glücksritter  reizt,  in  so  ungedeihlichen 
Projekten  sein  Vermögen  fortzuwerfen. 

Da  der  Souverän  jedoch  einen  großen  Teil  seines 
Einkommens  aus  dem  Ertrag  der  Silberminen  bezieht, 
so  gibt  in  Peru  das  Gesetz  alle  mögliche  Aufmunterung 
zur  Entdeckung  und  zum  Bau  neuer  Minen.  Wer  eine 
neue  Mine  entdeckt,  ist  berechtigt,  in  der  Richtung, 
in  welcher  er  die  Ader  vermutet,  zweihundert  und 
sechsundvierzig  Fuß  in  der  Länge  und  halb  so  viel 
in  der  Breite  abzumessen.  Dieser  Teil  der  Mine 
wird  sein  Eigentum  und  er  darf  ihn  bearbeiten,  ohne 
dem  Grundherrn  eine  Abgabe  dafür  zu  entrichten. 
Den  Herzog  von  Cornwall  veranlaßte  sein  Interesse 
zu  einer  ganz  ähnlichen  Verordnung  in  diesem  frü- 
heren Herzogtum.  Auf  wüstem  und  uneingezäuntem 
Boden  darf  Jeder,  der  eine  Zinnmine  entdeckt,  ihre 
Grenzen  in  einem  gewissen  Umfang  abstecken,  was 
man  eine  Mine  umgrenzen  nennt.  Der  Abgrenzende 
wird  der  wirkliche  Eigentümer  der  Grube,  und  kann 
ihren  Betrieb  entweder  selbst  übernehmen,  oder  sie 
einem  Anderen  in  Pacht  geben,  ohne  daß  er  dazu 
die  Zustimmung  des  Grundeigentümers  braucht,  dem 
jedoch  für  die  Arbeiten  auf  der  Oberfläche  eine 
kleine  Abgabe  zu  entrichten  ist.  In  beiden  Verord- 
nungen werden  die  heiligsten  Rechte  des  Privateigen- 


Kap.  XT.ir.:  Borlenerzeuft-nisse  mit  und  ohne  Rente.      289 

turns  dem  vorausgesetzten  Interesse  der  Staatseinnah- 
men geopfert. 

Die  nämliche  Aufmunterung  läßt  man  in  Peru  der 
Entdeckung  und  Bearbeitung  neuer  Goldminen  zu  Teil 
werden.  Beim  Golde  beläuft  sich  die  königliche  Taxe 
nur  auf  den  zwanzigsten  Teil  des  reinen  Metalls.  Früher 
war  es  ein  Fünftel  und  dann  ein  Zehntel,  wie  beim  Silber; 
aber  man  fand,  daß  der  Bau  auch  nicht  die  kleinere 
dieser  beiden  Abgaben  tragen  konnte.  Wenn  es  aber, 
sagen  dieselben  Schriftsteller,  Frezier  und  Ulloa,  etwas 
seltenes  ist,  jemand  zu  finden,  der  durch  eine  Silber- 
mine reich  geworden  wäre,  so  ist  es  noch  weit  seltener, 
jemand  zu  finden,  der  durch  eine  Goldmine  großes  Ver- 
mögen erworben  hätte.  Jener  zwanzigste  Teil  scheint 
die  ganze  Rente  zu  sein,  die  von  den  meisten  Gold- 
minen in  Chili  und  Peru  aufgebracht  wird.  Auch  ist 
das  Gold  dem  Schmuggel  viel  leichter  ausgesetzt,  als 
selbst  das  Silber,  nicht  bloß  wegen  seines  höheren  Wertes 
im  Verhältnis  zu  seiner  Masse,  sondern  auch  wegen  der 
besonderen  Art,  wie  es  in  der  Natur  vorkommt.  Das 
Silber  wird  sehr  selten  in  gediegenem  Zustande  ge- 
funden, sondern  kommt,  wie  die  meisten  übrigen  Metalle 
gewöhnlich  in  Verbindung  mit  anderen  Metallen  vor, 
aus  denen  es  in  solchen  Mengen,  daß  die  Kosten  ge- 
deckt werden,  nur  durch  ein  sehr  mühsames  und  lang- 
wieriges Verfahren  geschieden  werden  kann,  ein  Ver- 
fahren, das  nur  in  besonderen  zu  diesem  Zwecke  ein- 
gerichteten Hüttenwerken  ausgeführt,  und  aus  diesem 
Grunde  der  Aufsicht  der  königlichen  Beamten  nicht 
entzogen  werden  kann.  Dagegen  findet  sich  das  Gold 
fast  überall  gediegen  vor.  Manchmal  findet  es  sich  in 
Stücken  von  ziemlicher  Größe;  wenn  es  aber  auch  in 
kleinen,  kaum  bemerkbaren  Teilchen  mit  Sand,  Erde 
oder  anderen  fremden  Körpern  vermischt  ist,  läßt  es 
sich  doch  durch  ein  wenig  zeitraubendes  und  einfaches 
Verfahren,    das  in  jedem  Privathause  von  jedem,    der 


240  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

etwas  Qaecksilber  besitzt,  vorgenommen  werden  kann, 
von  ihnen  scheiden.  Greht  also  schon  die  königliche 
Taxe  auf  Silber  schlecht  ein,  so  wird  dies  bei  Gold 
wahrscheinlich  noch  mehr  der  Fall  sein,  und  die  Rente 
muß  in  dem  Preise  des  Goldes  einen  weit  geringeren 
Teil  ausmachen,  als  in  dem  des  Silbers. 

Der  niedrigste  Preis,  zu  dem  die  edlen  Metalle 
verkauft  werden  können,  oder  die  kleinste  Menge  an- 
derer Waren,  gegen  die  man  sie  für  längere  Zeit  ver- 
tauschen kann,  wird  durch  dieselben  Grundsätze  be- 
stimmt, die  den  niedrigsten  gewöhnlichen  Preis  aller 
anderen  Waren  regeln.  Er  wird  bestimmt  durch  das 
Kapital,  das  zu  diesem  Behuf  gewöhnlich  angelegt 
werden  muß,  sowie  die  Nahrung,  Kleidung  und  Woh- 
nung, die  verbraucht  werden,  bis  die  Metalle  aus  dem 
Bergwerk  auf  den  Markt  kommen.  Er  muß  wenigstens 
hinreichend  sein,  um  jenes  Kapital  samt  den  gewöhn- 
lichen Gewinnen  wieder  einzubringen. 

Ihr  höchster  Preis  hingegen  scheint  nicht  not- 
wendig durch  etwas  anderes  als  durch  die  jeweilige 
Seltenheit  oder  Häufigkeit  dieser  Metalle  selbst  be- 
stimmt zu  werden.  Er  wird  nicht  durch  den  Preis  einer 
anderen  Ware  bestimmt,  wie  der  Preis  der  Kohlen  durch 
den  des  Holzes,  über  den  hinaus  kein  Mangel  ihn  stei- 
gern kann.  Steigt  der  Mangel  an  Gold  bis  auf  einen 
gewissen  Grad,  so  kann  sein  kleinstes  Stückchen  kost- 
barer werden  und  im  Tausch  eine  größere  Menge 
anderer  Waren  gelten,  als  ein  Diamant. 

Die  Nachfrage  nach  diesen  edlen  Metallen  ent- 
springt teils  aus  ihrer  Nützlichkeit,  teils  aus  ihrer  Schön- 
heit. Mit  Ausnahme  des  Eisens  sind  sie  nutzbarer,  als 
vielleicht  jedes  andere  Metall.  Da  sie  dem  Rosten  und 
der  Verunzierung  weniger  ausgesetzt  sind,  können  sie 
leichter  rein  gehalten  werden,  und  das  aus  diesen  Me- 
tallen verfertigte  Tafel-  und  Küchengerät  ist  darum  an- 


Kap.  XI.IT.:  Bodenerzeiignisse  mit  und  ohne  Rente.      241 

genehmer.  Ein  silberner  Kessel  ist  reinlicher,  als  ein 
bleierner,  kupferner  oder  zinnerner,  und  ein  goldener 
würde  noch  besser  sein.  Ihr  Hauptvorzug  jedoch  ist 
ihre  Schönheit,  die  sie  besonders  zu  Zierraten  der  Klei- 
dung und  Gerätschaften  geeignet  macht.  Keine  Farbe 
gibt  einen  solchen  Glanz,  wie  die  Vergoldung.  Der 
Vorzug  ihrer  Schönheit  wird  durch  ihre  Seltenheit  noch 
bedeutend  gehoben.  Bei  den  meisten  reichen  Leuten  be- 
steht der  Hauptgenuß,  den  sie  von  ihrem  Eeichtum 
haben,  in  seiner  Schaustellung,  die  in  ihren  Augen  nie 
so  vollständig  ist,  als  wenn  sie  jene  entscheidenden 
Zeichen  des  Überflusses  besitzen,  die  außer  ihnen  nie- 
mand besitzen  kann.  In  ihren  Augen  wird  der  Vorzug 
eines  Gegenstandes,  der  in  irgend  einem  Grade  nützlich 
oder  schon  ist,  bedeutend  erhöht  durch  seine  Seltenheit, 
d.  h.  durch  die  große  Arbeit,  die  es  erfordert,  eine 
beträchtliche  Menge  davon  zu  sammeln,  eine  Arbeit, 
welche  außer  ihnen  niemand  bezahlen  kann.  Solche 
Gegenstände  kaufen  sie  gern  zu  einem  höheren  Preise, 
als  viel  schönere  und  nützlichere,  aber  gewöhnlichere 
Dinge.  Diese  Eigenschaften  der  Nützlichkeit,  Schön- 
heit und  Seltenheit  sind  der  ursprüngliche  Grund  des 
hohen  Preises  dieser  Metalle,  oder  der  großen  Menge 
anderer  TTaren,  gegen  die  sie  überall  ausgetauscht 
werden  können.  Dieser  Wert  ging  ihrer  Verwendung 
zu  Münzen  voran,  und  war  unabhängig  davon;  er  war 
vielmehr  die  Eigenschaft,  die  sie  zu  seiner  Verwen- 
dung geeignet  machte.  Doch  mag  diese  Verwendung 
dadurch,  daß  sie  eine  neue  Nachfrage  verursachte, 
und  die  zu  anderen  Zwecken  verwendbare  Menge 
beschränkte,  später  dazu  beigetragen  haben,  ihren 
Wert  aufrecht  zu  erhalten   oder  zu  erhöhen. 

Die  Nachfrage  nach  Edelsteinen  beruht  allein  auf 
ihrer  Schönheit.  Sie  werden  zu  nichts  anderem  gebraucht, 
als  zum  Schmuck  und  der  Vorzug  ihrer  Schönheit  wird 

Adam  Sinith.  Volkswohlstand.  I.  It* 


242  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

noch  durch  ihre  Seltenheit,  d.  h.  durch  die  Schwierig- 
keit und  die  Kosten  ihrer  Gewinnung  bedeutend  ver- 
mehrt. Arbeitslohn  und  Gewinn  machen  demgemäß  in 
den  meisten  Fällen  fast  die  Gesamtheit  ihres  hohen 
Preises  aus.  Die  Rente  hat  nur  einen  sehr  kleinen,  oft 
gar  keinen  Anteil  daran,  und  nur  die  ergiebigsten  Minen 
liefern  eine  bedeutendere  Rente.  Als  der  Juwelier 
Tavernier  die  Diamantengruben  von  Golkonda  und 
Yisapur  besuchte,  sagte  man  ihm,  daß  der  Herrscher 
des  Landes,  für  dessen  Rechnung  sie  ausgebeutet 
wurden,  alle  Gruben,  bis  auf  die,  welche  die  größten 
und  schönsten  Steine  lieferten,  hatte  schließen  lassen. 
Es  scheint  also,  daß  die  übrigen  für  den  Eigentümer 
den  Betrieb  nicht  lohnten. 

Da  der  Preis  sowohl  der  edlen  Metalle  wie  der 
Edelsteine  überall  in  der  Welt  durch  ihren  Preis  an 
den  ergiebigsten  Minen  bestimmt  wird,  so  richtet  sich 
die  Rente,  die  eine  derartige  Mine  für  ihren  Eigen- 
tümer abwerfen  kann,  nicht  nach  ihrer  absoluten, 
sondern  nach  ihrer  relativen  Ergiebigkeit,  d.  h.  nach 
ihrer  Überlegenheit  über  andere  Minen  derselben  Art. 
Würden  neue  Minen  entdeckt,  die  die  potosischen  um 
eben  so  viel  überträfen,  als  diese  die  europäischen 
übertroffen  haben,  so  würde  der  Wert  des  Silbers  so 
sehr  sinken,  daß  selbst  die  Minen  von  Potosi  den 
Betrieb  nicht  mehr  verlohnten.  Vor  der  Entdeckung 
des  spanischen  Westindiens  mögen  die  gehaltreichsten 
Minen  in  Europa  ihren  Eigentümern  eine  eben  so 
große  Rente  geliefert  haben,  als  die  reichsten  Minen 
von  Peru  gegenwärtig  den  ihrigen  gewähren.  War 
auch  die  Menge  des  gewonnenen  Silbers  weit  geringer, 
so  konnte  man  doch  ebenso  viele  andere  Waren  damit 
eintauschen  und  der  Eigentümer  konnte  für  seinen  Anteil 
eine  gleiche  Menge  Arbeit  oder  Waren  damit  kaufen. 
Der  Wert    sowohl   der  Ausbeute    wie   der  Rente,    das 


Kap.  XI,II.:  Bodenerzeugnisse  mit  und  ohne  l^ente.     243 

wirkliche  Einkommen,  das  sie  sowohl  dem  Staate  wie 
dem  Eigentümer  brachten,  mag  ähnlich  gewesen  sein. 

Aber  die  reichsten  Minen  sowohl  der  Metalle  wie 
der  Edelsteine  können  dem  Reichtum  der  Welt  nur 
wenig  hinzufügen.  Ein  Erzeugnis,  dessen  Wert  haupt- 
sächlich seiner  Seltenheit  zuzuschreiben  ist,  wird  not- 
wendig durch  seinen  Überfluß  entwertet.  Ein  Tafel- 
geschirr und  der  übrige  eitle  Tand  in  Kleidung  und 
Gerätschaften  würde  im  letzteren  Falle  für  eine  gerin- 
gere Menge  Arbeit  oder  für  eine  geringere  Menge  Waren 
gekauft  werden,  und  hierin  würde  der  ganze  Vorteil 
bestehen,  den  die  Welt  aus  jenem  Überfluß  zöge. 

Anders  ist  es  mit  Grundstücken  über  der  Erde.  Der 
Wert  sowohl  ihrer  Produkte  wie  ihrer  Rente  richtet 
sich  nach  ihrer  absoluten  und  nicht  nach  ihrer  relati- 
ven Fruchtbarkeit.  Das  Land,  das  eine  gewisse  Quan- 
tität Nahrung,  Kleidung  und  Wohnungsbedürfnisse  her- 
vorbringt, kann  stets  eine  gewisse  Zahl  Menschen  nähren, 
kleiden  und  mit  Wohnung  versorgen :  und  welchen  An- 
teil davon  auch  der  Grundherr  bezieht,  stets  wird  er 
ihm  eine  verhältnismäßige  Verfügung  über  die  Arbeit 
dieser  Leute  und  über  die  Waren  geben,  mit  welchen 
diese  Arbeit  ihn  versehen  kann.  Der  Wert  der  unfrucht- 
barsten Ländereien  wird  durch  die  Nachbarschaft  der 
fruchtbarsten  nicht  verringert;  er  wird  im  Gegenteil  ge- 
wöhnlich dadurch  erhöht.  Die  große  Menge  Menschen, 
die  auf  dem  fruchtbaren  Lande  ihre  Nahrung  findet, 
bietet  für  viele  Produkte  des  unfruchtbaren  einen  Markt, 
den  sie  unter  den  Leuten,  die  seine  eigene  Produktion 
zu    erhalten  vermochte,    niemals    hätte   finden  können. 

Alles,  was  die  Fruchtbarkeit  des  Bodens  derart 
vermehrt,  daß  er  mehr  Nahrungsmittel  hervorbringt, 
erhöht  nicht  nur  den  Wert  der  Ländereien,  denen  die 
Verbesserung  zu  Teil  wird,  sondern  trägt  auch  dazu 
bei,   den  Wert  vieler   anderer  Ländereien   dadurch  zu 

16* 


244  T]i'''tps  Ruch :  Zuniihmo  in  rler  Ertra^'skraft  dor  Arbeit. 

steigern,  daß  es  für  ihre  Produkte  eine  neue  Nachfrage 
schafft.  Der  Überschuß  an  Nahrungsmitteln,  der  in 
Folge  der  Bodenverbesserung  vielen  Leuten 'über  ihren 
eigenen  Bedarf  noch  etwas  abwirft,  ist  die  wirkliche 
Ursache  der  Nachfrage  nach  edlen  Metallen  und  Edel- 
steinen, sowie  nach  allen  anderen  Gegenständen  der 
Bequemlichkeit  und  des  Zierrats  an  Kleidung,  Woh- 
nung, Haushalt  usw.  Die  Nahrungsmittel  bilden  nicht 
nur  den  Hauptteil  alles  Reichtums  in  der  Welt,  son- 
dern ihr  Überfluß  giebt  auch  vielen  anderen  Gütern 
erst  ihren  hauptsächlichen  Wert.  Bei  der  Entdeckung 
von  Cuba  und  St.  Domingo  durch  die  Spanier  hatten 
die  armen  Eingebornen  die  Gewohnheit,  kleine  Stück- 
chen Gold  als  Zierrat  im  Haar  und  an  manchen  Stellen 
ihres  Anzugs  zu  tragen.  Sie  schienen  sie  eben  so  zu 
schätzen,  wie  wir  etwa  kleine  Kieselsteine  von  etwas 
mehr  als  gewöhnlicher  Schönheit  schätzen,  und  hielten 
sie  allenfalls  des  Aufhebens  wert,  aber  nicht  für  kost- 
bar genug,  um  sie  dem,  der  sie  darum  bat,  zu  ver- 
weigern. Sie  gaben  sie  ihren  neuen  Gästen  auf  ihren 
ersten  Wunsch  und  schienen  nicht  zu  glauben,  daß 
sie  ihnen  ein  besonders  wertvolles  Geschenk  gemacht 
hätten.  Mit  Erstaunen  bemerkten  sie  die  Gier  der 
Spanier  nach  ihrem  Besitze  und  begriffen  nicht,  wie 
es  ein  Land  geben  konnte,  wo  viele  Leute  über  einen 
solchen  Überfluß  an  Nahrungsmitteln,  die  bei  ihnen 
so  unzureichend  waren,  verfügen  konnten,  daß  sie  für 
eine  geringe  Menge  jenes  glitzernden  Flitters  gern  so 
viel  Nahrungsmittel,  wie  eine  ganze  Familie  auf  mehrere 
Jahre  braucht,  hergaben.  Hätte  ihnen  dies  begreiflich 
gemacht  werden  können,  so  w^ürde  sie  die  Leidenschaft 
der  Spanier  nicht  mehr  befremdet  haben. 


Kap.  XI.TTI.:  Veränderung  in  d.  WertA-erh.  v.  Produkten,  etc.  245 


Dritte  Abteilung. 

Die  Veränderung  in  dem  Verhältnis  zwischen  dem  Werte 

derjenigen  Art  von  Produkten,  welche  immer  eine  Rente 

bringen,  und  dem  Werte  derer,  die  zuweilen  eine  Rente 

gewähren  und  zuweilen  keine, 

Der  infolge  zunehmender  Kultur  wachsende  Über- 
fluß  von  Nahrungsmitteln  muß  notwendig  auch  die 
Nachfrage  nach  den  anderen  Bodenprodukten,  die  nicht 
Nahrungsmittel  sind,  sondern  zu  anderem  Gebrauch 
oder  zur  Zierde  dienen,  vermehren.  Man  sollte  dem" 
nach  erwarten,  daß  im  gesamten  Fortschritt  der  Kultur 
nur  eine  einzige  Veränderung  in  dem  Wertverhältnis 
dieser  beiden  Arten  von  Produkten  eintreten  und  der 
"Wert  derjenigen  Art  von  Produkten,  die  zuweilen  eine 
Hente  abwirft  und  zuweilen  nicht,  stets  gerade  so  zU' 
nehmen  würde,  wie  der  AA'ert  derjenigen,  welche  stets 
eine  Rente  geben.  In  dem  Maße,  wie  Künste  und  Ge» 
werbe  fortschreiten,  müßten  auch  die  Stoffe  für  Klei- 
dung und  Wohnung,  die  nützlichen  Fossilien  und 
Mineralien  der  Erde,  und  die  edlen  Metalle  und  Edel- 
steine allmählich  mehr  und  mehr  im  Begehr  steigen, 
sich  allmählich  gegen  eine  immer  größere  Menge  von 
Nahrungsmitteln  vertauschen  lassen,  mit  anderen 
Worten  allmählich  immer  teurer  werden.  Dies  ist 
auch  beim  größten  Teil  dieser  Dinge  meist  der  Fall, 
und  würde  dies  unter  allen  Umständen  sein,  wenn 
nicht  besondere  Umstände  in  manchen  Fällen  das  An- 
gebot noch  höher  gesteigert  hätten,  als  die  Nachfrage. 

Der  Wert  eines  Steinbruchs  z.  B.  wird  notwendig 
mit  der  zunehmenden  Kultur  und  Bevölkerung  der 
Umgegend  steigen,  namentlich  wenn  er  der  einzige  in 
der  ganzen  Gegend  ist.  Dagegen  steigt  der  Wert  einer 
Silbermine,  wenn  auch  innerhalb  tausend  Meilen  keine 
andere  vorhanden  wäre,  durchaus  nicht  notwendig  mit 


246  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragski-aft  der  Arbeit. 

der  Kultur  des  Landes,  in  dem  sie  sich  befindet.  Der 
Markt  für  das  Produkt  eines  Steinbruchs  kann  sich 
selten  weiter  als  auf  einige  Meilen  in  der  Runde  er- 
strecken, und  die  Nachfrage  danach  wird  sich  im  Ganzen 
nach  der  Kultur  und  Bevölkerung  dieses  kleinen  Um- 
kreises richten.  Der  Markt  für  das  Piodukt  einer  Silber- 
mine hingegen  kann  sich  über  die  ganze  bekannte  Welt 
ausdehnen.  Wenn  daher  nicht  die  Welt  im  Ganzen  an 
Kultur  und  Bevölkerung  zunimmt,  braucht  die  Nach- 
frage nach  Silber  infolge  der  fortschreitenden  Kultur 
selbst  eines  großen  Landes  in  der  Nähe  der  Mine 
keineswegs  zu  steigen.  Selbst  wenn  die  Welt  im  Ganzen 
an  Kultur  zunähme,  gleichzeitig  aber  neue  Minen  von 
weit  größerer  Ergiebigkeit,  als  die  bisher  bekannten, 
entdeckt  würden,  so  würde  trotz  der  notwendig  wachsen- 
den Nachfrage  nach  Silber  sein  Angebot  doch  so  be- 
deutend steigen,  daß  der  Sachpreis  dieses  Metalls  nach 
und  nach  sinken  müßte,  d.  h.  daß  eine  bestimmte 
Menge  von  ihm  etwa  ein  Pfund,  nach  und  nach  eine 
immer  geringere  Menge  von  Arbeit  kaufen  könnte, 
oder  sich  nur  gegen  eine  immer  kleiner  werdende 
Monge  Getreides,  des  Hauptlebensmittels  der  Arbeiter, 
vertauschen  ließe. 

Der  große  Markt  für  Silber  ist  der  handeltreibende 
und  zivilisierte  Teil  der  Welt. 

Wenn  durch  den  allgemeinen  Fortschritt  die  Nach- 
frage dieses  Marktes  wüchse,  während  zu  gleicher  Zeit 
das  Angebot  nicht  in  demselben  Verhältnis  zunähme, 
so  würde  der  Wert  des  Silbers  allmählich  im  Verhältnis 
zu  dem  des  Getreides  steigen.  Eine  gegebene  Menge 
Silber  würde  im  Tausch  eine  immer  größere  Monge 
Getreide  gelten,  oder  mit  anderen  Worten,  der  durch- 
schnitthche  Geldpreis  des  Getreides  würde  allmählich 
immer  niedriger  werden. 

Wenn  umgekehrt  zufällig  das  Angebot  viele  Jahre 


Kap.  XL:  Die  Schwankungen  de«  Silberwerts.  I.       247 

hindurch  in  größerem  Maße  wächst,  als  die  Nachfrage, 
so  würde  jenes  Metall  allmählich  immer  wohlfeiler 
\\ierden,  oder  mit  anderen  Worten,  der  durchschnitt- 
liche Geldpreis  des  Getreides  würde  trotz  aller  Fort- 
schritte  der  Kultur  allmählich    immer  höher    werden. 

Stiege  jedoch  andererseits  das  Angebot  des  Metalls 
fast  in  demselben  Maße,  wie  die  Nachfrage,  so  würde 
man  auch  ferner  fast  dieselbe  Menge  Getreide  dafür 
kaufen  können,  und  der  durchschnittliche  Geldpreis 
des  Getreides  würde  trotz  aller  Kulturfortschritte  un- 
gefähr der  nämliche  bleiben. 

Diese  drei  Fälle  scheinen  alle  möglichen  Eventu- 
alitäten, die  sich  im  Fortschritt  der  Kultur  ereignen 
können,  zu  erschöpfen,  und  im  Laufe  der  letzten  vier 
Jahrhunderte  ereigneten  sich,  soweit  man  nach  den 
Vorgängen  in  Frankreich  und  Großbritannien  urteilen 
kann,  alle  drei  Fälle  auf  dem  europäischen  Markt,  und 
zwar  so  ziemlich  in  derselben  Reihenfolge,  in  der  ich 
sie  liier  aufgeführt  habe. 


Abschweifung 

Über  die  Schwankungen  des  Silberwerts  während  der 

letzten  vier  Jahrhunderte. 

Erste  Periode. 
Um  das  Jahr  1350  scheint  der  Durchschnittspreis 
des  Quarters  Weizen  in  England  nicht  weniger  als 
vier  Unzen  Silber  Towergewicht,  etwa  gleich  zwanzig 
Schilling  unsres  jetzigen  Geldes,  gekostet  zu  haben.  Von 
diesem  Preise  scheint  er  allmählich  bis  auf  zwei  Unzen 
Silber,  also  etwa  zehn  Schilling  unsres  Geldes  gefallen 
zu  sein,  zu  welchem  Preise  wir  ihn  am  Anfang  des 
sechzehnten  Jahrhunderts  veranschlagt  finden,  und 
den  er  bis  ungefähr  1570  behalten  haben  mag. 


248  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Im  Jahre  1350,  dem  fünfundzwanzigsten  Eduards 
III.,  wurde  das  sogenannte  Arbeiterstatut  erlassen. 
Im  Eingange  dazu  wird  über  die  Ungebührlichkeit 
der  Dienstboten  geklagt,  die  ihren  Herrschaften  einen 
höheren  Lohn  abzunötigen  suchen.  Deshalb  wird 
verordnet,  daß  alle  Dienstboten  und  Arbeiter  in  Zu- 
kunft sich  mit  den  nämlichen  Löhnen  und  Livreen 
(Livery  bedeutete  damals  nicht  blos  Kleidung,  son- 
dern auch  Beköstigung)  begnügen  sollten,  die  sie  im 
zwanzigsten  ßegierungsjahre  dos  Königs  und  in  den 
vier  vorhergehenden  zu  erhalten  pflegten;  daß  deshalb 
die  Lieferuns  von  Weizen  an  sie  niemals  höher  an- 
geschlagen  werden  solle,  als  10  d.  für  den  Bushel, 
und  daß  den  Meistern  stets  die  Wahl  bleiben  solle, 
Weizen  oder  Geld  zu  geben.  10  d.  für  den  Bushel 
sah  man  also  im  fünfundzwanzigsten  Regierungsjahre 
Eduards  111.  als  einen  sehr  mäßigen  Preis  des  Weizens 
an,  da  es  eines  besonderen  Gesetzes  bedurfte,  die 
Dienstboten  zu  seiner  Annahme  anstatt  ihrer  üblichen 
Beköstigung  zu  nötigen;  und  schon  zehn  Jahre  früher, 
im  sechzehnten  Regierungsjahre  des  Königs,  auf 
welchen  Zeitpunkt  das  Gesetz  zurückgeht,  wurde  es 
für  einen  billigen  Preis  gehalten.  Im  sechzehnten  Re- 
gierungsjahre Eduards  III.  enthielten  aber  10  d.  un- 
gefähr eine  halbe  Unze  Silber  Towergewicht,  und 
waren  etwa  so  viel,  als  eine  halbe  Krone  (2^2  sh.) 
unsres  heutigen  Geldes.  Vier  Unzen  Silber  Towor- 
gewicht,  also  6  sh.  8  d.  im  Gelde  jener  Zeit,  oder 
beinahe  20  sh.  des  jetzigen  Geldes,  galten  als  ein 
mäßiger  Preis  für  den  Quarter  von  acht  Bushel. 

Dies  Gesetz  beweist  sicherlich  besser,  was  zu  jener 
Zeit  als  ein  mäßiger  Preis  des  Getreides  galt,  als  die 
von  Geschichtsschreibern  und  anderen  Schriftstellern 
gewöhnlich  aufgezeichneten  Preise  einzelner  besonders 
teurer    oder    wohlfeiler  Jahre,    nach   denen    man   sich 


Kap.  XI.:  Die  Sch^yankung•en  des  Silberwerts.  I.       2-19 

eben  deshalb  kein  sicheres  Urteil  über  den  Durch- 
schnittspreis bilden  kann.  Es  gibt  indessen  noch  andere 
Gründe,  die  es  glaubhaft  mächen,  daß  zu  Anfang  des 
vierzehnten  Jahrhunderts  und  etwas  früher  der  ge- 
wöhnliche Preis  des  Weizens  nicht  unter  vier  Unzen 
Silber  der  Quarter  betrug,  und  der  Preis  der  übrigen 
Gretreidearten  im  Verhältnis  dazu  stand. 

1309  gab  Ralph  de  Born,  Prior  des  Augustiner- 
klosters zu  Canterbury,  am  Tage  seiner  Einsetzung 
ein  Fest,  von  dem  uns  William  Thorn  nicht  nur  den 
Speisezettel  selbst,  sondern  auch  die  Preise  vieler 
Einzelheiten  aufbewahrt  hat.  Bei  diesem  Feste  wurden 
verzehrt:  1)  53  Quarter  Weizen,  die  zusammen  neun- 
zehn Pfund,  oder  7  sh.  2  d.  der  Quarter,  d.  h.  21  sh.  6  d. 
jetzigen  Geldes  kosteten.  2)  58  Quarter  Malz,  die  zu- 
sammen 17  £  10  sh.,  oder  (3  sh.  der  Quarter,  d.  h.  18  sh. 
unseres  Geldes  kosteten.  3)  20  Quarter  Hafer,  welche 
zusammen  4  £,  oder  -t  sh.  der  Quarter,  d.  h.  12  sh. 
unseres  Geldes  kosteten.  Die  Preise  von  Malz  und 
Hafer  scheinen  hier  höher  zu  sein,  als  nach  ihrem  ge- 
wöhnlichen Verhältnis  zum  Preise  des  Weizens  anzu- 
nehmen wäre. 

Die  Preise  wurden  nicht  wegen  ihrer  außerge- 
wöhnlichen Höhe  oder  Wohlfeilheit  aufgezeichnet, 
sondern  nur  zufällig  als  die  Preise  großer  Getreide- 
mengen, die  bei  einem  durch  seine  Pracht  berühmten 
Feste  verbraucht  wurden,  erwähnt. 

Im  Jahre  1262,  dem  51sten  Heinrichs  HI.,  wurde 
ein  altes  Gesetz,  die  sogenannte  Brot-  und  Biertaxe, 
das,  wie  der  König  im  Eingange  sagt,  in  den  Zeiten 
seiner  Voreltern,  unter  denen  einige  Könige  von  Eng- 
land, gegeben  worden,  wieder  erneuert.  ¥]s  fällt  dem- 
nach wahrscheinlich  in  die  Zeit  seines  Großvaters, 
Heinrichs  H.,  oder  kann  auch  bis  in  die  Zeit  der  Er- 


250  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

oberung  zurückreichen.  Das  Gesetz  regelt  den  Preis 
des  Brotes  nach  den  jedesmaligen  Weizenpreisen,  die 
von  einem  bis  zu  zwanzig  sh.  damaligen  Geldes  der 
Quarter  schwankten.  Gesetze  dieser  Art  pflegen  aber 
ihre  Fürsorge  auf  alle  Abweichungen  vom  mittleren 
Preise,  also  sowohl  die  unter,  als  die  über  ihm  zu 
ei-streckcn.  Unter  dieser  Voraussetzung  müssen  10  sh. 
oder  sechs  Unzen  Silber  Towergewicht,  gleich  30  sh. 
unseres  jetzigen  Geldes,  als  der  mittlere  Preis  des 
Quarters  Weizen  zu  der  Zeit,  als  jenes  Gesetz  zuerst 
gegeben  wurde,  angesehen  worden  und  es  auch  bis 
in  das  ölste  Jahr  Heinrichs  III.  geblieben  sein.  Wir 
werden  daher  kaum  irregehen,  wenn  wir  annehmen, 
daß  der  Mittelpreis  nicht  weniger  als  ein  Drittel  des 
von  jenem  Gesetze  für  den  Brotpreis  festgesetzten 
höchsten  Preises  betrug,  d.  h.  6  sh.  8  d.  damaligen 
Geldes   oder  vier  Unzen  Silber  Towergewicht. 

Diese  verschiedenen  Tatsachen  berechtigen  wohl 
zu  dem  Schlüsse,  daß  um  die  Mitte  des  vierzehnten 
Jahrhunderts  und  ziemlich  lange  vorher  der  Durch- 
schnittspreis des  Quarters  Weizen  nicht  unter  vier 
Unzen  Silber  Towergewicht  betrug. 

Ungefähr  von  der  Mitte  des  vierzehnten  bis  zum 
Anfang  des  sechszehnten  Jahrhunderts  scheint  dieser 
als  billig  und  massig,  d.  h.  als  der  Durschschnittspreis 
angesehene  Preis  allmählich  auf  etwa  die  Hälfte  ge- 
sunken zu  sein,  so  daß  er  zuletzt  bis  auf  zwei  Unzen 
Silber  Towergewicht  oder  etwa  10  sh.  unseres  Geldes 
fiel.    Auf  diesem  Satze  verblieb  er  bis  gegen  1570. 

In  dem  Haushaltungsbuche  Heinrichs,  des  fünften 
Grafen  von  Northumberland,  für  1512  finden  sich 
zweierlei  Schätzungen  des  Weizens.  Nach  der  einen 
wird  der  Quarter  zu  G  sh.  8  d.,  nach  der  anderen  nur  zu 
5  sh.  8  d.   berechnet.     1512   enthielten  aber  6  sh.  8  d. 


Kap.  XI.:  Die  Schwankungen  des  Silberwerts.  I.       251 

nur  zwei  Unzen  Silber  Towoi'gewicht  und  betrugen 
nach  heutigem  Gelde  etwa  10  sh. 

Vom  25.  Regierungsjahre  Eduards  III.  bis  in  den 
Anfang  der  Regiei'ung  Ehsabeths,  in  einem  Zeitraum 
von  mehr  als  zweihundert  Jahren,  blieben,  wie  man  aus 
verschiedenen  Gesetzen  ersieht,  sechs  Schilling  und 
acht  Pence  der  Durchschnittspreis  des  Weizens.  Die 
in  dieser  nominellen  Summe  enthaltene  Silbermenge 
nahm  jedoch  im  Laufe  dieser  Zeit  infolge  einiger 
Münzveränderungen  beständig  ab;  allein  der  gleich- 
zeitig steigende  Wort  des  Silbers  scheint  die  Vermin- 
derung der  in  der  gleichnamigen  Summe  enthaltenen 
Silbermenge  soweit  ausgeglichen  zu  haben,  daß  die 
Gesetzgebung  es  nicht  für  nötig  erachtete,  diesen  Um- 
stand zu  berücksichtigen. 

So  wurde  1436  bestimmt,  daß  der  Weizen  in  dem 
Falle  ohne  besondere  Erlaubnis  ausgeführt  worden  dürfe, 
wenn  sein  Preis  bis  auf  6  sh.  8  d.  gefallen  wäre,  und 
1463  wurde  bestimmt,  daß,  wenn  der  Preis  des  Quar- 
ters nicht  über  6  sh.  8  d.  stände,  kein  Weizen  einge- 
führt werden  solle.  Der  Gesetzgeber  war  also  der 
Meinung,  daß  die  Ausfuhr  bei  so  niedrigem  Preise 
keinen  Schaden  bringe,  daß  aber,  sobald  der  Preis 
höher  steige,  die  Einfuhr  aus  Vorsicht  zu  gestatten  sei. 
Mithin  galten  6  sh.  8  d.,  die  ungefähr  die  nämliche 
Menge  Silber  enthielten,  wie  jetzt  13  sh.  4  d.  (ein 
Drittel  weniger,  als  die  gleichnamige  Summe  zur  Zeit 
Eduards  III.  enthielt),  damals  für  einen  mäßigen  und 
billigen  Preis  des  Weizens. 

Im  Jahre  1554  unter  Philipp  und  Maria,  und  im 
Jahre  1558,  dem  ersten  Regierungsjahre  Elisabeths, 
wurde  die  Ausfuhr  des  Weizens  gleicherweise  für  den 
Fall  verboten,  daß  der  Preis  des  Quarters  nicht  6  sh. 
8  d.  übersteige,  eine  Summe  die  damals  kaum  für  2  d. 
mehr  Silber  enthielt  als  die  gleiche  Summe  in  unserer 


252  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Zeit.  Indessen  fand  man  bald,  daß  diese  Beschrän- 
kung der  Weizenausfuhr  in  der  Tat  einem  völligen  Ver- 
bote gleichkomme.  Deshalb  wurde  1562,  im  fünften 
Jahre  Elisabeths,  die  Ausfuhr  des  Weizens  aus  ge- 
wissen Häfen  für  den  Fall  gestattet,  daß  der  Preis  des 
Quarters  nicht  mehr  als  10  sh.,  die  ungefähr  dasselbe 
Silberquantum  enthielten  wie  jetzt,  betrage.  Mithin 
galt  dieser  Preis  damals  als  ein  mäßiger  und  billiger. 
Es  stimmt  dies  mit  der  Schätzung  des  Baches  North- 
umberlands  vom  Jahre  1512  ziemlich  üborein. 

Daß  auch  in  Frankreich  der  Durchschnittspreis 
des  Getreides  um  das  Ende  des  15.  und  im  Anfang 
des  16.  Jahrhunderts  viel  billiger  war,  als  in  den 
beiden  vorhergehenden  Jahrhunderten,  ist  sowohl  von 
Dupre  de  St.  Maur,  als  auch  von  dem  eleganten  Ver- 
fasser des  Versuchs  über  die  Gretreidepolitik  beobachtet 
worden.  Und  wahrscheinlich  war  in  den  meisten  Län- 
dern Europas  während  jener  Periode  der  Getreidepreis 
ebenso  gesunken. 

Das  Steigen  des  Silberwertes  im  Verhältnis  zum 
Werte  des  Getreides  konnte  seinen  Grund  haben  ent- 
weder ausschließlich  in  der  wachsenden  Nachfrage  nach 
diesem  Metall  infolge  der  zunehmenden  Kultur,  bei 
gleichbleibendem  Angebot;  oder  in  der  allmählichen 
Verminderung  des  Angebots  bei  gleichbleibender  Nach- 
frage, indem  die  meisten  damals  bekannten  Bergwerke 
sehr  erschöpft  waren,  und  größere  Betriebskosten  ver- 
ursachten; oder  endlich  teils  in  dem  einen,  teils  in  dem 
anderen  dieser  beiden  Umstände.  Gegen  das  Ende  des 
15.  und  zu  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  bildete  sich 
in  den  meisten  europäischen  Ländern  allmählich  eine 
festere  ßegierungsform  heraus,  als  man  seit  verschiede- 
nen Menschenaltern  sich  ihrer  erfreut  hatte.  Die  zuneh- 
mende Sicherheit  mußte  natürlich  auch  den  Gewerb- 
fleiß und  die  Bodenkultur  heben,   und    die  Nachfrage 


Kap.  XL:  Die  Sohwanknn.o-en  des  Silborwerts.  T.       253 

nach  den  edlen  Metallen,  gleich  wie  nach  allen  anderen 
Luxus-  und  Schmuckgegenständen  mußte  mit  dem 
wachsenden  Reichtum  gleichen  Schritt  halten.  Ein 
größeres  Jahresprodukt  erforderte  eine  größere  Menge 
Geld  zum  Umlauf  und  eine  größere  Zahl  reicher  Leute 
brauchte  mehr  silberne  Gerätschaften  und  Schmuck- 
sachen. Auch  muß  man  annehmen,  daß  die  meisten 
Bergwerke,  die  damals  den  europäischen  Markt  mit 
Silber  versorgten,  sehr  erschöpft  waren,  und  höhere 
Betriebskosten  erheischten.  Viele  unter  ihnen  waren 
seit  der  ßömerzeit  abgebaut  worden. 

Die  meisten  Schriftsteller  über  die  Warenpreise 
in  früheren  Zeiten  sind  der  Meinung,  daß  der  Wert 
des  Silbers  seit  der  Eroberung,  vielleicht  sogar  schon 
seit  dem  Einfalle  Julius  Cäsars,  bis  zur  Entdeckung 
Amerikas  beständig  gesunken  sei.  Zu  dieser  Ansicht 
scheinen  sie  teils  durch  die  Beobachtungen  über  die 
Preise  des  Getreides  und  anderer  Bodenprodukte,  teils 
durch  die  populäre  Meinung  verleitet  worden  zu  sein, 
daß,  wie  in  jedem  Lande  mit  dem  zunehmenden  Wohl- 
stande naturgemäß  auch  die  Silbermenge  wächst,  eben- 
so sein  Wert  abnimmt,  je  mehr  die  Menge   zunimmt. 

In  ihren  Betrachtungen  über  die  Getreidepreise 
scheinen  dreierlei  Umstände  sie  oft  irre  geleitet  zu 
haben. 

Erstens,  in  früheren  Zeiten  wurden  fast  alle  Renten 
in  natura  entrichtet,  in  einer  bestimmten  Menge  Ge- 
treide, Yieh,  Geflügel  usw.  Mitunter  kam  es  jedoch 
vor,  daß  der  Grundeigentümer  sich  die  freie  Wahl 
vorbehielt,  vom  Pächter  die  jährliche  Zahlung  ent- 
weder in  natura  oder  in  einer  bestimmten  Geldsumme 
zu  fordern.  Der  Preis,  zu  welchem  die  Naturallieferung 
in  eine  gewisse  Geldsumme  verwandelt  wurde,  heißt 
in  Schottland  der  Konversionspreis.  Steht  nun  stets 
dem  Grundeigentümer  die  Wahl  zu,    so   erfordert  die 


254  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Eitragskraft  der  Arbeit. 

Sicherheit  des  Pächters,  daß  der  Konversionspreis  eher 
unter  als  über  dem  mittleren  Marktpreise  stehe.  Er 
beträgt  demnach  auch  an  vielen  Orten  nicht  viel  mehr, 
als  die  Hälfte  von  diesem.  In  Bezug  auf  Geflügel  be- 
steht diese  Gewohnheit  noch  in  dem  größeren  Teile 
Schottlands,  inbezug  auf  Yieh  noch  hie  und  da.  Sie 
würde  wahrscheinlich  auch  für  Getreide  fortbestanden 
haben,  wenn  nicht  die  Einrichtung  der  öffentlichen 
Fiars  dem  ein  Ende  gemacht  hätte.  Dies  sind  jährliche, 
nach  richterlichem  Ermessen  vorgenommene  Schätzun- 
gen des  mittleren  Preises  aller  Getreidearten  und  ihrer 
verschiedenen  Sorten,  nach  Maßgabe  des  wirklichen 
Marktpreises  in  den  verschiedenen  Grafschaften.  Diese 
Einrichtung  machte  es  für  den  Pächter  hinreichend 
sicher  und  für  den  Grundeigentümer  bequemer,  die 
Getreiderente  lieber  in  jedem  Jahre  nach  dem  Preise 
der  Fiars,  als  nach  einem  festen  Preise  umzuwandeln. 
Die  Schriftsteller  aber,  die  die  Getreidepreise  früherer 
Zeiten  sammelten,  scheinen  oft  irrtümlich  den  in  Schott- 
land sogenannten  Konversionspreis  für  den  wirklichen 
Marktpreis  genommen  zu  haben.  Fleetwood  räumt  an 
einer  Stelle  ein,  daß  er  diesen  Irrtum  begangen  habe. 
Da  er  jedoch  sein  Buch  zu  einem  besonderen  Zwecke 
schrieb,  hielt  er  es  nicht  für  nötig,  dieses  Geständnis 
abzulegen,  als  nachdem  er  jenen  Konversionspreis  fünf- 
zehnmal abgeschrieben  hatte.  Der  Preis  ist  8  sh.  der 
Quarter  Weizen.  Diese  Summe  enthielt  im  Jahre  1423, 
mit  dem  er  beginnt,  ebenso  viel  Silber,  als  jetzt  16  sh.; 
dagegen  enthielt  sie  1562,  mit  welchem  Jahre  er  schließt, 
nicht  mehr,  als  die  heutige  gleichnamige  Summe  darstellt. 

Zweitens:  sie  ließen  sich  durch  die  Nachlässigkeit 
irreleiten,  womit  manche  alte  Taxordnungen  von  un- 
aufmerksamen Abschreibern  kopiert  und  zuweilen  viel- 
leicht von  der  Behörde  selbst  verfaßt  waren. 

Die    alten  Taxordnungen  scheinen    stets    mit    der 


Kap.  XL:  Die  Schwankungen  des  Silbervverts.  L       255 

Bestimmung  begonnen  zu  haben,  wie  hoch  der  Preis 
des  Brotes  und  Bieres  sein  solle,  wenn  der  "Weizen- 
und  Gerstenpreis  am  niedrigsten  stand,  und  scheinen 
dann  allmählich  zu  den  Bestimmungen  vorgeschritten 
zu  sein,  wie  hoch  der  Preis  sein  soll,  wenn  die  Preise 
jener  beiden  Getreidearten  sich  über  ihren  niedrigsten 
Satz  erheben.  Allein  die  Abschreiber  scheinen  es  oft 
für  hinreichend  gehalten  zu  haben,  die  Taxordnung 
bis  auf  die  drei  oder  vier  ersten  und  niedrigsten  Preise 
fortzuführen;  sie  ersparten  sich  auf  diese  Weise  Ar- 
beit, und  dachten  wahrscheinlich,  dies  genüge,  um  das 
Verhältnis  nachzuweisen,  das  bei  den  höheren  Preisen 
eintreten  sollte. 

So  wurde  in  der  Brot-  und  Bierordnung  aus  dem 
51.  ßegierungsjahre  Heinrichs  III.  der  Brotpreis  nach 
den  zwischen  einem  und  zwanzig  Schillingen  damali- 
gen Geldes  der  Quarter  schwankenden  Weizenpreisen 
geregelt.  In  den  Handschriften  aber,  nach  welchen  die 
verschiedenen  Ausgaben  der  Statuten,  bis  auf  die  Ruff- 
headschen,  gedruckt  wurden,  waren  die  Abschreiber  nie 
über  den  Preis  von  12  sh.  hinausgegangen.  Durch  diese 
mangelhafte  Art  des  Abschreibens  sind  viele  Schrift- 
steller irregeleitet  worden,  und  haben  ganz  natürlich 
geschlossen,  daß  der  in  der  Mitte  liegende  Preis,  also 
6  sh.  der  Quarter,  oder  etwa  18  sh.  unseres  Geldes,  zu 
jener  Zeit  der  gewöhnliche  oder  Durchschnittspreis 
des  Weizens  gewesen  ist. 

In  dem  Tumbrel-  und  Pillory-Statut''%  das  um 
dieselbe  Zeit  gegeben  wurde,  wird  der  Preis  des 
Bieres  nach  dem  Steigen  des  Gerstenpreises,  von  2  sh. 
bis  auf  4  sh.  der  Quarter  und  zwar  von  sechs  zu 
sechs  Pence,  goregelt.    Daß  jedoch  4  sh.  nicht  als  der 

•'')  Tumbrel,  Richtkarren,  Pillory,  Pranger.  Auf  dem  er.steren 
wurden  die  Brauer,  an  dem  andern  die  Bäcker,  die  .sich  gegen 
die  Taxen  vergingen,  der  öffentlichen  Schande  preisgegeben. 


256  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertra,2;skraft  der  Arbeit. 

höchste  Preis  betrachtet  wurde,  auf  den  die  Gerste 
steigen  konnte,  und  daß  diese  Preise  nur  als  ein  Bei- 
S{)iel  für  das  Verhältnis,  das  bei  höheren  oder  niedri- 
geren Preisen  beobachtet  vver'den  sollte,  aufgestellt 
worden  sind,  läßt  sich  aus  den  letzten  Worten  des  Sta- 
tuts schließen:  et  sie  deinceps  crescetur  vel  diminuetur 
per  sex  denarios.  Der  Ausdruck  ist  sehr  nachlässig, 
aber  der  Sinn  ist  deutlich  genug,  nämlich  „daß  der 
Preis  des  Bieres  steigen  oder  fallen  soll,  je  nachdem 
der  Preis  der  Gerste  um  6  d.  steigt  oder  fällt."  Der 
Gesetzgeber  scheint  bei  der  Abfassung  dieses  Statuts 
eben  so  nachlässig  gewesen  zu  sein,  als  es  die  Ab- 
schreiber bei  der  Abschrift  anderer  waren. 

In  einer  alten  Handschrift  des  „Regiam  Majesta- 
tem",  eines  alten  schottischen  Gesetzbuches,  findet  sich 
eine  Taxordnung,  in  welcher  der  Preis  des  Brotes  nach 
den  verschiedenen  Preisen  des  Weizens  von  10  d.  an 
bis  zu  8  sh.  für  den  schottischen  Boll,  (etwa  ein 
halber  englischer  Quarter)  geregelt  ist.  Drei  schottische 
Schillinge  waren  zur  Zeit  dieser  Taxordnung  etwa 
so  viel  wie  neun  Schilling  Sterling  unseres  Geldes. 
Ruddiman*)  scheint  hieraus  zu  schließen,  daß  drei 
Schilling  der  höchste  Preis  war,  den  der  Weizen  zu 
jener  Zeit  überhaupt  erreichte,  und  daß  zehn  Pence, 
bezw.  ein  Schilling,  oder  höchstens  zwei  Schilling  der 
gewöhnliche  Preis  war.  Befragt  man  die  Handschrift 
selbst,  so  ersieht  man  deutlich,  daß  alle  diese  Preise 
nur  als  Beispiele  des  Verhältnisses  aufgestellt  wurden, 
das  zwischen  den  Preisen  des  Weizens  und  des  Brotes 
festgehalten  werden  sollte.  Die  letzten  Worte  des 
Statuts  lauten:  „relicjua  judicabis  secundum  praescripta 
habende  respectum  ad  pretium  bladi"  —  „die  übrigen 
Fälle  sind  nach  Obigem  mit  Rücksicht  auf  den  Preis 
des  Getreides  zu  beurteilen." 


*)  S.  dessen  Vorrede  zu  Andersons  Diploraata  Scotiae. 


Kap.  XI.:  Die  Schwankungen  des  Silberwerts.  I.       257 

Drittens    scheint  man   sich   auch    durch  den   sehr 
niedrigen  Preis,   zu  dem  der  Weizen  zuweilen  in  der 
frühesten  Zeit  verkauft  wurde,  zu  dem  Glauben  haben 
verleiten  zu  lassen,  daß,  da  der  niedrigste  Preis  damals 
niedriger    war  als   in   späterer  Zeit,    der  gewöhnliche 
Preis  gleichfalls  niedriger  gewesen  sein  müsse.     Man 
hätte  jedoch  wissen  können,    daß  damals    der  höchste 
Preis  weit  über  dem  späteren,  und  der  niedrigste  weit 
unter   ihm    stand.      So    gibt    uns    Fleetwood    für    das 
Jahr  1270  zwei  Preise  des  Quarters  Weizen.   Der  eine 
ist  £  4.  16  sh.  im  Gelde  jener  Zeit,  d.  h.  £  14.  8  sh. 
im  unsrigen,  der  andere  £  6.  8  sh.,  d.  h.  £  19.  4  sh. 
unsres   Geldes.      Am  Ende   des   fünfzehnten   oder  zu 
Anfang   des   sechzehnten  Jahrhunderts   ist  kein  Preis 
zu  finden,  der  diesem  übertriebenen  Satze  nahe  käme. 
Der  Preis  des  Getreides,  obwohl  er  stats  Schwankun- 
gen unterworfen  ist,  schwankt  am  auffallendsten  doch 
in  jenen  unruhigen  und  ungeordneten  Gesellschaften, 
in   denen   die  Unterbrechung   alles  Handels   und  aller 
Verbindungen    den    Überfluß    des    einen    Landesteils 
hindert,  dem  Mangel  des  andern  zu  Hilfe  zu  kommen. 
In  dem  verwirrten  Zustande  Englands  unter  den  Plan- 
tagenets,   die   das   Land    von   der  Mitte   des    zwölften 
bis  gegen  das  Ende  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  be- 
herrschten,  konnte   der   eine  Bezirk  Überfluß   haben, 
während    ein    anderer  benachbarter    seine   Ernte    ent- 
weder  durch  Zufälle   der  Witterung   oder   durch   den 
Einfall    eines   benachbarten   Barons    zerstört  sah    und 
alle   Schrecken    einer   Hungersnot    zu   ertragen    hatte; 
denn    wenn    die   Ländereien    eines    feindlichen    Lords 
dazwischen  lagen,   konnte  der  eine  dem  andern  nicht 
den  geringsten  Beistand  leisten.    Unter  der  kräftigen 
Regierung    der   Tudors,    die    seit    der    zweiten   Hälfte 
des  fünfzehnten  und  das  ganze  sechzehnte  Jahrhundert 
hindurch    in    England    herrschten,     war    kein    Baron 

Adam  Smith,  Volkswohlstand.  I.  IT 


258  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

mächtig  genug,   um  es  wagen  zu  können,    die  öffent- 
liche Sicherheit  zu  stören. 

Am  Ende  dieses  Kapitels  wird  der  Leser  alle  von 
Fleetwood  gesammelten  Weizenpreise  finden,  von  1202 
bis  1597,  auf  unser  heutiges  Geld  zurückgeführt,  und 
nach  der  Zeitfolge  in  sieben  Perioden  von  je  zwölf 
Jahren  geordnet.  Auch  findet  er  am  Ende  jeder  Periode 
den  Durchschnittspreis  der  zwölf  Jahre,  aus  denen  sie 
besteht.  Für  den  ganzen  langen  Zeitraum  hat  Fleet- 
wood nur  die  Preise  von  achtzig  Jahren  zusammen- 
zubringen vermocht,  so  daß  vier  Jahre  fehlen,  um  das 
letzte  Dutzend  vollzumachen.  Ich  habe  daher  aus  den 
.Rechnungen  des  Eton  College  die  Preise  von  1598, 
1599,  1600  und  1601  hinzugesetzt,  ohne  mehr  hinzu- 
zufügen. Der  Leser  wird  ersehen,  daß  vom  Anfang 
des  dreizehnten  bis  nach  der  Mitte  des  sechzehnten 
Jahrhunderts  der  Durschnittspreis  von  je  zwölf  Jahren 
allmählich  immer  niedriger  wird,  um  sich  gegen  das 
Ende  des  sechzehnten  Jahrhunderts  wieder  zu  heben. 
Freilich  scheinen  die  Preise,  welche  Fleetwood  zu- 
sammenzubringen vermochte,  vorzugsweise  solche  zu 
sein,  die  wegen  ungewöhnlicher  Teurung  oder  Wohl- 
feilheit merkwürdig  waren,  und  ich  behaupte  nicht, 
daß  sich  sichere  Schlüsse  daraus  ziehen  lassen.  Soweit 
sie  jedoch  überhaupt  etwas  beweisen,  bestätigen  sie 
das,  was  ich  nachzuweisen  suchte.  Fleetwood  selbst 
scheint  hingegen,  wie  die  meisten  anderen  Schriftsteller, 
geglaubt  zu  haben,  daß  während  dieser  ganzen  Periode 
der  Wert  des  Silbers  sich  infolge  des  steigenden  Über- 
flusses stetig  verringert  habe.  Allein  die  Getreidepreise, 
die  er  selber  gesammelt  hat,  unterstützen  diese  Meinung 
gewiß  nicht.  Dagegen  stimmen  sie  vortrefflich  mit  der 
Ansicht  des  Herrn  Dupre  de  St.  Maur  und  der  von 
mir  entwickelten  überein.  Bischof  Fleetwood  und  Dupre 
de  St.  Maur  sind  die  beiden  Schriftsteller,  die  mit  der 


•  Kap.  XT.:  Die  Schwankungen  des  .Silberwerts.  T.       259 

größten  Sorgfalt  und  Gewissenhaftigkeit  die  Preise  frü- 
herer Zeiten  gesammelt  haben,  und  merkwürdigerweise 
treffen,  trotz  ihrer  verschiedenen  Ansichten,  doch  die 
von  beiden  festgestellten  Tatsachen,  wenigstens  soweit 
sie  sich  auf  die  Getreidepreise  beziehen,  sehr  genau 
zusammen. 

Es  sind  indessen  nicht  sowohl  die  niedrigen  Preise 
des  Getreides,  als  die  mancher  anderen  Bodenprodukte, 
aus  denen  die  urteilfähigsten  Schriftsteller  den  hohen 
Wert  des  Silbers  in  jenen  früheren  Zeiten  gefolgert 
haben.  Getreide,  hat  man  gesagt,  ist  eine  Art  Fabrikat, 
und  in  jenen  rohen  Zeiten  verhältnißmäßig  weit  teurer, 
als  die  meisten  andern  Waren,  worunter  man  vermut- 
lich die  meisten  ohne  Mitwir'kung  menschlicher  Arbeit 
entstandenen  Dinge,  wie  Vieh,  Geflügel,  Wildpret  aller 
Art  usw.  versteht.  Daß  diese  in  Zeiten  der  Armut 
und  Barbarei  verhältnißmäßig  viel  wohlfeiler  als  Korn 
waren,  ist  unzweifelhaft  richtig.  Allein  diese  Wohlfeil- 
heit war  nicht  die  Wirkung  des  hohen  Silberwertes, 
sondern  die  des  niedrigen  Wertes  jener  Waren.  Sie 
rührte  nicht  daher,  daß  das  Silber  in  solchen  Zeiten 
eine  größere  Menge  Arbeit  kauft  oder  darstellt,  son- 
dern daher,  daß  solche  Waren  eine  weit  geringere 
Menge  Arbeit  kaufen  oder  darstellen,  als  in  Zeiten 
größerer  Wohlhabenheit  und  Kultur.  Das  Silber  muß 
sicherlich  im  spanischen  Amerika  wohlfeiler  sein,  als  in 
Europa,  in  dem  Erzeugungslande  wohlfeiler,  als  in  dem 
Lande,  wohin  es  mit  den  Kosten  einer  langen  Land- 
und  Wasserfracht  und  der  Versicherung  gebracht  wird. 
Gleichwohl  betrug,  nach  Ulloa,  noch  vor  nicht  langer 
Zeit  in  Buenos-Ayres  der  Preis  eines  ausgesuchten 
Ochsen  nur  21V2  d.  und  16  sh.  ist  nach  Bj^ron  der 
Preis  eines  guten  Pferdes  in  der  Hauptstadt  von  Chili. 
In  einem  von  Natur  fruchtbaren  Lande,  dessen  größter 
Teil  jedoch  durchaus  unkultiviert  ist,  kann  man  Vieh, 

17* 


260  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Geflügel,  Wildpret  aller  Art  usw.  mit  einer  sehr  ge- 
ringen Arbeitsmenge  erwerben,  und  man  kann  sich 
daher  auch  nur  eine  sehr  geringe  Arbeitsmenge  dafür 
verschaffen.  Der  niedrige  Geldpreis,  zu  dem  sie  ver- 
kauft werden,  ist  kein  Beweis,  daß  der  Sachwert  des 
Silbers  dort  sehr  hoch,  sondern  nur,  daß  der  Sachwert 
jener  Waren  sehr  niedrig  ist. 

Die  Arbeit  und  nicht  irgend  eine  Ware  oder 
Gattung  von  Waren  ist,  wie  man  festhalten  muß,  das 
wahre  Wertmaß  sowohl  des  Silbers,  als  aller  anderen 
Waren. 

Da  in  fast  noch  unangebauten  oder  nur  dünn  be- 
völkerten Ländern  Vieh,  Geflügel,  Wildpret  aller  Art 
usw.  freiwillige  Erzeugnisse  der  Natur  sind,  so  bringt 
diese  sie  oft  in  weit  größeren  Mengen  hervor,  als  die 
Einwohner  verbrauchen  können.  Unter  solchen  Um- 
ständen übersteigt  das  Angebot  gewöhnlich  die  Nach- 
frage. In  verschiedenen  Zuständen  der  Gesellschaft, 
auf  verschiedenen  Stufen  der  Kultur  werden  daher 
solche  Waren  sehr  verschiedene  Mengen  von  Arbeit 
darstellen  oder  aufwiegen. 

Getreide  aber  ist  in  jedem  Zustande  der  Gesell- 
schaft, auf  jeder  Stufe  der  Kultur  das  Erzeugnis  mensch- 
lichen Fleißes.  Die  durchschnittliche  Produktion  jeder 
Art  von  Gewerbfleiß  paßt  sich  nun  immer  mehr  oder 
weniger  dem  durchschnittlichen  Verbrauch,  das  durch- 
schnittliche Angebot  der  durchschnittlichen  Nachfrage 
an.  Überdies  erfordert  die  Erzeugung  gleicher  Getreide- 
mengen in  demselben  Boden  und  Klima  auf  jeder  Stufe 
der  Kultur  durchschnittlich  fast  gleiche  Arbeitsmengen, 
oder,  was  auf  dasselbe  hinausläuft,  den  Preis  gleicher 
Arbeitsmengen,  denn  die  beständige  Zunahme  in  den 
produktiven  Kräften  der  Arbeit  wird  bei  fortschreiten- 
der Kultur  mehr  oder  weniger  durch  den  beständig 
steigenden  Preis  des  Viehs,  des  hauptsächlichsten  Werk- 
zeuges des  Ackerbaues,  aufgewogen.    Aus  allen  diesen 


Kap.  XI.:  Die  Schwankungen  des  Silberwert«.  1.        261 

Gründen  darf  man  annehmen,  daß  gleiche  Getreide- 
mengen in  jedem  Zustande  der  Gesellschaft,  auf  jeder 
Stufe  der  Kultur  weit  eher  gleiche  Arbeitsmengen  dar- 
stellen oder  aufwiegen  werden,  als  gleiche  Mengen  an- 
derer Bodenerzeugnisse.  Mithin  ist  das  Getreide  wie 
bereits  bemerkt,  auf  allen  Stufen  des  Reichtums  und 
der  Kultur  ein  genaueres  Wertmaß,  als  jede  andere 
Ware  oder  Gattung  von  Waren.  Auf  allen  diesen 
Stufen  werden  wir  daher  den  Sachwert  des  Silbers 
weit  besser  durch  einen  Vergleich  mit  Getreide,  als 
mit  irgend  einer  anderen  Ware  oder  Gattung  von 
Waren  beurteilen. 

Überdies  macht  Getreide  oder  was  sonst  das  ge- 
wöhnliche und  allgemein  beliebte  pflanzliche  Nahrungs- 
mittel des  Volks  ist,  in  jedem  zivilisiertem  Lande  den 
Hauptteil  der  Lebensmittel  des  Arbeiters  aus.  Infolge 
der  Ausdehnung  des  Ackerbaus  bringt  der  Boden  eines 
jeden  Landes  eine  viel  größere  Menge  pflanzlicher  als 
tierischer  Nahrung  hervor,  und  der  Arbeiter  lebt  überall 
vorzugsweise  von  demjenigen  gesunden  Nahrungsmittel, 
welches  das  wohlfeilste  und  reichlichste  ist.  Fleisch 
bildet,  außer  in  den  blühendsten  D&ndern,  in  denen 
die  Arbeit  am  höchsten  bezahlt  wird,  nur  einen  unbe- 
deutenden Teil  seiner  Nahrungsmittel;  Geflügel  einen 
noch  kleineren  Teil  von  ihnen  und  Wildpret  gar  keinen. 
In  Frankreich,  und  selbst  in  Schottland,  wo  die  Arbeit 
etwas  besser  als  in  Frankreich  bezahlt  wird,  genießt 
der  ärmere  Arbeiter,  außer  an  Feiertagen  und  bei 
anderen  außerordentlichen  Gelegenheiten,  selten  Fleisch. 
Daher  hängt  der  Geldpreis  der  Arbeit  weit  mehr  von 
dem  durchschnitthchen  Geldwert  des  Getreides,  des 
Nahrungsmittels  der  Arbeiter,  als  von  dem  des  Fleisches 
oder  irgend  eines  anderen  Bodenproduktes  ab.  Mithin 
hängt  auch  der  Sachwert  des  Goldes  und  Silbers,  be- 
ziehungsweise die  Arbeitsmenge,  welche  damit  erkauft 
werden  kann,  weit  mehr  von  der  Getreidemenge,   die 


262  Ki"«tes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

dafür  zu  haben  ist,  als  von  der  Menge  Fleisch  oder 
anderer  Bodenprodukte  ab. 

So  nachlässige  Beobachtungen  über  die  Preise  des 
Getreides  oder  anderer  Waren  würden  wahrscheinlich 
nicht  so  viele  einsichtige  Schriftsteller  irre  geleitet 
haben,  wenn  sie  nicht  gleichzeitig  durch  die  volkstüm- 
liche Meinung  beeinflnßt  worden  wären,  daß  in  dem 
Maße,  in  dem  die  Menge  des  Silbers  naturgemäß  in 
jedem  Lande  mit  der  Zunahme  des  Reichtums  wächst, 
auch  sein  Wert  sich  vermindere.  Diese  Meinung  scheint 
aber  durchaus  grundlos  zu  sein. 

Die  Menge  der  edlen  Metalle  kann  in  jedem  Lande 
aus  zweierlei  Ursachen  zunehmen:  erstens  infolge 
steigender  Ergiebigkeit  der  Bergwerke,  die  sie  liefern[; 
zweitens  infolge  zunehmenden  Reichtums  des  Volks, 
zunehmenden  Ertrags  seiner  Arbeit.  Die  erste  dieser 
Ursachen  ist  ohne  Zweifel  mit  der  Verringerung  im 
Werte  der  edlen  Metalle  notwendig  verknüpft;  die 
andere  nicht. 

Wenn  ergiebigere  Bergwerke  entdeckt  werden, 
kommt  eine  größere  Menge  edler  Metalle  auf  den 
Markt,  und  wenn"  die  Menge  der  Lebens-  und  Genuß- 
mittel, für  welche  sie  vertauscht  werden,  die  nämliche 
bleibt,  so  müssen  gleiche  Metallmengen  gegen  ge- 
ringere Warenmengen  vertauscht  werden.  Sofern  also 
die  zunehmende  Menge  der  edlen  Metalle  in  einem 
Lande  aus  der  zunehmenden  Ergiebigkeit  der  Berg- 
werke entspringt,  ist  sie  notwendig  mit  einer  Ver- 
ringerung in  ihrem  Werte  verknüpft. 

Wenn  hingegen  der  Reichtum  eines  Landes  wächst, 
und  der  jährliche  Ertrag  seiner  Arbeit  allmählich  immer 
größer  wird,  so  wird  für  den  Umlauf  einer  größeren 
Warenmenge  eine  größere  Menge  gemünzten  Geldes 
nötig;  und  da  die  Leute  mehr  Mittel  besitzen  und 
mehr  Waren  dafür  zu  geben  haben,  so  werden  sie 
auch  immer  mehr  Gerät  von  edlem  Metall  kaufen.  Ihre 


Kap.  XL:  Die  Schwankungen  des  Silberwerts.  I.       263 

Geldmenge  wird  mit  dem  Bedürfnis  wachsen,  die  des 
Geräts  mit  ihrer  Eitelkeit  und  Prunksucht  aus  dem- 
selben Grunde,  aus  welchem  auch  die  Zahl  schöner 
Statuen,  Gemälde  und  anderer  Gegenstände  des  Luxus 
und  der  Liebhaberei  unter  ihnen  wahrscheinlich  zu- 
nehmen wird.  Wie  aber  Bildhauer  und  Maler  in  Zeiten 
des  Keichtums  und  Glückes  schwerlich  schlechter  be- 
zahlt werden,  als  in  den  Zeiten  der  Armut  und  Not, 
so  wird  auch  Gold  und  Silber  wohl  nicht  schlechter 
bezahlt  werden. 

"Wie  der  Preis  von  Gold  und  Silber,  wenn  er 
nicht  durch  die  zufällige  Entdeckung  ergiebigerer  Berg- 
werke nieder  gehalten  wird,  mit  dem  Reichtum  jedes 
Landes  naturgemäß  steigt,  so  ist  er,  der  Stand  der 
Bergwerke  sei  welcher  er  wolle,  allezeit  in  einem 
reichen  Lande  naturgemäß  höher,  als  in  einem  armen. 
Gold  und  Silber  suchen,  wie  alle  anderen  Waren  den 
Markt  auf,  auf  dem  der  beste  Preis  für  sie  bezahlt 
wird,  und  der  beste  Preis  pflegt  für  jede  Sache  in  dem 
Lande  bewilhgt  zu  werden,  das  ihn  am  leichtesten  zu 
geben  imstande  ist.  Die  Arbeit  ist,  wie  man  festhalten 
muß,  der  letzte  Preis,  der  für  alle  Dinge  bezahlt  wird, 
und  in  Ländern,  wo  die  Arbeit  gleich  gut  bezahlt  wird, 
richtet  sich  der  Geldpreis  der  Arbeit  nach  dem  der 
Lebensmittel  des  Arbeiters.  Nun  wird  für  Gold  und 
Silber  in  einem  reichen  Lande  natürlich  eine  größere 
Menge  von  Lebensmitteln  zu  haben  sein,  als  in  einem 
armen,  d.  h.  in  einem  Lande,  das  an  Lebensmitteln 
Überfluß  hat,  eine  größere,  als  in  einem  Lande,  das 
nur  mäßig  damit  versorgt  ist.  Sind  die  beiden  Länder 
weit  von  einander  entfernt,  so  kann  der  Unterschied 
sehr  groß  sein,  weil,  obschon  die  Metalle  von  selbst 
von  dem  schlechteren  zu  dem  besseren  Markte  gehen, 
es  doch  .schwierig  kann,  sie  in  solchen  Mengen  dahin 
zu  bringen,  um  ihren  Preis  an  beiden  Orten  ins  Gleich- 


264  Erstes  Buch:  Zuricahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

gewicht  zu  setzen.  Liegen  die  Länder  dagegen  nahe 
bei  einandei-,  so  wird  der  LTnterschied  geringer  und 
manchmal  kaum  merkbar  sein,  weil  die  Versendung 
in  diesem  Falle  leicht  ist.  China  ist  ein  weit  reicheres 
Land,  als  irgend  ein  europäisches,  und  der  Unterschied 
im  Preise  der  Lebensmittel  zwischen  China  und  Europa 
ist  sehr  groß;  der  Reis  ist  in  China  viel  wohlfeiler, 
als  der  Weizen  irgendwo  in  Europa.  England  ist  ein 
viel  reicheres  Land  als  Schottland,  aber  der  Unter- 
schied in  dem  Geldpreise  des  Getreides  ist  in  diesen 
beiden  Ländern  weit  geringer  und  kaum  bemerkbar. 
Der  Menge  oder  dem  Maße  nach  scheint  das  schottische 
Getreide^  zwar  um  Vieles  wohlfeiler  zu  sein,  als  das 
englische;  aber  der  Beschaffenheit  nach  ist  es  gewiß 
etwas  teurer.  Schottland  erhält  fast  alle  Jahre  starke 
Zufuhren  aus  England,  und  jede  Ware  muß  in  dem 
Lande,  wohin  sie  gebracht  wird,  etwas  teurer  sein,  als 
in  demjenigen,  aus  dem  sie  kommt.  Daher  muß  das 
englische  Getreide  in  Schottland  teurer  sein,  als  in 
England,  und  kann  seiner  Beschaffenheit  nach,  oder 
entsprechend  der  Menge  und  Güte  des  Mehls,  das  aus 
ihm  bereitet  wird,  in  der  ßegel  dort  nicht  teurer  ver- 
kauft werden,  als  das  schottische  Getreide,  das  mit 
ihm  in  Wettbewerb  tritt. 

Der  Unterschied  zwischen  dem  Geldpreise  der 
Arbeit  in  China  und  in  Europa  ist  noch  größer,  als 
der  zwischen  dem  Geldpreise  der  Lebensmittel,  weil 
der  wirkliche  Lohn  der  Arbeit  in  Europa  höher  ist, 
als  in  China;  denn  der  größte  Teil  Europas  ist  im 
Fortschreiten  begriffen,  während  China  still  zu  stehen 
scheint.  In  Schottland  ist  der  Geldpreis  der  Arbeit 
niedriger  als  in  England,  weil  der  wirkliche  Lohn  der 
Arbeit  weit  niedriger  ist;  denn  wenn  Schottland  auch 
fortschreitet,  so  schreitet  es  doch  langsamer  fort,  als 
England.  Die  Häufigkeit  der  Auswanderung  aus  Schott- 


Kap.  XL:  Die  Schwankungen  des  vSilberwerts.  T.       265 

land  und  ihre  Seltenheit  aus  England  beweist  deutlich, 
daß^"^  die  Nachfrage  nach  Arbeit  in  beiden  Ländern 
sehr  verschieden  ist.  Das  Verhältnis  zwischen  dem 
wirklichen  Lohn  der  Arbeit  in  verschiedenen  Ländern 
richtet  sich,  wie  festzuhalten  ist,  nicht  nach  ihrer  der- 
maligen  Wohlhabenheit  oder  Armut,  sondern  darnach, 
ob  sie  fortschreiten,  still  stehen,   oder  zurückgehen. 

Wie  Gold  und  Silber  unter  den  reichsten  Nationen 
naturgemäß  den  größten  Wert  haben,  so  unter  den 
ärmsten  den  geringsten.  Unter  den  Wilden,  den  ärm- 
sten  der  Menschen,   haben   sie   fast   gar  keinen  Wert. 

In  großen  Städten  ist  das  Getreide  stets  teurer, 
als  in  entfernten  Teilen  des  Landes.  Dies  ist  jedoch 
nicht  die  Folge  der  tatsächlichen  Wohlfeilheit  des  Sil- 
bers, sondern  der  tatsächlichen  Teurung  des  Getreides. 
Es  kostet  nicht  weniger  Arbeit,  das  Silber  in  die  große 
Stadt,  als  in  die  entfernten  Teile  des  Landes  zu  schaffen  : 
aber  es  kostet  viel  mehr  Arbeit,  Getreide  dahin  zu  schaffen. 

In  einigen  sehr  reichen  Handelsstaaten,  wie  in 
Holland  und  dem  Gebiete  von  Genua,  ist  das  Getreide 
aus  demselben  Grunde  tourer,  als  in  großen  Städten. 
Sie  bringen  nicht  genug  für  den  Unterhalt  ihrer  Be- 
wohner hervor.  Sie  sind  reich  an  Fleiß  und  Geschick 
ihrer  Künstler  und  Handwerker,  reich  an  jeder  Art  von 
Maschinen,  die  die  Arbeit  erleichtern  und  abkürzen, 
reich  an  Schiffen  und  allen  anderen  Werkzeugen  und 
Mitteln  des  Transports  und  Handels;  aber  sie  sind  arm 
an  Getreide,  das,  da  es  aus  fernen  Ländern  dahin  ge- 
bracht werden  muß,  durch  einen  Aufschlag  auf  seinen 
Preis  die  Fracht  zu  zahlen  hat.  Es  kostet  nicht  weniger 
Arbeit,  Silber  nach  Amsterdam  als  nach  Danzig  zu 
bringen,  aber  es  kostet  bedeutend  mehr,  Getreide  dahin 
zu  bringen.  Die  wirklichen  Kosten  des  Silbers  müssen 
an  beiden  Orten  fast  die  nämlichen,  die  des  Getreides 
aber  sehr  verschieden  sein.   Minderte  sich  der  wirkliche 


266  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

ßeichtum  Hollands  oder  Genuas,  während  gleichzeitig 
die  Zahl  ihrer  Einwohner  dieselbe  bliebe,  minderte  sich 
ihre  Fähigkeit,  sich  aus  fernen  Ländern  zu  versorgen: 
so  würde  der  Preis  des  Getreides  mit  dieser  Verringe- 
rung in  der  Menge  ihres  Silbers,  die  jene  Abnahme  not- 
wendig entweder  als  Ursache  oder  als  Wirkung  be- 
gleiten muß,  nicht  sinken,  sondern  vielmehr  bis  zu 
Hungersnotpreisen  steigen.  Fehlt  uns  das  Notwendige, 
so  müssen  wir  uns  der  überflüssigen  Dinge  entschlagen, 
deren  Wert  in  Zeiten  dos  Reichtums  und  Glücks  steigt 
und  ebenso  in  Zeiten  der  Not  und  Armut  sinkt.  Anders 
ist  es  mit  den  notwendigen  Dingen.  Ihr  Sachpreis,  die 
Arbeitsmenge,  welche  dafür  zu  haben  ist,  steigt  in 
Zeiten  der  Armut  und  Not,  und  fällt  in  Zeiten  des 
Keichtums  und  Gedeihens,  die  stets  Zeiten  großen 
Überflußes  sind,  da  sie  sonst  nicht  Zeiten  des  Reich- 
tums und  Gedeihens  sein  könnten.  Getreide  ist  etwas 
Notwendiges,  Silber  etwas  Überflüßiges. 

Wie  groß  also  auch  die  Zunahme  in  der  Menge 
der  edlen  Metalle  gewesen  sein  mag,  die  zwischen  der 
Mitte  des  14.  und  der  des  16.  Jahrhunderts  aus  der 
Zunahme  des  Reichtums  und  der  Kultur  hervorging, 
so  konnte  sie  dennoch  weder  in  Großbritannien  noch 
in  einem  anderen  Teile  Europas  ihren  Wert  verrin- 
gern. Hatten  daher  die  Schriftsteller  über  die  Preise 
früherer  Zeiten  keinen  Grund,  aus  Beobachtungen  über 
die  Preise  des  Getreides  und  anderer  Waren  die  Ver- 
ringerung des  Silberwertes  zu  folgern,  so  hatten  sie 
noch  weniger  Grund,  sie  aus  einer  vorausgesetzten 
Zunahme  des  Reichtums   und   der  Kultur  herzuleiten. 

Zweite  Periode. 

So  verschieden  die  Meinungen  der  Gelehrten  über 
das  Fortschreiten  des  Silbervverts  während  der  ersten 


Kap.  XL:  Die  8clnvankung-en  des  Silberwerts.  IT.      267 

Periode  waren,  so  einstimmig  sind  sie  in  dieser  Hin- 
sicht während  der  zweiten  Periode. 

Etwa  von  1570  bis  1640,  während  eines  Zeitraums 
von  ungefähr  70  Jahren,  nahm  die  Änderung  in  dem 
Wertverhältnis  des  Silbers  zum  Getreide  eine  ganz 
entgegengesetzte  Richtung.  Das  Silber  sank  in  seinem 
Sachwerte,  d.  h.  es  konnte  nur  gegen  eine  geringere 
Arbeitsmenge  als  früher  vertauscht  werden,  das  Ge- 
treide dagegen  stieg  in  seinem  Nominalpreise,  und  wurde 
mit  der  Zeit,  statt  für  etwa  zwei  Unzen  Silber  der 
Quarter,  oder  etwa  zehn  Schilling  unseres  heutigen 
Geldes,  für  sechs  bis  acht  Unzen  Silber  oder  etwa 
dreißig  bis  vierzig  Schilling  unseres  Geldes  verkauft. 

Die  Entdeckung  der  reichen  amerikanischen  Minen 
scheint  die  einzige  Ursache  der  Abnahme  des  Verhält- 
nisses zwischen  Silber  und  Getreide  gewesen  zu  sein. 
So  wird  die  Sache  von  jedermann  erklärt,  und  es  er- 
hob sich  weder  über  die  Tatsache  selbst,  noch  über 
seine  Ursache  jemals  ein  Streit.  Der  größte  Teil  Eu- 
ropas schritt  in  diesem  Zeiträume  im  Gewerbfleiß  und 
in  der  Bodenkultur  fort,  und  die  Nachfrage  nach  Silber 
mußte  daher  stets  zunehmen;  allein  die  Zunahme  des 
Angebots  überstieg  allem  Anschein  nach  die  Nachfrage 
so  sehr,  daß  der  "Wert  jenes  Metalls  bedeutend  fiel. 
Die  Entdeckung  der  amerikanischen  Minen  scheint, 
was  beachtenswert  ist,  auf  die  Preise  der  Dinge  in 
England  bis  nach  1570  nicht  merklich  eingewirkt  zu 
haben,  obgleich  selbst  die  Minen  von  Potosi  mehr  als 
zwanzig  Jahre  früher  entdeckt  worden  waren. 

Von  1595  bis  1620  einschließlich  war  der  Durch- 
schnittspreis des  Quarters  von  neun  Bushel  des  besten 
"Weizens,  wie  aus  den  Rechnungen  des  Eton  College  her- 
vorgeht, auf  dem  Markte  zu  Windsor  £  2.  1  sh.  6'*  i:j  d. 
Läßt  man  von  dieser  Summe  den  Bruch  weg,  und 
zieht  ein  Neuntel  oder  4  sh.  7^^  d.  ab,  so  kommt  für 


268  Krstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertrag.skraft  der  Arbeit. 

den  Quarter  von  8  Bushel  der  Preis  von  £l  16  sh.  10-/ s  d. 
heraus.  Läßt  man  von  dieser  Summe  ebenfalls  den 
Bruch  weg,  und  zieht  ein  Neuntel  oder  4  sh.  1\'9  d.  für 
den  Unterschied  zwischen  dem  Preise  des  besten 
Weizens  und  dem  des  Mittelweizens  ab,  so  kommt  fin- 
den Preis  des  Mittelvveizöns  heraus  £  1.  12  sh.  8*  o  d., 
oder  etwa  sechs  und  ein  Drittel  Unzen  Silbers. 

Von  1621  bis  1636  einschließlich  war  nach  denselben 
Rechnungen  der  Durchschnittspreis  des  gleichen  Maßes 
vom  besten  Weizen  auf  demselben  Markte  £  2.  10  sh. 
Macht  man  hiervon  die  nämlichen  Abzüge,  wie  im 
vorigen  Falle,  so  kommt  für  den  Durchschnittspreis  des 
Quarters  von  acht  Bushel  Mittelweizen  £  1.  19  sh.  6  d., 
oder  etwa  sieben  und  zwei  Drittel  Unzen  Silbers  heraus. 

Dritte  Periode. 

Zwischen  1630  und  1640,  oder  um  1636,  scheint'_die 
Wirkung  der  Entdeckung  der  amerikanischen  Minen 
auf  die  Entwertung  des  Silbers  ihr  Ende  gefunden  zu 
haben  und  das  Wertverhältnis  zwischen  diesem  Metall 
und  dem  Getreide  niemals  tiefer  gesunken  zu  sein, 
als  um  diese  Zeit.  Im  Laufe  des  gegenwärtigenJahr- 
hunderts  dürfte  es  sich  etwas  gehoben  haben,  und 
hatte  damit  wahrscheinlich  schon  einige  Zeit  vor  dem 
Ende  des  vorigen  angefangen. 

Von  1637  bis  1700  einschließlich,  also  in  den  64 
letzten  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts,  war  nach  den- 
selben Rechnungen  der  Durchschnittspreis  des  Quarters 
von  neun  Bushel  vom  besten  Weizen  auf  dem  Markte 
zu  Windsor  £2.  11  sh.  \3  d.,  nur  1  sh.  ^'a  d.  teurer, 
als  während  der  vorhergehenden  sechzehn  Jahre.  Aber 
im  Laufe  dieser  vierundsechzig  Jahre  traten  zwei  Er- 
eignisse ein,  die  einen  weit  größeren  Mangel  an  Ge- 
treide verursachen  mußten,  als  durch  den  bloßen  Ein- 
fluß der  Witterung  zu  erklären  wäre,  und  die,  auch  ohne 


Kap.  XT.:  Die  Schwankungen  des  Silberwerts.  III.     269 

die  Annahme  eines  weiteren  Rückganges  im  Silberwerte, 
jene  kleine  Erhöhung  des  Preises  vollständig  erklären. 

Das  erste  dieser  Ereignisse  war  der  Bürgerkrieg, 
der  durch  Entmutigung  des  Ackerbaues  und  Unter- 
brechung des  Handels  den  Preis  des  G-etreides  höher 
hinauftrieb,  als  er  durch  den  Einfluß  von  Mißernten 
hätte  steigen  können.  Diese  Wirkung  mußte  mehr  oder 
weniger  auf  allen  Märkten  des  Reichs  eintreten,  ins- 
besondere aber  auf  denen  in  der  Nähe  von  London, 
die  sich  ihren  Vorrat  aus  der  größten  Entfernung  ver- 
schaffen müssen.  Der  Preis  des  besten  Weizens  betrug 
demgemäß  1648  auf  dem  Markte  zu  Windsor  £4.  5  sh., 
und  1649  £  4  für  den  Quarter  von  9  Bushel.  Dies 
übersteigt  den  Durchschnittspreis  der  sechzehn  Jahre 
vor  1637,  der  £  2.  10  sh.  betrug,  um  £  3.  5  sh.,  was, 
über  die  vierundsechzig  letzten  Jahre  des  vorigen  Jahr- 
hunderts veiteilt,  schon  allein  jene  kleine  Preiserhöhung 
erklärt,  die  während  dieser  Periode  stattgefunden  zu 
haben  scheint.  Diese  Preise  sind  übrigens  zwar  die 
höchsten,  doch  keineswegs  die  einzigen  hohen  Preise, 
die  durch   die   Bürgerkriege  verursacht   worden    sind. 

Das  zweite  Ereignis  war  die  im  Jahre  1688  be- 
willigte Prämie  auf  die  Ausfuhr  von  Getreide.  Nach 
der  Annahme  Vieler  hat  diese  Prämie  dadurch,  daß 
sie  den  Ackerbau  ermutigte,  lange  Jahre  hindurch 
einen  größeren  Überfluß  und  folglich  eine  größere 
Wohlfeilheit  des  Getreides  auf  dem  heimischen  Markte 
hervorgebracht,  als  ohne  sie  eingetreten  wäre.  Inwie- 
fern die  Prämie  jemals  diese  Wirkung  haben  kann, 
werde  ich  später  untersuchen;  für  jetzt  will  ich  nur 
bemerken,  daß  sie  zwischen  1688  und  1700  keine  Zeit 
hatte,  eine  solche  Wirkung  hervorzubringen.  In  diesem 
kurzen  Zeiträume  konnte  ihre  Wirkung  nur  die  sein, 
daß  sie  zur  Ausfuhr  des  jährlichen  Überschusses  auf- 
munterte,   eine    Ausgleichung    des    Überflusses    eines 


270  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Jahres  und  des  Mangels  eines  anderen  verhinderte  und 
dadurch  den  Preis  auf  dem  heimischen  Markte  hin- 
auftrieb. Der  Mangel,  welcher  in  England  von  1693 
bis  1699  einschließlich  beider  Jahre  herrschte,  konnte, 
obwohl  er  ohne  Zweifel  vorzugsweise  den  Einflüssen 
des  Wetters  zuzuschreiben  ist  und  sich  darum  auch 
über  einen  großen  Teil  von  Europa  erstreckte,  durch 
die  Prämie  nur  vergrößert  werden.  Daher  wurde  auch 
1699  die  Getreideausfuhr   auf  neun  Monate  verboten. 

Noch  ein  drittes  Ereignis  trat  in  demselben  Zeit- 
räume ein,  das,  wenn  es  auch  keinen  Getreidemangel 
erzeugen,  noch  die  tatsächliche  für  Getreide  zu  zahlende 
Silbermenge  vermehi'en  konnte,  doch  notwendig  eine 
nominelle  Erhühung  des  Silberwerts  veranlassen  mußte. 
Dies  war  die  große  Verschlechterung  der  Silbermünzen 
durch  Beschneiden  und  Abnutzung.  Dieses  Übel  hatte 
unter  der  Regierung  Karls  des  Zweiten  begonnen,  und 
dauerte  ununterbrochen  bis  1695  fort,  zu  welcher 
Zeit,  wie  wir  von  Lowndes  erfahren,  das  Silberkourant 
durchschnittlich  fast  fünfundzwanzig  Prozent  unter 
seinem  Normalwert  stand.  Nun  wird  die  nominelle 
Summe,  welche  den  Marktpreis  der  Waren  ausmacht, 
nicht  sowohl  durch  die  Silberraenge  bestimmt,  die 
nach  dem  Münzfuße  in  ihr  enthalten  sein  sollte,  als 
durch  diejenige,  die  erfahrungsmäßig  wirklich  in  ihr 
enthalten  ist.  Diese  nominelle  Summe  ist  daher  not- 
wendig höher,  wenn  die  Münze  durch  Beschneiden 
und  Abnutzung  sehr  verschlechtert  ist,  als  wenn  sie 
ihrem  gesetzlichen  Werte  nahe  kommt. 

Im  Laufe  des  gegenwärtigen  Jahrhunderts  ist  die 
Silbermüuze  nie  tiefer  unter  ihrem  gesetzlichen  Gewicht 
gewesen  als  jetzt.  So  verunstaltet  sie  aber  auch  ist, 
so  wurde  doch  ihr  Wert  durch  den  der  mit  ihr  ver- 
tauschbaren Goldmünze  aufrecht  erhalten;  denn  wenn 
auch  die  Goldmünze  vor  der  letzten  Umprägung  eben- 


Kap.  XI.:  Die  !~!chwankun,o'en  des  Silberwerts.  IIT.     271 

falls  sehr  entwertet  war,  so  war  sie  es  doch  weniger 
als  das  Silber.  Im  Jahre  1695  dagegen  wurde  der 
Wert  des  Silbergeldes  nicht  durch  den  der  Goldmünzen 
aufrecht  erhalten;  eine  Guinee  wurde  damals  gewöhn- 
lich für  dreißig  Schillinge  des  abgenutzten  und  be- 
schnittenen Silbers  gewechselt.  Vor  der  letzten  Um- 
prägung des  Goldes  war  der  Preis  des  Barrensilbers 
selten  höher  als  5  sh.  7  d.  die  Unze,  was  nur  fünf  Pence 
über  den  Münzpreis  ist.  Im  Jahre  1695  aber  war  der 
gewöhnliche  Preis  des  ßarrensilbers  6  sh.  5  d.  die  Unze, 
was  fünfzehn  Pence  mehr  ist,  als  der  Münzpreis*). 
Selbst  vor  der  letzten  Umprägung  des  Goldes  wurde 
sowohl  die  Gold-  wie  die  Silbermünze  im  Vergleich 
zum  Barrensilber  als  kaum  acht  Prozent  unter  ihrem 
gesetzlichen  Wert  stehend  betrachtet.  1695  dagegen 
wurde  sie  als  beinahe  fünfundzwanzig  Prozent  niedri- 
ger angesehen.  Zu  Anfang  des  gegenwärtigen  Jahr- 
hunderts, d.  h.  unmittelbar  nach  der  großen  Umprä- 
gung zu  König  Wilhelms  Zeit,  muß  das  meiste  Silber- 
kourant  seinem  gesetzlichen  Gewicht  noch  näher  ge- 
kommen sein  als  jetzt.  Auch  hat  im  gegenwärtigen 
Jahrhundert  kein  großes  öffentliches  Unglück  wie  etwa 
«in  Bürgerkrieg,  den  Ackerbau  gestört,  oder  den  inne- 
ren Handel  des  Landes  unterbrochen.  Und  obgleich 
die  Prämie,  die  fast  das  ganze  Jahrhundert  hindurch 
bewilligt  wurde,  den  Preis  des  Getreides  stets  etwas 
höher  hinauf  treiben  mußte,  als  er  sonst  bei  dem  der- 
maligen Stande  der  Landwirtschaft  gewesen  wäre,  so 
läßt  sich  doch,  da  die  Prämie  während  dieses  Jahr- 
hunderts Zeit  genug  hatte,  alle  die  ihr  gewöhnlich  zu- 
geschriebenen guten  Wirkungen  zu  offenbaren,  also 
zum  Ackerbau  aufzumuntern  und  die  Getreidemenge 
auf  dem  heimischen  Markte  zu  vermehren,   nach   den 


*)  Lowndes,  Essay  on  the  Silver  Coin,  p.  G8. 


272  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertraft'skraft  der  Arbeit. 

Grundsätzen  eines  Systems,  das  ich  später  erklären 
und  prüfen  werde,  annehmen,  daß  sie  den  Preis  dieser 
Ware  auf  die  eine  Weise  etwas  zu  verringern,  wie  auf 
die  andere  Weise  ihn  etwas  zu  erhöhen  beitrug.  Viele 
schlagen  ihren  Einfluß  höher  an.  In  den  ersten  vier- 
undsechzig Jahren  des  gegenwärtigen  Jahrhunderts  war 
der  Durchschnittspreis  des  Quarters  von  neun  Bushel 
des  besten  Weizens  auf  dem  Markte  zu  Windsor  nach 
den  Rechnungen  des  Eton  College  £  2.  6^'''/32  d.,  10  sh. 
6  d.  oder  fünfundzwanzig  Prozent  wohlfeiler,  als  wäh- 
rend der  letzten  vierundsechzig  Jahre  des  vorigen  Jahr- 
hunderts; 9  sh.  6  d.  wohlfeiler,  als  in  den  sechzehn 
Jahren  vor  1636,  wo  die  Entdeckung  der  reichen  ame- 
rikanischen Minen  vermutlich  ihre  volle  Wirkung  ge- 
äußert hatte;  und  1  sh.  wohlfeiler,  als  in  den  sechs- 
undzwanzig Jahren  vor  1620,  ehe  jene  Entdeckung 
ihre  volle  Wirkung  äußern  konnte.  Nach  dieser  Rech- 
nung stellt  sich  der  Durchschnittspreis  des  Mittelweizens 
in  den  ersten  vierundsechzig  Jahren  dieses  Jahrhun- 
derts auf  etwa  82  sh.  für  den  Quarter  von  acht  Bushel. 

Der  Wert  des  Silbers  scheint  sonach  im  Verhältnis 
zum  Werte  des  Gretreides  im  gegenwärtigen  Jahr- 
hundert etwas  gestiegen  zu  sein,  und  hatte  wahr- 
scheinlich schon  einige  Zeit  vor  dem  Ende  des  vorigen 
Jahrhunderts  zu  steigen  angefangen. 

Im  Jahre  1687  betrug  der  Preis  des  Quarters  von 
neun  Bushel  vom  besten  Weizen  auf  dem  Markte  zu 
Windsor  £1.5  sh.  2  d.,  was  der  niedrigste  Preis  ist, 
den  er  seit  1595  jemals  gehabt  hat. 

Im  Jahre  1688  schätzte  Gregory  King,  eine  Au- 
torität in  diesen  Dingen,  den  Durchschnittspreis  des 
Weizens,  wie  er  in  Jahren  einer  Mittelernte  den  Pro- 
duzenten zu  stehen  komme,  auf  3  sh.  6  d.  den  Bushel, 
oder  28  sh.  den  Quarter.  Unter  dem  Produzentenpreis 
verstehe  ich  das,  was  man  zuweilen  den  Kontraktpreis 


Kap.  XI.:  Die  Schwankungen  des  Silbenverts.  III.     973 

nennt,  oder  den  Preis,  zu  dem  ein  Pächter  sich  ver- 
pflichtet, mehrere  Jahre  hinter  einander  dem  Händler 
eine  bestimmte  Menge  Getreide  zu  liefern.  Da  ein 
solcher  Vertrag  dem  Pächter  die  Kosten  und  Mühe 
des  Markttransports  erspart,  so  ist  der  Kontraktpreis 
gewöhnlich  niedriger,  als  der  durchschnittliche  Markt- 
preis. King  nahm  an,  daß  in  Jahren  einer  Mittelernte 
28  sh.  für  den  Quarter  zu  jener  Zeit  der  gewöhnliche 
Kontraktpreis  war.  Vor  dem  durch  die  jüngste  Reihe 
ungewöhnlich  schlechter  Jahre  verursachten  Mangel 
war  dies,  wie  man  mir  versichert,  der  übliche  Kon- 
traktpreis in  allen  gewöhnlichen  Jahren. 

1688  bewilligte  das  Parlament  die  schon  erwähnte 
Prämie  auf  die  Getreideausfuhr.  Die  Landedelleute,  die 
damals  einen  größeren  Teil  der  gesetzgebenden  Ver- 
sammlung ausmachten  als  jetzt,  hatten  gemerkt,  daß 
der  Geldpreis  des  Getreides  fiel.  Die  Prämie  war  ein 
Mittel,  es  künstlich  auf  den  hohen  Preis  zu  bringen,  zu 
dem  es  zu  den  Zeiten  Karls  I.  und  II.  oft  verkauft 
worden  war.  Sie  sollte  daher  so  lange  gegeben  werden, 
bis  der  Weizen  auf  48  sh.  für  den  Quarter  gestiegen 
wäre,  d.  h.  bis  er  20  sh.  oder  um  fünf  Siebentel  teurer 
war,  als  King  in  demselben  Jahre  den  Produzenten- 
preis in  Mitteljahren  berechnet  hatte.  Wenn  seine  Be- 
rechnungen den  guten  Ruf  einigermaßen  verdienen, 
den  sie  allgemein  haben,  so  waren  48  sh.  für  den 
Quartei-  ein  Preis,  der  ohne  ein  Mittel  wie  die  Prämie 
zu  jener  Zeit  sich  nur  in  Jahren  ungewöhnlichen 
Mangels  erwarten  ließ.  Allein  die  Regierung  König 
Wilhelms  war  damals  noch  nicht  fest  gegründet.  Sie 
war  nicht  in  der  Lage,  den  Landedelleuten,  von  denen 
sie  gerade  damals  die  Festsetzung  der  jährlichen 
Grundsteuer  forderte,  etwas  abschlagen  zu  können. 

Der  Wert  des  Silbers  ist  daher  im  Verhältnis  zu 
dem  des  Getreides  vor  dem  Ende  des  letzten  Jahr- 
Adam  Smith,  Volkswohlstand.  I.  18 


274  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

hunderts  etwas  gestiegen,  und  scheint  es  bei  diesem 
Steigen  während  des  größten  Teils  des  jetzigen  Jahr- 
hunderts geblieben  zu  sein,  obgleich  die  Wirkung  der 
Prämie  das  Steigen  nicht  so  fühlbar  werden  ließ,  als 
es  sonst  bei  dem  jetzigen  Stande  der  Landwirtschaft 
gewesen  sein  würde. 

In  Jahren  des  Überflusses  erhöht  die  Prämie 
durch  Veranlassung  einer  ungewöhnlichen  Ausfuhr 
den  Preis  des  Getreides  mehr,  als  es  sonst  in  solchen 
Jahren  der  Fall  sein  würde.  Es  war  ja  auch  der  aus- 
gesprochene Zweck  der  Maßregel,  der  Landwirtschaft 
dadurch,  daß  der  Preis  des  Getreides  selbst  in  Jahren 
des  größten  Überflusses  gehalten  würde,  eine  Auf- 
munterung zu  Teil  werden  zu  lassen. 

In  Jahren  großen  Mangels  wurde  allerdings  die 
Prämie  gewöhnlich  beseitigt.  Sie  mußte  jedoch  auch  auf 
die  Preise  mancher  dieser  Jahre  Einfluß  haben;  denn 
die  bedeutende  Ausfuhr,  die  sie  in  Jahren  der  Fülle 
verursachte,  mußte  die  Ausgleichung  der  Fülle  des  einen 
Jahres  gegen  den  Mangel  des  andern  oft  verhindern. 

Daher  steigert  die  Prämie  in  Jahren  sowohl  der 
Fülle  als  des  Mangels  den  Preis  des  Getreides  über  den 
Punkt  hinaus,  den  er  bei  dem  dermaligen  Stande  der 
Landwirtschaft  ohne  künstliche  Hülfe  erreichen  würde. 
Wenn  mithin  der  Durchschnittspreis  in  den  ersten  vier- 
undsechzig Jahren  des  gegenwärtigen  Jahrhunderts 
niedriger  gewesen  ist,  als  in  den  letzten  vierundsechzig 
Jahren  des  vorigen,  so  hätte  er  bei  dem  nämlichen 
Stande  des  Ackerbaus  noch  weit  niedriger  sein  müssen, 
wenn  die  Prämie  nicht  auf  ihn  eingewirkt  hätte. 

Aber,  kann  man  sagen,  ohne  die  Prämie  würde  der 
Zustand  des  Ackerbaus  nicht  der  nämliche  gewesen  sein. 
Welche  Wirkungen  jene  Maßregel  auf  die  Landwirt- 
schaft des  Landes  gehabt  haben  kann,  werde  ich  später 
aufzuklären  suchen,  wenn  ich  von  den  Prämien  beson- 


Kap.  XI.:  Die  Schwankungen  ties  Silberwerts.  III.     275 

ders  handle;  für  jetzt  will  ich  nur  bemerken,  daß  dieses 
Steigen  des  Silbervverts  im  Verhältnis  zum  Getreide 
England  nicht  allein  betroffen  hat.  In  Frankreich  hat 
sich,  nach  den  Beobachtungen  dreier  sehr  glaubwürdiger, 
sorgfältiger  und  fleißiger  Forscher,  Dupre  de  St.  Maur, 
Messance  und  des  Verfassers  des  Versuchs  über  die  Ge- 
treidepolitik, dieselbe  Erscheinung  in  dem  nämlichen 
Zeiträume  und  beinahe  in  dem  nämlichen  Verhältnis 
ebenfalls  geltend  gemacht.  In  Frankreich  aber  war  bis 
1764  die  Ausfuhr  des  Getreides  verboten,  und  es  ist 
einigermaßen  schwer  zu  glauben,  daß  fast  dieselbe  Ver- 
ringerung des  Preises,  die  in  dem  einen  Lande  trotz 
dieses  Verbots  eintrat,  in  dem  anderen  der  ungewöhn- 
lichen Aufmunterung  zur  Ausfuhr  zuzuschreiben  sei. 
Es  würde  vielleicht  richtiger  sein,  diese  Änderung 
in  dem  durchschnittlichen  Geldpreise  des  Getreides  als 
die  Wirkung  eines  allmählichen  Steigens  im  Sachwerte 
des  Silbers  auf  dem  europäischen  Markte  anzusehen, 
statt  als  die  Wirkung  des  Sinkens  im  durchschnittlichen 
Sachwerte  des  Getreides.  Das  Getreide  ist,  wie  bereits 
bemerkt,  für  längere  Zeiträume  ein  genaueres  Wertmaß, 
als  Silber  oder  vielleicht  jede  andere  Ware.  Als  nach 
der  Entdeckung  der  ergiebigen  amerikanischen  Minen 
das  Getreide  einen  drei  bis  vier  Mal  höheren  Geldpreis 
erreichte,  schrieb  man  diesen  Umschwung  ganz  allge- 
mein nicht  einem  Steigen  im  Sachwerte  des  Getreides, 
sondern  dem  Sinken  im  Sachwerte  des  Silbers  zu.  Wenn 
daher  in  den  ersten  vierundsechzig  Jahren  des  gegen- 
wärtigen Jahrhunderts  der  durchschnittliche  Geldpreis 
des  Getreides  etwas  niedriger  geworden  ist,  als  er  in 
den  meisten  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  gewesen 
ist,  so  sollte  man  diesen  Umschwung  gleichfalls  nicht 
dem  Sinken  im  Sachwerte  des  Getreides,  sondern  dem 
Steigen  im  Sachwerte  des  Silbers  auf  dem  europäi- 
schen Markte  zuschreiben. 

18* 


276  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Der  hohe  Preis  des  Getreides  während  der  letzten 
zehn  oder  zwölf  Jahre  hat  allerdings  die  Vermutung 
erregt,  daß  der  Sachwert  des  Silbers  auf  dem  euro- 
päischen Markte  noch  immer  sinke.  Indessen  scheint 
dieser  hohe  Preis  des  Getreides  in  Wahrheit  durch  die 
ungewöhnlich  schlechten  Wetterverhältnisse  verursacht 
zu  sein,  und  kann  daher  nicht  als  dauernd,  sondern 
nur  als  vorübergehend  und  zufällig  betrachtet  werden. 
Die  Witterungsverhältnisse  waren  in  diesen  zehn  oder 
zwölf  Jahren  fast  in  ganz  Europa  ungünstig,  und  die 
Unruhen  in  Polen  haben  den  Mangel  in  all'  den  Län- 
dern vermehrt,  die  sich  in  teuren  Jahren  von  dort  her 
zu  versorgen  pflegten.  Eine  so  lange  anhaltende  Un- 
gunst der  Witterung  ist  zwar  keine  sehr  gewcihnhche, 
aber  auch  keineswegs  eine  unerhörte  Erscheinung,  und 
wer  sich  viel  mit  der  Geschichte  der  Getreidepreise  in 
früheren  Zeiten  beschäftigt  hat,  dem  wird  unschwer 
manches  ähnliche  Beispiel  einfallen.  Auch  sind  zehn 
Jahre  außerordentlichen  Mangels  nichts  Wunderbareres, 
als  zehn  Jahre  außerordentlicher  Fülle.  Der  niedrige 
Getreidepreis  von  1741  bis  1750,  einschließlich  beider 
Jahre,  kann  sehr  wohl  dem  hohen  Preise  in  den  letzten 
acht  oder  zehn  Jahren  entgegengestellt  werden.  Von 
1741  bis  1750  war,  wie  aus  den  Rechnungen  des  Eton 
College  hervorgeht,  der  Durchschnittspreis  des  Quarters 
von  neun  Bushel  des  besten  Weizens  auf  dem  Markte 
zu  Windsor  nur  £  1.  13  sh.  9^/5  d.,  beinahe  6  sh.  3  d. 
unter  dem  Durchschnittspreise  der  ersten  64  Jahre  des 
laufenden  Jahrhunderts.  Hiernach  stellte  sich  der 
Durchschnittspreis  des  Quarters  von  acht  Bushel  Mittel- 
weizen in  jenen  zehn  Jahren  nur  auf  £  1.  6  sh.  8  d. 

Zwischen  1741  und  1750  verhinderte  aber  die  Prä- 
mie, daß  der  Preis  des  Getreides  auf  dem  heimischen 
Markte  so  tief  fiel,  als  er  der  Natur  der  Sache  nach 
hätte  fallen  müssen.  Während  dieser  zehn  Jahre  betrug, 


Kap.  XL:  Die  Schwankungen  des  Silberwerts.  III.     277 

nach  den  Zollregistern,  die  Menge  aller  Sorten  ausge- 
führten Getreides  nicht  weniger  als  8,029,156  Quarter 
und  1  Bushel.  Die  dafür  bezahlte  Prämie  belief  sich 
auf  £  1,514,962.  17  sh.  4^2  d.  Daher  bemerkte  1749 
der  damalige  Premierminister  Pelham  im  Unterhause, 
daß  in  den  drei  letzten  Jahren  eine  ganz  außerordent- 
liche Summe  als  Prämie  für  Getreideausfuhr  bezahlt 
worden  sei.  Er  hatte  guten  Grund,  diese  Bemerkung 
zu  machen  und  hätte  im  folgenden  Jahre  noch  einen 
besseren  gehabt.  In  diesem  einzigen  Jahre  belief  sich 
die  Prämie  auf  nicht  weniger  als  £  324,176.  10  sh. 
6  d. ''■■).  Es  bedarf  nicht  der  Bemerkung,  wie  sehr 
diese  forzierte  Ausfuhr  den  Getreidepreis  über  den 
Stand  hinauf  treiben  mußte,  den  er  sonst  auf  dem 
heimischen  Markte  gehabt  haben  würde. 

Am  Schlüsse  der  diesem  Kapitel  beigefügten  Ta- 
bellen wird  der  Leser  die  Tabelle  für  diese  zehn  Jahre 
von  den  übrigen  getrennt  finden;  ebenso  die  Tabelle 
über  die  vorhergehenden  zehn  Jahre,  deren  Durch- 
schnitt wahrscheinlich  etwas,  wenn  auch  nicht  viel 
niedriger  ist,  als  der  Durchschnitt  der  ersten  vierund- 
sechzig Jahre  des  Jahrhunderts.  Das  Jahr  1740  war 
aber  ein  Jahr  ungewöhnlichen  Mangels.  Die  zwanzig 
Jahre  vor  1750  können  also  sehr  wohl  den  zwanzig 
Jahren  vor  1770  entgegengestellt  werden.  "Wie  die 
ersteren  mit  Ausnahme  von  einem  oder  zwei  teureren 
Jahren  weit  unter  dem.  allgemeinen  Durchschnitt  des 
Jahrhunderts  blieben,  so  die  letzteren  mit  Ausnahme 
von  einem  oder  zwei  wohlfeilen  Jahren,  z.  B.  1759, 
weit  über  ihm.  Sind  die  ersteren  nicht  eben  so  weit 
unter  dem  allgemeinen  Durchschnitt  zurückgeblieben, 
als  die  letzteren  ihn  überschritten  haben,  so  ist  dies 
wahrscheinlich  der  Prämie  zuzuschreiben.  Der  Wechsel 
ist  auch  offenbar  ein  zu  plötzlicher  gewesen,   als  daß 

*)  Siehe  Tracts  on  the  Corn  Trade :  T^ract  8d. 


278  Ei"stes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

man  ihn  der  stets  langsamen  und  allmählichen  Wert- 
veränderung des  Silbers  hätte  zuschreiben  können.  Die 
Plötzlichkeit  der  Wirkung  kann  nur  aus  einer  Ursache, 
die  plötzlich  wirkt,  nämlich  aus  den  zufälligen  Schwan- 
kungen der  Witterung,  erklärt  werden. 

Der  Geldpreis  der  Arbeit  ist  im  Laufe  dieses  Jahr- 
hunderts in  Großbritannien  allerdings  gestiegen;  doch 
scheint  dies  nicht  sowohl  die  Folge  einer  Entwertung 
des  Silbers  auf  dem  europäischen  Markte,  als  der  zu- 
nehmenden Nachfrage  nach  Arbeit  in  Großbritannien 
gewesen  zu  sein,  die  aus  der  großen  und  fast  allge- 
meinen Wohlfahrt  des  I^andes  hervorging.  In  Frank- 
reich, das  Großbritannien  im  Wohlstande  nachsteht, 
ist  der  Geldpreis  der  Arbeit,  wie  man  beobachtet  hat, 
seit  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  allmählich  mit  dem 
durchschnittlichen  Geldpreise  des  Getreides  gesunken. 
Sowohl  im  vorigen  wie  in  diesem  Jahrhundert  soll  der 
Tagelohn  gemeiner  Arbeit  fast  unverändert  etwa  den 
zwanzigsten  Teil  des  durchschnittlichen  Preises  eines 
Septier  Weizen  (etwas  mehr  als  vier  Winchester  Busheis) 
betragen  haben.  In  Großbritannien  hat,  wie  bereits  ge- 
zeigt worden,  der  Sachpreis  der  Arbeit,  haben  die 
wirklichen  Mengen  von  Lebens-  und  Genußmitteln,  die 
dem  Arbeiter  gegeben  werden,  im  Laufe  dieses  Jahr- 
hunderts beträchtlich  zugenommen.  Das  Steigen  des 
Geldpreises  der  Arbeit  scheint  nicht  von  einer  Ent- 
wertung des  Silbers  auf  dem  allgemeinen  europäischen 
Markte,  sondern  vom  Steigen  des  Sachpreises  der  Arbeit 
auf  den  einzelnen  Märkten  Großbi'itanniens,  das  dem 
besonders  glücklichen  Zustande  des  Landes  zu  ver- 
danken ist,  herzurühren. 

Eine  Zeitlang  nach  der  Entdeckung  Amerikas 
wurde  das  Silber  immer  noch  zu  seinem  früheren  Preise, 
oder  nicht  viel  darunter,  verkauft.  Die  Gewinne  der 
Bergwerke  waren   eine  Zeitlang   sehr   groß,    und  weit 


Kap.  XL:  Die  Schwankungen  des  8ilber\vcrts.  TIT.      279 

über  ihrem  natürlichen  Satze.  Indessen  fanden  die- 
jenigen, die  Silber  einführten,  bald,  daß  die  ganze 
jährliche  Einfuhr  nicht  zu  diesem  hohen  Preise  abge- 
setzt werden  könne.  Das  SiJber  wurde  allmählich  gegen 
eine  immer  geringere  "Warenmenge  vertauscht.  Sein 
Preis  sank  tiefer  und  tiefer,  bis  er  auf  seinen  natür- 
lichen Satz,  d.  h.  auf  den  Betrag  fiel,  der  gerade  hin- 
reichend war,  um  den  Arbeitslohn,  den  Kapitalgewinn 
und  die  Grundrente,  die  für  Ausbringung  und  Markt- 
transport gezahlt  werden  müssen,  nach  ihrem  natür- 
lichen Satze  aufzubringen.  In  den  meisten  Silberberg- 
werken von  Peru  verschlingt,  wie  bereits  bemerkt,  die 
Abgabe  an  den  König  von  Spanien,  die  sich  auf  ein 
Zehntel  des  Rohertrages  beläuft,  die  ganze  Grundrente. 
Diese  Abgabe  bestand  ursprünglich  in  der  Hälfte;  bald 
fiel  sie  auf  ein  Fünftel,  und  zuletzt  auf  ein  Zehntel, 
auf  dem  sie  noch  steht.  Dies  ist  anscheinend  Alles,  was 
in  den  meisten  peruanischen  Silberbergwerken  nach 
Wiedererstattung  des  Unternehmerkapitals  samt  seinem 
üblichen  Gewinn  übrig  bleibt;  und  dieser  Gewinn,  der 
einst  sehr  hoch  war,  ist  anerkanntermaßen  jetzt  so 
niedrig,  wie  es  sich  überhaupt  noch  mit  der  Weiter- 
führung der  Werke  verträgt. 

Die  Abgabe  an  den  König  von  Spanien  wurde 
150-1*),  einundvierzig  Jahre  vor  1545,  dem  Jahre  der 
Entdeckung  der  Minen  von  Potosi,  auf  den  fünften 
Teil  des  produzierten  Silbers  herabgesetzt. 

Im  Laufe  von  neunzig  Jahren,  bis  1636,  hatten 
diese  Bergwerke,  die  ergiebigsten  in  ganz  Amerika, 
Zeit  genug,  ihre  volle  Wirkung  zu  üben,  oder  den 
Wert  des  Silbers  auf  dem  europäischen  Markte  so  weit 
herabzusetzen,  als  er  eben  fallen  konnte,  so  lange  jene 
Abgabe  an  den  König  von  Spanien  noch  entrichtet 
wurde.  Neunzig  Jahre  sind  eine  hinlängliche  Zeit,  um 

*)  Solorzano,  Vol.  TT. 


280  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

eine  Ware,  die  kein  Monopol  hat,  auf  ihren  natür- 
lichen, d.  h.  den  niedrigsten  Preis  herunterzubringen, 
zu  welchem  sie,  so  lange  eine  Abgabe  darauf  ruht, 
längere  Zeit  hindurch  verkauft  werden  kann. 

Der  Preis  des  Silbers  hätte  vielleicht  auf  dem 
europäischen  Markte  noch  tiefer  fallen  und  es  hätte 
nötig  werden  können,  entweder  die  Abgabe  darauf 
nicht  bloß  auf  ein  Zehntel  wie  im  Jahre  1736,  sondern 
wie  beim  Golde  auf  ein  Zwanzigstel  herabzusetzen, 
oder  den  größten  Teil  der  amerikanischen  Minen,  die 
gegenwärtig  abgebaut  werden,  still  zu  legen.  Wahr- 
scheinlich ist  die  allmähliche  Zunahme  der  Nachfrage 
nach  Silber,  oder  die  allmähliche  Erweiterung  des 
Marktes  für  das  Produkt  der  amerikanischen  Silber- 
minen der  Grund,  der  dies  verhinderte  und  den  Wert 
des  Silbers  auf  dem  europäischen  Markte  nicht  nur 
auf  seiner  Höhe  erhielt,  sondern  vielleicht  sogar  noch 
etwas  höher  steigerte,  als  er  um  die  Mitte  des  vorigen 
Jahrhunderts  gestanden  hatte. 

Seit  der  Entdeckung  Amerikas  hat  der  Markt 
für  das  Produkt  seiner  Silberminen  allmählich  immer 
größere  Ausdehnung  gewonnen. 

Erstens:  der  europäische  Markt  hat  sich  allmählich 
immer  mehr  ausgedehnt.  Seit  der  Entdeckung  Amerikas 
hat  der  größte  Teil  Europas  an  Kultur  sehr  zugenommen. 
England,  Holland,  Frankreich  und  Deutschland,  selbst 
Schweden,  Dänemark  und  Rußland  haben  im  Ackerbau 
und  den  Gewerben  bedeutende  Fortschritte  gemacht. 
Italien  scheint  w^enigstens  nicht  zurückgegangen  zu 
sein.  Vor  der  Eroberung  von  Peru  w^ar  Italien  im 
Verfall;  seitdem  scheint  es  sich  eher  etwas  erholt  zu 
haben.  Spanien  und  Portugal  werden  allerdings  als 
zurückgekommen  betrachtet.  Indessen  ist  Portugal  nur 
ein  kleiner  Teil  von  Europa,  und  der  Verfall  Spaniens 
ist   vielleicht  nicht   so   groß,    als   man  gewöhnlich  an- 


Kap.  XL:  Die  Schwankungen  des  Silberwerts.  TIT.     281 

nimmt.  Am  Anfange  des  sechzehnten  Jahrhunderts 
war  Spanien  selbst  im  Vergleich  mit  Frankreich,  das 
seit  jener  Zeit  so  bedeutend  fortgeschritten  ist,  ein  sehr 
armes  Land.  Kaiser  Karl  der  Fünfte,  der  so  oft  durch 
beide  Länder  gereist  war,  machte  die  bekannte  Bemer- 
kung, daß  in  Frankreich  an  allen  Dingen  Überfluß,  in 
Spanien  an  allen  Dingen  Mangel  sei.  Das  zunehmende 
Produkt  des  Ackerbaus  und  der  Gewerbe  in  Europa 
mußte  notwendig  einen  allmählichen  Zugang  an  Silber- 
münzen erfordern,  um  es  in  Umlauf  zu  setzen;  und 
die  wachsende  Zahl  reicher  Leute  mußte  eine  gleiche 
Zunahme  an  silbernem  Grerät  und  anderen  Schmuck- 
gegenständen zur  Folge  haben. 

Zweitens :  Amerika  selbst  ist  für  das  Produkt  seiner 
Silberminen  ein  neuer  Markt,  und  da  es  im  Ackerbau, 
in  der  Industrie  und  an  Volkszahl  weit  schnellere  Fort- 
schritte macht  als  die  blühendsten  europäischen  Länder, 
so  muß  sein  Bedarf  noch  weit  schneller  zunehmen. 
Die  englischen  Kolonien  sind  ein  durchaus  neuer  Markt, 
der  teils  für  Münze,  teils  für  Geräte  eine  stets  wach- 
sende Silberzufuhr  für  einen  ganzen  Erdteil,  in  dem 
früher  nie  eine  Nachfrage  darnach  bestanden  hatte, 
nötig  macht.  Auch  die  meisten  spanischen  und  portu- 
giesischen Kolonien  sind  ganz  neue  Märkte.  Neu-Gra- 
nada,  Yucatan,  Paraguay  und  Brasilien  waren,  ehe  sie 
von  den  Europäern  entdeckt  wurden,  von  wilden  Völker- 
schaften bewohnt,  die  weder  Künste  noch  Ackerbau 
kannten.  Seitdem  sind  diese  Länder  erheblich  kultiviert 
worden.  Selbst  Mexiko  und  Peru,  wenn  sie  auch  nicht 
als  durchaus  neue  Märkte  betrachtet  werden  können, 
sind  doch  gewiß  jetzt  weit  bedeutendere  Märkte,  als 
je  zuvor.  Wer  nach  all'  den  wunderbaren  Geschichten, 
die  über  den  glänzenden  Zustand  dieser  Länder  in 
fi'üheren  Zeiten  geschrieben  worden  sind,  mit  einiger 
Nüchternheit  die  Geschichte  ihrer  Entdeckung  und  Va- 
oberung  liest,  wird  bald  erkennen,  daß  ihre  Bewohner 


282  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

von  Gewerben,  Ackerbau  und  Handel  weit  weniger 
wußten,  als  heutzutage  die  Tartaren  der  Ukraine.  Selbst 
die  Peruaner,  das  zivilisierteste  der  beiden  Völker  be- 
dienten sich  zwar  des  Goldes  und  Silbers  zum  Schmuck, 
kannten  aber  keinerlei  gemünztes  Geld.  Ihr  ganzer 
Handel  war  ein  Tauschhandel,  und  es  gab  deshalb  auch 
kaum  irgend  eine  Arbeitsteilung  unter  ihnen.  Wer  den 
Boden  bestellte,  mußte  sich  auch  sein  Haus  selbst  bauen, 
seine  Möbel,  Kleider,  Schuhe  und  sein  Ackergerät  selbst 
verfertigen.  Die  wenigen  Handwerker  unter  ihnen  sollen 
von  dem  König,  den  Adeligen  und  Priestern  gehalten 
worden  sein  und  waren  wahrscheinlich  ihre  Diener  oder 
Sklaven.  Alle  die  früheren  Gewerbe  Mexikos  und  Perus 
haben  niemals  auch  nur  ein  einziges  Fabrikat  nach  Eu- 
ropa geliefert.  Die  spanischen  Heere  fanden,  obwohl 
sie  kaum  jemals  über  fünfhundert  Mann  und  oft  kaum 
halb  so  stark  waren,  es  dennoch  fast  überall  sehr  schwer, 
sich  Lebensmittel  zu  verschaffen.  Die  Hungersnot,  die 
sie  fast  überall,  wohin  sie  kamen,  selbst  in  Gegenden, 
die  als  sehr  bevölkert  und  wohlangebaut  geschildert 
werden,  verursacht  haben  sollen,  beweist  hinlänglich, 
daß  das  Märchen  von  diesem  Volksreichtum  und  dieser 
hohen  Kultur  meist  auf  Dichtung  beruht.  Die  spani- 
schen Kolonien  stehen  unter  einer  Regierung,  die  in 
vielen  Beziehungen  dem  Ackerbau,  der  Kultur  und  Be- 
völkerungszunahme weniger  günstig  ist,  als  die  der 
englischen  Kolonien.  Gleichwohl  scheinen  sie  in  all' 
dem  weit  schnellere  Fortschritte  zu  machen,  als  irgend 
ein  europäisches  Land.  Auf  einem  fruchtbaren  Boden 
und  unter  einem  glücklichen  Klima  scheint  der  große 
Überfluß  und  die  Wohlfeilheit  von  Grund  und  Boden, 
ein  Umstand,  der  allen  neuen  Kolonien  gemeinsam  ist, 
ein  so  großer  Vorteil  zu  sein,  daß  er  viele  Mängel  der 
bürgerlichen  Regierung  wieder  gut  macht.  Nach  Frezier, 
der  Peru  1713  besuchte,  soll  Lima  zwischen  25,000  und 


Kap.  XL:  Die  Schwankungen  des  Silberwerts.  III.     283 

28,000  Einwohner  haben ;  Ulloa,  der  sich  dort  zwischen 
1740  und  1746  aufhielt,  giebt  die  Einwohnerzahl  auf 
etwa  50,000  an.  Der  Unterschied  in  ihren  Schätzungen 
der  Einwohnerzahl  verschiedener  anderer  größerer  Städte 
in  Chili  und  Peru  ist  ziemlich  eben  so  groß,  und  da 
kein  Grund  vorliegt,  sie  für  schlecht  unterrichtet  zu 
halten,  so  deutet  dies  auf  eine  kaum  geringere  Zunahme, 
als  die  in  den  englischen  Kolonien.  Amerika  ist  mithin 
für  das  Produkt  seiner  eigenen  Silberminen  ein  neuer 
Markt,  dessen  Nachfrage  weit  schneller  zunehmen  muß, 
als  die  der  blühendsten  europäischen  Länder. 
t  Drittens:  ein  fernerer  Markt  für  das  Produkt  der 
amerikanischen  Silberminen  ist  Ostindien,  und  zwar  ein 
Markt,  der  seit  der  Entdeckung  jener  Minen  ununter- 
brochen eine  immer  größere  Menge  Silber  aufnahm. 
Seit  jener  Zeit  hat  der  direkte  Handel  zwischen  Amerika 
und  Ostindien,  der  auf  den  Acapulko-Schiffen  getrieben 
wird,  beständig  zugenommen,  und  der  indirekte  Ver- 
kehr über  Europa  ist  in  noch  weit  höherem  Maße  ge- 
stiegen. Im  sechszehnten  Jahrhundert  waren  die  Portu- 
giesen die  einzigen  Europäer,  die  einen  regelmäßigen 
Handel  nach  Ostindien  trieben.  In  den  letzten  Jahren 
dieses  Jahrhunderts  begannen  die  Holländer  dieses 
Monopol  anzugreifen,  und  vertrieben  jene  innerhalb 
weniger  Jahre  aus  ihren  bedeutendsten  Besitzungen  in 
Indien.  Während  der  größeren  Hälfte  des  vorigen  Jahr- 
hunderts teilten  sich  diese  beiden  Nationen  in  den 
größten  Teil  des  ostindischen  Handels,  wobei  der 
holländische  Handel  in  noch  größerem  Maße  zunahm, 
als  der  portugiesische  sank.  Die  Engländer  und  Fran- 
zosen trieben  schon  im  vorigen  Jahrhundert  einigen 
Handel  mit  Indien,  aber  erst  im  Laufe  des  jetzigen 
wurde  er  bedeutend.  Der  ostindische  Handel  der 
Schweden  und  Dänen  begann  im  Laufe  des  jetzigen 
Jahrhunderts.  Selbst  die  Moskowiter  haben  jetzt  einen 
regelmäßigen  Verkehr  mit  China  mittelst  einer  Art  von 


284  Erstes  Biich:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Karawanen,  die  über  Land  durch  Sibirien  und  die 
Tartarei  nach  Peking  ziehen.  Der  ostindische  Handel 
aller  dieser  Nationen  war,  bis  auf  den  der  Franzosen, 
den  der  letzte  Krieg  fast  ganz  vernichtet  hatte,  in  fast 
ununterbrochener  Zunahme.  Der  steigende  Verbrauch 
ostindischer  Waren  in  Europa  ist  anscheinend  groß 
genug,  um  allen  diesen  Nationen  eine  stets  wachsende 
Beschäftigung  zu  gewähren.  Thee  z.  B.  war  ein  Artikel, 
der  vor  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  nur  wenig 
gebraucht  wurde.  Gegenwärtig  beläuft  sich  der  Wert 
des  von  der  englisch  -  ostindischen  Compagnie  alle 
Jahre  zum  Gebrauch  ihrer  Landsleute  eingeführten 
Thees  auf  mehr  als  anderthalb  Millionen,  und  selbst 
das  reicht  nicht  hin,  da  aus  den  Häfen  Hollands,  von 
Gothenburg  in  Schweden  und  auch  von  den  Küsten 
Frankreichs,  wenigstens  so  lange  die  französisch-ost- 
indische Compagnie  in  Blüte  war,  fortwährend  eine 
große  Menge  in  das  Land  eingeschmuggelt  wird. 
Beinahe  in  gleichem  Verhältnis  ist  der  Gebrauch  des 
chinesischen  Porzellans,  der  Gewürze  von  den  Mo- 
lukken,  der  bengalischen  Stückgüter  und  unzähliger 
anderer  Artikel  gewachsen.  Der  Tonnengehalt  aller  im 
Ostindienhandel  beschäftigten  europäischen  Schiffe  war 
demgemäß  im  vorigen  Jahrhundert  wohl  nie  größer, 
als  allein  der  der  Schiffe  der  englisch-ostindischen 
Compagnie  vor  der  neuerdings  erfolgten  Beschränkung 
ihrer  Schiffszahl. 

Der  Wert  der  Metalle  aber  war  in  Ostindien,  be- 
sonders in  China  und  Hindostan,  als  die  Europäer  zuerst 
mit  diesen  Ländern  Handel  zu  treiben  anfingen,  weit 
höher  als  in  Europa,  und  er  ist  es  noch  heute.  In 
Reisländern,  die  gewöhnlich  zwei,  zuweilen  drei  Ernten 
im  Jahre  liefern,  deren  jede  reichlicher  ist,  als  eine  ge- 
wöhnliche Getreideernte,  muß  der  Überschuß  an  Nah- 
rungsmitteln weit  größer  sein,  als  in  irgend  einem  Ge- 
treidelande von  gleicher  Ausdehnung.    Solche  Länder 


Kap.  XL:  Die  Schwankungen  des  Silberwerts.  III.     285 

sind  daher  auch  weit  mehr  bevölkert.  Da  hier  den 
Reichen  ein  größerer  Überschuß  von  Nahrungsmitteln 
über  ihren  eignen  Verbrauch  zu  Gebote  steht,  so  können 
sie  eine  weit  größere  Menge  Arbeit  anderer  Leute  kaufen. 
Das  Grefolge  eines  chinesischen  oder  hindostanischen 
Großen  ist  demgemäß,  nach  allen  Berichten,  weit  zahl- 
reicher und  glänzender,  als  das  der  reichsten  nichtfürst- 
lichen Personen  in  Europa.  Derselbe  Überfluß  an 
verfügbaren  Nahrungsmitteln  setzt  sie  in  den  Stand, 
eine  größere  Menge  von  ihnen  für  alle  jenen  eigenarti- 
gen und  seltenen  Erzeugnisse  zu  geben,  die  die  Natur 
nur  in  sehr  geringen  Mengen  liefert,  wie  die  edlen 
Metalle  und  Edelsteine,  um  die  unter  den  Reichen  so 
viel  Wettbewerb  besteht.  Wären  daher  auch  die  Berg- 
werke, die  den  indischen  Markt  versorgten,  ebenso  er- 
giebig gewesen  als  die,  die  den  europäischen  Markt 
ergänzten,  so  würden  jene  Waren  doch  in  Indien  eine 
größere  Menge  Nahrungsmittel  austauschen,  als  in 
Europa.  Nun  scheinen  aber  die  Bergwerke,  welche 
den  indischen  Markt  mit  edlen  Metallen  versorgten, 
viel  weniger  ergiebig,  dagegen  die,  welche  ihn  mit 
Edelsteinen  versahen,  viel  ergiebiger  gewesen  zu  sein 
als  die  europäischen,  und  die  edlen  Metalle  gelten  des- 
halb in  Indien  eine  etwas  größere  Menge  von  Edel- 
steinen und  eine  noch  weit  größere  Menge  von  Nah- 
rungsmitteln, als  in  Europa.  Der  Geldpreis  der  Dia- 
manten, dieses  überflüssigsten  aller  Dinge,  wird  in  dem 
einen  Lande  etwas  geringer,  und  der  der  Nahrungs- 
mittel, des  ersten  aller  Bedürfnisse,  viel  geringer  sein, 
als  in  dem  anderen.  Aber  der  Sachpreis  der  Arbeit, 
die  wirkliche  Menge  von  Lebensbedürfnissen,  die  die 
Arbeiter  erhalten,  ist,  wie  bereits  bemerkt,  sowohl  in 
China  wie  in  Hindostan,  den  beiden  großen  Märkten 
des  Orients,  niedriger  als  in  den  meisten  Teilen  Eu- 
ropas.   Der  Lohn  des  Arbeiters  wird  dort  eine  gerin- 


286  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

gere  Menge  von  Nahrungsmitteln  kaufen,  und  da  der 
Geldpreis  der  Nahrungsmittel  in  Indien  weit  geringer 
ist  als  in  Europa,  so  ist  der  Geldpreis  der  Arbeit  dort 
in  doppelter  Hinsicht  niedriger,  einerseits  wegen  der 
geringen  Menge  von  Nahrungsmitteln,  die  dafür  zu 
haben  ist,  und  andererseits  wegen  ihres  geringen  Preises. 
Doch  wird  in  Ländern  von  gleicher  gewerblicher  Ent- 
wicklung der  Geldpreis  der  meisten  Fabrikate  sich  nach 
dem  Geldpreise  der  Arbeit  richten,  und  wenn  auch 
China  und  Hindostan  in  dieser  Beziehung  nicht  ganz 
an  Europa  heranreichen,  so  stehen  sie  doch  nicht  er- 
heblich zurück.  Der  Geldpreis  der  meisten  Industrie- 
erzeugnisse wird  daher  natürlich  in  diesen  großen 
Reichen  viel  niedriger  sein,  als  irgendwo  in  Europa. 
In  den  meisten  Gegenden  Europas  vermehren  auch  die 
Kosten  der  Landfracht  sowohl  den  Sach-  wie  den  No- 
minalpreis der  Industrieerzeugnisse  beträchtlich.  Es 
kostet  hier  mehr  Arbeit,  und  darum  auch  mehr  Geld, 
zuerst  das  Material  und  dann  die  fertige  Ware  auf  den 
Markt  zu  bringen.  In  China  und  Hindostan  wird  durch 
die  weitverzweigte  Binnenschiffahrt  der  größte  Teil 
dieser  Arbeit  und  folglich  dieses  Geldes  erspart,  und 
sowohl  der  Sach-  wie  der  Nominalwert  der  meisten 
Industrieerzeugnisse  stellt  sich  dadurch  noch  niedriger. 
Aus  allen  diesen  Gründen  war  es  jederzeit  äußerst  vor- 
teilhaft, die  edlen  Metalle  von  Europa  nach  Indien  zu 
verführen,  und  ist  es  noch  heute.  Es  gibt  schwerlich 
eine  Ware,  die  dort  einen  besseren  Preis  ergiebt  oder 
nach  Verhältnis  der  Menge  von  Arbeit  und  Waren,  die 
sie  in  Europa  kostet,  eine  größere  Menge  von  Arbeit 
und  Waren  in  Indien  zu  kaufen  vermag.  Es  ist  auch 
vorteilhafter,  Silber  als  Gold  dahinzuführen,  weil  das 
Verhältnis  zwischen  Eeinsilber  und  Feingold  in  China 
und  auf  den  meisten  anderen  orientalischen  Märkten 
nur  wie  zehn  oder  höchstens  wie  zwölf  zu  eins  steht, 


Kap.  XL:  Die  Schwankungen  des  Silberwerts.  III.     287 

während  es  in  Europa  wie  vierzehn  oder  fünfzehn  zu 
eins  ist.  In  China  und  auf  den  meisten  anderen  orien- 
talischen Märkten  kauft  man  für  zehn  oder  höchstens 
zwölf  Unzen  Silber  eine  Unze  Gold;  in  Europa  braucht 
man  vierzehn  bis  fünfzehn  Unzen  dazu.  Deshalb  macht 
das  Silber  in  den  meisten  europäischen  Schiffen,  die 
nach  Indien  segeln,  gewöhnlich  den  wertvollsten  Be- 
standteil der  Ladung  aus ;  ebenso  wie  bei  den  Acapul- 
koschiffen,  die  nach  Manila  segeln.  So  scheint  das  Silber 
des  neuen  Kontinents  eine  der  hauptsächlichsten  Waren 
zu  sein,  die  den  Handel  zwischen  den  beiden  äußersten 
Enden  des  alten  Festlandes  vermitteln,  und  großenteils 
durch  seine  Dazwischenkunft  werden  jene  soweit  von 
einander  entfernten  Teile  mit  einander  verknüpft. 

Um  einen  so  weit  ausgedehnten  Markt  zu  ver- 
sorgen, muß  die  jährlich  aus  den  Bergwerken  ge- 
wonnene Silbermenge  nicht  nur  groß  genug  sein,  um 
jenen  beständigen  Zugang  an  gemünztem  Gelde  und 
an  Gerät,  der  in  allen  blühenden  Ländern  erforderlich 
ist,  zu  unterhalten,  sondern  auch  die  beständige  Ab- 
nutzung des  Silbers  zu  ersetzen,  die  überall  vorkommt, 
wo  dies  Metall  im  Gebrauch  ist. 

Der  beständige  Abgang  der  edlen  Metalle  durch 
die  Abnutzung  der  Münzen  und  Geräte  ist  sehr  be- 
deutend, und  würde  allein  schon  bei  Waren,  die  so 
allgemein  angeAvendet  werden,  eine  sehr  große  jähr- 
liche Zufuhr  erfordern.  Der  Abgang  dieser  Metalle  in 
einigen  Gewerben  ist  zwar  vielleicht  im  Ganzen  nicht 
größer,  als  jener  alimähliche  Abgang;  aber  merklicher, 
weil  viel  schneller.  In  den  Manufakturen  von  Bir- 
mingham allein  soll  die  Menge  des  jährlich  zum  Ver- 
golden und  Plattieren  verwendeten  Goldes  und  Silbers, 
das  niemals  wieder  in  der  Gestalt  dieser  Metalle  er- 
scheinen kann,  sich  auf  mehr  als  fünfzig  tausend  Pfund 
belaufen.  Danach  kann  man  sich  einen  Begriff  machen, 


288  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

wie  groß  der  jährliche  Verbrauch  in  allen  Teilen  der 
Welt  sein  muß,  sei  es  für  ähnliche  "Waren  wie  die  von 
Birmingham,  sei  es  für  Tressen,  Stickereien,  Gold-  und 
Silberstoffe,  Vergoldungen  an  Büchern  und  Möbeln  usw. 
Eine  bedeutende  Menge  dieser  Metalle  muß  jährlich 
auch  beim  See-  und  Landtransport  verloren  gehen.  Die 
in  den  meisten  asiatischen  Ländern  herrschende  Sitte, 
Schätze  zu  vergraben,  von  denen  die  Kenntnis  oft  mit 
der  Person,  die  sie  vergraben  hat,  stirbt,  muß  einen 
noch  weit  größeren  Verlust  verursachen. 

Die  Menge  des  nach  Cadix  und  Lissabon  einge- 
führten Goldes  und  Silbers  —  einschließlich  des  ein- 
geschmuggelten —  beläuft  sich  nach  den  besten 
Schätzungen  auf  etwa  sechs  Millionen  £  im  Jahr. 

Nach  Meggens*)  betrug  die  jährliche  Einfuhr  der 
edlen  Metalle  nach  Spanien  in  einem  Durchschnitt  von 
sechs  Jahren,  nämlich  von  1748  bis  1753,  und  die 
nach  Portugal  in  einem  Durchschnitt  von  sieben  Jahren, 
nämlich  von  1747  bis  1753,  an  Silber  1,101,107  Pfund 
und  an  Gold  49,940  Pfund.  Das  Silber,  zu  62  sh. 
das  Troy-Pfund,  beträgt  £  3,413,431.  10  sh.  Sterling. 
Das  Gold,  zu  44^2  Guineen  das  Troy-Pfund,  beträgt 
£  2,333,446.  14  sh.  Sterling.  Beide  zusammen  betragen 
£  5,746,878.  4  sh.  Die  Angaben  über  das,  was  unter 
Register  eingeführt  worden  ist,  erklärt  er  für  ganz 
zuverlässig.  Über  die  Herkunftsorte  und  die  Mengen 
beider  Metalle,  die  die  einzelnen  Plätze  den  Registern 
zufolge  lieferten,  erhalten  wir  umständliche  Auskunft, 
und  von  der  Menge  der  als  eingeschmuggelt  angenom- 
menen edlen  Metalle  möglichst  sorgfältige  Schätzungen. 


*)  Nachschrift  zu  dem  Universal  Merchant  p.  15  u.  16.  Diese 
Nachschrift  wurde  erst  1756,  drei  Jahre  nach  der  Herausgabe 
des  Buches,  das  niemals  eine  zweite  Auflage  erlebte,  gedruckt. 
Diese  Nachschrift  findet  sich  daher  nur  in  wenigen  Exemplaren ; 
sie  berichtigt  einie-e  Irrtümer  des  Buches. 


Kap.  XI.:  Die  Schwankungen  des  Silberwerts.  III.     289 

Die  große  Erfahrung  dieses  verständigen  Kaufmanns 
gibt  seinen  Ansichten  ein  bedeutendes  Gewicht. 

Nach  dem  beredten  und  zuweilen  wohl  unterrich- 
teten Verfasser  der  „Philosophischen  und  politischen 
Greschichte  der  Niederlassung  der  Europäer  in  beiden 
Indien"  betrug  die  jährliche  Einfuhr  des  registrierten 
Goldes  und  Silbers  nach  Spanien  im  Durchschnitt  von 
elf  Jahren,  nämlich  von  1754  bis  1764,  13,984, 185^^5 
Piaster  von  zehn  Realen.  Mit  Hinzurechnung  dessen, 
was  eingeschmuggelt  sein  mag,  nimmt  er  jedoch  den 
Betrag  der  gesamten  jährlichen  Einfuhr  zu  17,000,000 
Piaster  an,  was,  den  Piaster  zu  4  sh.  6  d.  gerechnet, 
eine  Summe  von  £  3,825,000  ergibt.  Er  führt  eben- 
falls die  Herkunftsorte  und  die  Mengen  jedes  Metalls 
an,  welche  den  E-egistern  zufolge  die  einzelnen  Plätze 
lieferten.  Die  jährlich  von  Brasilien  nach  Lissabon  ein- 
geführte Menge  Goldes,  nach  dem  Betrage  der  an  den 
König  von  Portugal  entrichteten  Auflage  geschätzt,  die 
anscheinend  ein  Fünftel  des  reinen  Metalls  ausmacht, 
schlägt  er  auf  18,000,000  Cruzados  oder  45,000,000 
französische  Livres,  also  etwa  £  2,000,000.  Für  ein- 
geschmuggelte "Ware  noch  ein  Achtel  oder  £  250,000 
hinzugerechnet,  würde  nach  diesem  Gewährsmann  das 
Ganze  sich  auf  £  2,250,000  belaufen.  Nach  dieser  Rech- 
nung beträgt  mithin  die  jährliche  Gesamteinfuhr  edler 
Metalle  nach  Spanien  und  Portugal  etwa  £  6,075,000. 
Einige  andere  sehr  gut  beglaubigte,  obwohl  nur  hand- 
schriftliche, Schätzungen  stimmen,  wie  man  mir  sagt,  da- 
mit überein,  indem  sie  den  Betrag  der  gesamten  jährlichen 
Einfuhr  im  Durchschnitt  auf  etwa  £  6,000,000  angeben. 

Die  jährhche  Einfuhr  der  edlen  Metalle  nach  Cadix 
und  Lissabon  kommt  freilich  dem  gesamten  Jahres- 
produkt der  amerikanischen  Bergwerke  nicht  gleich. 
Einiges  geht  jährlich  auf  den  Acapulko-Schiffen  nach 
Manila,   einiges  wird  in  dem  Schleichhandel   der   spa- 

Adam  Smith,  Volkswohlstand.  I.  19 


290   Erstes  Buch:  Zimahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

nischen  Kolonien  mit  den  Kolonien  andrer  europäischer 
Völker  verwendet,  und  einiges  bleibt  ohne  Zweifel  im 
Erzeugungslande.  Außerdem  sind  die  amerikanischen 
Bergwerke  keineswegs  die  einzigen  Gold-  und  Silber- 
minen in  der  Welt.  Allein  sie  sind  bei  "Weitem  am 
ergiebigsten.  Der  Ertrag  aller  anderen  bekannten  Minen 
ist  anerkanntermaßen  im  Vergleich  mit  den  amerika- 
nischen unbedeutend ;  auch  wird  der  bei  Weitem  größte 
Teil  des  Ertrags  ebenso  unbestritten  nach  Cadix  und 
Lissabon  gebracht.  Nun  beträgt  der  Verbrauch  Bir- 
minghams allein  nach  dem  Maßstabe  von  50,000  Pfund 
im  Jahr  den  hundertundzwanzigsten  Teil  jener  jähr- 
lichen Einfuhr  von  sechs  Millionen.  Der  gesamte 
jährliche  Verbrauch  von  Gold  und  Silber  in  allen 
Ländern  der  Welt,  wo  man  diese  Metalle  benutzt, 
kann  daher  dem  gesamten  Jahresprodukt  ziemlich  nahe 
kommen.  Der  Rest  wird  wohl  kaum  hinreichen,  die 
wachsende  Nachfrage  aller  blühenden  Länder  zu  be- 
friedigen; ja  vielleicht  bleibt  er  soweit  dahinter  zurück, 
daß  er  den  Preis  dieser  Metalle  auf  dem  europäischen 
Markte  etwas  in  die  Höhe  treibt.  Die  jährlich  aus  den 
Bergwerken  auf  den  Markt  gebrachte  Menge  Kupfer 
und  Eisen  ist  unverhältnismäßig  größer,  als  die  von 
Gold  und  Silber.  Doch  glauben  wir  deswegen  nicht, 
daß  diese  gröberen  Metalle  sich  über  den  Bedarf 
hinaus  vermehren,  d.  h.  allmählich  immer  wohlfeiler 
werden.  Warum  sollten  wir  daher  glauben,  daß  dies 
bei  den  edlen  Metallen  der  Fall  sein  werde?  Die  un- 
edlen Metalle  werden  freilich,  obwohl  sie  härter  sind, 
stärker  abgenutzt  und  ihres  geringeren  Werts  wegen 
weniger  sorgfältig  aufbewahrt;  aber  die  edlen  Metalle 
sind  nicht  unvergänglicher  als  jene  und  gleichfalls  dem 
Verlorengehen,  der  Abnutzung  und  dem  Verbrauch 
auf  tausenderlei  Weise  ausgesetzt. 

Der  Preis   aller  Metalle  ist  jenen   langsamen  und 
allmählichen    Veränderungen    unterworfen,    schwankt 


Kap.  XI.:  Wertverhiiltnis  zwischen  Gold  und  Silber.  291 

aber  weniger  von  Jahr  zu  Jahr,  als  der  anderer  Roh- 
produkte des  Bodens;  auch  ist  der  Preis  der  edlen 
Metalle  plötzlichen  Veränderungen  weniger  ausgesetzt, 
als  der  der  unedlen.  Der  Grund  dieser  außerordent- 
lichen Stetigkeit  des  Preises  liegt  in  der  Dauerhaftig- 
keit der  Metalle.  Das  jährlich  zu  Markt  gebrachte 
Gretreide  ist  vor  Ende  des  folgenden  Jahres  ganz  oder 
beinahe  ganz  verbraucht;  dagegen  kann  Eisen,  das 
vor  zwei-  oder  dreihundert  Jahren,  und  Gold,  das  vor 
zwei-  oder  dreitausend  Jahren  aus  den  Minen  gefördert 
wurde,  noch  heute  im  Gebrauch  sein.  Die  Massen  Ge- 
treides, die  in  verschiedenen  Jahren  den  Verbrauch 
der  Welt  decken  müssen,  werden  stets  dem  Ertrage 
dieser  Jahre  ziemlich  nahe  kommen;  dagegen  wird 
das  Verhältnis  zwischen  den  verschiedenen  Massen 
Eisens,  die  in  zwei  verschiedenen  Jahren  gebraucht 
werden,  durch  eine  zufällige  Verschiedenheit  in  der 
Eisenerzeugung  dieser  beiden  Jahre  sehr  wenig  berührt, 
und  das  Verhältnis  der  Massen  Goldes  durch  eine 
solche  Verschiedenheit  in  der  Gold  prod  uktion  noch  we- 
niger. Obgleich  daher  der  Ertrag  der  meisten  Metallberg- 
werke von  Jahr  zu  Jahr  vielleicht  noch  mehr  wechselt, 
als  der  der  meisten  Getreidefelder,  so  haben  diese  Ver- 
änderungen doch  nicht  denselben  Einfluß  auf  den  Preis 
der  einen  Art  Ware,  wie  auf  den  der  andern. 


Veränderungen  in  dem  Wertverhältnis  zwischen 
Gold  und  Silber. 

Vor  der  Entdeckung  der  amerikanischen  Minen 
wurde  das  Wertverhältnis  zwischen  Feingold  und  Fein- 
silber in  den  verschiedenen  europäischen  Münzen  auf 
1  :  1(3  oder  1  :  12  festgestellt,  d.  h.  eine  Unze  Feingold 
zehn  oder  zwölf  Unzen  Feinsilber  gleich  geachtet.  Um 
die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  wurde  es  auf  1  :  i-1 

19^'= 


292  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ei-tragskraft  der  Arbeit. 

oder  1  :  15  festgestellt,  d.  b.  eine  Unze  Feingold  14 
bis  15  Unzen  Feinsilber  wert  geacbtet.  Das  Gold  stieg 
in  seinem  Nominalwerte,  d.  b.  es  wurde  eine  größere 
Menge  Silber  dafür  gegeben.  Beide  Metalle  aber  sanken 
in  ihrem  wirklichen  Werte,  d.  h.  in  der  Arbeitsmenge, 
die  man  dafür  kaufen  konnte;  doch  sank  das  Silber 
mehr  als  das  Gold.  Obgleich  sowohl  die  Gold-  wie  die 
Silberminen  Amerikas  alle  anderen  bis  dahin  bekannten 
an  Ergiebigkeit  übertrafen,  scheint  doch  die  Ergiebig- 
keit der  Silberminen  verhältnismäßig  noch  größer  ge- 
wesen zu  sein,  als  die  der  Goldminen. 

Die  großen  jährlich  von  Europa  nach  Indien  ge- 
brachten Silbermengen  haben  in  einigen  englischen 
Niederlassungen  den  Wert  dieses  Metalls  gegen  den 
des  Goldes  allmählich  verringert.  In  der  Münze  von 
Calcutta  gilt  eine  Unze  Feingold  15  Unzen  Feinsilber, 
ganz  wie  in  Europa,  doch  wird  es  in  der  Münze  nach 
dem  Werte,  den  es  auf  dem  bengalischen  Markte  hat, 
vielleicht  zu  hoch  angeschlagen.  In  China  ist  das  Ver- 
hältnis des  Goldes  zum  Silber  noch  1  :  10  oder  1  :  12. 
In  Japan  soll  es  wie  1  :  8  sein. 

Das  Verhältnis  zwischen  den  Gold-  und  Silber- 
mengen, die  jährlich  nach  Europa  kommen,  ist  nach 
Meggens'  Berechnung  beinahe  wie  1  :  22,  d.  h.  für 
1  Unze  Gold  werden  etwas  mehr  als  22  Unzen  Silber 
eingeführt,  und  die  große  Silbermenge,  die  jährlich 
nach  Ostindien  geschickt  wird,  führt  nach  seiner  An- 
sicht die  in  Europa  bleibenden  Gold-  und  Silbermengen 
auf  das  Verhältnis  von  1  :  14  oder  1  :  15  zurück  — 
ihr  Wertverhältnis.  Er  scheint  zu  glauben,  daß  ihr 
Wertverhältnis  notwendig  dasselbe  sein  müsse,  wie 
das  ihrer  Mengen,  und  mithin  wie  1  :  20  stehen  würde, 
wenn  jene  größere  Silberausfuhr  nicht  stattfände. 

Allein  das  gewöhnliche  Verhältnis  zwischen  dem 
Wert  zweier  Waren   ist  nicht  notwendig   das  gleiche, 


Kap.  XI.:  "Wertverhältnis  zwischen  Gold  und  Silber.    293 

wie  das  zwischen  seinen  in  der  Regel  auf  dem  Markte 
befindlichen  Mengen.  Der  Preis  eines  Ochsen,  zu 
zehn  Guineen  gerechnet,  ist  etwa  sechzigmal  so  groß, 
als  der  Preis  eines  Lammes,  zu  3  sh.  6  d.  gerechnet. 
Es  wäre  aber  töricht,  daraus  zu  schliessen,  daß  in  der 
Regel  ein  Schock  Lämmer  für  einen  Ochsen  auf  dem 
Markte  wären,  und  ebenso  töricht  würde  es  sein,  zu 
schließen,  daß,  weil  eine  L^nze  Gold  gewöhnlich  14 
oder  15  Unzen  Silber  gilt,  auch  vierzehn  oder  fünf- 
zehnmal mehr  Silber  als  Gold  auf  dem  Markte  vor- 
handen sei. 

Die  auf  dem  Markte  gewöhnlich  vorhandene  Menge 
Silber  ist  im  Verhältnis  zum  Gold  wahrscheinlich  weit 
größer,  als  nach  ihrem  Wertverhältnis  vorauszusetzen 
wäre.  Die  Gesamtmenge  einer  an  den  Markt  gebrachten 
wohlfeilen  Ware  ist  in  der  Regel  nicht  nur  größer, 
sondern  auch  von  größerem  Wert,  als  die  Gesamt- 
menge einer  teuren.  Die  Gesamtmenge  des  jährlich 
an  den  Markt  gebrachten  Brotes  ist  nicht  nur  größer, 
sondern  auch  von  größerem  Werte  als  die  Gesamt- 
menge des  Fleisches;  die  des  Fleisches  größer  und  von 
größerem  Werte,  als  die  des  zahmen  Geflügels ;  und 
die  Gesamtmenge  des  zahmen  Geflügels  größer  und 
von  größerem  AVerte,  als  die  des  wilden  Geflügels. 
Es  gibt  so  viele  Käufer  mehr  für  die  wohlfeile  als 
für  die  teure  Ware,  daß  gewöhnlich  nicht  nur  eine 
größere  Menge,  sondern  auch  ein  größerer  Wert  von 
ihr  verkauft  werden  kann.  Daher  muß  die  Gesamt- 
menge der  billigen  Ware  im  Verhältnis  zu  der  der 
teuren  größer  sein,  als  der  Wert  einer  gewissen  Menge 
der  teuren  im  Verhältnis  zum  Wert  einer  gleichen 
Menge  der  wohlfeilen.  A'ergleicht  man  die  edlen  Me- 
talle mit  einander,  so  ist  das  Silber  eine  wohlfeile,  das 
Gold  eine  teure  Ware.  Es  ist  daher  auch  zu  erwarten, 
daß    auf    dem   Markte    stets    nicht    nur    eine    größere 


294  Ei"«te.s  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Menge,  sondern  auch  ein  größerer  Wert  an  Silber, 
als  an  Gold  vorhanden  ist.  Wer  von  beiden  etwas 
hat,  vergleiche  sein  Silber-  mit  seinem  Goldgerät,  und 
er  wird  wahrscheinlich  finden,  daß  nicht  nur  die 
Menge,  sondern  auch  der  Wert  des  ersteren  weit 
größer  ist,  als  die  Menge  und  der  Wert  des  letzteren. 
Viele  haben  wohl  Silbersachen,  aber  keine  Goldsachen, 
und  letztere  sind  auch  bei  denen,  die  sie  haben,  im 
Allgemeinen  auf  Uhrgehäuse,  Tabaksdosen  und  ähn- 
liche Kleinigkeiten  beschränkt,  deren  ganzer  Betrag 
selten  von  großem  Wert  ist.  In  den  britischen  Münzen 
überwiegt  allerdings  der  Wert  des  Goldes  bei  Weitem, 
aber  in  allen  anderen  Ländern  ist  es  nicht  der  Fall. 
In  den  Münzen  einiger  Länder  ist  der  Wert  ziemlich 
gleich.  In  den  schottischen  Münzen  überwog,  wie  man 
aus  den  Münzrechnungen  ersieht,  vor  der  Union  mit 
England  das  Gold  ein  wenig.'-')  In  den  Münzen  vieler 
Länder  überwiegt  das  Silber.  In  Frankreich  werden 
die  größten  Summen  gewöhnlich  in  diesem  Metall 
gezahlt,  und  es  ist  dort  schwer,  sich  mehr  Gold  zu 
verschaffen,  als  man  in  der  Tasche  bei  sich  führen 
muß.  Doch  dürfte  der  in  allen  Ländern  anerkannt 
höhere  Wert  des  Silbergeräts  das  hier  und  da  sich 
findende  Überwiegen  der  Goldmünzen  über  die  Silber- 
münzen mehr  als  ausgleichen. 

Obgleich  in  einem  gewissen  Sinne  des  Worts  Silber 
immer  viel  wohlfeiler  gewesen  ist  und  wahrscheinlich 
auch  stets  viel  wohlfeiler  bleiben  wird,  als  Gold,  so 
kann  man  doch  in  einem  anderen  Sinne  violleicht  sagen, 
daß  das  Gold  bei  dem  jetzigen  Zustande  des  spanischen 
Marktes  etwas  wohlfeiler  ist,  als  das  Silber.  Man  kann 
eine  Waie  nicht  nur  nach  der  absoluten  Höhe  oder 
Niedrigfkeit  ihres  üblichen  Preises  teuer  oder  wohlfeil 


■"'•)  Siehe:  Ruddimans  Vorrede  zu  Andersons  Diplomata  Scotiae. 


Kap.  XI.:  Wertverhältnis  zwischen  Gold  und  Silber.    295 

nennen,  sondern  auch,  je  nachdem  dieser  Preis  mehr 
oder  weniger  über  dem  niedrigsten  Preise  steht,  zu  dem 
sie  sich  eine  längere  Zeit  hindurch  auf  den  Markt  bringen 
\siQt.  Dieser  niedrigste  Preis  ist  derjenige,  der  nur  eben 
mit  mäßigem  Gewinn  das  Kapital  wieder  ersetzt,  das 
man  dazu  verwendete,  sie  dahin  zu  bringen.  Es  ist  der 
Preis,  der  für  den  Grundbesitzer  Nichts  abwirft,  von 
dem  die  Rente  keinen  Bestandteil  ausmacht,  sondern 
der  nur  in  Arbeitslohn  und  Gewinn  besteht.  Nun  ist 
bei  dem  jetzigen  Zustande  des  spanischen  Marktes  das 
Gold  gewiß  diesem  niedrigen  Preise  etwas  näher  als  das 
Silber.  Die  Abgabe  an  den  König  von  Spanien  macht 
beim  Gold  den  zwanzigsten  Teil  vom  reinen  Metall  oder 
fünf  Prozent,  beim  Silber  aber  den  zehnten  Teil  oder 
zehn  Prozent  aus.  Auch  besteht,  wie  bereits  bemerkt, 
in  diesen  Abgaben  die  ganze  Rente  der  meisten  Gold- 
und  Silberminen  des  spanischen  Amerikas,  und  die  Ab- 
gabe für  Gold  geht  noch  schlechter  ein,  als  die  für 
Silber.  Nicht  minder  dürften  die  Gewinne  der  Unter- 
nehmer von  Goldminen,  die  weit  seltener  viel  dabei 
verdienen,  in  der  Regel  noch  mäßiger  sein,  als  die  der 
Unternehmer  von  Silberbergwerken.  Mithin  muß  der 
Preis  des  spanischen  Goldes,  da^s  sowohl  weniger  Rente 
wie  weniger  Gewinn  abwirft,  auf  dem  spanischen  Markte 
dem  niedrigsten  Preise,  zu  dem  es  dahin  geschafft  werden 
kann,  etwas  näher  stehen,  als  der  Preis  des  spanischen 
Silbers.  Rechnet  man  alle  Kosten  zusammen,  so  kann 
anscheinend  die  Gesamtmenge  des  ersteren  Metalls  dort 
nicht  so  vorteilhaft  abgesetzt  werden,  als  die  Gesamt- 
menge des  anderen.  Die  Abgabe  auf  das  brasilianische 
Gold  an  den  König  von  Portugal  beträgt  ebensoviel 
wie  die  frühere  Abgabe  auf  das  mexikanische  und  peru- 
anische Silber  an  den  König  von  Spanien,  d.  h.  den 
fünften  Teil  des  reinen  Metalls.  Man  kann  daher  be- 
zweifeln, ob  die  ganze  Masse  des  amerikanischen  Goldes 


296  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Ai-beit. 

ZU  einer  dem  niedrigsten  näher  stehenden  Preise  auf 
den  allgemeinen  europäischen  Markt  kommt,  als  die 
ganze  Masse  des  amerikanischen  Silbers. 

Der  Preis  der  Diamanten  und  anderer  Edelsteine 
kommt  vielleicht  dem  niedrigstmöglichen  noch  näher, 
als  der  Preis  des  Goldes. 

Obgleich  es  nicht  sehr  wahrscheinlich  ist,  daß  von 
einer  Abgabe,  die  nicht  nur  ein  sehr  geeignetes  Steuer- 
objekt, nämlich  eine  Sache  lediglich  des  Luxus  und  Über- 
flusses trifft,  sondern  auch  eine  so  bedeutende  Ein- 
nahme gewährt,  wie  die  Abgabe  auf  Silber,  etwas  nach- 
gelassen werden  wird,  so  lange  sie  überhaupt  bezahlt 
werden  kann  —  so  kann  doch  die  gleiche  Unmöglich- 
keit, sie  zu  zahlen,  die  1736  zur  Herabsetzung  von 
einem  Fünftel  auf  ein  Zehntel  nötigte,  mit  der  Zeit 
noch  weitere  Minderungen  erzwingen,  gerade  so,  wie 
man  die  Abgabe  für  Gold  auf  ein  Zwanzigstel  herab- 
setzen mußte.  Daß  der  Abbau  der  Silberminen  des 
spanischen  Amerika,  wie  der  aller  anderen  Minen,  durch 
die  Notwendigkeit,  die  Schachte  immer  tiefer  zu  führen, 
und  wegen  der  größeren  Kosten,  das  "Wasser  aus  den 
Tiefen  heraus-  und  frische  Luft  hineinzubringen,  immer 
teurer  wird,  ist  von  i^len  anerkannt,  die  den  Zustand 
jener  Minen  kennen. 

Diese  Ursachen,  die  einer  zunehmenden  Seltenheit 
des  Silbers  gleichkommen  (denn  eine  Ware  wird  selte- 
ner, wenn  es  schwieriger  und  kostspieliger  wird,  eine 
gewisse  Menge  von  ihr  zusammen  zu  bringen),  müssen 
mit  der  Zeit  zu  einer  der  drei  nachstehenden  Eventu- 
alitäten führen.  Die  Erhöhung  der  Kosten  muß  ent- 
weder, erstens  durch  eine  verhältnismäßige  Erhöhung 
im  Preise  des  Metalls,  oder  zweitens  durch  eine  ver- 
hältnismäßige Verringerung  der  Abgabe  auf  Silber, 
oder  drittens  teils  durch  das  eine,  teils  durch  das  andere 
dieser  beiden  Auskunftsmittel  vollständig  ausgeglichen 


Kap.  XI.:  Wertverhältnis  zwischen  Gold  und  Silber.    297 

werden.  Diese  dritte  Folge  hat  die  größte  Wahrschein- 
lichkeit für  sich.  Wie  der  Goldpreis  im  Verhältnis  zum 
Silberpreis  trotz  der  großen  Verringerung  der  Abgabe 
auf  Gold  stieg,  so  kann  der  Silberpreis  im  Verhältnis 
zu  Arbeit  und  Waren  trotz  einer  gleichen  Verringe- 
rung der  Abgabe  auf  Silber  steigen. 

Solche  allmähliche  Ermäßigungen  der  Abgabe 
können  zwar  das  Steigen  des  Silberwertes  auf  dem  eu- 
ropäischen Markte  nicht  gänzlich  verhindern,  aber  jeden- 
falls es  mehr  oder  weniger  verzögern.  Infolge  dieser 
Ermäßigungen  können  manche  Minen  in  Angriff  ge- 
nommen werden,  die  früher  wegen  der  hohen  Steuer 
nicht  abgebaut  werden  konnten,  und  die  Menge  des 
jährlich  auf  den  Markt  gebrachten  Silbers  wird  dann 
etwas  größer,  und  daher  auch  der  Wert  einer  gege- 
benen Menge  etwas  geringer  sein,  als  es  sonst  der  Fall 
sein  würde.  Infolge  der  Steuerermäßigung  im  Jahre 
1736  ist  der  Wert  des  Silbers  auf  dem  europäischen 
Markte,  wenn  auch  nicht  niedriger  als  vorher,  doch 
wahrscheinlich  um  zehn  Prozent  niedriger,  als  er  sein 
würde,  wenn  der  spanische  Hof  die  frühere  Abgabe 
weiter  erhoben  hätte. 

Daß  trotz  dieser  Ermäßigung  der  Wert  des  Silbers 
im  Laufe  des  gegenwärtigen  Jahrhunderts  auf  dem 
europäischen  Markte  etwas  zu  steigen  begonnen  habe, 
lassen  mich  die  oben  angeführten  Tatsachen  und  Be- 
weise glauben  oder  besser  mutmaßen,  denn  die  Meinung, 
die  ich  mir  über  diesen  Gegenstand  bilden  kann,  ver- 
dient wohl  kaum  den  Namen  des  Glaubens.  In  der 
Tat  ist  die  Steigerung,  wenn  sie  überhaupt  stattge- 
funden hat,  bisher  so  gering  gewesen,  daß  es  nach 
allem  Gesagten  wohl  noch  manchem  ungewiß  erschei- 
nen mag,  ob  sie  stattgefunden  hat,  oder  ob  das  Gegen- 
teil der  Fall  ist  und  der  Wert  des  Silbers  auf  dem 
europäischen  Markte  noch  immer  sinkt. 


298  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Es  muß  übrigens  bemerkt  werden,  daß  einmal  ein 
Punkt  eintreten  muß,  wo  die  jährliche  Einfuhr  von  Gold 
und  Silber,  mag  sie  betragen,  wie  viel  sie  will,  dem  jähr- 
lichen Verbrauch  dieser  Metalle  gleichkommt.  Ihr  Ver- 
brauch muß  mit  ihrer  Masse,  oder  vielleicht  sogar  in 
einem  noch  größeren  Verhältnis  zunehmen.  Je  nachdem 
ihre  Masse  zunimmt,  vermindert  sich  ihr  Wert.  Sie 
kommen  in  allgemeineren  Grebrauch  und  werden  weniger 
in  Acht  genommen,  und  so  wächst  ihr  Verbrauch  mehr, 
als  ihre  Masse.  Mithin  muß  nach  einer  bestimmten 
Zeit  der  jährliche  Verbrauch  der  jährlichen  Einfuhr 
gleichkommen,  falls  nicht  etwa  die  Einfuhr  beständig 
zunimmt,  was  heutzutage  nicht  anzunehmen  ist. 

Sollte,  wenn  der  jährliche  Verbrauch  der  jähr- 
lichen Einfuhr  gleichgekommen  ist,  die  letztere  sich 
allmählich  vermindern,  so  kann  der  Jahresverbrauch 
eine  Zeitlang  die  Jahreseinfuhr  übersteigen.  Die 
Masse  dieser  Metalle  kann  sich  allmählich  und  un- 
merklich vermindern,  und  ihr  Wert  allmählich  und 
unmerklich  steigen,  bis  die  jährliche  Einfuhr  stillsteht, 
und  der  Verbrauch  sich  der  Einfuhr  anpaßt. 


Gründe  für  die  Vermutung,  daß  der  Wert  des  Silbers 
noch  immer  sinkt. 

Die  Zunahme  des  Reichtums  in  Europa  und  die 
herschende  Ansicht,  daß  je  mehr  die  Menge  der  edlen 
Metalle  mit  dem  zunehmenden  Reichtum  wachse,  sich 
ihr  Wert  vermindere,  mag  viele  dem  Grlauben  geneigt 
machen,  daß  ihr  Wert  auf  dem  europäischen  Markte 
noch  immer  sinke,  und  in  dieser  Meinung  muß  der 
allmählich  noch  immer  steigende  Preis  vieler  Roh- 
produkte des  Bodens  bestärken. 

Daß  die  aus  der  Zunahme  des  Reichtums  ent- 
springende Zunahme  in  der  Menge  der  edlen  Metalle 


Kap.  XI.:  Verschiedene  Wirkungen  d.  Fort.schritt.s  d.  Kultur.  299 

nicht  die  Wirkung  hat,  ihren  Wert  zu  verringern,  habe 
ich  bereits  gezeigt.  Gold  und  Silber  fließen  naturgemäß 
in  die  reichen  Länder,  aus  demselben  Grunde,  aus  dem 
alle  Arten  von  Luxusartikeln  dahin  strömen;  nicht 
weil  sie  wohlfeiler  sind,  als  in  ärmeren  Ländern,  son- 
dern weil  sie  teurer  sind,  und  ein  besserer  Preis  dafür 
bezahlt  wird.  Es  ist  der  höhere  Preis,  der  sie  anzieht, 
und  sobald  dieser  aufhört,  hören  auch  sie  notwendig 
auf,  dahin  zu  gehen. 

Ich  habe  bereits  gezeigt,  daß  mit  Ausnahme  dos 
Getreides  und  anderer  lediglich  durch  den  menschlichen 
Fleiß  hervorgebrachter  Gewächse,  alle  übrigen  Arten 
von  Rohprodukten,  wie  Vieh,  Geflügel,  Wildpret  aller 
Art,  die  nützlichen  Fossilien  und  Mineralien  der  Erde 
usw.  in  dem  Grade  teurer  werden,  wie  die  Gesell- 
schaft an  Reichtum  zunimmt.  Obgleich  nun  solche 
Waren  eine  größere  Silbermenge  gelten  als  früher, 
so  folgt  daraus  doch  nicht,  daß  das  Silber  wirklich 
wohlfeiler  geworden  ist  und  weniger  Arbeit  als  früher 
kaufen  kann,  sondern  nur,  daß  jene  Waren  teurer 
geworden  sind  und  mehr  Arbeit  als  früher  kaufen. 
Nicht  bloß  ihr  nomineller,  sondern  auch  ihr  wirklicher 
Preis  steigt  mit  dem  Fortschritt  der  Kultur.  Das 
Steigen  ihres  Nominalpreises  ist  nicht  die  Wirkung 
einer  Verringerung  des  Silberwerts,  sondern  die  der 
Zunahme  ihres  wirklichen  Preises. 


Verschiedene  Wirkungen  des  Fortschritts  der  Kultur   auf 
drei  verschiedene  Arten  von  Rohprodukten. 

Die  verschiedenen  Arten  von  Rohprodukten  lassen 
sich  in  drei  Klassen  teilen.  Die  erste  begreift  die- 
jenigen in  sich,  deren  Vermehrung  durch  menschlichen 
Fleiß  nicht  zu  bewirken  ist;    die  zweite  die,    die  sich 


300  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

durch  Fleiß  je  nach  der  Nachfrage  vermehren  lassen; 
die  dritte  die,  bei  denen  die  Wirksamkeit  des  Fleißes 
beschränkt  oder  ungewiß  ist.  Mit  dem  Fortschreiten 
des  Reichtums  und  der  Kultur  kann  der  wirkliche 
Preis  der  ersteren  auf  eine  übertriebene  Höhe  steigen, 
und  scheint  durch  keine  bestimmte  Grenze  beschränkt 
zu  sein.  Die  Produkte  der  zweiten  Klasse  können 
zwar  sehr  hoch  steigen,  allein  es  ist  eine  bestimmte 
Grenze  vorhanden,  über  die  sie  nicht  lange  Zeit  hin- 
ausgehen können.  Die  der  dritten  Klasse  haben  zwar 
auch  die  natürliche  Neigung,  bei  fortschreitender 
Kultur  zu  steigen,  doch  können  sie  bei  demselben 
Grade  der  Kultur  auch  im  Preise  sinken  oder  auf 
demselben  Punkte  bleiben  oder  mehr  oder  weniger 
steigen,  je  nachdem  diese  oder  jene  Zufälligkeiten  die 
auf  Vervielfältigung  dieser  Art  von  Rohprodukten  ge- 
richteten Anstrengungen  des  menschlichen  Fleißes 
mehr  oder  weniger  begünstigen. 

Erste  Art. 
Die  erste  Art  von  Rohprodukten,  deren  Preis  bei 
fortschreitender  Kultur  steigt,  ist  diejenige,  die  sich 
durch  menschlichen  Fleiß  kaum  irgendwie  vermehren 
läßt.  Sie  besteht  in  den  Dingen,  die  die  Natur  nur 
in  bestimmten  Mengen  hervorbringt,  und  die  man 
wegen  ihrer  leichtes  Verderben  befördernden  Eigen- 
schaften nicht  Jahre  lang  aufsammeln  kann;  so  die 
meisten  seltenen  Vögel  und  Fische,  viele  Sorten  Wild- 
pret,  fast  alles  wilde  Geflügel,  insbesondere  alle  Zug- 
vögel und  viele  andere  Dinge.  Wenn  der  Reichtum 
und  der  damit  verbundene  Luxus  zunimmt,  nimmt 
voraassichtlich  auch  die  Nachfrage  nach  ihnen  zu;  aber 
keine  Anstrengung  menschlichen  Fleißes  kann  viel  mehr 
davon  herbeischaffen,  als  schon  vor  Steigerung  der  Nach- 
frage  davon    vorhanden    war.     Wenn  nun  die  Menge 


Kap.  XI.:  Verscliieclene  Wirkiino-en  rl  Fortschritts  d.  Kultur.  301 

solcher  "Waren  so  ziemlich  dieselbe  bleibt,  während  der 
Wettbewerb  der  Käufer  stets  zunimmt,  so  kann  ihr  Preis 
eine  außerordentliche  Höhe  erreichen  und  scheint  an 
keine  bestimmte  Grenze  gebunden  zu  sein.  Wenn 
Schnepfen  von  den  Vornehmen  auch  so  sehr  gesucht 
würden,  daß  man  das  Stück  mit  zwanzig  Guineen  be- 
zahlte, so  wäre  doch  keine  menschliche  Anstrengung 
im  stände,  die  gegenwärtig  auf  den  Markt  kommende 
Zahl  bedeutend  zu  vermehren.  Auf  diese  Weise  läßt 
sich  der  hohe  Preis,  den  die  Römer  in  den  Zeiten  ihres 
höchsten  Glanzes  für  seltene  Vögel  und  Fische  bezahlten, 
leicht  erklären.  Diese  Preise  waren  nicht  die  Wirkun- 
gen des  niedrigen  Silberwertes  in  jenen  Zeiten,  sondern 
des  hohen  Wertes  solcher  Seltenheiten  und  Liebhabe- 
reien, die  menschlicher  Fleiß  nicht  nach  Belieben  ver- 
mehren konnte.  Der  wirkliche  Wert  des  Silbers  war 
in  Rom  einige  Zeit  vor  und  nach  dem  Untergange  der 
Republik  höher,  als  er  gegenwärtig  im  größten  Teil 
Europas  ist.  Drei  Sestertien,  etwa  sechs  Pence  Ster- 
ling, waren  der  Preis,  den  die  Republik  für  den  Modius 
oder  Peck  des  sizilianischen  Zehnten  Weizens  zahlte. 
Doch  blieb  dieser  Preis  wahrscheinlich  hinter  dem  durch- 
schnittlichen Marktpreise  zurück,  da  die  Verpflichtung, 
ihren  Weizen  zu  diesem  Satze  zu  liefern,  als  ein  den 
sizilianischen  Landwirten  auferlegter  Tribut  betrachtet 
wurde,  und  wenn  die  Römer  mehr  Getreide  kommen 
lassen  mußten,  als  der  Zehnte  betrug,  so  waren  sie  ver- 
tragsmäßig verpflichtet,  für  den  Überschuß  den  Satz 
von  vier  Sestertien  oder  8  Pence  Sterling  per  Peck  zu 
zahlen.  Dieser  Preis,  der  wahrscheinlich  als  mäßig  und 
billig,  d.  h.  als  durchschnittlicher  Kontraktpreis  galt, 
ist  etwa  so  viel  wie  21  Schilling  für  den  Quarter. 
28  Schilling  für  den  Quarter  waren  vor  den  letzten 
schlechten  Erntejahren  der  gewöhnliche  Kontiaktpreis 
für  den  englischen  Weizen,  der  dem  sizilianischen  an 


302  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Güte  nachsteht  und  auf  dem  europäischen  Markte  in 
der  Regel  schlechter  bezahlt  wird.  Der  Silberwert  muß 
sich  also  zu  dem  heutigen  wie  drei  zu  vier  verhalten 
haben,  d.  h.  für  drei  Unzen  Silber  mußte  damals  die 
nämliche  Quantität  Arbeit  und  Waren  zu  kaufen  sein, 
als  jetzt  für  vier  Unzen.  Wenn  wir  daher  im  Plinius 
lesen,  daß  Sejus"*')  eine  weiße  Nachtigall  als  ein  Ge- 
schenk für  die  Kaiserin  Agrippina  für  6000  Sestertien, 
etwa  50  Pfund  unseres  Geldes,  und  Asinius  Celer'''*) 
eine  Meerbarbe  für  8000  Sestertien,  etwa  £  66.  13  sh. 
4  d.  unseres  Geldes,  kaufte,  erscheinen  uns  diese  Preise, 
so  sehr  wir  über  ihre  außerordentliche  Höhe  staunen, 
doch  noch  um  ein  Drittel  mäßiger,  als  sie  wirklich 
waren.  Ihr  wirklicher  Preis,  die  Menge  von  Arbeit  und 
Lebensmitteln,  die  dafür  gegeben  wurde,  betrug  etwa 
ein  Drittel  mehr,  als  ihr  Nominalpreis  uns  jetzt  an- 
deutet. Sejus  gab  für  die  Nachtigall  soviel  an  Arbeit 
und  Lebensmitteln,  wie  gegenwärtig  £  66.  13  sh.  4  d., 
und  Asinius  Celer  für  die  Meerbarbe  soviel  wie  jetzt 
£  88.  17  sh.  9  d.  kaufen  würden.  Die  außerordentliche 
Höhe  dieser  Preise  wurde  nicht  sowohl  durch  den  Über- 
fluß an  Silber,  als  durch  den  Überfluß  an  Arbeit  und 
Lebensmitteln  veranlaßt,  die  jenen  Römern  über  den 
eigenen  Bedarf  zur  Verfügung  standen.  Die  ihnen  zu 
Gebote  stehende  Menge  Silber  war  um  vieles  geringer, 
als  die,  welche  sie  sich  heute  durch  die  Verfügung 
über  eine  gleiche  Menge  von  Arbeit  und  Lebensmitteln 
würden  verschaffen  können. 

Zweite  Art. 
Die    zweite  Art   von   Rohprodukten,    deren   Preis 
mit  der  fortschreitenden  Kultur  steigt,  ist  die,   welche 
menschlicher  Fleiß  je   nach    der  Nachfrage   vervielfäl- 
tigen kann.    Sie  besteht  in  jenen  nützlichen  Pflanzen 

*)  Lib.  X.  c.  29.  —  *•)  Lib.  IX.  c.  17. 


Kap.  XT.:  Verschiedene  Wirkun,£>'en  d.  Fortschritts  d.  Tvultiir.  303 

und  Tieren,  die  die  Natur  in  unkultivierten  Ländern 
in  so  verschwenderischer  Fülle  hervorbringt,  daß  sie 
nur  wenig  oder  gar  keinen  Wert  haben,  und  welche 
darum  mit  dem  Fortschritt  des  Bodenanbaues  anderen 
einträglicheren  Erzeugnissen  Platz  machen  müssen. 
Während  einer  langen  Periode  fortschreitender  Kultur 
vermindert  sich  stetig  ihre  Menge,  während  gleichzeitig 
die  Nachfrage  nach  ihnen  fortwährend  zunimmt.  Ihr 
wirklicher  Wert,  die  wirkliche  Arbeitsmenge,  die  dafür 
zu  haben  ist,  steigt  daher  allmählich,  bis  er  zuletzt  auf 
einem  Punkte  anlangt,  wo  ihre  Produktion  ebenso  ge- 
winnbringend wird,  wie  die  irgend  einer  anderen 
Sache,  die  menschlicher  Fleiß  dem  fruchtbarsten  und 
bestkultivierten  Lande  abgewinnen  kann.  Über  diesen 
Punkt  hinaus  kann  der  Preis  nicht  wohl  steigen,  da 
sonst  bald  mehr  Land  und  Fleiß  auf  Vermehrung  der 
Menge  verwendet  werden  würde. 

Steigt  z.  B.  der  Preis  des  Viehs  so  hoch,  daß  es 
ebenso  gewinnreich  ist,  auf  dem  Boden  Nahrung  für 
Vieh,  als  für  den  Menschen  zu  ziehen,  so  kann  er 
nicht  wohl  höher  gehen,  weil  sonst  bald  mehr  Getreide- 
land zu  Weide  gemacht  werden  würde.  Die  Ausdehnung 
der  Acker  Wirtschaft  verringert  einerseits  den  Umfang 
des  wilden  Weidelandes  und  dadurch  die  Menge  des 
Fleisches,  die  das  Land  ohne  Arbeit  und  Anbau  von 
selbst  hervorbringt,  und  vermehrt  andererseits  die  Zahl 
und  Nachfrage  derer,  die  Getreide,  oder,  was  auf  das- 
selbe hinauskommt,  den  Preis  des  Getreides  dafür  in 
Tausch  zu  geben  haben.  Der  Preis  des  Fleisches,  und 
folglich  auch  der  des  Viehs  muß  daher  immer  mehr 
und  soweit  steigen,  bis  es  ebenso  gewinnbringend  wird, 
das  fruchtbarste  und  bestkultivierte  Land  zur  Er- 
zeugung von  Viehfutter  als  zum  Getreidebau  zu  be- 
nutzen. Doch  kann  der  Ackerbau  erst  bei  weit  fort- 
geschrittener Kultur  derart  ausgedehnt  werden,  daß 
der  Preis  des  Viehs  auf  diese  Höhe  kommt,   und  bis 


304  Erstes  Buch:  Zunahme,  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

es  dahin  gekommen  ist,  muß  sein  Preis,  wenn  das  Land 
überhaupt  fortschreitet,  beständig  steigen.  Es  mag 
Gegenden  in  Europa  geben,  wo  der  Preis  des  Viehs 
noch  nicht  so  hoch  gestiegen  ist.  In  Schottland  war  er 
vor  der  Union  nirgends  so  hoch,  und  wäre  das  Vieh 
immer  auf  den  schottischen  Markt  beschränkt  geblieben, 
so  dürfte  hier,  wo  der  zu  nichts  anderem  als  zur  Vieh- 
weide brauchbare  Boden  im  Verhältnis  zu  dem,  der 
sich  zu  anderen  Zwecken  eignet,  so  groß  ist,  der  Preis 
des  Viehs  wohl  schwerlich  so  hoch  gestiegen  sein,  um 
den  Futterbau  gewinnreich  zu  machen.  In  England 
scheint,  wie  bereits  bemerkt,  der  Preis  des  Viehs  in  der 
Nähe  von  London  jene  Höhe  im  Anfange  des  vorigen 
Jahrhunderts  erreicht  zu  haben ;  erst  viel  später  erreichte 
er  sie  in  den  meisten  entlegneren  Gegenden,  und  in 
manchen  von  ihnen  mag  er  sie  wohl  heute  noch  nicht 
erreicht  haben.  Doch  ist  von  allen  zur  zweiten  Art 
gehörigen  Rohprodukten  das  Vieh  wohl  dasjenige, 
dessen  Preis  bei  fortschreitender  Kultur  zuerst  auf 
diese  Höhe  steigt. 

In  der  Tat  scheint  es  kaum  möglich,  daß,  bevor 
der  Preis  des  Viehs  diese  Höhe  erreicht  hat,  der  größte 
Teil  selbst  des  der  höchsten  Kultur  fähigen  Bodens 
vollständig  kultiviert  sein  kann.  Auf  allen  Gütern,  die 
zu  weit  von  einer  Stadt  entfernt  sind,  als  daß  aus  ihr 
Dünger  dahin  gebracht  werden  könnte,  d.  h.  auf  den 
meisten  Gütern  eines  ausgedehnten  Landes  muß  die 
Menge  des  gutangebauten  Bodens  sich  nach  der  Menge 
des  Düngers  richten,  den  das  Gut  selbst  hervorbringt, 
und  diese  wiederum  hängt  von  dem  Viehstande  des 
Gutes  ab.  Der  Boden  wird  entweder  durch  das  auf  ihm 
weidende  Vieh  oder  dadurch  gedüngt,  daß  man  das  Vieh 
im  Stalle  füttert  und  den  Mist  auf  das  Land  schafft. 
Wenn  aber  der  Preis  des  Viehs  nicht  hoch  genug  ist, 
um  die  Rente  und  den  Gewinn  kultivierten  Bodens 
zu  bezahlen,   so  kann  der  Landwirt   es  nicht  auf  ihm 


Kap.  XT.:  Verschiedene  Wirkungen  d.  Fortschritts  d.  Kultur.  305 

weiden  lassen  und  noch  viel  weniger  es  im  Stalle  füt- 
tern. Nur  mit  den  Erzeugnissen  eines  hoch  kultivierten 
Bodens  kann  das  Vieh  im  Stalle  gefüttert  werden,  weil 
es  zu  viel  Arbeit  erfordern  und  zu  kostspielig  sein 
würde,  die  spärlichen  und  vereinzelten  Produkte  unan- 
gebauten  Ödlandes  zu  sammeln.  Wenn  daher  der  Preis 
des  Viehs  nicht  hinreicht,  die  Erzeugnisse  des  ange- 
bauten Bodens  zu  bezahlen,  auf  dem  es  weidet,  so  wird 
jener  Preis  noch  weniger  hinreichen,  diese  Erzeugnisse 
zu  bezahlen,  wenn  sie  überdies  mit  vieler  Mühe  ge- 
sammelt und  in  den  Stall  gebracht  werden  müssen. 
Unter  diesen  Umständen  kann  deshalb  nicht  mehr  Vieh 
gewinnbringend  im  Stalle  gefüttert  werden,  als  zur 
Bestellung  nötig  ist.  Diese  Anzahl  aber  kann  niemals 
genug  Dünger  geben,  um  alles  kulturfähige  Land  fort- 
während in  gutem  Stande  zu  erhalten.  Da  der  so  ge- 
lieferte Dünger  für  das  ganze  Gut  unzureichend  ist, 
so  wird  er  für  den  Boden  bewahrt,  auf  dem  or  am 
vorteilhaftesten  und  passendsten  verwendet  werden 
kann,  nämlich  auf  dem  fruchtbarsten  oder  etwa  auf 
dem  unmittelbar  um  den  Pachthof  liegenden  Boden. 
Dieser  wird  mithin  beständig  in  gutem  Stande  und  an- 
baufähig erhalten,  während  man  den  übrigen  größten- 
teils brach  liegen  läßt,  so  daß  er  nur  etwas  spärliche 
Weide  für  ein  paar  vereinzelt  grasende,  halb  verhun- 
gerte Stücke  Vieh  abwirft.  So  besitzt  das  Gut,  obwohl 
mit  einem  zu  seiner  vollständigen  Bestellung  nicht 
zulänglichen  Viehstande  versehen,  dennoch  oft  im  Ver- 
hältnis zu  seiner  dermaligen  Produktion  zu  viel  Vieh. 
Ein  Teil  dieses  Brachlandes  kann  jedoch,  nachdem  es 
in  dieser  elenden  Manier  sechs  oder  sieben  Jahre  lang 
abgeweidet  worden  ist,  umgeackert  werden,  um  dann 
vielleicht  ein  oder  zwei  ärmliche  Ernten  schlechten 
Hafers  oder  einer  anderen  groben  Getreideart  zu  lie- 
fern,   wonach   es   gänzlich   erschöpft    wieder   ausruhen 

Adam  Smith,  Volkswohlstand.  I.  -i-O 


306  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

und  abgeweidet  werden  muß;  dann  wird  ein  anderer 
Teil  umgepflügt,  um  seinerseits  auf  dieselbe  Weise  er- 
schöpft zu  werden  und  wieder  brach  liegen  zu  bleiben. 
So  war  das  Wirtschaftssystem  im  ganzen  schottischen 
Tieflande  vor  der  Union  beschaffen.  Der  jahraus  jahr- 
ein wohlgedüngte  und  in  gutem  Stande  erhaltene  Boden 
machte  selten  mehr  aus,  als  den  dritten  oder  vierten 
Teil  des  ganzen  Gutes,  mitunter  aber  nicht  einmal  den 
fünften  oder  sechsten  Teil;  der  Rest  wurde  niemals 
gedüngt,  sondern  nur  immer  ein  gewisser  Teil  davon 
abwechselnd  geackert  und  erschöpft.  Bei  diesem  Wirt- 
schaftssystem konnte  offenbar  selbst  der  anbaufähige 
Teil  des  schottischen  Bodens  im  Verhältnis  zu  seiner 
Ertragsfähigkeit  nur  wenig  hervorbringen.  So  unvor- 
teilhaft aber  auch  dies  System  erscheinen  mag,  so 
machte  doch  der  niedrige  Preis  des  Viehs  vor  der  Union 
dasselbe  beinah  unvermeidlich.  Wenn  es  auch  jetzt 
noch  trotz  der  bedeutend  höheren  Viehpreise  in  einem 
großen  Teil  des  Landes  vorherrscht,  so  ist  dies  an 
vielen  Orten  ohne  Zweifel  der  Unwissenheit  und  der 
Anhänglichkeit  an  alte  Gewohnheiten  zuzuschreiben, 
meistens  aber  den  unvermeidlichen  Hindernissen,  die  der 
natürliche  Gang  der  Dinge  der  sofortigen  Einführung 
eines  besseren  Systems  entgegensetzt:  nämlich  erstens 
der  Armut  der  Pächter  oder  dem  Umstände,  daß  sie 
noch  nicht  Zeit  hatten,  sich  einen  für  die  vollständigere 
Bestellung  zulänglichen  Viehstand  anzuschaffen,  da 
dieselbe  Preiserhöhung,  die  die  Unterhaltung  eines 
größeren  Viehstandes  für  sie  vorteilhaft  machen  würde, 
auch  wieder  seine  Anschaffung  erschwert;  zweitens  dem 
Umstände,  daß  sie,  falls  sie  ihn  anschaffen  konnten, 
noch  nicht  Zeit  hatten,  ihre  Ländereien  auf  die  Unter- 
haltung eines  größeren  Viehstandes  ordentlich  einzu- 
richten. Die  Vermehrung  des  Viehstandes  und  die  Ver- 
besserung des  Bodens  müssen  Hand  in  Hand  gehen,  und 


Kap.  XL:  A'ersrhiedene  Wirkungen  d.  Fortschritts  d.  Kiütiir.  397 

das  eine  kann  niemals  dem  anderen  weit  vorauseilen. 
Ohne  eine  Verbesserung  des  Bodens  ist  eine  Zunahme 
des  Viehstandes  kaum  möglich,  und  eine  beträchtliche 
Zunahme  des  Viehstandes  kann  nur  infolge  einer  be- 
deutenden Bodenverbesserung  eintreten,  weil  sonst  der 
Boden  dem  Vieh  keinen  Unterhalt  gewähren  könnte. 
Diese  natüi'lichen  Hindernisse  der  Einführung  eines 
besseren  Systems  lassen  sich  nur  durch  eine  lange  fort- 
gesetzte Sparsamkeit  und  Arbeitsamkeit  entfernen,  und 
es  dürfte  ein  halbes  oder  vielleicht  ein  Jahrhundert 
vergehen,  bis  das  allmählich  verschwindende  frühere 
System  in  allen  Teilen  des  Landes  vollständig  abge- 
schafft sein  kann.  Unter  allen  kommerziellen  Vorteilen, 
die  Schottland  aus  der  Union  mit  England  gezogen 
hat,  ist  jedoch  diese  Erhöhung  des  Viehpreises  wohl 
der  größte:  sie  hat  nicht  nur  den  Wert  aller  Hoch- 
landgüter gesteigert,  sondern  ist  wohl  auch  die  Haupt- 
ursache der  verbesserten  Kultur  des  Tieflandes. 

In  allen  neuen  Kolonien  vermehrt  sich  in  Folge 
der  großen  Menge  öden  Landes,  das  viele  Jahre  lang 
nur  zur  Viehweide  benutzt  werden  kann,  das  Vieh  bald 
außerordentlich,  und  große  Wohlfeilheit  ist  in  allen 
Dingen  eine  notwendige  Folge  des  Überflußes.  Ob- 
gleich alles  Vieh  der  europäischen  Kolonien  in  Ame- 
rika ursprünglich  von  Europa  dahin  gebracht  wurde, 
so  vermehrte  es  sich  doch  bald  so  sehr  und  ward  so 
wertlos,  daß  man  selbst  die  Pferde  wild  in  den  Wäldern 
umherlaufen  ließ,  und  ihr  Besitzer  es  nicht  der  Mühe 
für  wert  hielt,  sie  für  sich  zu  beanspruchen.  Erst 
lange  nach  der  ersten  Ansiedelung  kann  es  Gewinn 
bringen,  mit  den  Produkten  kultivierten  Landes  Vieh 
zu  mästen.  Die  gleichen  Ursachen  nämlich  der  Mangel 
an  Dünger  und  das  Mißverhältnis  zwischen  dem  zur 
Bestellung  verwendeten  Kapital  und  dem  Boden,  zu 
dessen  Bestellung  es  bestimmt  ist,   führen  daher  dort 

20* 


308  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

ZU  einem,  dem  noch  heute  in  vielen  Teilen  Schottlands 
bestehenden,  nicht  unähnlichen  Wirtschaftssystem.  Der 
schwedische  Reisende  Kalm  bemerkt  daher  in  seinem 
Bericht  über  die  Landwirtschaft  einiger  englischer  Ko- 
lonien in  Amerika,  wie  er  sie  1749  fand,  daß  er  dort 
den  Charakter  der  in  allen  Zweigen  der  Landwirtschaft 
so  weit  vorgeschrittenen  englischen  Nation  kaum 
wiederzuerkennen  vermochte.  Die  Getreidefelder,  sagt 
er,  düngt  man  dort  kaum;  ist  ein  Stück  Land  durch 
mehrere  auf  einander  folgende  Ernten  erschöpft,  so 
lichtet  und  kultiviert  man  ein  anderes  Stück  Land, 
und  wenn  auch  dieses  erschöpft  ist,  macht  man  sich 
an  ein  drittes.  Das  Vieh  läßt  man  in  den  Wäldern 
und  auf  sonstigem  unangebauten  Boden  umherlaufen, 
wo  es  halb  verhungert;  denn  der  Graswuchs  ist  längst 
beinahe  vernichtet,  weil  man  es  vorzeitig  im  Frühling 
abmähte,  ehe  es  Blüten  treiben  und  Samen  ausstreuen 
konnte.  Die  einjährigen  Gräser  waren,  wie  es  scheint, 
in  jenem  Teile  Nordamerikas  früher  das  beste  wild- 
wachsende Gras,  und  als  die  Europäer  sich  zuerst  dort 
niederließen,  wuchs  es  sehr  dicht,  und  wurde  drei  bis 
vier  Fuß  hoch.  Ein  Stück  Wiese,  das  zu  Kalms  Zeit 
nicht  eine  einzige  Kuh  ernähren  konnte,  ernährte  früher, 
wie  man  ihn  versicherte,  deren  vier,  die  jede  vier  mal 
so  viel  Milch  gaben,  als  jene  eine  zu  geben  imstande 
war.  Die  Armut  des  AVeidelandes  hatte  nach  seiner 
Ansicht  die  Entartung  des  von  einer  Generation  zur 
andern  sichtlich  schlechter  werdenden  Viehs  zur  Folge. 
Vermutlich  war  es  jener  verkümmerten  Race  ähnlich, 
die  vor  dreißig  bis  vierzig  Jahren  in  ganz  Schottland 
gewöhnlich  war,  und  die  jetzt  in  dem  größeren  Teile 
des  Tieflandes  nicht  sowohl  durch  Kreuzung  —  ob- 
wohl hier  und  da  auch  dieses  Mittel  angewandt  wurde 
— ,  als  durch  eine  bessere  Ernährung  so  sehr  veredelt 
worden  ist. 

Obwohl  hiernach  der  Fortschritt  des  Anbaus  schon 


Kap.  XI.:  Verschieden eWirkun,i>en  d.  Fortschritts  d.  Kultur.  309 

weit  gediehen  sein  muß,  ehe  das  Vieh  einen  so  hohen 
Preis  bringen  kann,  daß  die  Bestellung  des  Landes 
mit  Futterkräutern  lohnend  wird,  so  ist  doch  unter 
allen  Produkten  der  zweiten  Art  Vieh  dasjenige,  das 
wohl  zuerst  diesen  Preis  bringt,  weil  es  unmöglich 
scheint,  daß  die  Kultur  auch  nur  jenen  Grad  von  Voll- 
kommenheit, zu  welchem  sie  in  vielen  Teilen  Europas 
gediehen  ist,  früher  erreichen  kann. 

Wild  hingegen  bringt  wohl  jenen  Preis  zuletzt. 
Der  Preis  des  Wildes  in  Großbritannien,  so  hoch  er 
erscheinen  mag,  ist  doch  nicht  entfernt  hinreichend, 
die  Kosten  eines  Wildparks  einzubringen,  wie  Allen 
bekannt  ist,  die  einige  Erfahrung  darin  haben.  Wenn 
es  anders  wäre,  so  würde  die  Aufziehung  von  Wild 
sich  bald  einbürgern,  wie  bei  den  alten  Römern  die 
Aufzucht  jener  kleinen  Vögel,  Turdi  genannt.  Varro 
und  Columella  versichern,  daß  diese  Zucht  sehr  einträg- 
lich war.  Die  Aufzucht  der  Ortolane,  mager  ins  Land 
kommender  Zugvögel,  soll  in  einigen  Gegenden  Frank- 
reichs mit  Vorteil  betrieben  werden.  Wenn  das  Wild- 
pret  Modeartikel  bleibt,  und  der  Reichtum  und  Luxus 
Großbritanniens  so  weiter  wächst,  wie  es  seit  einiger 
Zeit  der  Fall  ist,  so  kann  sein  Preis  recht  wohl  noch 
höher  steigen. 

Zwischen  der  Periode  des  Fortschritts  der  Boden- 
kultur, die  den  Preis  eines  so  notwendigen  Artikels, 
wie  Nutzvieh,  und  derjenigen,  die.  den  Preis  eines  so 
überflüssigen  Artikels,  wie  Wild,  auf  seinen  Höhepunkt 
bringt,  ist  ein  langer  Zwischenraum,  in  dessen  Verlauf 
allmählich  viele  andere  Arten  von  Rohprodukten,  die 
einen  je  nach  Umständen  früher,  die  anderen  später, 
ihren  höchsten  Preis  erreichen. 

So  pflegt  auf  jedem  Gute  von  den  Abgängen  aus 
Scheunen  und  Ställen  eine  gewisse  Anzahl  Geflügel 
erhalten   zu  werden,    das,    da   es   sich   von   sonst   ver- 


310  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ei'tragski'aft  der  Arbeit. 

loren  gehenden  Abfällen  nährt,  eine  reine  Ersparnis 
darstellt,  und,  da  es  den  Landmann  kaum  etwas  kostet, 
von  ihm  um  ein  Geringes  verkauft  weiden  kann.  Bei- 
naho alles,  was  er  dafür  erhält,  ist  reiner  Growinn, 
und  der  Preis  kann  kaum  so  niedrig  werden,  um  ihn 
von  der  Aufzucht  jener  Anzahl  abzuhalten.  In  schlecht 
bebauten  und  darum  auch  nur  dünnbevölkerten  Ländern 
ist  das  so  ohne  Kosten  aufgezogene  Geflügel  oft  in 
ausreichender  Menge  vorhanden,  um  die  ganze  Nach- 
frage zu  befriedigen.  Bei  diesem  Stande  der  Dinge  ist 
es  oft  so  wohlfeil  wie  Fleisch  von  Schlachtvieh  oder 
irgend  eine  andere  Art  tierischer  Nahrung.  Allein  die 
ganze  Menge  von  Federvieh,  welche  das  Gut  auf 
diese  Weise  ohne  Kosten  hervorbringt,  muß  immer 
viel  geringer  sein,  als  die  Gesamtmenge  des  Fleisches, 
das  auf  ihm  gewonnen  wird;  und  in  Zeiten  des  Reich- 
tums und  des  Luxus  wird  immer  das  Seltene,  wenn 
es  nur  ungefähr  ebenso  gut  ist,  dem  Gewöhnlichen 
vorgezogen.  Wenn  daher  Reichtum  und  Luxus  infolge 
höherer  Kultur  zunehmen,  so  steigt  der  Preis  des  Feder- 
viehs allmählich  über  den  des  Schlachtviehes,  bis  er 
zuletzt  den  Punkt  erreicht,  wo  es  lohnend  wird,  auch 
zur  Aufzucht  von  Geflügel  Land  zu  bestellen.  Über 
diese  Höhe  jedoch  kann  der  Preis  nicht  wohl  steigen, 
weil  sonst  bald  mehr  Land  für  diesen  Zweck  bestimmt 
werden  würde.  In  einigen  französischen  Provinzen  wiixl 
die  Geflügelzucht  als  ein  sehr  wichtiger  Artikel  der 
Landwirtschaft  und  als  vorteilhaft  genug  angesehen, 
um  den  Landmann  zur  Anpflanzung  einer  großen 
Menge  Mais  und  Buchweizen  zu  diesem  Zwecke  zu 
veranlassen.  Ein  mittlerer  Bauer  hat  dort  manchmal 
400  Stück  Federvieh  auf  seinem  Hofe.  In  England 
scheint  man  der  Geflügelzucht  noch  nicht  diese  Wichtig- 
keit beizulegen,  und  doch  ist  hier  Geflügel  teurer,  als 
in  Frankreich,  von  wo  eine  große  Zufuhr  erfolgt.  Bei 


Kap.  XL:  Verschiedene  Wirkunp,'en  d.  Fortschritts  d.  Kultur.  311 

fortschreitender  Kultur  mulj  der  Zeitpunkt,  wo  jede 
Gattung  tierischer  Nahrung  ihren  höchsten  Preis  er- 
reicht, eintreten,  unmittelbar  bevor  es  allgemeinere 
ßegel  wird,  den  Boden  mit  Yiehfutter  zu  bestellen. 
Ehe  dies  allgemein  wird,  muß  der  Mangel  eine  Zeit- 
lang den  Preis  steigern;  später  aber  werden  gewöhnlich 
neue  Fütterungsmethoden  ersonnen,  die  den  Landmann 
instand  setzen,  auf  einer  gleichen  Fläche  Landes  eine 
weit  größere  Menge  tierischer  Nahrung  zu  erzeugen. 
Die  große  Menge  zwingt  ihn  dann  nicht  nur  wohlfeiler 
zu  verkaufen,  sondern  jene  Verbesserungen  setzen  ihn 
auch  instand,  es  zu  können;  denn  könnte  er  es  nicht, 
so  würde  es  mit  der  großen  Menge  nicht  lange  dauern. 
Wahrscheinlich  hat  auf  diese  Weise  der  Anbau  des  Klees, 
der  ßüben,  der  Möhren,  des  Kohls  usw.  dazu  beige- 
tragen, den  gewöhnlichen  Preis  des  Schlachtfleisches 
auf  dem  Londoner  Markte  etwas  niedriger  zu  stellen, 
als  es  zu  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  stand. 

Das  Schwein,  das  seine  Nahrung  im  Kot  findet 
und  viele  Dinge,  die  andere  Nutztiere  verschmähen, 
gierig  verschlingt,  wird  wie  das  Geflügel  anfänglich 
der  Ersparnis  wegen  gehalten.  So  lange  die  Zahl  solcher 
Tiere,  die  mit  wenig  oder  gar  keinen  Kosten  aufge- 
zogen werden  können,  zur  Deckung  der  Nachfrage  hin- 
reicht, kommt  das  von  ihnen  gewonnene  Fleisch  zu  weit 
niedrigerem  Preise  auf  den  Markt,  als  jedes  andere. 
Wenn  aber  die  Nachfrage  größer  wird,  so  daß  man 
behufs  Aufzucht  und  Mast  der  Schweine  Futter  an- 
bauen muß,  wie  für  andere  Tiere  auch,  so  steigt  not- 
wendig der  Preis  und  wird  höher  oder  niedriger  sein 
als  der  von  anderem  Fleisch,  je  nachdem  die  Natur 
des  Landes  und  der  Stand  seiner  Landwirtschaft  die 
Aufzucht  von  Schweinen  teurer  oder  billiger  macht, 
als  die  anderen  Viehes.  In  Frankreich  ist  nach  Buffon 
der  Preis  des  Schweinefleisches  ebenso  hoch,  als  der  des 


312  Ki"«tes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Rindfleisches.  In  den  meisten  Gegenden Grroßbritanniens 
ist  er  gegenwärtig  etwas  höher. 

Das  starke  Steigen  im  Preise  der  Schweine  und 
des  Federviehs  hat  man  in  Großbritannien  häufig  der 
verringerten  Anzahl  der  Grundbesitzer  und  kleinen 
Häusler  zugeschrieben;  eine  Erscheinung,  die  in  ganz 
Europa  der  unmittelbare  Vorläufer  besserer  landwirt- 
schaftlicher Methoden  war,  und  die  zu  gleicher  Zeit 
immerhin  dazu  beigetragen  haben  mag,  den  Preis  jener 
Artikel  etwas  früher  und  schneller  zum  Steigen  zu 
bringen,  als  es  sonst  geschehen  sein  würde.  Wie  die 
ärmste  Familie  ohne  alle  Kosten  sich  eine  Katze  oder 
einen  Hund  halten  kann,  so  können  sich  die  ärmsten 
Grundbesitzer  gewöhnlich  mit  sehr  geringen  Koston 
etwas  Federvieh  oder  eine  Sau  und  ein  Paar  Ferkel 
halten.  Die  Abfälle  ihres  Tisches,  Molken,  abgerahmte 
und  Buttermilch  liefern  für  diese  Tiere  einen  Teil  der 
nötigen  Nahrung,  und  das  Übrige  finden  sie  auf  den 
nahegelegenen  Feldern,  ohne  jemandem  merklichen  Scha- 
den zu  tun.  Durch  Verminderung  der  Zahl  jener  kleinen 
Besitzer  muß  daher  auch  die  Menge  dieser  Art  mit  weni- 
gen oder  ohne  alle  Kosten  erzeugten  Lebensmittel  er- 
heblich geringer  geworden,  und  infolge  dessen  ihr  Preis 
früher  und  schneller  gestiegen  sein,  als  es  sonst  ge- 
scliehen  sein  würde.  Früher  oder  später  jedoch  muß 
er  bei  fortschreitender  Kultur  auf  seinen  Höhepunkt, 
d.  li.  auf  den  Preis  kommen,  durch  welchen  die  Arbeit 
und  Kulturkosten  des  zum  Futterbau  verwendeten 
Bodens  ebenso  bezahlt  werden,  wie  sie  von  dem  größten 
Teil  des  übrigen   angebauten  Bodens  bezahlt  werden. 

Auch  die  Milchwirtschaft  wird  ursprünglich,  wie 
das  Aufziehen  von  Schweinen  und  Federvieh,  nur  aus 
Ersparnis  botrieben.  Das  auf  dem  Gute  unentbehrliche 
Vieh  bi'ingt  mehr  Milch  hervor,  als  die  Aufzucht  der 
Jungen  oder  der  Verbrauch  der  Gutsfamilie  erfordert. 


Kap.  XL:  Verschiedene  Wirkungen  d.  Fortschritts  d.  Kultur.  313 

und  in  einer  bestimmten  Jahreszeit  liefert  es  davon 
besonders  viel.  Nun  ist  aber  von  allen  Produkten  der 
Landwirtschaft  Milch  wohl  dasjenige,  das  sich  am 
wenigsten  hält.  In  der  warmen  Jahreszeit,  wo  ihr  Vor- 
rat am  größten  ist,  hält  sie  sich  kaum  vierundzwanzig 
Stunden  lang.  Macht  der  Landmann  frische  Butter 
daraus,  so  kann  er  einen  kleinen  Teil  eine  Woche  lang, 
macht  er  gesalzene  Butter,  ein  Jahr  lang,  und  macht 
er  Käse  daraus,  so  kann  er  einen  viel  größeren  Teil 
mehrere  Jahre  lang  aufbewahren.  Einiges  davon  ge- 
braucht er  für  seine  eigene  Familie;  das  Übrige  kommt 
auf  den  Markt,  um  dort  den  besten  Preis  zu  erzielen, 
der  zu  erhalten  ist,  und  der  kaum  so  niedrig  sein  kann, 
daß  er  den  Landmann  abhält,  alles  hinzuschicken,  was 
seine  eigene  Familie  nicht  gebraucht.  Ist  der  Preis  sehr 
niedrig,  so  wird  er  seine  Milchkammer  vielleicht  in 
liederlichem  und  schmutzigem  Stande  halten  und  es 
kaum  der  Mühe  wert  erachten,  einen  eigenen  Raum 
oder  Bau  zu  diesem  Zwecke  zu  bestimmen,  sondern 
er  wird  das  Geschäft  mitten  im  Rauch,  Schmutz  und 
Unrat  seiner  Küche  treiben;  wie  es  auf  den  meisten 
Bauernhöfen  Schottlands  vor  dreißig  oder  vierzig  Jahren 
herging,  und  bei  vielen  noch  heute  hergeht.  Dieselben 
Ursachen,  die  ein  allmähliches  Steigen  der  Fleischpreise 
bewirken,  nämlich  die  Zunahme  der  Nachfrage  und  die 
infolge  erhöhter  Bodenkultur  verringerte  Zahl  des  mit 
wenig  oder  gar  keinen  Kosten  aufgezogenen  Viehes, 
bewirken  auch  eine  Preissteigerung  der  Produkte  der 
Milchwirtschaft,  deren  Preis  mit  dem  des  Fleisches  oder 
mit  den  Kosten  der  Viehzucht  natürlich  zusammenhängt. 
Der  steigende  Preis  macht  für  mehr  Arbeit,  Sorgfalt 
und  Reinlichkeit  bezahlt;  die  Milchwirtschaft  wird  da- 
durch der  Aufmerksamkeit  des  Landmanns  würdiger, 
und  die  Qualität  ihres  Produktes  wird  allmählich  besser. 
Schließlich   erreicht   der   Preis  eine   solche  Höhe,   daß 


314  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

es  der  Mühe  lohnt,  einen  Teil  des  fruchtbarsten  und 
bestkultivierten  Landes  der  Aufzucht  von  Vieh  blos  zum 
Zwecke  der  Milchgewinnung  zu  widmen;  doch  wenn 
er  diese  Höhe  erlangt  hat,  kann  er  nicht  wohl  höher 
steigen.  Andernfalls  würde  bald  demselben  Zwecke 
mehr  Land  gewidmet  werden.  Im  größten  Teil  Englands, 
wo  bereits  viel  gutes  Land  auf  diese  Weise  benutzt 
zu  werden  pflegt,  scheint  der  Milchpreis  diese  Höhe 
erreicht  zu  haben;  nicht  aber  in  Schottland,  wo,  mit 
Ausnahme  der  Umgebung  einiger  großen  Städte  ge- 
wöhnliche Landleute  selten  viel  gutes  Land  dazu  ver- 
wenden, um  darauf  Yiehfutter  bloß  zum  Zwecke  der 
Milchgewinnung  zu  erzeugen.  Der  Preis,  so  stark  er 
auch  seit  wenigen  Jahren  gestiegen  ist,  mag  dazu  doch 
noch  zu  niedrig  sein.  Die  geringe  Güte  der  Milch  in 
Schottland  im  Vergleich  zu  der  englischer  AVirtschaften 
stimmt  ganz  mit  der  Niedrigkeit  des  Preises  überein; 
doch  ist  diese  geringe  Qualität  wohl  eher  die  "Wirkung 
als  die  Ursache  des  niedrigen  Preises.  Wenn  auch  die 
Beschaffenheit  viel  besser  wäre,  so  könnte  doch,  fürchte 
ich,  unter  den  gegenwärtigen  Verhältnissen  des  Landes 
die  meiste  auf  den  Markt  gebrachte  Milch  zu  keinem 
viel  besseren  Preise  verkauft  werden,  und  der  gegen- 
wärtige Preis  ist  wahrscheinlich  nicht  hoch  genug,  um 
die  Kosten  für  Land  und  Arbeit  zu  ersetzen,  welche 
zur  Herstellung  einer  besseren  Qualität  erforderlich 
sein  würden.  Im  größten  Teil  Englands  wird  die 
Milchwirtschaft  trotz  des  höheren  Preises  nicht  für 
eine  einträglichere  Bodenverwendung  gehalten,  als 
der  Getreidebau  oder  die  Viehzucht,  die  beiden  be- 
deutendsten Gegenstände  der  Landwirtschaft.  Im  größ- 
ten Teile  Schottlands  kann  sie  daher  selbst  nicht  ein- 
mal so  einträglich  sein. 

In  keinem  Lande  kann  offenbar  der  Boden  nicht 
eher  vollständig  kultiviert  sein,  bis  der  Preis  aller  Pro- 


Kap.  XI.:  Verschiedene  Wirkungen  d.  Fortschritts  d.  Kultur.  315 

dukte,  die  menschlichor  Fleiß  ihm  abgewinnen  muß, 
so  hoch  gestiegen  ist,  um  die  Kosten  einer  so  voll- 
kommenen Kultur  zu  lohnen.  Um  dies  zu  tun,  muß 
der  Preis  jedes  einzelnen  Produkts  hini'eichond  sein, 
erstens  um  die  Rente  guten  Getreidelandes  abzuwerfen, 
da  sich  nach  dieser  die  Rente  des  meisten  übrigen 
kultivierten  Landes  richtet,  und  zweitens  die  Arbeit 
und  die  Auslagen  des  Pächters  eben  so  wie  gewöhnlich 
bei  gutem  Getreidelande  zu  bezahlen,  oder  mit  anderen 
Worten,  ihm  das  verwendete  Kapital  samt  den  üblichen 
Gewinnen  zurückzuerstatten.  Diese  Preissteigerung 
jedes  einzelnen  Produkts  muß  offenbar  der  Kultur 
des  zu  seiner  Hervorbringung  bestimmten  Bodens  vor- 
angehen. Gewinn  ist  der  Zweck  aller  Verbesserungen, 
und  sie  verdienen  diesen  Namen  nicht,  wenn  Verluste 
aus  ihnen  erwachsen.  Verlust  muß  aber  notwendig 
aus  einer  Kultur  entstehen,  deren  Produkt  durch  seinen 
Preis  die  Kosten  nicht  wieder  erstatten  kann.  "Wenn 
die  vollkommene  Kultur  des  Landes  für  das  Gemein- 
wohl, wie  nicht  bezweifelt  werden  kann,  von  höchstem 
vSegen  ist,  so  darf  man  dies  Steigen  im  Preise  aller 
der  verschiedenen  Arten  von  Rohprodukten  nicht  als 
ein  öffentliches  Unglück,  sondern  muß  es  als  den 
Vorläufer  und  Begleiter  der  größten  öffentlichen 
Wohlfahrt  betrachten. 

Dies  Steigen  im  nominellen  oder  Geldpreise  aller 
der  verschiedenen  Arten  von  Rohprodukten  ist  auch 
nicht  die  Folge  einer  Entwertung  des  Silbers,  sondern 
der  Steigerung  ihres  Sachpreises  gewesen.  Sie  sind 
nicht  allein  eine  größere  Menge  Silber,  sondern  auch 
eine  größere  Menge  Arbeit  und  Lebensmittel  wert  ge- 
worden, als  früher.  Da  es  eine  größere  Menge  Arbeit 
und  Lebensmittel  kostet,  sie  auf  den  Markt  zu  bringen, 
so  stellen  sie  auf  dem  Markte  auch  eine  größere  Menge 
beider  dar,  oder  sind  der  Gegenwert  einer  größeren 
Menge. 


316  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Dritte  Art. 

Die  dritte  und  letzte  Art  von  Rohprodukten,  deren 
Preis  bei  fortschreitender  Kultur  naturgemäß  steigt, 
ist  die,  bei  welcher  die  Einwirkung  menschlichen  Fleißes 
auf  die  Vermehrung  ihrer  Menge  beschränkt  oder  un- 
gewiß ist.  Obgleich  der  Sach preis  auch  dieser  Art  von 
Rohprodukten  bei  fortschreitender  Kultur  naturgemäß 
zn  steigen  strebt,  so  kann  es  doch,  je  nach  dem  Er- 
folge der  Bemühungen,  ihre  Menge  zu  vermehren,  vor- 
kommen, daß  der  Preis  fällt  oder  in  sehr  verschiedenen 
Perioden  der  Entwickelung  stehend  bleibt  oder  endlich 
daß  er  in  derselben  Periode  mehr  oder  weniger  steigt. 

Es  gibt  gewisse  Arten  von  Rohprodukten,  welche 
die  Natur  gleichsam  nur  zu  Anhängseln  anderer  ge- 
macht hat,  so  daß  die  Menge  des  einen,  die  das  Land 
hervorbringen  kann,  notwendig  durch  die  Menge  des 
anderen  beschränkt  wird.  So  wird  z.  B.  die  Mense 
von  Wolle  oder  rohen  Häuten,  die  ein  Land  hervor- 
bringen kann,  durch  die  Zahl  des  Groß-  und  Klein- 
viehs begrenzt,  das  es  zu  unterhalten  vermag,  und 
diese  Zahl  wird  ihrerseits  durch  den  Stand  der  Kultur 
und  den  Charakter  des  Ackerbaus  bestimmt. 

Man  sollte  glauben,  daß  dieselben  Ursachen,  die 
den  Preis  des  Fleisches  bei  fortschreitender  Kultur 
allmählich  erhöhen,  auf  die  Preise  der  Wolle  und 
rohen  Häute  die  gleiche  Wirkung  haben  und  diese 
fast  in  dem  nämlichen  Maße  erhöhen  müßten;  und  so 
würde  es  auch  wohl  sein,  wenn  in  den  ersten  An- 
fängen der  Kultur  der  Markt  für  die  letzteren  Waren 
ebenso  eng  begrenzt  wäre,  wie  für  das  erstere.  Allein 
hierin  findet  gewöhnlich  ein  ausserordentlicher  Unter- 
schied statt. 

Der  Markt  für  Fleisch  ist  fast  überall  auf  das 
Erzeugungsland  beschränkt.   Zwar  treiben  Irland  und 


Kap.  XL:  Yerscliicdeno  Wirkuni^on  d.  Fortschritt s  d.  Kultur.  317 

einige  Teile  des  britischen  Amerika  einen  beträcht- 
lichen Handel  mit  gesalzenem  Fleisch;  aber  sie  sind 
auch,  glaube  ich,  die  einzigen  Länder  in  der  Handels- 
welt, die  einen  großen  Teil  ihres  Fleisches  nach  frem- 
den Ländern  ausführen. 

Dagegen  ist  der  Markt  für  Wolle  und  rohe  Häute 
in  den  ersten  Anfängen  der  Kultur  sehr  selten  auf 
das  Erzeugungsland  beschränkt.  Sie  können  bequem 
in  ferne  Länder  geführt  werden,  die  Wolle  ohne  alle, 
die  rohen  Häute  ohne  viel  vorherige  Zurichtung,  und 
da  sie  für  viele  Gewerbe  den  Rohstoff  liefern,  so 
kann  die  Industrie  andrer  Länder  eine  Nachfrage  nach 
ihnen  veranlassen,  wenn  auch  das  Erzeugungsland 
selbst  keine  Nachfrage  darbietet. 

In  schlecht  angebauten  und  darum  auch  nur  dünn 
bevölkerten  Ländern  steht  der  Preis  der  Wolle  und  der 
Häute  zu  dem  des  ganzen  Tiers  immer  in  weit  höherem 
Verhältnis  als  in  Ländern,  wo,  bei  zunehmender  Kultur 
und  Bevölkerung  mehr  Nachfrage  nach  Schlachtfleisch 
ist.  Hume  bemerkt,  daß  zur  Zeit  der  Angelsachsen  das 
Vließ  auf  -/'s  des  Werts  des  ganzen  Schafes  geschätzt 
wurde,  was  weit  über  das  heutige  Verhältnis  hinaus- 
geht. In  einigen  spanischen  Provinzen  werden,  wüe  man 
mir  versichert,  die  Schafe  oft  bloß  um  des  Vließes 
und  des  Talgs  willen  geschlachtet;  den  Kadaver  läßt 
man  verfaulen,  oder  von  Tieren  und  Raubvögeln 
fressen.  Wenn  dies  schon  in  Spanien  passiert,  so  ist  es 
in  Chili,  Buenos-Ayres  und  vielen  anderen  Teilen  des 
spanischen  Amerika  die  Regel;  und  das  Hornvieh  wird 
dort  immer  nur  der  Haut  und  des  Talgs  wegen  ge- 
schlachtet. So  pflegte  es  auch  auf  Haj'ti  zu  geschehen, 
so  lange  es  von  den  Bukaniern  beunruhigt  wurde  und 
bevor  die  Kultur  und  Bevölkerung  der  französischen 
Pflanzungen  (die  sich  jetzt  fast  rund  um  die  westliche 
Küste   der  Insel   erstrecken),    dem  Vieh   der   Spanier, 


318  Erstes  Buch:  Ziinalime  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

die  noch  die  Ostküste,  sowie  den  ganzen  inneren  ber- 
gigen Teil  des  Landes  in  Besitz  haben,  einigen  Wert 
gegeben  hatte. 

Obwohl  auch  der  Preis  des  ganzen  Tiers  bei  fort- 
schreitender Kultur  und  Bevülkerunp;  notwendi";  steigt, 
so  wird  doch  von  dieser  Steigerung  der  Preis  des 
Fleisches  weit  mehr  berührt,  als  der  der  Wolle  und 
der  Haut.  Der  Markt  für  Fleisch,  der  im  rohen  Zu- 
stande der  Gesellschaft  immer  auf  das  Erzeugungsland 
beschränkt  ist,  dehnt  sich  je  nach  der  wachsenden  Kul- 
tur und  Bevölkerung  des  Landes  aus;  der  Markt  für 
Wolle  und  Häute  aber,  der  selbst  in  einem  barbarischen 
Lande  oft  die  gesamte  Handelswelt  umfaßt,  kann  sich 
selten  in  demselben  Maßstabe  erweitern.  Die  Lajre  der 
gesamten  Handelswelt  kann  durch  die  vermehrte  Kultur 
eines  einzelnen  Landes  selten  stark  berührt  werden,  und 
der  Markt  für  jene  Waren  bleibt  nach  der  Kultur  ziem- 
lich der  nämliche,  wie  zuvor.  Im  Laufe  der  Zeit  wird 
er  sich  natürlich  etwas  erweitern.  Namentlich  wenn 
die  Gewerbe,  denen  jene  Waren  den  Rohstoff  liefern, 
sich  im  Lande  selbst  entwickeln,  wird  der  Markt,  wenn 
er  sich  auch  nicht  bedeutend  erweitert,  doch  der  Pro- 
duktionsstätte weit  näher  gebracht,  als  früher,  und  der 
Preis  des  Rohstoffs  kann  sich  wenigstens  um  den  Be- 
trag erhöhen,  den  sonst  der  Transport  nach  dem  Aus- 
land gekostet  hat.  Wenn  er  daher  auch  nicht  in  dem- 
selben Maße  steigt,  wie  der  Preis  des  Fleisches,  so  steigt 
er  doch  etwas,  und  wird  sicher  wenigstens  nicht  fallen. 

Dennoch  ist  in  England  trotz  des  blühenden  Zu- 
standes  seiner  Wollindustrie,  der  Preis  der  englischen 
Wolle  seit  der  Zeit  Eduards  IH.  bedeutend  gefallen. 
Aus  vielen  urkundlichen  Nachrichten  geht  hervor,  daß 
unter  der  Regierung  jenes  Fürsten  (gegen  die  Mitte 
des  14.  Jahrhunderts  oder  um  1339)  10  sh.  damaligen 
Geldes  (nach  heutigem  Gelde  30  sh.)  per  Tod  (28  Pfund) 


Kap.  XI.:  Verschiedene  Wirkungen  d.  Fortschritts  d.  Kultur.  319 

englischer  Wolle  als  ein  mäßiger  Preis  angeschen 
wurde'".)  Gegenwärtig  können  21  sh.  für  den  Tod  als 
ein  guter  Preis  für  ausgezeichnete  englische  Wolle  an- 
gesehen werden.  Der  Geldpreis  der  Wolle  zur  Zeit 
Eduards  III.  verhält  sich  also  zu  ihrem  heutigen  Geld- 
preise wie  zehn  zu  sieben.  Noch  größer  ist  der  Unter- 
schied ihres  Sachpreises.  Nach  dem  Satze  von  G  sh. 
8  d.  für  den  Quarter  waren  10  sh.  in  jener  früheren 
Zeit  der  Preis  für  zwölf  Bushel  Weizen.  Nach  dem 
Satze  von  28  sh.  für  den  Quarter  sind  21  sh.  gegen- 
wärtig nur  der  Preis  von  6  Bushel.  Mithin  steht  das 
Verhältnis  zwischen  dem  Sachpreise  der  früheren  und 
der  neueren  Zeit  wie  zwölf  zu  sechs  oder  zwei  zu  eins. 
In  jener  früheren  Zeit  würde  man  für  den  Tod  AVolle 
zweimal  so  viel  Lebensmittel  und  folglich  auch  zwei- 
mal so  viel  Arbeit  gekauft  haben,  als  heute,  wenn  der 
Sachlohn  der  Arbeit  in  beiden  Perioden  der  nämliche 
gewesen  wäre. 

Dies  Sinken  im  Sach-  und  Nominalpreise  der  Wolle 
hätte  im  gewöhnlichen  Laufe  der  Dinge  niemals  ein- 
treten können,  sondern  war  eine  Folge  gewaltsamer 
und  künstlicher  Mittel:  nämlich  erstens  des  absoluten 
Ausfuhrverbots,  zweitens  der  Erlaubnis,  Wolle  aus 
Spanien  zollfrei  einzuführen,  und  drittens  des  Verbots, 
sie  aus  Irland  nach  irgend  einem  anderen  Lande  als 
England  auszuführen.  Durch  diese  Maßnahmen  wurde 
der  Markt  für  englische  Wolle,  statt  durch  die  steigende 
Kultur  Englands  erweitert  zu  werden,  auf  den  inlän- 
dischen Markt  beschränkt,  wo  man  die  Wolle  einiger 
anderer  Länder  mit  ihr  in  Wettbewerb  treten  läßt,  und 
die  irische  zum  Wettbewerb  mit  ihr  zwingt.  Da  außer- 
dem die  irische  Wollindustrie  so  weit  entmutigt  wird, 
wie  es  ohne  die  auffälligste  Verletzung  der  Gorcchtig- 


^)  Smiths  Memoirs  of  Wool,  Vol.  I.  c.  5,  G,  7;  Vol.  II  c.  176. 


320  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

keit  und  Billigkeit  nur  irgend  angeht,  so  können  die 
Irländer  auch  nur  einen  kleinen  Teil  ihrer  Wolle  im 
Lande  verarbeiten,  und  sehen  sich  daher  gezwungen, 
den  größten  Teil  von  ihr  nach  Großbritannien  zu  schicken, 
dem  einzigen  Markte,  den  man  ihnen  zugesteht. 

Ahnliche  verbürgte  Nachrichten  über  den  Preis 
der  rohen  Häute  in  früherer  Zeit  habe  ich  nicht  auf- 
zufinden vermocht.  Von  AVoile  wurde  im  Allgemeinen 
dem  Könige  eine  Steuer  entrichtet,  und  ihre  Abschät- 
zung in  den  Steuerrollen  gibt  Aufschluß  über  ihren 
gewöhnlichen  Preis.  Mit  rohen  Häuten  scheint  dies 
nicht  der  Fall  gewesen  zu  sein.  Doch  gibt  uns  Fleet- 
wood nach  einer  Berechnung  zwischen  dem  Prior  des 
Burcester-Klosters  in  Oxford  und  einem  seiner  Kanoniker 
den  Preis  von  ihnen  im  Jahre  1425  wenigstens  für 
diesen  besonderen  Fall  an,  nämlich  für  fünf  Ochsen- 
häute 12  sh.;  5  Kuhhäute  7  sh.  3  d.;  36  Häute  von 
zweijährigen  Schafen  9  sh.;  16  Kalbshäute  2  sh.  1425 
enthielten  12  sh.  etwa  dieselbe  Silbermenge  wie  24  sh. 
heute.  Eine  Ochsenhaut  wurde  also  nach  dieser  Be- 
rechnung auf  4^.5  sh.  unseres  gegenwärtigen  Geldes 
angeschlagen.  Ihr  Nominalpreis  war  weit  niedriger  als 
gegenwärtig.  Nach  dem  Satze  von  6  sh.  8  d.  für  den 
Quarter  würden  für  12  sh.  in  jener  Zeit  14^  5  Bushel 
Weizen  zu  haben  gewesen  sein,  die,  den  Bushel  zu 
3  sh.  6  d.  gerechnet,  gegenwärtig  51  sh.  4  d.  kosten 
würden.  Es  war  also  füi'  eine  Ochsenhaut  damals  so- 
viel Korn  zu  haben,  als  gegenwärtig  für  10  sh.  3  d. 
Soviel  betrug  mithin  ihr  Sachpreis.  In  jener  Zeit,  wo 
das  Vieh  den  größten  Teil  des  Winters  hindurch  Hun- 
ger litt,  wird  es  nicht  sonderlich  groß  gewesen  sein. 
Gegenwärtig  gilt  eine  Ochsenhaut,  die  vier  Stein  ä  16 
Pfund  wiegt,  für  nicht  schlecht  und  damals  würde  sie 
wahrscheinlich  für  sehr  gut  gegolten  haben.  Rechnet 
man  den  Stein  zu  einer  halben  Krone  was  gegenwärtig 


Kap.  Xr.:  Verschiedene  Wirkungen  d.  Fortscliritts  d.  Kultur.  321 

(Februar  1773)  als  der  gewöhnliche  Preis  anzunehmen 
ist,  so  würde  eine  solche  Haut  heute  nur  10  sh.  kosten. 
Obgleich  daher  ihr  Nominalpreis  gegenwärtig  höher 
ist,  als  damals,  so  ist  doch  ihr  Sachpreis,  die  Menge 
von  Lebensmitteln,  die  man  dafür  erhalten  kann,  eher 
etwas  niedriger.  Der  Preis  der  Kuhhäute  nach  obiger 
ßechnung  steht  so  ziemlich  im  gewöhnlichen  Verhält- 
nis zu  dem  der  Ochsenhäute.  Der  der  Schafhäute 
übersteigt  es  bedeutend;  wahrscheinlich  wurden  sie 
mit  der  Wolle  verkauft.  Der  Preis  der  Kalbshäute 
dagegen  bleibt  weit  hinter  jenem  Verhältnis  zurück. 
In  Ländern,  in  denen  der  Preis  des  Viehs  sehr  niedrig 
ist,  werden  die  Kälber,  die  man  nicht  zur  Vermehrung 
der  Herde  aufzuziehen  beabsichtigt,  in  der  Regel  sehr 
jung  geschlachtet,  wie  dies  vor  zwanzig  oder  dreißig 
Jahren  in  Schottland  der  Fall  war;  man  erspart  da- 
durch die  Milch,  deren  Preis  die  Kälber  nicht  bezahlt 
machen  würden.  Die  Häute  ganz  junger  Kälber  taugen 
aber  gewöhnlich  nicht  viel. 

Der  Preis  der  rohen  Häute  ist  dermalen  viel  nied- 
riger, als  er  vor  einigen  Jahren  war,  was  wahrschein- 
lich daher  kommt,  daß  die  Abgabe  auf  Seehundsfelle 
aufgehoben  und  die  zollfreie  Einfuhr  roher  Häute  aus 
Irland  und  den  Kolonien  seit  1769  auf  eine  begrenzte  Zeit 
•gestattet  ist.  Im  Durchschnitt  des  gegenwärtigen  Jahr- 
hunderts war  aber  der  Sachpreis  der  rohen  Häute 
wahrscheinlich  etwas  höher,  als  in  jener  früheren  Zeit. 
Die  Natur  der  Ware  gestattet  ihre  Ausfuhr  nach  fernen 
Märkten  nicht  so  gut  wie  Wolle;  sie  leidet  durch  Auf- 
bewahrung mehr.  Gesalzene  Häute  aber  gelten  weniger 
als  frische.  Dieser  Umstand  hat  zur  Folge,  daß  der 
Preis  roher  Häute  in  einem  Lande,  das  sie  nicht  selbst 
verarbeitet,  sondern  sie  ausführen  muß,  niedrig 
steht;  wogegen  ihr  Preis  in  einem  Lande,  in  dem 
sie  verarbeitet  werden,  steigt.  In  einem  unzivilisierton 

Adam  Smith,  Volkswolilstaud.  I.  ^1 


322  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Lande  muß  der  Preis  dadurch  gedrückt  werden,  in 
einem  zivilisierten  und  gewerbtreibenden  Lande  da- 
gegen steigen;  er  mußte  in  früherer  Zeit  niedrig  sein, 
in  neuerer  Zeit  sich  heben.  Überdies  ist  es  unsern  Ger- 
bern nicht  so  gut  gelungen,  wie  unsern  Tuchmachern, 
die  Nation  zu  überzeugen,  daß  das  Wohl  des  Staats  von 
dem  Gredeihen  ihres  Grewerbes  abhänge,  und  sie  wurden 
demgemäß  auch  viel  weniger  begünstigt.  Allerdings 
wurde  die  Ausfuhr  roher  Häute  verboten  und  für  schäd- 
lich erklärt;  aber  ihre  Einfuhr  aus  fremden  Ländern 
wurde  einem  Zolle  unterworfen,  und  wenn  auch  die  Ein- 
fuhr aus  Irland  und  den  Kolonien  zollfrei  war  —  nur 
auf  die  kurze  Zeit  von  fünf  Jahren  —  so  wurde  Irland 
doch  für  den  Verkauf  seiner  überschüssigen  Häute, 
d.  h.  derjenigen,  die  nicht  im  Lande  verarbeitet  werden, 
nicht  auf  den  Markt  von  Großbritannien  beschränkt. 
Den  Kolonien  ist  es  erst  seit  wenigen  Jahren  verboten, 
ihre  Häute  nach  anderen  Ländern  als  dem  Mutter- 
lande auszuführen,  und  der  Handel  Irlands  ist  bis 
heute  mit  einer  solchen  Unterdrückung  zu  Gunsten 
des  großbritannischen  noch  verschont  geblieben. 

Alle  Maßnahmen,  die  den  Preis  der  Wolle  oder 
der  rohen  Häute  unter  ihr  natürliches  Niveau  drücken, 
müssen  in  einem  kultivierten  Lande  dahin  führen,  den 
Preis  des  Fleisches  zu  erhöhen.  Der  Preis  des  in  einem* 
kultivierten  Lande  gezüchteten  Groß-  und  Kleinviehs 
muß  hinreichen,  um  die  Rente  des  Grundeigentümers 
und  des  Pächters  angemessen  einzubringen.  Andern- 
falls werden  sie  bald  aufhören,  Vieh  zu  züchten.  Der 
Teil  des  Preises,  der  nicht  durch  die  Wolle  und  die 
Häute  gedeckt  wird,  muß  daher  durch  das  Fleisch  ge- 
deckt werden ;  je  weniger  für  die  einen,  desto  mehr 
muI3  für  das  andere  bezahlt  werden.  In  welcher  Weise 
sich  dieser  Preis  auf  die  verschiedenen  Teile  des 
Tiers  verteilt,  ist  für  die  Grundeigentümer  und  Pächter 
gleichgültig,  wenn  er  nur  herauskommt.  Das  Interesse 


Kap.  XL:  Verschiedene  Wirkung-en  d.  Fortschritts  d.  Kultur.  328 

der  Grundeigentümer  und  Pächter  als  solcher  kann 
daher  in  einem  kultivierten  Lande  von  derartigen  Maß- 
nahmen nicht  sonderlich  berührt  werden,  wenn  sie  auch 
als  Verbraucher  bei  der  Preissteigerung  der  Lebens- 
mittel beteiligt  sind.  Ganz  anders  verhält  es  sich  da- 
gegen in  einem  unkultivierten  Lande,  in  dem  der  grüßte 
Teil  des  Bodens  nur  zur  Viehzucht  benutzt  weiden 
kann,  und  wo  Wolle  und  Häute  den  wertvollsten  Be- 
standteil des  Viehes  ausmachen.  Hier  wäre  durch 
solche  Maßnahmen  ihr-  Interesse  als  Grundeigentümer 
und  Pächter  sehr  tief,  ihr  Interesse  als  Verbraucher 
dagegen  sehr  wenig  berührt.  Das  Fallen  des  Preises 
von  Wolle  und  Häuten  würde  den  Preis  des  Fleisches 
nicht  steigern,  weil  der  meiste  Boden  des  Landes  zu 
nichts  anderem  als  zur  Viehzucht  verwendet  werden 
kann  und  man  daher  fortfahren  wird,  die  gleiche  Zahl 
Vieh  zu  züchten.  Fs  käme  daher  doch  wieder  die  näm- 
liche Fleischmenge  auf  den  Markt,  und  die  Nachfrage 
würde  nicht  größer  und  mithin  der  Preis  nicht  höher 
sein,  als  vorher.  Der  ganze  Preis  des  Viehs  aber  würde 
sinken  und  mit  ihm  die  Rente  und  der  Gewinn  aller  der 
Ländereien,  deren  Hauptprodukt  Vieh  war,  d.  h.  der 
meisten  Ländereien  des  Landes.  Das  fortdauernde  Vor- 
bot der  Wollenausfuhr,  das  man  gewöhnlich,  wiewohl 
sehr  mit  Unrecht,  Eduard  III.  zuschreibt,  würde  unter 
den  damaligen  Umständen  des  Landes  die  verderb- 
lichste Maßregel  gewesen  sein,  die  man  hätte  ersinnen 
können:  sie  würde  nicht  nur  den  damaligen  Wert  des 
meisten  Landes  im  Reiche  vermindert,  sondern  auch 
durch  Minderung  des  Preises  der  wichtigsten  Gattung- 
Kleinvieh  den  späteren  Fortschritt  sehr  aufgehalten 
haben. 

Der  Preis  der  schottischen  Wolle  sank  infolge  der 
Union  in  England  bedeutend,  da  sie  durch  diese  von 
dem  großen  europäischen  Markte  ausgeschlossen  und  auf 

2V'- 


824  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

den  engen  Markt  Großbritanniens  eingeschränkt  wurde. 
Hätte  nicht  das  Steigen  der  Fleischpreise  den  sinkenden 
Preis  der  Wolle  vollkommen  ausgeglichen,  so  würde  der 
Wert  der  meisten  Ländereien  in  den  hauptsächlich 
Schafzucht  treibenden  südlichen  Grafschaften  Schott- 
lands durch  die  Union  sehr  tief  berührt  worden  sein. 

Die  Einwirkung  menschlicher  Bemühungen  auf  die 
Vermehrung  der  Wolle  oder  der  rohen  Häute  ist  einer- 
seits, soweit  diese  Menge  von  dem  Produkt  des  eigenen 
Landes  abhängt,  beschränkt;  andererseits,  sofern  sie 
von  dem  Produkt  anderer  Länder  abhängt,  unsicher.  In 
letzterer  Beziehung  hängt  jene  Einwirkung  nicht  sowohl 
von  der  Menge,  die  die  fremden  Länder  hervorbringen, 
als  von  der,  die  sie  nicht  verarbeiten,  und  von  den 
Beschränkungen  ab,  die  sie  der  Ausfuhr  dieser  Art 
von  Rohprodukten  aufzulegen  für  gut  finden.  Wie  diese 
Umstände  von  allen  heimischen  Bemühungen  durchaus 
unabhängig  sind,  so  machen  sie  notwendig  die  Wirk- 
samkeit aller  Bemühungen  mehr  oder  weniger  unsicher. 
Die  Einwirkung  menschlichen  Fleißes  auf  Vermehrung 
dieser  Art  von  Eohprodukten  ist  mithin  nicht  nur 
beschränkt,  sondern  auch  unsicher. 

Ebenso  ist  es  bei  einer  anderen  sehr  wichtigen  Art 
von  Rohprodukten,  nämlich  den  Fischen.  Die  davon  auf 
den  Markt  gebrachte  Menge  wird  durch  die  örtliche  Lage 
des  Landes,  durch  die  geringere  oder  größere  Entfernung 
der  einzelnen  Provinzen  vom  Meere,  durch  die  Zahl 
seiner  Seen  und  Flüsse,  und  durch  den  Fischreichtum 
oder  die  Fischarmut  dieses  Meeres,  dieser  Seen  und 
dieser  Flüsse  beschränkt.  In  dem  Grade,  wie  die  Bevöl- 
kerung zunimmt,  und  der  Jahresertrag  des  Bodens  und 
der  Arbeit  im  Lande  größer  und  größer  wird,  wächst 
auch  die  Zahl  der  Käufer,  und  diese  Käufer  haben  eine 
größere  Menge  und  Mannigfaltigkeit  von  andern  Waren, 
oder,  was  auf  dasselbe  hinauskommt,  den  Preis  einer 
größeren  Menge  und  Mannigfaltigkeit  von  Waren  anzu- 


Kap.  XI.:  Verschiedene  Wirkungen  d.  Fortschritts  d.  Kultur.  325 

bieten.  Es  wird  aber  stets  unmöglich  sein,  einen  großen, 
ausgedehnten  Markt  ohne  Aufwand  einer  größeren 
Menge  Arbeit  zu  versorgen,  als  den  kleinen  und  be- 
schränkten Markt.  Ein  Markt,  der  früher  nur  tausend 
Tonnen  Fische  brauchte,  und  nun  deren  zehntausend 
bedarf,  kann  selten  ohne  einen  zehnmal  größeren  Arbeits- 
aufwand versorgt  werden,  als  vorher  erforderlich  war. 
Die  Fische  müssen  aus  weiterer  Entfernung  geholt, 
größere  Schiffe  dazu  verwendet  und  kostspieligere 
Werkzeuge  aller  Art  angeschafft  werden.  Der  wirk- 
liche Preis  dieser  Ware  steigt  daher  mit  dem  Fort- 
schritt der  Kultur,  und  ist,  wie  ich  glaube,  in  jedem 
Lande  mehr  oder  weniger  gestiegen. 

Obgleich  der  Erfolg  eines  Fischzugs  eine  sehr  un- 
gewisse Sache  ist,  so  sollte  man  doch  glauben,  daß,  die 
örtliche  Lage  des  Landes  als  geeignet  angenommen,  die 
Einwirkung  des  Fleißes  auf  Herbeischaffung  einer  ge- 
wissen Menge  von  Fischen,  ein  Jahr  oder  mehrere 
Jahre  zusammengenommen,  im  Allgemeinen  sicher 
genug  sein  müßte ;  und  zweifellos  ist  es  auch  so.  Da 
es  hierbei  jedoch  mehr  auf  die  örtliche  Lage  des 
Landes,  als  auf  den  Stand  seines  Reichtums  und  seiner 
Industrie  ankommt,  und  da  aus  diesem  Grunde  der 
Einfluß  menschlichen  Fleißes  zu  verschiedenen  Zeiten 
der  nämliche  und  zu  derselben  Zeit  sehr  verschieden 
sein  kann,  so  ist  sein  Zusammenhang  mit  dem  Stande 
der  Kultur  unsicher  und  nur  diese  Art  Unsicherheit 
ist  es,  von  der  ich  hier,  spreche. 

Auf  die  Vermehrung  der  Menge  der  verschiedenen 
dem  Schöße  der  Erde  abgewonnenen  Mineralien  und 
Metalle,  zumal  der  edlen,  scheint  der  Einfluß  des 
menschlichen  Fleißes  zwar  ein  unbeschränkter,  aber 
ganz  unsicherer  zu  sein. 

Die  Menge  der  edlen  Metalle  in  einem  Lande  ist 
durch  seine  geographische  Lage  und  durch  die  Er- 
giebigkeit oder  Unergiebigkeit  seiner  eignen  Bergwerke 


326  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

nicht  im  mindesten  beschränkt.  Jene  Metalle  sind  oft  in 
Ländern,  die  gar  keine  Bergwerke  besitzen,  im  Über- 
fluß vorhanden.  Ihre  Menge  scheint  in  allen  Ländern 
von  zwei  verschiedenen  Umständen  abzuhängen:  erstens 
von  der  Kauffähigkeit  des  Landes,  von  dem  Stande  seiner 
Industrie,  von  dem  Jahresertrag  seines  Bodens  und 
seiner  Arbeit,  wodurch  das  Land  instand  gesetzt  wird, 
eine  größere  oder  gei'ingere  Menge  von  Arbeit  und 
Lebensmitteln  aufzuwenden,  um  solche  Überflüssig- 
keiten,  wie  Gold  und  Silber,  entweder  aus  seinen  eignen 
Bergwerken  zu  holen,  oder  von  andern  Ländern  zu 
kaufen  ;  zweitens  von  der  Ergiebigkeit  oder  Unergiebig- 
keit  der  Bergwerke,  die  jeweils  die  Handelswelt  mit 
diesen  Metallen  versorgen.  Die  Menge  dieser  Metalle 
in  den  von  den  Bergwerken  entferntesten  Ländern  ist 
mehr  oder  weniger  durch  die  Ergiebigkeit  oder  Uner- 
giebigkeit  bestimmt,  weil  der  Transport  dieser  Metalle 
wegen  ihres  geringen  Umfangs  und  großen  Wertes 
leicht  und  wohlfeil  ist.  Ihre  Menge  in  China  und 
Indien  wird  mehr  oder  weniger  durch  den  Ileichtum 
der  amerikanischen  Bergwerke  bestimmt. 

Insofern  ihre  Menge  in  einem  Lande  von  dem  crste- 
ren  Umstände  —  seiner  Kauffälligkeit  —  abhängt,  wird 
ihr  wirklicher  Preis,  wie  der  aller  anderen  Gegenstände 
des  Luxus  und  Uberflußes,  mit  dem  Koichtum  und  der 
Kultur  des  Landes  steigen,  und  mit  seiner  Armut  und 
Entkräftung  sinken.  Länder,  die  eine  große  Menge 
Arbeit  und  Lebensmittel  übrig  haben,  können  mit  Auf- 
wand einer  "[rößeren  Men^e  Arbeit  und  Lebensmittel 
eine  größere  Menge  jener  Metalle  kaufen,  als  Länder, 
die  weniger  übrig  haben. 

Sofern  die  Menge  edler  Metalle  in  einem  Lande 
von  dem  letzteren  jener  beiden  Umstände  —  dei'  Er- 
giebigkeit oder  Unergiebigkeit  der  Bei'gwerke,  aus  denen 
die  Handels  weit  jeweils  ihre  Zufuhr  erhält  — ,  abhängt, 
wird  ihr  wirklicher  Preis,  die  Menge  von  Arbeit  und 


Kap.  XI.:  Verachiedene  Wirkimgon  d.  Fortschritt«  d.  Kultur.  327 

Lebensmitteln,  welche  dafür  zu  kaufen  oder  einzu» 
tauschen  ist,  zweifellos  je  nach  der  Ergiebigkeit  jener 
Bergwerke  mehr  oder  weniger  fallen,  oder  je  nach  ihrer 
Unergiebigkeit  steigen. 

Die  Ergiebigkeit  oder  Unergiebigkeit  der  Berg- 
werke, aus  denen  die  Handels  weit  jeweils  ihre  Zufuhr 
empfängt,  steht  jedoch  augenscheinlich  mit  dem  Stande 
des  Gewerbfleißes  eines  Landes  in  gar  keinem  Zu- 
sammenhange; ja  selbst  in  keinem  notwendigen  Zu- 
sammenhange mit  dem  Zustande  des  Gewerbfleißes  in 
der  ganzen  Welt.  Da  Gewerbe  und  Handel  sich  all- 
mählich über  einen  immer  größeren  Teil  der  Erde  aus- 
breiten, so  kann  allerdings  die  Aufsuchung  der  Minen 
auf  einer  immer  ausgedehnteren  Fläche  mehr  Erfolg 
versprechen,  als  in  einem  enger  begrenzten  Gebiet. 
Doch  ist  die  Entdeckung  neuer  Minen  nach  allmäh- 
licher Erschöpfung  der  alten  immerhin  eine  höchst  un- 
gewisse Sache,  und  kann  durch  menschliche  Geschick- 
lichkeit und  Betriebsamkeit  durchaus  nicht  verbürgt 
werden.  Alle  Anzeichen  in  dieser  Hinsicht  sind  aner- 
kannt zweifelhaft,  und  nur  die  wirkliche  Entdeckung 
und  der  erfolgreiche  Abbau  eines  neuen  Bergwerks 
giebt  über  seinen  wirklichen  Wert,  ja  sogar  über  sein 
Vorhandensein  erst  Gewißheit.  Bei  der  Aufsuchung 
hat  weder  der  mögliche  gute  Erfolg  noch  die  mögliche 
Täuschung  sichere  Grenzen.  Es  ist  möglich,  daß  im 
Laufe  eines  oder  zweier  Jahrhunderte  neue  ergiebigere 
Minen  als  alle  bisher  bekannten  entdeckt  werden :  aber 
ebenso  möglich  ist  es  auch,  daß  die  bekannten  ergie- 
bigsten Minen  unergiebiger  werden,  als  alle  vor  Ent- 
deckung der  amerikanischen  abgebauten.  Ob  der  eine 
oder  der  andere  dieser  beiden  Fälle  eintritt,  ist  für  den 
wirklichen  Reichtum  und  das  wahre  Gedeihen  der  Welt, 
für  den  wirklichen  Wert  des  Jahresertrags  von  Land 
und  Arbeit  von  sehr  geringem  Belang.    Der  Nominal- 


328  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft   der  Arbeit. 

wert,  die  Menge  Gold  und  Silber,  durch  die  dieser 
Jahresertrag  ausgedrückt  und  dargestellt  wird,  würde 
allerdings  sehr  verschieden  sein ;  aber  der  wirkliche 
Wert,  die  wirkliche  Arbeitsmenge,  die  dafür  zu  haben 
wäre,  würde  sich  ganz  gleich  bleiben.  Ein  Schilling 
würde  in  dem  einen  Falle  nicht  mehr  Arbeit  darstellen, 
als  dies  heute  ein  Penny  tut,  und  ein  Penny  würde  in 
dem  anderen  eben  so  viel  darstellen,  als  heute  ein  Schil- 
ling. Aber  in  dem  einen  Falle  würde  derjenige,  der 
einen  Schilling  in  der  Tasche  hätte,  nicht  reicher  sein, 
als  der,  der  heute  einen  Penny  hat;  und  in  dem  ande- 
ren würde,  wer  einen  Penny  hat,  ebenso  reich  sein,  als 
der,  der  heute  einen  Schilling  hat.  Die  Wohlfeilheit 
und  der  ÜberflulJ  an  Gold-  und  Silbergerät  wäre  der 
einzige  Vorteil,  den  die  Welt  aus  der  einen  Zufällig- 
keit zöge,  und  die  Teurung  und  der  Mangel  an  diesen 
gleichgültigen  Überflüssigkeiten  der  einzige  Schaden, 
den  die  andere  ihr  auferlegen  würde. 


Ergebnis  der  Abschweifung  über  die  Wertveränderungen 
des  Silbers. 

Die  meisten  Schriftstellei',  welche  sich  mit  den 
Preisen  früherer  Zeiten  beschäftigton,  scheinen  den 
niedrigen  Geldpreis  des  Getreides  und  der  AVaren  über- 
haupt, oder  mit  anderen  Worten  den  hohen  Wert  von 
Gold  und  Silber  nicht  nur  als  einen  Beweis  der  Selten- 
lieit  dieser  Metalle,  sondern  auch  der  Armut  und  Bar- 
barei des  Landes,  in  dem  daran  Mangel  herrschte,  an- 
gesehen zu  haben.  Diese  Vorstellung  hängt  mit  jenem 
System  der  politischen  Ökonomie  zusammen,  das  den 
Nationalreichtum  in  dem  Überfluß  an  Gold  und  Silber 
und  die  Nationalarmut  im  Fehlen  dieser  Metalle  sieht, 
einem  System,    das  ich  in   dem  vierten  Buche   dieser 


Kap.  XT.:  Wertverändeninqen  des  Silbers.  329 

Untersuchung  deutlich  darstellen  und  prüfen  werde. 
Für  jetzt  will  ich  nur  bemerken,  daß  der  hohe  Wort 
der  edlen  Metalle  kein  Deweis  der  Armut  oder  Bar- 
barei eines  Landes  zu  der  Zeit,  in  der  er  eben  herrscht, 
sein  kann;  er  ist  nur  ein  Beweis  für  die  Unergiebig- 
keit  der  Bergwerke,  aus  denen  zur  Zeit  die  Handels- 
welt ihre  Zufuhr  erhält.  Ein  armes  Land  vermag  ebenso 
wenig  mehr  Gold  und  Silber  zu  kaufen,  oder  es  teurer 
zu  bezahlen,  als  ein  reiches,  und  es  ist  deshalb  nicht 
wahrscheinlich,  daß  der  Wert  jener  Metalle  in  dem 
einen  höher  sei,  als  in  dem  anderen.  In  China,  das 
viel  reicher  ist,  als  irgend  ein  europäisches  Land,  ist 
der  Wert  der  edlen  Metalle  weit  höher,  als  irgendwo 
in  Europa.  Allerdings  ist  in  Europa,  wo  seit  der  Ent- 
deckung der  amerikanischen  Minen  der  Reichtum  sehr 
zugenommen  hat,  der  Wert  von  Gold  und  Silber  all- 
mählich gesunken.  Allein  diese  Entwertung  ist  nicht 
der  Zunahme  des  wirklichen  ßeichtums  in  Eur'opa, 
des  Jahresertrags  seines  Bodens  und  seiner  Arbeit 
zuzuschreiben,  sondern  der  zufälligen  Entdeckung  von 
Minen,  die  alle  bis  dahin  bekannten  an  Er-giebigkeit 
übertrafen.  Die  Zunahme  der'  Gold-  und  Silbermenge 
in  Europa  und  der-  Fortschritt  seiner  Gewerbe  und  seiner 
Landwirtschaft  traten  zwar  beinahe  gleichzeitig  ein,  sind 
jedoch  aus  sehr  verschiedenen  Ursachen  hervorgegangen 
und  stehen  kaum  irgendwie  in  natürlichem  Zusammen- 
hang. Die  erstere  entsprang  einem  reinen  Zufall,  an 
dem  weder  Klugheit  noch  Politik  irgend  einen  Anteil 
hatten  oder  haben  konnton ;  der  andere  aus  dem  Falle 
des  Feudalsystems  und  der  Einführung  einer  Regierung, 
die  dem  Gewerbefleiß  die  einzige  Aufmunterung,  der'on 
er  bedarf,  nämlich  eine  leidliche  Sicherheit  gewährte, 
daß  er  die  Früchte  seiner  Arbeit  genießen  werde. 
Polen,  wo  sich  das  Feudalsystem  noch  immer  be- 
hauptet, ist  bis  auf  den  heutigen  Tag  noch  immer  so 


330  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

bettelarm,  wie  vor  der  Entdeckung  Amerikas.  Dennoch 
ist  dort  ebenso  wie  in  andern  Ländern  Europas,  der 
Goldpreis  des  Getreides  gestiegen,  und  der  wirkliche 
Wert  der  edlen  Metalle  gefallen.  Ihre  Menge  muß  also 
dort  ebenso  wie  an  anderen  Orten,  dem  Jahresertrag 
seines  Bodens  und  seiner  Arbeit  entsprechend,  zuge- 
nommen haben;  allein  diese  Vermehrung  der  edlen 
Metalle  hat  anscheinend  den  Jahresertrag  nicht  ver- 
mehrt, und  weder  Industrie  und  Landwirtschaft  ge- 
hoben, noch  den  Zustand  der  Einwohner  verbessert. 
Spanien  und  Portugal,  die  Besitzer  der  Minen,  sind 
nächst  Polen  vielleicht  die  beiden  ärmsten  Länder  in 
Europa.  Dennoch  muß  der  Wert  der  edlen  Metalle 
in  Spanien  und  Portugal  niedriger  sein,  als  in  irgend 
einem  anderen  Teile  Europas,  da  sie  erst  von  dort, 
belastet  nicht  bloß  mit  den  Kosten  der  Fracht  und 
Versicherung,  sondern  auch,  da  ihre  Ausfuhr  verboten, 
beziehungsweise  einer  Abgabe  unterworfen  ist,  mit  den 
Kosten  des  Schmuggels,  nach  den  anderen  Ländern 
Europas  kommen.  Im  Verhältnis  zum  Jahresertrag  von 
Boden  und  Arbeit  muß  daher  ihre  Menge  in  jenen 
Ländern  größer  sein,  als  irgendwo  in  Europa;  und  doch 
sind  jene  Länder  ärmer  als  alle  andern.  Zwar  das 
Feudalsystem  ist  in  Spanien  und  Portugal  abgeschafft, 
aber  was  an  seine  Stelle  getreten  ist,  ist  nicht  viel  besser. 

Wie  demnach  der  geringere  Wert  von  Gold  und 
Silber  kein  Beweis  für  den  Reichtum  und  den  blühen- 
den Zustand  eines  Landes  ist,  in  dem  dies  Verhältnis 
statthat,  so  ist  auch  ihr  hoher  Wert,  oder  der  niedrige 
Geldpreis  der  Waren  im  Allgemeinen  und  des  Getreides 
im  Besonderen  kein  Beweis  von  Armut  und  Barbarei. 

Wenn  aber  auch  der  niedrige  Geldpreis  der  Waren 
im  allgemeinen  und  des  Getreides  im  besonderen  kein 
Beweis  für  die  Armut  und  Barbarei  der  entsprechen- 
den Zeit  ist,  so  ist  der  niedrige  Geldpreis  einiger  be- 


Kap.  XL:  Wertveränderungen  des  Silbers.  331 

stimmter  Sorten  von  Gütorn,  so  des  Viehs,  Greflügels, 
Wildprets  aller  Art  usw.  im  Verhältnis  zum  Getreide 
ein  desto  entscheidenderer  Beweis  dafür.  Deutlich  geht 
daraus  hervor:  erstens  ihre  große  Menge  im  Vergleich 
mit  der  Menge  des  Getreides,  und  folglich  die  große 
Ausdehnung  des  Bodens,  den  sie  einnehmen,  im  Ver- 
gleich mit  Getreideland;  zweitens  der  geringe  Wert 
jenes  Bodens  im  Verhältnis  zum  Getreideland,  und  folg- 
lich der  unkultivierte  Zustand  des  bei  Weitem  größten 
Teils  des  Gebiets.  Deutlich  geht  ferner  daraus  hervor, 
daß  das  Kapital  und  die  Bevölkerung  des  Landes  nicht 
in  demselben  Verhältnis  zur  Gebietsausdehnung  stand, 
wie  in  zivilisierten  Ländern,  und  daß  die  Gesellschaft 
zu  jener  Zeit  und  in  jenem  Lande  sich  erst  in  ihrer 
Kindheit  befand.  Aus  dem  hohen  oder  niedrigen  Preise 
der  AVaren  im  allgemeinen  und  des  Getreides  im  be- 
sonderen kann  man  lediglich  schließen,  daß  dio  Berg- 
werke, welche  zur  Zeit  die  Handclswelt  mit  Gold  und 
Silber  versorgten,  ergiebig  oder  unergiebig  waren; 
nicht,  daß  das  Land  reich  oder  arm  war.  Aus  dem 
hohen  oder  niedrigen  Geldpreise  gewisser  Sorten  von 
Gütern  im  Vergleich  mit  anderen  läßt  sich  dagegen 
mit  einem  au  Gewißheit  grenzenden  Grade  von  Wahr- 
scheinlichkeit schließen,  daß  es  reich  oder  arm  war, 
daß  der  größte  Teil  seiner  Ländereien  angebaut  oder 
unangebaut  war,  und  daß  es  sich  entweder  in  einem 
mehr  oder  minder  rohen,  oder  mehr  oder  minder  zi- 
vilisierten Zustande  befand. 

Jede  Steigerung  dos  Geldpreises  der  Waren,  die 
lediglich  aus  der  Entwertung  des  Silbers  hervoigoht, 
würde  alle  Arten  von  Waren  gleichmäßig  treffen  und 
ihren  Preis  durchgehends  um  ein  Drittel,  ein  Viertel 
oder  ein  Fünftel  erhöhen,  je  nachdem  das  Silber  um 
ein  Drittel,  ein  Viertel  oder  ein  Fünftel  an  seinem  frü- 
heren Worte  verlöre.    Die  Preissteigerung  der  Lebens- 


332  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

mittel  hingegen,  worüber  so  viel  geklügelt  und  geredet 
worden  ist,  trifft  nicht  alle  Arten  von  Lebensmitteln 
gleichmäßig.  Im  Durchschnitt  des  laufenden  Jahrhun- 
derts ist  der  Preis  des  Getreides,  wie  selbst  von  denen 
anerkannt  wird,  die  sein  Steigen  aus  der  Silberent- 
wertung erklären,  viel  weniger  gestiegen,  als  der  Preis 
einiger  anderer  Lebensmittel.  An  dem  Steigen  des 
Preises  dieser  anderen  Lebensmittel  kann  folglich  die 
Silberentwertung  nicht  allein  Schuld  sein;  vielmehr 
müssen  einige  andere  Ursachen  mit  in  Rechnung  ge- 
zogen werden,  und  die  oben  angedeuteten  sind  viel- 
leicht hinreichend,  die  Preissteigerung  jener  besonderen 
Arten  von  Lebensmitteln  ohne  Hinzunahme  der  an- 
geblichen Silberentwertung  zu  erklären. 

Was  den  Preis  des  Getreides  selbst  betrifft,  so  war 
er  in  den  ersten  vierundsechzig  Jahren  des  laufenden 
Jahrhunderts  und  vor  der  letzten  ungewöhnlichen  Auf- 
einanderfolge schlechter  Jahre  etwas  niedriger,  als  in 
den  letzten  vierundsechzig  Jahren  des  vorigen  Jahr- 
hunderts. Diese  Tatsache  wird  nicht  nur  durch  die 
Marktberichte  von  Windsor,  sondern  auch  durch  die 
öffentlichen  Fiars  aller  schottischen  Grafschaften  und 
die  von  Messance  und  Dupre  de  St.  Maur  mit  Fleiß 
und  Sorgfalt  gesammelten  französischen  Marktbcrichte 
bezeugt.  Der  Beweis  ist  vollständiger  erbracht,  als  es 
in  einer  ihrer  Natur  nach  so  schwer  festzustellenden 
Sache  zu  erwarten  war. 

Was  den  hohen  Getreidepreis  der  letzten  zehn  oder 
zwölf  Jahre  betrifft,  so  läßt  er  sich  ohne  die  Annahme 
einer  Silberentwertung  vollkommen  aus  den  sohlechten 
Ernten  erklären. 

Die  Ansicht,  daß  das  Silber  fortwährend  im  Preise 
sinke,  stützt  sich  mithin  auf  keine  guten  Beobachtun- 
gen, weder  über  die  Getreidepreise  noch  über  die  Preise 
anderer  Lebensmittel, 


Kap.  XT.:  Wertvcränderun,i>en  des  Silbers.  333 

Man  kann  vielleicht  sagen,  selbst  nach  der  hier 
gegebenen  Berechnung  sei  für  die  gleiche  Menge  Silbers 
gegenwärtig  eine  viel  kleinere  Menge  mancher  Lebens- 
mittel zu  haben,  als  während  eines  Teils  des  vorigen 
Jahrhunderts,  und  ob  man  diese  Änderung  einer  Stei- 
gerung des  Werts  jener  Waren,  oder  der  Entweitung 
des  Silbers  zuschreibe,  sei  eine  leere  und  nutzlose  Un- 
terscheidung, mit  der  jemandem,  der  nur  eine  be- 
stimmte Menge  Silber,  oder  ein  bestimmtes  Einkommen 
in  Geld  habe,  nicht  im  Mindesten  gedient  sei.  Ich  will 
auch  gewiß  nicht  behaupten,  daß  die  Kenntnis  dieses 
Unterschiedes  ihn  in  den  Stand  setzen  wird,  wohlfeiler 
zu  kaufen;  aber  sie  ist  deshalb  doch  noch  nicht  ganz 
nutzlos. 

Sie  kann  dadurch  von  einigem  Nutzen  sein,  daß 
sie  einen  leichtverständlichen  Beweis  für  die  gedeih- 
liche Lage  des  Landes  liefert.  Entspringt  die  Preis- 
steigerung einiger  Arten  von  Lebensmitteln  lediglich 
der  Silberentwertung,  so  läßt  sich  hieraus  lediglich 
auf  die  Ergiebigkeit  der  amerikanischen  Bergwerke 
schließen.  Der  wirkliche  Reichtum  des  Landes,  der 
Jahresertrag  seines  Bodens  und  seiner  Arbeit,  kann 
trotz  dieses  Umstandes  entweder,  wie  in  Portugal  oder 
Polen,  allmählich  sinken,  oder,  wie  in  den  meisten 
europäischen  Ländern,  allmählich  steigen.  Ist  jene 
Preissteigerung  gewisser  Arten  von  Lebensmitteln  die 
Folge  einer  Steigerung  in  dem  wirklichen  Werte  des 
Grund  und  Bodens,  auf  dem  sie  erzeugt  werden,  also 
seiner  vermehrten  Fruchtbarkeit;  oder  davon,  daß  der 
Boden  durch  ausgedehntere  und  bessere  Kultur  zum 
Getreidebau  geeignet  wurde,  so  beweist  dieser  Um- 
stand unstreitig  die  Wohlfahrt  und  den  Fortschritt 
des  Landes.  Grund  und  Boden  bilden  bei  Weitem 
den  größten,  wichtigsten  und  dauerhaftesten  Teil  im 
Reichtum  jedes  ausgedehnten  Landes,  und  es  ist  ge- 
wiß von  einigem  Nutzen,    oder  kann  wenigstens  dem 


334  Erstes  Bucli:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Lande  eine  Genugtuung  gewähren,  einen  so  ent- 
scheidenden Beweis  für  den  zunehmenden  Wert  des 
bei  weitem  grüßten,  wichtigsten  und  dauerhaftesten 
Teils  seines  Ileichtums  zu  besitzen. 

Auch  kann  es  dem  Staate  von  Nutzen  sein  für  die 
Feststellung  der  Besoldungen  seiner  niederen  Beamten. 
Wenn  die  Preissteigerung  einiger  Arten  von  Lebens- 
mitteln aus  der  Silberentwertung  entspringt,  so  müßten 
ihre  Besoldungen,  falls  sie  nicht  etwa  früher  zu  hoch 
waren,  nach  Verhältnis  dieser  Entwertung  erhöhtwerden. 
Wo  nicht,  wird  ihre  tatsächliche  Besoldung  offenbar  um 
so  viel  vermindert.  Ist  hingegen  jene  Preissteigerung 
dem  durch  die  erhöhte  Ertragsfähigkeit  vermehrten 
Werte  des  Bodens  zuzuschreiben,  so  wird  es  viel 
schwieriger  zu  beurteilen,  in  welchem  Verhältnis  die 
Besoldungen,  oder  ob  sie  überhaupt  zu  erhöhen  seien. 
Wie  die  weitere  Ausdehnung  der  Bodenkultur  not- 
wendig den  Preis  jeder  Art  tierischer  Nahrung  im 
Verhältnis  zum  Getreidepreise  mehr  oder  weniger 
steigert,  so  ermäßigt  sie,  glaube  ich,  mit  gleicher  Not- 
wendigkeit den  Preis  jeder  Art  pflanzlicher  Nahrung. 
Sie  erhöht  den  Preis  der  Fleischnahrung,  weil  ein  großer 
Teil  des  Landes,  das  Fleisch  produziert,  zum  Getreide- 
bau tauglich  gemacht  ist  und  mithin  dem  Grundeigen- 
tümer und  Pächter  die  Eente  und  den  Gewinn  des 
Getreidelandes  abwerfen  muß ;  den  Preis  Äfer  Pflanzen- 
nahrung aber  ermäßigt  sie,  weil  sie  die  Ertragsfähig- 
keit des  Bodens  und  mithin  die  Menge  der  Nahrungs- 
mittel aus  dem  Pflanzenreich  vermehrt.  Auch  werden 
durch  die  Verbesserung  der  Kultur  manche  Arten 
von  Pflanzen  eingeführt,  die  weniger  Land  und  nicht 
mehr  Arbeit  als  das  Getreide  erfordern,  und  aus  diesem 
Grunde  viel  wohlfeiler  auf  den  Markt  kommen.  So  die 
Kartoffeln  und  der  Mais,  die  beiden  wichtigsten  Er- 
rungenschaften, die  der  europäische  Ackerbau,  oder 
vielleicht  Europa   überhaupt  der    großen  Ausdehnung 


Kap.  XI.:  Wertveränderuno-en  des  Silbers.  335 

seines  Handels  und  seiner  Schifffahrt  verdankt.  Außer- 
dem werden  manche  Arten  von  Pflanzen,  die  im  rohen 
Zustande  der  Landwirtschaft  auf  den  Gemüsegarten 
beschränkt  sind  und  der  Spatenarbeit  bedürfen,  bei 
höherer  Kultur  auf  den  Feldern  gebaut  und  mittels  des 
Pflugs  bearbeitet,  wie  Rüben,  Möhren,  Kohl  u.  s.  \v. 
Wenn  also  bei  fortschreitender  Kultur  der  Sachprois 
der  einen  Art  von  Nahrungsmitteln  mit  Notwendigkeit 
steigt,  so  fällt  mit  gleicher  Notwendigkeit  der  einer 
anderen  Art,  und  es  wird  sehr  schwer,  zu  bestimmen, 
in  wiefern  das  Steigen  der  einen  durch  das  Fallen  der 
anderen  ausgeglichen  wird.  Sobald  der  Sachpreis  des 
Fleisches  einmal  seinen  Höhepunkt  erreicht  hat,  was, 
abgesehen  vom  Schweinefleisch  in  einem  großen  Teile 
Englands  bei  allen  Sorten  vor  länger  als  einem  Jahr- 
hundert eingetreten  zu  sein  scheint,  kann  eine  spätere 
Preissteigerung  anderer  Fleischsorten  die  Lage  der 
unteren  Volksklasse  nur  wenig  berühren.  Die  Verhält- 
nisse der  Armen  in  den  meisten  Gegenden  Englands 
können  sicherlich  durch  das  Steigen  des  Preises  von 
Geflügel,  Fischen  oder  Wildpret  nicht  so  verschlechtert 
werden,  wie  sie  sich  durch  das  Fallen  des  Kartoffel- 
preises verbessern  würden. 

In  der  gegenwärtigen  teuren  Zeit  leiden  die  Armen 
unter  dem  hohen  Getreidepreise  unzweifelhaft;  in  leid- 
lich guten  Jahren  dagegen,  in  denen  das  Getreide 
seinen  gewöhnlichen  oder  Durchschnittspreis  hat,  kann 
das  natürliche  Steigen  des  Preises  andrer  Bodener- 
zeugnisse sie  nicht  sonderlich  berühren.  Mehr  leiden 
sie  vielleicht  unter  den  künstlichen  durch  Abgaben 
verursachten  Preiserhöhungen  von  Salz,  Seife,  Leder, 
Lichten,  Malz,  Bier,  Ale  usw. 


336  Ei'stes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertrag-skraft  der  Arbeit. 


Wirkungen   der  Kutturfortschritte  auf  den  Sachpreis   der 
Industrieerzeugnisse. 

Es  ist  die  natürliche  Wirkung  der  Kultur,  daß  sie 
den  Sachpreis  fast  aller  Industrieerzeugnisse  allmählich 
vermindert.  Der  Sachpreis  der  gewerblichen  Arbeit  ver- 
mindert sich  vielleicht  ausnahmslos  in  allen  Gewerben. 
Infolge  besserer  Maschinen,  größerer  Geschicklichkeit 
und  angemessenerer  Einteilung  und  Verteilung  der  Ar- 
beit, was  Alles  die  natürliche  Wirkung  der  Kultur  ist, 
wird  eine  weit  geringere  Menge  Arbeit  zur  Herstellung 
jedes  einzelnen  Stückes  erfordert;  und  wenn  auch  in- 
folge der  günstigen  Lage  der  Gesellschaft  der  Sach- 
preis der  Arbeit  beträchtlich  steigt,  so  wird  doch  die 
große  Verminderung  der  Menge  der  erforderlichen 
Arbeit  selbst  die  größte  Preissteigerung  der  Arbeit  in 
der  Regel  mehr  als  ausgleichen. 

Allerdings  gibt  es  wenige  Gewerbe,  in  denen  die 
Preissteigerung  der  Rohstoffe  alle  durch  die  Kultur  an 
die  Hand  gegebenen  Arbeitsvorteile  mehr  als  aufwiegt. 
Bei  dei'  Zimmermanns-  und  Schreinerarbeit  wenigstens 
gröberer  Art  wiegt  die  aus  der  vollkommneren  Boden- 
kultur hervorgehende  Preissteigerung  des  Holzes  in  der 
Regel  alle  Vorteile,  die  sich  aus  den  besseren  Maschinen, 
der  größeren  Geschicklichkeit  und  der  angemesseneren 
Einteilung  und  Verteilung  der  Arbeit  ergeben,  reich- 
lich auf. 

In  allen  Fällen  hingegen,  wo  der  Preis  der  Roh- 
stoffe entweder  überhaupt  nicht  steigt,  oder  nicht  be- 
deutend steigt,  sinkt  der  Preis  der  Industrieerzeugnisse 
erheblich. 

Diese  Preisermäßigung  ist  im  Laufe  des  gegenwär- 
tigen und  vorigen  Jahrhunderts  besonders  in  denjenigen 


Kap.  Xr.:  Saclipreis  der  liidustrieerzeugnisse.  ,337 

Gewerben  fühlbar  gewesen,  deren  Rohstoff  in  den  un- 
edlen Metallen  besteht.  Man  erhält  jetzt  vielleicht  für 
zwanzig  Schilling  ein  besseres  Uhrwerk,  als  um  die 
Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  für  zwanzig  Pfund.  In 
den  Arbeiten  der  Messerschmiede  und  Schlosser,  in  allen 
Kurzwaren  aus  gröberen  Metallen,  in  den  sogenannten 
Birminghamer  und  Sheffielder  Waren  ist  in  der  näm- 
lichen Periode  eine  sehr  große  Preisermäßigung  einge- 
treten, die,  wenn  sie  auch  nicht  ganz  so  groß  war,  als 
bei  Uhren,  doch  die  Arbeiter  im  ganzen  übrigen  Europa 
in  Staunen  setzte,  und  sie  vielfach  zu  dem  Bekenntnis 
zwang,  daß  sie  für  den  doppelten  und  selbst  für  den 
dreifachen  Preis  keine  so  gute  Arbeit  herstellen 
könnten.  Es  gibt  vielleicht  keine  Industrie,  in  der  die 
Arbeitsteilung  weiter  getrieben  werden  kann  oder  die 
angewandten  Maschinen  mannigfachere  Verbesserungen 
zulassen,  als  die,  deren  Rohstoffe  in  den  unedlen 
Metallen  bestehen. 

In  der  Tuchfabrikation  ist  in  der  nämlichen  Periode 
keine  so  fühlbare  Preisermäßigung  eingetreten ;  im  Ge- 
genteil versichert  man,  daß  der  Preis  des  hochfeinen 
Tuches  in  den  letzten  fünfundzwanzig  bis  dreißig  Jahren 
im  Verhältnis  zu  seiner  Beschaffenheit  etwas  gestiegen 
ist,  woran,  wie  man  sagt,  eine  bedeutende  Preiserhöhung 
des  Materials,  das  ganz  aus  spanischer  Wolle  besteht, 
Schuld  ist.  Der  Preis  des  Yorkshirer  Tuches,  das  lediglich 
aus  englischer  Wolle  gefertigt  wird,  soll  im  Laufe  des 
gegenwärtigen  Jahrhunderts  im  Verhältnis  zu  seiner  Güte 
allerdings  erheblich  gefallen  sein ;  indeß  ist  die  Qualität 
eine  so  streitige  Sache,  daß  ich  alle  Angaben  dieser 
Art  als  sehr  unsicher  ansehe.  In  der  Tuchfabrikation 
ist  die  Arbeitsteilung  so  ziemlich  dieselbe  geblieben, 
wie  vor  einem  Jahrhundert,  und  die  dabei  angewen- 
deten Maschinen  sind  nicht  viel  anders.  Indeß  können 
in  beiderlei  Hinsicht  wohl  einige  kleine  Verbesserungen 

Adam  Smith,  Volkswohlstand.  I.  -»^ 


338  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

vorgekommen  sein,  die  eine  Preisermässigung  zur 
Folge  hatten. 

Viel  merklicher  und  unleugbarer  ist  aber  die  Er- 
mäßigung, wenn  man  den  heutigen  Preis  dieser  "Ware 
mit  dem  einer  weit  früheren  Zeit,  etwa  am  Ende  des 
15.  Jahrhunderts,  vergleicht,  wo  die  Arbeit  wahrschein- 
lich weit  weniger  geteilt,  und  die  Maschinen  weit 
unvollkommener  waren,  als  heute. 

Im  Jahre  1487,  dem  vierten  Regierungsjahre  Hein- 
richs YII.,  wurde  ein  Gesetz  gegeben,  nach  dem  „Jeder, 
der  im  Kleinhandel  ein  Yard  vom  feinsten  scharlachfar- 
bigen oder  sonst  echtgefärbten  Tuch  feinster  Arbeit  höher 
als  zu  16  sh.  verkaufe,  eine  Strafe  von  40  sh.  für  jeden 
so  verkauften  Yard  verwirkt  habe."  16  sh.,  die  ungefähr 
ebenso  viel  Silber  enthielten,  wie  jetzt  24  sh.,  wurden 
also  damals  als  ein  nicht  unbilliger  Preis  für  den  Yard 
feinsten  Tuches  angesehen ;  und  da  hier  ein  Luxusgesetz 
vorliegt,  war  der  Preis  in  Wirklichkeit  wahrscheinlich 
etwas  höher.  Gegenwärtig  kann  man  eine  Guinee  als 
den  höchsten  Preis  betrachten.  Also  auch  angenommen, 
die  QuaHtät  sei  gleich  —  die  jetzige  ist  aber  wahr- 
scheinlich weit  besser  —  so  ist  doch  der  Geldpreis  des 
feinsten  Tuches  seit  dem  Ende  des  15.  Jahrhunderts 
bedeutend  gewichen ;  noch  weit  mehr  aber  ist  sein  wirk- 
licher Preis  heruntergegangen.  6  sh.  8  d.  galten  damals 
und  noch  viel  später  für  den  Durchschnittspreis  eines 
Quarters  Weizen;  16  sh.  waren  also  der  Preis  von 
über  zwei  Quarter  und  drei  Bushel  Weizen.  Schätzt 
man  den  Quarter  Weizen  gegenwärtig  auf  28  sh.,  so 
muß  der  wirkliche  Preis  eines  Yard  feinen  Tuches 
damals  wenigstens  £  3.  6^'2  sh.  unseres  jetzigen  Geldes 
gewesen  sein.  Der  Käufer  mußte  dafür  so  viel  an 
Arbeit  und  Lebensmitteln  geben,  als  er  heute  für  diese 
Summe  erhalten  würde. 


Kap.  Xi.:  Sachpreis  der  IndiistrieerzGugnisse.  339 

Der  Preisfall  der  gröberen  Fabrikate  war,  obwohl 
beträchtlich,  doch  nicht  so  groß,  als  der  der  feineren. 

Im  Jahre  1463,  dem  dritten  Regierungsjahre 
Eduards  IV.,  wurde  verordnet,  daß  „kein  Dienstbote  auf 
dem  Lande,  kein  Tagelöhner,  kein  Dienstbote  bei  einem 
außerhalb  der  Stadt  wohnenden  Handwerker,  zu  seiner 
Kleidung  Tuch  brauchen  soll,  von  dem  der  Yard  mehr 
als  zwei  Schilling  kostet."  Zu  dieser  Zeit  enthielten  zwei 
Schilling  etwa  dieselbe  Silbermenge,  wie  vier  unsres 
jetzigen  Geldes,  aber  das  Yorkshirer  Tuch,  von  dem 
jetzt  die  Elle  mit  -i  sh.  bezahlt  wii'd,  ist  wahrschein- 
lich weit  besser,  als  das  Tuch,  das  damals  zur  Klei- 
dung für  die  ärmste  Klasse  gewöhnlichen  Gesindes 
verwendet  wurde.  Selbst  der  Geldpreis  ihrer  Kleidung 
wird  daher  im  Verhältnis  zur  Beschaffenheit  gegen- 
wärtig etwas  wohlfeiler  sein,  als  damals;  aber  min- 
destens ist  der  wirkliche  Preis  erheblich  wohlfeiler. 
Zehn  Pence  galten  damals  für  einen  mäßigen  und 
billigen  Preis  des  Bushel  Weizen.  Zwei  Schilling  waren 
also  der  Preis  von  beinahe  zwei  Bushel  und  zwei  Peck 
Weizen,  die  gegenwärtig,  den  Bushel  zu  3^2  sh.  ge- 
rechnet, 8  sh.  9  d.  wert  sein  würden.  Für  einen  Yard 
dieses  Tuches  mußte  der  arme  Dienstbote  damals  den 
Gegenwert  einer  Lebensmittelmenge  geben,  die  man 
heute  für  8  sh.  9  d.  kaufen  würde.  Da  wir  es  hier 
ebenfalls  mit  einem  Luxusgesetz  zu  tun  haben,  das 
dem  Aufwände  und  der  Verschwendung  der  Armen 
steuern  sollte,  so  ist  ihre  Kleidung  gewöhnlich  wohl 
noch  viel  teurer  gewesen. 

Durch  das  nämliche  Gesetz  wurde  derselben  Volks- 
klasse verboten,  Strümpfe  zu  tragen,  deren  Preis  vier- 
zehn Pence  für  das  Paar,  also  etwa  achtundzwanzig 
Pence  unseres  heutigen  Geldes  überstiege.  Nun  waren 
vierzehn  Pence  damals  der  Preis  für  etwa  einen  Bushel 
und  zwei  Peck  Weizen,  was  gegenwärtig,  den  Bushel 


340  Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  ßrtragskraft  der  Arbeit. 

ZU  3V2  sh.  gerechnet,  5  sh.  3  d.  machen  würde.  Heute 
würde  dies  als  ein  sehr  hoher  Preis  für  ein  Paar 
Strümpfe  eines  Dienstboten  der  ärmsten  und  niedrigsten 
Klasse  betrachtet  werden;  gleichwohl  wurde  damals 
so  viel  dafür  bezahlt. 

Zur  Zeit  Eduards  IV.  war  das  Strumpfstricken  in 
Europa  wahrscheinlich  noch  nirgends  bekannt.  Die 
Strümpfe  wurden  aus  gewöhnlichem  Tuch  gemacht,  und 
dies  war  wohl  eine  der  Ursachen  ihrer  Kostspieligkeit. 
Die  erste  Person  in  England,  die  gestrickte  Strümpfe 
trug,  soll  die  Königin  Elisabeth  gewesen  sein;  sie  er- 
hielt sie  von  dem  spanischen  Gesandten  zum  Geschenk. 

Sowohl  in  der  Fabrikation  grober  wie  feiner  Woll- 
stoffe waren  die  Werkzeuge  damals  weit  unvollkommener 
als  heute.  Außer  manchen  kleineren  Verbesserungen, 
deren  Zahl  und  Wichtigkeit  schwer  festzustellen  ist,  sind 
in  dieser  Industrie  namentlich  drei  wichtige  Erfindungen 
eingeführt  worden :  erstens  dieVertauschung  des  Rockens 
und  der  Spindel  mit  dem  Spinnrade,  das  bei  einer  gleichen 
Arbeitsmenge  mehr  als  doppelt  so  viel  leistet;  zweitens, 
der  Gebrauch  einiger  sehr  sinnreicher  Maschinen,  die  in 
noch  höherem  Maße  das  Weifen  des  Garns,  oder  die  ange- 
messene Zurichtung  der  Kette  und  des  Einschlags,  ehe  sie 
auf  den  Stuhl  kommen,  erleichtern  und  abkürzen ;  eine 
Tätigkeit,  die  vor  der  Erfindung  jener  Maschinen  äußerst 
langwierig  und  mühsam  gewesen  sein  muß;  drittens  die 
Anwendung  der  Walkmühle  statt  des  früher  üblichen 
Tretens  im  Wasser.  Weder  Wind-  noch  Wassermühlen 
irgend  einer  Art  waren  in  England,  und,  so  viel  ich  weiß, 
überhaupt  in  dem  nördlichen  Europa  diesseits  der  Alpen, 
vor  dem  Anfange  des  16.  Jahrhunderts  bekannt.  In 
Italien  sind  sie  etwas  früher  eingeführt  worden. 

Diese  Umstände  erklären  es  vielleicht,  warum  der 
wirkliche  Preis  der  groben  und  feinen  Manufakturwaren 


Kap.  XL:  Sachpreis  der  liulustrieerzeugni.sse.  34-1 

in  jener  Zeit  so  viel  höher  war  als  heute.  Es  kostete 
eine  größere  Menge  Arbeit,  die  Waren  herzustellen:  des- 
halb mußten  sie  um  eine  größere  Menge  Arbeit  ge- 
kauft werden. 

Die  Herstellung  grober  Ware  wurde  damals  in 
England  wahi'scheinlich  ebenso  betrieben,  wie  überall, 
wo  Künste  und  Gewerbe  sich  in  ihrer  Kindheit  befinden. 
Wahrscheinlich  war  es  eine  Hausindustrie,  bei  der  die 
verschiedenen  Teile  der  Arbeit  von  den  einzelnen 
Familiengliedern  verrichtet  wurden ;  und  zwar  so,  daß 
sie  nur  dann  daran  arbeiteten,  wenn  sie  nichts  weiter 
zu  tun  hatten;  es  war  keineswegs  ihr  Hauptgeschäft, 
wodurch  sie  den  größten  Teil  ihres  Unterhalts  er- 
v^'erben  mußten.  Solche  Arbeit  kommt,  wie  bereits  be- 
merkt, immer  viel  wohlfeiler  auf  den  Markt,  als  andere, 
die  die  hauptsächlichste  oder  einzige  Quelle  des  Lebens- 
unterhalts für  den  Arbeiter  ist.  Die  feine  Fabrikation 
andrerseits  wurde  zu  jener  Zeit  nicht  in  England,  son- 
dern in  dem  reichen  und  handeltreibenden  Flandern, 
wahrscheinlich  ebenso  wie  jetzt  von  Leuten  getrieben, 
die  darin  ihren  ganzen  oder  den  Hauptteil  ihres  Unter- 
halts fanden.  Es  war  also  eine  ausländische  Fabrikation 
und  hatte  eine  Abgabe  zu  zahlen,  nämlich  mindestens 
den  alten  Tonnen-  und  Pfundzoll.  Diese  Abgabe  war 
allerdings  nicht  sehr  groß.  Es  war  damals  nicht  euro- 
päische Politik,  die  Einfuhr  fremder  Industrieerzeugnisse 
durch  hohe  ^Abgaben  zu  beschränket!,  sondern  man 
munterte  sie  vielmehr  auf,  damit  die  Kaufleute  imstande 
wären,  die  großen  Herren  mit  den  Grenußmitteln  und 
Luxusartikeln,  die  sie  brauchten,  und  die  ihnen  die 
Industrie  ihres  eigenen  Landes  nicht  schaffen  konnte, 
so  wohlfeil  als  möglich  zu  versorgen. 

Diese  Umstände  erklären  es  vielleicht,  warum  in 
jener  Zeit  der  wirkliche  Preis  der  groben  Fabrikate  im 


342  Erstes  Buch:  Zimalime  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

Verhältnis  zu   dem   der  feinen    so  viel   niedriger  war, 
als  gegenwärtig. 

Schluß  des  Kapitels. 

Ich  will  dieses  recht  lange  Kapitel  mit  der  Bemer- 
kung schließen,  daß  jede  Verbesserung  in  den  Verhält- 
nissen der  Gesellschaft  mittelbar  oder  unmittelbar  die 
wirkliche  Grundrente,  den  wirklichen  Reichtum  des 
Grundeigentümers,  seine  Kraft,  die  Arbeit  oder  das 
Arbeitsprodukt  andrer  Leute  zu  kaufen,  erhöht. 

Die  Ausdehnung  der  Kultur  tut  es  unmittelbar. 
Der  Anteil  des  Grundeigentümers  an  dem  Ertrag 
wächst  notwendig  mit  seiner  Zunahme.  Ebenso  führt 
die  Preissteigerung  derjenigen  Bodenprodukte,  die  an- 
fänglich erst  infolge  der  ausgedehnteren  Bodenkultur 
im  Preise  steigen,  dann  aber  eine  noch  weitere  Aus- 
dehnung der  Kultur  veranlassen,  also  z.  B.  das  Steigen 
der  Viehpreise,  unmittelbar  und  in  noch  höherem  Maße 
zur  Erhöhung  der  Grundrente.  Nicht  allein  steigt  der 
wirkliche  Wert  des  Anteils,  den  der  Grundeigentümer 
erhält,  d.  h.  seine  wirkliche  Verfügungskraft  über  die 
Arbeit  andrer  Leute,  mit  dem  wirklichen  Werte  des 
Ertrags,  sondern  auch  das  Verhältnis  dieses  Anteils 
zu  dem  ganzen  Ertrage  steigt  mit  diesem.  Die  Her- 
vorbringung der  Erträge  erfordert  nach  dem  Steigen 
ihrer  Preise  nicht  mehr  Arbeit  als  zuvor.  Daher  reicht 
schon  ein  kleinerer  Teil  von  ihnen  hin,  das  Kapital, 
das  die  Arbeit  beschäftigt,  samt  dem  üblichen  Gewinn 
zurückzuerstatten,  und  es  fällt  notwendig  der  größere 
Teil  dem  Grundeigentümer  zu. 

Alle  die  Mittel,  welche  die  Arbeit  [)roduktiver 
machen  und  den  wirklichen  Preis  der  Industrieerzeug- 
uisse  unmittelbar  zu  ermäßigen  streben,  führen  mittel- 
bar zur  Erhöhung  der  Grundrente.    Der  Gi'undoigen- 


Kap.  XI.:  Die  Grunclvente.  343 

tümer  vertauscht  den  Teil  seiner  Produkte,  der  über 
seinen  eignen  Verbrauch  hinausgeht,  beziehungsweise 
den  Preis  dieses  Teils  gegen  Industrieerzeugnisse. 
Alles,  was  den  Preis  der  letzteren  ermäßigt,  erhöht 
den  der  ersteren.  Die  gleiche  Menge  Rohprodukte  wird 
dadurch  eine  größere  Menge  Industrieerzeugnisse  wert, 
und  der  Grundeigentümer  ist  sonach  imstande,  eine 
größere  Menge  von  Gegenständen  des  Komforts  und 
Luxus  zu  kaufen. 

Jede  Zunahme  des  wirklichen  Reichtums  der  Ge- 
sellschaft, jede  Zunahme  der  Menge  nützlicher  Arbeit, 
die  in  ihr  verrichtet  wird,  führt  mittelbar  zur  Erhö- 
hung der  Grundrente.  Ein  gewisser  Teil  dieser  Arbeit 
kommt  natürlich  dem  Boden  zu  Gute.  Eine  größere 
Zahl  von  Menschen  und  Vieh  trägt  zu  seiner  Kultur 
bei,  der  Ertrag  steigt  mit  dem  darauf  verwendeten 
größeren  Kapital  und  die  Rente  steigt  mit  dem  Ertrage. 

Andrerseits  führt  das  Gegenteil,  die  Vernachlässi- 
gung der  Bodenkultur,  der  Preisfall  der  Bodenprodukte, 
die  Preissteigerung  der  Fabrikate  infolge  des  Verfalls 
der  Industrie,  die  Abnahme  des  wirklichen  Reichtums 
der  Gesellschaft  —  alles  dies  führt  dahin,  die  Grund- 
rente zu  vermindern,  den  wirklichen  Reichtum  des 
Grundeigentümers  zu  schmälern,  seine  Fähigkeit,  die 
Arbeit  oder  das  Arbeitsprodukt  andrer  Leute  zu  kaufen, 
zu  verringern. 

Der  gesamte  Jahresertrag  des  Bodens  und  der 
Arbeit,  beziehungsweise  der  Gesamtpreis  dieses  Jahres- 
ertrags zerfällt,  wie  bereits  bemerkt,  naturgemäß  in 
drei  Teile:  die  Grundrente,  den  Arbeitslohn  und  den 
Kapitalgewinn,  und  bildet  ein  Einkommen  für  drei  ver- 
schiedene Volksklassen,  nämlich  für  die,  welche  von  der 
Rente,  die,  welche  vom  Lohn,  und  die,  welche  vom 
Gewinn  leben.  Dies  sind  die  drei  großen,  ursprünglichen 
Stände,  aus  denen  jede  zivilisierte  Gesellschaft  besteht, 


344  Ei"stes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskral't  der  Arbeit. 

und  aus  deren  Einkommen  schließlich  das  Einkommen 
aller  anderen  Stände  bestritten  wird. 

Das  Interesse  des  ersten  dieser  drei  großen  Stände 
ist,  wie  aus  dem  eben  gesagten  hervorgeht,  mit  dem 
allgemeinen  Interesse  der  Gesellschaft  innig  und  unzer- 
trennlich verbunden.  Was  dem  einen  förderlich  oder 
hinderlich  ist,  das  ist  dies  notwendig  auch  dem  anderen. 
Werden  Angelegenheiten  des  Verkehrs  oder  der  Politik 
öffentlich  beraten,  so  können  die  Grundeigentümer, 
wenigstens  wenn  sie  ihr  Interesse  einigermaßen  ver- 
stehen, niemals  die  öffentliche  Meinung  irreleiten,  um 
das  Sonderinteres'se  ihres  Standes  dadurch  zu  fördern. 
Freilich  mangelt  ihnen  die  Kenntnis  ihrer  eigenen 
Interessen  nur  allzuoft.  Sie  sind  die  einzigen  unter  den 
drei  Ständen,  die  ihr  Einkommen  weder  Arbeit  noch 
Sorge  kostet,  die  von  ihren  Einkünften  gleichsam  auf- 
gesucht werden  und  die  weder  Pläne  noch  Projekte 
zu  machen  brauchen.  Gleichgültigkeit,  die  natürliche 
Folge  der  Bequemlichkeit  und  Sicherheit  ihrer  Lage, 
macht  sie  nur  allzuoft  nicht  nur  unwissend,  sondern 
auch  jener  Anstrengung  des  Geistos  unfähig,  die  er- 
fordert wird,  um  die  Folgen  politischer  Maßnahmen 
vorherzusehen  und  zu  begreifen. 

Das  Interesse  des  zweiten  Standes,  desjenigen,  der 
vom  Lohn  lebt,  ist  ebenso  innig  mit  dem  Interesse  der 
Gesellschaft  verknüpft,  als  das  des  ersten.  Der  Lohn  des 
Arbeiters  ist,  wie  bereits  gezeigt  worden,  niemals  so 
hoch,  als  wenn  die  Nachfrage  nach  Arbeit  stetig  zunimmt, 
und  die  beschäftigte  Arbeitermenge  von  Jahr  zu  Jahr 
erheblich  wächst.  Wenn  dieser  wahre  Reichtum  der 
Gesellschaft  stillstehend  bleibt, so  sinkt  der  Lohn  des  Ar- 
beiters bald  auf  das  Niveau,  auf  dem  er  nur  eben  noch  im- 
stande ist,  eine  Familie  durchzubringen,  oder  das  Ar- 
beitergeschlecht fortzupflanzen.  Gerät  die  Gesellschaft 
in  Verfall,  so  sinkt  der  Lohn  sogar  noch  tiefer.    Der 


Kap.  XI.:  Die  Grundrente.  3^5 

Stand  der  Eigentümer  mag  vielleicht  noch  mehr  bei 
dem  Gedeihen  der  Gesellschaft  gewinnen,  als  der  Arbeitor- 
stand;  aber  kein  Stand  leidet  so  grausam  beim  Verfalle 
der  Gesellschaft.  Obgleich  aber  das  Interesse  des  Arbei- 
ters so  eng  an  das  der  Gesellschaft  geknüpft  ist,  so  ist 
er  doch  unfähig,  dieses  Interesse  zu  begreifen,  oder 
seinen  Zusammenhang  mit  dem  eigenen  zu  verstehen. 
Seine  Lage  läßt  ihm  keine  Zeit,  sich  darüber  gehörig 
zu  unterrichten,  und  Erziehung  und  Gewohnheiten  sind 
bei  ihm  gewöhnlich  dazu  angetan,  ihn  urteilsunfähig  zu 
machen,  selbst  wenn  er  aufs  beste  darüber  unterrichtet 
wäre.  Daher  wird  bei  öffentlichen  Beratungen  auf  seine 
Stimme  nur  wenig  gehört  und  geachtet,  außer  in  ge- 
wissen Fällen,  wo  sein  Notruf  von  den  Arbeitgebern  er- 
regt, angetrieben  und  unterstützt  wird,  nicht  in  seinem, 
sondern  in  ihrem  eigenen  Interesse. 

Seine  Arbeitgeber  bilden  den  dritten  Stand,  den 
Stand  derer,  die  vom  Gewinn  leben.  Das  behufs  Ge- 
winn angelegte  Kapital  setzt  den  größten  Teil  der 
nützlichen  Arbeit  einer  Gesellschaft  in  Bewegung.  Die 
Pläne  und  Entwürfe  derer,  welche  Kapitalien  anlegen, 
regeln  und  leiten  die  wichtigsten  Arbeitsverrichtungen, 
und  Gewinn  ist  der  allen  diesen  Plänen  und  Entwürfen 
zu  Grunde  liegende  Zweck.  Allein  der  Gewinnsatz  steigt 
nicht,  wie  die  Rente  und  der  Arbeitslohn,  mit  dem  Ge- 
deihen der  Gesellschaft,  und  sinkt  nicht  mit  ihrem  Ver- 
fall. Er  ist  im  Gegenteil  seiner  Natur  nach  in  reichen 
Ländern  niedrig,  in  armen  hoch,  und  in  Ländern,  die 
am  schnellsten  ihrem  Untergang  entgegeneilen,  stets  am 
höclisten.  Das  Interesse  dieses  dritten  Standes  hat  mit- 
hin nicht  den  gleichen  Zusammenhang  mit  dem  allge- 
meinen Interesse  der  Gesellschaft,  wie  das  der  beiden 
anderen.  Großhändler  und  Fabrikherren  sind  in  diesem 
Stande  die  beiden  Klassen,  die  gewöhnlich  die  größten 
Kapitalien    anlegen,  und    sich    durch    ihren  Reichtum 


346  Erstes  Bucli:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 

das  meiste  Ansehen  verschaffen.  Da  sie  sich  ihr  ganzes 
Leben  lang  mit  Plänen  und  Entwürfen  tragen,  haben 
sie  oft  einen  schärferen  Verstand  als  die  meisten  Land- 
edelleute.  Allein  da  ihre  Gedanken  sich  gewöhnlich  mehr 
mit  dem  Interesse  ihres  besonderen  Geschäftszweiges  be- 
schäftigen, als  mit  dem  Interesse  der  Gesellschaft,  so 
kann  man  sich  auf  ihr  Urteil,  selbst  wenn  es  mit  der 
größten  Aufrichtigkeit  gegeben  wird  —  was  nicht  in 
allen  Fällen  geschieht  —  weit  mehr  hinsichtlich  des 
ersteren,  als  des  letzteren  verlassen.  Ihre  Überlegen- 
heit über  die  Landedelleute  besteht  nicht  sowohl  in 
ihrer  besseren  Einsicht  in  die  öffentlichen  Interessen, 
als  darin,  daß  sie  ihre  eigenen  Interessen  besser  wür- 
digen, als  jene  die  ihrigen.  Infolge  dieser  überlegenen 
Kenntnis  ihres  eigenen  Interesses  haben  sie  oft  die 
Großmut  des  Landadels  gemißbraucht,  und  ihn  über- 
redet, sowohl  sein  eigenes  wie  das  Interesse  des  Staats 
preiszugeben,  in  der  einfältigen,  aber  ehrlichen  Über- 
zeugung, daß  das  öffentliche  Interesse  durch  das  der 
Großhändler  und  nicht  durch  das  der  Landedelleute 
gefördert  werde.  Das  Interesse  der  Händler  in  jedem 
Zweige  des  Handels  und  der  Gewerbe  ist  jedoch  stets 
in  gewisser  Hinsicht  vom  öffentlichen  Interesse  ver- 
schieden und  ihm  sogar  entgegengesetzt.  Es  liegt 
immer  im  Interesse  der  Händler,  den  Markt  zu  er- 
weitern und  den  Wettbewerb  einzuschränken.  Die  Er- 
weiterung des  Marktes  ist  oft  für  das  öffentliche 
Interesse  vorteilhaft,  aber  die  Einschränkung  des  Wett- 
bewerbs muß  ihm  stets  schädlich  sein,  und  kann  nur 
dazu  dienen,  den  Händlern  gröl3ere  Gewinne  zu  ver- 
schaffen, als  sie  ihrer  Natur  nach  sein  würden,  und 
sie  dadurch  instand  zu  setzen,  zu  ihren  Gunsten  den 
übrigen  Bürgern  eine  sinnlose  Abgabe  aufzulegen. 
Vorschläge  zu  neuen  Gesetzen  oder  Regelungen  des 
Verkehrs,    welche    von    dieser    Seite    kommen,    sollte 


Die  Preise  des  Weizens  in  England. 


347 


man  stets  nur  mit  der  größten  Vorsicht  aufnehmen  und 
sie  niemals  billigen,  bevor  man  sie  nicht  nur  mit 
der  gewissenhaftesten,  sondern  auch  mit  der  arg- 
wöhnischsten Aufmerksamkeit  lange  und  reiflich  ge- 
prüft hat.  Sie  kommen  von  einer  Klasse  von  Leuten, 
deren  Interesse  niemals  genau  mit  dem  öffentlichen 
zusammenfällt,  die  gewöhnlich  ein  Interesse  haben, 
das  Publikum  zu  täuschen  und  selbst  zu  bedrücken, 
und  die  es  wirklich  bei  vielen  Gelegenheiten  getäuscht 
und  bedrückt  haben. 


Die  Weizenpreise  in  England  nach  Fleetwood. 


12 
Jahre. 

Preis 
Weizen 

des  Quarters 
in  jedem  Jahre. 

DurohsehuiU  der  ver- 
schiedeneu Preise  ein 
und  desselben  Jahres. 

üurohsohnittspreis  je- 
des Jahres  uaeh.jetzifyem 
Gelde  bereohnel. 

^ 

sh. 

(l. 

je 

sh.         d. 

^        sh. 

a. 

1202 

E 

12 
12 

^j 

— 

—        — 

1        16 

— 

1205 

13 

— 

13          5 

2       

3 

15 

1223 

— ■ 

12 

— 

— 

—        — 

1        16 

-- 

1237 

— 

3 

4 

— 

—        — 

—        10 

— 

1243 

— 

2 

— 

— 

—        — 

—          6 

— 

1244 

— 

2 

— 

— 

—       — 

—          6 

— 

1246 

— 

16 

— 

— 

—       — • 

2          8 

— 

1247 

. — 

13 

4 

— 

—       — 

2        

— 

1257 

1 
f  1 

4 

B 

— 

—       — 

3        12 

— 

1258 

- 

15 

— 

17        — 

2        11 

— 

— 

16 

1270 

{t 

16 

8 

-} 

5 

12        — 

16        16 

— 

1286 

{- 

2 
16 

-] 

— 

9          4 
Summe: 

1          8 

— 

35          9 

3 

Dure 

iSL'luiiUspreis: 

2        19 

iVi 

348  Erstes   Buch:  Zunuhme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 


12 

Jahre, 

Preis 
Weizen 

des  Quarters 
in  jedem  Jahre 

Durcbsclniitt  der  ver- 
si'liiodenen  Preise  ein 
und  desselben  Jaiires. 

Durchf- 

des  Jahi 

Gel( 

elmiltspreis  je- 
"esnaeh  jelzif^em 
e  boreelinet. 

^ 

sh. 

d. 

jC         Sil.           d. 

je 

sh.           d. 

1287 



3 

4 

—          —          — 

— 

10        — 





4 

1288 



3 

9 
12 

6 

6 

8 

4 
4) 

—         3        'U 

9       •^'4 

1289 

1 

2 

—  . 

—      10    PA 

1 

10    42/4 

10 

8 

1290 

16 



__      

2 

8       — 

1294 



16 

— 

—      —      — 

2 

8       — 

1802 



4 

— 

—      —      — 

— 

12       — 

1309 

■ — 

7 

2 

—      —      — 

1 

1          6 

1315 

1 
(     1 

1 
1 

— 

— 

—      —      — 

3 

—       — 

131G 

10 
12 

— 

1        10          6 

4 

11          6 

2 

— 

— . 

■  2 

4 



— 

14 

— 

1317 

2 
4 

13 

6 

8 

1        19          6 

5 

18         6 

1336 

— 

2 

— 

—        —        — 

— 

6       — 

1338 

3 

4 

Summe : 

Durchschnittspreis: 

— 

10       — 

23 

4      IIV4 

1 

18        8 

i)ie  Preise  des  Weizens  in  Eneland. 


349 


12 

Jalire. 

Preis 
Weizen 

des  Quarters 
in  jedem  Jahre. 

nurohsobnitt  der  ver- 
sehiedenen  Preise  ein 
und  desselben  Jahres. 

Durehsi 

dos  Jährt 

Geldi 

hnittspi 

snarhj 

berech 

eis  je- 
>tzig-em 
net. 

£ 

sh. 

d. 

£         sh.           d. 

£ 

sh. 

d. 

1339 

— 

9 

— 

—          —         — 

1 

7 



1349 

— 

2 

— 

—         —         — 

— 

5 

2 

1359 

1 

6 

8 

—          —           _ 

3 

2 

2 

1361 

— 

2 

— 

—         —          _ 

— 

4 

8 

13Ü3 

— 

15 

— 

—         — . 

1 

15 

— 

1369 

{} 

4 

— 

1          2        — 

2 

9 

4 

1379 

— 

4 

— 

—        —        — 

— 

9 

4 

1387 

f- 

2 
13 

4] 

—        —       — 

— 

4 

8 

1390 

\- 

14 

16 

— ■' 

—        14          5 

1 

13 

7 

1401 

16 

— 

_       —        — 

1 

17 

4 

1407 

t 

4 
3 

^'^} 

—          3        10 

— 

8 

11 

1416 

16 

Summe: 

Durchschnittspreis: 

1 

12 

— 

15 

9 

2 

1 

5 

9^/6 

1423 

— 

8 



—        — 

— 

16 

— 

1425 

— 

4 

— 

—        —        — 

— 

8 

— 

1434 

1 

6 

8 

—        —        — 

2 

13 

4 

1435 

— 

5 

4 

—        —        — 

— - 

10 

8 

1439 

{; 

6 

-^ 

1          3          4 

2 

6 

8 

1440 

1 

4 

— 

—       —       — 

2 

8 

— 

1444 

{= 

4 
4 

4 

—         4          2 

— 

8 

4 

1445 

— 

4 

6 

— 

9 

— 

1447 

— 

8 

— 

—       —       — 

— 

16 

— 

1448 

— • 

6 

8 

—       —       — 

— • 

13 

4 

1449 

— 

5 

— 

—       —       — 

— 

10 

— 

1451 

8 

Summe: 

Durclisclinittspreis: 

— 

16 

— 

12 

15 

4 

1 

1 

3V3 

350  Ei'stes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 


12 
Jahre. 

Preis 
Weizen 

des  Quarters 
ia  jedem  Jahre. 

Durchsohnitt  der  ver- 
schiedenen Preise  ein 
und  desselben  Jahres. 

Durchschnittspreis  je- 
des Jahres  nach  jetzig'cm 
Gelde  berechnet. 

£ 

sh. 

d. 

^        sh.         d. 

£ 

sh. 

d. 

1453 

— 

5 

4 

—        —        — 

— 

10 

8 

1455 



1 

2 

—        —        — 

— 

2 

4 

1457 



7 

8 

—        — -        — 

— 

15 

4 

1459 

— 

5 

— 

—        —        — 

— ■ 

10 

— 

1460 



8 

— 

—        —        — 

— 

16 

— 

1463 

t 

2 

1 

-^} 

—          1        10 

— 

3 

8 

1464 



6 

8 

—        —       — 

— 

10 

— 

1486 

1 

4 

— 

—        —        — 

1 

17 

— 

1491 

— 

14 

8 

—        —        — 

1 

2 

— 

1494 

— 

4 

— 

—        -^ 

— 

6 

— 

1495 



3 

4 

—       — 

— 

5 

— 

1497 

1 

Summe : 
Durchschnittspreis: 

1 

11 

— 

8 

9 

— 

— 

14 

1 

1499 

— 

4 

— 

—        —        — 

— 

6 

— 

1504 

— 

5 

8 

—        —        — 

— 

8 

6 

1521 

1 

— 

— 

—        —        — 

1 

10 

— 

1551 

— 

8 

— 

—        —        — 

— 

2 

— 

1553 



8 

— 

—        —        — 

— 

8 

— 

1554 



8 

— 

—        —        — 

— 

8 

— 

1555 

— 

8 

— 

—        — .        — . 

— 

8 

— 

1556 

— 

8 

~ 

—        —        — 

■■ — 

8 

— 

1557 

ll 

4 
5 

8 

4) 

—       17     8V2 

— 

17 

8V2 

13 

1558 

— 

8 

— 

—       —       — 

— 

8 

— 

1559 

— 

8 

— 

—       —       — 

— 

8 

— 

1560 

8 

Summe : 

Durchschnittspreis: 

— 

8 

— 

6 

— 

2V2 

10 

s/24 

Die  Preise  des  Weizens  in  England. 


351 


12 

.Tahro. 

Preis 
Weizen 

des  Quarters 
ia  jedem  Jabro. 

Durchschnitt  der  ver- 
schiedenen Preise  ein 
und  desselben  Jahres. 

Durchschnittspreis  je- 
des Jahres  nach  je  tzig'em 
Gelde   bereclinet. 

£ 

sh. 

d. 

je       sh.         d. 

je 

sh. 

d. 

1561 

— 

8 

— 

—        —       — 

— 

8 

— 

1562 

— 

8 

— 

—        —       — 

— 

8 

— 

1574 

{\ 

16 
4 

=} 

2        —        — 

2 

— 

— 

1587 

3 

4 

— 

—        —        — 

3 

4 

— 

1594 

2 

16 

— 

—        —        — 

2 

16 

— 

1595 

2 

13 

— 

—        —        — 

2 

13 

— 

1596 

4 

— 

— 

—       —        — 

4 

— 

— 

1597 

{\ 

4 

=} 

4        12       — 

4 

12 

— 

1598 

2 

16 

8 

—       —       — 

2 

16 

8 

1599 

1 

19 

2 

—       —       — 

1 

19 

2 

1600 

1 

17 

8 

—       —       — 

1 

17 

8 

1601 

1 

14 

10 

Summe: 

Durchschnittspreis: 

1 

14 

10 

28 

9 

4 

2 

7 

5V3 

Preise  des  Quarters  von  9  Bushel  des  besten  oder  höchst- 
bezahlten Weizens  auf  dem  Markte  von  Windsor  am  Marien- 
und  am  Michaelistage  von  1595  bis  1764.  Der  Preis  jedes 
Jahres  ist  das  Mittel  der  höchsten  Preise  jener  beiden 
Markttage. 


Jahre. 

Quarte 

r  Weizen. 

Jahro. 

Quarter 

Weizen 

je 

sh. 

d. 

je 

sh. 

d. 

1595      .      . 

2 

— 

— 

Transport : 

10 

14 

2 

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352   Erstes  Biicli:  Zunahme  in  der  Ertragskraft  der  Arbeit. 


Jahre. 

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Die  Preise  des  Weizens  in  Enaland. 


353 


Jahre. 


Quarter  Weizen. 


Quarter  "Weizen. 


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18     10 

3     — 

—       4 

18     — 


A.  Smitli.  Volkswohlstand.     1. 


77        8     10 
23 


354   Erstes  Buch:  Zunahme  in  der  Ertragskraft   der  Arbeit. 


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13 

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355 
VERLAG  von  R.  L.  PRAGER  in  BERLIN,  NW.  7. 


Wirthschaftliche  Weltlage. 

Börse  und  Geldmarkt  für  die  Jahre  1888,  91,  92,  93,  94, 
95,  96,  97,  98,  99,    1900,  Ol. 
'  Vou  Julius  Basch 

Redakteur  der  „National-ZeitUDg". 
Kl.  8.     12  Hefte.     1889-1902.     Eleg.  brosch.     Preis  ä  M  1.—. 

JOHN  LAW  und  sein  System. 

Ein  Beitrag  zur  Finanz-  und  Münzgeschichte. 

Vou  S.  AlexLi. 

8.     1885.    VII,  67  S.  mit  2  Tafelu  Abbildungen  u.  3  Tabellen.     Brosch.  M  5. 

Die  „Ausschreitungen  des  Buchhandels" 
Antwort  auf  die  Denl<sclirift  des  Alcademischen  Scliutzvereins 

von  R.  JL.  Präger. 

IV,  142  Seiten.  8.  1903.  Eleg.  brosch.  Preis  M  1,20. 
Eine  sachliche,  den  Behauptungen  Prof.  Karl  Büchers  in  seiner  Denkschrift 
auf  Tritt  und  Schritt  nachgehende  und  sie  widerlegende  Arbeit. 

Urheberrecht  und  Buchhandel 

in  sozialistischer  Beleuchtung. 

Kleinhandel,  Warenhäuser,  Rabatt. 

Studien  vou  Robert  Prager. 

8.     34  Seiten.     1900.     Preis  60  Pf. 

Watrenhäuser  und  BuchhandeL 

Eine  Osterbetrachtung  vou  Robert  Prager. 
8.  8  SS.  1901.  Preis  40  Pf. 


Das  Recht  der  Handlungsgehilfen  nach  dem  neuen  HGB. 

Zwei  Vorträge  gebalten  von  R,  L.  Prager. 

gr.  8.     17  Seiten.     1898.     M  —.60. 

Das  Recht  am  eigenen  Bilde. 

Bibliotheken,  Bibliothekare  und  Buchhandel. 

Die  Bibliothek  des  Börsenvereins. 

Von  Robert  Prager. 

8.  1903.  44  Seiten.  Preis  M  1. 

Socialpolitische  Studien^ 

Beiträge  zur  Politik,  Geschichte  und  Ethik  der  socialen  Frage. 

Zwei  Bücher. 
Vou  Dr.  Heinrich  Hirsch. 

VIII,  144  S.     1897.     gr.  8.     Eleg.  broch.  M  3. 


356 

VERLAG  von  R.  L  PRAGER  in  BERLIN,  NW.  7. 


Verfassungsgeschichte  der  deutschen  Freistädte. 

Von  W.  Arnold. 

2  Bde.  8.  XL,  444  u.  XVI,  502  SS.  (Ladenpr.  M  IG)  herabg.  Preis  M  H. 

Die  Territorien 

in  Bezog  anf  ihre  Bildang  und  £ntwickelaiig. 

Von  Georg  Landau. 
gr.  8.  VIII,  392  S.  1854.  Ladenpreis  M  7,50.  Herabgesetzter  Preis  M  4. 

H.  Storch 

Handhucit  der  Mationaiwiriltscitafisieitrem 

Nach  dem  Französischen  mit  Zusätzen 

von  K.  H.  Rau. 

3  Bde.  8.  XX,  492  Seiten.  VIII,  518  Seiten.  VI,  498  Seiten  u.  Tfln.  1819-20. 

(Ladenpreis  M  22,50.)  Herabgesetzter  Preis  M.  5. 

Die  Statistil(  und  die  Sozialwissenscliaften. 

Von  E.  IMorpurgo. 

Aus  dem  Italienischen. 

gr.  8.    VIII,  550  SS.    Mit  3  Tfln.  u.  1  Karte.    1877.    (Ladenpreis  M  U.) 

Herabgesetzter  Preis  IM  5. 

Vorlesungen  über  englische  Verfassungsgeschichte. 

Von  M.  Bädinger. 

gr.  8.    X,    341  SS.    1880.     (Ladenpreis  M  9)      Herabgesetzter  Preis  M  4.50. 

Cr.  J.  Göschen 

Theorie  der  auswärtigen  Wechselcourse. 

Nach  Leon  Say's  2.  franz.  Ausgabe  übersetzt  von  F.  Stöpel. 
XII,  132  S.   gr.  8.    1875.    (Ladenpreis  M  2,40)   Herabgesetzter  Preis  M  1,50. 

Histoire  des  Idees  sociales  avant  la  revolution  frangaise 

ou  les  socialistes  mod.  devances  et  depasses 
par  les  anciens  penseurs  et  philosophes. 

Avec  textes  ä  l'appui. 

Par  F.  Villegardelle- 

12.  226  pp.  1846.  Prix  M  —,80. 

Leopold  von  Ranke 

Lichtstrahlen  aus  seinen  Werken. 

Gesammelt  und  mit  einem  Lebensabriss  herausgegeben 
von  Arthur  Winckler. 

XXXII,  176  Seiten,  kl.  8.  1885.  Eleg.  brosch.  M  3.-;  geb.  M  4.-. 

Dreissig    Exemplare    auf    Büttenpapier,    auf    der  Presse  numeriert    und    m 

Pergamentumschlag  ä  M  10. 


Haus  Adler,  Buobdruckorei,  Greifswald. 


Bibliothek 


der 


Volkswirtschaftslehre 

und 

Gesellschaftswissenschaft. 

Begründet  von  F.  Stöpel. 

Fortgeführt 

von 

Robert  Prager. 
IV. 


BERLIN 

VERLAG  VON  R.  L.  PRAGER 
1906. 


Adam  Smith 

Untersuchung 

über 

das  Wesen  und  die  Ursachen 

des 

Volkswohlstandes. 


Aus  dem  Englischen  übertragen 


F.  Stöpel. 


Zweite  Auflage  durchgesehen  und  verbessert 

von 

Robert  Prager. 


Zweiter  Band. 


BERLIN 

VERLAG  VON  R.  L.  PRAGER 

1906. 


Inhalt  des  zweiten  Bandes. 


Seite 

Zweites  Buch. 

Das  Kapital;  sein  Wesen,  seine  Anhäufung  und  Anlage. 

Einleitung- 1 

Erstes  Kapitel. 

Einteilung  der  Kapitalion       5 

Zweites  Kapitel. 

Das  Geld  als  ein  be.sonderei-  Zweig  des  Gesamtkapitals 
der  Gesellschaft,  oder  die  Unterhaltungskosten  des 
Nationalkapitals 16 

Drittes  Kapitel. 

Kapitalanhäufung  oder  produktive  und  unproduktive  Arbeit       77 

Viertes  Kapitel. 

Das  auf  Zinsen  ausgeliehene   Kapital 104 

Fünftes  Kapitel. 

Die  verschiedenen  Kapitalanlagen IKJ 

Drittes  Baeh. 

Die  verschiedenen  Fortschritte  zum  Reichtum  bei  den 
verschiedenen  Nationen. 

Erstes  Kapitel. 

Der  natürliche  Fortschritt  zum  Reichtum 138 

Zweites  Kapitel. 

Entmutigung    des   Ackerbaues    in    dem   früheren    Zustand 

Europas  nach  dem  Fall  des  römischen   Reichs     ,     .     .      \4~) 

Drittes  Kapitel. 

Entstehen   und   Wachsen    der    Städte    nach   dem    Fall    des 

römischen  Reichs IGl 

Viertes  Kapitel. 

Wie    der    städtische    Verkehr    zur    \'er\ollk()mmnung    iler 

Landwirtschaft  beigetragen   hat 17ti 


VI 


Viertes  Buch. 


Die  Systeme  der  politischen  Ökonomie. 

Einleitung 19-4 

Erstes  Kapitel. 

Grundsätze  des  Handels-  oder  Morkantilsysteins    ....     195 

Zweites  Kapitel. 

Beschränkungen  der  Einfuhr  solcher  AVaren,  die  im  Lande 

selbst  hervorgebracht  werden  können 226 

Drittes  Kapitel. 

Die  außergewöhnlichen  Einfuhrbeschränkungen  von  Waren 
aus  solchen   Ländern,    von  denen   angenommen    wird, 
daß  die   Handelsbilanz  mit  ihnen   ungünstig  ist. 
Erster  Teil. 

Die  Unvernuni't  solcher  Einschränkungen  selb.st  nach  den 

Grundsätzen  des  Handelssystems 254 

Ab.schweifung  über  die   Depositenbanken,   namentlich   die- 
jenige Amsterdams 2(53 

Zweiter  Teil. 
Von  der  Unvernunft   solcher   außerordentlichen  Beschrän- 
kungen nach  anderen  Grundsätzen 276 

Viertes  Kapitel. 

Über  Rückzölle 291 


Zweites  Buch. 

Das  Kapital, 
sein  Wesen,  seine  Anhäufung  und  Anlage. 


Einleitung. 

Im  unkultivierten  Zustande  der  Gesellschaft,  wo  es 
keine  Arbeitsteilung  gibt,  Tausche  nur  selten  vorkom- 
men, und  Jedermann  sich  Alles  selbst  verfertigt,  braucht 
kein  Yorrat  im  Voraus  angesammelt  zu  werden,  um  die 
Greschäfte  der  Gesellschaft  damit  zu  betreiben.  Jeder- 
mann sucht  durch  eigene  Arbeit  seine  gelegentlichen 
Bedürfnisse  zu  befriedigen.  Wenn  er  hungrig  ist,  geht 
er  in  den  Wald,  um  zu  jagen;  ist  seine  Kleidung  ab- 
getragen, so  bedeckt  er  sich  mit  dem  Felle  des  ersten 
besten  von  ihm  getöteten  großen  Tieres,  und  wenn 
seine  Hütte  baufällig  wird,  so  bessert  er  sie,  so  gut  es 
gehen  will,  mittels  Holz  und  Rasen  aus. 

Ist  hingegen  die  Arbeitsteilung  erst  einmal  durch- 
weg eingeführt,  so  kann  eines  Menschen  eigene  Arbeit 
nur  einen  sehr  kleinen  Teil  seiner  gelegentlichen  Be- 
dürfnisse befriedigen.  Den  größten  Teil  von  ihnen 
liefern  ihm  die  Erzeugnisse  Anderer,  die  er  mit  den  Er- 
zeugnissen seiner  Arbeit,  oder,  was  dasselbe  ist,  mit  dem 

Adam  Smith,  Volkswohlslaud.  H.  1 


2  EinleitTino-. 

Preise  dieser  Erzeugnisse  kauft.  Dieser  Kauf  kann  je- 
doch erst  dann  erfolgen,  wenn  das  Produkt  seiner  Ar- 
beit nicht  nur  fertig  ist,  sondern  auch  einen  Käufer 
gefunden  hat.  Es  muß  daher  ein  hinreichender  Vorrat 
verschiedener  Waren  gesammelt  werden,  um  ihn  zu 
unterhalten  und  wenigstens  so  lange  mit  Rohstoffen  und 
Werkzeugen  zu  versorgen,  bis  Beides  eingetreten  ist. 
Ein  Weber  kann  sich  seinem  Geschäfte  nicht  gänzlich 
hingeben,  wenn  nicht  zuvor  irgendwo,  sei  es  in  seinem 
eigenen  oder  im  Besitze  einer  anderen  Person,  ein  hin- 
reichender Vorrat  gesammelt  worden  ist,  um  ihm  Un- 
terhalt zu  gewähren  und  ihn  mit  den  Materialien  und 
Werkzeugen  zu  seiner  Arbeit  so  lange  zu  versorgen, 
bis  er  sein  Gewebe  nicht  nur  vollendet,  sondern  auch 
verkauft  hat.  Diese  Anhäufung  muß  offenbar  erfolgt 
sein,  ehe  er  seinen  Fleiß  für  so  lange  Zeit  einem 
solchen  Geschäfte  widmen  kann. 

Wie  die  Anhäufung  des  Vorrates  naturgemäß  der 
Arbeitsteilung  vorhergehen  muß,  so  kann  auch  die  Ar- 
beit nur  in  dem  Maße  mehr  und  mehr  geteilt  werden, 
wie  zuvor  mehr  und  mehr  Vorräte  gesammelt  sind. 
Dieselbe  Anzahl  Leute  kann  eine  weit  größere  Menge 
Rohstoffe  verarbeiten,  wenn  die  Arbeit  mehr  geteilt 
wird,  und  da  die  Verrichtungen  jedes  Arbeiters  sich 
immer  mehr  vereinfachen,  so  werden  viele  neue  Ma- 
schinen erfunden,  die  zur  Erleichterung  und  Abkürzung 
jener  Verrichtungen  dienen.  Wenn  daher  die  Arbeits- 
teilung fortschreitet,'  so  muß,  um  einer  gleichen  Anzahl 
von  Arbeitern  fortwährend  Beschäftigung  bieten  zu 
können,  ein  gleicher  Vorrat  von  Lebensmitteln  und  ein 
größerer  Vorrat  von  Matei-ialien  und  Werkzeugen  ange- 
sammelt werden,  als  in  einem  roheren  Zustand  erforder- 
lich war.  Die  Zahl  der  Arbeiter  in  jedem  Geschäfts- 
zweige wächst  aber  im  Allgemeinen  mit  der  Arbeits- 
teilung in  diesem  Zweige,  oder  vielmehr  die  Zunahme 


Einleituno-.  3 

ihrer  Anzahl  macht  es  ihnen  möglich,  in  dieser  Weise 
die  Arbeit  unter  sich  zu  teilen. 

Die  Ansammlung  von  Vorräten  oder  Kapitalien  ist 
also  notwendig,  um  diesen  großen  Fortschritt  in  der 
Erhöhung  der  Erzeugungskraft  der  Arbeit  zu  bewerk- 
stelligen, und  die  Kapitalienansammlung  ihrerseits  führt 
wiederum  diesen  Fortschritt  herbei.  Wer  sein  Kapital 
im  Unterhalt  von  Arbeit  anlegt,  wünscht  natürlich  es 
so  anzulegen,  daß  eine  möglichst  große  Menge  Arbeit 
hervorgebracht  wird.  Er  sucht  daher  sowohl  unter 
seinen  Arbeitern  die  geeignetste  Teilung  der  Beschäf- 
tigungen herbeizuführen,  als  sie  mit  den  besten  Werk- 
zeugen zu  versehen,  die  er  erfinden  oder  kaufen  kann. 
Er  vermag  beides  gewöhnlich  nur  im  Verhältnis  zu  der 
Größe  seines  Kapitals  oder  der  Zahl  von  Leuten,  die 
es  beschäftigen  kann.  Der  Gewerbfleiß  eines  Landes 
nimmt  daher  nicht  aliein  mit  der  Zunahme  des  Kapitals, 
das  zu  dessen  Unterhalt  dient,  zu,  sondern  infolge 
dieser  Zunahme  bringt  auch  die  nämliche  Menge  Ar- 
beit eine  weit  größere  Menge  Erzeugnisse  hervor. 

Dies  sind  im  Allgemeinen  die  Wirkungen  der 
Kapitalienzunahme  auf  den  Gewerbfleiß  und  dessen 
erzeugende  Kräfte. 

Im  folgenden  Buch  suche  ich  das  Wesen  des  Kapi- 
tals, die  Wirkungen  seiner  Ansammlung  in  verschiedenen 
Kapitalsgattungen  und  der  verschiedenen  Verwendungen 
dieser  Kapitalien  darzulegen.  Dies  Buch  zerfällt  in  fünf 
Kapitel.  Im  ersten  Kapitel  suche  ich  die  verschiedenen 
Teile  oder  Zweige  zu  erklären,  in  welche  das  Kapital, 
sei  es  eines  Individuums  oder  einer  großen  Gemein-. 
Schaft,  sich  teilt.  Im  zweiten  suche  ich  das  Wesen  und 
die  Verrichtungen  des  Geldes,  als  eines  besonderen 
Teiles  des  allgemeinen  Gesellschaftskapitals,  zu  er- 
läutern. Das  Geldkapital  kann  entweder  von  seinem 
Besitzer  verwendet  oder  einer  anderen  Person  darge- 


4  Einleitung. 

liehen  werden.  Im  dritten  und  vierten  Kapitel  prüfe 
ich  die  Art  und  Weise  seiner  Wirksamkeit  in  diesen 
beiden  Beziehungen.  Das  fünfte  und  letzte  Kapitel 
handelt  von  den  Wirkungen,  die  die  verschiedenen 
Kapitalanlagen  unmittelbar  auf  die  Menge  der  Arbeit 
des  Volkes,  wie  auf  die  des  Jahresertrags  von  Boden 
und  Arbeit  hervorbrincjen. 


Erstes  K  a  [>  i  t  el. 

Einteilung  der  Kapitalien. 

Wenn  der  Vorrat,  den  jemand  besitzt,  gerade  nur 
hinreicht,  um  ihm  auf  einige  Tage  oder  Wochen  Unter- 
halt zu  gewähren,  so  denkt  er  schwerlich  daran,  ein 
Einkommen  daraus  ziehen  zu  wollen.  Er  verwendet  ihn 
so  sparsam  wie  möglich,  und  sucht  durch  seine  Arbeit 
das  Verbrauchte  zu  ersetzen,  bevor  Alles  verbraucht 
ist.  Sein  Einkommen  beruht  in  diesem  Falle  lediglich 
auf  seiner  Arbeit.  Dies  ist  die  Lage  der  meisten  Ar- 
beiter in  allen  Ländern. 

Besitzt  hingegen  jemand  einen  hinlänglichen  Vor- 
rat, um  ihm  auf  Monate  oder  Jahre  Unterhalt  zu  ge- 
währen, so  sucht  er  aus  dem  größeren  Teil  ein  Ein- 
kommen zu  ziehen,  und  hebt  nur  so  viel  für  seinen 
unmittelbaren  Verbrauch  auf,  als  er  bis  zu  dem  Augen- 
blick bedarf,  an  dem  das  Einkommen  eingeht.  Sein  Ge- 
samtvorrat zerfällt  mithin  in  zwei  Teile.  Derjenige  Teil 
von  ihm,  von  dem  er  ein  Einkommen  erwartet,  heißt 
sein  Kapital  (im  engeren  Sinne).  Der  andere  Teil  dient 
zu  seinem  unmittelbaren  Verbrauch,  und  besteht  ent- 
weder: erstens  in  demjenigen  Teile  seines  Gesamtvor- 
rats, der  von  vornherein  zu  diesem  Zwecke  aufgehoben 
wurde,  oder  zweitens  in  seinem  nach  und  nach  ein- 
gehenden Einkommen  (aus  was  für  einer  Quelle  es  auch 
fließe)  oder  drittens  in  solchen  Dingen,  die  mittelst  der 
beiden  ersteren  in  früheren  Jahren  gekauft  und  noch 
nicht  vollständig  verbraucht  worden  sind,  wie  etwa  ein 
Vorrat  von  Kleidern,  Hausgerät    und  Ähnlichem.     In 


(3  Zweites  Buch :  Das  Kapital. 

dem  einen  oder  dem  anderen,  oder  in  allen  dreien 
dieser  Artikel  besteht  der  Vorrat,  den  man  gewöhnlich 
für  den  eigenen  Verbrauch  aufhebt. 

Es  gibt  z^Yei  Mittel,  ein  Kapital  so  anzulegen,  daß 
es^Einkommen  oder  G-ewinn  liefert. 

Erstlich  kann  es  in  der  Landwirtschaft,  in  der  In- 
dustrie oder  im  Handel  angelegt  werden.  Das  auf  diese 
Weise  angelegte  Kapital  liefert  solange  kein  Einkommen, 
als  es  im  Besitz  des  Kapitalisten  bleibt,  oder  seine  ur- 
sprüngliche Gestalt  behält.  Die  Waren  des  Kaufmanns 
bringen  ihm  keine  Einkünfte  oder  Gewinne,  bis  er  sie 
für  Geld  verkauft,'und  das  Geld  bringt  ihm  ebensowenig 
Etwas,  bis  ^  er  dafür  wieder  Waren  eingetauscht  hat. 
Sein  Kapital  verläßt  ihn  in  der  einen  Form  und  kehrt 
in  einer  andern  zu  ihm  zurück,  und  nur  mittelst  dieses 
Umlaufes  oder  steten  Austauschs  kann  es  ihm  einen 
Gewinn  bringen.  Solche  Kapitalien  werden  daher  sehr 
treffend  umlaufende  Kapitalien  genannt. 

Zweitens  kann  das  Kapital  auf  die  Verbesserung  des 
Bodens,  zum  Kaufe  nützlicher  Maschinen  und  Werk- 
zeuge, oder  auf  ähnliche  Dinge  verwendet  werden,  die 
Einkommen  oder  Gewinn  liefern,  ohne  die  Besitzer  zu 
wechseln  oder  weiter  umzulaufen.  Solche  Kapitalien  wer- 
den daher  ganz  treffend  stehende  Kapitalien  genannt. 

In  den  verschiedenen  Beschäftigungen  ist  das  Ver- 
hältnis zwischen  den  in  ihnen  angelegten  stehenden  und 
umlaufenden  Kapitalien  sehr  verschieden.  Das  Kapital 
eines  ^Kaufmanns  z.  B.  ist  durchaus  ein  umlaufendes. 
Er  hat  keine  Maschinen  oder  Werkzeuge  zu  seinem  Han- 
del'nötig,  wenn  man  nicht  seinen  Laden  oder  Speicher 
als  solche  betrachten  will.  Vom  Kapital  der  Handwerker 
oder  Fabrikanten  ist  ein  Teil  stets  in  Werkzeugen  fest- 
gelegt. Bei  dem  einen  Gewerbe  ist  dieser  Teil  sehr  klein, 
bei  anderen^  groß.  Ein  Schneidermeister  hat  keine 
anderen  Instrumente  nötig,  als  ein  paar  Nadeln.    Der 


Kap.   I.:  Einteilung  der  Kapitalien.  7 

Schuhmacher  braucht  etwas  mehr;  das  Werkzeug  des 
Webers  ist  aber  weit  kostspieliger  als  das  des  Schuh- 
machers. Das  meiste  Kapital  aller  solcher  Handwerks- 
meister läuft  jedoch  in  dem  Lohn  der  Gesellen,  oder  im 
Preise  ihrer  Materialien  um,  und  wird  durch  den  Preis 
der  fertigen  Arbeit  mit  einem  Gewinn  wieder  bezahlt. 

In  anderen  Unternehmungen  ist  ein  weit  größeres 
stehendes  Kapital  erforderlich.  In  einem  großen  Eisen- 
werke z.  B.  lassen  sich  Hochöfen,  Schmieden,  Hammer- 
werke nicht  ohne  sehr  bedeutende  Kosten  herstellen. 
In  Kohlengruben  und  Bergwerken  aller  Art  sind  die 
zum  Auspumpen  des  Wassers  und  zu  anderen  Zwecken 
nötigen  Maschinen  oft  noch  teurer. 

Das  in  den  Ackerwerkzeugen  angelegte  Kapital  des 
Landmanns  ist  stehendes,  das  zum  Lohn  und  Unterhalt 
der  Knechte  und  Mägde  verwendete  umlaufendes  Kapital. 
Von  dem  einen  zieht  er  Gewinn,  indem  er  es  in  seinem 
Besitze  behält,  von  dem  anderen,  indem  er  es  ausgibt. 
Der  Preis  oder  Wert  seiner  Arbeitstiere  ist  ebenso  wie 
der  seiner  Ackerwerkzeuge  stehendes,  der  Unterhalt 
der  Tiere  ebenso  wie  der  der  Knechte  und  Mägde  um- 
laufendes Kapital.  Der  Landmann  erzielt  Gewinn,  indem 
er  die  Arbeitstiere  in  seinem  Besitz  behält,  und  ihnen 
Unterhalt  gibt.  Dagegen  sind  die  Anschaffungs-  und 
Unterhaltungskosten  des  nicht  zur  Arbeit,  sondern  zum 
Verkauf  bestimmten  und  gemästeten  Viehs  umlaufendes 
Kapital.  Der  Pächter  erzielt  Gewinn,  indem  er  es  her- 
gibt. Eine  Herde  Schafe  oder  Rinder,  die  man  in  frucht- 
baren Ländern  weder  zur  Arbeit  noch  zum  Verkauf, 
sondern  zu  dem  Zwecke  anschafft,  um  aus  ihrer  Wolle, 
ihrer  Milch,  ihrem  Nachwuchs  Gewinn  zu  ziehen,  ist 
stehendes  Kapital.  Der  Gewinn  wird  gemacht,  indem 
man  es  behält.  Ihr  Unterhalt  dagegen  ist  umlaufendes 
Kapital.  Der  Gewinn  wird  gemacht,  indem  man  das 
Futter  hergibt,  und  das  Kapital  geht  sowohl  mit  seinem 


8  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

eigenen  Gewinn,  als  auch  im  Preise  der  Wolle,  der 
Milch  und  des  Nachwuchses  mit  dem  Grewinne  vom 
ganzen  Preise  des  Viehes  wieder  ein.  Auch  der  Gesamt- 
wert der  Aussaat  ist  eigentlich  ein  stehendes  Kapital. 
Obgleich  es  zwischen  dem  Grund  und  Boden  und  dem 
Speicher  hin-  und  hergeht,  so  wechselt  es  doch  niemals 
den  Herrn,  und  läuft  daher  nicht  eigentlich  um.  Der 
Pächter  zieht  nicht  aus  dem  Verkauf,  sondern  aus 
dem  Zuwachs  seinen  Gewinn. 

Das  gesamte  Kapital  eines  Landes  oder  Volkes 
ist  dasselbe,  wie  das  aller  Einwohner  oder  Volksglieder 
zusammengenommen  und  zerfällt  demnach  in  dieselben 
drei  Teile,  deren  jeder  eine  bestimmte  Funktion  oder 
Aufgabe  hat. 

Der  erste  Teil  wird  zur  unmittelbaren  Konsum- 
tion aufbewahrt  und  ist  dadurch  gekennzeichnet,  daß 
er  kein  Einkommen  liefert.  Er  besteht  in  dem  Vorrat 
an  Nahrungsmitteln,  Kleidung  und  Hausgerät  u.  s.  w., 
der  von  den  Konsumenten  gekauft,  aber  noch  nicht 
ganz  verbraucht  ist.  Auch  die  Gesamtmasse  der  Wohn- 
häuser im  Lande  gehört  zu  diesem  ersten  Teile.  Das 
in  einem  Hause,  das  seinem  Eigentümer  als  Wohnhaus 
dient,  angelegte  Kapital  hört  sofort  auf  als  Kapital  zu 
fungieren  oder  seinem  Eigner  ein  Einkommen  zu  liefern. 
Ein  Wohnhaus  trägt  als  solches  nichts  zu  dem  Ein- 
kommen seines  Bewohners  bei,  und  obgleich  es  ihm 
ohne  Zweifel  nützlich  ist,  so  ist  es  dies  doch  in  keinem 
anderen  Sinne,  als  seine  Kleider  und  Möbel  auch,  die 
doch  keinen  Teil  seines  Einkommens,  sondern  einen  Teil 
seiner  Ausgaben  bilden.  AVird  das  Haus  an  Jemand 
vermietet,  so  muß  der  Mieter,  da  das  Haus  selbst  Nichts 
hervorbringen  kann,  die  Miete  stets  aus  einem  an- 
deren, von  Arbeit,  Kapital  oder  Grund  und  Boden  be- 
zogenen Einkommen  zahlen.  Obgleich  daher  ein  Haus 
seinem  Eigentümer   ein  Einkommen   liefern    und    sich 


Kap.  1:  Einteilung  der  Kapitiilieu.  9 

dadurch  für  ihn  als  Kapital  darstellen  kann,  so  kann  es 
doch  dem  Gemeinwesen  kein  Einkommen  liefern,  noch 
ihm  als  Kapital  dienen,  und  das  Einkommen  der  Ge- 
samtheit des  Volkes  kann  nicht  im  Geringsten  dadurch 
/ergrößert  werden.  Auch  Kleider  und  Hausgerät  bringen 
in  ähnlicher  Weise  zuweilen  ein  Einkommen,  und  dienen 
so  irgend  Jemandem  als  Kapital.  In  Ländern,  wo  Mas- 
kenbälle tiblich  sind,  macht  man  ein  Gewerbe  daraus, 
Maskenanzüge  auf  eine  Nacht  auszuleihen.  Tapezierer 
verleihen  oft  Möbel  monat-  und  jähr  weise,  und  es  gibt 
Unternehmer,  welche  die  Erfordernisse  einer  Beerdi- 
gung für  einen  Tag  oder  eine  "Woche  stellen.  Viele  ver- 
mieten möblierte  AVohnungen,  und  nehmen  nicht  nur 
für  die  Nutzung  der  Wohnung,  sondern  auch  für  die 
der  Möbel  eine  Miete.  Das  aus  solchen  Dingen  ge- 
wonnene Einkommen  muß  jedoch  am  Ende  stets  aus 
irgend  einer  anderen  Quelle  fließen.  Unter  allen  für 
den  unmittelbaren  Verbrauch  aufbewahrten  Kapitalien 
eines  einzelnen  oder  einer  Gesellschaft  wird  das  in 
Häusern  angelegte  am  langsamsten  verbraucht.  Ein 
Vorrat  an  Kleidern  kann  ein  paar  Jahre,  ein  Vorrat  an 
Gerät  ein  halbes  oder  ganzes  Jahrhundert  vorhalten, 
aber  gutgebaute  und  sorgsam  erhaltene  Häuser  könnten 
Jahrhunderte  dauern.  Obgleich  indeß  der  Termin 
ihrer  völligen  Abnutzung  sehr  entfernt  ist,  sind  sie 
dennoch  ebenso  wie  Kleider  und  Möbel  ein  zum  un- 
mittelbaren Verbrauch  bestimmtes  Kapital. 

Der  zweite  von  den  drei  Teilen,  in  die  das  Ge- 
samtkapital der  Gesellschaft  zerfällt,  ist  das  stehende 
Kapital,  dessen  Eigenschaft  es  ist,  Einkommen  oder  Ge- 
winn zu  liefern,  ohne  daß  es  umläuft  oder  den  Besitzer 
wechselt.  Es  besteht  hauptsächlich  aus  folgenden  vier 
Artikeln.  Erstlich  aus  all'  den  nützlichen  Maschinen 
und  Werkzeugen,  die  die  Arbeit  erleichtern  und  ab- 
kürzen.    Zweitens  aus  allen  Gebäuden,    die  nicht  nur 


IQ  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

ihrem  Eigentümer,  der  sie  vermietet,  sondern  auch 
dem  Mieter  ein  Einkommen  verschaffen;  wie  Läden, 
Warenlager,  Werkstätten,  Wirtschaftsgebäude  mit  den 
zugehörigen  Ställen,  Scheunen  usw.  Diese  sind  von 
bloßen  Wohnhäusern  sehr  verschieden.  Sie  sind  eine 
Art  geschäftlicher  Werkzeuge  und  können  in  diesem 
Lichte  betrachtet  werden.  Drittens  aus  den  Bodenver- 
besserungen, den  gewinnbringenden  Auslagen  für  Ur- 
barmachung, Entwässerung,  Einzäunung,  Düngung  und 
sonstige  Herrichtungen  des  Landes  zum  Ackerbau.  Ein 
kultiviertes  Landgut  kann  mit  allem  Recht  in  dem- 
selben Lichte  betrachtet  werden,  wie  die  nützlichen 
Maschinen,  die  die  Arbeit  erleichtern  und  abkürzen  und 
mittelst  deren  das  nämliche  umlaufende  Kapital  ein 
weit  größeres  Einkommen  liefern  kann.  Ein  solches 
Landgut  ist  eben  so  gewinnbringend  und  dabei  dauer- 
hafter als  irgend  eine  dieser  Maschinen,  da  es  oft  keine 
weiteren  Verbesserungen  erfordert,  als  die  vorteilhaf- 
teste Verwendung  des  zum  Anbau  bestimmten  Kapitals. 
Viertens  aus  den  erworbenen  Fähigkeiten  aller  Ein- 
wohner oder  Gesellschaftsglieder.  Die  Erwerbung  sol- 
cher Talente  erfordert  für  den  Unterhalt  während  der 
Ausbildung,  des  Studiums  oder  der  Lehrzeit  stets  tat- 
sächliche Kosten,  die  ein  stehendes,  oder  so  zu  sagen 
in  der  Person  realisiertes  Kapital  sind.  Wie  diese 
Talente  für  ihren  Eigner  einen  Teil  seines  Vermögens 
ausmachen,  so  bilden  sie  auch  einen  Teil  in  dem  Ver- 
mögen der  Gesellschaft,  der  er  angehört.  Die  erlernte 
Fertigkeit  eines  Arbeiters  kann  man  in  demselben 
Lichte  betrachten,  wie  die  Maschine  oder  ein  die 
Arbeit  erleichterndes  und  abkürzendes  Werkzeug,  das 
zwar  gewisse  Kosten  verursacht,  diese  Kosten  aber 
mit  Gewinn  wieder  erstattet. 

Der  dritte  und  letzte  der  drei  Teile,  in  welche  das 
Gesamtkapital    der    Gesellschaft   zerfällt,    ist    das    um- 


Kap.  I.:  Einteilung  der  Kapitalien.  H 

laufende  Kapital,  dessen  Eigenschaft  es  ist,  nur  durch 
Umlauf  oder  Wechsel  des  Besitzers  ein  Einkommen  zu 
liefern.  Es  ist  gleichfalls  aus  vier  Teilen  zusammen- 
gesetzt :  Erstens,  aus  dem  Gelde,  mittelst  dessen  die 
drei  übrigen  Teile  umlaufen  und  an  ihre  eigentlichen 
Konsumenten  verteilt  werden.  Zweitens,  aus  den  Vor- 
räten an  Lebensmitteln,  die  im  Besitz  der  Fleischer, 
Viehzüchter,  Landwirte,  Getreidehändler,  Brauer  usw. 
sind,  und  aus  deren  Verkauf  diese  einen  Gewinn  zu 
ziehen  hoffen.  Drittens,  aus  den  für  Kleider,  Möbel  und 
Gebäude  erforderlichen  Rohstoffen  und  Halbfabrikaten, 
die  noch  nicht  ihre  Bestimmung  erhalten  haben,  sondern 
sich  noch  in  den  Händen  der  Produzenten,  Handwerker, 
Seiden-  und  Tuchhändler,  Holzhändler,  Zimmerleute  und 
Tischler,  Maurer  usw.  befinden.  Viertens  und  letztens 
aus  den  Waren  die  zwar  fertig  sind,  aber  sich  noch  in 
den  Händen  des  Kaufmanns  oder  Fabrikanten  befinden 
und  noch  nicht  abgesetzt,  bezw.  an  die  eigentlichen  Ver- 
braucher gelangt  sind,  wie  z.  B.  die  fertigen  Waren,  die 
man  oft  beim  Schmied,  Tischler,  Goldschmied,  Juwelier, 
Porzellanhändler  usw.  findet.  So  besteht  das  umlaufende 
Kapital  aus  den  noch  in  Besitz  der  betreffenden  Händler 
befindlichen  Lebensmitteln,  Rohstoffen  und  fertigen 
Waren  aller  Art,  und  aus  dem  Gelde,  das  erforderlich 
ist,  um  sie  in  Umlauf  zu  setzen  und  sie  an  die  letzten 
Verbraucher  zu  verteilen. 

Von  diesen  vier  Teilen  werden  drei,  die  Lebens- 
mittel, die  Rohstoffe  und  die  fertigen  Waren  entweder 
jährlich,  oder  in  einer  längeren  oder  kürzeren  Periode 
regelmäßig  dem  Umlauf  entzogen,  und  entweder  zum 
stehenden  Kapital  oder  zu  dem  zum  unmittelbaren 
Verbrauch  bestimmten  Vorrat  geschlagen. 

Jedes  stehende  Kapital  entstammt  ursprünglich 
einem  umlaufenden,  und  mviß  auch  stets  durch  ein  solches 
erhalten  werden.  Alle  nützlichen  Maschinen  und  Werk- 
zeuge rühren  von  einem  umlaufenden  Kapital  her,  das 


12  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

die  Stoffe  liefert,  aus  denen  sie  bestehen,  und  den  Unter- 
halt der  Arbeiter,  die  sie  verfertigen.  Auch  erfordern 
sie  zu  ihrer  Reparatur  eines  umlaufenden  Kapitals. 

Kein  stehendes  Kapital  kann  ohne  Beihilfe  eines 
umlaufenden  ein  Einkommen  liefern.  Die  nützlichsten 
Maschinen  und  Werkzeuge  bringen  ohne  ein  umlaufen- 
des Kapital,  das  die  zu  verarbeitenden  Stoffe  und  den 
Unterhalt  der  Arbeiter  liefert,  die  sie  benutzen,  nichts 
hervor.  Ein  noch  so  kultivierter  Boden  bringt  ohne  ein 
umlaufendes  Kapital,  welches  die  ihn  bearbeitenden 
und  erntenden  Arbeiter  erhält,   kein  Einkommen. 

Die  für  den  unmittelbaren  Verbrauch  vorbehaltenen 
Vorräte  zu  erhalten  und  zu  vermehren,  ist  der  einzige 
Zweck  der  stehenden  und  umlaufenden  Kapitalien. 
Diese  Vorräte  sind  es,  die  das  Volk  nähren,  kleiden 
und  ihm  Wohnung  geben.  Der  Reichtum  oder  die 
Armut  des  Volks  hängt  von  den  reichlichen  oder  spär- 
lichen Ergänzungen  ab,  die  jene  beiden  Kapitalarten 
dem  zum  unmittelbaren  Verbrauch  bestimmten  Vorrat 
zuführen  können. 

Da  dem  umlaufenden  Kapital  beständig  eine  so 
große  Menge  entzogen  wird,  um  den  beiden  anderen 
Teilen  des  Gesamtkapitals  der  Gesellschaft  einverleibt 
zu  werden,  so  bedarf  es  seinerseits  beständiger  Er- 
gänzung, ohne  die  es  bald  erschöpft  sein  würde.  Diese 
Ergänzung  erhält  es  hauptsächlich  aus  drei  Quellen, 
den  Erzeugnissen  des  Bodens,  der  Bergwerke  und  der 
Fischereien.  Aus  diesen  Quellen  werden  die  Lebens- 
mittel und  Eohstoffe,  die  teilweise  später  zu  Fabrikaten 
verarbeitet'werden,  und  welche  die  dem  umlaufenden 
Kapital  entzogenen  Lebensmittel,  Rohstoffe  und  Fa- 
brikate ersetzen,  beständig  ergänzt.  Aus  den  Berg- 
werken wird  auch  der  zur  Unterhaltung  und  Vermeh- 
rung des  Geldkapitals  erforderliche  Bedai-f  gedeckt. 
Denn    obgleich  dieser  Teil  des  Gesamtkapitals   im  ge- 


Kap.  I.:  Einteilung  der  Kapitalien.  ^3 

wohnlichen  Laufe  der  Geschäfte  nicht  wie  die  drei 
übrigen  dem  umlaufenden  Kapital  entzogen  werden 
muß,  um  in  die  zwei  anderen  Zweige  des  allgemeinen 
Gesellschaftskapitals  überzugehen,  so  wird  es  doch  wie 
alle  anderen  Dinge,  verbraucht  oder  wenigstens  abge- 
nutzt, ireht  auch  bisweilen  teilweise  verloren  oder  wird 
ins  Ausland  geschafft,  und  macht  deshalb  beständige, 
wenn  auch  weit  geringere  Ergänzungen  nötig. 

Grund  und  Boden,  Bergwerke  und  Fischereien  er- 
fordern sämtlich  sowohl  ein  stehendes,  als  ein  um- 
laufendes Kapital  zu  ihrem  Betriebe;  und  ihr  Ertrag 
erstattet  nicht  nur  diese  Kapitalien,  sondern  auch  alle 
übrigen  in  der  Gesellschaft  mit  Gewinn  zurück.  So 
versorgt  der  Landmann  den  Gewerbtreibenden  jährlich 
aufs  neue  mit  den  Lebensmitteln,  die  er  im  vorher- 
gehenden Jahre  verzehrt,  und  den  Rohstoffen,  die  er 
verarbeitet  hatte;  und  der  Gewerbtreibende  versorgt 
den  Landmann  wieder  mit  den  Fabrikaten,  die  dieser 
in  derselben  Zeit  verbraucht  und  vernutzt  hatte.  Dies 
ist  der  tatsächliche  Tausch,  der  jährlich  zwischen  diesen 
beiden  Volksklassen  vollzogen  wird,  wenn  auch  das 
Rohprodukt  des  einen  und  das  verarbeitete  des  anderen 
selten  unmittelbar  gegen  einander  vertauscht  werden, 
da  der  Pächter  sein  Getreide  und  sein  Vieh,  seinen 
Flachs  und  seine  Wolle  selten  an  dieselbe  Person  ab- 
setzt, von  der  er  seine  Kleider,  Gerätschaften  und 
Werkzeuge  kauft.  Er  verkauft  daher  sein  Rohprodukt 
für  Geld,  mit  welchem  er  die  verarbeiteten  Produkte, 
die  er  braucht,  überall  kaufen  kann,  wo  sie  gerade  zu 
haben  sind.  Der  Boden  ersetzt  sogar,  wenigstens  zum 
Teil,  die  Kapitalien,  mit  denen  die  Fischereien  und 
Bergwerke  betrieben  werden.  Mit  Erzeugnissen  des 
Bodens  werden  die  Fische  geködert  und  gefangen, 
und  mit  Erzeugnissen  der  Erdoberfläche  zieht  man 
die  Mineralien  aus  den  Tiefen  der  Erde. 


14  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

Der  Ertrag  des  Bodens,  der  Bergwerke  und  Fische- 
reien richtet  sich,  bei  gleicher  natürlicher  Ergiebigkeit, 
nach  der  Größe  und  angemessenen  Verwendung  der 
in  ihnen  angelegten  Kapitalien.  Bei  gleichen  Kapitalien 
und  gleich  geschickter  Verwendung  richtet  sich  der 
Ertrag  nach  der  natürlichen  Ergiebigkeit  des  Bodens 
und  dor  Bergwerke. 

In  allen  Ländern,  wo  leidliche  Sicherheit  herrscht, 
sucht  Jedermann  von  gesundem  Menschenverstände 
alle  ihm  zur  Verfügung  stehenden  Kapitalien  dazu  an- 
zuwenden, sich  sofortigen  Genuß  oder  zukünftigen 
Gewinn  zu  verschaffen.  Wird  das  Kapital  dazu  ver- 
wendet, sofortigen  Genuß  zu  verschaffen,  so  ist  ein  für 
die  unmittelbare  Verwendung  bestimmter  Vorrat;  wird 
es  dazu  angewendet,  künftigen  Gewinn  zu  verschaffen, 
so  muß  dies  dadurch  geschehen,  daß  das  Kapital  ent- 
weder bei  seinem  Besitzer  verbleibt,  oder  sich  von 
ihm  trennt.  In  dem  einen  Falle  ist  es  ein  stehendes, 
in  dem  anderen  ein  umlaufendes  Kapital.  Man  müßte 
geradezu  närrisch  sein,  wenn  man  bei  leidlichen  Sicher- 
heitszuständen  nicht  alle  verfügbaren  Kapitalien,  eigene 
oder  geborgte,  auf  die  eine  oder  die  andere  Art  anlegte. 

In  den  unglücklichen  Ländern  freiUch,  wo  man 
stets  die  Gewalttätigkeiten  der  höher  gestellten  zu 
fürchten  hat,  vergraben  und  verbergen  die  Leute  oft 
einen  großen  Teil  ihres  Kapitals,  um  ihn  jederzeit  mit- 
nehmen zu  können,  falls  sie  von  einer  der  Gefahren 
bedroht  werden  sollten,  denen  sie  sich  stets  ausgesetzt 
sehen.  In  der  Türkei,  in  Hindustan,  und  wohl  in  den 
meisten  anderen  asiatischen  Staaten  soll  dies  Verfahren 
sehr  gebräuchlich  sein.  Auch  bei  unseren  Vorfahren 
scheint  es  unter  der  gewalttätigen  Feudalherrschaft 
üblich  gewesen  zu  sein.  Gefundene  Schätze  wurden 
damals  für  einen  nicht  verächtlichen  Teil  des  Ein- 
kommens der  größten  europäischen  Fürsten  gehalten. 


Kap.  I.:  Einteilnno'  der  Kapitalien.  I5 

Es  waren  dies  Schätze,  die  man  in  der  Erde  versteckt 
fand,  und  auf  die  niemand  ein  Recht  nachweisen 
konnte.  Die  Sache  war  in  jener  Zeit  von  solcher 
Wichtigkeit,  daß  diese  Funde  stets  als  ein  Eigentum 
des  Fürsten,  nicht  als  das  des  Finders  oder  des  Grund- 
besitzers angesehen  wurden,  wenn  nicht  dem  letzteren 
das  Recht  darauf  durch  eine  ausdrückliche  Klausel  in 
seiner  Verleihungsurkunde  zugesichert  war.  Ebenso 
wurde  es  mit  den  Gold-  und  Silberminen  gehalten,  die 
ohne  eine  besondere  Klausel  in  der  Urkunde  niemals 
in  der  allgemeinen  Landverleihung  mit  inbegriffen 
waren,  die  dagegen  Blei-,  Kupfer-,  Zinn-  und  Kohlen- 
minen, als  Dinge  von  geringerem  Belange,  mit  umfaßte. 


Zweites    K  a  j)  i  t  e  1. 

Das  Geld  als  ein  besonderer  Zweig 

des  Gesamtkapitals  der  Gesellschaft,  oder  die 

Unterhaltungskosten  des  Nationalkapitals. 

In  dem  ersten  Buche  ist  gezeigt  worden,  daß  der 
Preis  der  meisten  "Waren  in  drei  Teile  zerfällt,  von 
denen  einer  den  Arbeitslohn,  ein  anderer  den  Kapital- 
gewinn und  ein  dritter  die  Grundrente  bezahlt;  daß  es 
zwar  einige  Waren  gibt,  deren  Preis  nur  von  zweien 
jener  Teile,  dem  Arbeitslohn  und  Kapitalgewinn,  her- 
rührt, und  daß  er  in  einigen  wenigen  lediglich  aus  dem 
Arbeitslohn  besteht,  daß  aber  der  Preis  jeder  Ware 
sich  notwendig  in  einen  oder  den  anderen  oder  in  alle 
drei  Teile  auflöst,  und  daß  Alles,  was  nicht  Rente 
oder  Lohn  ist,  notwendig  für  irgend  jemanden  Ge- 
winn sein  muß. 

Da  dies,  wie  bemerkt,  bezüglich  joder  einzelnen 
Ware,  für  sich  betrachtet,  der  Fall  ist,  so  muß  es 
auch  bezüglich  aller  AVaren,  die  das  jährliche  Gesamt- 
produkt des  Bodens  und  der  Arbeit  in  einem  Lande 
bilden,  der  Fall  sein,  wenn  man  sie  als  Einheit  be- 
trachtet. Der  ganze  Preis  oder  Tauschwert  dieses 
Jahresprodukts  muß  in  die  nämlichen  drei  Teile  zer- 
fallen und  sich  unter  die  verschiedenen  Einwohner 
des  Landes  entweder  als  Arbeitslohn,  Kapitalgewinn 
oder  Grundrente  verteilen. 

Obwohl  nun  der  Gesamtwert  des  jährlichen  Boden- 
und  Arbeitsertrags  eines  Landes  sich  in  dieser  Weise 


Kap.  II.:  Das  Geld.  17 

unter  die  verschiedenen  Bewohner  verteilt,  so  kann 
man  doch,  wie  man  in  der  Rente  eines  Privatguts 
zwischen  der  rohen  und  der  reinen  Rente  unterschei- 
det, auch  in  dem  Einkommen  der  Gesamtheit  aller 
Einwohner  denselben  Unterschied  machen. 

Die  rohe  Rente  eines  Guts  umfaßt  alles,  was  vom 
Pächter  gezahlt  wird;  die  reine  Rente  ist  das,  was  nach 
Abzug  der  Wirtschafts-,  Unterhaltungs-  und  sonstigen 
Kosten  für  den  Grundeigentümer  übrig  bleibt,  oder 
was  er  ohne  Schaden  für  das  Gut  dem  für  den  un- 
mittelbaren Yei'brauch  bestimmten  Vorrat  zuweisen, 
oder  für  seine  Tafel,  seine  Kleider,  die  Ausschmückung 
und  Möblierung  seines  Hauses,  für  seine  Genüsse  und 
Yergnügangen  ausgeben  kann.  Sein  wirkliches  Ver- 
mögen richtet  sich  nicht  nach  seinem  rohen,  sondern 
nach  seinem  reinen  Einkommen. 

Das  rohe  Einkommen  aller  Einwohner  eines  Landes 
umfaßt  das  gesamte  Jahresprodukt  ihres  Bodens  und 
ihrer  Arbeit;  das  reine  Einkommen  dasjenige,  was  ihnen 
nach  Abzug  der  Unterhaltungskosten,  erstens  ihres 
stehenden  und  zweitens  ihres  umlaufenden  Kapitals, 
übrig  bleibt,  oder  das,  was  sie,  ohne  ihr  Kapital  anzu- 
greifen, dem  für  ihren  unmittelbaren  Verbrauch  be- 
stimmten Vorrat  zuweisen,  oder  auf  Lebensunterhalt, 
Komfort  und  Genuß  verwenden  können.  Auch  ihr 
wirklicher  Reichtum  richtet  sich  nicht  nach  ihrem 
rohen,  sondern  nach  ihrem  reinen  Einkommen. 

Die  ganzen  Kosten  für  den  Unterhalt  des  stehenden 
Kapitals  müssen  offenbar  von  dem  reinen  Einkommen 
der  Gesellschaft  ausgeschlossen  werden.  Weder  die  zur 
Instandhaltung  der  nützlichen  Maschinen  und  "Werk- 
zeuge, der  gewinntragenden  Gebäude  usw.  nötigen 
Materialien,  noch  das  Produkt  der  zur  Bearbeitung 
dieser  Materialien  erforderlichen  Arbeit  können  zum 
reinen  Einkommen  gerechnet  werden.    Allerdings  kann 

Adam  Suütli,  Volkswcjhl.staml.   11.  - 


18  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

der  Preis  dieser  Arbeit  einen  Teil  von  ihm  bilden, 
wenn  die  hierbei  beschäftigten  Arbeiter  ihren  ganzen 
Lohn  ihrem  für  den  unmittelbaren  Verbrauch  bestimm- 
ten Vorrat  zuweisen  können.  Bei  anderen  Arbeits- 
gattungen geht  sowohl  der  Preis  als  das  Produkt  der 
Arbeit  in  diesen  Vorrat  über,  der  Preis  in  den  Vorrat 
der  Arbeiter,  das  Produkt  in  den  anderer  Leute,  deren 
Lebensunterhalt,  Komfort  und  Genuß  durch  die  Arbeit 
jener  bereichert  werden. 

Der  Zweck  des  stehenden  Kapitals  besteht  darin, 
die  Produktivkräfte  der  Arbeit  zu  erhöhen  und  eine 
gleiche  Zahl  Arbeiter  zu  weit  größeren  Arbeitsleistungen 
zu  befähigen.  Auf  einem  Gute,  wo  alle  nötigen  Ge- 
bäude, Zäune,  Abzugsgräben,  Verbindungswege  usw.  im 
besten  Zustande  sind,  wird  eine  gleiche  Zahl  Arbeiter 
und  Arbeitstiere  einen  weit  größeren  Ertrag  erzielen,, 
als  auf  einer  Fläche  von  gleicher  Größe  und  gleicher 
Güte,  wo  diese  Einrichtungen  mangelhaft  sind.  In  Fa- 
briken wird  eine  gleiche  Zahl  Hände,  wenn  sie  durch 
die  besten  Maschinen  unterstützt  wird,  eine  weit  größere 
Menge  AVaren  hervorbringen,  als  mit  unvollkommeneren 
Werkzeugen.  Zweckmäßige  Ausgaben  für  irgend  ein 
stehendes  Kapital  machen  sich  immer  mit  großem  Ge- 
winn wieder  bezahlt,  und  vermehren  den  Jahresertrag 
um  einen  weit  größeren  Wert,  als  den  der  dafür  auf- 
gewendeten Kosten.  Immerhin  jedoch  nehmen  diese 
Kosten  einen  gewissen  Teil  jenes  Ertrags  in  Anspruch. 
Eine  gewisse  Quantität  von  Materialien  und  die  Arbeit 
einer  gewissen  Anzahl  von  Arbeitern,  die  unmittelbar 
auf  Vermehrung  der  Lebensmittel,  Kleider  und  Woh- 
nungen, kurz  der  Unterlialtsmittel  und  Genüsse  der 
Gesellschaft  hätten  verwendet  werden  können,  werden 
so  zu  einer  anderen  Beschäftigung  gebraucht,  die  zwar 
höchst  vorteilhaft,  aber  von  jener  doch  sehr  verschieden 
ist.   Aus  diesem  Grunde  werden  alle  Fortschritte  in  der 


Kap.  IT.:  Das  Geld.  19 

Mechanik,  die  eine  gleiche  Zahl  von  Arbeitern  instand 
setzen,  eine  gleiche  Menge  Arbeit  mit  wohlfeileren  und 
einfacheren  als  den  früher  üblichen  Maschinen  herzu- 
stellen, stets  als  vorteilhaft  für  jede  Gesellschaft  betrach- 
tet. Eine  gewisse  Menge  von  Materialien  und  die  Arbeit 
einer  gewissen  Zahl  von  Arbeitern,  die  früher  erforder- 
lich waren,  um  die  komplizierteren  und  kostspieligeren 
Maschinen  zu  bedienen,  können  nun  zur  Vermehrung  der 
Arbeitsmenge  verwendet  werden,  zu  deren  Herstellung 
die  Maschine  nur  behilflich  ist.  Der  Unternehmer  einer 
großen  Fabrik,  der  jährlich  tausend  Pfund  Sterling  auf 
seine  Maschinen  verwendet,  wird,  wenn  er  diese  Ausgabe 
auf  fünfhundert  ermäßigen  kann,  die  übrigen  fünfhun- 
dert zum  Ankauf  einer  größeren  Menge  von  Rohstoffen 
verwenden,  deren  Verarbeitung  mehr  Arbeitskräfte  be- 
ansprucht. Die  Arbeitsmenge,  zu  deren  Herstellung 
seine  Maschinen  nur  behilflich  waren,  wird  sich  daher 
vergrößern,  und  mit  ihr  auch  der  Vorteil  und  Genuß, 
den  die  Gesellschaft  aus  diesen  Arbeiten  zieht. 

Die  Unterhaltungskosten  des  stehenden  Kapitals 
in  einem  Lande  können  füglich  mit  den  Unterhaltungs- 
kosten eines  Gutes  verglichen  werden.  Diese  Aus- 
gaben müssen  oft  bestritten  werden,  damit  der  Ertrag 
des  Guts  und  folglich  die  rohe  und  reine  Rente  des 
Grundherrn  nicht  sinkt.  Können  aber  diese  Ausgaben 
durch  richtigere  Verwendung  vermindert  werden  ohne 
Verringerung  des  Ertrags,  so  bleibt  die  rohe  Rente 
mindestens  die  nämliche,  und  die  reine  Rente  ist  selbst- 
verständlich größer  geworden. 

Wenn  aber  die  gesamten  Unterhaltskosten  des 
stehenden  Kapitals  vom  reinen  Einkommen  der  Gesell- 
schaft ausgeschlossen  werden  müssen,  so  liegt  doch  der 
Fall  bei  den  Unterhaltskosten  des  umlaufenden  Kapitals 
anders.  Von  den  vier  Teilen,  aus  welchen  das  letztere 
besteht,  dem  Gelde,  den  Lebensmitteln,  den  Rohstoffen 

2* 


20  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

und  Fabrikaten,  werden  die  drei  letzteren,  wie  schon 
bemerkt,  ihm  regelmäßig  entzogen,  und  entweder  dem 
stehenden  Kapital  der  Gesellschaft,  oder  dem  für  die 
unmittelbare  Verzehrung  bestimmten  Vorrat  einverleibt. 
Alles,  was  von  den  Verbrauchsgegenständen  nicht  zum 
Unterhalt  des  ersteren  dient,  geht  in  den  letzteren 
über,  und  macht  einen  Teil  des  reinen  Einkommens 
der  Gesellschaft  aus.  Daher  entzieht  die  Unterhaltung 
jener  drei  Teile  des  umlaufenden  Kapitals  dem  reinen 
Einkommen  der  Gesellschaft  keinen  andern  Teil  des 
Jahresertrags,  als  den,  der  zur  Unterhaltung  des  stehen- 
den Kapitals  erforderlich  ist. 

Das  umlaufende  Kapital  einer  Gesellschaft  ist  in 
dieser  Beziehung  von  dem  eines  einzelnen  ganz  ver- 
schieden. Dasjenige  eines  einzelnen  macht  durchaus 
keinen  Teil  seines  reinen  Einkommens  aus,  das  gänzlich 
in  seinen  Gewinnen  bestehen  muß.  Obwohl  aber  das 
umlaufende  Kapital  jedes  einzelnen  einen  Teil  des- 
jenigen der  Gesellschaft  bildet,  der  er  angehört,  so 
muß  es  darum  doch  nicht  einen  Teil  des  reinen  Volks- 
einkommens bilden.  Die  Waren  eines  Kaufmanns  kann 
man  nicht  zu  seinem  für  den  unmittelbaren  Verbrauch 
bestimmten  Vorrat  rechnen,  aber  sie  können  in  den 
Vorrat  anderer  übergehen,  die  jenem  ihren  Wert 
samt  Gewinn  aus  anderweitigen  Einkünften  erstatten, 
ohne  dadurch  in  seinem  oder  ihrem  Kapital  irgend 
eine  Verminderung  herbeizuführen. 

Das  Geld  ist  daher  der  einzige  Teil  des  umlaufen- 
den Kapitals  der  Gesellschaft,  dessen  Unterhaltung  eine 
Verminderung  ihres  reinen  Einkommens  bewirken  kann. 

Das  stehende  Kapital  und  der  im  Geld  bestehende 
Teil  des  umlaufenden  Kapitals  haben  in  ihi-em  Einfluß 
auf  das  Einkommen  der  Gesellschaft  eine  große  Ähn- 
lichkeit miteinander. 

Wie  erstens  die  Maschinen  und  Werkzeug-e  usw. 


Kap.  IL:  Das  Geld.  21 

gewisse  Ausgaben  erst  für  ihre  Anschaffung,  dann  für 
ihre  Unterhaltung  erfordern,  die  zwar  einen  Teil  des 
rohen  Einkommens  ausmachen,  aber  vom  reinen  Ein- 
kommen der  Gesellschaft  abgehen;  so  muß  auch  der  in 
einem  Lande  umlaufende  Geldvorrat  gewisse  Ausgaben 
erst  für  seine  Anschaffung,  dann  für  seine  Unterhaltung 
erfordern,  der  ebenso  zwar  einen  Teil  des  rohen  Ein- 
kommens der  Gesellschaft  bildet,  aber  von  ihrem 
reinen  Einkoramen  abgeht.  Eine  gewisse  Menge  sehr 
wertvoller  Stoffe,  Gold  und  Silber,  und  sehr  künst- 
licher Arbeit  findet,  statt  den  zum  unmittelbaren  Ver- 
brauch bestimmten  Vorrat,  den  Lebensunterhalt,  Kom- 
fort und  Genuß  der  Einzelnen  zu  vermehren,  ihre 
Aufgabe  in  der  Unterhaltung  des  wichtigen,  aber  kost- 
spieligen Verkehrs  Werkzeugs,  durch  das  jeder  einzelne 
in  der  Gesellschaft  seinen  Lebensunterhalt,  Komfort 
und  Genuß  im  geeigneten  Verhältnisse  regelmäßig 
zugeteilt  erhält. 

Wie  zweitens  die  Maschinen,  Werkzeuge  usw.,  die 
das  stehende  Kapital  eines  einzelnen  oder  einer  Ge- 
sellschaft ausmachen,  weder  einen  Teil  ihres  rohen 
noch  ihres  reinen  Einkommens  bilden,  so  bildet  das 
Geld,  durch  dessen  Vermittelung  das  gesamte  Ein- 
kommen der  Gesellschaft  regelmäßig  unter  alle  ihre 
einzelnen  Glieder  verteilt  wird,  selbst  keinen  Teil 
dieses  Einkommens.  Das  große  Umlaufsrad  ist  von 
den  Waren,  die  durch  seine  Vermittelung  in  Umlauf 
gesetzt  sind,  ganz  verschieden.  Das  Einkommen  der 
Gesellschaft  besteht  lediglich  in  diesen  Waren,  und 
nicht  in  dem  Rade,  das  sie  in  Umlauf  setzt.  Bei  einer 
Berechnung  des  rohen  oder  des  reinen  Einkommens 
der  Gesellschaft  muß  stets  von  ihrem  jährlichen  Geld- 
und  Güterumlauf  der  Gesamtwert  des  Geldes  abge- 
zogen werden,  von  dem  nicht  ein  einziger  Pfennig 
einen  Einkommensteil  bilden  kann. 


22  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

Nur  die  Unklarheit  der  Ausdrucksweise  kann 
diesen  Satz  zweifelhaft  oder  paradox  erscheinen  lassen. 
Wird  er  gehörig  erkläi't  und  aufgefaßt,  so  ist  er  fast 
selbstverständlich. 

Wenn  wir  von  einer  Summe  Geldes  reden,  so  mei- 
nen wir  entweder  nur  die  Metallstücke,  aus  denen  sie 
besteht,  oder  setzen  sie  in  eine  dunkle  Beziehung  zu  den 
Waren,  die  man  dafür  haben  kann,  oder  zu  der  Kauf- 
kraft, die  ihr  Besitz  verleiht.  So  wollen  wir,  wenn  wir 
sagen,  daß  das  umlaufende  Geld  Englands  auf  achtzehn 
Millionen  berechnet  werde,  nur  den  Betrag  der  Metall- 
stücke ausdrücken,  auf  die  einige  Schriftsteller  den 
Umlauf  geschätzt  haben.  Sagen  wir  aber,  es  stehe  sich 
jemand  auf  fünfzig  oder  hundert  Pfund  jährlich,  so 
wollen  wir  in  der  Regel  nicht  nur  den  Betrag  der 
Metallstücke,  die  er  jährlich  einnimmt,  sondern  auch  den 
Wert  der  Waren  ausdrücken,  die  er  jährlich  kaufen 
oder  verbrauchen  kann.  Wir  wollen  damit  sagen,  wie 
er  lebt  oder  leben  könnte,  d.  h.  welche  Menge  und 
Beschaffenheit  von  Lebens-  und  Genußmitteln  er  sich 
nach  seinen  Verhältnissen  gestatten  dürfe. 

Wenn  man  unter  einer  Summe  Geldes  nicht  nur 
den  Betrag  der  Metallstücke,  aus  denen  sie  besteht,  ver- 
standen wissen,  sondern  sie  in  eine  dunkle  Beziehung  zu 
den  Waren,  die  dafür  zu  haben  sind,  setzen  will,  so 
wird  das  Vermögen  oder  Einkommen,  das  sie  in  diesem 
Falle  bezeichnet,  nur  der  einen  der  beiden  Bedeutungen, 
welche  das  Wort  doppelsinnig  einschließt,  gerecht  und 
zwar  der  letzteren  mehr  als  der  ersteren,  d.  h.  dem 
Begriffe  des  Geldwertes  mehr,  als  dem  des  Geldes. 

So  kann  der,  dessen  Wocheneinnahme  in  einer 
Guinee  besteht,  im  Laufe  der  Woche  damit  eine  gewisse 
Menge  Lebens-  und  Genußmittel  kaufen.  Je  nach  der 
Größe  dieser  Menge  ist  auch  sein  wirkliches  Vermögen, 
seine  wirkliche  Wocheneinnahme  groß  oder  klein.  Seine 


Kap.  II. :  Das  Geld.  23 

Wocheneinnahme  ist  sicherlich  nicht  gleich  der  Guinoe 
und  dem,  was  dafür  zu  haben  ist,  sondern  nur  dem 
einen  oder  dem  anderen  dieser  beiden  gleichen  Werte, 
und  zwar  dem  letzteren  mehr  als  dem  ersteren,  dem 
Werte  der  Guinee  mehr  als  der  Guinee  selbst. 

Wenn  jemandem  sein  Gehalt  nicht  in  Gold,  sondern 
in  einer  wöchentlichen  Anweisung  auf  eine  Guinee  ge- 
zahlt würde,  so  bestände  sein  Einkommen  gewiß  nicht 
in  dem  Stück  Papier,  sondern  in  dem,  was  er  dafür 
haben  kann.  Eine  Guinee  ist  als  eine  auf  alle  Ge- 
schäftsleute der  Gegend  ausgestellte  Anweisung  auf 
eine  bestimmte  Menge  von  Lebens-  und  Genußmitteln 
anzusehen.  Das  Einkommen  desjenigen,  dem  sie  ge- 
zahlt wird,  besteht  nicht  sowohl  in  dem  Goldstück,  als 
in  dem,  was  er  dafür  haben  oder  wogegen  er  es  ver- 
tauschen kann.  Könnte  es  gegen  nichts  vertauscht 
werden,  so  wäirde  es,  wie  eine  Anweisung  auf  einen 
Zahlungsunfähigen  nicht  mehr  wert  sein,  als  ein  ganz 
unbrauchbares  Stück  Papier. 

Wenn  auch  das  Wochen-  oder  Jahreseinkommen 
aller  einzelnen  Einwohner  eines  Ijandes  ebenso  in  Geld 
gezahlt  werden  kann  und  in  Wirklichkeit  auch  oft  in 
Geld  gezahlt  wird,  so  ist  doch  ihr  wirkliches  Yermögen, 
das  wirkliche  Wochen-  oder  Jahreseinkommen  aller 
zusammengenommen  groß  oder  klein  je  nach  der  Menge 
der  verbrauchsfähigen  Waren,  die  sie  mit  dem  Gelde 
kaufen  können.  Das  ganze  Einkommen  aller  einzel- 
nen zusammengenommen  ist  offenbar  nicht  gleich  dem 
Gelde  und  den  verbrauchsfähigen  Waren,  sondern  nur 
dem  einen  oder  dem  anderen  dieser  beiden  Werte,  und 
zwar  dem  letzteren  mehr,  als  dem  ersteren. 

Wenn  wir  also  oft  das  Einkommen  jemandes  durch 
die  Metallstücke  ausdrücken,  die  er  jährlich  einnimmt, 
so  geschieht  es  deshalb,  weil  der  Betrag  dieser  Stücke 
die  Größe  ihrer  Kaufkraft  oder  den  Wert  der  Waren 


24  Zweites  Buch:  Dan  Kapital. 

bestimmt,  die  er  jährlicli  verzehren  kann.  Gleichwohl 
betrachten  wir  sein  Einkommen  als  in  seiner  Kauf- 
oder Yerbranchskraft  bestehend  und  nicht  in  den  Geld- 
stücken, die  sie  ihm  verleihen. 

Wenn  dies  schon  bezüglich  eines  Einzelnen  klar 
genug  ist,  so  ist  es  dies  noch  mehr  bezüglich  eines 
Volks.  Der  Betrag  der  Metallstücke,  die  ein  Einzelner 
jährlich  einnimmt,  kommt  oft  genau  seinem  Einkommen 
gleich,  und  ist  darum  auch  der  kürzeste  und  beste  Aus- 
druck für  seinen  Wert;  aber  der  Betrag  der  Metall- 
stücke, die  in  einem  Volke  umlaufen,  kann  niemals 
dem  Einkommen  aller  seiner  Glieder  gleich  sein.  Da 
die  nämliche  Guinee,  mit  der  heute  das  Wochengehalt 
des  einen  bezahlt  wird,  morgen  dazu  dienen  kann,  das 
eines  anderen,  und  übermorgen  das  eines  dritten  zu 
bezahlen,  so  muß  der  Betrag  der  jährlich  in  einem 
Lande  umlaufenden  Metallstücke  stets  einen  weit  ge- 
ringeren Wert  haben,  als  die  jährliche  Summe  der  Ein- 
kommen. Aber  die  Kaufkraft,  oder  die  Waren,  die 
nach  und  nach  mit  dieser  Einkommenssumme  gekauft 
werden  können,  müssen  stets  genau  denselben  Wert 
haben,  wie  diese  Einkommen;  und  ebenso  ist  es  mit 
dem  Einkommen  der  einzelnen,  denen  sie  gezahlt 
werden.  Dies  Einkommen  kann  mithin  nicht  in  den 
Metallstücken  bestehen,  deren  Betrag  so  weit  unter 
seinem  Werte  bleibt,  sondern  muß  in  der  Kaufkraft 
bezw.  in  den  Waren  bestehen,  die  damit,  wie  nun  eben 
jene  Stücke  von  Hand  zu  Hand  gehen,  nach  und 
nach  gekauft  werden  können. 

Das  Geld,  das  große  Rad  des  Umlaufs,  das  große 
Werkzeug  des  Verkehrs,  bildet  also,  gleich  allen  anderen 
Werkzeugen,  keinen  Teil  im  Einkommen  des  Volks, 
dem  es  gehört,  obgleich  es  einen  Teil  und  zwar  einen 
sehr  wertvollen  Teil  des  Kapitals  bildet;  und  obschon 
die  Metallstücke,  aus  denen  es  besteht,  während  ihres 


Kap.  11.:  Das  Geld.  25 

jährlichen  Umlaufs  an  jedermann  das  ihm  zukommende 
Einkommen  verteilen,  so  machen  sie  selbst  doch  keinen 
Teil  dieses  Einkommens  aus. 

Drittens  und  letztens  haben  die  Maschinen  und 
Werkzeuge  usw.,  die  das  stehende  Kapital  bilden,  die 
weitere  Ähnlichkeit  mit  dem  in  Geld  bestehenden  Teil 
des  umlaufenden  Kapitals,  daß  ebenso,  wie  jede  Er- 
sparnis in  den  Herstellungs-  und  Unterhaltskosten  der 
Maschinen,  die  die  Produktivkraft  der  Arbeit  nicht  ver- 
mindert, das  reine  Einkommen  des  Volkes  vermehrt, 
auch  jede  Ersparnis  in  den  Anschaffungs-  und  Unter- 
haltungskosten des  Greldumlaufs  das  Volkseinkommen 
vermehrt. 

Es  ist  deutlich  genup',  und  teilweise  auch  schon 
auseinandergesetzt  worden,  auf  welche  Art  jede  Erspar- 
nis in  den  Unterhaltungskosten  des  stehenden  Kapitals 
das  reine  Volkseinkommen  vermehrt.  Das  Kapital  eines 
Unternehmers  zerfällt  notwendig  in  sein  stehendes  und 
sein  umlaufendes  Kapital.  Bleibt  sein  Gesamtkapital 
das  nämliche,  so  muß  notwendig  der  eine  Teil  um  so 
größer  werden,  je  kleiner  der  andere  wird.  Das  um- 
laufende Kapital  beschafft  die  Rohstoffe  und  den  Arbeits- 
lohn, und  setzt  das  Geschäft  in  Gang.  Daher  muß  jede 
die  Produktivkraft  der  Arbeit  nicht  vermindernde  Er- 
sparnis in  den  Unterhaltungskosten  des  Kapitals,  den 
das  Geschäft  in  Gang  bringenden  Fonds  und  folglich 
auch  den  Jahresertrag  des  Bodens  und  der  Arbeit,  das 
wirkliche  Einkommen  eines  jeden  Volkes,  vermehren. 

Der  Gebrauch  des  Papiers  an  Stelle  des  Gold-  und 
Silbergeldes  ersetzt  ein  sehr  kostspieliges  Verkehrswerk- 
zeug durch  ein  weit  weniger  kostbares  und  zuweilen 
ebenso  geeignetes.  Der  Umlauf  wird  durch  ein  neues 
Rad  bewirkt,  das  anzuschaffen  und  zu  erhalten  weniger 
kostet  als  das  alte.  In  welcher  Weise  jedoch  diese 
Tätigkeit  sich  vollzieht  und  das  rohe  oder  reine  Ein- 


26  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

kommen  der  Gesellschaft  vergrößert,  erfordert  eine 
weitere  Erklärung. 

Es  gibt  verschiedene  Arten  von  Papiergeld;  doch 
sind  die  Banknoten  die  bekannteste  Art  und  scheinen 
auch  für  den  Zweck  am  besten  geeignet. 

Hat  man  in  einem  Lande  soviel  Vertrauen  zu  dem 
Vermögen,  der  Rechtschaffenheit  und  Klugheit  eines 
Bankiers,  um  zu  glauben,  daß  er  seine  Noten  stets  bei 
Vorzeigen  auszahlen  werde,  so  erhalten  diese  durch 
die  Sicherheit,  daß  zu  jeder  Zeit  Geld  dafür  zu  haben 
ist,  dieselbe  Gangbarkeit  wie  Gold-  und  Silbergeld. 

Angenommen,  ein  Bankier  leiht  an  seine  Kunden 
Noten  im  Betrage  von  £  100.000.  Da  diese  Noten 
alle  Dienste  des  Geldes  tun,  so  bezahlen  ihm  seine 
Schuldner  die  nämlichen  Zinsen,  als  ob  er  ihnen  eben- 
soviel Geld  geliehen  hätte.  Aus  diesen  Zinsen  zieht  er 
seinen  Gewinn.  Wenn  auch  manche  Noten  zurück- 
kommen und  Zahlung  fordern,  so  bleiben  die  meisten 
doch  Monate  und  Jahre  lang  ununterbrochen  im  Um- 
lauf. Obschon  daher  gewöhnlich  £  100,000  seiner 
Noten  umlaufen,  reichen  doch  £  20,000  in  Gold  und 
Silber  oft  vollkommen  hin,  um  allen  Zahlungsanforde- 
rungen zu  entsprechen.  £  20,000  in  Gold  und  Silber 
verrichten  demgemäß  dieselben  Dienste  wie  sonst 
£  100,000.  Mittelst  der  Noten  können  dieselben 
Tausche  vollzogen  werden,  kann  dieselbe  Menge  Ver- 
brauchsgegenstände umlaufen  und  an  ihre  eigentlichen 
Verbraucher  gelangen,  als  durch  einen  gleichen  Wert 
an  Gold  und  Silbergeld.  Man  kann  demnach  £  80,000 
in  Gold  und  Silber  am  Umlauf  des  Landes  sparen,  und 
wenn  gleichzeitig  von  vielen  Banken  und  Bankiers 
mehr  derartige  LTnternehmungen  gemacht  werden,  so 
läßt  sich  der  ganze  Umlauf  mit  dem  fünften  Teil  des 
Goldes  und  Silbers  bewirken,  das  ohne  sie  nötig  ge- 
wesen wäre. 


Kap.  IL :  Das  Geld.  27 

Angenommen,  das  ganze  umlaufende  Geld  eines 
Landes  belaufe  sich  zu  einer  gewissen  Zeit  auf  eine 
Million  Pfund  Sterling,  die  hinreichend  sind,  das  ganze 
Jahresprodukt  des  Bodens  und  der  Arbeit  in  Umlauf  zu 
bringen.  Angenommen  ferner,  daß  später  verschiedene 
Banken  und  Bankiers  auf  den  Inhaber  lautende  Noten 
im  Betrag  von  einer  Million  ausgeben,  und  um  gelegent- 
lichen Zahlungsanforderungen  zu  entsprechen,  £  200,000 
in  ihren  Kassen  behalten  —  so  würden  £  800,000  in 
Gold  und  Silber  und  eine  Million  in  Banknoten,  also 
£  1,800,000  in  Papier  und  Gold  zusammen  im  Umlauf 
sein.  Das  jährliche  Boden-  und  Arbeitsprodukt  des 
Landes  hatte  aber  nur  eine  Million  zum  Umlauf  und 
zur  Verteilung  an  die  Verbraucher  erfordert,  und  dieses 
Jahresprodukt  kann  sich  nicht  unmittelbar  durch  jene 
Bankoperationen  vermehren.  Eine  Million  wird  mithin 
auch  nachher  hinreichend  sein,  es  in  Umlauf  zu  halten. 
Da  die  in  den  Verkehr  kommenden  Waren  sich  nicht 
vermehrt  haben,  wird  auch  die  nämliche  Menge  Geldes 
hinreichen,  sie  zu  kaufen  und  zu  verkaufen.  Der  Um- 
laufskanal, wenn  ich  mich  dieses  Ausdrucks  bedienen 
darf,  wird  genau  derselbe  bleiben,  wie  zuvor.  Eine 
Million  war  nach  unserer  Annahme  hinreichend,  diesen 
Kanal  zu  füllen;  was  daher  über  diese  Summe  hinaus 
sich  in  ihn  ergießt,  kann  nicht  darin  bleiben,  sondern 
muß  überfließen.  Wenn  sich  £  1,800,000  in  ihn  ergießen, 
müssen  £  600,000  überfließen,  da  um  diese  Summe 
das  Umlaufserfordernis  des  Landes  überschritten  ist.  Da 
aber  diese  Summe,  die  man  im  Lande  nicht  braucht, 
doch  zu  wertvoll  ist,  als  daß  man  sie  müßig  liegen 
lassen  möchte,  so  wird  sie  ins  Ausland  gehen,  um  dort 
die  gewinnreiche  Anlegung  zu  suchen,  die  sie  im  Lande 
nicht  finden  kann.  Nun  aber  kann  das  Papier  nicht 
ins  Ausland  gehen,  weil  es  in  weiter  Ferne  von  den 
emittierenden  Bauken    und   von   dem  Lande,    in    dem 


28  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

die  Barzahlung  gesetzlich  erzwungen  werden  kann,  bei 
gewöhnlichen  Zahlungen  nicht  angenommen  zu  werden 
pflegt.  Daher  wird  Gold  und  Silber  im  Betrag  von 
£  800,000  ins  Ausland  gehen,  und  der  heimische  Um- 
laufskanal bleibt,  statt  mit  der  Million  Metall,  die  ihn 
früher  füllte,  mit  einer  Million  Papier  gefüllt. 

Wenn  aber  auch  eine  so  große  Menge  Gold  und 
Silber  ins  Ausland  geht,  so  wird  es  doch  nicht  umsonst 
gegeben  und  die  Besitzer  machen  den  fremden  Völkern 
kein  Geschenk  damit.  Sie  tauschen  vielmehr  für  das 
Geld  ausländische  "Waren  ein,  um  entweder  den  Ver- 
brauch anderer  Länder,  oder  den  der  eigenen  damit 
zu  versorgen. 

In  ersterem  Falle,  wenn  also  das  Gold  und  Silber 
im  sogenannten  Zwischenhandel  Verwendung  findet, 
ist  jeder  Gewinn,  den  die  Besitzer  der  edlen  Metalle 
erzielen,  eine  Vermehrung  des  reinen  Einkommens  ihres 
eignen  Landes  und  bildet  einen  neuen  Fonds  für  ein 
neues  Geschäft;  die  inländischen  Geschäfte  werden  nun 
mit  Papier  betrieben  und  Gold  und  Silber  sind  in  einen 
Fonds  für  jenen  neuen  Handelszweig  verwandelt. 

Wendet  man  hingegen  das  Gold  und  Silber  dazu 
an,  ausländische  Waren  für  den  inneren  Verbrauch  zu 
kaufen,  so  kann  man  entweder  Waren  kaufen,  die  vor- 
aussichtlich von  müßigen,  nichts  produzierenden  Leuten 
verzehrt  werden,  wie  Weine,  Seide  usw.,  oder  man 
kaaft  frische  Vorräte  von  Rohstoffen,  Werkzeugen  und 
Lebensmitteln,  um  damit  eine  weitere  Zahl  fleißiger 
Leute  zu  unterhalten  und  zu  beschäftigen,  die  den 
Wert  ihres  Jahresverbrauchs  mit  einem  Gewinn  wieder 
erzeugen. 

Wird  das  übei'schüssige  Gold  und  Silber  auf  erstero 
Art  verwendet,  so  befördert  es  die  Verschwendung,  ver- 
mehrt den  Aufwand  und  Verbrauch,  ohne  die  Produk- 
tion  zu  veiüirüßern   oder   einen  dauernden  Fonds  zur 


Kap.  TT. :  Das  Geld.  29 

Fortsetzung  dieses  Aufwandes  herzustellen,  und  ist 
für  das  Volk  in  jeder  Weise  schädlich. 

Wird  es  auf  die  letztere  Art  verwendet,  so  be- 
fördert es  die  Industrie,  und  vergrößert  zwar  den  Ver- 
brauch des  Volkes,  verschafft  aber  einen  dauernden 
Fonds  zur  Fortsetzung  dieses  Verbrauchs,  indem  die 
Verbraucher  den  ganzen  Wert  ihrer  Jahreskonsumtion 
mit  Gewinn  wieder  erzeugen.  Das  rohe  Einkommen  des 
Volkes,  der  Jahresertrag  seines  Bodens  und  seiner  Ar- 
beit, wird  um  den  ganzen  AVert  vermehrt,  den  der  Fleiß 
jener  Arbeiter  den  zu  veredelnden  Rohstoffen  verleiht, 
und  das  reine  Volkseinkommen  erhöht  sich  um  so  viel, 
als  von  diesem  Werte  nach  Abzug  der  Unterhaltungs- 
kosten für  Werkzeuge  und  Geräte  übrig  bleibt. 

Daß  der  größte  Teil  des  Goldes  und  Silbers,  das 
durch  jene  Bankoperationen  ins  Ausland  getrieben  und 
zum  Kauf  ausländischer  Waren  für  den  inländischen 
Verbrauch  verwendet  wird,  zum  Ankauf  dieser  zweiten 
Warenkategorie  dient  und  dienen  muß,  ist  nicht  bloß 
wahrscheinlich,  sondern  fast  unvermeidlich.  Obschon 
mancher  mitunter  seinen  Aufwand  bedeutend  vermehrt, 
ohne  daß  sein  Einkommen  sich  vergrößert,  so  wird 
doch  schwerlich  ein  ganzer  Stand,  eine  ganze  Volks- 
klasse so  handeln ;  denn  wenn  auch  nicht  immer  das 
Verhalten  der  einzelnen  von  den  Regeln  gewöhnlicher 
Klugheit  geleitet  wird,  so  beeinflussen  sie  doch  stets 
die  Handlungen  der  großen  Mehrzahl.  Das  Einkommen 
der  müssigen  Rentner,  als  Stand  oder  Klasse  betrachtet, 
kann  nun  durch  jene  Bankoperationen  nicht  im  Minde- 
sten zunehmen,  und  mithin  werden  sich  ihre  Ausgaben 
durch  diese  im  allgemeinen  auch  nicht  vergrößern, 
obschon  die  einzelner  es  tun  können,  und  es  zuweilen 
wirklich  tun.  Wenn  somit  die  Nachfrage  der  müssigen 
Rentner  nach  ausländischen  Waren  so  ziemlich  die 
nämliche  bleibt,  wie  zuvor,  so  wird  wohl  nur  ein  sehr 


30  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

kleiner  Teil  des  durch  jene  Bankoperationen  ins  Aus- 
land getriebenen  und  zum  Ankauf  fremder  Waren  für 
den  inländischen  Verbrauch  angewendeten  Geldes  zum 
Ankauf  der  von  jenen  gebrauchten  Waren  dienen. 
Der  grüßte  Teil  wird  vielmehr  zum  Unterhalt  der  Ge- 
werbtätigkeit und  nicht  des  Müßiggangs  dienen. 

Bei  der  Berechnung  des  Umfangs  der  Gewerbtätig- 
keit, die  das  Umlaufskapital  eines  Volkes  zu  beschäfti- 
gen vermag,  kommen  nur  diejenigen  Teile  von  ihm  in 
Betracht,  die  in  I^ebensmitteln,  Rohstoffen  und  Fabrika- 
ten bestehen;  der  andere,  der  in  Geld  besteht  und  nur 
dazu  dient,  die  drei  ersteren  in  Umlauf  zu  setzen,  muß 
stets  in  Abzug  gebracht  werden.  Um  Gewerbfleiß  in 
Bewegung  zu  setzen,  sind  drei  Dinge  erforderlich:  Stoffe 
zurVeredlung,Werkzeuge  zurBearbeitung  der  Rohstoffe 
und  Lohn  oder  Vergütung,  um  deren  wegen  gearbeitet 
wird.  Geld  ist  weder  ein  Rohstoff  zur  Veredlung  noch 
ein  Werkzeug  der  Arbeit;  der  Lohn  des  Arbeiters  ward 
zwar  gewöhnlich  in  Geld  bezahlt,  sein  wirkliches  Ein- 
kommen aber  besteht,  wie  das  aller  anderen  Leute, 
nicht  in  Geld,  sondern  in  Geldes  wert,  nicht  in  den  Me- 
tallstücken, sondern  in  dem,  was  für  sie  zu  haben  ist. 

Der  Umfang  der  Gewerbtätigkeit,  die  ein  Kapital 
zu  beschäftigen  vermag,  muß  offenbar  der  Zahl  von 
Arbeitern  gleich  sein,  die  es  mit  Rohstoffen, Werkzeugen 
und  den  der  Natur  der  Arbeit  angemessenen  Unterhalts- 
mitteln zu  versorgen  vei'mag.  Geld  kann  dazu  nötig 
sein,  die  Rohstoffe,  die  Werkzeuge  und  den  Unterhalt 
der  Arbeiter  zu  kaufen.  Aber  die  Summe  von  Gewerb- 
fleiß, die  das  ganze  Kapital  unterhalten  kann,  ist  ge- 
wiß nicht  beiden,  dem  Gelde  samt  den  Rohstoffen, 
Werkzeugen  und  Unterhaltsmitteln  gleich,  sondern  nur 
dem  einen  oder  dem  anderen  dieser  beiden  Werte  und 
zwar  dem  letzteren  mehr  als  dem  ersteren. 

Wenn    an   die  Stelle  des  Gold-    und  Silbergeldes 


Kap.  ir.:  Das  Geld.  31 

Papier  tritt,  so  kann  die  Summe  von  Rohstoffen,  Werk- 
zeugen und  Unterhaltsmitteln,  die  das  ganze  umlaufende 
Kapital  zu  verschaffen  vermag,  um  den  ganzen  Wert 
des  sonst  zu  ihrem  Ankauf  verwendeten  Goldes  und 
Silbers  zunehmen.  Der  ganze  Wert  des  großen  Um- 
laufs- und  Yerteilungsrades  tritt  zu  den  Gütern  hinzu, 
die  durch  seine  Vermittelung  umliefen  und  verteilt 
wurden.  Diese  Tätigkeit  gleicht  gewissermaßen  der 
eines  großen  Fabrikunternehmers,  der  infolge  einer 
mechanischen  Erfindung  seine  alten  Maschinen  aufgibt, 
und  den  Unterschied  zwischen  ihrem  Preise  und  dem 
der  neuen  Maschinen  zu  seinem  Umlaufskapital,  dem 
Fonds,  aus  dem  er  Materialien  und  Arbeitslohn  an- 
schafft, hinzuschlägt. 

Das  Verhältnis  zu  bestimmen,  in  welchem  das  um- 
laufende Geld  eines  Landes  zum  Gesamtwert  des  durch 
seine  Vermittlung  umlaufenden  Jahresertrags  steht,  ist 
vielleicht  unmöglich.  Von  einigen  ist  es  auf  ein  fünftel, 
von  anderen  auf  ein  zehntel,  ein  zwanzigste],  oder  selbst 
ein  dreißigstel  dieses  Wertes  geschätzt  worden.  Wie 
klein  aber  auch  das  Verhältnis  des  umlaufenden  Geldes 
zum  Gesamtwert  des  Jahresertrages  sein  mag,  so  muß 
doch  sein  Verhältnis  zu  demjenigen  Teile  dieses  Ertrags, 
der  zum  Unterhalt  der  Gewerbtätigkeit  dient  —  und  das 
ist  eben  nur  ein  Teil  und  oft  ein  nur  geringer  Teil  des 
Gesamtertrags  —  stets  sehr  groß  sein.  Wird  daher  durch 
die  Stellvertretung  des  Papiers  das  zum  Umlauf  er- 
forderliche Gold  und  Silber  vielleicht  auf  ein  fünftel 
der  früheren  Menge  zurückgeführt,  so  muß  es,  wenn  der 
Wert  des  größeren  Teils  der  übrigen  vier  fünftel  zu 
den  dem  Unterhalt  der  Gewerbtätigkeit  dienenden 
Fonds  hinzukommt,  die  Summe  dieser  Gewerbtätigkeit 
und  folglich  den  Wert  des  jährlichen  Boden-  und 
Arbeitsertrags  sehr- bedeutend  vermehren. 

Etwas  der  Art  ist  in  den  letzten  25  oder  3U  Jahren 


32  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

in  Schottland  durch  die  Gründung  neuer  Bankgesell- 
schaften fast  in  jeder  größeren  Stadt,  ja  sogar  in  man- 
chen Landstädtchen,  vor  sich  gegangen.  Die  Wirkun- 
gen waren  genau  die  oben  beschriebenen.  Die  Geschäfte 
des  Landes  werden  fast  ausschließlich  mit  dem  Papier 
jener  Bankgesellschaften  geführt,  womit  Käufe  und 
Zahlungen  aller  Art  gemacht  zu  werden  pflegen.  Silber 
kommt  nur  selten  vor,  außer  beim  Wechseln  einer 
Zwanzigschillingnote,  und  Gold  noch  seltener.  Obgleich 
nicht  alle  jene  Gesellschaften  tadelfrei  geblieben  sind 
und  ihre  Gebahrungen  durch  eine  Parlamentsakte  ge- 
regelt werden  mußten,  so  hat  das  Land  doch  offenbar 
großen  Gewinn  aus  ihrem  Betrieben  gezogen.  Man  ver- 
sichert, daß  der  Handel  Glasgows  sich  seit  den  fünfzehn 
Jahren  der  Gründung  der  dortigen  Banken  verdoppelt 
habe,  und  daß  der  Handel  Schottlands  seit  der  Er- 
richtung der  beiden  öffentlichen  Banken  in  Edinburgh, 
von  denen  die  Bank  von  Schottland  durch  eine  Par- 
lamentsakte 1695,  und  die  königliche  Bank  durch  einen 
königlichen  Freibrief  1727  gegründet  wurde,  um  mehr 
als  das  vierfache  gestiegen  sei.  Ob  der  Handel  Schott- 
lands im  allgemeinen  oder  Glasgows  insbesondere 
während  einer  so  kurzen  Zeit  wirklich  so  stark  zuge- 
nommen hat,  weiß  ich  nicht.  Ist  es  aber  geschehen,  so 
scheint  dieser  Erfolg  zu  groß  zu  sein,  als  daß  er  sich 
aus  jener  Ursache  allein  erklären  ließe.  Indeß  steht 
die  Tatsache  fest,  daß  Handel  und  Industrie  Schott- 
lands innerhalb  dieses  Zeitraums  sehr  bedeutend  ge- 
stiegen sind;  und  daß  die  Banken  viel  dazu  beige- 
tragen haben,  ist  nicht  zu  bezweifeln. 

Der  Wert  des  in  Schottland  vor  der  Union  (1707) 
umlaufenden  und  unmittelbar  nach  ihr  zum  Zweck 
einer  Umprägung  in  die  Bank  von  Schottland  geliefer- 
ten Silbergeldes  betrug  £  411,117  10  sh.  9  d.  Über  die 
Goldmünzen  war  keine  Berechnung  aufzutreiben,  doch 


Kap.  IL:  Das  Geld.  33 

geht  aus  den  alten  schottischen  Münzberichten  hervor, 
daß  der  "Wert  des  jährlich  gemünzten  Goldes  den  des 
Silbers  etwas  überstieg.  Sehr  viele,  die  an  der  Zurück- 
zahlung zweifelten,  bi'achten  damals  ihr  Silber  nicht  zur 
Bank  von  Schottland*);  auch  lief  einiges  englisches  Geld 
um,  das  nicht  eingefordert  wurde.  Der  Gesamtwert  des 
vor  der  Union  in  Schottland  umlaufenden  Goldes  und 
Silbers  kann  daher  auf  mindestens  eine  Million  £  ver- 
anschlagt werden.  Dies  dürfte  so  ziemlich  der  ganze 
Umlauf  des  Landes  gewesen  sein;  denn  obwohl  die 
Bank  von  Schottland,  die  damals  noch  ohne  Konkurrenz 
war,  vorher  eine  nicht  unbeträchtliche  Menge  Noten  im 
Umlauf  hatte,  so  war  sie  doch  im  Verhältnis  zum  Ganzen 
nur  unbedeutend.  Gegenwärtig  kann  man  den  ganzen 
Umlauf  Schottlands  auf  mindestens  zwei  Millionen  ver- 
anschlagen, wovon  wahrscheinlich  kaum  eine  halbe 
MilHon  in  Gold  und  Silber  besteht.  Obwohl  aber  der 
Umlauf  an  Gold  und  Silber  so  bedeutend  abgenommen 
hat,  scheint  doch  der  wahre  Wohlstand  des  Landes 
keineswegs  gelitten  zu  haben ;  im  Gegenteil  haben  sich 
Ackerbau,  Industrie  und  Handel,  hat  sich  der  Jahreser- 
trag seines  Bodens  und  seiner  Arbeit  offenbar  gehoben. 
Die  meisten  Banken  geben  ihre  Noten  mittelst 
Wechseldiskont,  d.  h.  Geldvorschuß  auf  Wechsel  vor 
der  Verfallzeit  aus.  Von  der  vorzuschießenden  Summe 
werden  die  gesetzlichen  Zinsen  bis  zum  Verfalltage 
des  Wechsels  abgezogen.  Die  Bezahlung  des  fälligen 
Wechsels  erstattet  der  Bank  den  Vorschuß  nebst  einem 
Zinsgewinn  zurück.  Der  Bankier,  der  dem  Kaufmann, 
dessen  Wechsel  er  diskontiert,  nicht  Gold  und  Silber, 
sondern  seine  eigenen  Noten  gibt,  hat  den  Vorteil,  daß 
er  um  den  ganzen  Betrag  erfahrungsmäßig  im  Umlauf 
bleibender  Noten  mehr  diskontieren  kann,  wodurch  er 
an  einer  um  soviel  größeren  Summe  Zinsen  macht. 


'*')  Siehe  Riiddimans  Vorrede  zu  Andersons  DiploniataScotiae. 
Adam  Smith,  Volkswohlstand.  IL  <J 


34  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

Der  noch  immer  nicht  sehr  bedeutende  schottische 
Handelsverkehr  war  zu  der  Zeit,  als  die  beiden  ersten 
Banken  gegründet  wurden,  noch  viel  geringfügiger,  und 
diese  Gesellschaften  würden  wenig  Geschäfte  gemacht 
haben,  wenn  sie  sich  auf  Wechseldiskont  beschränkt 
hätten.  Sie  ersannen  deshalb  eine  andere  Methode  ihre 
Noten  auszugeben,  indem  sie  nämlich  sogenannte  Kassa- 
konten einrichteten,  d.  h.  jedem,  der  zwei  Leute  von 
unzweifelhaftem  Kredit  und  gutem  Grundbesitz  als 
Bürgen  für  die  Rückzahlung  stellen  konnte,  bestimmte 
Summen,  z.B.  zwei  oder  dreitausend  Pfund,  kreditierten. 
Kredite  dieser  Art  werden,  glaube  ich,  überall  in  der 
Welt  von  Banken  und  Bankiers  bewilligt,  aber  die 
leichten  Bedingungen,  die  die  schottischen  Banken  hin- 
sichtlich der  Rückzahlung  stellen,  sind,  so  viel  ich  weiß, 
ihnen  eigentümlich  und  waren  vielleicht  die  Hauptur- 
sache sowohl  der  guten  Geschäfte,  die  sie  machten,  als 
auch  des  Nutzens,  den  das  Land  daraus  zog. 

Wer  einen  solchen  Kredit  bei  einer  dieser  Gesell- 
schaften hat,  und  z.  B.  tausend  Pfund  von  ihr  borgt, 
kann  diese  Summe  in  Raten  zu  zwanzig  und  dreißig 
Pfund  zurückzahlen,  wobei  die  Zinsen  von  dem  Tage 
der  Einzahlung  an  abgerechnet  werden.  Alle  Kauf- 
leute, überhaupt  fast  alle  Geschäftsleute  finden  es  daher 
vorteilhaft,  sich  Kassakonten  bei  ihnen  zu  verschaffen, 
und  sind  dadurch  selbst  dabei  interessiert,  die  Ge- 
schäfte jener  Gesellschaften  zu  fördern,  ihre  Noten  be- 
reitwillig bei  allen  Zahlungen  anzunehmen  und  andere 
Leute  zu  bewegen,  dasselbe  zu  tun.  Wenn  die  Ge- 
schäftsfreunde der  Banken  Geld  von  ihnen  wünschen, 
so  schießen  letztere  es  gewöhnlich  in  ihren  Noten  vor. 
Diese  Noten  geben  die  Kaufleute  ihrerseits  an  die  Ge- 
werbtreibenden  für  Waren  in  Zahlung,  die  Gewerb- 
treibenden  geben  sie  für  Rohstoffe  und  Lebensmittel  an 
die  Pächtei-,  die  Pächter  als  Rente  an  die  Grundeigen- 


Kap.  TL:  Das  Geld.  35 

tümer,  die  Grundeigentümer  zahlen  sie  für  Bedarfs- 
und Luxusartikel  an  die  Kaufleute,  und  die  Kaufleute 
endlich  schicken  sie  an  die  Banken  zui'ück,  um  ihre 
Kassenkonten  zu  begleichen,  oder  ihr  Darlehen  zurück- 
zuzahlen, und  so  werden  fast  alle  Geschäfte  des  Landes 
mittelst  jener  Noten  geführt.  Daher  das  große  Ge- 
schäft jener  Gesellschaften. 

Mittelst  der  Kassenkonten  kann  jeder  noch  so  vor- 
sichtige Kaufmann  größere  Geschäfte  treiben,  als  es  ihm 
sonst  möglich  wäre.  Von  zwei  Kaufleuten,  von  denen 
einer  in  London,  der  andere  in  Edinburgh  wohnt,  und 
die  beide  Kapitalien  in  dem  nämlichen  Geschäftszweige 
angelegt  haben,  kann  der  Edinbuigher  ohne  Unvor- 
sichtigkeit größere  Geschäfte  treiben,  und  mehr  Leute 
beschäftigen,  als  der  Londoner.  Der  Letztere  muß  zu 
Hause  oder  bei  seinem  Bankier,  der  ihm  keine  Zinsen 
dafür  gibt,  immer  eine  beträchtliche  Summe  bereit  halten, 
um  für  die  Ware,  die  er  kauft,  auf  Verlangen  sofort 
Zahlung  leisten  zu  können.  Angenommen,  diese  Summe 
belaufe  sich  gewöhnlich  auf  £  500,  so  muß  der  Wert 
der  Waren  in  seinem  Lager  um  £  500  geringer  sein, 
als  es  nötig  wäre,  wenn  er  nicht  diese  Summe  unbe- 
schäftigt liegen  lassen  müßte.  Setzt  er  gewöhnlich  seine 
Vorräte  einmal  jährlich  um,  so  wird  er,  da  er  diese 
Summe  unbeschäftigt  lassen  muß,  im  Jahr  für  £  500 
Waren  weniger  verkaufen,  als  er  es  sonst  könnte.  Sein 
jährlicher  Gewinn  wird  daher  um  den  Betrag  geringer 
sein,  den  er  durch  den  Verkauf  von  Waren  im  Werte 
von  £  500  hätte  erwarten  können,  und  die  Anzahl  der 
Leute,  denen  er  zu  tun  gibt,  ward  um  soviel  kleiner 
sein,  als  durch  £  500  mehr  hätten  beschäftigt  werden 
können.  Der  Edinburgher  Kaufmann  dagegen  braucht 
kein  Geld  zur  Deckung  gelegentlicher  Forderungen 
unbeschäftigt  liegen  zu  lassen.  Er  deckt  solche  durch 
sein  Kassenkonto  bei  der  Bank,  und  erstattet  nach  und 


36  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

nach  die  geborgte  Summe  mit  dem  bei  ihm  eingehenden 
Geld  oder  Papier  zurück.  Er  kann  daher  ohne  jede  Un- 
vorsichtigkeit mit  dem  nämhchen  Kapital  fortwährend 
eine  prößere  Menge  Waren  auf  Lager  halten,  als  der 
Londoner  Kaufmann,  und  dadurch  sowohl  für  sich  selbst 
einen  größeren  Gewinn  ziehen,  als  auch  eine  grüßeie 
Zahl  fleißiger  Leute,  von  denen  er  die  Waren  ent- 
nimmt, beschäftigen.  Daher  der  große  Vorteil,  den 
das  Land  aus  jenen  Unternehmungen  zieht. 

Man  sollte  zwar  glauben,  daß  die  Leichtigkeit  des 
Wechseldiskonts  den  englischen  Kaufleuten  Vorteile 
biete,  die  den  Kassenkonten  der  schottischen  Kaufleute 
gleichkommen.  Aber  man  darf  nicht  vergessen,  daß 
die  schottischen  Kaufleute  ihre  Wechsel  eben  so  leicht 
diskontieren  können  wie  die  englischen,  und  außerdem 
noch  den  A'^orteil  ihrer  Kassenkonten  haben. 

Der  Gesamtwert  des  Papiergeldes,  das  in  einem 
Lande  mit  Leichtigkeit  umzulaufen  vermag,  kann  den 
Wert  des  Goldes  und  Silbers  nicht  übersteigen,  dessen 
Stelle  es  ersetzen  oder  das  bei  gleichem  Verkehr  um- 
laufen würde,  falls  es  kein  Papiergeld  gäbe.  Sind  bei- 
spielsweise Zwanzigschillingnoten  das  niedrigste  Papier- 
geldzeichen, so  kann  ihre  Summe,  die  mit  Leichtigkeit 
umläuft,  die  Summe  des  Goldes  und  Silbers  nicht  über- 
steigen, welche  erforderlich  wäre,  die  im  Lande  vor- 
kommenden jährlichen  Umsätze  von  zwanzig  Schilling 
und  darüber  zu  bewirken.  Übersteigt  einmal  das  um- 
laufende Papier  diese  Summe,  so  muß  der  Überschuß, 
da  er  weder  ins  Ausland  gesendet,  noch  in  dem  inneren 
Umlauf  verbraucht  werden  kann,  sofort  in  die  Banken 
zurückkehren,  um  gegen  Gold  imd  Silber  ausgetauscht 
zu  werden.  Viele  würden  einsehen,  daß  sie  mehr  Paj^ier 
haben,  als  sie  zum  Geschäftsbetriebe  im  Lande  brauchen, 
und  da  sie  es  nicht  ins  Ausland  schicken  können,  Bar- 
zahlung dafür  fordern.  In  Gold  und  Silber  umgewechselt 


Kap.  Tl.:  Da.s  Gold.  37 

kimnen  sie  das  Geld  leicht  zu  Sendungen  ins  Ausland 
gebrauchen;  in  Gestalt  des  Papiers  dagegen  hat  es  für 
sie  keinen  Nutzen.  Es  würde  deshalb  alsbald  ein  Sturm 
auf  die  Banken  entstehen  und  der  ganze  Betrag  des 
überflüssigen  Papiers  zur  Einlösung  vorgelegt  werden ; 
und  wenn  sie  Schwierigkeiten  machten,  so  würde  noch 
um  einen  weit  größeren  Betrag  sturmgelaufen  werden: 
denn  der  Lärm,  den  die  Weigerung  hervorbrächte, 
würde  den  Sturm  notwendig  vermehren. 

Außer  den  Kosten,  die  allen  Geschäftszweigen 
gemeinsam  sind,  wie  Hausmiete,  Lohn  der  Gehilfen 
und  Buchhalter  usw.,  erwachsen  einer  Bank  noch  be- 
sondere Kosten  hauptsächlich  dadurch,  daß  sie  erstens 
jederzeit  eine  große  Summe  zur  Befriedigung  der  ge- 
legentlichen Forderungen  seitens  der  Xoteninhaber 
unverzinslich  liegen  haben  und  zweitens  die  Kassen, 
sobald  sie  geleert  sind,  wieder  füllen  muß. 

Eine  Bankgesellschaft,  die  mehr  Papier  ausgiebt, 
als  im  Umlauf  des  Landes  zu  verwenden  ist,  und  zu 
der  der  Überschuß  fortwährend  zurückkehrt,  müßte  die 
in  der  Kasse  gehaltene  Menge  Gold  und  Silbers,  nicht 
nur  im  Verhältnis  jenes  Übermaßes  ihres  L^mlaufs, 
sondern  in  noch  weit  größerem  Verhältnisse  vermehren, 
da  ihre  Noten  weit  schneller  zurückkehren,  als  das 
Verhältnis  jenes  Übermaßes  es  mit  sich  bringt.  Die 
Gesellschaft  müßte  also  die  erstere  Ausgabe  nicht  nur 
nach  Verhältnis  der  forzierten  Geschäftszunahme,  son- 
dern nach   weit  größerem  Verhältnis  vermehren. 

Auch  müssen  die  Barbestände  der  Gesellschaft, 
wenn  sie  auch  viel  größer  sind,  sich  doch  weit  schneller 
leeren,  als  wenn  das  Geschäft  in  verständige  Grenzen 
eingeschränkt  wird,  und  nicht  nur  stärkere,  sondern 
auch  dauerndere  und  ununterbrochenere  Ausgaben 
erfordern,  um  wieder  gefüllt  zu  werden.  Und  die  auf 
diese  Weise  fortwährend  in  großen  Mengen  ihren  Kassen 


f^^  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

entnommene  Münze  kann  auch  im  Umlaufe  des  Landes 
nicht  verwendet  werden.  Sie  tritt  an  die  Stelle  eines 
Papiergeldes,  von  dem  schon  zu  viel  vorhanden  war, 
um  im  Umlauf  verwendet  werden  zu  können,  und  über- 
steigt daher  gleichfalls  den  Bedarf.  Da  man  aber  diese 
Münze  nicht  wird  müßig  liegen  lassen  wollen,  so  muß 
sie  in  der  einen  oder  anderen  Gestalt  ins  Ausland  ge- 
sendet werden,  um  dort  die  gewinnbringende  Verwen- 
dung zu  finden,  die  ihr  im  Lande  nicht  zu  Teil  wird; 
und  diese  beständige  Ausfuhr  von  Gold  und  Silber  muß 
notwendig  die  Kosten,  die  die  Bank  für  Anschaffung 
frischen  Goldes  und  Silbers  zur  Füllung  ihrer  Kassen 
aufwenden  muß,  die  sich  so  schnell  leeren,  noch  erhöhen. 
Eine  solche  Gesellschaft  muß  daher  je  nach  dem  Über- 
maße der  Geschäftsausdehnung  die  zweite  Art  ihrer 
Unkosten  noch  mehr  erhöhen,  als  die  erstere. 

Angenommen,  die  Noten  einer  Bank,  die  der  Um- 
lauf des  Landes  leicht  aufnehmen  und  verwenden  kann, 
machten  genau  £  40,000  aus,  und  diese  Bank  müßte, 
um  den  gelegentlichen  Forderungen  zu  entsprechen, 
jederzeit  £  10,000  in  Gold  und  Silber  vorrätig  haben. 
Sollte  diese  Bank  versuchen,  £  44,000  in  Umlauf  zu 
setzen,  so  würden  die  £  4000,  die  sie  mehr  ausgiebt, 
als  der  Umlauf  leicht  aufnehmen  und  verwenden  kann, 
fast  eben  so  schnell  zu  ihr  zurückkehren,  als  sie  aus- 
gegeben wurden.  Um  den  gelegentlichen  Forderungen 
zu  entsprechen,  müßte  die  Bank  also  jederzeit  nicht 
nur  £  11,000,  sondern  £  14,000  in  der  Kasse  haben. 
Sie  würde  auf  diese  "Weise  an  den  Zinsen  der  den  Um- 
lauf übersteigenden  £  4000  nichts  gewinnen,  und  die 
ganzen  Unkosten  für  beständige  Anschaffung  von 
£  4000  in  Gold  und  Silber,  die  eben  so  schnell  wieder 
gehen,  wie  sie  kommen,  verlieren. 

Hätten  alle  Banken  stets  ihr  Interesse  verstanden 
und  gewahrt,  so  würde  der  Umlauf  niemals  mit  Papier- 
geld überfüllt  worden  sein.    Aber  dies  war  eben  nicht 


Kap.  IL:  Das  Geld.  39 

immer  der  Fall  und  der  Umlauf  wurde  oft  genug  mit 
Papiergeld  überfüllt. 

Durch  Ausgabe  einer  zu  großen  Masse  Papier, 
dessen  Überschuß  stets  zurückkehrte,  um  gegen  Gold 
und  Silber  ausgetauscht  zu  werden,  sah  sich  die  Bank 
von  England  genötigt,  jährlich  zwischen  £  800,000  und 
1,000,000  oder  durchschnittlich  £  850,000  Gold  prägen 
zu  lassen.  Zu  diesem  Ende  war  die  Bank,  weil  seit 
einigen  Jahren  die  Goldmünzen  stark  abgenutzt  und 
verschlechtert  waren,  oft  genötigt,  Goldbarren  zu  dem 
hohen  Preise  von  £  4  für  die  Unze  zu  kaufen,  die  sie 
bald  darauf  als  Münze  zu  £  3  17  sh.  10V2  d.  wieder 
ausgab,  wobei  sie  also  zwischen  2^  2  und  S^/o  verlor, 
ein  bei  einer  so  großen  Summe  sehr  bedeutender  Ver- 
lust. Obgleich  die  Bank  keinen  Schlagschatz  zahlte, 
und  eigentlich  die  Regierung  die  Kosten  der  Aus- 
münzung trug,  so  konnte  diese  Freigebigkeit  des 
Staates  doch   nicht  die  Unkosten   der  Bank  verhüten. 

Die  schottischen  Banken  sahen  sich  durch  ähnliche 
Überschreitungen  genötigt,  beständig  Agenten  in  Lon- 
don zu  halten,  um  Geld  für  sie  zu  beschaffen,  was 
selten  ohne  einen  Verlust  von  1^  2  bis  2°'o  abging.  Dazu 
kamen  noch  ^  4°,o  oder  15  sh.  auf  £  100  für  Fracht 
und  Versicherung.  Die  Agenten  aber  waren  nicht  immer 
im  Stande,  die  Kassen  ihrer  Auftraggeber  so  rasch  zu 
füllen,  als  sie  sich  geleert  hatten.  In  diesem  Falle  er- 
griffen die  Banken  das  Auskunftsmittel,  auf  ihre  Korre- 
spondenten in  London  Wechsel  in  Höhe  der  benötigten 
Summen  zu  ziehen.  Zogen  später  die  Korrespondenten 
ihrerseits  Wechsel  in  gleichem  Betrage,  samt  Zinsen 
und  Provision,  auf  die  Banken,  so  vermochten  manche 
von  ihnen,  bei  der  Verlegenheit,  in  die  sie  durch  den 
übermäßigen  Umlauf  geraten  waren,  die  Tratten  oft 
auf  keine  andre  Ar^^  zu  bezahlen,  als  indem  sie  eine 
zweite  Serie  von  Wechseln  entweder  auf  den  nämlichen 
oder   auf  andere  Korrespondenten    in   London   zogen; 


40  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

und  so  machte  ein  und  dieselbe  Summe,  oder  vielmehr 
Wechsel  von  ein  und  derselben  Summe,  mitunter  mehr 
als  zwei  oder  drei  Reisen,  wobei  die  schuldende  Bank 
stets  die  Zinsen  und  Provisionen  auf  die  ganze  sich 
häufende  Summe  zu  bezahlen  hatte.  Selbst  solche 
schottische  Banken,  die  niemals  eine  besonders  große 
Unvorsichtigkeit  an  den  Tag  legten,  sahen  sich  manch- 
mal in  die  Notw^endigkeit  versetzt,  dieses  verderbliche 
Auskunftsmittel  zu  ergreifen. 

Das  Goldgeld,  das  von  der  Bank  von  England 
oder  von  den  schottischen  Banken  im  Austausch  gegen 
denjenigen  Teil  ihres  Papiers  gezahlt  wurde,  der  deii 
Umlaufsbedarf  des  Landes  überstieg,  wurde,  da  es 
gleichfalls  diesen  Bedarf  überstieg,  bald  im  gemünzten 
Zustande,  bald  eingeschmolzen  und  als  Barren  ins 
Ausland  gesandt,  oder  auch  eingeschmolzen  und  zu 
dem  hohen  Preise  von  £  4  für  die  Unze  an  die  Bank 
von  England  verkauft.  Man  suchte  mit  aller  Sorgfalt 
nur  die  neuesten,  schwersten  und  besten  Stücke  aus, 
um  sie  fortzusenden  oder  einzuschmelzen.  Im  Lande 
selbst  hatten  diese  schweren  Stücke  als  Münze  keinen 
höheren  Wert,  als  die  leichten;  sie  erhielten  ihn  aber, 
wenn  sie  entweder  ins  Ausland  geschickt  oder  im  Lande 
selbst  zu  Barren  eingeschmolzen  wurden.  Die  Bank 
von  England  fand  zu  ihrem  Erstaunen,  daß  trotz  ihrer 
großen  Ausmünzungen  sich  alljährlich  wieder  derselbe 
Mangel  an  Münze  zeigte,  wie  im  Vorjahr,  und  daß, 
trotz  der  großen  Menge  guter  und  neuer  Münzen,  die 
die  Bank  jährlich  ausbrachte,  der  Zustand  der  Münzen, 
statt  besser  zu  werden,  mit  jedem  Jahre  schlechter 
wurde.  Mit  jedem  Jahre  war  man  von  neuem  ge- 
nötigt, beinahe  die  nämliche  Menge  Gold  ausmünzen 
zu  müssen,  wie  im  Vorjahre,  und  dabei  wurden  die 
Kosten  dieser  großen  jährlich  wiederkehi'enden  Aus- 
münzung durch  das  fortwährende  Steigen  des  Gold- 
barrenpreises,   der    wegen    der    Abnutzung    und    Be- 


Kap.  II.:   Pas  Geld.  41 

schneidung  des  Geldes  immer  höher  wurde,  von  Jahr 
zu  Jahr  größer.  Die  Bank  von  England  muß  nämlich 
durch  die  eigne  Versorgung  mit  barem  Gelde  indirekt 
das  ganze  Reich  damit  versorgen,  wohin  es  aus  der 
Bank  auf  den  verschiedensten  Wegen  beständig  abfließt. 
So  viel  Bargeld  daher  auch  erforderlich  war,  um  den  über- 
mäßigen Umlauf  schottischen  und  englischen  Papier- 
geldes aufrecht  zu  erhalten,  und  so  große  Lücken  auch 
dieser  übermäßige  Umlauf  in  der  für  das  Reich  nötigen 
Münze  hervorbrachte:  die  Bank  von  England  mußte 
für  ihre  Beschaffung  sorgen.  Allerdings  bezahlten 
auch  die  Schotten  ihre  Unvorsichtigkeit  teuer;  aber  die 
Bank  von  England  hatte  nicht  nur  ihre  eigene,  sondern 
auch  die  noch  weit  größere  Unvorsichtigkeit  fast  aller 
schottischen  Banken  sehr  teuer  zu  bezahlen. 

Die  ursprüngliche  Ursache  dieses  übermäßigen 
Pajjierumlaufs  war  die  Spekulationswut  einiger  ver- 
wegenen Spekulanten  in  beiden  Teilen  des  vereinigten 
Königreichs. 

Eine  Bank  vermag  den  Handel-  oder  Gewerbtrei- 
benden  weder  ihr  ganzes  Betriebskapital,  noch  auch 
nur  einen  erheblichen  Teil  von  ihm,  sondern  nur  den- 
jenigen Teil  vernünftiger  Weise  vorzuschießen,  den  sie 
ohne  jenen  Vorschuß  unbeschäftigt  zur  Befriedigung 
einlaufender  Forderungen  in  barem  Gelde  liegen  haben 
müßten.  Übersteigt  das  Papiergeld,  das  die  Bank  vor- 
schießt, niemals  diesen  Betrag,  so  kann  es  auch  niemals 
den  Betrag  des  Goldes  und  Silbers  übersteigen,  das  im 
Lande  umlaufen  würde,  wenn  es  kein  Papiergeld  gäbe; 
oder  mit  andern  Worten:  es  kann  die  Menge  nicht 
übersteigen,  die  der  Umlauf  des  Landes  mit  Leichtig- 
keit aufnehmen  und  verwenden   kann. 

Diskontiert  eine  Bank  einem  Kaufmann  einen 
reellen  von  einem  wirklichen  Gläubiger  auf  einen  wirk- 
lichen Schuldner  ausgestellten  Wechsel,  der  am  Verfall- 
tag pünktlich  bezahlt  wird,  so  schießt  sie  ihm  nur  einen 


42  Zweites  Burh:  Das  Kapital. 

Teil  des  Betrages  vor,  den  er  sonst  unbeschäftigt  in 
barem  Gelde  bei  sich  hegen  lassen  müßte,  um  ein- 
laufende Forderungen  befriedigen  zu  können.  Die 
Bezahlung  des  Wechsels  am  Verfalltage  erstattet  der 
Bank  den  Betrag  ihres  Vorschusses  mit  Zinsen  zurück. 
Die  Kassen  der  auf  Geschäfte  mit  solchen  Kunden 
beschränkten  Bank  gleichen  einem  Teich,  aus  dem 
zwar  stets  Wasser  abfließt,  aber  in  den  auch  stets 
wieder  ebenso  viel  hineinfließt,  so  daß  der  Teich  ohne 
alle  weitere  Sorge  oder  Wartung  immer  gleich  oder 
beinahe  gleich  voll  bleibt.  Die  Kassen  einer  solchen 
Bank  wieder  zu  füllen,  kann  nur  wenig  oder  gar  keine 
Unkosten  verursachen. 

Jedoch  auch  ohne  seinen  Betrieb  übermäßig  auszu- 
dehnen, kann  ein  Kaufmann  oft  in  den  Fall  kommen, 
bares  Geld  zu  brauchen,  für  das  er  keine  Wechsel  zu 
diskontieren  hat.  Schießt  ihm  die  Bank,  die  gewöhnlich 
seine  AVechsel  diskontiert,  in  solchen  Fällen  auch  noch 
diese  Summe  auf  sein  Kassenkonto  vor  und  gestattet 
unter  den  leichten  Bedingungen  der  schottischen  Banken 
ratenweise  Rückzahlung,  so  überhebt  sie  ihn  gänzlich  der 
Notwendigkeit,  einen  Teil  seines  Kapitals  zur  Befriedi- 
gung einlaufender  Forderungen  unbeschäftigt  in  barem 
Gelde  liegen  zu  haben.  Er  befriedigt  sie  aus  seinem 
Kassenkonto.  Doch  hat  die  Bank  bei  solchen  Kunden 
sehr  genau  darauf  zu  achten,  ob  innerhalb  eines  kurzen 
Zeitraums,  z.  B.  von  vier,  fünf,  sechs  oder  acht  Monaten, 
der  Betrag  der  Ratenzahlungen  dem  Betrag  der  Vor- 
schüsse gleichkommt  oder  nicht.  Ist  ersteres  der  Fall, 
so  kann  die  Bank  ohne  Gefahr  mit  solchen  Kunden 
die  Geschäfte  fortsetzen.  Denn  wenn  auch  in  diesem 
Falle  der  Abzug  aus  den  Kassen  fortwährend  sehr  stark 
ist,  so  wird  doch  der  Zugang  wenigstens  eben  so  stark 
sein,  so  daß  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  die  Kassen 
sich  ohne  weitere  Sorge  auf  annähernd  gleichem  Be- 
stände erhalten  und  kaum  Unkosten  für  Geldbeschaffung 


Kai).  "•:    '^^1«  CS  eld-  43 

erfordern  werden.  Bleibt  dagegen  der  Betrag  der  Rück- 
zahlungen gewöhnlich  weit  hinter  den  Vorschüssen  zu- 
rück, so  kann  die  Bank  mit  derartigen  Kunden  die 
Geschäfte  nicht  mit  Sicherheit  fortsetzen,  falls  sie  ihre 
Gebahrungen  nicht  ändern.  Der  fortdauernde  Abzug 
aus  ihren  Kassen  muß  in  diesem  Falle  weit  größer  sein, 
als  der  Zugang,  so  daß  die  Kassen,  wenn  sie  nicht 
mit  großen  Kosten  beständig  wieder  ergänzt  werden, 
bald  gänzlich  erschöpft  sein  müssen. 

Deshalb  waren  die  schottischen  Banken  lange  Zeit 
eifrig  darauf  bedacht,  von  allen  ihren  Kunden  oftmalige 
und  regelmäßige  Rückzahlungen  zu  fordern,  und  es  lag 
ihnen  wenig  an  Geschäftsverbindungen  mit  Leuten,  die 
so  groß  ihr  Vermögen  oder  Kredit  sein  mochte,  doch, 
wie  sie  sich  ausdrückten,  keine  häufigen  und  regel- 
mäßigen Geschäfte  mit  ihnen  machten.  Durch  diese 
Behutsamkeit  erreichten  sie,  abgesehen  davon,  daß  sie 
ungewöhnliche  Kosten  für  Ergänzung  ihrer  Barbe- 
stände ersparten,  zwei  andere  sehr  wesentliche  Vorteile. 

Erstens  waren  sie  durch  ihre  Behutsamkeit  in 
Stand  gesetzt,  sich  über  die  guten  und  schlechten  Ver- 
mögensumstände ihrer  Schuldner  hinreichend  auf  dem 
Laufenden  zu  halten,  ohne  andere  Auskunft  zu  brau- 
chen, als  ihre  eignen  Bücher  sie  darboten:  denn  die 
Schuldner  sind  meist  mit  der  Rückzahlung  pünktlich 
oder  saumselig,  je  nachdem  sie  sich  in  guten  oder 
schlechten  Umständen  befinden.  Ein  Privatmann,  der 
sein  Geld  vielleicht  an  ein  halbes  Dutzend  oder  ein 
Dutzend  Schuldner  ausleiht,  kann  entweder  selbst  oder 
durch  Agenten  ihr  Verhalten  und  ihre  Lage  beob- 
achten. Aber  eine  Bankgesellschaft,  die  vielleicht  an 
fünfhundert  Leute  Geld  ausleiht,  und  deren  Aufmerk- 
samkeit stets  auf  sehr  verschiedene  Dinge  gerichtet 
ist,  kann  sich  über  die  Gebahrungen  und  Umstände 
ihrer  meisten  Schuldner  nur  aus  ihren  eignen  Büchern 
unterrichten.     Diesen  Vorteil  hatten  auch  wahrschein- 


44  Zweites  Bucli:  Da.s  Kapital. 

lieh  die  schottischen  Banken  im  Auge,  wenn  sie  häufige 
und  regelmäßige  Rückzahlungen  von  ihren  Kunden 
verlaugten. 

Zweitens  sicherten  sie  sich  durch  diese  Behut- 
samkeit gegen  die  Möglichkeit,  mehr  Papier  auszu- 
geben, als  der  Umlauf  des  Landes  leicht  aufnehmen 
und  gebrauchen  konnte.  Bemerkten  sie,  daß  die  Rück- 
zahlungen eines  Kunden  innerhalb  eines  kurzen  Zeit- 
raums den  Bankvorschüssen  gleich  kamen,  so  konnten 
sie  sicher  sein,  daß  das  Papiergeld,  das  sie  ihm  vor- 
geschossen hatten,  niemals  die  Menge  Gold  und  Silber 
überstieg,  die  er  ohne  ihren  Vorschuß  zur  Deckung 
einlaufender  Forderungen  hätte  halten  müssen,  und 
daß  folglich  das  Papiergeld,  das  auf  diese  Weise  in 
Umlauf  gebracht  war,  niemals  die  Menge  Gold  und 
Silber  überstieg,  die  in  dem  Lande  umgelaufen  sein 
würde,  wenn  es  kein  Papiergeld  gegeben  hätte.  Die 
Häufigkeit,  Regelmäßigkeit  und  Höhe  der  Rückzah- 
lungen zeigte  hinlänglich,  daß  der  Betrag  ihrer  Vor- 
schüsse niemals  den  Teil  seines  Kapitals  überstieg,  den 
er  ohne  sie  zur  Deckung  einlaufender  Forderungen, 
d.h.  um  sein  übriges  Kapital  in  beständiger  Beschäf- 
tigung erhalten  zu  können,  in  barem  Gelde  hätte  liegen 
haben  müssen.  Nur  dieser  Teil  seines  Kapitals  kehrt 
nach  und  nach  in  Papier  oder  Münze  an  den  Geschäfts- 
mann zurück,  und  geht  ebenso  wieder  von  ihm  fort. 
Überschreiten  in  der  Regel  die  Vorschüsse  der  Bank 
diesen  Teil  seines  Kapitals,  so  können  seine  allmäh- 
lichen Rückzahlungen  dem  Betrag  ihrer  Vorschüsse 
nicht  gleich  kommen.  Der  durch  seine  Geschäfte 
fortwährend  herbeigeführte  Rückfluß  in  die  Kassen 
der  Bank  hätte  dem  infolge  der  nämlichen  Geschäfte 
bewirkten  Abzug  aus  ihnen  nicht  gleichkommen  können. 
Wenn  die  Vorschüsse  an  Banknoten  die  Menge  Gold 
und  Silber,  die  der  Kaufmann  ohne  jene  Vorschüsse 
zur    Befriedigung    gelegentlicher    Forderungen    hätte 


Kap.  IT.:  Das  Geld.  45 

zurückbehalten  müssen,  überstiegen,  so  konnten  sie 
bald  die  ganze  Menge  Gold  und  Silber  übersteigen, 
die  (bei  gleichbleibendem  Yerkehr)  im  Lande  umge- 
laufen sein  würde,  falls  es  kein  Papieigeld  gab,  und 
folglich  die  Menge,  die  der  Umlauf  des  Landes  leicht 
aufzunehmen  und  zu  verwenden  vermochte;  und  nun 
würde  das  überschüssige  Papiergeld  sofort  zur  Bank 
zurückgekehrt  sein,  um  gegen  Gold  und  Silber  aus- 
gewechselt zu  werden.  Dieser  zweite,  ebenso  wichtige 
Vorteil  wurde  vielleicht  nicht  von  allen  schottischen 
Banken  so  gut  begriffen   wie  der  erste. 

Wenn  die  kreditwürdigen  Geschäftsleute  eines  Lan- 
des teils  durch  die  Bequemlichkeit  des  Wechseldiskonts, 
teils  durch  die  Kassonkonti  der  Notwendigkeit  über- 
hoben sind,  einen  Teil  ihres  Kapitals  für  gelegentliche 
Forderungen  unbeschäftigt  bar  liegen  zu  haben,  so 
können  sie  füglich  keinen  weiteren  Beistand  von  den 
Banken  und  Bankiers  erwarten,  die  ohne  Verletzung 
ihres  eignen  Interesses  und  ihi'er  Sicherheit  nicht  weiter 
gehen  können,  als  bis  zu  diesem  Punkte.  Eine  Bank 
kann  ihres  eignen  Interesses  wegen  einen  Geschäftsmann 
nicht  das  ganze  Betriebskapital,  oder  auch  nur  seinen 
größten  Teil  vorschießen,  weil,  wenn  auch  das  Kapital 
stets  in  Form  von  Geld  zu  ihm  zurückkehrt  und  ihn 
ebenso  verläßt,  doch  zu  große  Zeiträume  zwischen  dem 
Wiedereingehen  des  Ganzen  und  dem  Fortgang  des 
Ganzen  liegen,  und  seine  Eückzahlungen  nicht  in  so 
kurzen  Zwischenräumen,  wie  es  der  Bank  lieb  sein 
muß,  den  Vorschüssen  gleichkommen  könnten.  Noch 
weniger  aber  könnte  eine  Bank  ihm  einen  bedeuten- 
den Teil  seines  stehenden  Kapitals  vorschießen,  des 
Kapitals,  das  der  Unternehmer  eines  Eisenwerkes  zur 
Herstellung  der  Schmieden,  Hämmer,  Werkstätten,  Ma- 
gazine, Wohngebäude  für  die  Arbeiter  usw.  braucht;  oder 
das  der  Bergwerksunternehmer  braucht,  um  die  Schachte 


46  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

abzuteufen,  Pumpwerke  aufzustellen, ^Wege  und  Fahr- 
straßen zu  machen  usw.;  oder  das  der  Landwirt  zu  Kul- 
turverbesserungen, Abzugsgräben,  Einzäunungen,  zur 
Düngung  und  Bestellung' unbebauter  Felder,  zu  Wirt- 
schaftsgebäuden und  ihrem  Zubehör  an  Ställen,  Speichern 
usw.  braucht.  Die  Erträgnisse  des  stehenden  Kapitals 
gehen  fast  stets  langsamer  ein  als  die  des  umlaufenden, 
und  solche  Ausgaben  machen  sich,  selbst  bei  der  größ- 
ten Vor-  und  Umsicht  in  ihrer  Verwendung,  doch  ge- 
wöhnlich erst  nach  vielen  Jahren  wieder  bezahlt,  eine 
viel  zu  lange  Zeit,  um  für  eine  Bank  annehmbar  zu 
sein.  Kaufleute  und  andere  Unternehmer  können  gewiß 
viele  ihrer  Pläne  recht  gut  mit  geborgtem  Gelde  aus- 
führen. Zur  Sicherstellung  ihrer  Gläubiger  muß  jedoch 
ihr  eignes  Kapital  in  diesem  Falle  groß  genug  sein,  um 
so  zu  sagen  das  Kapital  der  anderen  zu  versichern,  das 
heißt,  um  es  unwahrscheinlich  zu  machen,  daß  die 
Gläubiger  einen  Verlust  erleiden  werden,  selbst  wenn 
der  Ertrag  weit  hinter  den  Hoffnungen  der  Unter- 
nehmer zurückbleiben  sollte.  Aber  auch  dann  sollte 
das  Geld,  das  man  erst  nach  mehreren  Jahren  zurück 
zu  zahlen  beabsichtigt,  nicht  von  einer  Bank,  sondern 
auf  Obligationen  und  Hypotheken  von  Privatleuten  ge- 
borgt werden,  die  von  den  Zinsen  ihres  Geldes  leben 
wollen,  ohne  es  in  eignen  Geschäften  anzulegen,  und 
die  ihre  Kapitalien  deshalb  gern  an  Leute  von  gutem 
Kredit  ausleihen  und  Jahre  lang  stehen  lassen.  Freilich 
wäre  eine  Bank,  die  iliie  Gelder  ohne  Kosten  an  Stempel 
und  für  Notariatsgebühren  verleiht  und  die  Rückzah- 
lung unter  so  leichten  Bedingungen  wie  die  schottischen 
Banken  gestattet,  ein  sehr  v^illkommener  Gläubiger  für 
solche  Unternehmer;  allein  die  letzteren  wären  sehr 
ungeeignete  Schuldner  für  eine  Bank. 

Schon  vor  mehr  als  fünfundzwanzig  Jahren  betrug 
das  von  den  verschiedenen  schottischen  Banken  ausge- 


Kap.  IL:  Das  Geld.  47 

gebene  Papiergeld  so  viel,  oder  eher  noch  etwas  mehr, 
als  der  Umlauf  des  Landes  leicht  aufnehmen  und  ver- 
wenden kann.  Schon  damals  also  hatten  diese  Gesell- 
schaften den  schottischen  Handel-  und  Gewerbtreiben- 
den  all'  den  Beistand  geleistet,  den  Banken  und  Ban- 
kiers, ohne  gegen  ihr  eignes  Interesse  zu  handeln, 
leisten  können.  Sie  hatten  sogar  etwas  mehr  getan. 
Sie  hatten  das  Geschäft  etwas  übertrieben,  und  sich 
Verluste,  oder  wenigstens  die  Gewinnreduktion  zuge- 
zogen, die  bei  der  geiingsten  derartigen  Geschäftsüber- 
treibung nicht  ausbleiben  kann.  Die  Handel-  und  Ge- 
werbtreibenden  aber,  die  von  den  Banken  und  Bankiers 
soviel  Beistand  erhalten  hatten,  wünschten  noch  mehr 
zu  erhalten.  Sie  schienen  zu  glauben,  daß  die  Banken 
ihren  Kredit  auf  jede  mögliche  Summe  ausdehnen 
könnten,  ohne  daß  es  sie  mehr  koste,  als  ein  par  Ries 
Papier.  Sie  klagten  über  die  Engherzigkeit  und  Mut- 
losigkeit der  Bankdirektoren,  die,  wie  sie  sagten,  ihre 
Kredite  nicht  nach  der  Ausdehnung  der  geschäftlichen 
Unternehmungen  im  Lande  einrichteten,  und  verstan- 
den ohne  Zweifel  unter  der  Ausdehnung  der  geschäft- 
lichen Unternehmungen  die  Ausdehnung  ihrer  eigenen 
Pläne,  die  sie  weder  mit  ihrem  eigenen  Kapital,  noch 
mit  dem  auf  Obligationen  und  Hypotheken  bei  Privat- 
leuten genommenen  Kredit  bestreiten  konnten.  Sie  er- 
achteten die  Banken  durch  ihre  Ehre  verpflichtet,  das 
Fehlende  herzugeben,  und  sie  mit  allem  Kapital  zu  ver- 
sehen, das  sie  zu  ihren  Unternehmungen  brauchten. 
Ganz  anderer  Meinung  waren  jedoch  die  Banken,  und 
da  sie  sich  weigerten,  ihren. Kredit  soweit  auszudehnen, 
so  nahmen  manche  jener  Geschäftsleute  ihre  Zuflucht 
zu  einem  Mittel,  das  ihren  Zwecken  eine  Zeit  lang,  zwar 
nicht  so  billig  aber  doch  ebenso  wirksam  diente,  als  es 
der  größte  Bankkredit  vermocht  hätte.  Dies  Mittel  war 
kein  anderes,  als  der  wohlbekannte  Notbehelf,  den  un- 
glückliche Geschäftsleute  bisweilen  ergreifen,  wenn  sie 


48  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

um  Rande  des  Bankerotts  stehen.  Diese  Art  Geld  auf- 
zubringen war  in  England  längst  bekannt,  und  soll 
während  des  letzten  Krieges,  wo  die  hohen  Geschäfts- 
gewinne mächtig  zur  Überspekulation  verleiteten,  in 
größtem  Maßstabe  angewendet  worden  sein.  Aus  Eng- 
land wurde  diese  Methode  nach  Schottland  verpflanzt, 
wo  sie  im  Verhältnis  zu  dem  sehr  beschränkten  Ver- 
kehr und  dem  sehr  mäßigen  Kapital  des  Landes  bald 
in  einer  weit  größeren  Ausdehnung  gehandhabt  wurde, 
als  jemals  in  England. 

Die  Wechselreiterei  ist  allen  Geschäftsleuten  so 
wohl  bekannt,  daß  es  unnötig  scheinen  könnte,  sie 
näher  zu  eiklären.  Da  indessen  dies  Buch  manchem 
in  die  Hand  kommen  kann,  der  kein  Geschäftsmann 
ist,  und  da  selbst  Geschäftsleute  den  Einfluß  dieses 
Mittels  auf  das  Bankwesen  nicht  immer  genau  kennen, 
so   will  ich   es   möglichst   faßlich   zu   erkläi'en    suchen. 

Die  Handelsgebräuche,  die  in  Europa  zu  einer  Zeit 
eingeführt  wurden,  als  die  unzureichenden  Gesetze  die 
P]rfüllung  von  Verträgen  noch  nicht  erzwangen,  und 
die  in  den  beiden  letzten  Jahrhunderten  in  die  Ge- 
setze aller  europäischen  Nationen  übergegangen  sind, 
erteilten  den  Wechseln  so  außerordentliche  Vorrechte, 
daß  auf  sie  weit  eher  Geld  zu  haben  ist,  als  auf  jede 
andere  Schuldverschreibung,  zumal  sie  in  kurzer  Zeit, 
etwa  in  zwei  oder  drei  Monaten  nach  dem  Tage  der 
Ausstellung  zahlbar  sind.  Wenn  der  Akzeptant  den 
Wechsel  bei  Vorzeigung  am  Verfalltage  nicht  zahlt, 
so  erklärt  er  sich  in  demselben  Augenblicke  dadurch 
für  bankerott.  Der  Wechsel  wird  protestiert,  und  geht 
an  den  Aussteller  zurück,  der,  wenn  er  nicht  sofort 
zahlt,  gleichfalls  für  bankerott  gilt.  Ist  der  Wechsel, 
ehe  er  in  die  Hände  dessen  kommt,  der  ihn  dem  Ak- 
zeptanten zur  Zahlung  präsentiert,  durch  die  Hände 
einiger  anderen  Personen  gegangen,  die  sich  nachein- 


Kap.  TL:  Das  Geld.  49 

ander  seine  Valuta  in  Geld  oder  Waren  auszahlten  und 
zur  Bekräftigung,  daß  jeder  von  ihnen  die  Valuta  er- 
halten habe,  den  Wechsel  girierten,  d.  h.  ihre  Namen 
auf  die  Rückseite  des  Wechsels  schrieben,  so  wird  jeder 
Girant  seinerseits  wieder  dem  Eigner  des  Wechsels  für 
die  Valuta  verantwortlich,  und  ist  mangels  Zahlung 
ebenfalls  sogleich  bankerott.  Wenn  daher  auch  der 
Aussteller,  der  Akzeptant  und  die  Giranten  des  Wechsels 
sämtlich  Leute  von  zweifelhaften  Kredit  wären,  so  ge- 
währt doch  die  Kürze  des  Zahlungstermins  dem  Besitzer 
des  Wechsels  eine  gewisse  Sicherheit.  Denn  wenn  sie 
auch  vielleicht  sämtlich  am  ßande  des  Bankerotts 
stehen,  läßt  sich  doch  nicht  erwarten,  daß  sie  alle  mit- 
einander in  so  kurzer  Zeit  bankerott  werden.  Das 
Haus  ist  baufällig,  sagt  ein  müder  Wanderer  zu  sich 
selbst,  und  wird  nicht  mehr  lange  stehen ;  aber  es  wird 
doch  wohl  nicht  heute  Nacht  einfallen,  und  so  will  ich 
es  wagen,  heute  darin  zu  schlafen. 

Nehmen  wir  an,  A.  in  Edinburgh  ziehe  einen 
Wechsel  auf  B.  in  London,  zahlbar  zwei  Monate 
nach  dato.  Eigentlich  schuldet  B.  in  London  dem  A. 
in  Edinburgh  Nichts,  aber  er  ist  damit  einverstanden, 
den  Wechsel  des  A.  unter  der  Bedingung  zu  akzeptieren^ 
daß  er  vor  dem  Zahltage  einen  ßückAvechsel  für  dieselbe 
Summe  nebst  Zinsen  und  Provision,  gleichfalls  zahlbar 
zwei  Monate  nach  dato,  auf  A.  in  Edinburgh  ziehen 
darf.  Nun  zieht  B.  vor  Ablauf  der  ersten  zwei  Monate 
diesen  Rückwechsel  auf  A.  in  Edinburgh,  der  seiner- 
seits vor  Ablauf  der  anderen  zwei  Monate  einen  gleich- 
falls zwei  Monate  nach  dato  zahlbaren  zweiten  Wechsel 
auf  B.  in  London  zieht;  und  vor  Ablauf  der  dritten 
zwei  Monate  nimmt  wieder  B.  in  London  einen  Rück- 
wechsel auf  A.  in  Edinburgh,  gleichfalls  zwei  Monate 
nach  dato  zahlbar.  Diese  Praxis  ist  manchmal  nicht 
Monate  lang,   sondern   Jahre   lang   getrieben    worden, 

Adam  Sniitti.  VolUswolilslaiid.   II.  4 


50  Zweites  Buch :  Das  Kapital. 

indem  der  Wechsel  immer  mit  den  aufgehäuften  Zinsen 
und  Provisionen  für  alle  früheren  Wechsel  an  A.  in 
Edinburgh  zurückkehrte.  Die  Zinsen  betrugen  fünf 
Prozent  im  Jahr,  und  die  Provisionen  mindestens  ein 
halb  Prozent  bei  jeder  Tratte.  Da  die  Provisionen  sich 
mindestens  sechsmal  im  Jahre  wiederholten,  so  kostete 
das  Geld,  das  A.  durch  dieses  Mittel  aufbrachte,  ihn 
notwendig  mehr  als  acht  Prozent  jährlich,  ja  zuweilen 
noch  viel  mehr,  wenn  entweder  der  Preis  der  Provision 
stieg,  oder  er  Zinseszins  für  die  Zinsen  und  Provisionen 
der  früheren  Wechsel  zahlen  mußte.  Diese  Praxis 
nannte  man:  Geld  durch  Umlauf  aufbringen. 

In  einem  Lande,  wo  der  gewöhnliche  Kapitalge- 
winn bei  den  meisten  kaufmännischen  Unternehmungen 
zwischen  sechs  und  zehn  Prozent  beträgt,  mußte  eine 
Spekulation  schon  sehr  glücklich  ausfallen,  wenn  sie  so 
viel  einbringen  sollte,  um  nicht  nur  die  enormen  Kosten 
des  dazu  erforderlichen  Geldes,  sondern  auch  noch  einen 
ordentlichen  Gewinn  für  den  Unternehmer  abzuwerfen. 
Dennoch  sind  große  und  weitaussehende  Unternehmen 
unternommen  und  Jahre  lang  durchgeführt  worden,  ohne 
andere  Kapitalien  als  die  mit  so  enormen  Kosten  auf- 
gebrachten. Die  Projektenmacher  sahen  gewiß  in  ihren 
goldenen  Träumen  die  großen  Gewinne  vor  sich;  allein 
beim  Erwachen,  entweder  am  Ende  ihrer  Unterneh- 
mungen, oder  wenn  sie  nicht  mehr  imstande  waren, 
sie  weiter  zu  führen,  dürften  sie  selten  so  glücklich 
gewesen  sein,  den  Gewinn  zu  finden.*) 

*)  Die  im  Texte  beschriebene  Methode  war  keineswegs  die 
gewöhnlichste  oder  die  kostspieligste,  wie  jene  Abenteui'er  zu- 
weilen „Geld  durch  Umlauf  aufbrachten".  Häufig  setzte  A.  in 
Edinburgh  den  B.in  London  dadurch  in  Stand,  den  ersten  AVechsel 
zu  zahlen,  daß  er  wenige  Tage  vor  der  Verfallzeit  einen  zweiten 
Wechsel,  der  auf  drei  Monate  zu  laufen  hatte,  auf  den  näixdichen 
B.  in  London  zog,  diesen  an  seine  eigene  Order  zahlbaren  Wechsel 
in  Edinburgh  al  pari  verkaufte,  und  mit  der  Valuta  Wechsel  auf 


Kap.  II.:  Das  Geld.  51 

Die  Wechsel,  die  A.  in  Edinburgh  auf  B.  in  London 
zog,  diskontierte  er  regehnäßig  zwei  Monate  vor  der 
Verfallzeit  bei  einer  Bank  oder  einem  Bankier  in  Edin- 
burgh, und  die  ßückwechsel,  welche  B.  in  London  auf 
A.  in  Edinburgh  zog,  diskontierte  dieser  ebenso  regel- 
mäßig bei  der  Bank  von  England  oder  bei  Londoner 
Bankiers.  Die  Vorschüsse  auf  solche  Reitwechsel  wurden 
in  Edinburgh  in  Noten  der  schottischen  Banken,  oder  in 
London,  wenn  sie  bei  der  Bank  von  England  diskontiert 


London,  zahlbar  nach  Sicht  an  die  Order  von  B.,  kaufte  und 
diesem  zuschickte.  Gegen  das  Ende  des  letzten  Krieges  stand 
der  Wechselkui-s  zwischen  Edinburgh  und  London  oft  drei  Prozent 
zum  Nachteil  Edinburghs  und  jene  Wechsel  auf  Sicht  mußten 
also  den  A.  dasselbe  Agio  kosten.  Diese  Transaktion,  wenigstens 
viermal  im  Jahre  wiederholt,  und  stets  mit  einer  Provision  von 
wenigstens  einem  Prozent  belastet,  mußte  mithin  den  A.  wenig- 
stens vierzehn  Prozent  im  Jahre  kosten.  Ein  andermal  setzte 
A.  den  B.  dadurch  in  Stand,  den  ersten  Wechsel  zu  zahlen,  daß 
er  wenige  Tage  vor  der  Yerfallzeit  einen  zweiten  Zweimonats- 
Wechsel  nicht  auf  B.,  sondern  auf  eine  dritte  Person,  z.  B.  auf 
C.  in  London  zog.  Dieser  Wechsel  wurde  an  die  Order  von  B. 
gestellt,  der  ihn,  sobald  er  von  C.  akzeptiert  worden,  bei  einem 
Bankier  in  London  diskontierte;  A.  aber  setzte  den  C.  dadurch 
in  Stand  zu  zahlen,  daß  er  wenige  Tage  vor  der  VerfaUzeit 
einen  dritten  Zweimonats- Wechsel  entweder  auf  seinen  ersten 
Korrespondenten  B.  oder  auf  eine  vierte  oder  fünfte  Person  D. 
oder  E.  zog.  Dieser  dritte  Wechsel  wurde  an  die  Order  von  C. 
gestellt,  der  ihn,  sobald  er  akzeptiert  war,  auf  dieselbe  Weise 
bei  einem  Londoner  Bankier  diskontierte.  Da  diese  Tätigkeiten 
sich  wenigstens  sechsmal  im  Jahre  wiederholten,  und  da  jedes- 
mal eine  Provision  von  Avenigstens  einem  halben  Prozent,  sowie 
die  üblichen  Zinsen  auf  fünf  Prozent  hinzukamen,  so  mußte 
diese  Manier,  Geld  aufzubringen,  ebenso  wie  die  im  Texte  be- 
schriebene, den  A.  etwas  mehr  als  acht  Prozent  ko.sten.  Weil 
jedoch  der  Wechselkurs  zwischen  Edinburgh  und  London  gespart 
wurde,  war  sie  etwas  weniger  kostspielig  als  die  oben  erwähnte, 
erforderte  hingegen  einen  soliden  Kredit  bei  mehr  als  einem 
Londoner  Hause,  ein  Vorteil,  den  viele  dieser  Abenteurer  sich 
nicht  leicht  verschaffen  konnten. 


52  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

wurden,  in  Noten  dieser  Bank  ausgezahlt.  Wurden  nun 
auch  die  Wechsel,  auf  welche  diese  Noten  vorgeschossen 
waren,  sämtlich  zur  Verfallzeit  eingelöst,  so  wurde  doch 
der  auf  den  ersten  Wechsel  vorgeschossene  Betrag  den 
Banken  niemals  wirklich  wiedererstattet,  weil  immer, 
ehe  ein  Wechsel  fällig  war,  ein  anderer  Wechsel  in 
etwas  höherem  Betrage  gezogen  wurde,  und  die  Dis- 
kontierung dieses  Wechsels  unumgänglich  nötig  war, 
damit  der  fällige  Wechsel  gezahlt  werden  konnte. 
Diese  Zahlung  war  also  durchaus  eine  nur  scheinbare. 
Der  durch  diese  Wechselreiterei  aus  den  Kassen  der 
Banken  geleitete  Abzug  wurde  niemals  durch  einen 
wirkHchen  Zugang  wiederersetzt. 

Die  auf  solche  Reitwechsel  ausgegebenen  Noten  be- 
liefen sich  zuweilen  auf  das  ganze  Betriebskapital  eines 
großen,  weitaussehenden  landwirtschaftlichen,  kauf- 
männischen oder  industriellen  Unternehmens,  statt  ledig- 
lich auf  den  Teil,  den  der  Unternehmer,  wenn  es  kein 
Papiergeld  gegeben  hätte,  für  gelegentliche  Forderungen 
bar  hätte  liegen  haben  müssen.  Folglich  stellte  das 
meiste  Papiergeld  einen  Überschuß  über  den  Betrag 
des  Goldes  und  Silbers  dar,  das  im  Lande  umgelaufen 
wäre,  wenn  es  kein  Papiergeld  gäbe;  es  war  also  in 
größerer  Menge  vorhanden,  als  der  Umlauf  des  Landes 
leicht  aufnehmen  und  gebrauchen  konnte,  und  kehrte 
aus  diesem  Grunde  unmittelbar  zu  den  Banken  zurück, 
um  gegen  Gold  und  Silber  umgewechselt  zu  werden, 
das  diese  sich  dann  verschaffen  mußten,  wie  sie  eben 
konnten.  Es  war  ein  Kapital,  das  jene  Projektenmacher 
in  sehr  schlauer  Weise  den  Banken  nicht  nur  ohne 
deren  Wissen  und  Willen,  sondern  vielfach  auch  ohne 
daß  sie  die  leiseste  Ahnung  davon  hatten,  daß  sie  es 
in  Wahrheit  vorschössen,  entzogen  hatten. 

Wenn  zwei  Leute,  die  fortwährend  auf  einander 
ziehen,  ihre  Wechsel  stets  bei  demselben  Bankier  dis- 


Kap.  IL:  Das  Geld.  53 

kontieren,  so  wird  er  sogleich  entdecken,  wie  es  mit 
ihnen  steht,  und  deutHch  sehen,  daß  sie  ihr  Geschäft 
nicht  mit  einem  eigenen,  sondern  mit  dem  von  ihm  vor- 
geschossenen Kapital  treiben.  Diese  Entdeckung  ist 
jedoch  keineswegs  so  leicht,  wenn  sie  ihre  Wechsel  bald 
hier  bald  da  diskontieren,  und  wenn  nicht  immer  die 
nämlichen  zwei  Leute  auf  einander  ziehen,  sondern 
unter  einem  großen  Kreise  von  Spekulanten  abwechseln, 
die  es  vorteilhaft  finden,  einander  in  dieser  Manier, 
Geld  aufzubi'ingen,  beizustehen  und  es  deshalb  mög- 
lichst schwer  zu  machen,  den  Unterschied  eines  wirk- 
lichen und  eines  erdichteten  Wechsels  zu  erkennen, 
d.  h.  eines  Wechsels,  der  von  einem  wirklichen  Gläubi- 
ger auf  einen  wirklichen  Schuldner  gezogen  ist,  und 
eines  Wechsels,  füi'  welchen  es  eigentlich  keinen  anderen 
wirklichen  Gläubiger  giebt,  als  die  Bank,  die  ihn  dis- 
kontierte, und  keinen  anderen  wirklichen  Schuldner  als 
den  Spekulanten,  der  das  Geld  brauchte.  Koramt  auch 
ein  Bankier  dahinter,  so  ist  es  zuweilen  schon  zu  spät 
und  er  hat  die  Wechsel  dieser  Spekulanten  schon  in 
so  großem  Betrage  diskontiert,  daß  er  sie  durch  die 
Weigerung,  ferner  zu  diskontieren,  notwendig  banke- 
rott machen  und  sich-  durch  ihren  Untergang  sein  eige- 
nes Verderben  bereiten  würde.  Er  kann  es  daher  für 
seine  eigene  Sicherheit  nötig  finden,  noch  einige  Zeit 
in  dieser  gefährlichen  Lage  zu  verbleiben,  indem  er 
sich  nur  nach  und  nach  zurückzuziehen  sucht,  und 
täglich  mehr  Schwierigkeiten  mit  dem  Diskontieren 
macht,  um  die  Spekulanten  allmählich  zu  zwingen, 
sich  entweder  an  andere  Bankiers  zu  wenden,  oder  auf 
andere  Manier  Geld  aufzubringen,  so  daß  er  selbst 
baldmöglichst  aus  diesem  Kreise  herauskommt.  Die 
Schwierigkeiten,  die  die  Bank  von  England,  die  ange- 
sehensten Bankiers  in  London,  und  sogar  die  vorsich- 
tigeren schottischen  Banken  einige  Zeit  nachdem  sie 
alle  schon  zu  weit  gegangen  waren,  erhoben,  schreckte 


54  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

die  Spekulanten  nicht  nur  auf,  sondern  versetzte  sie  in 
die  höchste  Wut.  Ihre  eigne  Not,  die  allerdings  durch 
die  vorsichtige  und  unerläßliche  Zurückhaltung  der 
Banken  zuerst  veranlaßt  war,  nannten  sie  die  Not  des 
Landes;  und  diese  Not  des  Landes,  sagten  sie,  habe 
man  nur  der  Unwissenheit,  Engherzigkeit  und  schlech- 
ten Leitung  der  Banken  zu  verdanken,  die  den  hoch- 
herzigen Unternehmungen  derer,  die  das  Land  zu  ver- 
schönern, zu  fördern  und  zu  bereichern  strebten,  keine 
hinreichende  Unterstützung  zu  teil  werden  ließen. 
Sie  schienen  die  Banken  für  verpflichtet  zu  halten,  so 
lange  und  so  viel  zu  leihen,  als  sie  zu  borgen  wünsch- 
ten. Die  Banken  aber  schlugen  den  einzigen  Weg  ein, 
auf  dem  es  noch  möglich  war,  ihren  eigenen  und  den 
öffentlichen  Kredit  des  Landes  zu  retten,  indem  sie 
sich  weigerten,  denen  ferner  zu  kreditieren,  die  schon 
zu  viel  Kredit  erhalten  hatten. 

Mitten  in  diesem  Lärm  und  in  dieser  Not  wurde 
in  Schottland  eine  neue  Bank  zu  dem  ausdrücklichen 
Zwecke  errichtet,  der  Not  des  Landes  abzuhelfen.  Das 
Vorhaben  war  edel,  aber  die  Ausführung  unbesonnen, 
und  man  hatte  das  Wesen  und  die  Ursachen  der  Not, 
die  man  zu  heben  gedachte,  wohl  nicht  richtig  gewür- 
digt. Diese  Bank  zeigte  sich  sowohl  in  Bewilligung 
von  Kassenkonten  als  auch  im  Diskontieren  von  Wech- 
seln liberaler  als  jede  andere.  In  Betreff  der  Wechsel 
scheint  sie  fast  keinen  Unterschied  zwischen  wirklichen 
und  Reitwechseln  gemacht,  sondern  beide  gleichmäßig 
diskontiert  zu  haben.  Es  war  .der  erklärte  Grundsatz 
dieser  Bank,  auf  jede  leidliche  Sicherheit  das  ganze 
Kapital  für  solche  Arten  von  Anlagen  voi'zustrecken, 
aus  denen  es  nur  träge  und  spät  wieder  eingeht,  nament- 
lich für  Verbesserungen  der  Bodenkultur.  Solche  Ver- 
besserungen zu  fördern,  sollte  der  hauptsächlichste  der 
gemeinnützigen  Zwecke  sein,  zu  deren  Verwirklichung 


Kap.  11. :  Das  G  eld.  55 

die  Bank  gegründet  worden  war.  Durch  ihre  Libera- 
lität in  Bewilligung  von  Kassenkonten  und  im  Diskon- 
tieren von  AVechseln  gab  sie  ohne  Zweifel  eine  große 
Menge  von  Banknoten  aus.  Diese  Banknoten  kehrten 
aber,  da  der  größte  Teil  über  das  Maß  hinausging,  das 
der  Umlauf  des  Landes  leicht  aufnehmen  und  gebrau- 
chen kann,  fast  eben  so  schnell  wie  sie  ausgegeben 
waren,  zu  ihr  zurück,  um  gegen  Grold  und  Silber  um- 
gewechselt zu  werden.  Ihre  Kassen  waren  niemals 
vollständig  versehen.  Das  durch  zwei  Subskriptionen 
aufgebrachte  Kapital  betrug  £  160,000,  wovon  nur 
80°  0  eingezahlt  wurden.  Diese  Summe  war  in  mehre- 
ren Terminen  einzuzahlen.  Ein  großer  Teil  der  Aktio- 
näre erhielt  sogleich  nach  der  ersten  Einzahlung  ein 
Kassenkonto  bei  der  Bank,  und  die  Direktoren,  die 
sich  für  verpflichtet  hielten,  gegen  ihre  eigenen  Teil- 
nehmer dieselbe  Liberalität  zu  beobachten,  mit  der  sie 
gegen  alle  anderen  Leute  verfuhren,  gestatteten  vielen 
von  ihnen,  auf  das  Kassenkonto  so  viel  zu  borgen,  als 
sie  in  allen  folgenden  Terminen  einzuzahlen  hatten. 
Diese  Einzahlungen  brachten  daher  nur  soviel  in  die 
eine  Kasse,  als  einen  Augenblick  vorher  aus  der  ande- 
ren genommen  war.  Aber  wenn  die  Barbestände  der 
Bank  auch  noch  so  groß  gewesen  wären,  der  über- 
mäßige Umlauf  mußte  sie  doch  schneller  aufzehren,  als 
sie  sich  wieder  ergänzen  ließen,  wenn  man  nicht  zu 
dem  verderblichen  Mittel  greifen  wollte,  auf  London  zu 
ziehen  und  den  Wechsel  samt  Zinsen  und  Provision 
am  Verfalltage  durch  eine  neue  Tratte  auf  denselben 
Platz  zu  zahlen.  Bei  dieser  schlechten  Verfassung 
ihrer  Kassenbestände  soll  sie  schon  wenige  Monate  nach 
Beginn  des  Geschäftes  gezwungen  gewesen  sein,  zu 
diesem  Notbehelf  zu  greifen.  Die  Liegenschaften  der 
Aktionäre  waren  mehrere  Millionen  wert,  und  sie  haf- 
teten durch  ihre  Unterschrift  unter  die  Gründungsur- 


56  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

künde  für  alle  Verpflichtungen  der  Bank.  Mittelst  des 
großen  Kredits,  den  ein  so  bedeutendes  Unterpfand 
notwendig  verschaffen  mußte,  war  die  Bank  imstande, 
trotz  ihrer  zu  großen  Liberalität  das  Greschäft  länger 
als  zwei  Jahre  zu  betreiben.  Als  sie  es  einstellen  mußte, 
hatte  sie  etwa  £  200,000  Banknoten  im  Umlauf,  zu 
dessen  Aufrechthaltung  sie,  da  die  Noten  fortwährend 
ebenso  schnell  zurückkehrten,  als  sie  ausgegeben  waren, 
Wechsel  auf  London  zog,  deren  Zahl  und  Betrag  ohne 
Unterlaß  wuchs  und  bei  Einstellung  des  Geschäfts  mehr 
als  £,  600,000  betrug.  In  etwas  mehr  als  zwei  Jahren 
hatte  also  die  Bank  an  allerlei  Leute  über  £  800,000 
zu  5°/o  vorgeschossen.  An  den  £  200,000  ihres  Noten- 
umlaufs können  die  5"'o  vielleicht  als  reiner  Gewinn 
betrachtet  werden,  wovon  nur  die  Verwaltungskosten 
abzuziehen  sind.  Dagegen  zahlte  sie  auf  die  £  600,000, 
für  die  sie  fortwährend  Wechsel  auf  London  zog, 
mehr  als  8°/o  Zinzen  und  Provision,  und  verlor  folg- 
lich an  mehr  als  drei  Vierteln  ihres  ganzen  Umsatzes 
mehr  als  S^/o. 

Die  Tätigkeit  dieser  Bank  scheint  gerade  das 
Gegenteil  von  dem  hervorgebracht  zu  haben,  was  ihre 
Gründer  und  Leiter  beabsichtigt  haben.  Diese  wollten 
die  hochherzigen  Unternehmungen  —  denn  als  solche 
wurden  sie  von  ihnen  betrachtet  — ,  die  damals  in  ver- 
schiedenen Teilen  des  Landes  gemacht  wurden,  unter- 
stützen, und  zugleich  das  gesamte  Bankgeschäft  an 
sich  reißen,  um  die  übrigen  schottischen  Banken,  be- 
sonders die  Edinburgher,  deren  Zurückhaltung  im  Dis- 
kontieren Mißfallen  erregt  hatte,  zu  verdrängen.  Sicher- 
lich gewährte  die  Bank  den  Spekulanten  eine  Zeitlang 
Erleichterung  und  setzte  sie  in  Stand,  ihre  Projekte 
etwa  zwei  Jahre  länger  fortzusetzen,  als  es  ihnen  sonst 
möglich  gewesen  wäre;  aber  sie  ermöglichte  ihnen  da- 
durch nur,  sich  um  so  tiefer  in  Schulden  zn  stürzen. 


Kap.  Tl.:  Da.s  Gold.  57 

SO  daß,  als  der  Tag  des  Verderbens  kam,  sowohl  sie 
als  ihre  Gläubiger  um  so  schwerer  betroffen  wurden. 
Statt  die  Not  zu  lindern,  welche  die  Spekulanten  über 
sich  und  über  das  Land  gebracht  hatten,  dienten  die 
Operationen  der  Bank  in  der  Tat  nur  dazu,  sie  für  lange 
Zeit  zu  verschärfen.  Es  wäre  für  die  Spekulanten  selbst, 
für  ihre  Gläubiger  und  für  das  Land  weit  besser  ge- 
wesen, wenn  die  meisten  von  ihnen  schon  zwei  Jahre 
früher  hätten  aufhören  müssen.  Dagegen  brachte  die 
zeitweilige  Unterstützung,  die  die  Bank  den  Speku- 
lanten gewährte,  den  übrigen  schottischen  Banken  eine 
wirkliche,  dauernde  Hilfe.  Die  sich  mit  Wechselreiterei 
abgaben,  nahmen,  da  die  übrigen  Banken  Reitwechsel 
nicht  mehr  diskontieren  wollten,  ihre  Zuflucht  zu  der 
neuen  Bank,  wo  sie  mit  offenen  Armen  aufgenommen 
wurden.  Dadurch  wurde  es  den  übrigen  Banken  mög- 
lich, mit  Leichtigkeit  aus  diesem  verhängnisvollen 
Kreise  herauszutreten,  während  sie  sonst  schwerlich 
ohne  bedeutenden  Verlust,  oder  gar  ohne  dauernde 
Schädigung  ihres  Kredits  davon  gekommen  wären. 

Mit  der  Zeit  haben  also  die  Geschäfte  dieser  Bank 
die  wirkliche  Not  des  Landes,  die  sie  zu  lindern  ge- 
dachte, vermehrt;  hingegen  die  sehr  große  Not  ihrer 
Mitbewerber,  die  sie  zu  stürzen  beabsichtigte,  völlig 
beseitigt. 

Bei  Eröffnung  der  Bank  glaubten  viele,  sie  werde 
ihre  Kassen,  so  schnell  sie  sich  auch  leerten,  leicht 
durch  Anleihen  wieder  füllen  können,  die  sie  auf  die 
Sicherheiten  derer,  denen  sie  ihr  Papier  vorschoß,  auf- 
nähme. Die  Erfahrung  belehrte  sie  jedoch,  glaube  ich, 
bald,  daß  diese  Art  von  Geldbeschaffung  viel  zu  langsam 
sei,  um  den  Zwecken  der  Bank  zu  entsprechen,  und 
daß  die  Kassen,  die  von  vornherein  nicht  ausreichend 
waren  und  sich  so  schnell  vollends  leerten,  durch  nichts 
anderes  wieder  zu  füllen  seien,  als. durch  das  verderb- 
liche Mittel  Wechsel  auf  London  zu  ziehen,  die,  wenn 


58  Zweites  Biicli:  Das  Kapital. 

sie  fällig  wurden,  durch  andere  Tratten  auf  denselben 
Platz  nebst  Zinsen  und  Provision  gezahlt  werden  mußten. 
Hätte  die  Bank  aber  auch  auf  dem  ersteren  Wege  so 
schnell  Geld  aufbringen  können,  als  nötig  war,  so  mußte 
sie  doch  durch  jede  derartige  Handlung  verlieren,  statt 
zu  gewinnen,  so  daß  sie  sich  als  Handelsgesellschaft 
mit  der  Zeit  doch  ruiniert  haben  würde,  wenn  vielleicht 
auch  nicht  so  schnell  wie  durch  die  kostspielige  "Wechsel- 
reiterei. An  ihren  Noten  konnte  sie  keinen  Zinsgewinn 
machen,  da  diese  über  das  Maß  hinausgingen,  das  der 
Umlauf  des  Landes  aufnehmen  und  gebrauchen  konnte, 
und  ebenso  schnell,  als  sie  ausgegeben  waren,  zur  Um- 
wechselung  gegen  Gold  und  Silber  zurückkehrten,  wes- 
halb die  Bank  stets  von  neuem  Geld  aufnehmen  mußte. 
Hingegen  mußten  alle  Unkosten  für  diese  Aufnahmen, 
für  die  Anstellung  von  Agenten  zur  Beschaffung  von 
Geld,  für  die  Verhandlung  mit  den  Darleihern  und  für 
die  Ausfertigung  der  Verträge  usw.  von  ihr  getragen 
werden  und  in  der  Bilanz  einen  reinen  Verlust  er- 
geben. Der  Plan,  ihre  Kassen  auf  diese  Weise  zu  füllen, 
würde  dem  eines  Mannes  gleichen,  der  einen  Teich 
besitzt,  aus  dem  stets  Wasser  abfließt,  ohne  daß  es 
durch  einen  Zufluß  ersetzt  wird,  und  der  ihn  dadurch 
immer  gleichmäßig  voll  erhalten  will,  daß  er  eine 
Menge  Leute  anstellt,  die  mit  Eimern  aus  einer  mehrere 
Meilen  entfernten  Quelle  unablässig  Wasser  zutragen, 
um  ihn  wieder  zu  füllen. 

Hätte  sich  diese  Tätigkeit  aber  auch  für  die  Bank 
als  ausführbar  und  gewinnbringend  erwiesen,  so  würde 
doch  das  Land  keinen  Vorteil  daraus  gezogen,  im  Gegen- 
teil nur  einen  beträchtlichen  Verlust  davon  gehabt  haben. 
Diese  Handhabung  konnte  die  Menge  des  auszuleihen- 
den Geldes  nicht  im  mindesten  vermehren,  sondern  nur 
die  Bank  zu  einer  Art  allgemeinen  Leihamts  für  das 
ganze  Land  machen.    AVer  Geld  borgen  wollte,  mußte, 


Kap.  TT. :   Das  Geld.  59 

statt  zu  den  Privatleuten  zu  gehen,  die  ihr  das  Geld 
geliehen  hatten,  sich  an  die  Bank  wenden.  Nun  ist 
aber  eine  Bank,  die  vielleicht  an  fünfhundert  den  Di- 
rektoren meist  so  gut  wie  unbekannte  Personen  Geld 
ausleiht,  schwerlich  in  der  Wahl  ihrer  Schuldner  vor- 
sichtiger, als  ein  Privatmann,  der  sein  Geld  nur  weni- 
gen Leuten  leiht,  die  er  kennt  und  auf  deren  Be- 
sonnenheit und  Solidität  er  sich  verlassen  zu  können 
glaubt.  Die  Schuldner  einer  solchen  Bank,  wie  die, 
deren  Leitung  ich  hier  beschrieben  habe,  waren  wohl 
meist  eitle  Projektenmacher,  Wechselreiter,  die  das  Geld 
zu  schwindelhaften  Unternehmungen  verwandten,  die 
sie  bei  allem  Beistand,  der  ihnen  gewährt  wurde,  doch 
kaum  auszuführen  vermochten,  und  die,  wenn  sie  wirk- 
lich ausgeführt  wurden,  doch  niemals  die  verursachten 
Kosten  wieder  eingebracht  und  niemals  einen  Fonds  ge- 
schaffen haben  würden,  der  so  viel  Arbeit,  wie  auf  sie 
verwendet  war,  hätte  unterhalten  können.  Die  besonne- 
nen und  soliden  Schuldner  von  Privatleuten  dagegen 
verwenden  das  geborgte  Geld  viel  eher  zu  nüchternen, 
ihren  Kapitalien  angemessenen  Unternehmungen,  die 
zwar  weniger  großartig  und  wunderbar,  dafür  aber  um 
so  solider  und  gewinnbringender  sind,  alle  für  sie  ge- 
machten Auslagen  mit  reichem  Gewinn  zurückerstatten 
und  dadurch  einen  Fonds  schaffen,  aus  dem  eine  weit 
größere  Menge  Arbeit  erhalten  werden  kann,  als  auf 
sie  selbst  verwendet  war.  Der  glückliche  Erfolg  der  er- 
wähnten Tätigkeit  würde  mithin,  ohne  das  Kapital  des 
Landes  im  geringsten  vergrößert  zu  haben,  im  Gegen- 
teil einen  großen  Teil  von  ihm  aus  besonnenen  und  ge- 
winnreichen Unternehmungen  auf  unbesonnene  und 
keinen  Gewinn  bringende  gelenkt  haben. 

Daß  die  schottische  Industrie  aus  Mangel  an  Geld 
darniederliege,  war  die  Ansicht  des  berufenen  Law. 
Diesem  Geldmangel  gedachte  er  durch  Errichtung  einer 
besonderen  Art  von  Bank  abzuhelfen,  die,  wie  er  ge- 


ßO  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

glaubt,  zu  haben  scheint,  Papier  im  Betrage  des  Gesamt- 
wertes aller  Ländereien  des  Landes  ausgeben  könne. 
Das  schottische  Parlament  hielt  jedoch  das  Projekt, 
das  ihm  zuerst  vorgelegt  wurde,  zur  Annahme  für 
nicht  geeignet.  Später  wurde  es  mit  einigen  Abän- 
derungen vom  Herzog  von  Orleans,  dem  damaligen 
Regenten  Frankreichs,  angenommen.  Der  Gredanke, 
daß  es  möglich  sei,  Papiergeld  in  jedem  beliebigen 
Umfange  zu  vermehren,  lag  dem  sogenannten  Missi- 
sippi-Projekte,  vielleicht  dem  schwindelhaftesten  Bank- 
und  Börsenjobberprojekt,  das  die  Welt  je  gesehen  hat, 
zu  Grunde.  Die  verschiedenen  Leistungen  dieses  Pro- 
jekts hat  Du  Verney  in  seiner  „Prüfung  der  politischen 
Reflexionen  über  Handel  und  Finanzen  des  Herrn  Du 
Tot"  so  vollständig,  klar  und  scharfsinnig  entwickelt, 
daß  ich  sie  hier  nicht  schildern  will.  Die  Prinzipien, 
auf  denen  es  beruhte,  hat  Law  selbst  in  einer  Ab- 
handlung über  Geld  und  Handel,  die  er  in  Schottland 
veröffentlichte,  als  er  sein  Projekt  zuerst  vorlegte,  ent- 
wickelt. Die  glänzenden,  aber  phantastischen  Ideen, 
die  in  diesem  und  einigen  anderen  Büchern  über  die 
gleichen  Prinzipien  vorgetragen  w^erden,  machen  immer 
noch  auf  viele  Leute  Eindruck,  und  haben  vielleicht 
zum  Teil  jene  Ausschreitungen  im  Bankwesen  mit  ver- 
anlaßt, die  neuerdings  in  Schottland  und  anderwärts 
zu  beklagen  gewesen  sind. 

Die  Bank  von  England  ist  die  größte  Zettelbank 
in  Europa.  Sie  wurde  infolge  einer  Parlamentsakte 
durch  ein  Patent  vom  27.  Juli  1694  errichtet.  Damals 
schoß  sie  der  Regierung  die  Summe  von  £  1,200,000 
vor  gegen  eine  Annuität  von  £  100,000,  oder  £  96,000 
jährlicher  Zinsen  zu  S^'o  und  £  4000  für  die  jährlichen 
Verwaltungskosten.  Es  läßt  sich  denken,  daß  der 
Kredit  der  neuen  durch  die  Revolution  eingesetzten 
Regierung   sehr   gering   gewesen   sein  muß,    wenn  sie 


Kap.  IL:  Das  Geld.  61 

genötigt  war,  zu  einem  so  hohen  Zinsfuß  Geld  auf- 
zunehmen. 

Im  Jahre  1697  wurde  der  Bank  gestattet,  ihr 
Kapital  durch  eine  neue  Einzahlung  von  £  1,001,171 
10  sh.  zu  vergrößern.  Ihr  Gesamtkapital  betrug  mit- 
hin damals  £  2,101,171  10  sh.  Jene  Einzahlung  sollte, 
wie  es  hieß,  den  Staatskredit  heben.  Im  Jahre  1696 
standen  die  Tailles  (Koupons)  auf  vierzig,  fünfzig  und 
sechzig  Prozent,  und  die  Banknoten  auf  zwanzig  Pro- 
zent Disagio*.)  Während  der  zu  dieser  Zeit  vorge- 
nommenen großen  Silberumprägung  hielt  es  die  Bank 
für  geraten,  die  Zahlung  ihrer  Noten  zu  suspendieren, 
was  diese  natürlich  diskreditierte. 

Infolge  einer  Akte  aus  dem  siebenten  Jahre  der 
Königin  Anna  (c.  7.)  schoß  die  Bank  der  Schatzkammer 
die  Summe  von  £  400,000  vor,  so  daß  die  Gesamt- 
schuld mit  Einschluß  der  auf  die  Annuität  von  £  96,000 
Zinsen  und  £  4000  Verwaltungskosten  vorgeschossenen, 
jetzt  £  1,600,000  ausmachte.  Im  Jahre  1708  war  mit- 
hin der  Kredit  der  Regierung  so  gut  wie  der  der 
Privatleute,  da  sie  zu  sechs  Prozent,  dem  damals  ge- 
setzlichen und  üblichen  Zinsfuß,  entleihen  konnte. 
Infolge  derselben  Akte  tilgte  die  Bank  Schatzkammer- 
scheine im  Betrage  von  £  1,775,027  17  sh.  10  V2  d.  zu 
6°,  0  Zinsen,  und  durfte  gleichzeitig  ihr  Kapital  durch 
neue  Zeichnungen  verdoppeln.  Dasselbe  betrug  mit- 
hin 1708  £  4,402,343,  wovon  der  Eegierung  £  3,375,027 
17  sh.  10  V2  d.  geliehen  waren. 

Durch  die  Einzahlung  von  15  ^,0  wurde  im  Jahre 
1709  ein  Kapital  von  £  656,204  1  sh.  9  d.,  und  durch 
eine  andere  von  10",  0  im  Jahre  1710  ein  Kapital  von 
£  501,448  12  sh.  11  d.  eingeschossen.  Infolge  dieser 
beiden  Einzahlungen  belief  sich  also  das  Kapital  der 
Bank  auf  £  5,559,995   14  sh.  8  d. 

'■•)  James  Postlethwaite's  History  of  the  Public  Revenue,  p.  301. 


62  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

Infolge  einer  Akte  aus  dem  dritten  Regierungs- 
jahre Georgs  I.  (c.  8.)  lieferte  die  Bank  £  2,000,000 
in  Schatzkammerscheinen  zur  Tilgung  ein,  wonach 
sich  also  die  der  Regierung  geliehene  Summe  auf 
£  5,375,027  17  sh.  10  d.  belief.  Infolge  der  Akte  aus 
dem  folgenden  Regierungsjahre  Georgs  I.  (c.  21.)  kaufte 
die  Bank  von  der  Südsee-Gesellschaft  Aktien  im  Be- 
trage von  £  4,000,000,  und  vergrößerte  ihr  Kapital 
infolge  der  Aktienzeichnungen  für  dies  Unternehmen 
1722  um  £  3,400,000.  Die  Vorschüsse  der  Bank  an 
die  Regierung  beliefen  sich  also  nun  auf  £  9,375,027 
17  sh.  10  d.,  und  ihr  Kapital  nur  auf  £  8,959,995 
14  sh.  8  d.  Dies  war  das  erste  Mal,  daß  die  Summe, 
die  die  Bank  dem  Staate  geliehen  hatte  und  wofür  sie 
Zinsen  empfing,  ihr  Kapital,  d.  h.  die  Summe,  für 
welche  den  Aktionären  eine  Dividende  gezahlt  wird, 
überstieg;  oder  mit  anderen  Worten,  daß  die  Bank 
anfing,  außer  dem  Dividenden-Kapital  noch  ein  anderes 
zu  haben,  von  dem  sie  keine  Dividende  zahlte,  was 
seitdem  immer  der  Fall  geblieben  ist.  Im  Jahre  1746 
hatte  die  Bank  aus  verschiedenen  Anlässen  dem  Staat 
£  11,686,800  vorgeschossen,  und  ihr  dividendenpflich- 
tiges  Kapital  war  durch  verschiedene  Nachforderungen 
und  Zeichnungen  bis  auf  £  10,780,000  gestiegen.  Das 
Verhältnis  dieser  beiden  Summen  zu  einander  ist  seit- 
dem das  nämliche  geblieben.  Infolge  der  Akte  aus 
dem  vierten  Regierungsjahre  Geoigs  III.  (c.  25.)  zahlte 
die  Bank  der  Regierung  für  die  Erneuerung  ihres 
Patents  £  110,000,  ohne  Zinsen  oder  Rückzahlung  zu 
erwarten,  sodaß  also  jene  beiden  anderen  Summen 
durch  diese  Zahlung  nicht  verändert  wurden. 

Die  Dividende  ist  je  nach  den  Änderungen  im 
Zinsfuß,  je  nach  den  Zinsen,  die  sie  zu  verschiedenen 
Zeiten  für  das  vom  Staate  geliehene  Geld  empfing,  so 
wie  nach  anderen  Umständen,  verschieden  gewesen. 
Der  Zinsfuß    fiel   nach    und    nach  von    acht   auf  3"/o. 


Kop.  ir.:  Das  Geld.  63 

Die  Dividende  der  Bank  hat  seit  einigen  Jahren 
5^/2 ''/o  betragen. 

Die  Zahlungsfähigkeit  der  Bank  von  England 
kommt  der  der  britischen  Begierung  gleich.  Was  sie  dem 
Staate  vorgeschossen  hat,  müßte  erst  verloren  gehen, 
ehe  ihre  Gläubio-er  einen  Verlust  erleiden  könnten. 
Keine  andere  Bankgesellschaft  kann  durch  eine  Parla- 
mentsakte gegründet  werden,  oder  wenigstens  darf  keine 
aus  mehr  als  sechs  Teilnehmern  bestehen.  Die  Bank  von 
England  betätigt  sich  nicht  nur  als  eine  gewöhnliche 
Bank,  sondern  als  eine  große  Staatsmaschine.  Sie 
empfängt  und  bezahlt  den  größten  Teil  der  den  Staats- 
gläubigern zukommenden  ßente,  setzt  die  Schatz- 
kammerscheine in  Umlauf,  und  schießt  der  Regierung 
den  jährlichen  Betrag  der  oft  erst  nach  einigen  Jahren 
bei  ihr  eingehenden  Grund-  und  Malzsteuer  vor.  Bei 
diesen  verschiedenen  Operationen  mag  die  Bank  bis- 
weilen durch  ihre  Verpflichtungen  gegen  den  Staat, 
ohne  Schuld  der  Direktion,  genötigt  worden  sein,  den 
Umlauf  mit  Papiergeld  zu  überfüllen.  Sie  diskontiert 
auch  kaufmännische  Wechsel,  und  hat  bei  verschiedenen 
Gelegenheiten  den  Kredit  der  größten  Häuser  nicht 
nur  in  England,  sondern  auch  in  Hamburg  und  Holland 
aufrecht  erhalten.  Einmal,  1763,  soll  sie  in  einer  einzigen 
Woche  etwa  £  1,600,000,  meist  in  Barren,  vorgeschossen 
haben;  doch  vermag  ich  weder  die  Größe  der  Summe 
noch  die  Dauer  der  Zeit  zu  verbü)'gen.  In  anderen 
Fällen  sah  sich  diese  große  Gesellschaft  in  die  Not- 
wendigkeit versetzt,   in  halben  Schillingen  zu  zahlen. 

Die  einsichtigsten  Bankoperationen  können  nicht 
durch  Vergrrȧerung  der  Kapitalien,  sondern  nur  dadurch 
die  Industrie  des  Landes  fördern,  daß  sie  einen  größeren 
Teil  dieser  Kapitalien  tätig  und  produktiv  machen, 
als  es  ohne  sie  geschehen  könnte.  Der  Teil  seines 
Kapitals,  den  ein  Geschäftsmann  unbeschäftigt  bar  in 
der  Kasse  haben  muß,  um  einlaufende  Forderungen  da- 


ß4  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

mit  befriedigen  zu  können,  ist  ein  totes  Kapital,  wel- 
ches, solange  es  in  dieser  Lage  bleibt,  weder  für  seinen 
Eigentümer  noch  für  das  Land  etwas  produziert.  Ver- 
ständige Bankoperationen  setzen  den  Geschäftsmann  in 
Stand,  sein  totes  Kapital  in  ein  tätiges  und  einträg- 
liches zu  verwandeln:  in  Rohstoffe  zur  Verarbeitung,  in 
Werkzeuge  und  Lebensmittel  zum  Unterhalt  der  Arbeit 
—  in  ein  Kapital,  das  sowohl  ihm  als  dem  Lande  etwas 
einbringt.  Das  Gold-  und  Silbergeld,  das  in  einem 
Lande  umläuft  und  durch  dessen  Vermittelung  die 
Produkte  des  Bodens  und  der  Arbeit  alljährlich  in 
Umlauf  gesetzt  und  an  die  Verbraucher  verteilt  werden, 
ist  ebenso  wie  das  bare  Geld  des  Geschäftsmanns  durch- 
aus ein  totes  Kapital.  Es  ist  ein  sehr  kostspieliger  Teil 
vom  Kapital  des  Landes,  der  dem  Lande  nichts  ein- 
bringt. Wenn  nun  verständige  Bankoperationen  Papier 
an  die  Stelle  eines  großen  Teils  der  edlen  Metalle 
setzen,  so  ist  das  Land  imstande,  jenes  tote  Kapital 
größtenteils  in  ein  tätiges  und  einträgliches,  dem  Lande 
etwas  einbringendes  Kapital  zu  verwandeln.  Das  in 
einem  Lande  umlaufende  Gold-  und  Silbergeld  kann 
mit  einer  Landstraße  verglichen  werden,  die  alles  Gras 
und  Korn  des  Landes  in  Umlauf  setzt  und  auf  den 
Markt  bringt,  selbst  aber  keinen  Halm  produziert.  Ver- 
ständige Bankoperationen  stellen,  wenn  ich  ein  so  kühnes 
Bild  gebrauchen  darf,  eine  Art  Straße  durch  die  Luft 
her  und  setzen  dadurch  das  Land  gleichsam  in  den 
Stand,  einen  großen  Teil  seiner  Landstraßen  in  gute 
Weiden  und  Kornfelder  zu  verwandeln,  und  dadurch 
den  Jahresertrag  des  Bodens  und  der  Arbeit  beträcht- 
lich zu  vermehren.  Doch  ist  zuzugeben,  daß  Handel  und 
Gewerbe  des  Landes,  obwohl  sie  sich  dadurch  steigern 
lassen,  doch  auf  den  Dädalusflügeln  des  Papiergeldes 
nicht  etwa  so  sicher  sind,  als  wenn  sie  auf  dem  festen 
Grunde  von  Gold  und  Silber  wandeln.  Außer  den  Un- 
fällen,  denen    sie   durch   den  Unverstand   der  Lenker 


Kap.  II. :  Das  Geld.  65 

dieses  Papieiumlaufs  ausgesetzt  sind,  können  sie  noch 
von  manchen  anderen  betroffen  werden,  vor  denen 
sie  keine  Klugheit  oder  Geschicklichkeit  jener  Lenker 
bewahren  kann. 

So  würde  z.  B.  ein  unglücklicher  Krieg,  in  welchem 
der  Feind  sich  der  Hauptstadt  und  folglich  auch  des 
Schatzes  bemächtigte,  auf  dem  der  Kredit  des  Papier- 
geldes beruht,  in  einem  Lande,  wo  der  ganze  Umlauf 
in  Papier  bestände,  eine  weit  größere  Verwirrung  her- 
vorbringen, als  in  einem  anderen,  wo  der  Umlauf  meist 
durch  Gold  und  Silber  bewirkt  wird.  Indem  das 
allgemein  gebräuchliche  Verkehrsmittel  seinen  Wert 
verlöre,  würden  die  Umsätze  nur  noch  durch  unmittel- 
baren Tausch  oder  auf  Kredit  erfolgen  können.  Da 
alle  Steuern  bisher  in  Papiergeld  bezahlt  wurden,  so 
würde  der  Fürst  nicht  wissen,  womit  er  seine  Truppen 
bezahlen,  oder  seine  Magazine  wieder  füllen  sollte,  und 
der  Zustand  des  Landes  weit  verzweifelter  sein,  als 
wenn  der  Umlauf  meist  in  Gold  und  Silber  bestanden 
hätte.  Deshalb  sollte  ein  Fürst,  der  sein  Gebiet  jeder- 
zeit im  besten  Verteidigungszustande  erhalten  will,  nicht 
nur  jene  übermäßige  Vermehrung  des  Papiergeldes 
verhüten,  durch  die  die  emittierenden  Banken  sich 
selbst  zugrunde  richten,  sondern  auch  eine  Vermehrung, 
durch  die  der  Umlauf  des  Landes  zumeist  mit  Papier 
angefüllt  wird,  nicht  zugeben. 

Der  Umlauf  jedes  Landes  läßt  sich  als  in  zwei 
verschiedene  Zweige  zerfallend  betrachten,  nämlich  als 
Umlauf  zwischen  den  Verkäufern  unter  einander,  und 
als  Umlauf  zwischen  den  Verkäufern  und  Verbrauchern. 
Obgleich  das  nämliche  Geld,  gleichviel  ob  Papier-  oder 
Metallgeld,  bald  in  dem  einen,  bald  in  dem  anderen 
Umlauf  verwendet  wird,  so  erfordert  doch  jeder  von 
ihnen,  da  beide  Zirkulationen  stets  zu  gleicher  Zeit  vor 
sich    gehen,    einen   bestimmten   Geldvorrat    der    einen 

Adam  Siuitb,  Volkswoblsttiud.  11.  O 


ßß  Zweites  Buch:  Dos  Kapital. 

oder  andern  Art  znm  Betrieb.  Der  Wert  der  zwischen 
den  verschiedenen  Verkäufern  umlaufenden  Güter  kann 
niemals  den  Wert  der  zwischen  den  Verkäufern  und 
den  Verbrauchern  umlaufenden  übersteigen,  weil  alles, 
was  von  den  Verkäufern  gekauft  wird,  zum  schließlichen 
Absatz  an  die  Verbraucher  bestimmt  ist.  Da  der 
Umlauf  zwischen  den  Verkäufern  im  großen  betrieben 
wird,  so  ist  für  jeden  einzelnen  Umsatz  gewöhnlich  eine 
sehr  bedeutende  Summe  nötig,  wogegen  die  im  allge- 
meinen kleinen  Umsätze  zwischen  den  Verkäufern  und 
Käufern  oft  nur  sehr  geringe  Beträge  erfordern:  ein 
Schilling  oder  manchmal  sogar  ein  halber  Penny  reicht 
dazu  hin.  Kleine  Beträge  laufen  aber  weit  schneller 
um,  als  große.  Ein  Schilling  wechselt  die  Besitzer  viel 
öfter  als  eine  Guinee,  und  ein  halber  Penny  noch 
viel  öfter  als  ein  Schilling.  Obgleich  daher  die  jähr- 
lichen Käufe  aller  Verbraucher  dem  Werte  nach  denen 
aller  Verkäufer  mindestens  gleich  sind,  so  können  sie 
doch  gewöhnlich  mit  einer  weit  geringeren  Menge  Geldes 
gemacht  werden,  weil  dieselben  Stücke  bei  den  einen 
wegen  des  schnelleren  Umlaufs  mehr  Käufe  vermitteln 
als    bei   den    anderen. 

Papiergeld  kann  nun  so  eingerichtet  werden,  daß 
es  sich  entweder  ziemlich  ausschließend  auf  den  Um- 
lauf unter  den  Verkäufern  beschränkt,  oder  sich  auch 
auf  einen  großen  Teil  des  Umlaufs  unter  den  Verkäufern 
und  Verbrauchern  ausdehnt.  Wo  keine  Banknoten 
unter  £  10  in  Umlauf  sind,  wie  in  London,  da  be- 
schränkt sich  das  Papiergeld  von  selbst  ziemlich  aus- 
schließend auf  den  Umlauf  zwischen  den  Verkäufern. 
Wenn  eine  Zehnpfundnote  in  die  Hände  eines  Ver- 
brauchers kommt,  so  ist  er  gewöhnlich  genötigt,  sie  im 
ersten  besten  Laden,  wo  er  für  fünf  Schilling  etwas 
kauft,  zu  wechseln,  so  daß  sie  oft  schon  in  die  Hände 
eines  Verkäufers  zurückkehrt,  ehe  der  Verbraucher  den 
vierzigsten  Teil  des  Geldes  verausgabt  hat.    Wo  dagegen 


Kap.  IL:  Das  Geld.  67 

Banknoten  in  so  kleinen  Summen,  wie  zwanzig  Schil- 
ling, ausgegeben  werden,  wie  in  Schottland,  da  erstreckt 
sich  das  Papiei'geld  auf  einen  ansehnlichen  Teil  des 
Umlaufs  zwischen  den  Verkäufern  und  Verbrauchern. 
Vor  der  Parlamentsakte,  die  dem  Umlauf  der  Zehn-  und 
Fünf  schillin  o;noten  Einhalt  tat,  füllte  es  einen  noch 
größeren  Teil  jenes  Umlaufs  aus.  In  Nordamerika 
wurde  Papiergeld  gewöhnlich  in  so  kleinen  Beträgen 
wie  ein  Schilling  ausgegeben  und  füllte  fast  den  ganzen 
Umlauf  aus.  In  Yorkshire  wurden  sogar  Sixpences  in 
Papier  ausgegeben. 

"Wo  die  Ausgabe  von  Banknoten  in  so  kleinen 
Beträgen  erlaubt  und  üblich  ist,  werden  viele  Leute 
von  geringem  Vermögen  in  den  Stand  gesetzt  und 
ermutigt,  Bankiers  zu  werden.  Jemand,  dessen  Fünf- 
pfund-, ja  dessen  Zwanzigschilling-Noten  von  jeder- 
mann zurückgewiesen  werden  würden,  wird  seine  auf 
einen  so  geringen  Betrag  wie  ein  Sixpence  ausgestellten 
Noten  unbedenklich  angenommen  sehen.  Doch  können 
die  bei  so  bettelhaften  Bankiers  häufig  vorkommenden 
Bankerotte  sehr  bedeutenden  Schaden  anrichten  und 
manchmal  großes  Unglück  über  viele  arme  Leute  brin- 
gen, die  deren  Zettel  in  Zahlung  angenommen  haben. 

Es  wäre  vieleicht  besser,  wenn  nirgends  im  Rei- 
che Banknoten  unter  fünf  Pfund  Sterling  ausgegeben 
würden.  Dann  würde  sich  das  Papiergeld  wahrschein- 
lich überall  auf  den  Umlauf  unter  den  Verkäufern  be- 
schränken, wie  es  gegenwärtig  in  London  der  Fall 
ist,  wo  keine  Banknoten  unter  zehn  Pfund  ausgegeben 
werden.  In  den  meisten  Teilen  des  Reichs  sind  fünf 
Pfund  eine  Summe,  die,  wenn  auch  nicht  viel  mehr 
als  die  Hälfte  der  Waren  dafür  zu  haben  ist,  als  in 
London  für  zehn,  in  der  Provinz  doch  für  ebenso  groß 
gilt  und  ebenso  selten  auf  einmal  ausgegeben  wird, 
als  zehn  Pfund  im  reichen  London. 


68  Zweites  Buoli:  Das  Kapital. 

Wo  Papiergeld  meist  auf  den  Umlauf  zwischen  den 
Verkäufern  beschränkt  ist,  wie  in  London,  da  ist  stets 
Gold  und  Silber  reichlich  vorhanden.  "Wo  es  sich 
hingegen  auf  einen  großen  Teil  des  Umlaufs  zwischen 
Verkäufern  und  Konsumenten  erstrekt,  w'ie  in  Schott- 
land und  noch  mehr  in  Nordamerika,  da  vertreibt  es 
das  Gold  und  Silber  fast  ganz  aus  dem  Lande,  indem 
beinahe  alle  gewöhnlichen  Geschäfte  des  inneren  Ver- 
kehrs mit  Papier  betrieben  werden.  Die  Unterdrückung 
der  Zehn-  und  Fünfschillingnoten  half  dem  Mangel  an 
Gold  und  Silber  in  Schottland  etwas  ab,  und  die  Unter- 
drückung der  Zwanzigschillingnoten  würde  ihm  wahr- 
scheinlich noch  mehr  abhelfen.  In  Amerika  sollen,  seit 
einige  der  papiernen  Umlaufsmittel  unterdrückt  worden 
sind,  die  edlen  Metalle  in  größerer  Menge  vorhanden 
sein,  wie  dies  ebenso  vor  der  Einführung  dieser  Umlaufs- 
mittel der  Fall  gewesen  sein  soll. 

Wenn  aber  auch  das  Papiergeld  fast  ganz  auf  den 
Umlauf  zwischen  den  Verkäufern  beschränkt  ist,  können 
doch  Banken  und  Bankiers  der  Industrie  und  dem 
Handel  des  Landes  denselben  Beistand  gewähren,  als 
wenn  das  Papiergeld  fast  den  ganzen  Umlauf  ausfüllt. 
Das  bare  Geld,  das  ein  Verkäufer  in  seiner  Kasse  haben 
muß,  um  gelegentliche  Forderungen  befriedigen  zu 
können,  ist  lediglich  für  den  Umlauf  zwischen  ihm  und 
anderen  Verkäufern,  von  denen  er  Waren  kauft,  be- 
stimmt. Er  hat  nicht  nötig,  Geld  für  den  Umlauf 
zwischen  ihm  und  den  Verbrauchern  in  seiner  Kasse 
zu  halten,  da  diese  seine  Kunden  sind  und  ihm  bares 
Geld  bringen,  nicht  aber  von  ihm  wegholen.  Wenn 
daher  Papiergeld  nur  in  solchen  Beträgen  ausgegeben 
werden  dürfte,  daß  es  fast  ganz  auf  den  Umlauf  zwischen 
den  Verkäufern  beschränkt  wäre,  so  würden  die  Banken 
und  Bankiers  doch  immer  noch  teils  durch  Diskontierung 
reeller  Wechsel,  teils  durch  Darlehen  auf  Kassenkonten 


Kap.  II. :  Das  Geld.  69 

die  Mehrzahl  jener  Verkäufer  der  Notwendigkeit  ent- 
heben können,  einen  beträchtlichen  Teil  ihres  Kapitals 
unbeschäftigt  und  bar  in  der  Kasse  zu  halten,  um  ge- 
legentliche Forderungen  befriedigen  zu  können.  Sie 
könnten  immer  noch  den  größten  Beistand  gewähren, 
den  überhaupt  Banken  und  Bankiers  Geschäftsleuten 
füglich  leisten  können. 

Privatleute  daran  zu  hindern,  die  Noten  eines  Ban- 
kiers, ob  auf  einen  großen  oder  kleinen  Betrag  aus- 
gestellt, in  Zahlung  zu  nehmen,  wenn  sie  dazu  bereit 
sind,  oder  einem  Bankier  die  Ausgabe  solcher  Noten 
zu  verbieten,  obgleich  die  Leute  zu  ihrer  Annahme  be- 
reit sind,  sei  —  könnte  man  sagen  —  eine  offenbare 
Verletzung  der  natürlichen  Freiheit,  die  das  Gesetz 
nicht  schwächen,  sondern  aufrecht  halten  soll,  und  in 
gewisser  Beziehung  können  solche  Maßregeln  in  der 
Tat  als  Verletzungen  der  natürlichen  Freiheit  betrach- 
tet werden;  allein  Handlungen  der  natürlichen  Freiheit 
weniger  einzelnen,  die  die  Sicherheit  der  ganzen  Ge- 
sellschaft gefährden,  werden  durch  die  Gesetze  aller 
Staaten  eingeschränkt  und  müssen  eingeschränkt  wer- 
den, in  den  freiesten  nicht  weniger  als  in  den  des- 
potischsten Staaten.  Die  Nötigung,  Brandmauern  zu 
errichten,  damit  das  Weitergreifen  des  Feuers  ver- 
hindert werde,  ist  eine  ganz  ähnliche  Verletzung  der 
natürlichen  Freiheit,  wie  die  hier  empfohlene  Regelung 
des  Bankwesens. 

Ein  Papiergeld,  das  in  Banknoten  besteht,  von 
Leuten  zweifellosen  Kredits  ausgegeben  wird,  auf  Vor- 
langen unbedingt  eingelöst  werden  muß  und  tatsäch- 
lich stets  gegen  Metall  eingelöst  wird,  wenn  es  zur 
Präsentation  kommt,  ist  in  jeder  Rücksicht  dem  Go]d- 
und  Silbergeld  an  Wert  gleich,  weil  zu  jeder  Zeit  Gold- 
und  Silbergeld  dafür  zu  haben  ist.  Man  muß  für 
solches  Papier  ebenso  wohlfeil  kaufen  oder  verkaufen 
als  für  Gold  und  Silber. 


70  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

Man  hat  behauptet,  das  Papiergeld  erhöhe  durch 
Vermehrung  der  Menge  und  der  infolge  davon  ein- 
tretenden Wertverminderung  des  Gesamtumlaufs  not- 
wendig den  Geldpreis  der  Waren.  Da  jedoch  das  hin- 
zutretende Papier  stets  eine  ebenso  große  Menge  Gold 
und  Silber  dem  Umlauf  entzieht,  so  vergrößert  das 
Papiergeld  nicht  notwendig  die  Menge  des  Gesamtum- 
laufs. Seit  dem  Anfang  des  letzten  Jahrhunderts  bis 
auf  die  gegenwärtige  Zeit  waren  in  Schottland  die 
Lebensmittel  niemals  wohlfeiler,  als  im  Jahre  1759, 
obgleich  es  damals  infolge  des  Umlaufs  der  Zehn-  und 
Fünf  Schillingnoten  mehr  Papiergeld  im  Lande  gab  als 
jetzt.  Das  Verhältnis  zwischen  dem  Preise  der  Lebens- 
mittel in  Schottland  und  England  ist  jetzt  dasselbe, 
wie  vor  der  starken  Vermehrung  der  schottischen  Ban- 
ken. Das  Getreide  ist  in  England  meist  ebenso  wohl- 
feil als  in  Frankreich,  obgleich  im  ersteren  Lande  eine 
große  Menge  Papiergeld  umläuft,  und  in  letzterem  fast 
gar  keins.  1751  und  1752,  als  Hume  seine  „Politischen 
i\.bhandlungen"  veröffentlichte,  und  bald  nach  der 
starken  Vermehrung  des  Papiergeldes  in  Schottland, 
trat  allerdings  eine  sehr  empfindliche  Steigerung  der 
Lebensmittelpreise  ein,  woran  indes  wahrscheinlich 
nicht  die  Vermehrung  des  Papiergeldes,  sondern  die 
schlechte  Ernte  schuld  war. 

Anders  freilich  verhält  es  sich  mit  Noten,  deren 
sofortige  Einlösung  entweder  von  dem  guten  Willen 
der  Emissionshäuser,  oder  von  einer  Bedingung  ab- 
hängt, die  ihr  Inhaber  nicht  immer  zu  erfüllen  imstande 
ist,  oder  deren  Zahlung  nur  nach  einer  bestimmten 
Eeihe  von  Jahren  gefordert  werden  könnte,  und  die 
in  der  Zwischenzeit  keine  Zinsen  tragen.  Ein  solches 
Papiergeld  würde  ohne  Zweifel  mehr  oder  weniger 
unter  den  Wert  des  Goldes  und  Silbers  sinken,  je  nach- 
dem die  Schwierigkeit  und  Unsicheiiieit  einer  sofortigen 


Kap.  IL:  Das  Geld.  71 

Einlösung  für  größer  oder  geringer  gälte,  oder  je 
nachdem  der  Zeitpunkt  der  Zahlbarkeit  näher  oder 
ferner  läge. 

Yor  mehreren  Jahren  beliebten  die  schottischen 
Banken  in  ihre  Noten  eine  sogenannte  Optionsklausel 
zu  setzen,  durch  welche  sie  dem  Inhaber  je  nach  Wahl 
der  Direktoren  die  Zahlung  entweder  sogleich  bei 
Vorzeigung,  oder  erst  sechs  Monate  nachher  mit  Zins- 
vergütung für  diese  sechs  Monate  versprachen.  Die 
Direktoren  einiger  Banken  machten  bald  von  dieser 
Klausel  Gebrauch,  bald  drohten  sie,  wenn  gerade  für 
eine  große  Zahl  ihrer  Noten  Gold  und  Silber  verlangt 
wurde,  sie  würden  davon  Gebrauch  machen,  falls  man 
sich  nicht  mit  einem  Teil  des  Verlangten  begnüge. 
Die  Noten  dieser  Banken  machten  damals  den  größten 
Teil  der  Zahlungsmittel  in  Schottland  aus,  und  die 
Unsicherheit  der  Zahlung  verringerte  natürlich  ihren 
Wert  gegen  Gold-  und  Silbergeld.  Während  der  Dauer 
dieses  Mißbrauchs,  der  hauptsächlich  1762,  1763  und 
1764  überhand  nahm,  war  der  Wechselkurs  zwischen 
London  und  Dumfries  bisweilen  vier  Prozent  gegen 
Dumfries,  obgleich  diese  Stadt  keine  dreißig  Meilen  von 
Carlisle  entfernt  liegt,  wo  der  Wechselkurs  auf  London 
al  pari  stand.  In  Carlisle  wurden  nämlich  die  AVechsel 
in  Gold  und  Silber  bezahlt,  in  Dumfries  dagegen  in 
schottischen  Banknoten,  die  wegen  der  unsicheren  Ein- 
lösbarkeit  gegen  Gold  und  Silber  um  vier  Prozent 
niedriger  standen,  als  das  Bargeld.  Die  nämliche  Par- 
lamentsakte, durch  w  eiche  die  Zehn-  und  Fünfschilling- 
noten abgeschafft  wurden,  beseitigte  auch  jene  Klause], 
und  brachte  dadurch  den  Kurs  zwischen  England  und 
Schottland  auf  seinen  natürlichen  Satz,  d.  h.  auf  den- 
jenigen, den  der  Gang  des  Handels  und  die  Rimessen 
herbeiführen. 

Beim    Papiergeld    von    Yorkshire    hing    die    Bar- 


72  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

Zahlung  so  kleiner  Beträge,  wie  ein  Sixpence,  mit- 
unter von  der  Bedingung  ab,  daß  der  Inhaber  für  den 
ganzen  Betrag  einer  Guinee  Noten  zum  Umwechseln  an 
das  Emissionshaus  bringen  müsse  —  eine  Bedingung, 
die  die  Inhaber  der  kleinen  Noten  oft  unmöglich  er- 
füllen konnten  und  die  deshalb  das  Papier  entwerten 
mußte.  Eine  Parlamentsakte  erklärte  daher  alle  solche 
Klauseln  für  ungesetzlich  und  schaffte  ebenso,  wie  in 
Schottland,  alle  Banknoten  unter  20  sh.  ab. 

Das  nordamerikanische  Papiergeld  bestand  nicht 
in  Banknoten,  die  auf  Verlangen  an  den  Inhaber  zahlbar 
waren,  sondern  in  einem  Staatspapier,  dessen  Zahlung 
erst  einige  Jahre  nach  der  Ausgabe  gefordert  werden 
konnte;  und  obgleich  die  Kolonialregierungen  den  In- 
habern dieser  Papiere  keine  Zinsen  zahlten,  erklärten 
sie  es  gleichwohl  zum  gesetzlichen  Zahlungsmittel  für 
den  vollen  Wert  seiner  Bezeichnung  und  machten  es 
auch  wirklich  dazu.  Wenn  man  aber  auch  die  Papiere 
der  Kolonien  für  vollkommen  gut  hält,  so  sind  doch 
z.  B.  £  100,  die  erst  in  15  Jahren  zahlbar  werden,  in 
einem  Lande,  wo  6*^.o  Zinsen  üblich  sind,  kaum  mehr 
als  £  40  baren  Geldes  wert.  Einen  Gläubiger  zu 
zwingen,  ein  solches  Papier  für  eine  bare  Schuld  von 
£  100  anzunehmen,  war  daher  eine  so  große  Ungerech- 
tigkeit, wie  sie  wohl  kaum  je  von  der  Regierung  eines 
anderen  sich  frei  nennenden  Landes  begangen  worden 
ist.  Das  Verfahren  trägt  den  Stempel  eines  Plans  be- 
trügerischer Schuldner,  ihre  Gläubiger  zu  prellen,  an 
sich  und  war  es  auch  nach  der  Versicherung  des  ehr- 
lichen und  biederen  Dr.  Douglas.  Die  Regierung  von 
Pennsylvanien  glaubte  zwar  bei  ihrer  ersten  Papiergeld- 
ausgabe 1722  ihr  Papier  durch  Strafandrohungen  gegen 
alle  die,  die  im  Preise  ihrer  Waren  je  nach  Zahlung  in 
Kolonialpapier  oder  in  Gold  und  Silber  einen  Unterschied 
machten,  auf  gleichen  Fuß  mit  den  edlen  Metallen  setzen 


Kap.  Tl.:  Das  Geld.  73 

ZU  können,  allein  diese  Maßnahme  war  ebenso  tyrannisch 
und  noch  weniger  wirksam  als  diejenige,  zu  deren 
Unterstützung  sie  getroffen  wurde.  Ein  positives  Ge- 
setz kann  wohl  einen  Schilhng  zu  einem  gesetzlichen 
Zahlungsmittel  für.  eine  Guinee  machen,  weil  es  die 
Gerichtshöfe  anweisen  kann,  den  Schuldner,  der  so  be- 
zahlt, zu  entlasten;  aber  kein  positives  Gesetz  kann 
einen  Mann,  der  Waren  verkauft  und  dem  es  freisteht, 
sie  zu  verkaufen  oder  nicht,  dazu  zwingen,  als  Bezah- 
lung einen  Schilling  für  eine  Guinee  zu  nehmen.  Trotz 
aller  Maßregeln  dieser  Art  ergab  sich  aus  dem  Wechsel- 
kurs mit  Großbritannien,  daß  £  100  in  einigen  Kolonien 
unter  Umständen  £  130,  in  anderen  gar  £  1100  galten; 
ein  Unterschied  im  Wert,  der  sich  nach  dem  Unter- 
schiede der  in  den  verschiedenen  Kolonien  ausgegebenen 
Menge  Papiergeldes,  sowie  nach  der  größeren  oder 
geringeren  Wahrscheinlichkeit  und  den  Fristen  der 
endlichen  Einlösung  und  Wiederbezahlung  richtete. 

Kein  Gesetz  konnte  mithin  gerechter  sein,  als  die 
in  den  Kolonien  mit  so  großem  Unrecht  gescholtene 
Parlamentsakte,  nach  welcher  künftig  kein  Papiergeld 
gesetzliches  Zahlungsmittel  sein  solle. 

Pennsylvanien  war  in  seiner  Papiergeldausgabe 
stets  maßvoller  als  alle  anderen  unserer  Kolonien.  Sein 
Papiergeld  soll  daher  niemals  unter  den  Wert  des 
Goldes  und  Silbers  gesunken  sein,  das  in  der  Kolonie 
vor  der  Ausgabe  des  Papiergeldes  in  Umlauf  gewesen 
war.  Yor  dieser  Emission  hatte  die  Kolonie  schon  den 
Nennwert  ihrer  Münzen  erhöht,  und  durch  eine  Akte 
ihrer  Volksvertretung  verordnet,  daß  5  sh.  sterl.  in  der 
Kolonie  für  6  sh.  3  d.,  und  später  für  6  sh.  8  d.  ge- 
nommen werden  sollten.  Mithin  stand  1  £  Kolonialgeld 
selbst  zu  der  Zeit,  als  der  Umlauf  in  Gold  und  Silber 
bestand,  mehr  als  30  "/o  unter  dem  Werte  eines  £  Ster- 
ling,   und  es  fiel  auch  selten  über  30°-o  unter  diesen 


74  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

Wert,  als  der  Umlauf  in  Papier  bestand.  Der  Yorwand 
für  diese  Erhöhung  des  Nennwertes  war  die  Verhütung 
der  Ausfuhr  von  Grold  und  Silber,  die  man  dadurch 
zu  erreichen  glaubte,  daß  man  gleiche  Metallmengen 
in  der  Kolonie  größere  Summen  darstellen  ließ,  als 
im  Mutterlande.  Man  fand  aber  bald,  daß  der  Preis 
aller  Waren  aus  dem  Mutterlande  genau  im  Verhältnis 
der  Erhöhung  des  Nennwerts  stieg,  sodaß  ihr  Gold  und 
Silber   ebenso    schnell    ausgeführt  wurde,   wie  früher. 

Da  das  Papiergeld  der  Kolonien  bei  Bezahlung  der 
Provinzialsteuern  für  den  vollen  Wert  genommen  wurde, 
zu  dem  es  ausgegeben  war,  so  erhielt  es  durch  diesen 
Gebrauch  notwendig  einen  höheren  Wert,  als  es  bei 
der  wirklichen  und  vorausgesetzten  Entferntheit  des 
Einlösungstermins  gehabt  haben  würde.  Dieser  zu- 
sätzliche Wert  war  größer  oder  geringer,  je  nachdem 
die  Menge  des  ausgegebenen  Papiers  die  Summe,  die 
bei  Zahlung  der  Steuern  einer  jeden  Kolonie  zu  ver- 
wenden war,  mehr  oder  weniger  überstieg;  und  sie 
überstieg  diese  Summe  in  allen  Kolonien  sehr  bedeutend. 

Wenn  ein  Fürst  verordnete,  daß  ein  gewisser  Teil 
der  Steuern  in  einer  bestimmten  Art  Papiergeldes  ent- 
richtet werden  solle,  so  könnte  er  dadurch  diesem  Gelde 
einen  bestimmten  Wert  geben,  selbst  wenn  der  Wieder- 
bezahlungstermin  ganz  vom  Willen  des  Fürsten  abhinge; 
und  wenn  die  Papier  ausgebende  Bank  seine  Menge 
stets  etwas  unter  dem  zu  diesem  Zweck  erforderlichen 
Betrag  hielte,  so  könnte  die  Nachfrage  danach  so  groß 
werden,  daß  es  sogar  ein  Agio  erhielte,  d.  h.  etwas 
teurer  bezahlt  würde,  als  das  Gold-  und  Silbergeld,  für 
das  es  ausgegeben  wurde.  Auf  diese  Weise  erklären 
manche  das  Agio  der  Bank  zu  Amsterdam,  d.  h.  den 
Umstand,  daß  das  Bankogeld  einen  höheren  Wert  hat 
als  Kurant,  obgleich  ersteres  nicht  nach  Belieben  des 
Eigentümers   aus   der  Bank   genommen  werden   kann. 


Tvap.  IL:  Das  Geld.  75 

Die  meisten  ausländischen  Wechsel,  sagen  sie,  müssen 
in  Bankogeld,  d.  h.  durch  Übertragung  in  den  Büchern 
der  Bank  gezahlt  werden,  und  die  Direktoren  der  Bank 
halten,  so  wird  behauptet,  die  Menge  des  Bankogeldes 
stets  unter  der  Summe,  die  zu  jenem  Zwecke  erforder- 
lich ist.  Dies,  sagt  man,  sei  der  Grund,  weshalb  das 
Bankogeld  ein  Agio  von  vier  oder  fünf  Prozent  gegen 
Kurant  trage.  Diese  Sache  ist  jedoch,  wie  sich  später 
zeigen  wird,  fast  gänzlich  grundlos. 

Ein  Papiergeld,  das  unter  den  Wert  des  Gold- 
und  Silbergeldes  sinkt,  vermindert  dadurch  nicht  den 
Wert  dieser  Metalle,  oder  verursacht  nicht,  daß  mit 
gleichen  Mengen  jener  Metalle  kleinere  Warenmengen 
gekauft  werden  können.  Das  Verhältnis  zwischen  dem 
Wert  von  Gold  und  Silber  und  dem  der  Waren  aller 
Art  hängt  niemals  von  der  Beschaffenheit  oder  Menge 
des  in  einem  Lande  umlaufenden  Papiergeldes  ab, 
sondern  von  dem  Reichtum  oder  der  Armut  der  Berg- 
werke, die  zur  Zeit  den  großen  Markt  der  Handelswelt 
mit  diesen  Metallen  versorgen;  es  hängt  von  dem  Ver- 
hältnis zwischen  der  Arbeitsmenge  ab,  die  erforderlich 
ist,  um  eine  bestimmte  Menge  Gold  und  Silber,  und  der 
Arbeitsmenge,  die  erforderlich  ist,  um  eine  bestimmte 
Menge  aller  anderen  Waren  auf  den  Markt  zu  bringen. 

Wenn  die  Bankiers  verhindert  werden,  umlaufende, 
d.  h.  an"  den  Inhaber  zahlbare  Noten  unter  einem  ge- 
wissen Wertbetrag  auszugeben,  und  wenn  man  ihnen 
die  Verpflichtung  auferlegt,  ihre  Banknoten  sofort  und 
unbedingt  bei  Vorzeigung  zu  bezahlen,  so  kann  ihr 
Geschäft  in  allen  anderen  Beziehungen  ohne  Schaden 
füi"  das  Publikum  vollkommen  frei  gegeben  werden. 
Die  jüngste  Vermehrung  der  Bankgesellschaften  in 
beiden  Teilen  des  vereinigten  Königreichs,  die  viele 
so  stark  beunruhigt,  vermehrt  die  Sicherheit  des 
Publikums,    statt    sie  zu   vermindern.     Sie  zwingt  alle 


76  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

Gesellschaften,  umsichtiger  zu  sein,  ihr  Papiergeld 
nicht  über  das  richtige  Verhältnis  zu  ihrer  Kasse  aus- 
zudehnen, und  sich  vor  jenen  tückischen  Stürmen  auf 
die  Bank  in  Acht  zu  nehmen,  die  ihnen  die  Neben- 
buhlerschaft so  vieler  Mitbewerber  stets  zuzuziehen 
bereit  ist.  Sie  schränkt  ferner  den  Umlauf  jeder 
einzelnen  Gesellschaft  auf  einen  engeren  Kreis  ein, 
und  führt  ihre  Noten  auf  eine  kleinere  Anzahl  zurück. 
Durch  die  Verteilung  des  Gesamtpapierumlaufs  über 
eine  größere  Zahl  von  Beteiligten  wird  das  Falliment 
einer  einzelnen  Gesellschaft,  —  ein  Ereignis,  das  immer- 
hin einmal  eintreten  kann,  —  dem  Publikum  weniger 
verderblich.  Auch  zwingt  dieser  freie  Wettbewerb 
alle  Bankiers  zu  einer  liberaleren  Behandlung  ihrer 
Kunden,  damit  sie  ihnen  nicht  von  den  Mitbewerbern 
abspenstig  gemacht  werden.  Wenn  im  Allgemeinen 
jeder  Geschäftszweig  oder  jede  Arbeitsteilung  für  das 
Publikum  von  Vorteil  ist,  so  wird  es  der  freiere  und 
allgemeinere  Wettbewerb  stets  noch  mehr  sein. 


Drittes    Kapitel. 

Kapitalanhäufung  oder  produktive 
und  unproduktive  Arbeit. 

Es  gibt  eine  Art  von  Arbeit,  die  dem  Werte  des 
Gegenstandes,  auf  den  sie  verwendet  wird,  etwas  hin- 
zufügt, und  eine  andere,  die  diese  Wirkung  nicht  hat. 
Die  erstere  kann,  da  sie  einen  Wert  hervorbringt  und 
produziert,  produktive,  die  letztere  unproduktive '••)  Ar- 
beit genannt  werden.  So  fügt  die  Arbeit  eines  Hand- 
werkers dem  Werte  der  von  ihm  bearbeiteten  Materialien 
in  der  Regel  noch  den  Wert  seines  eignen  Unterhalts 
und  des  Meistergewinnes  hinzu.  Die  Arbeit  eines 
Dienstboten  hingegen  fügt  dem  Werte  keiner  Sache 
etwas  hinzu.  Obgleich  der  Handwerksgesell  seinen 
Arbeitslohn  vom  Meister  vorgeschossen  erhält,  so  ver- 
ursacht er  ihm  tatsächlich  doch  keine  Kosten,  da  der 
Betrag  dieses  Lohnes  samt  einem  Grewinne  gewöhnlich 
in  dem  erhöhtem  Werte  des  verfertigten  Gegenstandes 
zurückerstattet  wird,  während  der  Unterhalt  eines 
Dienstboten  sich  niemals  wieder  ersetzt.  Durch  Be- 
schäftigung einer  Menge  von  Gesellen  wird  man  reich ; 
durch  das  Halten  einer  Menge  von  Dienstboten  wird 
man  arm.  Gleichwohl  hat  die  Arbeit  der  letzteren 
ihren  Wert,  und  verdient  ebenso  gut  wie  die  der  erste- 


*)  Einige  sehr  gelehrte  und  geistvolle  französische  .Scliril't- 
steller  haben  diese  Worte  in  einem  andern  Sinne  gebraucht. 
Im  letzten  Kapitel  des  vierten  Buches  werde  ich  zu  zeigen 
suchen,  daß  der  von  ihnen  diesen  Worten  beigelegte  Sinn  ein 
unrichtig'er  ist. 


78  Zweites  Buch:  Das  Kapital. 

ren   ihren  Lohn;   allein   die  Arbeit   des   Gesellen  wird 
in  einem  bestimmten  Gegenstande  oder  einer  verkäuf- 
lichen Ware  festgelegt  und  verwirklicht,  die  die  Voll- 
endung der  Arbeit  wenigstens  noch  eine  Zeitlang  über- 
dauert.    Die  Ware   ist  gleichsam  eine  gewisse  Menge 
Arbeit,  die  augesammelt  und  aufbewahrt  wurde,  um  im 
Bedarfsfalle  später  benutzt  zu  werden.    Dieser  Gegen- 
stand, oder,  was  dasselbe  ist,  der  Preis  dieses  Gegen- 
standes, kann  später,  im  Bedarfsfalle,  eine  ebenso  große 
Arbeitsmenge  in  Bewegung  setzen,  als  die,  durch  die 
er  ursprünglich  erzeugt  wurde.  Dagegen  wird  die  Arbeit 
des  Dienstboten  durchaus  in  keinem  bestimmten  Gegen- 
stande,  in   keiner  verkäuflichen  Ware  festgelegt  oder 
verwirklicht.       Seine    Dienste    gehen    gewöhnlich    im 
Augenblick  ihrer  Leistung  verloren,  und  lassen  selten 
eine  Spur  oder  einen  Wert  zurück,  wofür  eine  gleiche 
Menge  von  Diensten  später   beschafft  werden  könnte. 
Die   Arbeit   einiger    der    achtbarsten   Klassen   der 
Gesellschaft  bringt  gerade  so  wie  die  der  Dienstboten 
keinen   Wert  hervor,    und  fixiert   oder    realisiert   sich 
nicht  in  einem  dauernden  Gegenstande  oder  einer  ver- 
käuflichen Ware,  welche  die  Vollbringung  der  Arbeit 
überdauerte,  und  für  die  sich  später  eine  gleiche  Arbeits- 
menge beschaffen  ließe.     So   sind   z.  B.  der  Monarch 
und  alle  seine  Civil-  und  Militärbeamten  mit  der  ganzen 
Armee   und   Flotte,   unproduktive  Arbeiter.      Sie   sind 
die  Diener  des  Volkes,  und  empfangen  ihren  Unterhalt 
durch  einen  Teil  vom  Jahresprodukt  des  Fleißes  anderer 
Leute.  So  ehrenvoll,  nützlich  und  notwendig  ihr  Dienst 
auch  ist,    so   erzeugt  er   doch  nichts,   wofür   sich  eine 
gleiche  Menge   von  Diensten   später   beschaffen   ließe. 
Der  Schutz   der  Sicherheit   und   die  Verteidigung  des 
Staates,  die  Frucht  ihrer  diesjährigen  Arbeit,   können 
den  Schutz,  die  Sicherheit  und  die  Verteidigung  nicht 
für  das  nächste  Jahr  erkaufen.    In  die  nämliche  Klasse 


Kap.:  III.:  Kapitalanhäufiing  oder  prod.  u.  improd.  Arbeit.   79 

müssen  sowohl  einige  der  ernstesten  und  wichtigsten, 
als  auch  manche  der  unbedeutendsten  Berufe  eingereiht 
werden:  Geistliche,  Juristen,  Arzte,  Gelehrte  aller  Art; 
Schauspieler,  Musiker,  Opernsänger,  Tänzer  usw.  Die 
Arbeit  der  geringsten  unter  diesen  hat  einen  gewissen 
Wert,  der  sich  ganz  nach  denselben  Grundsätzen  regelt, 
die  den  Wert  aller  anderen  Arten  Arbeit  regeln;  und 
die  Arbeit  der  edelsten  und  nützlichsten  unter  ihnen 
bringt  nichts  hervor,  wofür  sich  später  eine  gleiche 
Menge  Arbeit  kaufen  oder  beschaffen  ließe.  Wie  die 
Deklamation  des  Schauspielers,  der.Vortrag  des  Redners 
oder  das  Tonstück  des  Musikers,  so  geht  die  Arbeit 
all'  dieser  Leute  im  nämlichen  Augenblicke  der  Pro- 
duktion verloren. 

Sowohl  produktive  und  unproduktive  Arbeiter  wie 
die,  die  überhaupt  nicht  arbeiten,  empfangen  insg